Ende November fand die Hochzeit Fritz Möllers mit Frida Grödecke statt. Vorher hatte auf Bitten Heddas der Pastor einen nochmaligen Einspruch zu erheben versucht. Er beschied den alten Möller zu sich; er wußte ganz genau, daß der Alte allein das Machtwort sprechen konnte; er kannte seine Leute.
Möller kam auf der Stelle. Er hatte Respekt vor dem Pastor, war auch ein eifriger Kirchengänger.
Eycken sprach ihm zu Herzen. Es sei doch empörend, daß der Fritz ein so braves und liebes Mädchen wie die Dörthe Klempt unglücklich machen wolle. Es könne ja vorkommen, daß man in Ausnahmefällen einmal ein Verlöbnis rückgängig mache; wenn man beiderseitig fühle, daß man sich getäuscht habe, so sei ein Auseinandergehen schon besser als eine Heirat, der die höchste Weihe, die Liebe, fehle. „Aber in unserm Falle liegt die Sache doch wesentlich anders, lieber Herr Möller. Ich habe mit Dörthe gesprochen; sie sagt, nicht an Fritz, sondern an Ihnen liege die Schuld. Ich habe neulich auch einmal mit Ihrem Fritz gesprochen, als ich ihn zufällig traf, und er antwortete mir einfach: ‚Ich kann nichts dafür – der Alte will’s so.‘ Also die Tatsache steht fest: die beiden Menschen wollen sich angehören, und Sie treiben sie auseinander! Ist das nicht unrecht, Möller?“
Und ruhig erwiderte der alte Mann:
„Entschuldigen Sie, Herr Pastor, aber nein – es ist nicht unrecht. Ich gehöre noch zu der alten Schule, und da haben die Kinder den Eltern zu gehorchen, wenn sie auch schon zehnmal erwachsen sind, denn sie bleiben die Kinder. Ich selbst habe meinen Eltern auch parieren müssen, als es zur Hochzeit ging, und hätte doch lieber eine andre geheiratet. Fragen Sie mal die Pauline Klempt, die kann Ihnen davon erzählen. Aber ich würde trotzdem nichts wider die Dörthe gehabt haben, wenn’s nicht von wegen der Quelle gewesen wäre. Es ist jetzt nicht mehr so wie früher. Aus dem Kruge ist ein Hotel geworden; schon letzten Sommer hat ein Postdirektor und ein Geheimer Rechnungsrat bei uns gewohnt. Es wird noch anders kommen. Da muß die Wirtin von besserem Herkommen sein als die Dörthe, muß was von der Wirtschaft verstehen und auftreten können. Und sie muß auch ihr Eingebrachtes haben. Denn Sie mögen mir sagen, was Sie wollen, Herr Pastor: was nutzt die ganze Liebe, wenn kein Geld dahinter steckt! Was heißt denn das mit der Liebe? Es find’t sich alles.“
Der Pastor hielt nicht damit hinter dem Berge, wie er über die eigenartige Auseinandersetzung Möllers dachte, aber es half ihm nichts. Die Entgegnungen des Alten bewegten sich immer in demselben Gedankenkreise. Ja, wenn die Quelle nicht wäre, da hätte man vielleicht ein Auge zugedrückt und nicht so aufs Portemonnaie und aufs Äußere gesehen. Aber nun mußte man es. Man brauchte viel Geld; es ging nicht anders.
Da wurde Eycken zornig und fragte Möller, ob er es auf seine Seele nehmen wolle, wenn Dörthe sich ein Leids antun würde – ob er es verantworten könne, wenn das Mädchen tiefer und tiefer ins Unglück käme.
Der Alte zuckte darauf mit den Achseln; sein Gesicht blieb hart wie Stein, brutal und grausam von Ausdruck, wie immer.
„Es gibt noch mehr Männer auf der Welt wie unsern Fritze, Herr Pastor,“ antwortete er. „Und will sie keinen andern, so läßt sie’s bleiben. Ihre Tante Pauline ist auch nicht gleich ins Wasser gegangen. Wenn sich alle Mädel hier bei uns hätten ersäufen wollen, die den nicht gleich gekriegt haben, den sie gerne hätten haben wollen – Herr Pastor, dann hätten wir überhaupt keine Weiber mehr im Dorfe!“
Eycken entließ Möller. Er wollte nichts mehr hören von ihm; er sah auch ein, daß jede Bemühung, den Hartkopf umzustimmen, vergeblich gewesen wäre. Aber er geriet von neuem in Zorn, als ein paar Tage nach jener Unterredung die Verlobung Fritzens mit der Schlächterstochter aus Frankfurt bekannt wurde und bald darauf auch der standesamtliche Namensaushang der beiden erfolgte. Der Sitte nach pflegte jeder Hochzeit ein dreimaliges sogenanntes Aufgebot von der Kanzel aus vorherzugehen, und Eycken freute sich jedesmal, wenn er um diese feierliche Ankündigung gebeten wurde; er liebte es, wenn man den hübschen alten Sitten, die noch aus der Zeit vor Einführung der Zivilehe stammten, Achtung entgegenbrachte. Fritz hatte aber diesmal absichtlich kein Aufgebot bestellt, und sein Vater war damit einverstanden gewesen. Albert riet sogar von einer kirchlichen Trauung ab, bei der man sich immerhin auf einige herbe Worte des Pastors gefaßt machen konnte. Doch davon wollte der Alte nichts wissen. Er steckte viel zu tief im Überlieferten, um nicht vor dem Gedanken zu erschrecken, daß sein Sohn ohne kirchlichen Segen in die Ehe treten sollte.
Es war ein unangenehmer Auftrag für Eycken, diese Hochzeitspredigt. Daß er die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen durfte, ohne seinem Empfinden über die Frivolität des plötzlichen Brautwechsels Ausdruck zu geben, war klar. Es hätte seinem ganzen Wesen widersprochen, wenn er mit linden Worten darüber hinweggegangen wäre. Auf der andern Seite scheute er sich aber vor Zank und Ärger. Es konnte neue Konflikte mit dem Konsistorium geben; die hätte er gern vermieden. Er dachte sowieso zuweilen daran, die Pfarre aufzugeben, um sich gänzlich seinem Kinderhospiz widmen zu können, dessen Einweihung im Frühjahr erfolgen sollte. Als letztes Aushilfsmittel wäre ihm schließlich immer noch das Vorschützen einer Erkrankung geblieben; dann hätte der Geistliche der Nachbarparochie die Trauung vollziehen müssen, aber solch eine Komödie dünkte Eycken unwürdig.
Die Hochzeit fand an einem kalten Novembertage statt. Es war früh Winter geworden, unerwartet schnell, ohne langsamen Übergang. Als man eines Morgens erwachte, war Schnee gefallen, und an den Bäumen, an denen zum Teil noch das bunte Herbstlaub hing, zeigten sich die ersten Eiskristalle. Aber der Himmel strahlte in lichtem und glänzendem Blau, und das ganze Kirchenschiff war mit heller Sonne erfüllt.
Fast die gesamte Gemeinde wohnte der Feier bei. Auch Dörthe hatte sich heimlich in die Kirche schleichen wollen, aber Hedda hatte es zu verhindern gewußt. Sie hatte das schreiende und weinende Mädchen mit raschem Entschlusse in ihre Kammer eingeschlossen.
