Der
Friedensschluss
»Nein —« kam es über ihre Lippen, nur ein flüsternder Hauch.
Sie meinte das Wort laut hallen zu hören durch die Weite des Salons, und nun harrte sie, was darauf folgen würde, innerlich erbebend, während ihr Antlitz starr, ohne eine Spur der Erregung, auf die Flackerglut des Kaminfeuers gerichtet blieb.
Aber das prasselnde Getös dieses Feuers, von den durch den Schlot herabfauchenden Windstößen erregt, hatte das Wort verschlungen; im wütenden Ungestüm prallte der Sturm gegen die breiten Scheibenflächen des Erkervorbaues; irgendwo an der Außenseite girrte etwas Losgerissenes; auf dem Korridor schlug eine Thür donnernd ins Schloß: wie sich für uns mauervergrabene Städter der Frühling anzukündigen pflegt.
»Nein —« Der Mann, der den Raum in der Länge mit seinen wuchtig aufsetzenden Schritten maß, hatte das Wort nicht vernommen, so sehr der dicke Smyrna die Tritte dämpfte. Aber er wußte, daß es kommen würde, er fürchtete: — bedeutete es nicht wie einen Axthieb, der das Glück ihres Kindes jäh daniederschlagen würde? Denn gegen dieses »Nein,« gerade gegen dieses, gäbe es keinen Widerstand.
Er war ein Fünfziger, von straff aufrechter Haltung und bestimmt abgegrenzten Bewegungen; Gepräge und Ausdruck seines Gesichtes, der gepflegte und energische dunkelgraue Schnurrbart bei sonstiger Wangenglätte, das eigenartig anliegende und uniformsmäßig Zugeknöpfte seines Anzugs konnten auf den Militär schließen lassen; doch diese Augen schienen in dem Lampenschein nächtlicher Aktenarbeit erbleicht, es fehlte ihnen der falkenartige, scharf zufassende Blick, wie ihn beim Soldaten der stete Umgang mit vielen Menschen und die Notwendigkeit schnellen Entschlusses auszubilden pflegen.
Jedesmal, wenn der Wirkliche Geheime und Vortragende Rat von Wussow von dem Erker aus nach dem Kamin zuschritt, aus der wechselnden Tageshelle des stürmischen Aprilnachmittags nach dem durch die roten Huschlichter phantastisch erleuchteten Hintergrund, wobei er gewisse Umwege um einzelne der vielen in dem Raum verteilten Sessel machen mußte, ruhte sein sorgenvoll erwartender Blick auf der Gestalt seines Weibes. Es war wie ein erbarmendes Umhüllen: — oh, er hätte ihr das wohl ersparen mögen! Er wußte, was ihr Mutterherz litt und kämpfte in dieser Stunde. Er verstand das »nein,« das sich immer wieder bis zu ihren Lippen rang, um von neuem unterdrückt zu werden.
Es war die Rasse, die Herkunft, die Leidenschaft, der verhängnisvolle Drang der Umstände, die ihr die Weigerung auspreßten. Vergebens wehrte sich die andre Macht, die Mutterliebe, dagegen. Oh, wohl hätte er ihr den Auskampf dieses Zwiespalts ersparen mögen ... sie, die geborene Französin, die ihrem Gatten, dem Deutschen, dem von ihrer Nation heiß gehaßten Preußen, in die Ehe gefolgt war, sich selbst verbannend aus ihrem Vaterlande, von den Ihren mit dem Fluch völligen Schweigens belastet, zwanzig Jahre hindurch — sie also sollte ihr Jawort geben, daß ihre Tochter einen preußischen Offizier heiratete! Das war zuviel! Dagegen bäumte sich ihr Franzosenstolz. Nimmermehr! — Vieles hatte sie erduldet, manche geheime Demütigung um des geliebten Mannes willen. Aber ihr eignes Kind, das Blut ihres Blutes, an einen »prussien« in Uniform auszuliefern, die Wiederholung ihres eignen Verbrechens — nein, das nicht!
Sie saß auf einem Sessel vor der Mitte des Kamins, ihre Füße, die in ausgeschnittenen Lackschuhen staken, auf das vergoldete Bronzegitter gestemmt, die Arme flach über die Kniee gestreckt, mit gefalteten Händen; es war mehr als ein Falten, ein konvulsivisches Ineinanderklammern der länglichen Finger, der Ausdruck ihres innern Kampfes, ja wie ein Beschwören: man möchte Erbarmen mit ihr haben und ihr das verhängnisvolle »Nein« ersparen. Aber der Oberkörper ohne Anlehnung, hoch aufrecht, in seiner schlank-stolzen Haltung, die ihr zu eigen war, den Kopf unmerklich zur Seite geneigt, eine leichte und graziös erscheinende Milderung jener etwas an das Unnahbare gemahnenden Haltung. Die Glut flackerte über ihr Antlitz und belebte seine starre Verlorenheit. Es war ein feines Oval mit etwas nervös ausgeprägten Zügen, von einem großen Augenpaar beherrscht; graubraune Pupillen, jetzt unruhig erglänzend von der Erregung, wie von dem Wiederschein des Flammenspiels, im Schatten der langen, dichten, aufgebogenen Wimpern; die Lippen, ohnedies schmal und von energischer Zeichnung, fest eingepreßt, mit leicht herabgezogenen Winkeln, wo der Hauch eines für Rassefranzösinnen unerläßlichen Flaums angedeutet war. Ihr mattes, glanzloses Haar war in einem kunstlosen Knoten am Hinterkopf aufgeschlungen, mit einer reizvollen Schwere auf den Nacken herablastend; die in Scheitel geteilten Stirnbanden zeigten einzelne graue Fäden, den Tribut an ihre ungeleugneten Vierzig.
Jetzt blieb der Schreitende in der Mitte des Raumes halten und sagte in sanftgedämpftem Tone: »Du sollst dich frei entschließen, Leonie — deinem Herzen soll keine Gewalt angethan werden —«
Es geschah auf französisch, wie die Gatten oft, besonders in der Intimität häuslicher Sorgen, in dieser Sprache zu verkehren pflegten. Diesmal mochte deren Anwendung überdies noch eine Konzession an die Französin bedeuten: — würde das Opfer, das man von ihr verlangte, in rauhe, deutsche Barbarenworte gefaßt (Leonies scherzhafte Bezeichnung) nicht um so brutaler erscheinen?
Keine Antwort vom Kamin her; nur das wie zornig aufgeregte Prasselgetös der Flammen. Und er fuhr fort, die Stimme zu noch größerer Schonung zwingend: »Ich möchte nur in aller Ruhe rekapitulieren. Du sollst dich entscheiden, wann du willst, wie du willst — wir werden dir nicht grollen — wir begreifen — auch Mariot wird verstehen, wenn auch nicht gleich — sie wird deine Gegengründe langsam, allmählich fassen lernen, obgleich es schwer sein mag für ihr blutjunges Herz —«
Er meinte ein Stöhnen vom Kamin her zu vernehmen — wohl auch nur eine Wirkung der Flammen, als wenn menschliche Stimmen jammerten; hie und da gab es in dem jungen Holz plötzliche Explosionen, wie das Aufpuffen von Schüssen. Sie saß immer noch regungslos, in das Geloder starrend, nicht ein Wimperschlag; das, was lebte in ihrem Antlitz, war das Lichter- und Schattenspiel des Feuers. Vielleicht hörte sie nicht einmal?
