Des Kaisers Fünf
»Numero zwei!« sagte mein Vater und tippte mir von hinterrücks mit dem Finger auf die Schulter, während sein Kopf nach dem offenen Fenster hinübernickte, mit einem feinen wetternden, ironischen Ausdruck um die bartlosen Lippen, der mir überhaupt nie gefallen hatte.
Das Fenster unserer gemeinsamen Kontorstube stand auf, und über die im Sonnenduft flimmernden Gärten hinweg kam aus der Ferne in regelmäßigen Pausen ein dumpfer Donnerhall.
»Hm!« nickte ich mißmutig dagegen, nur kurz aufschauend. Es war an diesem Tage wirklich viel zu thun in der Korrespondenz, und ich duckte den Kopf mit emporgezogenen Schultern wieder tiefer auf meine Arbeit nieder. Sehr hübsch und patriotisch von Papa, daß er sich die Zeit nahm und nun halblaut die fernen Kanonenschläge zu zählen begann!
»Das laß ich mir doch gefallen — so ein Prinz Wilhelm! — Nun schon der zweite binnen Jahresfrist!« fing er wieder an, offenbar durch mein gleichgültiges Wesen geärgert. »Bum! Achtzehn — neunzehn! — Wie deutlich man den Schall diesmal vom Lustgarten her vernimmt — zwanzig! — ich dächte im vorigen Jahr, bei dem ersten Prinzen, klang es nicht ganz so klar herüber —ein—und—zwanzig—zwei—und—zwanzig —«
Ja, ich war ärgerlich, ich vermochte nicht in meines Vaters Jubel einzustimmen. War dieser Jubel ein rein sachlicher und die Begeisterung für das kräftige Gedeihen des Hohenzollernstammes nicht etwa absichtlich übertrieben, in Anbetracht seiner sonst so ruhigen und den mancherlei Fährnissen des Lebens gegenüber nicht aus dem Gleichgewicht schlagenden Art? O ich merkte es wohl: es geschah mir zum Tort! — eine herrliche und eindringliche Gelegenheit, mir meine beharrliche Kinderlosigkeit aufzutrumpfen ....
Mir und meinem herzigen, lieben, braven Frauchen, die gewiß ebenso und noch mehr darunter litt, daß sich über unserm Dache immer und immer noch kein Rauschen von Storchesflügeln einfinden wollte. Denn seit vier Jahren harrten wir dieses Rauschens. Und die ganze Familie mit uns. Ich konnte es meinem guten Vater nicht verargen, wenn ihm diese Großpapahoffnung all sein Fühlen und Denken immer eindringlicher und hartnäckiger versetzte. Stand doch auch die Zukunft unseres alten Geschäftshauses in Frage — unser Stamm würde mit Papa und mir aussterben, wenn auch der Name bliebe, denn wir trugen, obgleich in Berlin eingewandert, einen in der Berliner Luft sehr verbreiteten Namen.
Aber was war zu thun? Geduldig weiter zu harren und zu hoffen! Wenn nur nicht der Kummer über das ausbleibende chimärische Glück bedenklich an dem soliden Glücke zu rütteln begonnen hätte, das wir greifbar in den Händen hielten. Diese steten Anspielungen; diese fast brutal offenen Fragen, die an allerlei Gedenktagen herausplatzten; und die Kontrolle, die fast ans Polizeiliche streifende Überwachung der biedern Tanten- und Basenschaft! Zuletzt waren wir beiden unschuldig-schuldigen Verbrecher so argwöhnisch geworden, und überall, in sonst ganz harmlos klingenden Fragen und Bemerkungen, in Blicken und Mienen witterten wir die Anklage.
Z. B. am Neujahrstag. Ist es nicht zum verzweifeln, wenn Papa während unseres gemeinsamen traditionellen Familienfestessens wohl zehnmal die Bemerkung über den Tisch wirft: »Ja, ja, was wird uns das neue Jahr nicht für Überraschungen bringen ....« in allerlei Tonart, murmelnd, schmunzelnd, nachdenklich, dann vom Klang der Gläser begleitet, sogar in einem gewissen energisch ermunternden Ton. Und beileibe nicht aller Augen verstohlen oder offen nach uns beiden hinzielend! Beileibe waren wir ja gar nicht damit gemeint!
Z. B. wenn mein Frauchen ihre Schwiegermama besucht. Die rundliche, kleine, weiche Hand der in allen Dingen maßvollen und durchaus nicht schwiegermütterlichen Dame streichelt sanft, mit linder Zärtlichkeit meiner Frau über das Oval der Wangen, wobei sich die untersetzte Figur etwas herausrecken muß — keine Frage, höchstens ein kaum verlautbares »nun?« Aber Mamas eigenartig grellblaue Augen fragen um so deutlicher, ob es denn noch immer nichts zu beichten gäbe.
Z. B. bei Tante Eckberte. Sie war eine besondere Respektsperson in der Familie, eine alleinstehende Dame von ausgesprochener Erbtantenwürde, auf das vorsichtigste von uns allen behandelt, als wäre sie das kostbarste Porzellan. Sie hatte »das Geld« — als wenn wir nicht alle zur Zufriedenheit davon besäßen! — aber dieses Geld von ihr strahlte etwas wie eine Gloriole aus, in der sich mancherlei Hoffnungen sonnten. Doch schien ihr von uns allen niemand so besonders geeignet oder gar würdig, dereinst nach ihrem Ableben — Gott erhalte sie noch lange! — von solchem Sonnenschein überschüttet zu werden, niemand als das Kommende, sehnsüchtig Erwartete — mochte es auch nur ein Nichtchen sein, denn sie bestand nicht so dringend auf der Fortsetzung des Mannesstammes, einerlei, ihr Vorname würde sich so gut auf ein »er« wie eine »sie« übertragen lassen. Und das war Bedingung, schien sie doch in ihren Namen verliebt: — »nicht wahr, mein Söhnchen,« sagte sie zu mir, »Eckberte ist der schönste Name, ich möchte wohl, daß ihn noch ein anderer in der Familie trüge, ich möchte das wohl noch erleben.«
Und ihre überaus klugen grauen Äuglein glitzerten mit einer gewissen, naiven, verschmitzten Begehrlichkeit dazu.
