Tut dir die schlausten Schliche kund!«
Das Rezept ist übrigens großartig und acceptiert.«
»Und mit welchem Zuge fahren wir?«
»Du fährst nachmittags, damit wir nicht zusammen abreisen, das würde natürlich auffallen. Ich komme mit dem Abendzuge nach. Wir treffen uns am besten in Frankfurt im Wartesaal, dort können wir dann alles weitere in Ruhe besprechen. Ich nehme natürlich drei Tage Urlaub, damit man mir nicht gleich jemand nachschickt.«
»Dann wären wir ja soweit einig. Ich komme morgen Vormittag herunter, sobald mein Mann fort ist, dann können wir ja noch einmal über alles sprechen. Jetzt muß ich hinauf.«
Noch ein inniger Kuß, und Frau Leimann wandte sich der Tür zu. Als sie Borgert von der Schwelle aus noch einmal zunickte, da gefiel sie ihm wieder. Das erhitzte Köpfchen mit den zerzausten Haaren und den leuchtenden Augen, es war doch wirklich reizend! Eine Art Wonne überkam ihn plötzlich bei dem Gedanken, daß er das entzückende Weib nun ganz besitzen, für immer um sich haben sollte, es würde ihm helfen, leichter über alles hinwegzukommen, was noch Unangenehmes bevorstand.
Borgert hatte mit einem Schlage seine gute Laune zurückgewonnen, es war ihm fast wohl zu Mute. Denn jetzt bekam die ganze Flucht einen anderen Anstrich. Man würde sagen, sie seien aus Liebe mit einander geflohen. Skandal und Gerede gab das auch noch zur Genüge, aber die ganze Geschichte schien ihm gewissermaßen vornehmer, interessanter und entschuldbarer, als wenn es hieß, er sei auf und davon gegangen, weil er sich vor Schulden und den Folgen unsauberer Machinationen nicht habe retten können.
Einen Augenblick allerdings mischte sich in diese Freude ein Mahnruf des Gewissens, das ihm verbot, ein neues Verbrechen zu begehen. Aber dieser Mahnruf klang so schwach und kraftlos, daß Borgert ihn kaum empfand. Die Hauptsache war ja doch, ihm bot sich eine Annehmlichkeit, ein Vorteil, den er sich nicht entgehen lassen wollte, lediglich mit Rücksicht auf andere. Die kamen doch erst in zweiter Linie!
Denn je stärker der Egoismus im Menschen vorherrscht, umso leichter überwinden wir alle Regungen, alle sentimentalen Grübeleien, welche uns vor einer Sünde warnen, wenn wir aus ihr einen Vorteil zu gewinnen glauben, und nur dann weichen wir vom rechten Wege ab. Deshalb sind die größten Verbrecher auch die größten Egoisten.
So wanderte denn Borgert wohlgemut der Stadt zu und betrat die Post, wo er ein Telegramm an einen Althändler in der Nachbarstadt sandte und diesen um einen Besuch am nächsten Morgen bat.
Darauf begab er sich nach seinem Hause zurück und ging zu Leimann's hinauf.
Er fand den Freund beim Kofferpacken.
»Nun, morgen soll die Reise los gehen, wie ich höre, ich erfuhr es erst heute Mittag!« sagte Borgert, ihm die Hand reichend.
»Ja, sehr entzückt bin ich gerade nicht, denn man ist in keiner Weise für eine solche Reise vorbereitet. Aber das ist ja immer so, erst im letzten Augenblick bekommt man seine Befehle, sodaß man gerade noch den Zug erreicht.«
»Trotzdem beneide ich Sie um die schöne Reise! Mir steht eine weniger angenehme bevor.«
»Wie, Sie wollen auch fort?«
»Ich will eigentlich nicht, aber ich muß!«
»Und wohin?«
»Nach Hause, morgen Nachmittag fahre ich.«
»Ah, ich verstehe, viel Glück und gute Verrichtung!«
»Danke schön! A propos, können Sie mir einen Koffer borgen? Ich möchte gerne Verschiedenes mit nach Hause nehmen, und dazu ist der meinige zu klein.«
»Aber gewiß, mein Bursche kann Ihnen den großen Korb hinunterbringen, wird der genügen?«
»Natürlich, vollständig, besten Dank!«
Borgert merkte, daß sein Besuch nicht ganz gelegen kam. Leimann hatte schlechte Laune und ließ sich auch gar nicht in seiner Beschäftigung stören. Er war so mit seinen Gedanken dabei, daß er Borgert's Fragen kaum hörte, und so hielt es dieser für angebracht, sich zu empfehlen, mit dem Versprechen, zum Abendessen wieder heraufzukommen.
»Wann könnte ich wohl den Koffer haben?« fragte er im Weggehen.
»Sowie mein Bursche aus der Stadt zurück ist, besorgt er ihn hinunter. Also auf Wiedersehen!«
In seinem Zimmer ließ sich Borgert in einen Sessel nieder. Ihm war so wohl und frei, er hätte jauchzen mögen, denn einen Tag später war er den ganzen Krempel los und brauchte sich nicht mehr zu ärgern. Dabei diese nette Begleitung! Er wunderte sich, daß er auf diese Idee nicht früher gekommen war.
Da fiel ihm ein, daß er ja noch gar nicht an's Packen gedacht habe, er wollte wenigstens alles zurechtlegen, damit nichts vergessen würde.
Er ließ seinen Blick durch den eleganten Raum streifen und überlegte, was wohl des Mitnehmens wert sei. Dann nahm er von dem Sofapaneel einen silbernen Becher, das Abschiedsgeschenk seines früheren Regiments, und stellte ihn im Nebenzimmer auf einen Tisch.
Ein Album, einige Photographien, ein Packet Briefe, 2 Reitpeitschen und 2 kleine Ölgemälde — Arbeiten seiner verstorbenen Schwester — das war alles, was er mitzunehmen gedachte. Alles übrige konnte stehen bleiben als Trost für die Gläubiger.
Als er gegen sieben Uhr bei Leimann's eintrat, fand er sie bereits bei Tisch.
Leimann machte ein finsteres Gesicht und schaute kaum von seinem Teller auf, als Borgert eintrat.
Seine Gattin saß mit rotem Kopf ihm gegenüber, aber sie berührte die Speisen nicht, sondern schaute nur angstvoll mitunter nach ihrem Gatten hinüber.
Den ganzen Abend kam keine Stimmung in das Beisammensein, und nicht einmal eine Flasche Eckel vermochte die sonst gewohnte Heiterkeit wieder wach zu rufen. Leimann hatte eben schlechte Laune, und dann war nichts mit ihm anzufangen.
Daher trennte man sich auch schon zu früher Stunde, und der Abschied der Freunde war kühler als sonst.
Frau Leimann aber hatte noch auf dem Korridor Gelegenheit, ihrem Geliebten einen flüchtigen Kuß auf die Wangen zu drücken, als ihr Gatte hineingegangen war, um ein Streichholz zu holen.
Am nächsten Morgen war Borgert gerade erst ausgestanden, als schon der Althändler ankam.
Der Oberleutnant begrüßte ihn freundlich und bat ihn, einzutreten, dann vollendete er seinen Anzug und begann mit dem Juden zu verhandeln.
»Bitte, wollen Sie sich einmal mein Mobiliar ansehen,« sagte er, »ich gedenke die ganze Einrichtung, wie sie da steht, zu verkaufen, da ich versetzt bin, doch wollen Sie diesen Umstand vorläufig noch diskret behandeln. Wie viel würden Sie mir eventuell zahlen?«
Der Jude sah sich nachdenklich in dem Zimmer um. Er befühlte und beklopfte die einzelnen Stücke, prüfte Decken und Teppiche und musterte eingehend das kostbare Schnitzwerk des Bücherschrankes. Dann zog er ein Notizbuch aus der Tasche, schielte nach den einzelnen Stücken hin und notierte sich den Preis. Schließlich wandte er sich Borgert zu und sagte mit fragender Miene:
»Fünfzehnhundert Mark, Herr Oberleutnant, sofort auf den Tisch!«
»Was, fünfzehnhundert Mark?«, stieß Borgert enttäuscht hervor, »aber ich bitte Sie, ich habe fast zehntausend Mark für die Einrichtung bezahlt.«
»Tut mer leid, Herr Oberleutnant«, gab der Jude achselzuckend zu Antwort, »alte Sachen sind keine neie Sachen, mehr zahlt kein Mensch.«
»Das ist zu wenig, das ist ja fast geschenkt.«
»Nun, ich will Ihnen geben zweitausend Mark, aber keinen Pfennig darüber.«
Borgert setzte sich in den Schreibstuhl. Er überlegte, und während dessen schaute der Jude erwartungsvoll auf sein Gesicht.
»Gut, her mit dem Gelde, Sie haben den Krempel!« sagte Borgert nach einigem Besinnen.
Denn schien ihm der Betrag von zweitausend Mark auch ein Lumpengeld für diese kostbaren Möbel, so war es doch besser, er entschloß sich schnell für einen geringeren Preis, ehe der ganze Fluchtplan infolge Mangels an Geld ins Wasser fiel.
Schmunzelnd zog der Jude ein Papier aus der Tasche, schritt zum Schreibtisch und schrieb einige Worte auf das Blatt, welches er Borgert nun zur Unterschrift vorlegte.
Als der Jude wieder hinaus war und Borgert die beiden Tausendmarkscheine in der Hand hielt, schien ihm nun das letzte Hindernis zur Flucht beseitigt, denn bares Geld war die Hauptsache. Er faltete die Scheine zusammen und steckte sie in seine Börse, trat dann in's Schlafzimmer an den Kleiderschrank und entnahm demselben den Reiseanzug. Das übrige Civil packte er zu Frau Leimann's Kleidern in den Koffer, darauf die paar Sachen, die er sonst noch mitnehmen wollte, und ließ den Koffer sogleich zur Bahn besorgen.
Der Oberst zeigte wenig Lust, den Oberleutnant zu beurlauben, und erst auf nochmalige Vorstellung über die Dringlichkeit der Reise ließ er sich erweichen, einen dreitägigen Urlaub zu bewilligen. Er hoffte schließlich, Borgert würde mit seinem Vater übereinkommen und diese leidigen Geldgeschichten aus der Welt schaffen. Das konnte ihm ja nur angenehm sein, und so ließ er ihn reisen.
Leimann war inzwischen schon über alle Berge. Die beiden Freunde hatten nicht einmal ein letztes Lebewohl einander zugerufen. Seine Gattin aber war noch sehr beschäftigt. Es gab so vielerlei zu tun, hier ein Packet Briefe zu verbrennen, die weder der Gatte noch Georg lesen durften, dort noch einige Kleinigkeiten einzupacken, meist wertlose, unscheinbare Sächelchen, deren Wert die Erinnerung bedeutete.
Das Herz einer Frau hängt an solchen Dingen, die ihr schöne Augenblicke, liebe Bilder in der Erinnerung erwecken, und eher gibt sie dir den schönsten, im Laden gekauften Ring, als die trockene Blume oder das kleine Angebinde aus der Hand eines Mannes, welcher in ihrem Leben eine Rolle gespielt.
Den heimlichen Abschied von Bubi, dem kleinen zweijährigen Söhnchen, hatte sie sich tags zuvor schwerer vorgestellt, und sie empfand jetzt sogar eine Art Gewissensbisse, daß sie so leichten Herzens, ohne Träne, das einzige Kind im Stiche lassen konnte, das jetzt, mutterlos, einer ungewissen, vielleicht traurigen Zukunft entgegen ging.
Aber es war sonderbar! Vom ersten Augenblick an empfand sie eine gewisse Abscheu vor dem Kinde mit der breiten Nase, dem großen Mund und den winzigen, stechenden Augen. Schon nach wenigen Wochen zeigte sich eine ausgesprochene Ähnlichkeit mit dem Vater, und je mehr die Entfremdung der Gatten wuchs, umsomehr schwand der kleine Rest von Mutterliebe. Sie betrachtete das ewig schreiende, häßliche kleine Wesen lediglich als sein Kind, und sich selbst nur als das natürliche Mittel, um es zur Welt gebracht zu haben, und so war es gekommen, daß das arme Baby fast nur in der Küche oder der Mädchenstube sein Dasein fristete, gehütet und erzogen von den Dienstboten. Die Mutter bekam ihr Kind oft kaum eine Stunde am Tage zu sehen.
Es gibt ja Frauen, die, eitel und sich ihrer eigenen Schönheit wohl bewußt, es für eine Schmähung der Natur, für eine Strafe des Himmels halten, wenn sie häßliche Kinder zur Welt bringen, vor denen sie dann ihr ganzes Leben eine innere Abneigung empfinden und ihnen aus dem Wege gehen, wie dem Gedächtnis einer Kränkung, die ihrem Frauenstolze widerfuhr.
Ihr Gatte hatte es ja nicht anders um sie verdient, als daß sie ihn verließ, und deshalb empfand sie kaum das Bewußtsein einer Schuld, als sie um drei Uhr ein Abteil erster Klasse des Schnellzuges nach Frankfurt bestieg.
Denn welcher Mensch strebt nicht, seine Sünden und Vergehen vor sich selbst zu rechtfertigen, zu entschuldigen? Oberflächliche, selbstsüchtige Menschen bringen es in diesem Streben so weit, daß sie in dem größten Verbrechen häufig nur eine kleine Inkorrektheit erblicken, welche die Mitmenschen falsch, zu hart beurteilen, weil sie die Beweggründe nicht verstehen können. —
Zu diesen Menschen zählte auch Borgert. Dem Egoisten heiligt der Zweck die Mittel, und so schied er wohlgemut, voll innerer Genugtuung von der Garnison, den »Freunden« und seinen Pflichten, mit einem verächtlichen Lächeln auf den Lippen über die, welche in der Beschränktheit ihres Geistes festhalten an Sitte und Hergebrachtem, und nicht den Mut haben, die Rücksicht auf andere über Bord zu werfen, wenn sie ihrem eigenen Vorteil auf der Spur sind.
Als die beiden am späten Abend in dem Speisesaal eines eleganten Hotels zusammen saßen, schien ihnen das Leben, die ganze Zukunft ein lichtes Bild mit wenig Schatten, und sie feierten bei einer Flasche französischen Sektes den ersten Tag ihrer jungen Ehe — der freien Liebe.
Sechstes Kapitel.
Die Flucht des Oberleutnants Borgert war nicht lange geheim geblieben.
Als er nach Ablauf des dreitägigen Urlaubs nicht zurückgekehrt war, und eine telegraphische Anfrage bei seinem Vater ergab, daß er das Elternhaus überhaupt nicht betreten habe, lag die Vermutung nahe, daß er sich durch Desertieren den Folgen seines bisherigen leichtsinnigen Lebens entzogen.
Freilich hatte außer Leimann niemand recht gewußt, wie schlecht es mit Borgert's Verhältnissen stand. Erst als der Jude die ihm verkauften Sachen abholen und der mit einer umfangreichen neuen Pfändung beauftragte Gerichtsvollzieher die bereits von ihm beschlagnahmten Gegenstände zurückhalten wollte, kam die Katastrophe und enthüllte mit einem Schlage das gesamte System, in welchem Borgert »gearbeitet« hatte.
Von Seiten des Gerichts ward das gesamte Eigentum des Oberleutnants mit Beschlag belegt, und ein Termin sollte entscheiden, in welcher Weise die einzelnen Gläubiger zu ihrem Rechte gelangen würden.
Stellte auch die wertvolle Einrichtung ein ziemliches Kapital dar, so war dieses doch nur der Tropfen auf einen heißen Stein, denn als von Gerichtswegen eine Aufforderung durch die Zeitung an alle diejenigen erging, welche noch Forderungen nachweisen konnten, gingen ganze Berge von Rechnungen ein, deren Gesamtbetrag sich über zwanzigtausend Mark belief.
Gleichzeitig verhängte der Gerichtsherr die Beschlagnahme des gesamten etwaigen Privatvermögens Borgert's, und die Staatsanwaltschaft folgte mit einem Steckbrief gegen den des Betrugs angeschuldigten Oberleutnant.
Die Wohnung hatte das Gericht versiegelt, selbst das arme Pferd im Stalle trug in der Mähne ein kleines Siegel, welches man mit einem Bindfaden kunstgerecht hineingeflochten hatte.
Wie ein Lauffeuer eilte die Kunde der neuesten Ereignisse durch die kleine Stadt und die Nachbarorte, auch in den Zeitungen las man kurze Notizen.
Der Oberst war ganz niedergeschlagen. Die schlauen Herren des Regiments wollten zwar diese Katastrophe schon lange haben kommen sehen — wie es ja bei allen Ereignissen Leute gibt, die ahnungslos ein Unheil neben sich erstehen sehen und dann, wenn das Unvermeidliche eingetreten, mit überlegenem Lächeln behaupten, sie hätten seit Jahren nichts anderes erwartet.
Der Oberst aber äußerte tieftraurig zu Rittmeister König, diese neue Wendung der Dinge sei der »letzte Nagel zu seinem Zylinder,« und man sah ihn fortan nur noch mit bekümmerter Miene seinen Geschäften nachgehen. Denn allmählich sah er klar, daß die sachgemäße Leitung eines Offizierkorps etwas anders angefangen werden müsse, und daß die Art seiner Regierung wohl den falschen Weg gewandert sei.
Daß Frau Leimann dem Oberleutnant gefolgt war, wurde erst nach einigen Tagen bekannt, als der von Berlin zurückgekehrte Gatte einen Brief erhielt, in welchem die Frau ihn um Verzeihung bat und beteuerte, sie habe nicht anders gekonnt.
So war denn Leimann doppelt gestraft. Vor aller Welt blamiert und belächelt ob seiner durchgegangenen Ehehälfte, mußte er jetzt schleunigst den größten Teil seines Besitztums verkaufen, um den Forderungen derer gerecht zu werden, bei welchen er für Borgert Bürgschaft geleistet, und dabei blieb ihm nur das Nötigste übrig.
Glaubte man anfangs durch Frau Leimann's Brief den Entflohenen auf der Spur zu sein, so war doch später das zahlreiche Aufgebot von Detektivs und Kriminalbeamten nicht im Stande, die Ausreißer zu fassen. Waren sie noch in Deutschland, oder im Auslande? Kein Mensch ahnte es.
Etwa zwei Wochen nach der Flucht wurde auch Röse eingeliefert. Man hatte ihn auf den erlassenen Steckbrief hin an der belgischen Grenze ergriffen.
Die Verhandlungen mit ihm ergaben, daß häufige Mißhandlungen seitens seines Oberleutnants die Triebfeder zu jenem Schritte gewesen waren. Milderte dies sein Strafmaß auch nur wenig, so bedauerte man doch allgemein den armen Soldaten, den Unbilden und schlechte Behandlung seiner Vorgesetzten ins Unglück gestürzt hatten. —
In dem Ehescheidungsprozeß, welchen Leimann gegen seine Gattin angestrengt, kamen recht unliebsame Dinge zu Tage.
Die beiden Mädchen des Hauses, sowie der Bursche wußten Tatsachen zu berichten, bei denen sich Leimann's wenige Haare sträubten, die er noch auf dem Kopfe trug, und er begriff nicht, wie er so blind sein konnte, um den Verrat nicht zu sehen, mit dem man ihn im eigenen Hause betrog.
Die gerichtliche Scheidung wurde ausgesprochen, und Leimann reichte sein Abschiedsgesuch ein, weil er einesteils gezwungen war, sich einem einträglicheren Berufe zuzuwenden, andererseits, weil durch die gesamten Vorfälle sein Ruf derartig geschädigt war, daß dem weiteren Verbleiben in einem Offizierkorps erhebliche Bedenken entgegenstanden.
So nahm er denn eine Stelle als Reisender einer Weinfirma an, welche ihm den nötigsten Lebensunterhalt verschaffte. Den ohne dies fast aufgelösten Haushalt hob er ganz auf und übergab sein Kind zur Erziehung einer befreundeten Familie, wofür diese als Entgelt den Anspruch auf die kleine Pension des Oberleutnants zugesichert erhielt.
Fast gleichzeitig mit der Genehmigung seines Abschiedsgesuches wurde auch das Urteil über Borgert verkündet. Es lautete auf eine Gesamtstrafe von fünf Jahren Gefängnis, zehn Jahren Ehrverlust und Ausstoßung aus dem Heere, bewirkt durch Betrug, Fahnenflucht und Mißhandlung Untergebener in zehn Fällen.
Die Zeitungen veröffentlichten das Urteil, und somit war denn die tatenreiche Laufbahn jenes Mannes in seinem Vaterlande beschlossen.
Indes saß im Bureau der großen Fabrik an einem der zahlreichen Schreibtische der ehemalige Sergeant Schmitz.
Die übrigen Angestellten hatten bereits ihre Plätze verlassen und waren gerade dabei, ihre Röcke von den Kleiderständern herabzunehmen, denn es hatte schon vor zehn Minuten Feierabend geläutet.
Schmitz aber ließ sich durch die laute Unterhaltung seiner Umgebung nicht stören, er schrieb emsig und war ganz vertieft in die langen Zahlenreihen, welche auf dem Bogen vor ihm geschrieben standen.
Der Raum hatte sich bereits geleert, und Schmitz wollte gerade einen neuen Bogen beginnen, als der Werkmeister Maurer eintrat.
Er war ein Mann von gedrungenem Körperbau, mit scharfen, stechenden Augen in dem blassen, ovalen Gesichte. Der Schnurrbart hing um die Mundwinkel, und der ganze Gesichtsausdruck hatte etwas Rohes, Grausames, und besonders jetzt, da der Mann aus dem Halbdunkel von der Tür herüberschaute, sah er wie ein Raubtier aus.
»Du kannst wohl wieder einmal nicht fertig werden? Kommst du bald?« redete er Schmitz an, welcher von seiner Arbeit nicht aufblickte, sondern nur kurz entgegnete:
»Im Augenblick, setz dich so lange!«
Die beiden Männer waren gute Freunde.
Noch vor wenigen Wochen stand Schmitz zwischen den Arbeitern vor der Drehbank und schob mechanisch ein Holzstück nach dem anderen zwischen die spitzigen Zähne des rotierenden Eisens. Und er hatte sich ganz gut eingelebt in diese geisttötende Beschäftigung, die ihm nicht viel Zeit zum Denken übrig ließ. Denn hier galt es mit allen fünf Sinnen bei der Sache zu sein, wenn man nicht den Verlust eines Fingers oder einer Hand beklagen wollte.
Man hatte aber bald in dem stillen, fleißigen Arbeiter den Mann entdeckt, dessen überlegene Ruhe und bestimmtes Auftreten ihn zu einem weiteren Wirkungskreise geeignet machten, und so ward denn Schmitz nach kurzer Zeit Aufseher der Maschinenhalle, in welcher er bis jetzt gearbeitet hatte.
Die übrigen Arbeiter freilich sahen mit neidischen Blicken auf den Emporkömmling, der erst eben auf der Bildfläche erschienen war und ihnen gegenüber nun schon als Befehlender sich aufspielte. Es fehlte daher nicht an spöttischen Bemerkungen, der alte Soldat aber wies jeden, der ihm zu nahe trat, mit kalter Ruhe in seine Schranken zurück.
Wenn er so des Morgens alle emsig bei der Arbeit sah, ging er manchmal zu Maurer hinüber, welcher im Maschinenhause beschäftigt war.
Und bei diesen allmorgendlichen Plaudereien entdeckte Maurer, ein gefürchteter Sozialdemokrat der Stadt, bald in Schmitz einen Mann, der leicht zu gewinnen war und der ein tatkräftiger Genosse zu werden versprach, wenn man ihn nur geschickt ins rechte Fahrwasser hineinlenkte.
Dieses Streben Maurer's ward umso mehr unterstützt, als Schmitz noch immer nicht den Groll gegen den Militarismus und die Staatsleitung, welche diesen groß gezogen, vergessen konnte. Ein tiefer innerer Grimm wühlte noch in ihm ob der Unbilden, die ihm die Früchte der besten Jahre seines Lebens zerstört.
So hatte er denn bald mit Leib und Seele zur roten Fahne geschworen, und aus dem königstreuen Soldaten war eine tatkräftige Stütze der sozialistischen Partei geworden.
Morgen sollte nun Schmitz eine Rede halten, vor einem großen Kreise seiner Gesinnungsgenossen, und deshalb wartete Maurer auf ihn, um noch einmal die wichtigsten Punkte mit seinem Freunde durchzusprechen.
Als Schmitz seine Arbeit fortgelegt und den Bogen im Schreibtisch verschlossen hatte, auf dem die Arbeitsliste der vergangenen Woche verzeichnet stand, schritt er mit Maurer hinab, und schweigsam wandelten die beiden durch die enge Gasse nach Maurer's Wohnung hin.
Aus einem Nachbarhause nahmen sie eine Kanne Bier mit, zündeten dann die Lampe an und begannen die Besprechung.
Es handelte sich um ein neues Steuergesetz, welches besonders den arbeitenden Klassen zur Last fiel, und daher galt es, möglichst viele Gegner zu gewinnen, damit im Reichstag bei der letzten Lesung der Angelegenheit eine ausschlaggebende Majorität die Durchführung der Vorlage zum Scheitern brachte.
Bis nach Mitternacht waren die beiden Freunde in eifriges Gespräch vertieft. Und als sie sich trennten, waren ihre gleichschlagenden Herzen um ein Band reicher.
Den ganzen folgenden Tag befand sich Schmitz in einer Art fieberhafter Unruhe. Es schien ihm doch eine sonderbare Wandlung mit ihm vorgegangen seit der kurzen Zeit, die er des Königs Rock nicht mehr trug. Vor einem Jahre noch war er Soldat des Kaisers, ein Mann, der geschworen, das Vaterland zu schützen und es fördern zu helfen, und heute? Einer von denen, welche man beschuldigt an den Grundfesten des Staatsgebäudes zu rütteln, um sich nach eigenen Gesetzen ein neues Gemeinwesen zu schaffen.
Doch als er am nämlichen Abend in stolzer Haltung die Rednertribüne betrat, und eine nach Hunderten zählende Menschenmenge dem neuen trefflichen Genossen Beifall rief, noch ehe er ein Wort gesprochen, da stieg ein nie empfundenes Gefühl des Selbstbewußtseins, ein unbestimmtes, gewaltiges Streben nach Großem in seiner Seele auf. Gefallen wollte er der versammelten Menge, sie hineinzwingen in den Bannkreis seiner Gedanken, daß alle ihm folgen mußten, willenlos, wie dem Hirten die Herde.
Mit fester Stimme begann er seine Rede. In großen Zügen schilderte er zuerst die Art des neuen Gesetzentwurfs und legte sodann die Folgen desselben für die arbeitenden Klassen dar.
Eine neue Steuer bedeute stets einen weiteren Schritt zur Verarmung der Mittellosen. Und diese neuen Ausgaben seien überflüssig, wenn man es unterließe, eine beständige Vergrößerung und fortwährende Ausrüstungsänderung der Armee vorzunehmen.
»Unsummen verbraucht der Staat alljährlich für das Militär«, sagte er, »kaum hat man Millionen für die Einführung eines neuen Geschützes, die Aufstellung eines neuen Regiments aufgewendet so erweisen sich diese Änderungen oft bald als nicht mehr zeitgemäß, und neue Summen von unglaublicher Höhe werden gefordert, um einen Irrtum oder eine Übereilung gut zu machen. Deutschlands Ruf und Machtstellung hat ihm die Armee erworben, und sein Heer ist es, um welche die Nachbarländer es beneiden, aber stehen wir denn nicht auf dem Gipfel der militärischen Macht, müssen wir denn den Militarismus so weit ausdehnen, bis er schließlich alle anderen Organe der Staatsmaschine erdrückt?
Wollte man nur einen Teil der Unsummen, die das Heer alljährlich verschlingt, anderen Gliedern des Reiches zuwenden, so würde es nicht nötig sein, den Bürger so unverhältnismäßig an seinem Einkommen zu kürzen. Dann wären wir ein reiches Land, der Bürger könnte den Wohlstand erreichen, die Industrie aufleben und mit neuen Kräften einen gewaltigen Aufschwung nehmen.
Will man aber nicht abgehen von dieser enormen Bevorzugung des Heeres,« fuhr Schmitz fort, »so soll man die dafür nötigen Summen denen abnehmen, die in Nichtstun oder geringer Arbeit Millionen zusammenscharren. So aber belastet man den Reichen nicht mehr wie den Arbeiter, der ein Stück des sauer erworbenen Brotes hergibt, um ein Kapital mit aufbringen zu helfen, dessen Nutznießung ihm versagt bleibt.
Denn welchen Segen bringt dem Bürger, dem Volke die Armee? Sie zieht seine Kinder heran, um sie in den besten Jahren der Jugend, in denen der Jüngling sich zum Manne entwickelt und sein Charakter reift, oft mit Ungerechtigkeit und Roheit zu behandeln und dann den einen als erbitterten Gegner der Staatsverfassung, manch anderen als Krüppel in's Leben zurückzuschicken. Und hat er auch die schönsten Jahre männlicher Arbeit, seine Gesundheit dem Staate geopfert, so schickt man ihn oft um einer Kleinigkeit willen hinaus in die Welt, wo er dann wie ein fortgejagter Hund nach Nahrung und einem neuen Herrn suchen muß.
Darum laßt uns die Staatsleitung zu zwingen suchen, das Geld, welches sie zwecklos ausgibt, nutzbringend auf bessere Ziele zu verwenden, damit das Volk für seine Opfer auch einen Lohn genießt!«
Die Worte des Redners, der an seine eigenen bitteren Erfahrungen gedacht hatte, waren von häufigen Rufen des Beifalls und der Zustimmung begleitet, als Schmitz aber von der Tribüne herabstieg, jubelte die begeisterte Volksmenge dem Manne zu, der die richtigen Mittel gefunden, ihr den Lebensweg zu ebnen.
So überzeugend hatten seine Worte geklungen, daß mancher, der noch nicht fest entschlossen war, welcher Partei er seine Gesinnung zuwenden solle, bedingungslos sich dem Manne anschloß, in dessen Bann ihn der heutige Abend hineingezogen.
Und so galt Schmitz mit einem Schlage als einer der tüchtigsten Anhänger der roten Partei, deren Macht in der großen Fabrikstadt immer weitere Kreise zog.
Siebentes Kapitel.
Vor dem Stabsgebäude des Regiments lehnte am eisernen Gitter Wachtmeister Krohn, der Regimentsschreiber.
Behaglich rauchte er seine Morgenzigarre und las die »Deutsche Zeitung«, welche der Briefträger soeben für den Oberst abgegeben. Mit der Arbeit eilte es nicht sonderlich, denn der Oberst war zum Exerzieren hinausgeritten, und an solchen Tagen pflegte auch der Adjutant den versäumten Nachtschlaf etwas gründlicher nachzuholen.
Krohn hatte sich gerade in den Inseratenteil der Zeitung vertieft, als Wachtmeister Schönemann mit schleppendem Säbel, eine Zigarette zwischen den Lippen, zu ihm herantrat. —
»Morjen, Herr Kommandeur!« redete er Krohn scherzend an, »was gibt's Neues? Ist die Blechschmiede noch nicht im Gang?«
»Nee,« antwortete der Gefragte gleichfalls scherzend, »die Schmiede sind noch unterwegs, es ist auch noch kein Blech von der Post gekommen. Übrigens, weißt du das Neueste? Ich hätt's fast vergessen!«
»Nee. Hab ich einen Orden gekriegt?«
»Das gerade nicht, aber König sitzt in Untersuchungshaft.«
»Was? König? Potzdonnerwetter! Was hat denn der ausgefressen?«
»Er soll so'n bißchen in die Schwadronskasse gegriffen haben. Hätte der reiche Kerl auch nicht nötig gehabt!«
»Deuwel ja, das hätte ich auch nicht gedacht, gerade von dem nicht! Wie ist denn das rausgekommen?«
»Habe keine Ahnung! Der Oberst muß wohl etwas erfahren haben. Er hat ihn gestern Nachmittag oben in sein Zimmer gerufen und ihm die Geschichte auf den Kopf zugesagt. Ich guckte durchs Schlüsselloch und sah, wie der arme Kerl ganz blaß wurde und gleich die Bücher holen wollte. Der Oberst ließ sich aber auf nichts ein und ließ ihn festsetzen!«
»Aber die haben doch sonst so gut zusammen gestanden?«
»Natürlich! Es muß eben was dran sein an der Geschichte, sonst hätte der Oberst die Sache vielleicht anders angegriffen, besonders, da er ja selbst verflucht auf der Kippe steht. Diese neue Schweinerei bricht ihm's Genick.«
»Na, ich glaub noch nicht dran, bis ich's Schwarz auf Weiß habe. So was tut König nicht! Der Oberst ist ja immer gleich aus Rand und Band und freut sich förmlich, wenn er einem an den Kragen kann. Das soll »schneidig« aussehen!«
»Na, wir werden's ja sehen!«
Oberleutnant Borgert hatte es als seine letzte Aufgabe betrachtet, dem Rittmeister König für jenen Brief, mit welchem dieser sein Darlehnsgesuch abgewiesen hatte, ein Andenken zu versetzen.
Die ihm bekannte, vermeintliche Tatsache schien ihm ein geeignetes Werkzeug zur Rache, und so hatte er denn durch gelegentliche Bemerkungen im Kameradenkreise dafür gesorgt, daß das Gerücht immer mehr durchsickerte. Schließlich hatte die Rederei und der Klatsch solchen Umfang angenommen, daß nichts übrig blieb, als der Sache auf den Grund zu gehen.
König aber hatte keine Gelegenheit gefunden, sich selbst von dem ungeheuerlichen Verdachte zu reinigen, denn ihm gegenüber ließ man nie ein Wörtchen darüber fallen. Borgert hatte es fertig gebracht, eine allgemeine Mißstimmung gegen den sonst so beliebten Herrn zu erregen, und da dieser darauf nur mit einer kühlen Zurückhaltung antwortete, waren die Sympathien für ihn keineswegs gewachsen, vielmehr freute sich ein jeder im Stillen, daß es nun einen Sündenbock mehr gab.
Leutnant Bleibtreu hätte vielleicht seinen Schwadronschef rechtzeitig von dem umlaufenden Gerüchte in Kenntnis setzen können, aber da er sich gerade auf Urlaub befand und mit den gleichalterigen Kameraden keinen Briefwechsel pflegte, erfuhr er erst durch König selbst von dem traurigen Ereignis.
Gegen Gestellung einer hohen Kaution hatte man König aus der Haft entlassen, und so konnte er denn, vom Dienste suspendiert, in seiner Wohnung den Ausgang der Sache abwarten.
Anfangs war er fassungslos. Nach fünfzehnjähriger, vorwurfsfreier Dienstzeit beschuldigte man ihn eines gewissenlosen, gemeinen Vergehens, auf die Rederei eines moralisch verkommenen und von jedermann belächelten Menschen hin, der ihm nur zu Dank verpflichtet war.
Wo blieb das Vertrauen, die gute Kameradschaft, die man ihm sonst entgegen gebracht? War es nicht Pflicht der Vorgesetzten, diese für seine Verhältnisse höchst unwahrscheinliche Tatsache erst eingehend zu prüfen, bevor man aus ihr eine Beschuldigung formulierte, die geeignet war, seinen Ruf im Regiment und der ganzen Stadt völlig zu untergraben?
Hatte schon seine Verhaftung die übertriebensten Gerüchte und Klatschereien in die Welt gesetzt, so mied man ihn jetzt förmlich als einen Verbrecher, einen Verfemten, und zeigte mit Fingern auf ihn und seine Familie.
Nur Bleibtreu war fest von der Unschuld seines Freundes überzeugt, er kannte den Mann zu genau, als daß er auch nur einen Augenblick an König's Schuld glauben konnte.
Er brachte dies zum Ausdruck, indem er täglich, offenkundig vor aller Welt, König's Wohnung aufsuchte und die Abende im Kreise seiner Familie verbrachte.
Er schloß sich ihm auf seinen einsamen Spaziergängen an und setzte diesen Umgang auch fort, als man ihn seitens des Regiments vor König warnte und ihm die Kameraden sein Verhalten dadurch lohnten, daß sie ihn ebenfalls mieden und eine feindselige Stellung gegen ihn einnahmen.
Alle Anfeindungen jedoch vermochten nicht, ihn in's Wanken zu bringen, er hätte es für feige und niedrig gehalten, einen Freund im Unglück zu verlassen, der ihn in guten Tagen zu Dank verpflichtet.
Auch das gesamte Unteroffizierkorps des Regiments war bis zum gemeinen Mann hinab empört über die Art und Weise, wie man einen beliebten Vorgesetzten ins Unglück stürzte, und dies kam zum Ausdruck durch häufige Besuche einzelner Untergebener bei dem Rittmeister.
Selbst das Zivil, welches sich vom Oberst und den Herren des Regiments fast ganz zurückgezogen hatte, war mit Ekel und Widerwillen erfüllt gegen diese unwürdigen Zustände, und bezeugte seine Sympathie für König in auffälliger Weise.
Durch alle diese Umstände lernte König allmählich etwas heller in die Zukunft blicken, er tröstete sich über seine Lage mit dem Gedanken, daß die Gerechtigkeit siegen und einst der Tag kommen müsse, da er mit jenen zu Gericht ging, die ihm und seiner Ehre nahezutreten sich unterfingen.
Aber es war eine lange Geduldsprobe, die man ihm auferlegte.
Wäre der Fall ein solcher gewesen, daß er die öffentliche Meinung interessiert, dessen Ausgang in weitesten Kreisen Spannung und Neugierde erregt, vielleicht ein Totschlag, eine Mißhandlung oder ein ähnliches schwerwiegendes militärisches Vergehen, so würde man sich beeilt haben, durch schleunige Aburteilung die öffentliche Meinung zu beruhigen.
Hier aber schien es keine Eile zu haben; der Mann mußte eben ruhig warten, bis man Zeit für seine Sache fand! Was machte es denn, wenn er Monate lang in Ungewißheit schwebte und diese lange Zeit dem Gerede übelwollender Leute immer von Neuem reichlichen Stoff zuführte?
So fand erst nach sechs Wochen das erste Verhör statt, in welchem König Gelegenheit gegeben wurde, die ganze Angelegenheit aufzuklären und seine Unschuld nachzuweisen.
Er sollte sich aber getäuscht haben in der Hoffnung, damit das Ende des Prozesses nahe sehen zu dürfen, denn jetzt forderte man die Bücher der letzten drei Jahre ein, um sie einer Prüfung zu unterziehen. Dazu brauchte der Gerichtshof volle drei Monate.
Das Urteil in der Hauptverhandlung lautete auf Freisprechung.
Es war erwiesen, daß ein Eingriff in die Kasse der Schwadron nicht stattgefunden, sondern ein solcher nur vorgespiegelt war, um die Schwierigkeiten weiterer Geldbeschaffung darzulegen und so weitere Darlehnsgesuche abschneiden zu können.
König selbst hatte einen anderen Ausfall des Urteils für ausgeschlossen gehalten. Im Kameradenkreise rief dasselbe aber Ärger und Enttäuschung hervor, Genugtuung und Freude dagegen bei allen denen, welche dem Hause König wohlgesinnt waren und die Wahrheit der dem Rittmeister zur Last gelegten Tatsachen von Anfangs her bezweifelten.
Als vier Monate später die Urteilsbestätigung eintraf, begannen die Verhandlungen von Neuem, denn jetzt war es der Ehrenrat, welcher die ganze Angelegenheit einer nochmaligen Prüfung unterzog, ob König vielleicht in irgend einem Punkte die Standesehre des Offiziers verletzt habe und somit seitens des Ehrengerichts etwa noch eine besondere Bestrafung verdiene.
Daß nunmehr eine ungünstige Wendung der Dinge nicht mehr zu erwarten stehe, sagte König die ruhige Überlegung, denn selbst für den Fall einer Bestrafung konnte diese nur auf das Mindestmaß hinauslaufen und bedeutete somit keinen nachteiligen Schaden.
Deshalb empfand der Rittmeister diese Zeit nicht mehr als eine Prüfung des Schicksals, als eine Zeit der Ungewißheit, des Zweifels, sondern er fühlte sich ganz wohl in dieser Ruhe und Zurückgezogenheit, nachdem er sich einmal an sie gewöhnt.
Im Kreise seiner Familie kam er leicht über die Mißstimmung hinweg, welche sich manchmal noch bei ihm einschlich, und er verbrachte den Tag mit seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Klavierspiel, oder bei sonstiger Unterhaltung.
Frau Clara hatte die schwere Zeit mit bewundernswerter Energie überstanden.
Erst die beliebteste Dame des Regiments, verehrt und geschätzt von allen, dann die Gattin des Mannes, auf den man mit Fingern wies als einen Spitzbuben — ein gewaltiger Schritt, wie er das stolze Gemüt einer Frau nur zu demütigen und zu verletzen vermag.
Und doch war sie es, die stets von Neuem Sonne in die bedrückten Gemüter scheinen ließ, die mit oft mühsam erkünstelter Fröhlichkeit die Wolken der Sorge und der Verstimmung vertrieb.
Selbst Bleibtreu gewann in der Nähe dieser reizenden Frau stets seine gute Laune wieder, wenn er einmal den Lebensmut ob dieser Wirrnis von Gemeinheit und Widerwärtigkeit verlor.
Eines Tages trat er besonders niedergeschlagen bei Königs ein. Schweigsam nahm er Platz am Abendtische, und selbst Frau König's muntere Reden vermochten diesmal nicht, die Wolken von seiner Stirn zu scheuchen.
Erst als man den kleinen Sohn des Hauses zu Bett gebracht und um den runden Tisch in König's Arbeitszimmer saß, schlug der Rittmeister dem Freunde auf die Schulter und sagte scherzend:
»Was machen Sie denn heute für eine Leichenbittermiene? Ist zu Hause der Hafer schlecht geraten?«
Über Bleibtreu's Gesicht ging nur ein trauriges Lächeln, aber er entgegnete nichts.
»Nun sagen Sie doch, Mensch, was haben Sie denn?« begann der Rittmeister von Neuem.
»Mein Gesuch um Versetzung ist heute abschlägig beschieden worden,« entgegnete der junge Offizier mit bedrückter Stimme.
König entgegnete nichts, auch seine Gattin schwieg und schaute nur teilnahmsvoll auf ihren Freund.
»Und was gedenken Sie nun zu tun?« fragte der Rittmeister nach einer Weile.
»Ich habe heute meinen Abschied eingereicht.«
Einen Augenblick sah das Ehepaar betroffen den Sprecher an, dann aber streckte König seinem Freunde die Hand entgegen und sagte:
»Nun, daran haben Sie recht getan! Zwar bedaure ich Sie von Herzen, daß Sie sich jetzt in einem neuen Berufe einleben müssen, denn Sie sind noch jung, Ihr Leben ist noch lang. Aber ich verstehe die Beweggründe, welche Sie zu diesem Schritt veranlaßt haben. Sie haben als junger Offizier Dinge erlebt, die mich in meinen alten Tagen nicht weniger berühren, und ich kann es begreifen, wenn Sie die Achtung vor dem Berufe verloren haben, der Ihr bisheriges Leben ausgefüllt hat. Ich hätte Ihnen gewünscht, in einer anderen Garnison, unter anderen Verhältnissen und anderen Menschen erfahren zu können, daß es noch Offizierkorps gibt, in denen man leben und sich dieses Lebens freuen kann. Da Ihnen dies aber versagt ist, ist es das Beste, wenn Sie dem Soldatenstande den Rücken kehren. Ich selbst hätte Ihnen den Rat schon früher gegeben, hätte ich nicht Bedenken getragen, Sie zu einem Entschlusse zu drängen, den Sie später bereuen könnten. Um Ihnen zu zeigen, daß ich aus Überzeugung spreche, will ich Ihnen nur sagen, daß auch ich mich mit Abschiedsgedanken trage.«
Diesmal war es Bleibtreu, der mit weit aufgerissenen Augen auf den Rittmeister schaute.
»Aber warum denn?« brachte er erstaunt hervor, »Sie werden doch versetzt!«
»Gewiß, ich werde versetzt. Aber mir geht es wie Ihnen: meine Achtung vor dem Stande, dem ich fünfzehn Jahre in Ehren angehört habe, ist dahin. Zwar habe ich in früherer Zeit bessere Verhältnisse kennen gelernt, aber daß es in einem Offizierkorps Zustände geben kann, wie in dem unseren, das hat mir gezeigt, daß ich nicht hineinpasse. Wer verspricht mir, daß ich in einer anderen Garnison nicht Ähnliches erleben muß? Außerdem kann ich wohl mit Sicherheit voraussehen, daß man mich nicht in eine Residenzstadt stecken wird.«
»Und warum nicht?« fragte Bleibtreu.
»Semper aliquid haeret, mein Lieber, zu Deutsch: >etwas bleibt immer daran hängen<, außerdem steht mir noch eine Bestrafung seitens des Ehrengerichts bevor, also auch eine minderwertige Garnison.«
»Dann allerdings!« stimmte Bleibtreu bei.
»Sehen Sie,« fuhr König fort, »seit neun Jahren lebe ich nun in diesem elenden Nest. Der reine Bauer bin ich geworden! Ja, es ist wirklich so, wenn Sie auch lachen. Wenn man niemals mehr unter andere Menschen kommt — die paar Tage Urlaub spielen keine Rolle — weiß man kaum noch, wie man sich zu benehmen hat, und man lebt sich in nachlässige Formen und Gewohnheiten ein, die der Kamerad aus Berlin oder Hannover abscheulich finden würde. Der Kasinoton, den wir allmählich hier ganz normal und selbstverständlich finden, würde in einer anderen Garnison unmöglich sein, weil dort die Menschen mehr mit anderen, täglich mit neuen, zusammen kommen, und so stets auf gute Sitten angewiesen sind. Stecken aber dieselben Menschen das ganze Jahr zusammen, allein, für sich abgeschlossen, dann lassen die Formen nach, und man wird schrittweise ein Salonflegel.«
»Das ist ja nur natürlich, Herr Rittmeister! Man lebt hier wie in einem Taubenschlag beisammen, und jeder hat natürlich nichts Besseres zu tun, als seinem Nachbar auf die Finger zu sehen und sich in alles zu mischen, was er tut und läßt, weil ihn andere Dinge nicht beschäftigen, einfach weil es die in einer so kleinen Garnison gar nicht gibt.
Daraus entstehen dann diese ewigen Stänkereien, und dazu kommt, daß man in diese weltvergessenen Nester oft Elemente setzt, die man in einer anständigen Garnison nicht brauchen kann, aber nicht ganz hinauswerfen möchte. Alle Augenblicke hört man: strafversetzt nach Mörchingen, Lyck oder wie die Nester alle heißen.«
»Sehr richtig!« gab König eifrig zur Antwort. »Wer wo anders etwas verbrochen hat, kommt meist in eine Grenzgarnison, um ihn unschädlich zu machen. Man bedenkt aber nicht, das diese oft nicht einwandfreien Elemente unter einander mehr Unheil anrichten, als wenn sie zwischen einer mindestens gleich großen Zahl anständiger, tadelloser Kameraden lebten.
Fast alle Skandalgeschichten in Offizierkorps passieren an der Grenze in solchen Nestern, die meist erst dadurch bekannt werden, weil sie nur auf großen Landkarten stehen.
Hätten nun wenigstens die Offiziere hier Gelegenheit, ihren eigenen Wegen nachzugehen. Aber nein, sie sind gezwungen, fast nur im Kasino zu verkehren. Anderweitige Abwechslung, wie sie größere Städte in Hülle und Fülle bieten, gibt es nicht, und wer Lust hat, jeden Abend in derselben Kneipe dasselbe Bier zu trinken und dabei stets das Gewäsch derselben Menschen anzuhören, welches sich selten um anderes, als um langweiligen Stadtklatsch dreht? Das kann einer auf die Dauer nicht aushalten, denn die übrigen Kneipen des Ortes sind ihm verboten, weil sich Kreti und Pleti darin herumtreibt. Man geht also in's Kasino und trinkt aus purer langer Weile so lange, bis man genug hat, und dann entstehen die berühmten Skandalgeschichten. Bei diesem ewigen Zusammenhocken muß es ja zu Reibereien kommen, es sind doch schließlich alle verschieden geartete Menschen mit verschiedener Auffassung und Erziehung. In einer großen Garnison geht man nur ins Kasino, wenn man einen bestimmten Zweck damit verbindet, denn die Langeweile kann man sich hier anders vertreiben, als mit sinnlosem Gesaufe.
Und ist einer gar noch hinter den Weibern her, dann ist erst recht der Teufel los. Sie haben ja hier die schönsten Beispiele: In einer Großstadt bieten sich seinen Gelüsten genug von dieser Sorte an, hier aber fehlen solche Existenzen, man vergreift sich also an den Frauen der Kameraden.«
»Aber Offiziere müssen diese kleinen, meist sehr wichtigen Grenzgarnisonen doch auch haben!« warf Bleibtreu ein.
»Gewiß,« entgegnete König eifrig, »man soll nur nicht so viele Minderwertige dahin schicken, sondern in erster Linie einwandfreie Offiziere mit anständiger Gesinnung und tadellosem Vorleben.
Und das ganz besonders, wenn man diese Grenzgarnisonen als so wichtig bezeichnet, denn leichtsinnige Sumpfhühner werden in der Regel keine brauchbaren Offiziere sein, wenn man im Ernstfalle erhöhte Anforderungen an ihre Leistungsfähigkeit stellt.
Aber jeder hält es für eine ganz besondere Strafe oder wenigstens für ein gewaltiges Pech, an die Grenze zu kommen, und schon das verleidet ihm oft die ganze Lust am Soldatenspielen. Himmel und Hölle werden in Bewegung gesetzt, um ja in einer anständigen Garnison zu bleiben. Der Gardeoffizier oder der aus einem feudalen Regiment verlebt seine ganze Dienstzeit herrlich und in Freuden in einer Großstadt. Warum vertrauert unsereiner seine schönsten Jahre in so einem Drecknest?«
»Wahrscheinlich stößt man sich an den Kosten der Reisen durch viele Versetzungen, die dann doch eine bedeutende jährliche Mehrausgabe im Staatshaushalt bedeuten würden,« sagte Bleibtreu.
»Das ist kein Grund, wenn man ernstlich will, geht alles. Jährlich strömen hunderte von Offizieren zu allen möglichen Kommandos in Berlin zusammen. Wenn diese beendigt sind, kann man ja jeden in eine andere Garnison schicken, dadurch entstehen nicht mehr Kosten, als wenn er in sein Stammregiment zurückkehrt. Dafür kommen wieder andere Offiziere nach Berlin, und diese dann wieder in andere Garnisonen. So gleicht sich der Offizierersatz prächtig aus, für einen Offizier, den das X. Regiment zur Ausbildung nach Berlin schickt, bekommt es einen Ausgebildeten zurück, der früher in Y. gestanden hat. Außerdem könnte man alljährlich außer der Reihe noch eine Auswechslung vornehmen, und dafür an einer anderen Ecke etwas sparen.
Statt dessen aber besteht der Ersatz für Grenzgarnisonen, die außer vielleicht ein paar Kadetten keinen Nachwuchs an Fähnrichen haben, zum großen Teil aus Sündern und solchen, die sich in anderen Garnisonen unmöglich gemacht haben, abgesehen von höheren Offizieren, welche ein Grenzregiment für eine Auszeichnung halten, weil sie dann dem Feind am nächsten sind und zuerst draufhauen dürfen, wenn es losgeht.
Aber auch das ist nur noch eine Illusion. Heutzutage, wo die Aussichten auf einen Krieg immer geringer werden, steht der Vorzug, dem Feind am nächsten zu sein, nur noch auf dem Papier.
Bei dem jetzigen System müßte es Grundsatz sein, keinen Offizier länger als zwei, höchstens drei Jahre in einer Grenzgarnison zu belassen. Dann würde sich die Armee vor viel Schaden sichern, sowohl hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit, als auch besonders ihres Rufes.
Außerdem wäre eine schreiende Ungerechtigkeit aus der Welt geschafft.«
Bleibtreu nickte beistimmend, als König seine Ausführungen beendet hatte und sagte:
»Ich stimme Ihnen durchaus bei, Herr Rittmeister! Aber trotz alledem könnten Sie es doch noch einmal in einer anderen Garnison versuchen, denn nach einer so langjährigen Dienstzeit würde ich es an Ihrer Stelle doch wenigstens bis zum Rittmeister erster Klasse aushalten. Das ist noch eine Zeit von ein bis zwei Jahren, und dann haben Sie einen bedeutenden Pensionsvorteil. Ist die neue Garnison nicht nach Wunsch, so bleibt zum Abschiednehmen noch genügend Zeit!«
»Gewiß, Sie haben recht! Aber ich sagte Ihnen schon, daß ich jegliche Lust an meinem Berufe verloren habe.
Fünfzehn Jahre habe ich gearbeitet und gestrebt. Ich habe meine Pflicht stets zur Zufriedenheit der Vorgesetzten getan und manche Auszeichnung erfahren. Jetzt aber bin ich lahm gelegt und sofort tritt ein anderer an meine Stelle. Nach den Früchten meiner bisherigen Tätigkeit fragt kein Mensch, die Maschine bleibt im Gange, als hätte ich nie existiert. Und wenn man so gar keinen nachhaltigen Erfolg aus seiner Lebensarbeit sieht, das ist so niederdrückend, so beschämend! Der tüchtige Arzt, der Kaufmann, der Jurist wird vermißt, wenn er aus seinem Wirkungskreise scheidet, nach uns aber fragt niemand, wenn man nicht gerade ein großer Feldherr gewesen ist. Niemals könnte ich wieder mit innerer Lust und Aufopferung meinen Dienst versehen, und deshalb gehe ich lieber.«