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Aus einer kleinen Garnison: Ein militärisches Zeitbild

Chapter 7: Fünftes Kapitel.
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About This Book

The narrative paints a lively, often ironic portrait of life in a small garrison town, following social rituals such as parlor concerts and household receptions. Detailed scenes of domestic evenings and regimental routine expose vanities, petty rivalries, and the performative politeness that structures community relations. Episodic character sketches and incidents illustrate tensions between duty, social aspiration, and personal indulgence. Satirical observation emphasizes manners, hierarchy, and the everyday absurdities of provincial military life, alternating descriptive passages with brisk, scene-based episodes.

Fünftes Kapitel.

In seiner eleganten Wohnung saß Oberleutnant Borgert am Schreibtisch.

Vor ihm lag ein mit Zahlen bedeckter Bogen, um ihn herum ganze Berge von Papieren, Zetteln und farbigen Kouverts.

Er ergriff ein Blatt nach dem anderen und notierte die darauf befindliche Zahl auf den vor ihm liegenden Bogen und er hatte schon die dritte Zahlenspalte begonnen, als er plötzlich innehielt und den Bleistift heftig auf die Tischplatte warf. Die Papiere packte er wie einen Haufen Unrat und steckte sie ins Feuer, wo sie sogleich in lodernden Flammen aufgingen und nach wenigen Augenblicken nur noch in ihrer kohlenden Asche knisterten.

Er hatte den löblichen Vorsatz gehabt, einmal alle Rechnungen, soweit er sie seiner sonstigen Gewohnheit entsprechend nicht einfach ungeöffnet in den Ofen gesteckt, zusammenzuzählen, um einen ungefähren Begriff von Höhe und Umfang seiner Schulden zu gewinnen.

Aber es war nicht möglich, sich durchzufinden durch die endlose Menge von Tret- und Mahnbriefen, Klageschriften, Zahlungsbefehlen und Rechnungen. Soviel aber war ihm klar geworden: an eine Deckung der Schulden war nicht zu denken, denn die Höhe überstieg seine Vermutungen ganz bedeutend. Nicht weniger als elftausend Mark hatte er schon zusammengerechnet und dazu kam noch dieser Berg Rechnungen, die er eben in die Flammen geworfen.

Am meisten drückten ihn die siebenhundert Mark, die er dem Rittmeister König noch schuldete, aber auch einige andere Posten drückten ihn schwer, denn es waren Ehrenschulden und die erste mit 2300 Mark in kaum sechs Wochen fällig. Wo sollte er die herbekommen, ohne zu stehlen? —

Er begann zu überlegen. Die Möbel waren schon verpfändet, ein Pferd sogar schon zweimal, und auf das andere, seinen früheren Charger, würde er kaum noch dreihundert Mark bekommen, und das war nicht mehr wie ein Tropfen auf einen heißen Stein. Unter den Kameraden war keiner mehr, bei dem ein Pumpversuch Aussicht auf Erfolg geboten hätte, höchstens König. Aber dem schon wieder mit einer solchen Bitte kommen? Das ging nicht gut, erst mußten wenigstens die 700 Mark zurückbezahlt sein. Der einzige Rettungsanker war ein Darlehnsgesuch bei einem Berliner Dunkelmann, aber der Kerl ließ nichts von sich hören, obgleich er nun schon drei Wochen im Besitze einer Bürgschaft des Oberleutnants Leimann und einer Lebensversicherungspolice über 20000 Mark war.

Vorläufig half es eben nichts. Er wollte die künftig drängenden Gläubiger zu beruhigen suchen und nur denen, wenn möglich, etwas abbezahlen, welche entweder klagbar oder beim Regiment vorstellig wurden. Vielleicht fand sich mit der Zeit noch eine gute Quelle, ein glückliches Spielchen, ein großes Los oder sogar eine reiche Braut.

Diese Hoffnung ließ ihn seine gute Laune wieder gewinnen, er zündete sich eine Zigarette an und pfiff ein Liedchen vor sich hin, während er auf den schweren Teppichen auf- und abschritt.

Ein Geräusch auf dem Korridor ließ ihn aufhorchen. Er vernahm ein Stimmengeflüster und einige Tritte auf dem Flurteppich, dann klopfte es leise an die Tür.

Das ist gewiß Frau Leimann, dachte er bei sich, denn sie pflegte die Theestunde häufig bei ihrem Galan zu verbringen, weil dann der Gatte zum Dämmerschoppen ging.

Auf sein »Herein« aber trat eine einfach gekleidete Frau mit einem Korb unter dem Arm über die Schwelle. Ihrem noch jugendlichen Gesicht hatten Kummer und Sorgen den Stempel frühzeitigen Alters aufgedrückt, und sie schaute mit fast ängstlichem Blick auf den Oberleutnant, der im Zimmer stehen geblieben war und die Eintretende mit unverhohlenem Mißfallen betrachtete.

»Was wollen Sie schon wieder, Frau Meyer?« polterte Borgert sie an, »ich habe Ihnen gesagt, daß ich Ihnen keine Wäsche mehr gebe!«

»Entschuldigen Herr Oberleutnant, ich wollte fragen, ob Sie mir vielleicht heute die vierzig Mark geben können oder wenigstens einen Teil. Ich muß Geld haben, mein Mann liegt seit drei Wochen krank und kann nicht schaffen gehen!«

»Mit Ihrer ewigen Drängerei!« entgegnete Borgert schroff. »Kommen Sie heute abend wieder, ich muß erst wechseln lassen, jetzt habe ich keine Zeit.«

»Aber halten Sie diesmal Wort, Herr Oberleutnant, Sie haben mir nun schon so oft das Geld versprochen.«

Damit öffnete sie leise die Tür und ging hinaus, Borgert aber riß die Fenster auf und ließ die frische Herbstluft hereinströmen, der Geruch der armen Leute war ihm unausstehlich. Die rochen immer nach Schweiß und Moder! Er nahm aus dem geschnitzten Wandschrank eine Parfümflasche und spritzte den Inhalt auf die persischen Teppiche und die Polster der Sessel. Dann klingelte er dem Burschen.

Der Gerufene trat sogleich herein. Es war der Gemeine Röse, welchen der Rittmeister in der Front nicht mehr haben wollte, da er unzuverlässig sei und mit seiner mangelhaften Pflichtauffassung der Disziplin in der Schwadron schade.

»Was habe ich dir befohlen, du Schwein?« brüllte der Oberleutnant ihn an.