»Léonie — ma chérie —«
Er trat an ihren Sessel heran, die Hand auf die Rückenlehne stützend. Eine plötzliche Dunkelheit verfinsterte den Raum, wohl eine mit Schloßen überladene Wolke, die aus Südwest herangejagt war, eine gewitterartig unheimliche Stimmung verbreitend; die Scheine und Lichter des Feuers zuckten und züngelten jetzt über die ganze Zimmerweite hin, die Kanten der Bilder und Möbel anfachend, und die vielen eleganten Sächelchen und Japonerien, welche die Liebhaberei der Französin auf allen Tischen und Konsolen angehäuft, mit glitzernden und funkelnden Reflexen belebend, bis in das kleine originelle Bibelot-Museum des Erkers hinein.
»Machst du mir einen Vorwurf, daß ich ihm überhaupt unser Haus öffnete?« begann er von neuem, »dem Sohn eines alten, liebwerten Kollegen, in dessen Elternhaus in Königsberg ich so viel Liebes genossen. Hätten wir bei unsrer weitreichenden Gastlichkeit ihm unsre Thür verschließen sollen? Gerade ihm — seiner Uniform, da wir andre bunte Röcke genug an unserm Tische sehen: — eine Berliner Geselligkeit ohne zweierlei Tuch, ich bitte dich! Du hattest dich daran gewöhnt, du warst und bist meine tapfre Leonie! Aber gerade ihn auszuschließen, der unter all der schneidigen Buntheit die Elite vorstellt, einen Generalstäbler in seinen Jahren! — Das verstehst du nicht so, aber ich versichere dich, er hat die glänzendste Zukunft, er wird Karriere machen — die alten Tüchtigen treten ab, den jungen Tüchtigen gehört die Bahn —«
»Ich achte ihn, ich ahne und schätze seine Tüchtigkeit —« erwiderte sie zögernd, mit ihrer vom geheimen Weh verschleierten Stimme, ohne den Kopf nach ihrem Gatten aufzuwenden, die Augen wie fasziniert von der Flammenhelle. »Ich habe ihn lieb, er ist mir so sympathisch wie irgend jemand von ihnen allen — ich — ich —«
Sie schüttelte die zusammengefalteten Hände, die sie nicht gelöst hatte, gegen das Feuer hin, daß die Ringe aufblitzten. »Ah!« entfuhr es ihr laut und ächzend, wie in einer Verzweiflung.
»Quäle dich nicht —« beruhigte er. »Ich versichere dich nochmals, wir verstehen! Alle begreifen wir es; niemand, der dir deinen Widerstand als Verbrechen anrechnet, niemand! — Mariot freilich — nein, aber auch sie, auch sie nicht!«
»Mein armes, armes Kind —« flüsterte sie dumpf. »Jetzt soll sie für das Verbrechen ihrer noch ärmeren Mama büßen — O Gott!«
»Wir wollen es nicht so tragisch nehmen. Das bischen Uniform — sollten wir nicht darüber hinwegkommen? Oder hast du dich verschworen, (er wollte es mit einem leichten Scherzton versuchen) sie, unsre Einzige, nur an einen Spanier, oder an einen Brasilianer, etwas, das möglichst wenig preußisch ist, wegzugeben, wenn dich das Preußentuch so empört —«
»Ich kann nicht! — ich darf nicht! — ich bin es meinem alten Vater schuldig! — genug, daß seine Tochter das Verbrechen — pardon! — das Verbrechen begangen! — und nun seine Enkelin — das ist zuviel! — Ich, ich zähle nicht — aber die Meinen! Ich hoffe auf eine Versöhnung — seit zwanzig Jahren — seit jenem unseligen Frankfurter Frieden harre ich darauf — es hieße diese Hoffnung kurz abschneiden — für immer ...«
Sie hob die zusammengefalteten Hände gegen das Antlitz und bedeckte die Augen mit den geöffneten Flächen. Abermals entfuhr ihr ein quälender Ächzton.
Er fühlte, daß es grausam wäre, sie jetzt in dieser Stunde mit weiteren Argumenten zu bedrängen. Sie würde sich beruhigen. Dergleichen Krisen kannte er, und er achtete sie. Hätte sie leichtsinniger und banaler das Los ihrer Verbannung tragen sollen, da sie sich doch aus freiem Entschluß in solche begeben? Hätte sie den dünnen Hoffnungsfaden, der sie an die Ihrigen und an ihr Vaterland band, mit einem trotzig herausfordernden Ruck zerreißen sollen? Achtung vor ihrer starken Heimatliebe, der wir Deutschen doch nacheifern sollten! Pietät vor dem bittern Kampf, den ihr Herz auszufechten im Begriff ist! — Übrigens, keine drohende Lebensfrage, die Liebe einer achtzehnjährigen Geheimratstochter zu einem jungen und stattlichen Hauptmann! — und er lieh diesem Troste sogar offenen Ausdruck in Form einer Selbstanklage:
»Wir hätten es freilich nicht so weit kommen lassen sollen. Wir waren blind. Ich sage wir — was sehen wir Väter zumal? Aber du, Leonie! Sahst du denn nicht? Musik ist stets gefährlich; auf solchem vierhändigen Tönespiel vergaukeln sich die Herzen. — Du hast überhaupt wohl nicht mit einem deutschen Mädchenherzen gerechnet? Bei euch giebt es keine sogenannte Mädchenliebe, nach euern Romançiers zu urteilen, ich weiß nicht. Du warst eine hochromantische Ausnahme. Sie ist eben die Tochter ihrer Mutter, sie hat von dir das französische Temperament. — Sie thut mir leid, er ebenso — sie lieben sich, diese leichtsinnigen Herrschaften? Es ist mehr als ein gesellschaftlicher Flirt. Daß ich so blind war, daß du mich nicht warntest! — Welch eine Überrumpelung, als Herr von Werthern sich vor einer Stunde bei mir anmelden ließ und in seiner famosen Art, die stets weiß, was sie will, um Mariots Hand bat! Keine Spur einer Besorgnis, daß er auf eine Weigerung stoßen könnte — die Siegesgewißheit seines militärischen Erfolges! Die beiden Leutchen sind eben einig —«
»Oh!« fuhr sie mit einem leisen Ton der Entrüstung auf.