Ja das war ausgemacht: »wenn« — dann sollte und mußte »es« Eckbert oder Eckberte heißen. Emmy hatte sich lange genug gegen diesen außergewöhnlichen, seltsam stachelichten Namen gesträubt, es hatte sogar Thränen deswegen gegeben, damals, vor Jahren, als unsere Hoffnungen noch nicht mit beharrlicher Enttäuschung vergällt waren. Nun waren wir einig, längst einig über diesen Namen, es fehlte nur noch das Köpfchen dort in jener imaginären Wiege, das ihn uns abnähme ....
Da schien mir doch Onkel Gustavs zutappende Art tausendmal lieber. Er war der Bruder meiner Mutter, ein Major a. D., der seine Muße damit ausfüllte, in seinem Villengarten zu Charlottenburg Rosen zu züchten, sonst aber eine durchaus nicht blütenzarte Persönlichkeit. Also ein energischer Schlag seiner rauhbehaarten Rechten auf meine Schulter: »Na, Alterchen, was machst du? Immer noch nichts zu taufen? Na mach’ doch kein so saures Gesicht! Komm her, wir wollen einmal anstoßen — sollst meinen Neuen kennen lernen, ein Graacher von 76 — hui! (und er stieß einen Pfiff des Entzückens aus) — Prosit also auf Euren Nachexercierer!«
Und nachdem wir von dem wirklich köstlichen Tropfen tüchtig genippt: »Übrigens viel Schererei mit solcher Krabbelgesellschaft!« Er deutete mit einem kräftigen Seufzer auf den jüngsten seiner drei Söhne, die er in der Armee hatte, »ein Schwerenöter, der die Haare auf seines Vaters Kopf nicht verschont mit seiner Schuldenpassion!« Allerdings hatte das leichtlebige Vetterchen auf diesem Boden stark geweidet, nach des Onkels leuchtender Glatze zu urteilen.
»Fünf—und—zwanzig — — sechs—und—zwanzig!« zählte mein Vater weiter, immer schärfer accentuierend. »Ich bin doch neugierig, ob es ein Prinz oder eine Prinzessin wird —«
Ich zuckte stumm die Schultern und fuhr in meiner Arbeit fort. Er wurde immer lebhafter, je mehr die Kanonenschüsse sich der entscheidenden Zahl näherten. »Eine Prinzessin zur Abwechselung wäre auch ganz nett — sieben—und—zwanzig — bum! das war ein gehöriger Knall! — na macht doch vorwärts, da draußen!« rief er nach dem offenen Fenster hin, mit komischer Ungeduld.
Jetzt noch drei, dann zwei Schüsse — »Dreißig!« rief er feierlich. Dann still, erwartungsvolles Schweigen ringsum, selbst das Bienengesumm im Garten schien anzuhalten, um zu lauschen, ob es eine Prinzessin und damit das Freudenschießen zu Ende.
»Bum—mm!« Ein Kanonenschuß, so freudig laut erschallend, daß das Glas dort auf der Wasserkaraffe ein leises Klingeln bekam.
»Bumm!« Mein Vater schlug dabei mit der Hand auf das Pult — »hurrah, ein Prinz! Numero zwei! Famos! Herrlich! — Na, freust du dich denn nicht mit, Junge?«
»Famos, Papa —« drückte ich kleinlaut hervor, mit einem erzwungenen Lächeln.
»Was wird sich der alte Kaiser freuen!« meinte mein Vater.
»Na ob!« erwiderte ich. Diesmal war es doch keine bloße Anspielung von Papa. Welch ein unausstehlicher Egoist bin ich doch, daß ich mich nicht einmal von Herzen zu freuen vermag über fremdes Glück — da es doch sogar ein Kaiserglück ist!
An Arbeiten war nicht mehr zu denken, solange der dumpfe Donner der Kanonenschüsse nun durch die Luft daherrollte. Und es wollte eine Ewigkeit dauern, bis der Prinz seine ihm zustehende Schußzahl erhalten. Oft schienen sich die Schläge zu beeilen, dann kamen wieder um so längere Pausen. Papa zählte nun nicht mehr mit, desto andächtiger lauschte er, und jeder Schuß zitterte wie ein froher Schein über sein Antlitz.
Wie würde er sich erst freuen, »wenn« — ach, dieses »wenn!« Mit einer krampfhaften Anstrengung, der dummen, quälenden, neidischen Anwandlung Herr zu werden, rief ich plötzlich »Neunundsechzig!« und horchte, und zählte weiter — es war das beste!
»O wir sind ja viel weiter,« fiel Papa ein. »Du brauchst keine Sorge zu haben, die dort verzählen sich schon nicht.«
Mein Trotz aber hieß mich weiterzählen, aufs Geratewohl, ins Blaue hinein. Plötzlich hörte das Schießen auf. Wieder die Stille, eine so seltsam feierliche Stille, die allmählich erst wieder von dem vielerlei Tagesgeräusch überdeckt wurde.
Papa nickte mir zu, und ich nickte zurück über das Pult. Dann senkte er den Kopf, um die unterbrochene Arbeit wieder aufzunehmen. Aber ich merkte seinem hastigen Gekritzel an, wie erregt er war. Jetzt schwellte ein Seufzer seine Brust — verriet der nicht nur zu deutlich, welch eine Enttäuschung sich unter all der lauten Freude versteckt gehalten, um nun in der Stille doppelt fühlbar zu werden!
Ich war froh, als der Schlag unseres Regulators mich aus dieser Pein erlöste. Mein gutes Weib ... der Gedanke an sie begleitete mich durch das Gewühl der Straßen. Sie wird die Schüsse ebenfalls vernommen haben — und was hat sie dabei empfunden! Im Grunde eine Thorheit, sich darüber zu grämen — waren wir denn nicht glücklich? lebten wir nicht in Eintracht und Treue?
Aber die Gaukelei dieser hergezauberten Glücksbilder wollte nicht recht wirken hier auf der Straße. Schien es mir doch, als hinge ein verklärender Schein auf all den sonst von Geschäftsnot und erbärmlicher Eigensorge verzerrten oder verhärteten Gesichtern. Sie gedachten des neugeborenen Prinzen .... Zitterte nicht immer noch der Freudendonner durch die blaue Luft? Leuchtete nicht das Grün der Bäume so festlich?
Wie ein körperlich schwerer Schatten fiel es über mich, als ich unsere Hausthür durchschritt und das zum Frösteln kühle Treppenhaus hinanstieg. Es war so still in der Wohnung, und meine Tritte knarrten hart und aufdringlich, aber eine andere Stille als jene voll Freude vibrierende, die dem letzten Kanonenschuß gefolgt.