»Ich soll niemand unangemeldet hereinlassen,« erwiderte Röse schüchtern, »aber die Frau ging an mir vorbei und ich konnte sie nicht hindern.«

»Dann schmeiß das Aas hinaus, du schlappes Vieh, läßt du noch einmal jemand herein, ohne mich vorher zu fragen, dann haue ich dich hinter die Löffel, du Schwein!«

Dabei schlug er Röse mit beiden Händen ins Gesicht, öffnete die Tür und stieß ihn hinaus.

»Wenn das Weib heute Abend wiederkommt, dann sagst du, ich wäre ausgegangen!« rief er ihm nach.

Borgert hatte sich gerade mit einer Zeitung am Fenster niedergelassen, als die Flurglocke wieder ertönte. Es war ein kurzes, energisches Klingeln. Der Bursche trat ein und meldete mit verweintem Gesicht:

»Ein Herr möchte Herrn Oberleutnant dringend sprechen!«

»Wie heißt er? Du sollst stets nach dem Namen fragen.«

Der Bursche ging hinaus und kam gleich wieder zurück.

»Er will mir seinen Namen nicht sagen, aber er müßte Herrn Oberleutnant unbedingt sprechen.«

»Ich lasse bitten!«

Einen Augenblick später trat ein Mann ein mit einer Ledertasche unter dem Arm und stellte sich vor: Gerichtsvollzieher Krause.

»Verzeihen Herr Oberleutnant, wenn ich störe, ich habe eine Zustellung für Sie. Bitte!«

Dabei entnahm er seiner Ledertasche ein dickes Kouvert und überreichte es Borgert, der aber die Fassung nicht verlor und freundlich entgegnete:

»Ah, ich weiß schon! Ist übrigens gerade gestern bezahlt worden, es handelt sich um eine kleine Summe, die ich meinem Schneider schulde!«

»Soviel ich weiß, Herr Oberleutnant, handelt es sich um eine Wechselklage der Firma Frölich u. Co., der eingeklagte Betrag beläuft sich auf viertausend Mark für gelieferte Möbel.«

»Ach, die Geschichte ist es! Das hätte der gute Mann sich sparen können, der Betrag ist vorgestern von meiner Bank abgeführt worden!«

»Dann umso besser,« scherzte der Gerichtsvollzieher. »Ich habe die Ehre!«

»Adieu, Herr Krause, ich würde sagen, auf Wiedersehen, wenn Ihr Besuch nicht immer ein zweifelhaftes Vergnügen bedeutete.«

Als der Mann hinaus war, riß Borgert das Kouvert auf und überflog den Inhalt des Schriftstückes.

Das war eine fatale Geschichte! Die Möbel waren noch nicht bezahlt, aber schon verpfändet, obwohl in dem Kaufkontrakt ausdrücklich die Bemerkung stand, daß sie dem Lieferanten bis zur völligen Bezahlung als Eigentum verbleiben sollten.

Viertausend Mark! Eine Menge Geld! Er mußte mit Leimann sprechen, vielleicht war da noch etwas zu machen.

Plötzlich fiel ihm ein, daß der Gerichtsvollzieher ja gar nicht zum Garten hinausgegangen sei. Er rief daher seinen Burschen und fragte:

»Wo ist der Mann hingegangen?«

»Nach oben, Herr Oberleutnant.«

»Zu Leimann's?«

»Zu Befehl, Herr Oberleutnant.«

Nanu, was hatte er denn da oben zu schaffen? Steckten die etwa auch wie er in der Tinte? Das wäre ja böse, denn Leimann war immer noch so eine Art Rückhalt gewesen, indem er für versprochene Zahlungen Bürgschaft leistete oder die Gläubiger mit beruhigen half.

Inzwischen überreichte Herr Krause der zu Tode erschrockenen Hausgenossin eine Klage der Firma Weinstein u. Co., der sie vierhundert Mark für eine gelieferte seidene Robe schuldete.

Sie geriet in helle Verzweiflung und raste wie besessen im Zimmer auf und ab. Was war da zu tun? Woher das Geld nehmen? Sie wollte Borgert um den Betrag bitten. Aber, was sollte der von ihr denken? Würde er nicht alle Achtung vor ihr verlieren?

Einen Augenblick stand sie unschlüssig im Zimmer und drückte beide Hände gegen das klopfende Herz. Dann schritt sie entschlossen zur Tür und eilte die Hintertreppe hinab.

Sie fand Borgert sinnend in einem Sessel sitzen, und er erhob sich nicht einmal, als sie eintrat, sondern winkte ihr nur mit der Hand einen Gruß entgegen. Sie trat auf ihn zu und küßte ihm zärtlich die Stirn, dann setzte sie sich auf seinen Schoß, während er den Arm um die schlanke Taille legte und ihr fragend ins Antlitz schaute.

»Was für sonderbare Besuche empfängst du denn neuerdings?«, fragte er nach einiger Zeit halb scherzend.

»Ich? Besuche?«, brachte Frau Leimann verwirrt hervor, »ich habe niemand empfangen, wirklich nicht, niemand.« Dabei irrte ihr Blick unstät im Zimmer umher.

»Du hast niemand empfangen? Ei, ei, du kleine Lügnerin!«

»Aber was fällt dir ein, Georg, wer soll denn bei mir gewesen sein?«

»Nun, ich dachte nur, ein gewisser Herr Krause.«

»Woher weißt du das?« fuhr sie erschrocken auf.

»Ich weiß alles, mein Kind, selbst daß der Gerichtsvollzieher eben bei dir war.«

Frau Leimann schlug beschämt die Augen nieder und zupfte verlegen an ihrer seidenen Schürze.

»Nun, wenn du es weißt, brauche ich es dir nicht erst zu sagen. Ja, er war bei mir.«

»Und was wollte er?«

»Verklagt haben sie mich, um lumpige vierhundert Mark!« stieß die Frau mit weinerlicher Stimme hervor. »Ich bin verloren, wenn mein Mann das erfährt!«

»Er muß es aber doch bezahlen, wenn er dir etwas gekauft hat.«

»Er weiß von nichts. Ich mußte das Kleid haben, das rotseidene ist es, weißt du? Ich habe damals gesagt, meine Mutter hätte es geschickt, denn er hätte es mir abgeschlagen, haben mußte ich es aber, und da habe ich es auf meine Rechnung entnommen!«

»Das ist recht dumm, meine Liebe! Wie willst du das Geld schaffen?«

»Ich weiß es nicht! Kannst du mir nicht helfen?«

»Ich will zu den Leuten hingehen und um Aufschub bitten.«

»Das hat keinen Zweck, Georg, ich muß bares Geld haben, wenigstens tausend Mark, denn ich habe noch mehr zu bezahlen, die Schneiderin, den Friseur &c. Verschaffe mir das Geld, Georg, zeige mir jetzt, daß du mich so lieb hast, wie du immer sagst!«

»Ich?« lachte Borgert höhnisch auf, »du lieber Gott, ich weiß selbst nicht, wo ein noch aus!«

»Wieso? Hast du auch Schulden?«

»Wenn du dich vielleicht einmal in das Papier da drüben auf dem Schreibtisch vertiefen willst? Solche Dinger bekomme ich jeden Tag.«

Frau Leimann trat an den Schreibtisch, faltete die Bogen auseinander, und schaute mit weit aufgerissenen Augen auf die Zahlen.