»Bei euch in Frankreich, Léonie, gilt dergleichen als eine Ungeheuerlichkeit. Sie werden sich gestern abend auf dem Balle ausgesprochen haben; er gestand es selber.«
»Laß mich mit ihm reden, Adolf! Laß mich! Ich werde ihm alles erklären. Er ist loyal. Er wird mich verstehen — er wird — er muß —«
»Und Mariot? — Du kannst versichert sein, daß sie unter Thränen erklären wird, nicht leben zu wollen, wenn wir nicht .... Nun, auch das wird sich geben! Aber sei darauf gefaßt, sie hat ganz das Temperament ihrer Mutter. Verschworst du dich nicht auch desgleichen, damals?«
Er schwieg und begann von neuem auf und ab zu schreiten, ihre Gestalt und jede ihrer Bewegungen belauernd. Jetzt öffnete sich die Wolkenschleuse, dichte Schloßenmassen schütteten hernieder und schlugen mit scharfem Trommelgetön gegen die Scheiben; die ganze Luft von einem gewaltigen Rauschen erfüllt. Es war fast Nacht; das Reich gehörte den Kaminflammen. Doch achteten sie beide nicht des Unwetters. Ihre Arme waren mit gelösten Händen herabgesunken, das sah fast aus wie Ergebung, doch ihr Kopf schien sich um so energischer aufgeregt zu haben, und die Augen starrten wieder ins Feuer, ohne einen Wimperschlag. Ein rotglühender Schein übergoß Gestalt und Gesicht, die Umrisse des Kopfes hoben sich, von der Fensterseite gesehen, scharfgezeichnet gegen die Helle ab, ein eigenartig effektvolles Bildnis — hatte er dergleichen nicht schon einmal gesehen? Oh, es lebte in seinem Gedächtnis wie eingebrannt, jenes andre, seltsam Gleiche! Ihre Gestalt wie heute, von dem grellen Flammenschein überloht, dieselbe stolze Haltung, dasselbe Starren der wundervoll großen Augen. Nur, daß jener Schein dem brodelnden Glutrachen einer Lokomotivesse entfachte und daß, statt der Geborgenheit vor den Schloßen da draußen, wirbelnder Schneesturm des Winters von Anno 70 sie umbrandete, während er mit ihr auf der Lokomotive durch die Nacht daherfuhr ....
Ein Stück wildpoetischer Romantik in dem gewaltigen, männermordenden Drama des deutsch-französischen Krieges. Es war in jenen letzten Novembertagen, da der Kampf um den Besitz von Orleans tobte, das wichtige, strategische Bollwerk, an dem der Glaube an die Befreiung Frankreichs zäh angeklammert haftete, auch noch nach den Niederlagen von Beaune la Rolande und Loigny, die dem Vormarsch der Loire-Armee unter Aurelle de Paladines ein energisches Halt geboten und die zähen Verzweiflungsschlachten um Orleans am 2. und 5. Dezember einleiteten. Es war am Abend des 30. November, als der damalige Reservelieutenant in einem holsteinischen Regiment, von Wussow, den Auftrag erhielt, wichtige und eilige Ordres von seiten seines Korpskommandos nach den Vorposten zu befördern; da die Telegraphenleitungen gekappt waren und nicht spielten, und ein Depeschenritt durch das unsichere, von feindlichen Rächerbanden bedrohte Land nicht ratsam schien, so wurde eine Lokomotive zur Beförderung gewählt. Die Rekognoszierung hatte zwar eine Fahrbarkeit der betreffenden von Eisenbahnabteilungen wiederhergestellten Linie ergeben, doch mußte man auch hier auf rächerische Tücken seitens der Bevölkerung gefaßt sein; die Fahrt war um so mehr nicht ungefährlich, als man sie ohne die Sicherung durch Telegraphen und bei völliger Löschung der Lichtsignale ausführen mußte. Im Begriffe, auf den Bahnhof von P. mit seiner kleinen Eskorte von Mannschaften das Plateau der Lokomotive zu besteigen, wurde Lieutenant von Wussow von einer dunkel vermummten Dame angesprochen, deren Wunsch, mitzufahren, zuerst in dem scharftönenden Auszischeln des Maschinendampfes nicht sofort verstanden wurde.
»Wieso? — Sie wünschen mitzufahren, mein Fräulein?« Und seine Überraschung drückte sich noch mehr in dem Blick seiner Augen aus, als in dem Ton der Worte: — welch ein Augenpaar! Der Pionier, der in seiner rußgeschwärzten Uniform als Heizer waltete, hatte gerade die Eisenthür des Feuerraums geöffnet, und der grelle Loderschein überflutete die Gestalt der Dame: — schlank, elegant, jung, ein blasses Gesichtsoval, von dem schwarzen spanischen Spitzenshawl umrahmt, und die Augen mit ihrem eigenartigen Mandelschnitt, die ihn aus ihren seltsam weiten Pupillentiefen in ihrer feindlich unnahbaren Kühle trafen; keine Spur einer freundlichen oder bittenden Regung in dem Antlitz, die ihr immerhin gewagtes Ansinnen unterstützt hätte, im Gegenteil, zwischen den Brauen standen zwei kurze, senkrechte Falten eingegraben, die sonst wohl fehlten, die deutliche Signatur des Preußenhasses.
»Mein Herr, ich bin keine Spionin —« kam es aus dem, wenn er nicht sprach, festgepreßten Mund; eine Stimme von dunklem, altartigem Ton, der unter freundlicheren Bedingungen etwas Herzbezauberndes haben mochte, für solche musikalisch Raffinierte, die sich durch den Sprechklang einer Stimme überhaupt bezaubern lassen können.
»Oh, ich zweifle nicht —« gab er zur Antwort; nicht ganz seine Überzeugung. »Aber, was kann Sie, mein Fräulein, zu diesem Wunsche veranlassen?«
»Eine Bagatelle für Sie, mein Herr, eine Wichtigkeit für mich, wenigstens für meinen Vater. Ich bin die Tochter des bekannten Schriftstellers S.« (wir wollen hier die persönlichen Dokumente hinter Buchstaben verstecken.)
»Ah —« entfuhr es ihm, als ob er den Namen kennte und gar verehrte, doch nichts als eine Anwandlung der Galanterie, von seiner kriegsmäßigen Abenteuerlaune angestachelt: eine junge, schöne, elegante Französin, tapfer und unerschrocken, da sie solches unternimmt ... was wird er sich weigern?
»Wir sind aus Paris geflüchtet, mein Herr, vor der Einschließung; doch gelang es uns nicht, bis zu unserm Besitz vorzudringen, da mein Vater hier in P. erkrankte. Es wäre uns sehr wichtig gewesen, diesen Besitz zu erreichen, um ihn zu beschützen. Mein Vater ist ein Sammler, Schloß La Mireille birgt die kostbarsten Kunst- und Bücherschätze, es ist berühmt deswegen. Wir glaubten es in diesen Tagen schon in Gefahr —«
»Sie können beruhigt sein, mein Fräulein, es wird kein preußisches Bajonett eines ihrer Bilder zerfetzen, wie es von uns Barbaren heißt, auch pflegen wir nicht mit kostbaren Inkunabeln einzuheizen —« fiel er ein, zur Wahrung seiner Preußenehre.
Und in der unwandelbaren Kühle erwiderte sie mit dem Gemeinplatz: »À la guerre, comme à la guerre! Wir möchten hindern, was zu hindern ist. Da mein Vater nicht transportfähig, meine Brüder bei der Nordarmee fechten, so habe ich es übernommen, unsre Kostbarkeiten zu schützen. Ich sah von unsrer Wohnung aus, wie man sich zu der Fahrt anschickte, und ich habe mich ohne Zaudern auf den Weg gemacht, wider Papas Willen. Gilt es doch, ihm Beruhigung zu verschaffen. Übrigens handelt es sich auch um die Bergung höchst wichtiger Familienpapiere.«
»Unsre Fahrt ist nicht ohne Gefahr, mein Fräulein —«
»Ich fürchte mich nicht! — niemand!« setzte sie hinzu, und diesmal vibrierten die beiden tiefen Fältchen zwischen den Brauen ein wenig.
Ein kurzes, stummes Examen, das sein Blick in ihren Mienen anstellte, dann die halbdrohende Frage: »Es verhält sich so, wie Sie sagen?«
»Monsieur!« kam es zur Antwort, es klang wie Stahlesklirren.
Auf dies Wort hin seinerseits eine Geste, die sie zum Aufsteigen aufforderte, mit dem abermaligen Versuch der Galanterie. »Eine I. Klasse kann ich Ihnen freilich nicht anbieten. Wir fahren gleich ab, bitte!«
Oben auf dem Plateau, zwischen Tender und Lokomotive wies er ihr einen Sitzplatz zwischen den Kohlen auf mitgenommenen Decken an, den sie ablehnte, indem sie sich in die eine Ecke des Schutzdaches schmiegte. Nachdem die bewaffnete Eskorte eingestiegen, gab er den Pionieren das Zeichen zur Abfahrt.
Anfangs ging die Fahrt mit einiger Geschwindigkeit. Dann als die letzten Lichter der Stadt in der Ferne verschwunden waren, begann die Maschine ihren Lauf zu verlangsamen, denn ringsum, vorwärts, rückwärts nichts als das schwarze Land, die schwarze Nacht des wolkenbedeckten Himmels, ein gleichsam schwarzes, unheilbrütendes, alles umhüllendes Schweigen, alle Signale gelöscht, die Wärterhäuser verlassen, nur der Schein des Feuers, der von Zeit zu Zeit, wenn die Esse geöffnet wurde, über Ackerfurchen und dürre Hecken, gefrorene Wassertümpel, einsame Wegestrecken und schlafende Häuser wie gespenstisch hinhuschte, die übrige Dunkelheit noch um so tiefer verdichtend. Nun begann es zu schneien, ein immer stärkeres Gewirbel, das hier, in der sausenden Fahrt, eine sturmartige Heftigkeit annahm, eine zweite Nacht, die mit ihrem fort und fort niederflatternden Schleier die andre verdeckte; selbst die Flocken nahmen außer dem Bereich der Feuerstreifen, wo sie roten Funken glichen, eine schwarze Färbung an.
Und vorwärts in die Nacht hinein, mit wechselndem Tempo; jetzt war es nur ein Schleichen, ein vorsichtiges Tasten, als wenn die Maschine irgend einen heimtückisch über das Geleise gelegten Stamm, oder eine Ausrenkung der Schienen witterte; ein paarmal, so an den Brücken, wurde gehalten und die Bahn rekognosziert. Dann aber, wie in neu gewonnener Sicherheit ging es in einem tollkühnen Gejage wieder los, als schämte man sich des Zagens; bis auch dieser Ansatz zur Eile wieder erlahmte und das fast schrittweise Vorwärtstasten wieder begann. Die Dunkelheit scheint wie ein körperlich zu überwindendes Hindernis; das langsame Vorwärtsdringen ist wie ein Anstemmen dagegen, und der fort und fort wirbelnde, tobende und in peitschenden Streifen anwehende Schnee macht die Illusion dieses Anstemmens fast zur Wirklichkeit.
Wie lange dauerte solche Fahrt? Ihn, den Lieutenant, dünkte sie viele Stunden lang. Und seltsam, wie er sich ihr Ende nicht einmal herbeiwünschte — wie er fort und fort so weiterzufahren wünschte — ein seltsam thörichtes Gelüste, denn sie, deren rätselhafter Bann ihn zu solchem geheimnisvollen Wunsche stachelte, hatte keinen Blick für ihn, für niemand von den Prüssiens, die in ziemlicher Enge den schmalen Raum besetzt hielten. Zweimal hatte er versucht, ein Wort an sie zu richten, eine Frage, ob sie nicht fröre, ob er ihr ein Glas Wein zur Stärkung anbieten dürfe. Nichts, kein Wort, nur ein kühl abweisendes Kopfbeugen. Sie schien unempfindlich gegen die Dunkelheit, gegen den Schnee, vor dem sie unter dem Schutzdach nur teilweise gedeckt war; auch gegen die eigenartige Gefahr — ja diese schien sie zu reizen, und ihm war es, wenn die Maschine zum neuen Vorrasen ausholte, als umspielte ein ganz unmerkliches Zucken der Befriedigung ihren schön geschnittenen Mund. Ihre Augen blieben unverwandt durch das runde Lugfenster nach außen gerichtet, in das unaufhörliche Gewirbel hinein.
Und so war er in ihren Anblick versunken, wie ihn dünkte, stundenlang; stand und sah und staunte und empfand eine seltsame, schmerzlich süße Freude, die Blicke an ihrer geheimnisvollen Schönheit zu weiden, seine Sinne an dem herben Hauch der Tapferkeit zu erquicken, der sie umwehte und ihr Wesen hinaushob über die gebrechliche Koketterie ihres Geschlechts. Er hätte viel darum gegeben, ihr den Ausdruck seiner Bewunderung nur mit einem Worte andeuten zu dürfen — ja nur mit einem Blick — besonders dann, wenn die Lichtflut der geöffneten Esse sie mit dem feurigen Mantel umfloß und ihre Gestalt wie in einer überirdischen Glorie leuchtete. Auch gegen den blendenden Feuerschein schien sie unempfindlich, nur blieb sie zuletzt nicht mehr ganz so regungslos starr; jetzt begann sie von Zeit zu Zeit den Kopf um die Eisenkante des Schutzschirmes vorzubeugen, des scharfen, eisigen Wehens nicht achtend. Und sie horchte mit gespannteren Augen.
»Herr Lieutenant,« sagte sie plötzlich, »ich bitte Sie, in wenigen Minuten halten zu lassen! Es ist hier!«
»Aber wieso?« entfuhr es ihm verwundert. Denn nichts als das Schneegetriebe da draußen.
»Ich höre unsere Hunde. Es ist hier! Bitte!«
Jetzt erst vernahmen die andern durch das Gedröhn und Gerassel und vieltönige Geräusch des eisernen Ungeheuers ein Gekläff und Geläut von Hunden. Jetzt war es, als huschte der Feuerschein, das Gestöber durchdringend, über das steile Dachwerk eines schloßartigen Gebäudes.
»Bitte!«
»Halt!« befahl der Lieutenant. Mit kreischendem Laut stoppte die Lokomotive.
»Ich danke Ihnen! Sie haben mir — uns (verbesserte sie sich) einen großen Dienst erwiesen —« Damit raffte sie die Kleider zusammen und stieg hinab.
»Mein Fräulein —«
Er wollte ihr nach. Er durfte sie doch nicht so in die Nacht hinein ... Als wenn er ihr dennoch etwas zu sagen hätte — mochte sie es hören wollen, oder nicht ... Aber fort! Er stand und sah ihre Gestalt durch das Gestöber dahineilen, immer undeutlicher, bis sie gänzlich in der Nacht verschwand. Nichts als das Gekläff der Hunde, das jetzt laut durch die Nacht hallte, von der großen dunklen Masse her, die seitwärts des Schienenstranges durch den Schnee dämmerte.
»Befehlen der Herr Lieutenant weiter zu fahren?«
»Los!« rief er dem Pionier zu — es klang wie ein Ruf der Befreiung von dem hexenhaften Bann, von der sinnbethörenden Vision. »Und geben Sie ein paar tüchtige Sporen!«
Die Maschine nahm einen tollen Anlauf und raste in die Nacht hinein, um bald darauf in einem von Soldaten wimmelnden Bahnhof zu münden, dem Ziel der abenteuerlichen Fahrt.
Los — ja los! Doch das Wort erwies sich als ohnmächtig gegen den Zauber solcher Erinnerung. Immer wieder tauchte das Bildnis ihrer Erscheinung, in den vibrierenden Glutmantel gehüllt, gaukelnd vor seinen Sinnen empor, auf dem Marsche, im Schneeschlamm der grundlosen Wege, im Bivouac, dem schlaf- und feuerlosen, jetzt, während des Gefechts — da schien es erst recht in seinem Element, wo die Hornsignale gellten, die Kugeln zischelten, die Erde unter dem Donner der Geschütze erbebte, und der Tod sich seiner reichen Ernte freute unter den stürmenden, vom beißenden Pulverqualm umwogten Kolonnen.
Plötzlich aber war es fort, mit jeder Dämmerung seines Bewußtseins getilgt. Als es dann wiederkehrte, nach einigen Tagen, hatte es die Gestalt eines gespenstischen Phantoms angenommen, das mit feurigen Flügeln vor ihm hereilte, da draußen im stöbernden Schnee, während er mit immer qualvollerer Sehnsucht die Lokomotive zur Eile spornte und das brüllende »Los! Los!« seines Wundfieberwahns ihn, zur Verzweiflung der Wärter, bis an die Grenze der Erschöpfung brachte. —
Der Schloßensturm hatte sich ausgetobt, und die Tageshelle rückte vom Erker aus wieder gegen den Kamin vor, dessen Glüheffekte dämpfend. Da hallte die Korridorglocke. Erschreckt fuhr Léonie aus ihrem brütenden Schweigen empor: »Ich bin für niemand zu sprechen!« rief sie. »Adolf, willst du dafür sorgen?«
»Es ist Mariot,« entgegnete er — »ich kenne ihre Art zu läuten, frisch, resolut wie ihr ganzes Wesen.« (Das letztere nicht unabsichtlich).
»Noch nicht!« rief Léonie, die flach übereinander gelegten Hände in flehender Gebärde zu ihrem Gatten erhoben. »Jetzt noch nicht! — ich möchte mich besinnen — ich will mich ...«
Und sie stockte, die Hände fielen herab, und ihre Augen wandten sich wieder dem Feuer zu, es war ein leidenschaftliches Auflodern darin, und zwischen den Brauen wetterten die kurzen, tiefen Furchen: ein abermaliges Aufbäumen der Französin in ihr. Mehr als das! In diesen Minuten flog mit blitzartigem Zickzack all das vor nun zwanzig Jahren Geschehene an ihr vorüber. Sie wiegte langsam den Kopf, und jetzt schüttelte sie ihn heftig: »Nein, ich kann nicht! Ich bin entschlossen! Ich durfte nicht wanken, auch das war ja schon sündhaft — — nein!«
Diesmal gellte das Wort laut durch den Saal. Es war der Axthieb, der in den jungen Blütenbaum gefahren. Der Geheimrat fühlte, daß es dagegen für ihn keinen Widerstand geben dürfte. Man sollte sie nicht quälen, gerade jetzt nicht, da der Mai heranrückte, der den Frankfurter Frieden gebracht. War es nicht jedesmal um diese Zeit, daß die alten Zweifel und Schmerzen, ja die geheim gärenden Reuegedanken in ihr mit oft erschreckender Gewalt wieder auflebten. Und sie sollte jetzt, gerade jetzt, ihre Zustimmung geben, daß die Enkelin ihres Vaters einen Preußen ... Nein! Es würde schon so bleiben müssen! »Armes Kind!« entfuhr es ihm unhörbar. Und lauter: »Beruhige dich nur, Léonie, ich werde mit Mariot alles besprechen —«
Dann saß sie, die Hände an die Augen pressend, wie gelähmt, und horchte auf den Klang seiner Stimme im Nebenraum, die berichtete, entschuldigte, in einen bedauernden, dann zärtlichen Ton fiel und schließlich ganz verstummte. Vergeblich wartete sie auf Mariots Antwort: — doch kein Ton ihrer Stimme. Kannte sie ihre Tochter denn nicht? Mußte sie nicht wissen, daß das Mädchen eine solche Nachricht mit stummem Stolze hinnehmen werde? — kein weichlicher Ausbruch der Verzweiflung! — nicht vor anderen!
»Nein« — Würde es unabwendbar, unverrückbar bleiben, dies grausame Wort? Hatte sich damals, vor zwanzig Jahren, nicht ein andres »Nein« dennoch in ein »Ja« verwandelt?
Nein! — jenes erste, das die Französin ausstieß gegen die stutzende Erregung, die sich ihrer bemächtigt hatte, da sie an einem Dezembermorgen die in ein Lazarett verwandelten Säle ihres väterlichen Schlosses La Mireille durchschritt und auf einem der Lager, in der Reihe französischer Verwundeter, auf sein Antlitz stieß. Sie hatte es wohl erkannt. Wieder, wie in jener Nacht auf der Lokomotive, fühlte sie die Augen des Preußen auf sich gerichtet, jetzt leidensgroß, wie von dem Schreck einer fiebernden Vision geweitet, da auch er sie erkannt haben mußte. Welch ein tückischer Zufallskobold! Welch eine Brutalität romantischer Verkettung!
Aber wie in einem Zwang willenloser Suggestion erlahmte ihr Zögern, und sie war an das Bett herangetreten und hatte ihn begrüßt; das, was sie ihm wie den andern als Herrin des Hauses schuldig war. Stand sie nicht jetzt im Dienst der Barmherzigkeit, die keine nationalen Stachelzäune kennt? War sie ihm nicht zu Dankbarkeit verpflichtet? Denn was wäre aus La Mireille geworden, wenn ihr nicht die Fahrt hierher verstattet worden, und sie dann nicht durch ihre tapfere Haltung die Schätze des Schlosses vor den Vandalismen der barbarischen Soldateska, wie sie meinte, zu schützen vermocht? Heftig hatte der Kampf um La Mireille getobt, sie war nicht von ihrem Posten gewichen, ja einen Brand, der auf dem linken Flügel ausbrach und diesen einäscherte, hatte nicht am wenigsten ihre Energie einzuschränken gewußt.
Dieser Begegnung folgten andere, immer häufigere, besonders später, da der Verwundete in der Genesung war und sich im milden Sonnenschein der Touraine auf der Terrasse des Schlosses bewegen konnte. So sehr das »Nein« in ihrer Brust sich sträubte dagegen. Was geschah denn? Ein liebenswürdiger, ein hochgebildeter Mann, der das reichste Verständnis zeigte für die edle Geisteskultur ihres Vaterlandes, und der dessen Sprache in seltener Vollendung sprach — durchaus nichts von einem Barbar! An diesen schien sie erst erinnert zu werden, als er in seiner vollen Montur vor ihr stand, um Abschied zu nehmen. Er hatte sie wiederholt gebeten, mit ihr korrespondieren zu dürfen, jetzt wiederholte er die Bitte, nichts als diese, aber sie fühlten beide die stille Glut verhaltener Leidenschaft, das Weh des Abschiedes durch ihre Worte vibrieren. Sie fand abermals nicht die Kraft, das »Nein!« über ihre Lippen zu bringen, während doch ihre Augen, wider ihren Willen, so jakräftig erglänzten.
Das verbrecherische Geheimnis eines Briefwechsels zwischen einem Preußen und einer Französin, während gerade die Ihrigen, besonders ihr Vater, in dem Schmerz und der Entrüstung über den schreienden Hohn dieses Frankfurter Friedens patriotisch schwelgten! Oft genug war sie im Begriffe, die geheime Schmach dieser komplottartigen Verbindung mit einer jähen Entsagung abzuthun — vergeblich!
Da tauchte er plötzlich vor ihren erschrockenen Augen leibhaftig wieder auf. Es war zu Spaa, wo sich die Familie S. zur Kur befand. Er war gekommen, um von ihrem Vater nichts Geringeres als ihre Hand zu erbitten. Alles durfte er für diese Werbung in die Wagschale legen: seine stattliche Persönlichkeit, seinen Namen, sein Vermögen, seine bevorzugte Staatsstellung, die zu einer glänzenden Karriere berechtigte — aber auf der gegnerischen Schale nichts als die beiden Worte: »Frankfurter Friede,« die der Vater und berühmte Schriftsteller mit einer gewissen theatralischen Entrüstung zur Antwort einsetzte. Hiermit wäre wohl der Schluß dieses so romantisch begonnenen Abenteuers gegeben gewesen, wenn nicht im Winter darauf Herr S. selbst eine unerwartete Lösung herbeigeführt: eine blendende, reiche Partie, die er seiner Tochter, als eine feste Abmachung hinter ihrem Rücken, vorschlug und kraft seiner väterlichen Autorität aufzwingen wollte. Da geschah es, daß ein andres »Nein« sich in ihrem Herzen aufbäumte gegen solche Vergewaltigung. Das heilige Vaterland verzeihe ihr das Verbrechen, wenn sie in dieser grausamen Drängnis wankend wurde und sich dem geliebten Manne nunmehr auslieferte, allen Hassesvorurteilen zum Trotz. So lief also in den Dezembertagen von 1871, da jene Kämpfe um Orleans jährig wurden, eine Notiz durch die Boulevardblätter, die Tochter des Schriftstellers S. habe sich gegen den Willen der Ihrigen mit einem Prüssien ehelich verbunden. Welche Blasphemie! Die offenbare Kirchenschändung, begangen an dem Namen eines der patriotischsten Schriftsteller etc. etc.
Der Schritt bedeutete für sie die Verbannung; sie hatte seitdem die Ihren weder wiedergesehen, noch den Boden ihres Heimatlandes betreten. Zwischen ihr und jenen stand noch immer die Mauer des Frankfurter Friedens aufgerichtet. Und sie hoffte auf deren Fall, sei es, daß die Revanche sie im kühnen Wagemut eines Tages gewaltsam umstürzte, sei es, daß der Großmut des Siegers sie in reuiger Einkehr von selbst beseitigte, wie sie mit vielen ihrer Landsleute chimärisch beanspruchte. So hoffte und hoffte sie in ererbter französischer Selbstverblendung — »c’est plus fort que moi!« — man soll und muß ihr verzeihen! — auch Mariot! —
Jetzt öffnete sich die Flügelthüre, und Mariot erschien auf der Schwelle. Léonie’s schlankes, stolzes Ebenbild, doch von liebreizender Frische, mit freien, offenen, hellen Augen, den deutschen Augen ihres Vaters; auch der vollere Mund zeigte nicht die energische und strenge Verschlossenheit, die den Lippen ihrer Mutter solch herben Ausdruck verlieh. Jetzt war das Oval ihrer Wangen von fahler Blässe überhaucht, und ihre Augen hatten etwas angstvoll Gespanntes, als fürchteten sie, sich in Thränen zu verraten; ihre Lippen, aus denen die sonst blühende Farbe gewichen, atmeten halb geöffnet, in verhaltener Erregung.
Langsam näherte sie sich dem Kamin. Langsam erhob sich Léonie, nicht ohne daß ihre Hand sich tastend auf die Lehne des Sessels stützte. Dann ruhte der Kopf der Tochter stumm, in zitterndem Schweigen an der Schulter der Mutter.
»Wirst du mir verzeihen, mein Kind, mein armes Kind?«
»Mutter, wie du beschließest, so ist es — so ist es« — (ein kurzes Stocken, dann laut und fest:) »so ist es recht, Mutter!«
Die Mutter hatte die Frage in französischer Sprache gestellt; Mariots Antwort geschah auf deutsch. In Léonies Brust war es wie ein Zurückzucken. Deutsch — jetzt, in solcher Stunde! Wie hart, wie abweisend es klang, wie feindlich, trotz der Bedeutung der Worte! Als wenn sich ein zweiter Friede von Frankfurt plötzlich aufgerichtet zwischen ihrem Herzen und dem ihres Kindes. —
Vierzehn Tage darauf, an einem Spätmorgen, trat der Geheimrat mit einem Zeitungsblatt in der Hand an seine Gattin heran, die auf einer Chaiselongue ruhte, lässig und müde in Journalen stöbernd. Die Balkonthüre stand auf, wohlig warme Luft strömte herein, die Straße lag geblendet im lachenden Frühlingssonnenschein, und der Reflex der goldig-grellen Lichtflut umspielte mit einer gewissen frohen Deutlichkeit die Gegenstände des Zimmers. Auf dem Balkon sonnten sich die Stubenpflanzen, die Palmenfächer glänzten in breitem Metallglanz, die Azaleen standen im leuchtenden Flor, helle Knospenpunkte schimmerten im jungen hellgrünen Laub. Doch Léonie hatte keine Freude an diesem Frühlingsweben; es lastete auf ihr wie ein schwerer Alp: nicht die Nähe des unseligen 10. Mai allein, die auch in anderen Jahren eine gewisse krankhafte Krise in ihr hervorrief, nein das dumpf anklagende Schmerzgefühl, daß sie sich ihren Lieben, dem Gatten wie dem Kinde, entfremdet durch ihr trotzig-beharrliches »Nein«, daß sie in ihrem eignen Hause eine Fremde geworden, als Französin geduldet unter den Preußen — ja so war es! Das schonende Benehmen täuschte sie nicht darüber hinweg. Oh, sie empfand sehr wohl, wie hinter jeder Liebkosung ihres Gatten der geheime Vorwurf lauerte. Hatte sie nicht wie erleichtert aufgeatmet, als Mariot, wie beschlossen wurde, nachdem man die Werbung des Freiherrn von Werthern in aller Form abgewiesen, zu ihrer Tante nach Schlesien abgereist war? Nun hatte sie nicht mehr die Anklage der großen, wie im geheimen Weh erstarrten Mädchenaugen zu bestehen. Hier galt es nicht eine jener flatternden Ballneigungen durch einen Thränenstrom wegzuschwemmen, nein, Wussow hatte recht, ein Blütenbaum war niedergehauen worden, da hilft kein tröstendes Anbinden und Aufrichten ....
Wegen einer Uniform! Fast war es zum Lachen. So sind wir von der hohen Civilisation; ein Vorurteil, ein Fetzen alter Tradition, eine Phrase, ein gelltönendes Wort: Revanche, Satisfaktion, Ehre, Standesbewußtsein, dergleichen vermag bestimmend in unser Schicksal einzugreifen; der rote Lappen des Frankfurter Friedens stachelt immer wieder von neuem den Preußenhaß unserer westlichen Nachbarn zum wütenden Koller auf.
Aber durfte sie anders handeln? Durfte sie ihrem alten Vater diese neue Schmach anthun? Ihm, der gerade jetzt, als die Beschickung der Berliner Ausstellung durch französische Künstler im Werk war, seinen chauvinistischen Warnruf in poetischen Trompetenworten à la Victor Hugo hatte erschallen lassen; da ihr älterer Bruder, ein Schlachten- und Revanchemaler von Ruf, als einer der ersten sich zu dem Gang à Berlin weigerte? Jetzt, gerade jetzt! — arme Mariot, deren Glück einer Verkettung politischer Zufälle zum Opfer fallen mußte! — daran klammerte sie sich zum Schutz gegen ihre Selbstanklage. —
»Léonie, ich wollte dich avertieren —« sagte der Geheimrat, »du sollst nicht überrascht werden. In der Zeitung steht eine gewisse Notiz —«
»Gieb her!«
»Du darfst nicht erschrecken — es handelt sich um deinen Vater —«
»Wieder einen seiner Ausfälle gegen euch Preußen? Gieb!«
»Nicht das. Dein Papa ist krank, er liegt auf Schloß La Mireille danieder.«
»Tot!« schnellte sie auf.
»Nicht das, armes Herz! Aber wir wollen auf alles gefaßt sein! — komm, laß dich nicht zu sehr alterieren.«
Sie entwand sich seinem sanft umfassenden Arm: »So will ich hin! Gleich! Sofort!«
»Oh! Du bist selber leidend. Du willst hin?«
»Er soll nicht sterben, ohne daß er mir verziehen — er darf nicht! Sofort werde ich abreisen!«
Vergebliches Überreden, sie von ihrem Entschluß abzulenken: die alte tapfere Art des Jahres 70 schien in ihr von neuem aufgeweckt. Sie wollte hin, nach Mireille, durch das Verhau von Vorurteil und Haß und Verblendung, das ihr die Heimat feindlich verwehrte, sich einen Weg bahnen zu ihrem sterbenden Vater hin, sich das erlösende Wort der Verzeihung von seinen Lippen erflehen, dann wird alles gut — »auch hier!«
»Wegen uns mache dir doch keine Gedanken —« wehrte er.
»Ich wünsche, daß auch hierin etwas entschieden werde —« sagte sie mit dumpfem Starren. Und das andere nur hingemurmelt: »Ich wünschte zu wissen, wo ich hingehöre ...«
Was meinte sie damit? Man muß sie gewähren lassen! Er dachte an ihre That von damals, ein ermutigendes Wort wäre eine Herabwürdigung gewesen; seine Begleitung, die er ihr für ein paar Reisestunden wenigstens, angeboten, lehnte sie ab: es wäre besser, daß sie allein mit ihren Gedanken sei. So half er ihr auf dem Bahnhof in ein Coupé erster Klasse, das die Bezeichnung ›Berlin-Köln-Paris‹ trug, (den andern kürzern Weg über Frankfurt hatte er absichtlich ausgeschlossen) stand und winkte, während der Zug in der Wolke selbsterzeugten Dampfes mit steigendem Rasseln hinglitt, nach dem Coupéfenster hin, wo ihre hohe Gestalt aufgerichtet hielt, nur mit einem ganz leisen Neigen ihres fahlblassen, tiefernsten Antlitzes seinen Abschiedsgruß erwidernd. Immer noch stand er, da der Zug längst entschwunden. Was war das für ein seltsamer Gedanke, der sein Herz wie mit eiskalter Hand umkrampfte? Wenn sie nicht mehr wiederkehrte ... ist sie doch gegangen, sich Entscheidung zu holen, wo sie denn hingehört! Unsinn! Für einen Königlichen Vortragenden Rat im Finanzministerium ein ganz berufswidriger Gedanke! Wie kam er dazu? Und während er seltsam schnell mit den Augen zwinkerte, als gälte es dort etwas zu unterdrücken, lachte er halblaut auf. —
Am neunten Tage nach diesem stand er abermals auf dem Perron, um sie nach ihrer Rückkehr in Empfang zu nehmen. Er hatte während der ganzen Zeit nur ganz knappe Nachrichten von ihr erhalten, Depeschen, in der Hast hingeworfene Zeilen, Geschäftliches, ihre Rückreise und Ankunft betreffend. Ihr Vater war der heftigen Lungenentzündung erlegen, die Zeitungen brachten Nekrologe und das übliche kritische Resumé seiner litterarischen Bedeutung, die Franzosen betrauerten aufrichtig den Verlust eines großen Patrioten. Von ihr war ihm keine Andeutung zugekommen, ob sie ihn noch lebend angetroffen und den Zweck ihrer Reise, seine Verzeihung, erwirkt. Er war sehr erregt, wieder in völlig berufswidriger Weise, als er jetzt ihrer in schwarzen Krepp gehüllten Gestalt aus dem Coupé half und sie dann in stummer Umarmung an seine Brust preßte. Ihren Zügen war die ausgestandene Leidenszeit aufgeprägt; sie schien gealtert und ihre Wangen abgehagert; war es nur eine Täuschung, daß beim Zurückschlagen des langwallenden Schleiers die Scheitelwellen ihres Haares im deutlichen Grau erschimmerten?
Für jetzt nur die wenigen, halbgestammelten Worte, die solchen Empfang zu begleiten pflegen. Doch die eine Frage, die deutlich ihre Seelenverfassung erraten ließ: »Mariot? Ist gute Nachricht von ihr da?« Mit solch vibrierender Bangnis schienen die Worte ausgepreßt.
»Ich danke. Sie scheint wohl — Du findest einen Brief von ihr vor. Lieb wie immer — — Wir wollen den Diener mit deinen Sachen vorausfahren lassen, ist dir’s recht, Léonie?«
Erst als sie im Wagen saßen, kam die Antwort auf diese Frage »Ach ja, Luft! Ich atme auf. Laß uns einen Umweg durchs Grüne machen!«
Er befahl dem Kutscher, einen größeren Umweg durch den Tiergarten zu nehmen. Es war ein wunderschöner Frühlingsabend. Vor den beiden Cafés am Potsdamer Platz wimmelte es von Gästen, auf den Trottoirs davor war ein lebhafter Begehr nach grellbunten Blumen; die herrlichen Linden der beiden Platzsquares standen in leuchtendem Grün, die antikisierenden Wachttempel überragend; fernhin verduftete der Prospekt der Leipzigerstraße im rosigen Dunst, selbst das hastende, rasselnde Verkehrsleben schien von einer festlichen Verklärung überhaucht. Sie fuhren durch die Bellevuestraße, unter dem dämmernden Schattendach der strotzend belaubten Kastanien, an denen die Kandelaberkerzen der weißen und roten Blüten eben aufgesteckt waren; in den Vorgärten waltete der Wetteifer, welcher den andern in der Pracht seines Blumenflors überböte, eine Frühlingsspezialität dieser stimmungsvollen Avenue.
»Wie schön es hier ist — bei euch —« entfuhr es flüsternd Léonies Lippen. »Ach die Luft!«
Wiederholt atmete sie in vollen erquickenden Zügen, als wenn sie von einem herzbeklemmenden Druck befreit werde.
Und beim Anblick des Tiergartens ein Ruf des Staunens: »Wie grün!«
»War es denn dort noch nicht —« fragte er zögernd.
Sie wandte den Kopf zur Seite, wo die Siegesallee mit ihren korrekten Lindenbäumchen sich in die Ferne verengte, von dem in der Abendsonne glühenden Goldkoloß der Siegesgöttin beherrscht. »Eis ...« hauchte sie hervor. Und ein Schauer schien sie zu überrieseln.
Er verstand. Doch nicht der üppige Garten der Touraine, wo sie die Tage geweilt, — nein das Eis des Hasses, auf das sie gestoßen, als wäre ihr ganzes Inneres davon erstarrt bis in den Blick ihrer dunkelumrandeten Augen hinan.
Eine Stille lang, während er das Wort klingen zu hören wähnte, fuhren sie durch das Waldesdunkel des Parkes. Leise tastete er nach ihrer Hand: »Gut, daß du wieder da bist, Léonie« — begann er. »Mir war sehr bang.«
»Du hattest Ursache, du Ärmster —« flüsterte sie dumpf. Dann auffahrend, mit einem schrillen Ton: »Ah, dieser Haß! Sie sind toll! Sie vergiften alles damit! Selbst die Pietät einer Sterbestunde ist ihnen nicht heilig vor ihrem Haß!«
Dann nach einer abermaligen Stille: »Wie war ich geeilt, nur um seine Hand noch einmal zu ergreifen! Es war ein Wunder, daß man mich überhaupt vorließ, — bis an das Lager meines armen Vaters. Ihm sei verziehen, Gott sei seiner Seele gnädig! Wenn er mir auch nicht verziehen — wenn er auch gegangen ist, ohne mir zu vergeben ...«
Ihre Stimme stockte in plötzlicher Erschütterung.
»Nicht?!« rief er in voller Empörung.
Sie faßte sich, reckte sich empor: »Ich habe mich tapfer gehalten all die Zeit über, mein Stolz gegen den Haß meiner Brüder und Verwandten — sie waren unerbittlich, von einer beleidigend kühlen Höflichkeit. Aber ich blieb, ich wollte nicht weichen, bis ich an dem Grabe meines Vaters mein Gebet gesprochen —«
»Du trafst ihn noch bei Besinnung?«
»Man hatte mich nicht ohne Einspruch an sein Sterbelager gelassen. Man schützte die Aufregung vor. Ich drang dennoch bis zu ihm. Ich hätte ihn kaum wiedererkannt. Er aber mich — o wohl, er mich! Er schien wie aus einer Betäubung zu erwachen — seine großen Künstleraugen fragend auf mich gerichtet — tastend — ein Schimmer der alten Liebe, die darin aufzuleben schien. ›Mein Vater, ich bin’s‹, schluchzte ich, ›ich bin gekommen, um dich um Verzeihung zu bitten‹ — Es war ein Besinnen in diesen Augen, all sein Empfinden darin wiedergespiegelt — o ich sah bis auf den Grund seiner Seele. Seine Léonie, sein Liebling von damals — die Freude, die er stets an mir hatte — hat er nicht seinen Roman »Gabriele« zu deiner Verherrlichung geschrieben? Und dann der Schmerz dieser Trennung, die geheime Sehnsucht, die in der Tiefe seines verwaisten Herzens fort und fort gebangt, wenn auch der Mund meinen Namen nicht aussprach — ich sah den Kampf, den seine Liebe kämpfte gegen das andere, gegen die Krankheit, das Gift — gegen den Preußenhaß. Ich sah das Gift die Obmacht gewinnen, seinen Blick erstarren, den Schimmer der alten Liebe sich in Eis verwandeln — hatte er nicht den Mut, den andern gegenüber, die hinter mir dieser Scene beiwohnten? Nicht den Mut, das Wort, den Namen auszusprechen, der auf seinen Lippen schwebte — Gott sei seiner Seele gnädig! — er schloß die Augen. Ich hatte seine Hand ergriffen und jetzt fühlte ich, wie die sich regte, leise, leise — aus der meinen fort — sich zu befreien suchte — zuletzt ein Ruck — es war wie ein Zurückstoßen — ja das! O Gott! Es war das »nein!«, das sein Preußenhaß gegen mich, die Abtrünnige, die Vervehmte seines Geschlechtes und seiner Nation, geschleudert. Ich sank mit dem Kopf gegen die Bettstatt, hart hinschlagend — ich glaube, ein Schrei entfuhr mir — ich weiß nichts — nichts mehr ganz klar —«
»Mein armes Herz —« und er preßte um so inniger ihre Hand.
»Du fragtest mich vorhin, ob denn dort unten der Frühling nicht .... Auch das weiß ich nicht. Ich habe nichts gesehen. Doch, ich erinnere mich, nicht weit von seinem Grabe, wo ich betend kniete, da ragte ein Blütenbaum, von jenen winzigen japanischen Rosen, die ich so liebe — — Ich werde den Ort wohl nicht wiedersehen —«
»Nun sollst du dich erholen, du Arme — nun darfst du nicht mehr fort und fort daran denken!«
»Ich möchte alles vergessen — bis auf das Grab mit seinem Blütenbaum — mein Vaterland, alles — o Gott, ich wollte, ich dürfte mich einmal ausweinen — mein Herz ist so voll —«
Dann, sich abermals aufraffend: »Wie schön es bei euch ist! — Wie gut ihr seid! — — Wie grün das Laub geworden! — Ach, die Luft! Wie das Atmen erquickt! — ich habe lange nicht mehr frei geatmet — und — und —«
Sie riß die Hand aus der seinen und reichte ihm dann in überquellender Bewegung die beiden Hände hin!
»Und ihr verzeiht mir, ihr, du und Mariot! Damals konnte ich nicht anders — jetzt, jetzt erst weiß ich, wo ich hingehöre —«
»Ich wußte es längst, aber du sträubtest dich gegen die Erkenntnis —«
»Du wirst gleich morgen Herrn von Werthern zu mir bitten, ich habe mit ihm zu reden, aber anderes als damals —«
»Soll ich auch Mariot kommen lassen?«
»Ach, mein Kind! Schnell, wir wollen ihr telegraphieren!«
In dem Gedanken dieses Wiedersehens saß sie verloren. Galt es nicht eine Mauer einzureißen, die sich zwischen dem Mutter- und dem Kindesherzen aufgerichtet? Aber hinter den Trümmern leuchtet das verheißende Frühlingsgrün.
»Wie schön es ist!« rief sie plötzlich aus, mit einer Geste über den blauenden See weisend.
»Das Laub hat sich mächtig herausgemacht. Ja so ein Berliner Frühling — so ein deutscher Frühling! Den wenigstens sollen sie uns nicht« ....
Er stockte. Nicht jetzt davon: ein andermal wollte er seiner Überzeugung Ausdruck geben, daß doch zuletzt die Liebe den Sieg davon trüge über den Haß und daß selbst über der Mauer des Frankfurter Friedens dereinst sich grünende Wipfel von hüben und drüben vereinigen würden. Man muß ihnen nur Zeit lassen zum Wachsen, recht viel Zeit ...