Emmy erhob sich von ihrem Lieblingsplatze dort in dem von Gewächsen und Blumen gefüllten Erker — führte sie nicht selbst, die Kinderlose, solch eine Art Blumendasein? Ihre Arbeit in der Hand, schwebte sie auf mich zu, mit einem feinen Lächeln des Willkomms; um ihr goldblondes Haar flimmerte das Tageslicht, und ihre großen dunklen Augen strahlten mir entgegen.
»Du kommst heute etwas früher, Kurt?«
Ach, ihre liebe Stimme, die mir wie eine Rührung zum Herzen drang! Und ich umarmte sie lange, länger und inniger als sonst. Als sie ihr Köpfchen von meiner Schulter erhob, glaubte mein argwöhnischer Blick zu bemerken, daß ihre Augenlider gerötet waren — gewiß hatte sie geweint, und — — »deshalb!«
Aber kein Wort davon, bis wir an unserm Mittagstische saßen. Noch nie war mir diese Tafel so ungeheuerlich groß erschienen; die Aussteuer hatte wohl auf ganze Reihen kleiner Gäste gerechnet; wie verloren kamen wir uns vor, wenn wir so die eine Ecke besetzt hielten, und die weiten Flächen des Tischtuches sich in schneeiger Einsamkeit vor uns breiteten — ja heute schien die Tafel sich noch besonders gereckt und gedehnt zu haben.
Ich nahm mir Mut und sprang offen gegen das Thema an: »Du hast doch den Kanonendonner gehört, Emmy, mein Liebling?«
Sie nickte: »Ein Prinz, ich weiß — der erste ist kaum ein Jahr alt —«
Sie gab sich Mühe, die Freude zu heucheln mit ihrem erzwungenen Lächeln. Wie süß sie aussah! wie köstlich sie blühte in ihrer Gesundheit, in ihrer von keinem Hauch getrübten Schöne! Eine Art Zorn flog mich an, und zwischen den Zähnen drängte ein leiser Ruf hervor, der fast wie eine Drohung klang, eine Drohung gegen das Schicksal .... Ich faßte ihre weiße warme Hand und preßte sie: »Na nimm dir es nicht zu Herzen, mein liebes, armes Weibi —«
»Arm« hatte ich sie genannt! Gewiß war sie arm, einsam und arm trotz meiner Liebe — wiesen nicht die Finger der ganzen Verwandtschaft auf diese Armut hin? Das Wort hatte sie getroffen, in ihren Augen schwollen Thränen, und der letzte Zwang des Lächelns verzitterte um ihre Lippen.
Ich war aufgestanden und hielt ihr schluchzendes Köpfchen in meinen Händen: — »Eine Dummheit! Eine Lächerlichkeit! I was werden wir uns das so zu Herzen nehmen! — komm, komm her! — ich hab’ dich lieb, du liebst mich! — wir beide, ach wir beide! — ist das nicht genug?«
Sie wehrte leise, mit einem Wiegen ihres Kopfes, und schluchzend brach ihr lange verhaltener Schmerz hervor. O sie hatte es längst gemerkt, wie sie bei unserer Familie nicht für voll angesehen würde — »deswegen!« Papa und Mama und Tante Eckberte hatten ja nur einen Gedanken — — »den!« Sie wäre ihnen allen die bitterste Enttäuschung! Und es würde nur noch schlimmer werden, je mehr die Aussicht schwände. »Du selbst, Kurt, — du sollst sehn — du selbst wirst mich zuletzt nicht mehr lieb haben!«
»Wa—a—as?!« Ich lachte hell und übertrieben kräftig auf.
»Du bekommst es auch einmal satt, fort und fort auf den Vorwurf bei den Deinen zu stoßen —« schluchzte sie weiter.
»Na, du Närrchen, wer sagt denn, daß wir diesen Vorwurf nicht noch eines Tages tüchtig zu Schanden machen.« Ich zählte ihr verschiedene Fälle aus unserm Bekanntenkreise auf. »Und nun komm! Wir müssen uns selber verlachen wegen unserer Thorheit! Und sag’ einmal, Liebling, Weibi, ist das wohl patriotisch? Geschwind nimm dein Glas! Statt anzustoßen auf das Wohl unseres jüngsten Prinzen, sitzen sie und jammern und verzagen! — da soll doch gleich ....«
Und ich ergriff mein Glas und hielt es gegen das ihre; zögernd nahm sie das, und das anstoßende Krystall gab einen hellen, freudig klingenden Ton.
»So ist’s recht! Und nun kein Wort mehr davon! Ich hab’ dich lieb — du hast mich lieb — von einer Chimäre laß’ ich mir meine Liebe nicht über den Haufen werfen! Auf die Gesundheit also des kleinsten aller Königlichen Hoheiten!«
Durch ihre Thränen lächelte sie innig, während der Wiederschein des goldgelben Rheinweines wie Sonnenlicht über ihre Züge flimmerte. —
Ein Jahr darauf kam ich zufällig über den Opernplatz nach dem Schloß zu, als gegen die Museumsseite des Lustgartens sich Auflauf und Gedräng bemerkbar machte. Was fragte ich noch? — es war jährig! es war wieder Juli! — natürlich ein neuer Prinz! Soeben ist die Artillerie dort am Anfahren, um auch diesem Sproß am kräftigen Hohenzollernstamm den hundertfach dröhnenden Willkommgruß zu entbieten.
Da packte mich ein lächerlicher Zorn. Jetzt ins Kontor? Nimmermehr! Damit mir Papa abermals wie im vorigen Jahr auf die Schulter tippt, mit seinem höhnischen »Numero Drei, mein Junge!« Abermals soll ich die Qual von hundert und ein Kanonendonnern wehrlos ertragen, jeder Schlag eine Mahnung und ein Verweis. Schießt Ihr, so viel Ihr wollt, ich mach’ mich davon ....
Hüpfte also eilends in eine »Erster« und befahl dem Kutscher, die Linden herunter zu jagen — wohin? — nun einerlei, nach dem Tiergarten zu, tief in den Tiergarten hinein! Der Kerl auf dem Bock blickte mich unter dem Lederrand seines Hutes etwas verwundert an: ich wollte mich doch nicht etwa totschießen dort im Gebüsch — und so eilig?