»Um Gottes Willen, Georg! Was soll daraus werden? Du warst mein einziger Verlaß, nun bin ich verloren!«

Sie sank schluchzend auf den Divan und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.

»Nur nicht gleich so ängstlich, du kleiner Furchthase, an den paar Hundert Mark stirbst du noch nicht!« tröstete sie Borgert, indem er ihr zärtlich über das blonde Haar strich, »ich will sehen, daß ich es machen kann, in einer Woche hast du tausend Mark.«

Statt einer Antwort schlang sie ihre Arme leidenschaftlich um Borgert's Hals und küßte ihm stürmisch Mund und Augen.

»Ich wußte es,« sagte sie dann, »daß du mich nicht im Stiche lassen würdest, du Lieber, du Guter!« Und sie zog den Oberleutnant neben sich auf den Divan hinab.

Er aber erhob sich, verriegelte die Tür und zog die Fenstergardinen zu. Es war traulicher so.

Als Leimann gegen acht Uhr vom Dämmerschoppen nach Hause kam, fand er alle Zimmer dunkel und leer.

Auf seine Frage, wo denn seine Gattin sei, antwortete das Dienstmädchen:

»Die gnädige Frau ist ausgegangen.«

»Wohin?«

»Ich weiß nicht, Herr Oberleutnant!«

So zündete er denn eine Lampe an und ging nach dem Briefkasten, um zu sehen, ob mit der Abendpost etwas gekommen sei. Er fand zwei Briefe vor, Rechnungen, zusammen über sechshundert Mark.

Er brummte etwas vor sich hin und schloß die beiden »Wische« in seinen Schreibtisch ein.

Da gewahrte er ein großes gelbes Kouvert. Er hielt es für einen Dienstbrief und griff danach, um es mechanisch zu öffnen. Aber es war bereits geöffnet und seine Neugierde wuchs, als er drei große Bogen herauszog.

Mit stieren Augen schaute er in die Schreibmaschinenschrift, dann ließ er sich am Tisch nieder und las das ganze Schriftstück von Anfang bis zu Ende durch.

Also seine Frau auch? Das war ja eine reizende Überraschung! Wenn es mit ihrer eigenen Kasse so im Argen lag, dann war wohl von der Schwiegermutter nichts mehr zu erwarten, und mit dieser hatte er immer noch gerechnet. Wütend schleuderte er die Klageschrift in die Ecke und ging sinnend im Zimmer auf und ab.

Seine Gattin mochte wohl den Schritt ihres Mannes durch die Decke hindurch vernommen haben, denn sie trat jetzt mit glühenden Wangen ein.

»Entschuldige, Max,« sagte sie außer Atem, »ich hatte noch nötig bei der Schneiderin zu tun, ich bin furchtbar gelaufen, ich sah dich vor mir hergehen, konnte dich aber nicht mehr einholen.«

»Was hast du wieder mit der Schneiderin zu tun?« herrschte Leimann sie an.

»Was soll ich anders da zu tun haben, als wozu sie da ist? Sie macht mir ein Reitkleid!«

»Bezahle gefälligst erst deinen alten Krempel, ehe du dir neues Flitterzeug machen läßt!« brüllte der Gatte.

»Was soll dieser Ton? Und wer sagt dir, daß ich meine Rechnungen nicht bezahle? Du denkst gewiß, es müßten andere gerade so in den Tag hineinleben, wie du.«

»Wenn du nicht willst, daß ich sehe, was dir der Herr Gerichtsvollzieher bringt, dann lege es mir nicht direkt unter die Nase!«

Frau Leimann begriff erst nicht recht, was er damit sagen wollte, da fiel ihr ein, sie hatte ja die Zustellung auf dem Schreibtisch ihres Gatten liegen lassen.

»Ich verbitte mir ganz entschieden,« fuhr sie empört auf, »daß du die Nase in meine Privatkorrespondenz hineinsteckst. Wenn der Brief offen auf dem Tisch lag, hattest du kein Recht, denselben zu lesen, ich mache deine Rechnungen auch nicht auf!«

»Mache was du willst, aber ich verbitte mir, daß du mir den Gerichtsvollzieher ins Haus schleppst.«

»Das ist nicht schlimm, mein Lieber, dann weiß er wenigstens den Weg, wenn er nächstens zu dir kommt!«

»Halt den Mund, du Unverschämte, sonst werfe ich dich vor die Tür!«

»Vielen Dank für dein freundliches Angebot, aber ich gehe bereits von selbst.«

Sie ging hinaus, betrat ihr Schlafzimmer und legte sich zu Bett. Müde war sie aber noch gar nicht. Sie griff daher nach einem auf dem Nachttisch liegenden Buch und begann zu lesen.

Gerade darunter lag Borgert auch in seinem Bett und las ebenfalls.

Aber seine Gedanken waren nicht recht bei der Sache, es ging ihm doch etwas im Kopf herum, daß es ihn jetzt von allen Seiten packte. Denn wenn da noch viel hinzu kam, würde der Oberst eines Tages die sofortige Bezahlung aller Schulden verlangen, und, wenn er das nicht leisten konnte, ihn auffordern, seinen Abschied einzureichen. Das aber war eine faule Sache, denn was nun anfangen ohne einen Pfennig Geld, mit wenig oder gar keinen Kenntnissen und vielen Ansprüchen? Es mußte energisch etwas getan werden, und er wollte den nächsten Tag, einen Sonntag, dazu benutzen, noch einmal alle Möglichkeiten einer größeren Anleihe durchzugehen.

