WeRead Powered by ReaderPub
Aus Indien cover

Aus Indien

Chapter 17: Die Gräber von Palembang
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A series of travel sketches and diary fragments chronicles a voyage through the eastern seas and Ceylon, offering vivid sensory accounts of shipboard nights, canal stoppages, tropical landscapes, port arrivals, and street impressions. The narrator observes local customs and fleeting encounters with other travelers and residents, attending closely to light, sound, and mood. Interspersed poems and journal pages lend a reflective, sometimes melancholic tone, producing compact vignettes that meditate on displacement, cultural difference, and the small, telling incidents that shape the experience of travel.

Die Gräber von Palembang

An jedem schönen Vormittag verließ ich die Stadt gleich nach dem Frühstück und blieb zwei, drei Stunden im Freien draußen, um reine Luft zu atmen, Grün zu sehen und gelegentlich einen Schmetterling zu fangen. Alle diese Städte, auch das große Singapur, liegen ganz von Dörfern, Weilern, Höfen und primitivster Ländlichkeit umgeben und lösen sich still und ohne Umriß in die fruchtbare grüne Wildnis auf. Eben erst warst du noch in einer dröhnenden Straße mit Geschäftshäusern, Lastwagen, ausrufenden Händlern und zigarettenrauchenden Lausbuben, du bist in einen stilleren Seitenweg eingebogen, wo helle freundliche Bungalows vereinzelt weitab von der Straße in Gärten stehen, und unversehens fühlst du dich, wunderlich erwachend, vollkommen auf dem Lande, wirst von weidenden Ziegen oder Kühen beschnobert oder hörst im wilden Gehölz die Sprünge der Affen rauschen.

In Palembang führte mein Spazierweg meistens am Fischmarkt vorbei, vorüber am grausigen Anblick lebend umherliegender Fische jeder Art und in Massen aufgehäufter abgehauener Fischköpfe, und an den Häusern und Magazinen der Großhändler hin bis zu einer alten Moschee, immer parallel mit dem Flusse, und von da rechtwinklig landeinwärts, und schon hier begann die typische Mischung von Dorfleben und Buschwildnis. Schönes kleines Rindvieh weidet überall, kreuzt sorglos die Fahrstraße und ist sehr zutraulich. Auf der Straße geht zu manchen Stunden ein starker Verkehr, Fußgänger und Lastträger, sehr viele Zweiräder, Ponywagen und auch schon Automobile. Zehn Meter davon, im dichten Busch, ist man in vollkommener Urwildnis, von Eichhörnchen und Vögeln in Menge umschwärmt, von Affen beknurrt und gelegentlich durch ungeheure, zum Teile giftige Tausendfüßler und Skorpione erschreckt. Wer sich auskennt, kann hier auch häufig Tigerspuren finden.

Nirgends aber kann man hundert Meter gehen, ohne auf Gräber zu stoßen. Überwachsen und vergessen liegen überall die Malayen- und Arabergräber, den unseren ganz ähnlich, die neueren mit welken Grasbüscheln geschmückt, die von den Mohammedanern am Freitag dort niedergelegt werden. Manchmal ist eine kleine Begräbnisstätte von einer Mauer umgeben, deren Portal mit edlem Bogen und fein profilierten Pfeilern, von hohen Gräsern umwachsen und von riesigen Bäumen überhangen, schattig und vereinsamt in seiner romantischen Verwahrlosung steht, so schön und nobel wie nur irgendein feiner stiller Ruinenwinkel in Italien.

Dazwischen kommt immer wieder, riesig und mit großen goldenen Buchstaben an den Pfeilern leuchtend, ein Chinesengrab, eine ummauerte Halbkreisterrasse am Abhang von fünf, zehn, zwanzig Metern Durchmesser, je nach Bedeutung und Reichtum des Beerdigten, in der schön emporgeschweiften Mauer blau und golden die Inschriften, das Ganze kostbar, feierlich und schön wie alles Chinesenwerk, ein wenig kühl und leer vielleicht, und überall rechts und links darum her und in den Lüften darüber aufgeschossen dicke Busch- und Baumwirre.

Manche von den mohammedanischen Grabanlagen werden früheren Sultanen zugeschrieben, dort sind einige der Mauerportale so schön und in sich abgewogen wie die allerbeste Renaissance. Man ist erstaunt, das auf Sumatra zu finden, aber man erstaunt noch mehr, wenn man hört, daß eine verschwommene alte Palembanger Sage behauptet, hier liege Alexander der Große begraben. Bis hierher sei er gekommen und hier sei er gestorben. Mir fiel dabei das Gespräch ein, das ein Freund von mir in Italien am Trasimener See mit einem Fischer hatte. Der Fischer erzählte Ungeheuerliches von der blutigen Schlacht, die hier vor langen Zeiten der große General Hannibal geschlagen habe, und als mein Freund weiter fragte, gegen wen denn Hannibal damals gefochten habe, wurde der Mann unsicher, meinte dann aber ziemlich bestimmt, es werde wohl Garibaldi gewesen sein.

Bei den Gräbern vor Palembang habe ich schöne wunderliche Stunden hingebracht, allein in dem krausen grünen Busch, von den großen Schillerfaltern umflogen, auf die vielen Rufe der Waldtiere und die wilden, phantastischen Gesänge großer Insekten horchend. Ich saß ausruhend und von der Hitze erschöpft auf den niederen Mauern der Chinesengräber, die so groß und fest und reich gebaut sind und doch vom wilden Leben und Wachstum dieses Bodens alle bald überholt, bezwungen und zugedeckt werden. Ich wurde von schwarzen und weißen Ziegen und von kleinen, sanften, rotbraunen Kühen besucht und betrachtet, oder von Rast haltenden Affen still beäugt, oder von umherschwärmenden Malayenkindern mit Scheu und Neugierde umringt. Ich kannte nur wenige von den Bäumen und Tieren, die ich um mich sah, mit Namen, ich konnte die chinesischen Inschriften nicht lesen und konnte mit den Kindern nur zehn Worte reden, aber ich habe mich nirgendwo in der Fremde so unfremd und so von der Selbstverständlichkeit und vom klaren Fluß alles Lebens umschlossen gefühlt wie hier.