Aber die Kanonenschüsse waren schneller als mein Droschkengaul. Jetzt schütterte der erste Donner durch die Luft. Die Leute auf dem Trottoir blieben stehn und horchten, andere nickten, die wußten schon — wieder breitete sich der freudige Schein über die Gesichter, wieder bekam das Grün der alten Linden ein so festliches Ansehen. Und Schuß auf Schuß mir nachjagend in den Tiergarten hinein, ja dort in der Waldesstille hallte es erst recht deutlich über den Wipfeln. Umsonst dieser Qual zu entfliehen!
Vielleicht war es nur eine Prinzessin, und das Geschieße hatte bald ein Ende. Da wandte mein Kutscher seinen breiten Rücken ein wenig herum und warf über die Schulter die Bemerkung hin: »Is schon wieder’n Prinz — dacht’ ick mir doch!«
»Wieso? haben Sie gezählt?« rief ich dagegen, und meine Stimme mochte wohl die Erregung nicht verbergen.
»Ick wußt’ schon, auch ohne zu zählen — bei’n Prinzen Wilhelm is det schon nich’ anders. Jedet Jahr eene Nummer — lauter Jungens! —«
»Fahren Sie um den See herum zurück!« befahl ich. Hatte ich wohl nötig gehabt, in den Tiergarten zu entfliehen, um mir den Prinzen Wilhelm als ein vorbildliches Muster auftrumpfen zu lassen? Das hätte ich auch im Kontor haben können!
Doch der Schreckliche dort auf dem Bock ließ nicht nach. Der Kanonendonner reizte seinen eignen Vaterstolz; nach einer Pause wandte er sich abermals herum: »Stücker acht hab’ ick och. Nich lauter Jungens, Mächens müssen och sind. Det wird Prinz Wilhelm och insehn dhun, und det nächste Jahr um die Zeit, wann sie wieder knallen, da können se wat mit’s Pulver sparen — nu is en Mächen dran.«
Genug! Welche Aussicht! Ich fürchtete damals, der Mann möchte recht haben mit seiner Prophezeiung der Prinzen-Serie. »Jedet Jahr ene Nummer ....« Jedes Jahr wohl ungefähr um diese Zeit würde ich mir meine eigne Kinderlosigkeit mit Kanonengeknall vorwerfen lassen müssen! Es war zu viel! Ich gab dem Kutscher die Adresse unserer Firma an — ich wollte hin, mich an das Pult setzen und dem Angriff von der anderen Seite energisch stand bieten — ich wollte mir dergleichen Anspielungen und Trümpfe ein für allemal ernstlich verbitten.
Unterwegs aber stellte sich mir immer deutlicher die vorigjährige Scene an unserm Mittagstische dar. Mein armes Weibchen — diesmal würde sie noch ganz anders unter dem alle Poren des Hauses durchdringenden Kanonendonner gelitten haben! Denn die unselige geheime Gegnerschaft, die sich innerhalb meiner Familie gegen sie gebildet hatte, war im Laufe dieses Jahres noch gewachsen. Es klingt grausam, dennoch muß ich die alten Leute nicht ganz ohne Verteidigung lassen. Meines Vaters Stammesbewußtsein litt unter der Aussicht, daß unsere Familie ganz verlöschen müßte; die Firma, die alte, angesehene Firma, die den Wandlungen von Jahrhunderten zu trotzen schien, so fest war sie gegründet, sollte in absehbarer Zeit an andere Namen und Menschen übergehen — die fixe Idee dieser enttäuschten Großvaterhoffnungen war in ihrer Beharrlichkeit wohl erklärlich, mußte sie nicht im Gegenteil immer mehr an Schärfe und Bitternis zunehmen? Die ganze Familie war zuletzt auf diesen Ton gestimmt, die Sticheleien mehrten sich, immer deutlicher die Anspielungen, immer häufiger die Verstimmungen zwischen uns Verbrechern und dem Gros der andern Partei. Unser Argwohn lauerte auf Schritt und Tritt der neuen Demütigung. Ja, als eine andauernde Kränkung empfand es meine gute Frau. Sie hatte recht gehabt: man sah sie nicht für voll an in unserer Familie; allerlei dumme kleine Geschichten, die vor unserer Ehe gespielt und die das entsetzliche liebe Mein und Dein betrafen, wurden ausgekramt, von neuem wurde an ihrer Mitgift gemäkelt und die Standesgemäßheit meiner Heirat, über die der Adel einiger Hunderttausende von Mark zu entscheiden hatte, abermals auf die Wagschale gelegt. Zwar nicht vor unsern Augen, doch der Klatsch wisperte uns dies und das ins Ohr, die Dinge natürlich vergrößernd.
Unsere Besuche hatten sich mehr und mehr auf festliche Gelegenheiten eingeschränkt. Da unterstanden wir aber auch um so erbarmungsloser dem Gemäkel und der Kritik der ganzen Verwandtensippe. Ein böses Wort wurde mir zugeraunt: man hätte sich an maßgebender Stelle geäußert, meine Frau wäre unbedeutend, eine schöne Puppe, die aber nichts bedeutet. —
Emmy war unter der Last ihres Verbrechens immer stiller geworden, sie hatte fast ihre alte herzige Fröhlichkeit eingebüßt, wenigstens ihnen gegenüber. Gewiß lag die Acht meiner Familie wie ein böser Bann auf ihrem Herzen — kein Wunder, daß die Kritik ein wenig recht bekam! Freilich bedeutete sie nichts, da sie der Firma keinen Nachfolger geschenkt — eine Mutter zu sein, ist stets ein Verdienst! »Unbedeutend« — ein schlimmer Hieb für einen Ehemann, der in seiner Frau den Ausbund aller äußeren und seelischen Vorzüge anbetete!
Wie immer blieb etwas von solcher Kritik als ein schmerzlicher Stachel hangen. Auch unser schönes intimes Glück bekam von Zeit zu Zeit einen häßlichen Hauch. Eine bange Ahnung beschlich mich zuweilen: — sollte unserer Liebe und unserm Frieden eine Gefahr drohen? Hatte sie mich nicht vor Jahresfrist gewarnt: »Zuletzt wirst du selbst mich nicht mehr lieb haben, Kurt —«
Eine ungeheure Angst erfaßte mich plötzlich. »Nicht Markgrafenstraße!« rief ich dem Besitzer der Acht, »aber nicht lauter Jungens,« zu. »Fahren Sie Kurfürstenstraße!«
Der lederne Kutscherhut reckte sich kurz auf mit der stummen Bemerkung, was es doch für Käuze gäbe unter den Fahrgästen; dann in einer equipagenmäßigen Kurve lenkte das Gefährte zur Seite, um den Kanal entlang nach meiner Wohnung zu rollen.