Getröstet in der Hoffnung, daß sich doch noch irgend eine milde Hand auftun würde, schlief er ein, das Buch entfiel seinen Händen und die Lampe auf dem Nachttisch verlosch nach Mitternacht von selbst, da Borgert vergessen hatte, sie auszublasen.

Als er am nächsten Morgen erwachte, war es schon zehn Uhr vorbei.

Borgert wurde wütend. Der halbe Tag war nun wieder zum Teufel und er hatte sich doch so viel vorgenommen! Hatte dieser Esel von Bursche ihn nicht geweckt? Dabei schmerzte ihn der Kopf und er fühlte sich matt und zerschlagen. Notdürftig angekleidet ging er zum Burschenzimmer und fand Röse einen Brief schreibend. Er fuhr auf, als der Oberleutnant eintrat.

»Warum hast du mich nicht geweckt, du Vieh?« donnerte er den Erschrockenen an.

»Ich habe Herrn Oberleutnant um sieben Uhr geweckt, aber Herr Oberleutnant wollte noch schlafen und sagte, ich brauchte nicht mehr zu kommen!«

»Das lügst du, du Schwein, ich will dich lehren, zu tun, was ich dir sage.« Dabei ergriff Borgert ein auf dem Bett liegendes Säbelkoppel und schlug damit heftig auf Röse ein.

Röse stand in militärischer Haltung und ließ die Mißhandlung ruhig über sich ergehen, ohne mit der Wimper zu zucken. Das aber reizte Borgert noch mehr und so schlug er ihn noch einmal mit der Faust vor die Brust. Dann nahm er den angefangenen Brief vom Tisch, zerknitterte ihn und warf ihn in den Kohlenkasten.

»Geh hinaus zu Herrn Oberleutnant Leimann und sage, ich bäte ihn, in einer halben Stunde einmal bei mir vorzukommen.«

»Zu Befehl, Herr Oberleutnant.«

Borgert ging zurück nach seinem Schlafgemach, kleidete sich fertig an und betrat das Nebenzimmer.

Aber da stand ja schon der Kaffee! Ganz kalt schon! Also war Röse doch schon vorher im Zimmer gewesen? Nun, eine kleine Tracht Prügel schadete nichts, sie erhielt die Disziplin und den Respekt, wenn sie auch einmal zur unrechten Zeit kam. Denn sollte er Röse etwa jetzt um Verzeihung bitten? Das fehlte gerade noch.

Auf dem Schreibtisch lagen einige Briefe. Es waren drei Rechnungen und ein Brief seines Vaters.

Er öffnete ihn und las:

»Mein lieber Sohn!

Mit Bedauern habe ich aus deinem letzten Briefe ersehen, daß du wiederum größere Ausgaben hattest, die dich in Verlegenheit bringen, weil du nicht damit gerechnet hast. So gern ich dir das erbetene Geld schicken würde, ich kann es beim besten Willen nicht, denn du weißt, wie sehr ich selbst rechnen muß. Wenn dir mit 75 Mark etwas geholfen ist, so stehen sie dir zur Verfügung, wenngleich ich sie deiner Mutter zur Anschaffung eines Kleides versprochen hatte, welches sie schon lange nötig hat. Aber ich muß dir offen gestehen, daß es mir unverständlich ist, wie du mit den zweihundert Mark Zulage nicht auskommen kannst. Ich hatte in deinem Alter auch nicht mehr und habe jedes Jahr eine schöne Reise gemacht. Ich gebe dir den wohlgemeinten Rat, dich von deinen Kameraden etwas zurückzuziehen, damit deine Ausgaben geringer werden, beschäftige dich fleißig zu Hause und meide jede Gelegenheit, die dich zu Ausgaben verpflichtet, denen du nicht gewachsen bist. Wenn du offen erklärst, daß dir dieses und jenes zu kostspielig ist, so wird dich jedermann umso höher achten, wenn er sieht, daß du mit deinen Verhältnissen rechnest und nicht leichtsinnig in den Tag hinein lebst. Denn vornehm leben heißt in seinen Verhältnissen bleiben.

Schreibe mir bald, wie du die Angelegenheit geregelt hast und ob ich dir die angebotene Summe schicken soll. In der Hoffnung, daß dir keine Unannehmlichkeiten erwachsen, bin ich dein alter Vater.«

Als Borgert diese Zeilen gelesen, zerknitterte er das Papier und steckte es mit den ungeöffneten drei anderen Briefen in den Ofen. Dann ließ er sich mit einem Seufzer in einen Sessel nieder und blickte sinnend vor sich hin.

Da trat der Bursche ein und meldete Leimann.

Borgert ging dem Freunde entgegen, und als sie eingetreten waren, fragte dieser erregt:

»Nun, was haben Sie denn Wichtiges so früh am Morgen?«

Borgert stelle sich breitbeinig vor ihn hin und entgegnete mit geheuchelter Heiterkeit:

»Nun ja, mein Lieber, man hat so seine Sorgen. Ich bin nämlich so ziemlich am Ende und möchte Sie zu meinem Konkursverwalter ernennen.«

»Am Ende?« entgegnete Leimann erregt, »was wollen Sie damit sagen? Ist es in Geldsachen?«

»Sie haben recht geraten. Ich muß jetzt Geld haben, und zwar sofort, einen ganzen Sack voll, sonst bin ich erledigt.«

»Steht es denn so schlimm auf einmal? Sind neue Sachen gekommen? Sie sagten doch das letzte Mal, Sie seien nun vorläufig versorgt.«

»Gewiß sagte ich das, aber ich habe gestern einen Überschlag gemacht und gefunden, daß es keinen Ausweg mehr gibt, als einen großen Pump. Ich möchte also mit Ihnen einmal darüber sprechen, denn ich hoffe, daß sich noch Mittel und Wege finden lassen werden, um sich über Wasser zu halten!«

Leimann schaute sinnend zu Boden und rieb sich das unrasierte Kinn. Dann entgegnete er achselzuckend:

»Wieviel ist es denn?«

»Zwölftausend Mark, kein Pfennig weniger, denn ich muß jetzt reine Bahn machen, ich habe diese langweiligen Mahnbriefe und Klagen satt!«

»Nun, und wie dachten Sie sich die Sache denn ungefähr?«

»Ich habe noch einige Adressen von solchen Geldmännern. Wenn Sie nochmals bereit wären, Bürgschaft zu leisten, so hoffe ich, daß wir zum Ziele kommen.«

»Bürgschaft? Bürgschaft? Ja, Sie haben gut reden, mein Lieber, aber schließlich muß man doch auch einen Hintergrund haben, wenn man immer gutsagen soll. Ich muß Ihnen offen gestehen, wenn Sie die dreitausend Mark von vorigem Monat nicht bezahlen können, dann bin ich mit meiner Bürgschaft hereingefallen.«

»Nun, das bedarf wohl keiner Auseinandersetzung, es ist absolut selbstverständlich, daß ich meinen Verpflichtungen nachkomme.«

»Daran zweifle ich durchaus nicht, aber ich kann Ihnen in der Tat keine Bürgschaft mehr leisten, ich wollte vielmehr Sie darum bitten, denn ich muß auch Geld haben.«

»Ich bin gern dazu bereit, aber warum nehmen Sie denn auf Ihr Kommißvermögen nichts auf? Das ist doch der sicherste Weg.«

»Kommißvermögen? Auch haben, um etwas darauf aufzunehmen!«

»Aber worauf haben Sie denn geheiratet?« fragte Borgert erstaunt.