Als Eycken, vor dem Altare stehend, den Blick über die Gemeinde schweifen ließ, fiel es ihm auf, wie stark sie sich im letzten Jahr gelichtet hatte. Eine ganze Menge fehlte: die Familien Braumüller, Thielemann, Maracke, Klauert und auch Tengler, der gleichfalls nicht hatte der Versuchung widerstehen können und der goldenen Lockung Alberts zum Opfer gefallen war. Hellstern weilte bereits in Döbbernitz; wie Eycken gehört hatte, unterhandelte ein Berliner Arzt mit ihm wegen Ankaufs des Baronshofs. Sicher hatte auch hier Albert Möller die Hände im Spiel, freilich in aller Heimlichkeit, denn Hellstern wollte nichts mit ihm zu tun haben. Er wurde unbeschreiblich wütend, wenn man in seiner Gegenwart nur die Namen der Möllers aussprach.
Der Pastor hatte sich in letzter Zeit weniger um die Vorgänge in seiner Gemeinde bekümmert; sein Lieblingswerk, das ihm den Abend seines Lebens verschönen helfen sollte, der große Tempel, den er draußen auf der Heide der Barmherzigkeit errichtete, nahm ihn völlig in Anspruch. Jetzt aber, als er die Insassen des Dorfs um sich sah, empfand er zum ersten Male die klaffenden Lücken, die das Fieber der Spekulation und die Sucht nach raschem Erwerb in ihre Reihen gerissen hatte. Langsam färbte sein schönes Patriarchenantlitz sich dunkler. Sein Blick flog nach rechts, wo die Möllers saßen: das war die Bank der Sünder, das waren die Zertrümmerer seiner Gemeinde. In ihrer Hand war die goldene Axt der Industrie zu einem Mordwerkzeug geworden, zum Henkerbeil. Er entsann sich ähnlicher Vorgänge. An der Grenze der Lausitz hatte jüngst die Aufdeckung großer Kohlenlager eine ganze Gemeinde gewissermaßen verschlungen; man hatte die Felder verkauft und die Häuser niedergerissen, um der Erde ihre Schätze zu rauben, und da kam plötzlich der Rückschlag, und der Absatz begann zu stocken; Großindustrielle erwarben das ganze Gebiet, und die Gemeinde wanderte aus. Er entsann sich auch eines andern Falles schnellen Reichtums, der viel besprochen worden war, eines großen und köstlichen Waldes, den eine Gemeinde in der Mark geerbt hatte, und den sie schleunigst niederschlagen ließ, um sich die Säckel füllen zu können. Aber dieser gemordete Wald rächte sich; Trunksucht und Liederlichkeit rissen im Dorfe ein, die Familien verfielen, eine Zeit raschen Niedergangs begann. Überall, wo man den Bauern mit Gewalt seiner ursprünglichen Tätigkeit entfremdete, wo auf den Dörfern eine plötzliche Änderung der Erwerbsverhältnisse eintrat, zeigte sich das gleiche Resultat ...
Fritz Möller hatte sich zur Hochzeitsfeier einen Frack machen lassen, in dem er wie eine große und dicke Fledermaus aussah. Auch einen neuen Zylinderhut besaß er, und dennoch schien er sich sehr unbehaglich zu fühlen. Er blickte nicht vom Boden auf, während seine Braut, ganz in Weiß, was die schwarze Person nicht übel kleidete, die Augen frank und frei im Kirchenraume umherschweifen ließ, als suche sie den, der etwas wider sie und ihren Fritz zu sagen wage. Hinter dem Brautpaar hatte die Familie Platz genommen: die beiden Alten, Bertold mit seiner Frau und Albert. Albert mit zerstreutem Gesicht, wie gewöhnlich, und in der Tat wanderten seine Gedanken weit über die heilige Stätte hinaus und bauten Haus an Haus, das Sanatorium auf der Anhöhe des Baronshofs und ringsherum einen Kranz schöner Villen. Er hatte große Summen aufgenommen, aber auch an Sicherheit gewonnen. Er sorgte sich nicht mehr; er wußte nun, daß die Zukunft von Oberlemmingen den Möllers gehörte.
Eycken hatte auch diesmal das Bibelwort aus der Genesis gewählt, das er öfters seinen Traureden zugrunde zu legen pflegte: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei ...“ Er sprach länger als sonst, und er bemühte sich, milde zu sein. Aber Fritz verstand seine Anspielungen. Er wurde bald rot, bald bleich und rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her, während Frida kerzengerade dasaß und den Pastor mit ihren Kohlenaugen unverwandt anstarrte. Auch die Gelegenheit, den Zersetzungsprozeß in der Gemeinde zu erwähnen, ließ Eycken sich nicht entgehen. Er hielt dem Brautpaare vor, daß ihnen beiden wie ihrer Familie durch die Entdeckung der Heilquelle ein großes äußeres Glück beschieden worden sei, doch sollten sie sich nicht von diesem Glücksfalle berauschen lassen und ihn auch andern teilhaftig machen. Und dann fuhr er fort: „Gleichwie aus der Erde tiefem Schacht neben der heilspendenden Quelle auch giftige Schwaden aufsteigen können, die das Land verseuchen; wie das Wasser selbst, wenn man seine Kraft nicht zügelt, mit brausender Gewalt den Boden zu unterhöhlen vermag, bis er eines Tages einstürzt und alles in die brodelnde Tiefe reißt, was oben trügerisch grünte – so sprudelt auch oft aus dem tiefen Schacht der Menschenseele ein ungebärdiges Wünschen auf, das stärker und stärker anschwillt, zerstört, schadet und niederreißt, wenn man sich nicht bemüht, es einzudämmen und seiner Herr zu werden. Anfangs lenkt vielleicht nur der Erwerbssinn und der Trieb der Selbsterhaltung diese Wünsche, aber allmählich tritt Mißgunst und Habgier dazu, und der schaffende Verstand artet in listige Ausbeutung aus, die geschickte Hand rafft allenthalben zusammen, was sie zu eignem Vorteil erreichen kann, und schont auch andrer Eigentum nicht. Im Herzen eines jeden von uns entspringt der Quell des Wünschens rein und kristallklar; doch ach, wie leicht wird er trübe, wenn sich Böses und Übles in ihn mischt, und wie braust er auf und übertönt das Gewissen, wenn man ihn ungehindert fließen läßt und zügellos nährt, bis er, gleich einem wilden Strome, alles Gute in uns überschwemmt! Gebt acht, daß ihr euer Wünschen zu bändigen versteht! Haltet ihn rein, den Quell eurer Hoffnungen – wie jenen, den Gottes Hand draußen im Felsgestein zum Heile der leidenden Menschheit hervorsprudeln ließ!“
Aber Albert Möller drehte an seinem Schnurrbart und zog den Mund schief. Stumm und gleichgültig blickten die andern drein. Die Braut stierte noch immer mit ihren schwarzen Kohlenaugen unbeweglich in das Gesicht des Pfarrers. Fritz hatte den Kopf gesenkt.