Wie ich es geahnt — meine Frau in Thränen! Und welch eine schluchzende Bitternis, die sich weder durch mein ärgerliches und einen Hohn heuchelndes Lachen, noch durch meine Liebkosungen beschwichtigen lassen wollte. Sie mochte kurz vor mir nach Hause gekehrt sein, das Capotehütchen saß ihr noch auf dem Kopf, die Handschuhe lagen in der Hast abgestreift auf dem Teppich. Auf der Straße hatte der Kanonendonner sie wohl überrascht, und all das im Laufe des letzten Jahres angesammelte Leid brach nun in einer Flut von Thränen aus. Aber immerhin eine Lächerlichkeit — Gott wie oft muß man das betonen und beschwören!
Es war etwas anderes, schlimmeres, wie sie mir endlich schluchzend gestand. Sie hatte also ihrer Schwiegermama einen Besuch abgestattet, einen rücksichtsvollen Mußbesuch, den sie der alten Dame längst schuldig gewesen. Auch Tante Eckberte war zufällig anwesend; und dort, mitten in das Gespräch, war der Kanonendonner hineingefahren. Emmy wußte sofort, und das Blut war ihr heiß zu Kopf geströmt. Der Wind mußte so stehn, daß das Gedonner ganz nahe klang — »Der neue Prinz!« rief Mama nach dem dritten Schuß. Tante Eckberte in ihrer nervös beweglichen Art war ans Fenster getrippelt, um nur ja nichts von den kostbaren Tönen zu versäumen — »na aber so was!« kicherte sie wie in kindlicher Freude, und bei den nächsten Schüssen schlug sie die Händchen zusammen vor Entzücken.
»Prinzeß Wilhelm, das ist eine Natur! alle Wetter! (sie scheute sich nicht, ihre innere Kraftart durch ein gelegentliches kleines Flüchlein zu beweisen). Und schon das dritte! Natürlich wieder ein Junge! — die Schüsse klingen schon so, als ob es ein Prinz wäre.«
Jetzt erschien auch Papa in der Thüre. Nur ganz kurz: »N’tag, Emmy, wie geht’s dir?« Und dann gleich losfahrend in seinem auftrumpfenden Enthusiasmus: »Was sagt ihr nun? Nummer drei! Das ist ja wundervoll! — das ist ja geradezu verblüffend! — bumm!«
Darauf eine Pause, während der die drei Alten mit Blicken und Nicken und Ausrufen und signalmäßigen Bewegungen ihr Entzücken austauschten. O ich konnte mir die Scene genau vorstellen, es bedurfte nur Emmys Andeutungen! Hatte sie nicht dort vor ihnen gesessen wie eine eines Verbrechens Angeklagte? Am liebsten wäre sie dem schrecklichen Kanonendonner und den noch schrecklicheren Bemerkungen entflohen, aber ihr Urteil mußte ja doch erst deutlich gesprochen werden!
»Na freust du dich denn nicht auch, Emmy?« fing Mama an.
Gleich nachdem Papa: »Wir werden ja nun wohl verzichten, nicht wahr? — Das Beispiel da zieht eben nicht — na ich weiß, du kannst ja nicht dafür, aber ....«
Was denn »aber«? Nun sie verlangten ja wohl, daß sich das arme Frauchen auch duckte wie eine Verbrecherin — man mochte ihr nicht verzeihen, daß sie ihren Sinn trotzdem stolz und hoch aufrecht hielt, wie es ihrer prächtigen Art entsprach.
Tante Eckberte aber gab den Trumpf: »Ich werde also meinen Namen unbenutzt mit ins Grab nehmen — niemand ist da, der ihn haben will! Wenn mir doch wenigstens der Gefallen geschähe — aber so!«
Dann mit einem listig-anzüglichen Blinzeln ihrer klugen Äuglein, zu Papa gewandt: »Du, Franz, ich habe mich also entschlossen, daß nach meinem Tode der Lützowplatz endlich geräumt wird — ich werde in meinem Testament dafür sorgen.«
Ich kann mir die Wirkung auf meinen Vater und meine Mutter denken. Wie sie in sich zusammensanken vor Schreck und sprachlos das unsichtbare Wort »Testament« anstierten. Tante Eckberte’s Testament — ein Popanz, der von Zeit zu Zeit in unserer Familie auftauchte, um allerlei Verstörungen darin anzurichten. Die schrullenhafte alte Dame gefiel sich darin, da sie diese Wirkung kannte, das Schreckmittel bei angemessenen Gelegenheiten spielen zu lassen. Es gab allerlei Stiftungen und Verwendungsarten, auf die das ominöse Testament hinzielte — »mein Geld will von euch ja keiner! — ja wenn Kurtens (das waren wir) Nachkommen hätten, da braucht’ ich mir nicht meinen alten Kopf zu zerplagen — aber so!«
Diesmal war es also der Lützowplatz. Man kennt diesen Schandfleck Berlins, ein herrlicher, zu einem eleganten Schmuckplatz mitten im vornehmen Westen wie geschaffener Raum, den aber das Besitzrecht eines Finanzkonsortiums in einer allem Geschmack hohnsprechenden Weise ausnutzt, indem es ihn an Kohlenhandlungen vermietet und allerlei hökerhafte Wirtschaften dort duldet. Tante Eckberte war eine Anwohnerin dieses Platzes; gewiß wäre ihr Andenken ein gesegnetes gewesen im ganzen Westen, ja in ganz Berlin, wenn sie dem unausstehlichen Zustand ein Ende gemacht — freilich auf Kosten von uns andern Erbberechtigten.
Es war zu viel! Die Luft war so überladen mit Anzüglichkeitsstoff, und der Schall des Kanonendonners schien die feindliche Stimmung zu vermehren — noch ein paar ähnlich spitzige Bemerkungen, dann fand es Emmy für geratener, das Feld zu räumen. Sie that es mit einem bösen, häßlichen, nicht ganz pietätvollen Wort, das ihnen die unerhörte Grausamkeit vorwarf. Hier erst, im eignen Hause, brach der ganze Jammer los: — ist sie nicht das unglücklichste Weib auf der Welt? Sie will nie wieder das Haus meiner Eltern betreten! Sie hat nun genug all der Kränkung! Und erneutes Weinen und Schluchzen. Vergeblich suchte ich sie zu beschwichtigen: ich wollte mit Papa und Mama ein ernstliches Wort reden — es ist nur die Schrulle! — sie können doch nicht im Ernst ihr und mir ein Verbrechen anrechnen!