»Ich habe es nur vier Wochen besessen, dann hat es der zurückbekommen, der es mir geborgt hat, bis ich den Konsens hatte.«

Borgert schaute seinen Freund betroffen an, dann ging er mit großen Schritten im Zimmer auf und ab.

»Nun,« begann er nach einer Weile von Neuem, »es ist gut, Sie leisten mir Bürgschaft und ich Ihnen.«

»Gut, das können wir, aber es ist doch eine gewagte Sache, denn wenn es einmal zum Klappen kommt und keiner hat einen Pfennig, dann wird es übel.«

»Der Fall kann gar nicht eintreten, mein Verehrter, denn wenn mir jetzt noch einmal geholfen ist, dann ist für später nichts zu fürchten. Ich werde heiraten.«

»Donnerwetter, haben Sie Schneid! Dann seien Sie aber in der Wahl Ihres Schwiegervaters vorsichtig, sonst ist es eine faule Sache. Ich kann davon ein Liedchen singen.«

»Das versteht sich von selbst, auf leere Versprechungen heirate ich nicht. Unter einer halben Million ist mit mir kein Geschäft zu machen.«

»Na, da wünsche ich Ihnen viel Glück. Aber sagen Sie einmal, da fällt mir ein, wie wäre es denn mit König? Sollte der nicht ein paar tausend Mark herausrücken?«

»Daran dachte ich wohl auch schon, aber ob er es tut, scheint mir sehr zweifelhaft. Denn erst müßten wir ihm die alte Schuld bezahlen!«

»Nun, ein Versuch kostet ja nichts. Mehr wie nein sagen kann er nicht, ich werde sofort ein paar Zeilen an ihn schreiben.«

Leimann nahm am Schreibtisch Platz und zog einen Briefbogen aus der Schublade, Borgert entschuldigte sich indes für einige Augenblicke, da er mit dem Burschen etwas zu sprechen habe.

Er wollte die Zeit, während welcher Leimann schrieb, dazu benutzen, dessen Gattin guten Morgen zu wünschen, und so huschte er in den weichen Pantoffeln leise die Hintertreppe hinauf. Die Tür zum Ankleidezimmer fand er angelehnt. Auf den Fußspitzen trat er näher und erblickte Frau Leimann, wie sie vorm Spiegel stand. Das üppige Blondhaar hing ihr in langen goldigen Strähnen über die Schulter, bis an die Hüften hinab. Und als sie die Arme hob, um das Haar zu ordnen, fielen die weiten Ärmel des Morgenrocks bis an die Ellenbogen zurück und entblößten einen herrlichen weißen Arm. Das Bild war klassisch schön, ein echt malerisches Motiv!

Borgert stand einige Minuten still und betrachtete mit Verlangen die schöne Frau, die nicht zu ahnen schien, daß ein Fremder sie belausche. Plötzlich riß er die Tür auf, eilte auf Frau Leimann zu, küßte sie auf den Nacken, und huschte eben so schnell wieder zur Tür hinaus und die Treppe hinab. Geräuschvoll schritt er durch den Korridor, sprach mit dem Burschen einige Worte und trat dann mit unbefangener Miene in sein Arbeitszimmer.

Da Leimann noch schrieb, setzte er sich in einen Sessel, zündete eine Cigarrette an und blies den Rauch in einen durch das Fenster spielenden Sonnenstrahl hinein, in dem die blauen Wölkchen leuchteten und sich zu einem phantastisch verschlungenen Bande formten.

Jetzt war der Brief beendet, Leimann schob ihn in ein Kouvert, schrieb die Adresse darauf, und der Bursche mußte ihn sogleich an seinen Bestimmungsort besorgen.

»Das wird ziehen, denke ich!«, sagte Leimann befriedigt, als er vom Schreibtisch aufstand.

»Was haben Sie denn geschrieben?« fragte Borgert forschend.

»Nun, ganz einfach, ich brauchte Geld für einen Kameraden und appellierte daher an seine schon so oft bewiesene freundschaftliche Gesinnung. Als Zeitpunkt für die Rückzahlung habe ich ihm drei Monate bezeichnet, und mein Wort für pünktliche Erledigung gegeben, denn Sie sagten ja, das Geld bis dahin schaffen zu können.«

»Aber gewiß kann ich das, wenn der Kerl nur jetzt etwas hergibt, das weitere findet sich dann schon.«

So plauderten sie eine halbe Stunde, als Röse mit der Antwort des Rittmeisters König zurückkam.

Leimann ergriff erst hastig den Brief, dann aber zögerte er, ihn zu öffnen. Unentschlossen schaute er auf die Adresse und sah fragend zu Borgert hinüber, der noch behaglich in seinem Sessel saß.

Oft harren wir sehnlich einer Nachricht, die uns freudige oder unangenehme Botschaft bringen kann. Wir können den Augenblick nicht erwarten, bis wir die Entscheidung in den Händen haben, dann aber wagen wir nicht, die Botschaft zu erfahren, denn sie könnte uns Enttäuschung bringen. Die Ungewißheit aber ist schöner, weil sie neben der Furcht vor Enttäuschung auch die Hoffnung auf Freudiges in sich schließt.

Schließlich riß Leimann das Kouvert auf und faltete den Brief auseinander.

Betroffen schaute er in die Schriftzüge. Borgert sah an dem Gesicht des Lesenden, der mit hochgezogenen Brauen und nervös zitternden Händen vor ihm stand, daß die Antwort König's nichts Erfreuliches brachte. Aber er war ruhiger, weniger betroffen, als Leimann, obgleich ihn selbst die Angelegenheit doch am ersten betraf. Es war ihm schon lange nichts Neues mehr, diese absagenden Antworten auf Darlehnsgesuche und ähnliche Schreiben, der Mensch gewöhnt sich eben an alles.

