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Aus Indien

Chapter 16: Wassermärchen
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About This Book

A series of travel sketches and diary fragments chronicles a voyage through the eastern seas and Ceylon, offering vivid sensory accounts of shipboard nights, canal stoppages, tropical landscapes, port arrivals, and street impressions. The narrator observes local customs and fleeting encounters with other travelers and residents, attending closely to light, sound, and mood. Interspersed poems and journal pages lend a reflective, sometimes melancholic tone, producing compact vignettes that meditate on displacement, cultural difference, and the small, telling incidents that shape the experience of travel.

Wassermärchen

Mit einer geliebten Frau möchte ich den Weg noch einmal machen, den ich gestern von Palembang aus in der kleinen, schmalen Prauw gefahren bin.

Wir fuhren in dem schwankenden Bötchen, das keine Handbreite Tiefgang hat und darum das kleinste Rinnsal noch befahren kann, eines der schmalen, braunen Seitenflüßchen hinauf, gegen Abend noch mit der Flut. Da war zwischen den Pfahlhütten das gewohnte unschuldig bewegte Leben, Netzfischerei jeder Art, worin die Malayen wie im Vogelfangen und im Rudern wahre Meister sind, nacktes, schreiendes Kindergewimmel, kleine, schwimmende Händler mit Sodawasser und Syrup, leise rufende Verkäufer von Koranen und winzigen mohammedanischen Andachtsbüchlein, badende Buben. Streitende sieht man hier selten, Betrunkene nie, und der Reisende aus dem Westen schämt sich, daß dies ihm auffällt.

Wir fuhren gemächlich weiter, der Bach ward schmal und seicht, die Hütten hörten auf, Sumpf und Busch umgab uns grün und schweigend, Bäume standen da und dort am Ufer und im Wasser selbst. Sie wurden unmerklich zahlreicher, streckten tausendfältige Wurzelstelzen nach uns aus, und über uns hing dichter und dichter ein grünes Netz und Gewölbe von Laub und Geäst. Bald war kein Baum mehr einzeln zu erkennen, jeder hing mit Wurzeln und Luftwurzeln, mit Ästen, Zweigen und Schlingpflanzen in die anderen verstrickt und verwoben, alle von hundert Farren, Lianen und andren Schmarotzerpflanzen gemeinsam umarmt und verbunden.

In dieser stillen Wildnis flog zuweilen farbenblitzend ein Eisvogel auf, die hier in Menge nisten, oder grau huschend eine kleine Schnepfe oder schwarz und weiß wie eine Elster der fette, amselartige Singvogel des Urwaldes, sonst war kein Laut und kein Leben da als das innige Wachsen, Atmen und Ineinanderdrängen des dicken Baumgewölbes. Der Bach, oft kaum noch breiter als unser Boot, beschrieb in jeder Minute einen neuen, launenhaften Bogen, jedes Gefühl für die Maße und Entfernungen ging vollständig unter, wir fuhren betroffen und still durch eine wirre, grüne Ewigkeit dahin, vom Baumgewirre dicht überwölbt, von großblättrigen Wasserpflanzen umdrängt, und jeder saß stumm und staunte, und keiner dachte daran, ob und wann und wie dieser Zauber wieder könnte gebrochen werden. Ich weiß nicht mehr, ob er eine halbe Stunde, oder eine Stunde, oder zwei Stunden gedauert hat.

Er wurde unversehens gebrochen durch ein wildes, vielstimmiges Gebrüll über unseren Köpfen und durch heftiges Wipfelschwanken, und alsbald glotzte eine Familie von großen, grauen Affen uns an, beleidigt und gestört durch unser Eindringen. Wir hielten an und blieben regungslos, und die Tiere begannen wieder zu spielen und sich zu jagen, und eine zweite Familie kam dazu, und wieder eine, bis über uns das Dickicht von großen, langschwänzigen, grauen Affen wimmelte. Zuweilen schauten sie wieder erbost und mißtrauisch herunter, schnoben zornig und knurrten wie Kettenhunde, und als wohl über hundert von den Tieren da über uns saßen und wieder zu schnauben und aus nächster Nähe die Zähne zu fletschen anfingen, da gab unser Palembanger Freund uns lautlos ein warnendes Zeichen mit dem Finger. Wir hielten uns behutsam still und hüteten uns, auch nur an einen Ast zu streifen, denn in Busch und Sumpf eine Stunde von Palembang von einem Affenvolk erwürgt zu werden, hätte jedem von uns ein vielleicht nicht schändliches, doch aber ein unfeines und unrühmliches Ende geschienen.

Vorsichtig tauchte unser Malaye sein kurzes, leichtes Ruder ein, und still und geduckt fuhren wir sorgsam zurück, unter den Affen und unter den vielen Bäumen durch, an den Hütten und Häusern vorüber, und als wir den großen Strom wieder erreicht hatten, war die Sonne schon untergegangen und aus der rasch einbrechenden Nacht glänzte die zauberhafte Stadt zu beiden Seiten des gewaltigen Wassers mit tausend kleinen, schwachen Lichtern her.