»Thun sie aber, Kurt!« schluchzte Emmy. »Es kommt noch viel schlimmer! Sie werden mich ganz verdrängen! Sie werden nicht ruhen, bis ich abgereist bin! Ich bin ja nichts — ich bin keinen Kanonenschuß wert — laß mich — ich will fort — ganz fort von hier — es soll mich niemand wiedersehen!«
Ein Anfall, den ihr meisten von uns Ehemännern wohl kennen möget. Doch kein noch so wohlgemeintes Hohnlachen und keine Zärtlichkeit half dagegen.
Hatte sie mich nicht in dies Verbrechertum gestürzt? Nein, sie wollte nicht schuld sein, daß ich selbst den Herzen der Meinen entfremdet würde! Wenn es so weiter ginge, so liefe ich noch Gefahr, enterbt zu werden, und andere schlimme Dinge.
Ich schlug unsanft genug mit der Hand auf den Tisch, daß die Gegenstände darauf hüpften: »Einerlei, mag kommen, was will — ich geh’ hin! — ich will mich aussprechen! — ich will doch sehn, ob ich dieser Lächerlichkeit nicht Herr werde!«
Eine Stunde darauf befand ich mich im feindlichen Lager, das in großer Erregung war. Emmy hätte sie, die alten Leute, beleidigt.
»Sie wird Abbitte thun deswegen!« fuhr ich heraus — »aber man wird sie nicht ferner quälen! — und mich nicht!«
Wo und wann hätte jemand irgend eine Anspielung gemacht? Ist jemand schuld daran, wenn sich alljährlich Kanonen aufpflanzen, um Prinz Wilhelm einen neuen Jungen anzuschießen? Nie und nirgends wäre auch nur die Spur eines Vorwurfes gefallen — Emmy’s und mein argwöhnischer Sinn sähen Gespenster. Ja, fühlten wir uns denn schuldig? »Enttäuscht sind wir alle ein wenig — aber daran gewöhnt man sich — nicht wahr, Eckbertchen?«
»I, was werdet Ihr Euch echauffieren — deswegen!« meinte Tante listig — »ich kann den Lützowplatz ja immer schon als Kinderspielplatz einrichten lassen inzwischen ....«
Das »inzwischen« brachte uns alle zum Lachen. Sie also hielt an der Hoffnung fest, die gute, brave Polterin — mit dem Lützowplatz war es also nur ein Scherz gewesen! Sie wehrte sich gegen diese Auffassung, aber der Friede war gemacht. Wir wollten uns künftig nicht mehr das Leben verbittern, es sollte keine Anspielung fallen »inzwischen« — nicht einmal, wenn Prinz Wilhelm im nächsten Jahr abermals schießen lassen würde.
»Was unfehlbar eintreffen wird!« rief der unverbesserliche Papa. —
Was aber nicht eintraf, nicht in diesem und nicht im nächstfolgenden Jahre, wie ihr alle wißt. Aber auch die Hoffnung, die von uns wie von der gegnerischen Seite in Tante Eckberte’s bedeutungsvolles »inzwischen« gesetzt worden war, ging ebensowenig in Erfüllung. Weiter warteten wir vergeblich, daß sich das Rauschen von Storchflügeln über unserm Dache vernehmen ließe. Und eine stille Resignation bemächtigte sich unser: sollten wir deshalb mit Harm in die Zukunft schauen, oder uns gar unsere kostbare Liebe gefährden lassen?
Das Verhältnis zu unsern Eltern hatte sich nach jenem Gewitter am Geburtstag Sr. Königlichen Hoheit des Prinzen Adalbert leidlich freundlich gestaltet. Wenigstens im äußeren Verkehr. Eine rührende und thränenreiche Scene schien den unheimlichen Bann gebrochen zu haben, und das Schwiegertöchterchen war zu Gnaden und Frieden aufgenommen worden. War es nicht besser, daß wir gemeinsam an unserer aller großer Enttäuschung trugen und uns gelegentlich in offenen Worten darüber ausließen?
Doch alles das nur ein Waffenstillstand! Von Potsdam her, wo Prinz Wilhelms junges Familienglück eingenistet war, zog ein neues Gewitter gegen uns herauf. Schon im Sommer des Jahres 1886, bei der ersten interessanten Nachricht, die vom Marmorpalais her ins Publikum drang, glaubten wir die Luft vom Kanonendonner erzitternd. O wir hatten uns wohl, auf die längere Pause vertrauend, zu vorzeitig in unsern Frieden gewiegt! Nun brach die alte Unseligkeit von neuem los.
Nicht, daß im gegnerischen Lager auch nur eine Andeutung gefallen wäre, die uns allarmiert hätte. O nein — vollkommenes Schweigen von jetzt ab, eine Art Abkommen, daß von der neuen Prinzenhoffnung kein Spürchen erwähnt werde. Das aber gerade war’s! Gerade in diesem Schweigen ließ sich der gespenstische Kanonendonner um so deutlicher und unheilvoller vernehmen. Er würde gegen den Winter hin immer lauter heraufschwellen — um Ruhe und Gemütlichkeit dieser Saison wäre es geschehen! Wir ahnten, wir wußten, daß eine neue Katastrophe bevorstände. Papa würde nicht an sich halten, und die altjüngferliche Schadenfreude der alten Tante Eckberte, die mit listigem Äugleinzwinkern das Thema an seiner empfindlichsten Stelle anfassen würde! Welch neue Qualen standen uns bevor!
Nervös — nun ja, wir schwelgten beide förmlich in dieser Modekrankheit, und sie verbitterte uns unser schönes, stilles, heiteres Eheglück. Zum Teufel! wegen einiger Dutzend Kanonenschüsse, die in vielen Wochen vom Lustgarten heraufdonnern sollten ... Wir waren närrisch! ach, wir waren damals durchaus keine Helden!
Und diesmal mitten im Winter! Im Sommer hätte man dem Geknall entfliehen können und der unausbleiblichen Katastrophe im Elternhaus. Wir hätten uns durch Berge und Wälder dagegen schützen können; nun aber galt es auszuharren und die Narretei nicht gar zu weit zu treiben.