Sein Gesicht aber nahm einen zornigen Ausdruck an, als er jetzt selbst die Antwort las, nachdem sie ihm Leimann stillschweigend gereicht. Der Brief lautete:

»Zu meinem Bedauern bin ich nicht in der Lage, ihrem Wunsche nachzukommen. Einesteils kann und darf ich es nicht tun mit Rücksicht auf meine Familie, denn Summen von derartiger Höhe könnte ich nur aus der Hand geben, wenn mir eine unbedingte Sicherheit geboten wird. In Ihrer ehrenwörtlichen Versicherung für pünktliche Rückzahlung bedaure ich eine solche nicht erblicken zu können, da Sie sowohl, wie Oberleutnant Borgert die Ihnen vor Monaten geliehenen Beträge noch nicht zurückzuzahlen im Stande waren, obgleich Sie mir auch damals Ihr Wort auf Erledigung Ihrer Schuld binnen zehn Tagen gegeben haben. Außerdem scheint mir das, was ich in letzter Zeit über den Stand Ihrer wirtschaftlichen Lage gehört habe, durchaus nicht darnach angetan, eine Innehaltung Ihres Versprechens von heute zu gewährleisten.«

Borgert stand auf und schleuderte das Schreiben wütend zu Boden. Darauf trat er an's Fenster und schaute auf die Straße hinaus.

Keiner von beiden sprach ein Wort. Erst als sich ihre Blicke begegneten, fragte Leimann:

»Nun, was sagen Sie dazu?«

»Eine Unverschämtheit ist es, eine Gemeinheit!« brauste Borgert los, »was fällt dem Menschen ein, sich in unsere Privatangelegenheiten zu mischen? Es wäre unkameradschaftlich genug gewesen, uns eine Absage zu schicken, aber in diesem beleidigenden Ton! Das kann man sich nicht gefallen lassen!«

»Was wollen Sie machen?« entgegnete Leimann achselzuckend. »Wenn Sie gegen ihn auftreten, faßt er uns damit, daß wir ihm damals unser Wort gegeben haben, und das läßt sich nicht bestreiten, denn von mir hat er es sogar schwarz auf weiß. Es ist also schon das Beste, wir stecken diese Grobheit ruhig ein und schneiden den Kerl, dann wird er es schon merken!«

»Er hat anscheinend ganz vergessen, daß es uns ein Leichtes wäre, ihm den Hals zu brechen. Hat er nicht selbst gesagt, er wolle uns damals den Betrag aus der Schwadronskasse leihen? Ich meine, es könnte ihm nicht angenehm sein, wenn man von dieser Tatsache Gebrauch machte.«

»Das stimmt ja, aber Sie können ihm doch anstandshalber deshalb keine Geschichten machen, denn der Eingriff in die Kasse geschah in unserem Interesse.«

»Das ist mir gleich. Wenn er sich jetzt erlaubt, uns derartige Frechheiten ins Gesicht zu schleudern, dann will ich ihm zeigen, daß ich ihm mit gleicher Münze dienen kann!«

»Sie können aber doch unmöglich eine Meldung schreiben, König hätte Ihnen Geld geliehen, nachdem er in eine Kasse gegriffen habe. Das würde doch ein sonderbares Licht auf Sie werfen.«

»So ungeschickt werde ich es auch nicht anfangen. Das kann man hinten herum in die Wege leiten, und ich werde es einrichten, daß kein Mensch in mir den Urheber wittert. Aber eintränken will ich's dem Kerl schon.«

Beide schwiegen wieder, und wenige Minuten später empfahl sich Leimann, da er vor Tisch noch einen Gang zur Stadt zu tun habe.

Borgert blieb auch nicht mehr lange in seiner Wohnung. Er ging in's Kasino und ertränkte seine schlechte Laune in einer Flasche Heidsieck.

Als Borgert wenige Tage später des Morgens erwachte, merkte er zu seinem Schrecken, daß er wieder den Dienst verschlafen hatte. Er klingelte heftig nach dem Burschen, aber Röse erschien auch auf ein zweites Glockenzeichen nicht.

Borgert kleidete sich an und ging nach Röse's Stube. Er fand sie leer. Das Bett stand unberührt, darauf lag Uniform und Mütze des Burschen.

Erstaunt schaute er sich in dem kleinen Raume um, den eine stickige, dumpfe Luft, ein Geruch nach schmutziger Wäsche und abgetragenen Kleidern erfüllte. Wo sollte Röse so früh schon hingegangen sein, ohne ein Wort zu sagen? Hatte er Dienst? Aber nein, da lag ja seine Montur.

Borgert stand schon auf der Schwelle, um das Zimmer wieder zu verlassen, als er auf dem schmutzigen Tisch einen Zettel gewahrte. Er nahm ihn auf und sein Gesicht erblaßte, während er ihn las, denn er enthielt in ungelenker Schrift nur die Worte: »Ich empfehle mich bestens!«

Wie versteinert schaute Borgert auf das Blatt. Der Kerl war also desertiert!

Über den Grund konnte Borgert keinen Moment im Unklaren bleiben, und ein plötzliches Unbehagen erfaßte ihn bei dem Gedanken, man könne Röse aufgreifen. Dann würde alles zu Tage kommen, die schlechte Behandlung, die Mißhandlungen und so vieles, was Röse mit angesehen oder über seinen Oberleutnant erfahren hatte.

Wie geistesabwesend schritt er nach seinem Zimmer hinüber und setzte sich auf die Bettkante.

Er glaubte zu träumen, wild jagten ihm allerlei Gedanken durch den Kopf, und ein nervöses Zucken spielte um die blassen Lippen.

Hatte sich denn alles gegen ihn verschworen? Ärger, Ungemach, Enttäuschung von allen Seiten, kein Lichtblick in die Zukunft, die sich jetzt mit einem Schlage drohend und schwarz vor seiner Seele malte!