Den Möllers gegenüber, auf der linken Seite des Altars, saß die Familie Grödecke, Vater und Mutter und zwei Schwäger, alles ungeheure Gestalten mit roten Gesichtern, dick und protzig. Vater Grödecke hatte seine rechte, unbehandschuhte Tatze auf die Chorbank gelegt, so daß man den dicken goldenen Siegelring auf seinem Zeigefinger bewundern konnte. Dieser Ring glänzte hell im freundlichen Sonnenschein, wie einst das goldene Kalb geleuchtet haben mochte, das sich Israel als Götzen errichtete. Und während Eycken sprach, liebäugelte Herr Grödecke beständig mit seinem Siegelring, der ihm bei den aggressiven Worten des Pastors eine gewisse Beruhigung zu gewähren schien. Denn er wie die Möllers verstanden schon den Geistlichen; sie wußten, was er meinte. Aber es war kein einziger unter ihnen, der sich seine Ansprache zu Herzen genommen hätte. Auch Fritz nicht; in dessen Seele lebte nur der eine Gedanke: ‚Wenn es doch erst aus wäre!‘
Es dauerte auch nicht mehr lange. Beim Ringewechsel und der Fragestellung entstand ganz hinten in der Kirche, unter dem Orgelchor, ein Geräusch, das Eycken aufblicken ließ. Doch die Sonne blendete. Es schien ihm, als sehe er, halb verdeckt von einer der großen Säulen, die den Chor trugen, den alten Klempt, den seine Schwester Pauline zurückzudrängen versuchte. Dann fiel dröhnend die Orgel ein, und die Posaunen bliesen ...
Das Hochzeitsmahl fand selbstverständlich im Hotel Möller statt. Man hatte sich genötigt gesehen, auch Eycken einzuladen, der indessen abgesagt hatte. Das war allen lieb. So blieb man denn unter sich; von den Bauern war keiner gebeten worden.
Noch vor Beginn des Mahls tauschte man seine Ansichten über die Traupredigt aus. Die Männer standen alle zusammen in einer Ecke des großen Saals, in dem die Tafel gedeckt war: die von der Familie Grödecke mit vorgeschobenen Leibern, von weißen Westen umspannt, auf denen goldene Uhrketten flimmerten; daneben der alte Möller, schon wieder die Pfeife im Munde, mit seinem harten und eisernen Gesicht – der kleine Bertold, krumm, mit verschmitztem Blinzeln hinter der Brille, und Albert, schlank, sehnig und elastisch, ein brutales Kraftgefühl zur Schau tragend. Sie schimpften weidlich auf Eycken und in allen Tonarten; Albert allein meinte skeptisch:
„Was schert’s uns?! Laßt ihn doch reden!“
Das Mahl währte lange. Es wurde gewaltig gegessen und getrunken. Man hatte nicht gespart. In den Ecken des Saals häuften sich die leeren Weinflaschen an. Das Gesicht der Mutter Grödecke glühte wie von Flammen bestrahlt: ihr Mann hatte seinen Stuhl neben den Platz Alberts geschoben und sprach mit letzterem über die neue Fleischhalle, während ringsumher der Lärm der Tafelnden immer lauter anschwoll.
Um so stiller war es draußen. Die Nacht hatte sich über das Dorf gesenkt, aber es war hell, denn der Himmel war ausgesternt und der Mond aufgegangen. Der Mond hatte einstmals, vor Jahrhunderten, dies kleine Oberlemmingen entstehen sehen. Ein versprengter Wendenstamm hatte hier, auf den beiden Höhen, während das Tal selbst noch See war, seine Pfahlbauten errichtet. Und dann war das Wasser gefallen, und sässige Leute hatten sich angesiedelt und zum Pfluge gegriffen. Auf dem Baronshofe erhob sich das erste Schloß, mit festen Mauern und Wallgräben. Fremde Kriegsschwärme überfluteten das Land und brannten die Häuser nieder. Aber die Liebe zur Heimat war groß; aus Schutt und Trümmern erhob sich ein neues Dorf und ein neues Haus an Stelle des alten Schlosses. Die Zeit verrann. Auch auf dem Auberg wurde es wieder lebendig. Dort faßte zuerst die siegende Industrie festen Fuß, ehe sie zu Tal stieg. Vor ihrem Triumphschritt fielen die Katen der Taglöhner und die Bauernhütten; abermals brach eine neue Epoche an. Eine so rapide Veränderung, wie sie im Laufe der letzten beiden Jahre über Oberlemmingen gekommen, hatte der Mond noch nicht gesehen. Und doch war es erst der Anfang. Wenn bei Auf- und Niedergang abermals eine Reihe von Jahren verflossen ist, wird der Mond noch Erstaunlicheres schauen. Dann sind auch die letzten Bauernhäuser verschwunden, die heute noch stehen, und eine Villenstadt breitet sich unten im Tal aus, umringt von sauberen Parkgehegen, von geschorenen Wiesen, glatt und weich wie Samt, und von blühenden Bosketts, die in den Sommernächten duften. Das Dunkel des Abends kennt man nicht mehr in Oberlemmingen, denn die elektrischen Kugeln spotten der Nacht, und vor ihrem hellen, weißen Lichte erlischt der Mondenglanz. Vom Auberge aus bis zum Lemminger Zacken zieht sich durch das Grün der Anlagen eine ganze Reihe stattlicher Baulichkeiten, hübsche Chalets und Wohnhäuser, ärztliche Anstalten und Institute, die neuen Bäder, die Basarreihen, Hotels und Restaurants. Hie und da ragen hohe Türme in die Luft; die Fabrikschlote dampfen. An den Ufern der kleinen Barbe, die mit so silbernem Lachen das Tal durchströmt, sind elegante Kaie entstanden, mit breiten Promenadenwegen, Pavillons und Kiosken. Und eine bunte Menschenmenge, aus allen Weltgegenden herbeigeströmt, belebt dieses Bild; im Kurpark stauen sich die Massen und überfluten ihn; es wimmelt auf den Wiesen, im Walde und zwischen den Feldern. Wagen rollen hin und her. Überall Fremde ...
Das wird der Mond sehen, wenn bei Auf- und Niedergang abermals eine Reihe von Jahren verflossen ist. Doch nach den Bauern von Oberlemmingen wird er vergebens Umschau halten. Denn das Triumphgespann der Kultur gleicht dem Götzenwagen von Djaggernaut, dessen demantene Räder so strahlen und leuchten, daß man die Opfer kaum merkt, die sie auf ihrem Wege zermalmen.
Am Abend des Hochzeitstages ihres ehemaligen Bräutigams wurde Dörthe im väterlichen Hause vergeblich erwartet. Es war ihr ein schrecklicher Gedanke, immer wieder in das gramdurchfurchte Gesicht des alten Vaters blicken und die Weissagungen der Tante Pauline anhören zu müssen, die der Familie Möller aus Eiweiß und Kaffeesätzen und Traum- und Punktierbüchern heraus den fürchterlichsten Untergang prophezeite.
Während der Kirchenzeit hatte Dörthe in ihrer Kammer ununterbrochen geweint. Dann war Hedda zu ihr gekommen, hatte sich neben sie gesetzt und tröstend mit ihr zu sprechen versucht. Und wirklich war Dörthe ruhiger geworden, hatte Heddas Hand geküßt, ihr für ihren gütigen Zuspruch gedankt und war schließlich wieder still und emsig an ihre Arbeit gegangen.
Nun schritt sie, ein dickes Tuch um den Kopf gebunden, die Dorfstraße hinab. Sie trug sich schon seit einigen Wochen mit der Absicht, sich das Leben zu nehmen. Als der Gedanke an Selbstmord zuerst in ihrem wirren Kopfe aufgetaucht war, hatte sie sich davor erschreckt. Aber mit der Zeit hatte sie sich fester und fester in diesen Gedanken hineingelebt, ohne zu grübeln, immer nur das Ziel vor Augen, Fritz durch ihren Tod zu beweisen, wie lieb sie ihn gehabt hätte, und wie groß sein Unrecht gegen sie gewesen sei. Ihr Begriffsvermögen war zu beschränkt und die Empfindungswelt, in der sie lebte, zu einfach, als daß sie sich über den starren Trotz hätte klar werden können, der das leitende Motiv zu ihrem Entschlusse war. Sie wußte ganz genau, daß die gesamten Möllers der Ansicht waren, sie werde sich allmählich schon trösten; nun wollte sie ihnen zeigen, daß es anders sei. Sie bedauerte nur, daß sie den Schrecken der Möllers und das Gesicht Fritzens nicht mehr sehen könne, wenn man sie aus dem Wasser ziehen würde.
Sie war jetzt ganz ruhig und fast heiter. Sie hatte am Spätnachmittag noch eine Stunde im Gesangbuch gelesen. Ein altes Kirchenlied, das sie als Kind einmal auswendig lernen mußte, war ihr wieder in die Augen gefallen, und sie sprach es auch jetzt leise vor sich hin:
Ich falle dir zu Fuße,
Verstoß mich nicht, der zu dir schreit
Und tut noch endlich Buße.
Was ich begangen wider dich,
Verzeih nur alles gnädiglich
Durch deine große Güte ...“
Jenseits der Chaussee bellte ein Hund. Sonst war es totenstill im Dorfe. Aber je näher Dörthe dem Möllerschen Gasthaus kam, um so deutlicher hörte sie ein lustiges Stimmengewirr. Hinter den Parterrefenstern des Hotels glänzte helles Licht. Man feierte noch immer da drinnen.
Dörthe trat in den Schatten des Hauses und drückte sich dicht an die Wand, neben der breiten Treppe, die in das Haus führte. Hier lauschte sie angestrengt. Sie hätte gern noch einmal die Stimme ihres Fritz gehört. Aber es war unmöglich, denn jetzt hub im Saale auch eine lustige Musik an: Vietz mit zwei Geigern war da.
Unwillkürlich mußte Dörthe an jenes Erntefest zurückdenken, auf dem man ihre Verlobung gefeiert hatte. Eine ganze Reihe bunter Bilder schien an ihr vorüberzuflattern. Sie sah den Alten, wie er sie um die Taille faßte – sah sich mit Fritz tanzen, sah die Liese Braumüller und die ganzen jungen Burschen vor sich, hörte das Krachen des plötzlich losbrechenden Gewitters und die heisere Stimme des trunkenen Vietz das Lied „Hans mit de Krusekragen“ singen.... Und dann die Abschiedsstunde im Buchenhain. Es strömte brennend heiß durch Dörthes Herz. Da hatte er sie auf seinen Armen getragen, und sie hatte so sicher geglaubt, daß noch alles gut werden würde ...
Sie ging weiter. Tränen tropften über ihre Wangen. Plötzlich fiel ihr noch etwas ein. Sie hatte einen Brief in der Tasche, an Fritz adressiert, nur die Nachricht enthaltend, daß sie am Lindengrund in den See springen würde, weil sie nicht länger leben wolle – den sollten die Hochzeitsgäste vor der Hoteltür finden. Und sie machte nochmals kehrt, schlich sich wieder am Hause entlang, huschte rasch die Treppe hinauf und legte den Brief auf die innere Schwelle der offenstehenden Haustür.
Dann flog sie davon. Sie rannte die Chaussee hinab und schritt erst wieder langsamer aus, als sie in den Döbbernitzer Weg einbog.
Im Walde fürchtete sie sich. Die Mondstrahlen tanzten vor ihr im Sande, und von allen Seiten erklangen fremdartige Töne: Rauschen, Knacken und Ächzen. Irgend ein dunkles Getier flüchtete in der Ferne scheu über den Weg.
Dörthe begann wieder zu laufen. Einmal schrie sie laut auf; ihr eigner Schatten hatte sie erschreckt. Sie stürzte von neuem weiter, rechtsseitig hinein in den Wald – da mußte der See liegen! Ihr Herz klopfte zum Springen; sie war in Schweiß gebadet. Ganz plötzlich umflutete sie heller Mondschein – sie stand auf einer schneeüberwehten Lichtung, und unten schimmerte tiefschwarz der See.
Dörthe hatte atemschöpfend halt gemacht. Sie hatte ihr Kopftuch verloren; ihr Haar war aufgegangen und flatterte um ihre Schultern. Sie stierte mit großen, glühenden Augen auf das schwarze Wasser hinab. Es tobte und brodelte in ihrem armen Kopf, und durch ihr Hirn zuckten schmerzhafte Stiche. Ein unsägliches Grausen schüttelte sie – eine furchtbare Angst vor dem Tode und vor dem kalten Wasser. Sie wollte wieder zurück ...
Hinter ihr im Walde wurde es laut; er rauschte und knackte von neuem – ein Schwarzwild brach durch das Unterholz und jagte die Dohlen auf. Überall in und unter den Bäumen schien es lebendig zu werden ... Mit gellem Schrei stürzte Dörthe den Abhang hinab, und in vollem Lauf begann sie stammelnd ihr Lied zu beten: „O Vater der Barmherzigkeit ...“ Dann ein letzter Schrei – ein schweres Aufschlagen im Wasser, ein Gluckern und Wogenrollen ...
Im See bildeten sich längliche Kurven, die den glatten Spiegel trübten, sich weiter und weiter wölbten und schließlich allmählich verrannen. Aus dem metallenen Schwarz des Wassers leuchtete wieder das Abbild des Himmels hervor, der sternendurchglänzten Ewigkeit.
Fünfzehntes Kapitel
Wieder war es Frühling geworden – der erste warme Tag im Jahre, ein Tag, der die Freuden des Sommers vorahnen ließ.
Im Parke von Döbbernitz knospete es an Baum und Strauch. Es war nicht mehr die wuchernde Wildnis, die sich hier unter dem verschollenen letzten Zernin ungebändigt und unaufgehalten ausbreiten konnte, aber ein Hauch jener Urwaldpoesie war trotz der schmückenden und regelnden Hand des Gärtners doch noch zurückgeblieben. Die weiten Rasenflächen legten bereits ihr grünes Lenzkleid an, und nur hie und da lugte noch ein Fleckchen Winterbraun hervor. Die Lärchen blühten schon, und an den Kastanien zeigten sich dicke, harzene Knospen; die frischen Blätter der Mahonien schimmerten wie lackiert, die Narzissen erschlossen ihre Kelche. Das Grün der Bosketts schillerte in mancherlei Abstufungen; die Spiräen, immer die ersten im Frühlingsschmuck, trugen ihr Blattwerk schon in kräftigerer Färbung zur Schau, aber Flieder, Jasmin und Schneebeeren begnügten sich noch mit zarterer Tönung und die jungen Triebe der Edelweide hatten sich mit einem bläulichen Schleier umsponnen. Vor allem aber zeigte das Leben in der Vogelwelt, daß der Sommer nahte. Es zwitscherte, pfiff, trillerte und sang überall in den Zweigen, und hoch durch die blaue Luft strichen die Schwalben.
Die Gärtner arbeiteten im Park. Die Treibhaustüren waren weit geöffnet; ein paar Koniferen wurden ins Freie geschafft. An den Spalieren beschnitt man das Obst und den Wein; die Wege wurden vom trockenen Laube gesäubert und hie und da neu mit Kies bestreut; die hochstämmigen Rosen, deren Wipfel den Winter hindurch niedergelegt und mit Erde bedeckt worden waren, wurden aufgerichtet und wieder an ihre grünen Pfähle gebunden. Zahlreiche Hände regten sich, den Sommer zu empfangen.
„Uff,“ meinte der alte Hellstern, als er in den Schloßgarten trat; „August, ich habe dich verkannt. Ich nehme es zurück, daß ich sagte, du seiest ein noch größerer Esel, als ich geglaubt hätte. Du bist ein minder großer. Es ist wahr, der Sonnenschein tut mir wohl, und eine so warme Luft hätte ich nicht erwartet. Was meinst du: ob ich meine Mittagspfeife im Freien rauchen kann?“
„Das konnt’ ich mir denken,“ erwiderte August, die schwachen Gehversuche des Alten mit kräftigem Arm unterstützend; „kaum fühlen sich der Herr Baron mal wieder so ’n bißchen, und gleich müssen Sie leichtsinnig sein. Aber ich glaube, ich werd’s diesmal verantworten können. ’s ist wirklich wie im Sommer, und die Mücken spielen auch schon. Der Herr Baron können sich ein Stündchen unter die Büste setzen, aber nur, wenn Sie sich die Beine ordentlich einwickeln. Ich werde Franzen sagen, daß er die Pelzdecke runterbringen soll.“
Hellstern nickte. „Tu das, mein Sohn, und sage dem Franz auch gleich, er soll die Zeitungen und die Briefe mitbringen, die auf dem Tische vor dem Sofa liegen, und die Brille vom Schreibtisch. Und dann mummle mich ein, wie du es für gut hältst. Du siehst, ich pariere dir aufs Wort –“
„Na na, Herr Baron!“
„Widersprich nicht immer! Ich sage dir, ich pariere dir aufs Wort, du jammervoller Mensch, denn ich bin schon froh, daß ich den Wärter losgeworden bin, der immer nach Lazarett und Kamillentee roch. Und was willst du denn eigentlich? Ich kann die Beine schon wieder ganz hübsch bewegen – soll ich mal im Parademarsch an dir vorüberdefilieren – he?“
„Vorläufig setzen sich der Herr Baron man gefälligst ruhig hin. Ich habe der Frau Baronin Tochter geschrieben, daß es gottlob besser ginge, und wenn der Herr Baron Dummheiten machen und wieder ein Rückfall kommt, dann bin ich mit blamiert. Sehn Sie, das ist hier so ’n schönes Plätzchen, mitten in der Sonne, und da haben der Herr Baron den seligen Kaiser im Rücken und vorne den grünen Rasen und können mal links in die Birken gucken und mal rechts in die Blutbuchen, und was da sonst noch steht. Und nun will ich den Franz rufen.“
Aber der Alte hielt August noch am Ärmel fest.
„Du,“ sagte er, „weil du vorhin von der Frau Baronin sprachst: ich habe heute nacht von ihr geträumt. Aber so deutlich, als ob es Wirklichkeit gewesen wäre. Und vom Herrn Baron auch; der sah so blaß und elend aus, daß ich vor Schreck aufgewacht bin. Das macht mich ein bißchen unruhig.“
„Na ja – das fehlte noch! Nu kommen der Herr Baron schon auf die Sprünge von Klempts Paulinen. Der Doktor hat jede Gemütsbewegung strengstens verboten. Am besten wär’s, der Herr Baron träumten überhaupt nicht.“
„Mach, daß du fortkommst! Ich soll wohl noch eine Medizin gegen das Träumen einnehmen? ... Vergiß mir die Briefe nicht!“
Und dann faltete er die Hände im Schoße, lehnte den Kopf zurück und ließ sich bei halbgeschlossenen Augen von der Sonne bescheinen.
Es war in der Tat ein freundliches Plätzchen dicht neben der kleinen Schloßtür, die zu den Fremdenzimmern führte. In einem Halbkreise von Taxushecken stand ein Pilaster mit der Büste des alten Kaisers Wilhelm, ein Geschenk der Landschaft an den verstorbenen Minister, das die Gläubiger Klaus Zernins respektiert oder vergessen haben mochten. Über die Wiesenlichtung fort konnte man von hier aus tief hinein in den Park schauen, bis zu den großen Trauereschen am Bach und nach rechts herüber zu den wunderschönen alten Blutbuchen, in deren Geäst noch die abgestimmten Äolsglocken hingen, deren eigentümlich zartes Tönen und Klingen Frau von Zernin ganz besonders geliebt hatte.
Franz brachte die Decken und die gewünschten Zeitungen, auch noch ein paar Kissen und zur Vorsorge den Tabakskasten und Feuerzeug, und August begann seinen Herrn einzupacken.
„So,“ sagte er schließlich, „nun bleiben der Herr Baron hübsch stille sitzen. Brennt die Pfeife noch? Ja, sie brennt noch. Hier ist auch die Brille. Aber ich würde nicht so viel lesen, Herr Baron; es steht ja doch nichts drin in den Zeitungen und regt Ihnen bloß die Gedanken auf.“
„Rede nicht so viel, sondern hebe dich weg, Augustus miserabilis. Wenn ich dich brauche, schicke ich einen der Gärtnerburschen nach dir. Adjö!“
August nickte zufrieden und ging in das Schloß zurück. Geraume Zeit hindurch war er recht in Sorgen um seinen Herrn gewesen – damals, als die jungen Herrschaften nach der Hochzeit ihre große Reise angetreten hatten. Der Alte brummte und schimpfte nicht mehr; es verstrichen Wochen, ohne daß August gekündigt wurde, ohne daß ihm ein zusammengeknülltes Zeitungsblatt oder das Brillenfutteral an den Kopf geflogen wäre. Das waren beunruhigende Symptome. Wenn der Herr Baron nicht mehr wütend wurden, ging es langsam zu Ende mit ihm – davon war August überzeugt. Das Herz tat ihm weh, und eines Morgens sprach er sich unumwunden mit seinem Gestrengen über seinen Kummer aus.
„Herr Baron,“ sagte er, „ich ertrage das nicht länger. Sie müssen wieder an die Familienchronik gehen. Ich weiß zwar, daß Ihnen der Doktor gemütliche Erregungen verboten hat, aber ich halte es für noch schlimmer, wenn Sie so tagaus tagein immer bloß vor sich hindrusseln. Da kommen Ihnen erst die dummen Gedanken. Nehmen Sie ruhig Ihre Arbeit wieder vor. So ’n kleiner Ärger von wegen der Vokabeln schadet Ihnen nichts; das frischt Sie auf. Und ich möchte auch mal wieder besser behandelt werden, Herr Baron. Es ist lange her, daß Sie zum letzten Male Esel und Jammerfrosch zu mir gesagt haben. Das kränkt mich.“
Da lachte der Alte nach Monaten wieder einmal herzlich und lustig auf, ließ August nähertreten, gab ihm die Hand und sprach einige Worte mit ihm, die ein andrer für Injurien gehalten haben würde. Aber August nicht; sein Gesicht glänzte und seine Augen wurden feucht; nun wußte er doch, daß sein Herr ihn immer noch lieb hatte.
Hellstern setzte sich wirklich wieder hinter die Arbeit. Er hatte Sehnsucht nach seiner Tochter gehabt – das hatte ihn still werden lassen. Nun vergrub er sich wieder in seine Papiere und Dokumente. Wenn Axel zurückkehrte, sollte er die Chronik vollendet vorfinden. Aber er konnte nicht, wie auf dem Baronshofe, hintereinander fortarbeiten; auch der Arzt wollte das nicht. Vor allem war ihm Bewegung verordnet worden, und August sorgte dafür, daß der Baron die ärztlichen Vorschriften einhielt. Außer den Marschübungen durch eine lange, geheizte Zimmerflucht gab es noch eine Reihe mechanischer Bewegungen an verschiedenen Apparaten; auch kam täglich der Arzt aus Oberlemmingen zur Massage und zu einer gelinden elektrischen Kur. Besonders die letztere schien anzuschlagen; im Laufe des Winters machte der Baron erstaunliche Fortschritte. Das freute ihn selbst, denn er konnte darüber seiner Hedda berichten, und Jubelbriefe trafen als Antwort ein. Auch eine gewisse Anteilnahme an der Wirtschaft machte ihm Spaß und unterhielt ihn. Der Administrator erschien täglich bei ihm mit dem Rapport, und bei Beginn der Frühjahrsbestellung hatte sich Hellstern sogar öfters zu Wagen auf die Felder gewagt. Die alte Liebe zum Lande erwachte in ihm; mit lebhaftem Interesse verfolgte er die Maßnahmen des sehr tüchtigen Verwalters, den er gelegentlich auch abends zu sich einlud, um mit ihm zu plaudern.
Auf Hellsterns Schoße lagen die neuen Zeitungen und die letzten Briefe Heddas. Sie waren etwas sorgenvoll gehalten. Man hatte schon im Februar die Reisedispositionen ändern müssen. Axel war wieder kränklicher geworden; auf seine zarte Natur hatte auch die unbedeutendste Erkältung starken Einfluß. Die Ärzte wünschten, daß er nicht vor Juni nach Hause zurückkehre – und damit wuchs die Sehnsucht Hellsterns.
An dem hohen, schmiedeeisernen Tore, das vom Parke in den inneren Schloßhof führte, wurden Stimmen laut.
Hellstern erhob den Kopf.
„Ist es denn möglich!“ rief er. „Eycken – Pastor – sind Sie es wirklich?! Lassen Sie sich auch einmal sehen? Ist der alte Freund noch nicht gänzlich vergessen?!“
„Immer los mit den Vorwürfen, lieber Hellstern – ich habe sie redlich verdient! Ich habe aber auch meine Entschuldigungen – und nun mal zuvörderst die Hand – beide Hände, damit ich sie recht kräftig drücken kann! Gott sei Dank, Alterchen, ich sehe, August hat nicht übertrieben: Sie werden wahrhaftig noch einmal jung!“
Eycken hatte sich neben Hellstern in einen der Korbsessel gesetzt. Er war unverändert, noch immer der schöne, weißbärtige Patriarch mit den klaren Augen voll Güte und Barmherzigkeit.
Die beiden alten Herren hatten sich seit längerer Zeit nicht gesehen und einander viel zu erzählen.
„Ich habe in den letzten Monaten so viel zu tun gehabt, daß ich kaum noch Mensch bin,“ sagte Eycken. „Meine Anstalt ist fertig und vorgestern eingeweiht worden. Sechzehn arme liebe kleine Geschöpfe sind meine ersten Pfleglinge. Hellstern, ich bin überglücklich! Ich habe meine Pfarre aufgegeben, um ganz dem Hospiz leben zu können. Das ist mir lieber und füllt mein Leben besser und wohltuender aus – was mir vom Leben übrig bleibt! Ich habe letzthin in Oberlemmingen üble Erfahrungen gemacht; es ist nicht alles so wie es sein sollte, und wie ich es erhofft habe.“
„Kann ich mir denken,“ warf Hellstern ein.
„Nein – es ist vieles anders geworden, wie ich erhofft habe,“ fuhr Eycken fort, „und der Selbstmord der kleinen Klempt – eurer Dörthe – der hat sozusagen das Maß zum Überlaufen gebracht. Ich hielt’s nicht mehr aus in der Gemeinde. Was sag’ ich, Gemeinde – die alte Gemeinde existiert überhaupt nicht mehr! Alles ist zersprengt worden; meine Besten sind fort; die Möllers regieren da unten.... Sie wissen, daß ich mich zu Ihren Ansichten nie habe bekehren können, lieber Freund – auch heute noch nicht. Ich bin kein Gegner des Fortschritts, kein Feind regen industriellen Aufschwungs. Aber es wurmt und grimmt mich, daß die Quelle, die der liebe Gott den Menschen zu ihrem Heile geschenkt hat, ein Objekt wilder und niedriger Spekulation geworden ist. Es grimmt mich, daß gewissenlose Leute diese Gabe des Höchsten in schmählicher Weise auswuchern, statt sich mit ehrlichem Verdienst zu begnügen. Und deshalb zog ich mich zurück.“
Der Baron nickte. „Ich verstehe es,“ entgegnete er; „ich sah das alles vom ersten Moment ab, da von der Quelle gesprochen wurde, genau so kommen, wie es sich nun tatsächlich entwickelt hat. Ich hab’s seinerzeit auch den Möllers gesagt, als sie mich gerne als Köder und Aushängeschild einfangen wollten. Ich kannte die Leute und wußte, daß sie einen Ring bilden und die Erträgnisse der Quelle allein in ihre Taschen leiten würden, soweit es nur irgendwie anging. Ein Feind der Industrie bin ich ja auch nicht, Pastor – wahrhaftig nicht, da verkennen Sie mich –, aber ein Feind selbstsüchtiger Spekulation, die andern das Geld aus dem Säckel lockt! Ich hoffte noch immer, es würde Schellheim gelingen, das Ganze in geordnete Wege zu leiten – aber als er im Winter einmal hier war, machte auch er mir Andeutungen, als wolle er sich nach und nach zurückziehen.“
„So ist es,“ bestätigte Eycken, „er ist der ewigen Zänkereien mit den Möllers müde geworden. Es herrscht eine trübe Stimmung im Auschlosse. Der älteste Sohn hat geheiratet, und der Kommerzienrat will mit der Schwiegertochter nicht warm werden. Es geht ihm zu Herzen, daß der Hagen nicht höher hinaus gewollt hat. Ich habe meine ganze Dialektik angewandt, ihn davon zu überzeugen, daß sich das Menschenglück nicht um Rang und Stand und gesellschaftliche Gegensätze kümmert, aber er bleibt frostig und kühl. Übrigens hat er mir neulich erzählt, daß sein Gunther mit Ihren Kindern in Gibraltar zusammengetroffen ist; wie kommen Hedda und Axel denn dahin?“
Hellstern sprach von den letzten Briefen seiner Tochter und von Axels Rückfall. Die beiden hatten beschlossen, dem Rate des Arztes zu folgen, den Februar und März auf Madeira zu verleben und dann in langsamen Etappen heimzukehren. Auch an den Vater hatte Hedda von der Begegnung mit Gunther geschrieben; der Doktor sei immer noch der liebenswürdige, etwas schüchterne junge Mensch von früher ...
Eycken blieb bei dem alten Freunde, bis August erschien und mahnend darauf aufmerksam machte, daß es beginne, kühler zu werden. Dann nahmen die Herren herzlichen Abschied voneinander.
„Kommen Sie bald wieder, Pastor,“ sagte Hellstern. „Ich höre gern etwas Neues, und Sie wissen, ich hause hier wie ein Murmeltier. Schleppt mich der August wirklich einmal heraus – nach Oberlemmingen zu setze ich keinen Fuß! Ich möchte das Dorf nicht wiedersehen – nie wieder, – ich glaube, es zerrisse mir das Herz, wenn ich an Stelle meiner braven Bauern hundert fremde Gesichter sähe! Das Herrenhaus auf dem Baronshof wird wohl auch bald abgetragen werden – nein, Eycken, ich hänge doch noch zu sehr am Alten, und in meinen Jahren krempelt man sich nicht mehr um wie ein Handschuh! Gott befohlen, Pastor!“
Er nickte dem Abgehenden nochmals nach und ließ sich von August die Decken abnehmen.
„Pack an, mein Alter – unter den rechten Arm – so – hupp! ... Hör mal, August, mein Sohn: wenn ich mal sterben sollte –“
„Reden der Herr Baron doch nicht so etwas!“
„Wir können doch nicht ewig leben, Nachtmütze! Also wenn ich mal sterben sollte, da möcht’ ich doch in Oberlemmingen beerdigt werden. Man hat es mir zwar gehörig verekelt, aber der Tod, denk’ ich, gleicht aus und versöhnt. Buddelt mich auf dem Kirchhofe ein, neben den andern Hellsternschen Gräbern; der große Fleck unter der Linde gehört mir, den hab’ ich gekauft. Da können auch die Möllers nicht ’ran. Also verstehst du: unter der Linde will ich begraben sein!“
„Ich versteh’ schon,“ entgegnete August; „aber der Herr Baron werden’s am Ende nicht übelnehmen, wenn wir damit noch ’n bißchen warten tun. Es eilt ja nicht so. Sehr viel sind wir nicht auseinander an Jahren, der Herr Baron und ich; und wenn sich der Herr Baron erst hingelegt haben, dann dauert’s mit mir auch nicht mehr lange. Das weiß ich gewiß. So ’n altes Tier wie ich muß seine regelrechte Fütterung haben und seine gleiche Behandlung. Ins Neue leb’ ich mich auch nicht mehr ’rein – da geht’s mir gerade wie dem Herrn Baron. Also warten wir schon noch; der liebe Gott wird ja wissen, wenn’s Zeit ist.“
„Das wird er,“ erwiderte Hellstern ernsthaft. „Vielleicht läßt er uns am gleichen Tage von hinnen gehen. Das wäre eine hübsche Sache, August, denn ohne deine Dummheit würde ich, fürcht’ ich, nur noch ein schweres Auskommen haben. Kein Mensch weiß mich so zu ärgern wie du, und auf keinen kann ich mit so freudig bewegtem Herzen schimpfen wie auf dich. Ich glaube, du würdest mir sehr fehlen, weil du so ein guter, treuer, alter Esel bist.“
Beide standen jetzt vor dem Zimmer, das Hellstern bewohnte. August klinkte die Tür auf.
„Gott sei Dank!“ sagte er, „ich hör’s am Ton: es wird schon noch ein ganzes Weilchen Jahre gehn.“
An diesem gleichen schönen Frühlingstage hatte der alte Klempt eine heftige Auseinandersetzung mit seiner Schwester Pauline.
Der Tod Dörthens hatte die beiden zu Boden geschmettert, als habe eine Riesenfaust sie getroffen. In dem wirren Hirn der Tante Pauline lebten nur noch ihre Träume; man sah sie ständig mit ihren Deutbüchern in der Hand; es war ein seltsames, ruheloses und geheimnisvolles Dasein, das sie führte.
Auch Klempt war noch stiller geworden. Der Sarg für sein Kind war seine letzte Arbeit gewesen; er rührte die Hand nicht mehr. Man brauchte ihn auch nicht; im Gegenteil, die Möllers wären froh gewesen, wenn sie den alten, blassen Mann hätten aus dem Dorfe treiben können. Auch sein kleines Haus stand ihnen beim unaufhörlichen Wachsen der Villenstadt im Wege. Gerade dorthin sollte ein großes und elegantes Restaurant im Pavillonstil kommen ...
Klempt hatte mit den Möllers wegen der Wiese prozessiert. Er behauptete, er sei betrogen worden; man habe sie ihm unter der Vorspiegelung, daß Fritz die Dörthe heiraten solle, für einen Spottpreis abgenommen. Er verlor den Prozeß und mußte auch noch die Kosten tragen. Und nun geschah etwas, was man niemals für möglich gehalten hätte: der nüchterne und fleißige Klempt lernte auf seine alten Tage noch das Trinken. Er ging freilich nicht selbst in den Krug, aber er ließ sich durch die Schulkinder den Schnaps holen. Und dann schloß er sich ein und trank und trank, bis er sinnlos war.... „Er macht’s nicht mehr lange,“ sagte Albert Möller eines Tages zu seinem Vater; „gestern früh hat ihn der Nachtwächter sternhagelvoll auf dem Kirchhofe gefunden.“ Ach ja, so war es. Aber nicht allein der Schnaps war die Sehnsucht des Alten; im brechenden Herzen schwoll höher und höher die Sehnsucht nach seinem gemordeten Kinde an.
Den Möllers ging es immer noch nicht rasch genug. Der Prozeß um die Wiesen hatte die Ersparnisse Klempts verschlungen. Bertold kaufte die Hypothek, die auf dem Gehöft lag, und kündigte sie dann. Der geschäftsunkundige Alte wußte nicht, was er tun sollte, und bat seine Schwester, ihm ihr kleines Vermögen zu überlassen, damit er das Haus halten könne. Aber Tante Pauline verwehrte es ihm; sie hatte plötzlich den Entschluß gefaßt, nach Amerika auszuwandern; ein Engel hätte es ihr im Traume geraten.
Schon lange sorgte Pauline nicht mehr für ihren Bruder. Er kochte sich selbst das Notwendigste, fast nur Kartoffeln. Der Schnaps stillte auch seinen Hunger. Er lebte wie ein Tier; seine Kleider zerfielen in Lumpen.
Als seine Schwester ihn abgewiesen hatte, schloß er sich in der ehemaligen Werkstatt ein und griff nach der Flasche. Es war tiefe Nacht, als er nach langem Rausche erwachte. Der Kopf schmerzte ihm. Er richtete sich vom Erdboden auf, wo er auf feuchten und dumpfigen Spänen gelegen hatte, und schaute sich um. Aber in der Dunkelheit war nichts erkennbar. Nun tastete er sich vorsichtig nach den Fenstern und stieß die Läden auf, die er gewöhnlich auch tagsüber zu schließen pflegte. Die kühle Frühlingsluft drang vollflutend in das öde Gemach. Ein leiser Wind ging und spielte mit seinem eisgrauen Haar. Draußen war es nicht dunkel; der Himmel leuchtete in heller Sternenpracht; es hing weiß über den Wiesen.
In der Stille der Lenznacht schlich es sich weich in das Herz des Alten. Die Erinnerung rührte an ihm. Welch Leben lag hinter ihm! Sein Weib und vier blühende Kinder hatte er hinsterben sehen; als Letzte war ihm die Dörthe geblieben – und die hatte man ihm ermordet. Alles sühnt sonst die Gerechtigkeit der Welt – aber seines Kindes Mörder stiegen an Ansehen und lebten in Freuden. Wo war da die Vergeltung?! ... Klempt entsann sich noch gut jenes Abends, als der Absagebrief Fritzens eingetroffen war. Da war er ins Freie getreten, um nicht das schmerzverzogene Gesicht seiner Dörthe sehen zu brauchen. Im Herbst war es gewesen, doch ganz ähnlich draußen wie jetzt. Von den Wiesen stiegen feine Nebel auf, streifenweise und leise zitternd, und schlangen sich um die Häuserfirste und das Geäst der Bäume. Nur der Kurpark lag völlig im Nebel, in einem wogenden, milchigen Meer. Und in dem furchtbaren Herzenskummer, der den stillen und ruhigen Mann wütend machte, hatte Klempt die Hände geballt und sie drohend erhoben nach der Richtung des weißen Nebelsees, in den der Kurpark versank.... „Verfluchte Quelle! ...“
Ja, diese Quelle, die die Not der Welt lindern helfen und der Menschheit Trost und Heilung bringen sollte – ihn hatte sie zum unglücklichen Manne gemacht. Sie hatte ihm das Letzte geraubt, an dem sein Herz hing – sie wollte ihn auch an den Bettelstab bringen ...
Klempt stöhnte auf. In fiebernder Hast suchte er nach seiner Flasche und setzte sie an die Lippen. Sie enthielt noch einen Rest Branntwein, der ihn seltsam belebte und erregte. Er zündete einige Schwefelhölzer an und wählte bei ihrem flüchtigen Schein einige Stücke seines alten Handwerkzeugs aus: Stemmeisen und Bohrer und den schwersten Hammer. Die nahm er an sich und dann ging er. Auf dem Flure lauschte er einen Augenblick. Schlief Tante Pauline? – Mit raschem Entschlusse trat er in ihr Zimmer. Aber auch hier war es so dunkel, daß er abermals ein Schwefelholz entzünden mußte. Nun sah er die Schwester im Bette liegen, den Mund offen, das eingefallene Antlitz totenblaß. Er legte seine Hand auf ihre Stirn und erschrak über das Gefühl von Kälte, das ihn plötzlich durchrieselte. Aber schon wanderten seine Gedanken weiter; er huschte mit schnellen Schritten hinaus – das Gesicht weiß, doch mit unheimlich flimmerndem Blick.
Er stapfte über den Anger. Kein Menschenauge sah ihn, nur die glänzenden Augen des Himmels schauten auf ihn herab. Das Dorf lag im Schlaf. Die Nebel hatten sich etwas erhoben; ein leichter Dämmerschein glitt schon durch die Nacht. Am Friedhofzaune zögerte Klempt und blieb stehen, nickte nach dem Grabe Dörthens hinüber und schritt dann weiter.
Im Kurpark rieselte es feucht von den Bäumen. Der Wind strich durch das Geäst; große Tropfen schlugen dem Alten ins Gesicht. Die Nebel hingen wie Fetzen weißer Totentücher zwischen den Zweigen.
Nun stand Klempt vor dem offenen Tempelbau, der die Quelle umgab. Auf dem Grunde des weißen Marmorbassins kochte und zischte, durch Röhren und Hähne gebändigt, das aus der Erde strömende warme Wasser, füllte die Schale und floß durch ein zweites Röhrensystem wieder ab.
Klempt war einen Augenblick hochaufatmend stehen geblieben. Er schaute sich um. Kein Mensch in der Nähe, aber heller und heller begann sich der Himmel zu färben, und die Vögel wurden schon laut ...
Klempt hob seinen Hammer mit beiden Händen und ließ ihn wuchtig auf den Marmor des Bassins niederfallen. In dem kostbaren Gestein zeigte sich auf der Stelle ein starker Sprung. Nun setzte der Alte das Stemmeisen an und hämmerte nach. Es bröckelte und splitterte; einzelne Stücke rollten plätschernd in das Wasser, das sich über die Bruchstellen auf die Sandquadern des Bodens ergoß.... Klempt arbeitete mit furchtbarer Anstrengung weiter; der Schweiß troff von seiner Stirn, sein Herz raste und zuckte.... Der Hammer wütete gegen den Marmor, dessen Splitter bereits den Rumpf des Beckens füllten. Das Wasser war abgeflossen. Die Quelle sickerte nur noch; Steingebrösel hatte die Röhrenleitung verstopft. Klempt sah es, und ein wildes Lachen flog über sein Gesicht. Er häufte kleine Marmortrümmer in der Mitte der Schale auf und hämmerte von neuem auf sie los. Jetzt war auch das Sickern nicht mehr zu vernehmen. Die Quelle war still geworden.
Der Alte strich sich das feuchte Haar aus der Stirn. Sein hagerer Körper flog vor Erregung, und wunderlich, wie drinnen in seiner Brust das Herz hüpfte und sprang. Und als Klempt abermals den Hammer erheben wollte, um ihn von sich zu schleudern, da tat das Herz einen letzten Sprung: der Greis stürzte lautlos hintenüber und blieb liegen ...
Vor dem stärker erwachenden Morgenwinde zerflatterten die Nebel. Ein purpurner Dämmer füllte die Luft. Die Vögel begannen ihr Jubilieren; der große Pan reckte und streckte sich – die Natur erwachte.
Unter den Trümmern in dem zerstörten Marmorbecken wurde es ganz leise wieder lebendig. Es wisperte und flüsterte und sang und feilte und sägte. Ein sickerndes Geräusch wurde hörbar; zwischen den Steinsplittern zeigten sich vereinzelte Tropfen; es begann abermals zu zischen, wie vorhin, zu kochen und zu brodeln. Die Quelle, die der arme Narr hatte töten wollen, um an ihr seine Rache zu kühlen – sie wurde wieder lebendig! Leise und heimlich und fort und fort hatte sie auch unter den Trümmern weitergerieselt, sich eine neue Bahn zu schaffen und von neuem der leidenden Welt zu helfen, unbekümmert darum, ob gierige Hände sie wiederum fangen und ihren Segen entehren würden.
Allgemach begann sich der Boden des Bassins mit schaumigem Wasser zu füllen, das rieselnd über den zerbrochenen Marmor zur Erde troff, auf dem hellen Sandstein dunkle, sich immer mehr vergrößernde Flecken bildend.... Über dem jungen Grün der Baumwipfel entzündete das Morgenrot seine Lichter; lauter und jauchzender sangen die Vögel dem neuen Tage entgegen ...
Plötzlich erscholl ein Knall. An der Hahnöffnung war infolge des starken Wasserdrucks die Quellenröhre geplatzt, und nun zischte und rauschte, Staub und Steinchen mit sich in die Höhe führend, ein gewaltiger Strahl empor und fiel in schimmernden Perlen zur Erde zurück. Die Quelle war wieder lebendig geworden, und ihre Sprühatome näßten, wie in freundlichem Kosen, das blasse Gesicht ihres Opfers.
Ende.