Ach, auszuharren! Zufällig fiel meine offenbare und vom Arzt beglaubigte Nervosität mit einer gewissen Krisis zusammen, die über unserm Geschäftsverkehre wetterleuchtete. Papa und ich, wir vermochten uns diesmal nicht wie sonst immer über die einzuschlagenden Maßnahmen zu einigen. Diesmal war er es, der gewisse kostspielige Neuerungen vertrat, während ich in hartnäckigem Eigensinn meine Hand zu solchen Extravaganzen, wie ich es nannte, nicht bieten wollte. Da gab es Streit und Widerstreit und heftige Erörterungen von einer Seite unseres gemeinsamen Doppelpultes zur anderen. Und über all dem Zwiespalt das unheimliche Kanonendonnern, das näher und näher rückte.
Zuletzt eine Explosion! Aus einem mißstimmigen Schweigen platzte Papa eines Morgens plötzlich hervor: »Ich weiß wirklich nicht, Söhnchen, für wen du, gerade du sparen willst —« (das »du« doppelt und dreifach unterstrichen!) und einen gewissen zwinkernden Seitenblick des mit kurzen, grauen, borstigen Härchen bedeckten Kopfes nach mir hinüber; ein gewisses spöttisches Zucken um die bartlosen, aber stets glänzend glatt rasierten Lippen, dazu das dreifach unterstrichene »du!« Es brachte mich außer mir, und innerlich schnellte etwas in mir auf.
»Das brauchst du mir nicht gerade heute vorzuhalten, Papa —« drückte ich mit einer Anstrengung, ruhig zu bleiben, mühsam genug hervor. »Ich dächte, das hätte noch Zeit bis zum Januar —«
»Wieso Januar — was meinst du damit?«
O, er verstand durchaus nicht! Er hatte ja beileibe keine Anspielung »darauf« gemacht!
»Na, zum Januar ist das Schießen wieder fällig, da kann es ja von neuem über uns losgehen, über mich und meine Frau —«
»Höre Kurt, du bist krank, du siehst Gespenster — das verbitte ich mir, daß du unser Gerechtigkeitsgefühl antastest! Ist die ganze Zeit über auch nur ein Wort gefallen — darüber?«
»Allerdings nicht — kein Wort! Aber eure Mienen — euer Schweigen! Meinst du, wir wären blind und taub?«
»Na, nun soll doch gleich —« und mein Vater schlug mit aufbrausendem Erstaunen auf einen Pack Papiere, daß es einen klatschenden Lärm gab.
»Hör’ mal, du bist krank, du bist — du bist —« und das richtige, dazu passende Wort abwehrend, fuchtelte seine flache Hand in der Luft.
»Na, sag’ es nur gleich heraus, was du meinst, Vater. Gewiß bin ich im Begriff — das zu werden! Und wer ist daran schuld? — Ihr! Ihr! — Ihr!«
»Da soll aber doch gleich —« der Alte sprang von seinem Drehschemel, kletterte mit hilflosen Gebärden wieder darauf, schlang seine Beine um das Schemelbein und schnappte nach Luft — »wir sollen schuld daran sein, wa—a—as?«
Und ein Staccato von heisern, kichernden Lachtönen.
»Nächstens könnt Ihr es uns ja wieder auftrumpfen,« zischelte ich — »nächstens läßt Prinz Wilhelm ja wieder schießen —«
»Und wir werden uns von Herzen darüber freuen! Das ist gute Preußenpflicht! Am Ende gar ist Sr. Königliche Hoheit Prinz Wilhelm schuld daran — die Geschichte wird immer besser! — hör’ mal, wenn du solche Angst vor dem Freudenschießen hast, so mach’ dich doch davon! Eine kleine Luftveränderung würde deinen Nerven gut thun.«
»Thu’ ich auch! Wird sie auch!« rief ich in sprühender Erregtheit, und mit einem lautschallenden Puff schlug ich das große Buch vor mir zu; von dem Winde wirbelten einige lose Blätter in der Stube umher.
»Deine Neuerungen mach’ ich ohnedies nicht mit, Vater! Such’ dir einen andern Beirat!«
Noch ein paar aufprallende Redensarten hin und her. Und ein scharfes, spitziges Wort, mein armes Weib betreffend, eine Grausamkeit, die ich Papa nie und nie zugetraut — dann war es genug! Ich verließ das Pult und die Stube, um für lange Zeit, vielleicht für immer, nicht mehr dorthin zurückzukehren. Alle Vermittelungsversuche von Mama und Tante scheiterten an meinem harten Sinn. »Luftveränderung — nun gut — Ihr sollt sie haben — wir reisen also!«
Übrigens hatten wir ja darin eine Unterstützung durch den Arzt, der längst schon einen, wenn auch nur kurzen Ortswechsel für »unsere Nervosität« in Vorschlag gebracht. Auf also und fort! — glaubt ihr wohl, daß ich närrisch genug war damals, mich wie ein Kind zu freuen, weil ich auf irgend eine Weise von dem Kanonendonner des neuen Prinzen erlöst sein sollte?
Und wir flohen, weit, recht weit, bis jenseits des Meeres, bis an den Rand der Wüste — mochten sie nun donnern, soviel sie wollten am Lustgarten, wir waren in Sicherheit!
Dennoch sollten wir auch in solcher Ferne nicht ganz verschont bleiben. Die unseligen Telegraphen und ihre meerdurchspannenden Kabel! Es war am Abend des 29. Januar 1887; wir waren gerade von einem Ausflug nach den Pyramiden zu unserm vorzüglichen Hotel Shepherd in Kairo zurückgekehrt, als das bedeutungsvolle Telegramm mitten in die Table d’hôte einschlug. Natürlich ein Anlaß für feierfrohe Deutsche, die Sektgläser schäumen zu lassen! Welch eine Ironie: wir, die wir mitten darunter saßen und uns nicht auszuschließen vermochten und gezwungen waren, mit unsern Gläsern einzustimmen in den patriotischen Jubel: — »Hoch der neue Prinz!« Und welch eine schalkige Stimmung: »Hurrah, die Nummer 4! Hurrah das drittel Dutzend junger Hohenzollern!«
Am Spätabend jedoch, nachdem wir wider Willen mitgelacht und mitgejubelt in der mutwillig heiteren Gesellschaft, gab es im Hotel Shepherd auf einem gewissen Zimmer eine seltsam stumme Rührungsscene zwischen zwei gewissen Ehegatten. Kein Wort über die Nummer 4 — keinerlei Anspielung, nur ein langes, lautloses Umarmen: schämten sie sich nicht ein wenig die beiden Leutchen, ob ihres Kleinmutes, ihrer Narretei, ob ihrer lächerlichen Flucht ...
Wie mochten wohl unsere Alten da oben in Berlin das Ereignis verbracht haben? Der Gedanke daran fiel mir schwer aufs Herz. War es nicht das einfachste, den Groll und Zwist hier im Wüstensande zu begraben und die Rückreise anzutreten? — Damit uns binnen Jahresfrist der Kanonendonner von Numero 5 aufs neue davonjagte ....
Nein, meine Nerven waren noch lange nicht wieder in Ordnung! Und mein Starrsinn nahm also die Gelegenheit wahr, eine sehr günstige Stellung, die sich mir bei einer großen Handelsgesellschaft in Alexandrien bot, nicht auszuschlagen. Wer weiß, was sich vielleicht in Jahr und Tag geändert haben würde!
Freilich gab es gewaltige Änderungen droben in der Heimat. Über dem Hohenzollernhause zog sich das verhängnisvolle Wolkendunkel zusammen; in banger Erwartung, zwischen Furcht und Hoffnung, lauschten die Herzen aller Deutschen nach San Remo hinüber, wo sich die grausam bittere Tragödie des edlen fürstlichen Dulders abspielte. Wer dachte an eignes oder eigengemachtes Leid vor solchem, ganz Deutschland bewegenden Schmerz?
Dann senkten sich die Fahnen Europas, ja der ganzen zivilisierten Welt, über dem Grabe des greisen Heldenkaisers. Dann setzte sich Kaiser Friedrich die Dornenkrone aufs Haupt, und Tropfen für Tropfen sahen wir das Blut rinnen über das blasse Märtyrerantlitz, bis die grausam bittere Tragödie ihren Abschluß fand in der stillen, grünumschatteten Friedenskirche zu Potsdam.
Heil Wilhelms II. jungstrotzender Kaiserkraft! Hei, wie sie sich in den Sattel schwang! Wie sie alle, auch die Widerspenstischsten in ihren Bann zwang, nach neuen wetterumleuchteten Zielen aufwärts!
Und hinweg mit dem pietätlos lächerlichen Groll, der mich Kinderlosen gegen das üppig sprossende Hohenzollernglück geplagt! Vier Buben, ei und das Sprossen am alten Königsstamme will noch lange kein Ende nehmen. — giebt es nicht zum Juli abermals ein neues Prinzenschießen?
Wie wäre es, wenn wir der egyptischen Komödie ein Ende machten und unserm Heimweh nachgäben und alles zum Alten kehrten? Nur die Nervosität vor dem Kanonendonner, die wollten wir im Wüstensande begraben.
Noch gab es ein Schwanken, als eines Tages ein abermaliges langes und stilles Umarmen stattfand zwischen zwei gewissen Leutchen. Nicht ganz stumm: — ein paar zögernd hingehauchte, bebend schämige Worte von den Lippen des jungen Weibes, das seine glühende Stirn an dem bärtigen Halse des Gatten barg ...
»Was?! — Nicht möglich! — Wirklich!? Ach, du Liebe, Liebe, Einzige!« Und ich in der Stube wie närrisch umherjubeln, und mich nicht mehr lassen können vor unbändiger Freude — wißt ihr, es ging nun ins siebente Jahr, daß wir vergeblich — »darauf« geharrt!
Es war am Mittag des 27. Juli, als ich, von der Anhalter Bahn kommend, mit meiner Droschke die Friedrichsstraße entlang fuhr; hatte ich es doch recht eilig gehabt mit meiner Heimfahrt. Plötzlich, im lärmenden Geräusch, hallte ein dumpfdröhnender Ton von fernher. Die Leute auf dem Trottoir hielten an und horchten — Fenster öffneten sich, über die Gesichter flog jener fröhliche Sonnenschein. Mein Kutscher wandte sich langsam herum, wies mit der Peitsche nach der Gegend des Kanonenhalles und meinte phlegmatisch wie sein Vorgänger damals: — »Wird wohl Numero fünfe sind!«
»Fahren Sie so fix als möglich!« rief ich dem Manne erregt zu. Als wenn sie zu schnell hintereinander knallen könnten und ich die Schwelle des Elternhauses nicht erreichte, ehe das Schießen zu Ende; — aber es würden wohl 101 Schüsse werden!
Unter dem Donner eines seltsam lauten Kanonenschusses stürmte ich in unsere Kontorstube. Wie verstört erhob sich meines Vaters Antlitz aus den stützenden Händen, und seine blinzelnden Augen starrten mich an wie eine Erscheinung.
»Papa — t’ag Papa! Ich bin’s! Ja, und mit was für einer Botschaft!«
Wir lagen uns schluchzend in den Armen — bis wieder ein Donner dazwischen fuhr. Ich riß mich los:
»Siehst du, Papa, deswegen bin ich gekommen! Ich habe mich geeilt genug! — Herrjeh, was bin ich gefahren! Ich wollte nicht, daß du das Schießen ohne mich anhörtest. Bumm! Auch für mich und für uns alle! So Gott will, schenken wir euch im nächsten Jahr auch einen Prinzen. Und nun verzeih’ mir alles Böse — all das Hohenzollernglück war schuld daran ...«
Abermaliges Umarmen, und das Gedonner von »Numero fünf«, das unsere rührenden Auseinandersetzungen begleitete. —
Im Herbst desselben Jahres schlenderte ich eines Abends mit meinem Weibe durch die Leipzigerstraße. Vor einem bekannten Bilderladen staute sich eine gaffende Menge; Rufe des Entzückens aus Frauenmund, und ein Herr rief ein kräftiges »famos!«
Wir drängten uns heran und, zwischen den Schultern der Gaffenden hindurch, gewahrten wir endlich den Gegenstand der entzückten Neugierde. Es war eine Photographie in Kabinettsformat, von dem grellen, hellgelben Gaslichte scharf beleuchtet, jenes seitdem so volkstümliche Gruppenbild, das die hohe Frau und Mutter mit ihren fünf kaiserlichen Knaben darstellt.
»Des Kaisers Fünf — —« stammelte ich, und mein Weib schmiegte ihren Arm inniger und fester in den meinen.
Ich weiß nicht, ob es auch ihr so geschah? — als wir uns endlich von dem Anblick des wunderhaften Bildes losgerissen und nun auf dem Trottoir weiterschritten, war vor meinen Augen ein so seltsames Flimmern und Schwanken — die Menschen, der Schein der Läden, die Laternen, alles in einer feuchten Unsicherheit verschwimmend ....