Zum ersten Male durchzuckte ihn mit schrecklicher Gewißheit der Gedanke, daß er vor einer Katastrophe stand, welcher nichts mehr Einhalt gebieten konnte, wenn nicht ein Wunder geschah. Aber wo sollte das jetzt noch herkommen? Aller Glaube, alle Hoffnung zerflossen zu nichts in den wenigen Augenblicken, da ihm die ganze erdrückende Last seiner Schuld und Sünden, die ganze Wirrnis eines verfehlten Daseins zum Bewußtsein kam. Ein Schrecken, eine Schauer vor sich selbst und das Gefühl der Hilflosigkeit ergriff den Mann, den sonst nichts zu bewegen vermochte, der mit einer kalten, kein Mittel scheuenden Berechnung alle Schwierigkeiten und mißlichen Lebenslagen niederzukämpfen gewohnt war. Keiner tieferen Regung und edlen Gefühle fähig, war er bis jetzt den Lebensweg gewandelt, den Egoismus, rücksichtslose, gefühlsrohe Gesinnung und oberflächliche Lebensanschauung ihm gewiesen hatten.

Lange saß er so da, bleich, unbeweglich, den stieren Blick in's Leere gerichtet, nur das nervöse Spiel seiner Züge verriet, daß in der scheinbar leblosen Gestalt noch Leben saß: der seelische Kampf und innere Zwiespalt eines Menschen, der zu spät erkennt, wie er sein Leben gewaltsam zerstört und zertreten, dessen Hoffnung auf eine unverdiente Gnade des Geschickes noch im Ersterben nach einem rettenden Gedanken sucht, an den sich die geängstigte Seele klammern kann, wie ein Ertrinkender noch bis zum letzten Atemzuge mit den Wogen ringt, auch wenn er weit und breit kein helfendes Wesen erblickt.

Borgert war jetzt mit sich im Reinen, er hatte abgerechnet mit sich selbst und einem verfehlten, durch eigene Schuld vernichteten Leben. Er war entschlossen, die Folgen zu tragen, nun es kein Entrinnen mehr gab.

Mechanisch kleidete er sich an und ging zur Kaserne, um dem Rittmeister zu melden, daß er den Dienst versäumt habe.

Von Röse's Flucht wollte er vorläufig schweigen, denn wenn man jetzt sofort dem Deserteur nachspürte, war es so gut wie sicher, daß man in wenigen Tagen seiner habhaft wurde. Gab man ihm aber noch 48 Stunden Zeit, dann hatte er genügend Vorsprung, um sich in ein sicheres Versteck zu begeben, und dann blieb es Borgert erspart, von einem Kriegsgericht wegen Mißhandlung eines Untergebenen verurteilt zu werden.

Als er gegen Mittag seine Wohnung wieder betrat, fand er einen Brief vor. Es war die Antwort des Geldverleihers aus Berlin, welcher Borgert in kurzen Worten mitteilte, er könne ein Darlehn nicht gewähren, da die Erkundigungen sowohl über Borgert wie über den Bürgen Leimann eine außerordentlich ungünstige Wirtschaftslage bekundet hätten.

Borgert nahm die Nachricht fast gleichgültig auf, denn er hatte seit heute Morgen jede Hoffnung auf einen günstigen Zufall verloren und daher nichts anderes erwartet.

In's Blaue hinein, auf ein ehrlich Gesicht und schöne Worte gab kein Mensch einen Pfennig her, es hatte also gar keinen Zweck, sich noch weiter zu bemühen. Wenn es trotzdem vorher Leute gegeben hatte, die ihm Geld zur Verfügung stellten, so war es eben auf Leimann's Bürgschaft hin erfolgt, der seine Vermögenslage in so geschickter Weise in ein günstiges Licht zu stellen verstand, daß man ihm einfach Glauben schenkte, ohne lange Erkundigungen über ihn einzuziehen.

Matt und mit wirrem Kopfe legte sich Borgert auf den Divan nieder.

In's Kasino mochte er nicht gehen, denn er verspürte keinen Appetit und fühlte sich auch nicht in Stimmung, mit den Kameraden in gewohnter Weise zu scherzen und zu plaudern. Er mochte niemand sehen und hören, nur allein sein wollte er, ganz allein.

Sein Blick schweifte in dem eleganten Raum umher. Und als er so die schönen Bilder an den Wänden, die kostbaren eichenen Möbel und wertvollen Teppiche betrachtete, da schmerzte es ihn doch, daß all diese Pracht und Herrlichkeit nun ein Raub der Manichäer werden sollte. Sie würden sich zanken und streiten um den Besitz, ein jeder würde der erste sein wollen, wenn es galt, zu seinem Rechte zu gelangen.

Aber es half nichts. In wenigen Tagen mußte der Zusammenbruch erfolgen, eine Rettung war ausgeschlossen.

Doch was sollte dann aus ihm selbst werden? Daran hatte er noch gar nicht so recht gedacht. Sollte er sich jeden Stuhl unter dem Rücken hervorziehen und auf die Straße setzen lassen? Schließlich sperrte man ihn vielleicht noch ein? Die Zeit drängte, ein Entschluß mußte schnell, sofort gefaßt werden.

Eigentlich wußte er nicht recht, was er überhaupt in diesem elenden Sorgenleben noch zu suchen habe. Denn jetzt mit Schimpf und Schande abgehen, einen neuen Beruf erlernen und arbeiten müssen, das war gar nicht sein Geschmack. Verwöhnt und anspruchsvoll sich in eine einfache Lebensweise, eine bescheidene, vielleicht sogar untergeordnete Stellung hineinzuzwängen, das war ein fast unmögliches Ding. Dazu gehörte Energie, Selbstverleugnung und Arbeitslust, von alledem aber fühlte er nichts in sich. Sollte er sich einfach eine Kugel durch den Kopf schießen?

Aber nein, das war abgeschmackt, erforderte auch Mut, und den hatte er nur besessen, wenn er nichts riskiren konnte.

Und schließlich, wer sollte wissen, ob er nicht doch noch einmal das Glück zu fassen bekäme? Dann wäre Selbstmord eine übereilte Torheit gewesen. Das Leben konnte so schön sein, und nun kurzer Hand ein Ende damit machen? Nein, auf keinen Fall.

Lange grübelte er hin und her, es wollte ihm kein rechter Gedanke kommen.

Er dachte an seinen Burschen. Hatte der es nicht ganz schlau angefangen, um sich den Verhältnissen zu entziehen, die ihm nicht paßten? Der saß jetzt vielleicht ruhig und ungestört in einem stillen Winkel, wo es niemand einfiel, nach ihm zu fragen, wo er leben konnte, wo er lustig war.

Wenn er es nun auch so machte?

Je mehr in Borgert der Gedanke an eine heimliche Flucht Gestalt gewann, um so vortrefflicher schien ihm dieser Ausweg.

Unter neuen Menschen, in einem anderen Lande konnte er ein neues Leben beginnen, und wie lange würde es dauern, bis man ihn vergessen hatte! In einem Jahre nannte man seinen Namen vielleicht nur noch als den eines Mannes, der auch einmal existiert habe, im Übrigen würde sich niemand mehr um ihn kümmern.

Er war so sehr in seine Gedanken versunken, daß er es nicht mehr bemerkte, als die Tür aufging und Frau Leimann eintrat.

Sie sah blaß und ernst aus, das sonst so jugendlich schöne Gesicht schien gealtert, und die Augen zeigten einen bangen Ausdruck.

Borgert erhob sich nicht, sondern nickte nur, ohne ein Wort zu sagen, kaum merklich mit dem Kopfe. Dabei streifte sein Blick die Gestalt der Frau.

Sie schien ihm heute nicht begehrenswert, ganz anders sah sie aus wie sonst. Ihre Bewegungen schienen ihm schlaff und formlos, die Reize fand er nicht, an denen er sich so oft gesättigt. Das Haar war wirr und flüchtig geordnet, hinter den weichen Falten des lässig übergestreiften Morgenrockes verrieten sich nicht die vollen Formen, die Rundung der Glieder, die gesunde Fülle eines jugendlichen Weibes. Alt und verlebt kam ihm die ganze Erscheinung vor.

War es früher nur ein rein sinnliches Empfinden gewesen, das ihm die Frau so schön, so begehrenswert erscheinen ließ? Und war es heute die geistige und nervöse Abspannung, die jene Regung tötete, sodaß er die Reize des Weibes nicht zu erkennen vermochte?

Er wußte es nicht, zwei Eindrücke standen einander gegenüber: Die Frau, wie sie jetzt vor ihm stand, und das herrliche Weib, das er vor wenigen Tagen mit gelöstem Haar, mit nackten Armen und Schultern geschaut und geküßt.

Sie hatte sich neben ihn auf den Divan gesetzt und seine Hand ergriffen. Ihre Augen schauten bang in das Gesicht des Mannes, der so teilnahmslos, so gleichgiltig vor ihr lag.

»Du bist krank, Georg?« fragte Frau Leimann besorgt.

Er schüttelte nur den Kopf, ohne zu antworten.

»Aber so sage mir doch, was ist dir? Was fehlt dir?«

»Nichts und alles,« gab Borgert gleichgiltig zur Antwort.

»Was soll das heißen, Georg? So sprich doch vernünftig!«

»Was soll ich viel reden, meine Liebe? Ich bin fertig. Sonst fehlt mir nichts!«

»Fertig! Womit? Wie soll ich das verstehen?«

»Mit allem, mit dem Leben und mit mir!«

»Du sprichst in Rätseln, Georg! So sage mir doch offen und klar, was ist geschehen!«

»Das Geld ist alle. Ich muß fort, sonst gibt es ein Unglück.«

Borgert fühlte, wie ein Zucken durch ihren Körper ging. Sie erwiderte nichts, sie wendete nur langsam ihr Gesicht ab und schaute nach dem Fenster hin.

Im Stillen war Borgert ihr dankbar, daß sie die Mitteilung so gefaßt entgegennahm und nicht nach Weiberart aufschrie oder schluchzend zu Boden sank.

Und als er das blasse Profil betrachtete, wie es sich gegen die hellen Fensterscheiben abhob, und eine Träne in ihren Augen flimmern sah, erfaßte ihn eine Rührung, ein Mitleid mit der Frau, und er zog sie in seine Arme.

Und als sie so dalagen in wortloser Umarmung, kam es leise über ihre Lippen:

»So nimm mich mit, Georg!«

Betroffen fuhr Borgert auf:

»Um Gottes Willen, wie kommst du auf solche Gedanken? Wie darf ich das?«

»Ich bitte dich, Georg, laß mich mitgehen, ich halte es hier nicht länger aus.«

»Aber das ist undenkbar, Liebste! Ist es nicht Skandal genug, wenn ich allein verschwinde? Und dann dich noch mitnehmen? Unmöglich!«

»Dann gehe ich allein, ich will fort, ich muß!«

»Aber warum denn auf einmal, was ist denn passiert?«

Frau Leimann brach in ein heftiges Schluchzen aus.

»Geschlagen hat mich mein Mann, weil der Gerichtsvollzieher wieder bei mir war. Ich ertrage diese Behandlung nicht länger und dann..... dann ....... ich habe auch kein Geld für meine Schulden, es gibt ein Unglück.«

Borgert hatte Mühe, die erregte Frau wieder zu beruhigen.

Er überlegte. Eigentlich war der Gedanke gar nicht so unrecht. Wenn sie doch einmal fort wollte, dann konnte sie auch gleich mit ihm gehen, dann hatte er wenigstens einen Menschen bei sich, mit dem er reden konnte und noch manches mehr, einen, der sich in der gleichen Lage befand wie er selbst. Und als Frau Leimann ihn mit flehenden Augen ansah, schloß er sie wieder in die Arme und flüsterte leise:

»So komm mit! Morgen abend reisen wir!«

Lange hielten sie sich in inniger Umarmung umschlungen, dann aber entwand sich Borgert den Liebkosungen der Frau und drückte sie in einen Sessel nieder.

Er selbst nahm ihr gegenüber Platz und sagte:

»Nun müssen wir aber einmal ganz vernünftig über alles reden.

Erstens: Wie willst du fortkommen, ohne daß dein Mann etwas davon merkt?«

»Max fährt morgen früh nach Berlin, er hat dort dienstlich zu tun. Hat er dir's noch nicht erzählt?«

»Nein, aber das trifft sich ja ausgezeichnet. Nun weiter: Hast du Reisegeld?«

»Ja, meine Mutter hat heute dreihundert Mark geschickt, und ich habe nichts damit bezahlt, weil ich fest entschlossen war, abzureisen.«

»Dann bist du besser daran als ich, ich habe nämlich blos noch eine Mark, aber ich werde Rat schassen.

Drittens: Wie willst du unauffällig dein Gepäck zur Bahn schaffen lassen? Denn du kannst doch nicht mit einem Kleide ausrücken!«

»Ganz einfach, Georg! Bitte noch heute meinen Mann um den großen Koffer und sage, du müßtest nach Hause reisen. Dann packe ich alles hinein und der Bursche bringt ihn zu dir herunter. Er ist groß genug für uns beide!«

»Ich sage es ja immer«, entgegnete Borgert lachend, »es ist ein altes Sprichwort: