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Aus tiefem Schacht

Chapter 6: Fünftes Kapitel
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About This Book

A young woman named Hedda manages a modest country estate and its varied poultry, overseeing household chores and a small staff while finding refuge in an inherited library. The narrative sketches the decaying manor, the sale of surrounding lands to a wealthy newcomer, and tensions between tradition and modernity as village life and local characters orbit the baronial household. Scenes emphasize the rural landscape, social hierarchies, and the protagonist’s private routines—her care for animals, pride in books, and quiet resistance to change—while everyday detail and gossip reveal shifting economic and social relations in a provincial setting.

„Hans mit de Krusekragen
Stieg up de Kachelawen –
Bautz, fiel hinunger,
War des kee’ Wunger –
Wär’ he nich hinuppestegen,
Hätt’ he nich hinunnelegen!“

Zwischen jedem Verse strich er den Baß, verdrehte dabei die Augen und ließ zuweilen die Stimme überschnappen – und das Volk um ihn wollte sich ausschütten vor Lachen.

„Vater, nu mach doch man!“ flüsterte Dörthe Klempt zu, der ruhig in einem Winkel saß und seine Pfeife schmauchte. „Jetzt paßt’s gerade!“

Klempt schaute nach Möller aus. Der hatte sich ermüdet hinter dem Schanktische niedergelassen. Neben ihm hatten Fritz und die Alte auf zwei Schemeln Platz genommen; man sprach davon, daß Albert noch immer nicht da sei.

Klempt erhob sich, öffnete die Klappe seines Pfeifenkopfes und drückte mit dem Daumen den Tabak fester. Dann schritt er langsam nach dem Schanktisch.

„Es wird noch ’n Wetter geben, Möller,“ begann er die Unterhaltung.

„’s soll mir recht sein,“ entgegnete der Angeredete; „ich hab’ alles ’reingebracht.“

Klempt spuckte auf die Erde und zündete aus Verlegenheit ein Streichholz an, obwohl seine Pfeife noch brannte. „Viel Arbeit heute,“ meinte er; „’s ist gut, daß sich die Dörthe freimachen konnte ...“ Und einen plötzlichen Entschluß fassend fügte er hinzu: „Habt ihr denn schon überlegt, wann das Aufgebot sein soll?“

Die Alte schaute Klempt mit ihren dunkeln Augen böse an, und Möller tat sehr erstaunt.

„Was denn für ein Aufgebot?“

„Na, zur Hochzeit,“ erwiderte Klempt, schon wieder etwas kleinlaut.

Nun lachte Möller. „Ach so,“ sagte er; „na, ich dächte, bis jetzt wären die beiden noch gar nicht mal so recht versprochen!“

„Dächt’s auch,“ fügte die Mutter hinzu. „Das ist so ’ne Liebelei, wie sie schon vorkommen kann –“

Doch nun fiel Fritz den Eltern in das Wort. Er hatte zuweilen das Herz auf der Zunge.

„Nein, Mutter,“ sagte er; „du weißt recht gut, daß es mir Ernst ist. Ich habe die Dörthe immer haben woll’n. Wir könnten wenigstens regelrechte Verlobung feiern, damit sich das Mädel nicht unnötig necken zu lassen braucht.“

„So ist’s,“ setzte Klempt hinzu. „Von heute zu morgen kann niemand die Hochzeit verlangen, aber eine ordentliche Verlobung muß sein.“

„Wir woll’n mal mit Albert darüber sprechen,“ sagte Möller; „ich weiß nicht, wo der Junge bleibt!“

Klempt hatte sich gleichfalls einen Stuhl an den Schanktisch herangezogen. Er hatte sich nie so recht gut mit den Möllers gestanden, und nach seinem Herzen war eine Heirat zwischen Dörthe und Fritz auch nicht. Aber ihr Lebensglück hing doch nun einmal davon ab, und das machte den sonst so schweigsamen Alten beredt.

„Ihr müßt nicht immer so tun, als paßte die Dörthe nicht in eure Familie,“ hub er von neuem an. „Die Klempts sind gerade so ein guter Bauernschlag. Jawohl, Möller, und du brauchst auch nicht zu glauben, daß ich die Dörthe arm wie ’ne Kirchenmaus in die Ehe gehen lasse. Sie hat ihre gute Ausstattung, und ein paar Taler habe ich mir ja auch sparen können, die sie nach meinem Tode kriegen soll. Die Ersparnisse von Tante Pauline kommen dazu, und schließlich das Gehöft – ist denn das nichts wert? So ’n ordentliches Haus find’st du lange nicht, und wie fest das noch alles steht! Und der Garten und die fünfzehn Morgen Acker und dann vor allem der schöne Wiesengrund, der bis an die Graue Lehne heranreicht, der beste im ganzen Dorfe?! Wir sind doch keine Bettelpackasche, Möller! Ich dränge mich euch nicht auf, aber das Mädel ist doch nun mal so verrückt nach dem Fritz, und –“

Der Tanz hatte wieder begonnen. Fritz erhob sich und legte seine Hand auf die Schulter Klempts.

„Laßt’s gut sein, Vater Klempt,“ meinte er, „die Alten sind schon vernünftig. Wenn Albert zurückkommt, woll’n wir noch mal in der Familie darüber sprechen ...“

Mutter Möller war längst in ihre Küche zurückgekehrt und warf dort mit den Eisenringen des Herds umher, daß man es im Schankzimmer hören konnte. Das paßte ihr alles nicht; die Dörthe war keine Partie. Aber sie schwieg und wurmte sich heimlich. Die Eisenringe des Herds sprachen für sie.

Dörthe hatte aus der Entfernung die kleine Szene beobachtet. Nun stand Fritz vor ihr. „Rasch einmal ’rum,“ sagte er und faßte sie um die Taille. „Die Verlobungspolka, Dörthe! Morgen soll’s das ganze Dorf wissen!“

Er tanzte mit ihr. Sie war selig und hing mit glückstrahlendem Gesicht in seinen Armen.

Geige und Baß kreischten wieder. Das ganze Haus schien unter den Schwingungen der tanzenden Paare zu dröhnen. Da klirrten auf einmal die Fenster. Ein furchtbarer Donnerschlag erscholl, dann prasselte ein Regenschauer, mit Schloßen gemischt, zur Erde. Schreiend stoben die Tanzenden auseinander. Die draußen kegelnden Bauern, die von der Plötzlichkeit des Gewitters überrascht worden waren, stürmten in das Zimmer, triefend vor Nässe, mit dampfenden Kleidern.

Alles drängte sich an den Fenstern zusammen. Von Zeit zu Zeit erleuchtete ein greller Blitz die Nacht, und dann sah man den dicht fallenden Regen. Hatte es irgendwo eingeschlagen, so mußte das vom Himmel strömende Wasser den Brand auf der Stelle löschen. Man war sehr vergnügt bei dem Unwetter. Die meisten hatten ihre Ernte geborgen, nur ein kleiner, verhungert aussehender Kossät, Priestegall mit Namen, ächzte und jammerte: er hätte seinen Hafer noch nicht einfahren können.

Die Bauern von der Kegelbahn wollten tanzen, um sich warm zu machen. Aber Vietz war eingeschlafen. Man wollte ihn wecken, doch es war nicht möglich, den Trunkenbold zur Besinnung zu bringen. Da nahm Langheinrich den Baß zwischen seine mageren Beine und begann ihn zu bearbeiten, während auch der Geiger sein Spiel aufnahm. Das gab neuen Spaß, und bald wirbelten wieder die Paare durch das Gemach, unbekümmert um die diabolische Musik.

Auf einmal hieß es, der Kommerzienrat sei vorgefahren. In der Tat, eine geschlossene Equipage vom Augut hielt vor der Tür. Aber nicht der Rat stieg aus, sondern Albert Möller. Allgemeines Erstaunen; Schellheim hatte Albert in eignem Wagen nach Hause fahren lassen, – das hatte ganz gewiß etwas zu bedeuten!

Der alte Möller, Bertold und Fritz eilten Albert bis auf den Hausflur entgegen. Er zog sie in die Küche. „Es ist alles abgemacht,“ sagte er hastig, mit vergnügtem Schmunzeln um den Mund; „der Kommerzienrat schießt uns das Nötige aus eigner Tasche vor. Morgen fahre ich mit ihm nach Berlin zu seinem Anwalt ...“

Fritz sprang wie ein Besessener in der Küche umher. „Seht ihr wohl – hurra!“ schrie er; „ich hab’ ihn breitgetreten!“

Die alten Möllers und Bertold wollten Näheres wissen. Sie rückten Albert dicht auf den Leib und bestürmten ihn mit Fragen. Aber er war erschöpft und wollte zuerst etwas zu essen und zu trinken haben, erklärte auch, vom Geschäftlichen verständen sie ja doch nichts. Die Hauptsache sei, daß der Stein nun ins Rollen käme.

„Natürlich ist das die Hauptsache,“ bemerkte Fritz, „alles übrige wird sich schon finden. Und wie ist’s nun mit der Verlobung? Grade jetzt, wo wir alle so vergnügt sind, könnten wir auch gleich meine Verlobung feiern!“

„Sei doch man still,“ fuhr die Alte auf, und Albert fragte: „Deine Verlobung? – Ach, mit der Dörthe?!“

„Na, mit wem denn sonst! Vielleicht mit der alten Maracken?!“

Albert zog die Brauen zusammen, doch schon im nächsten Augenblick nickte er lebhaft mit dem Kopfe. „Schön,“ meinte er, „ich hab’ nichts dagegen ...“ Und dann nahm er Fritz an der Rockklappe und führte ihn etwas abseits. „Sag mal, du,“ fuhr er im Flüstertone fort, „Klempts Wiesenbucht grenzt doch an die Graue Lehne?“

„Dichte ’ran, Albert – dichte ’ran!“

„Na, und wenn der Alte mal stirbt, dann erbt doch die Dörthe das Ganze als einziges Kind?“

„Alles – i nu selbstverständlich, – Vater Klempt hat’s uns vorhin erst wieder auseinandergesetzt, daß die Dörthe noch gar nicht die schlechteste Partie ist.“

Albert nickte wieder. „Ich glaube, der Klempt wird’s nicht mehr allzu lange machen, Fritz. Er sieht schwindsüchtig aus. Das heißt, meinetwegen kann er hundert Jahre alt werden! Aber mit der Wiesenbucht – na, verlob dich nur erst! Meinen Segen hast du!“

Und wirklich wurde noch an diesem Abend die Verlobung Fritz Möllers mit Dörthe Klempt öffentlich verkündet. Fritz kletterte während der nächsten Tanzpause auf einen Stuhl und schrie seine Verlobung mit Stentorstimme in das Zimmer, und wer sich jetzt noch einmal unterstehe, so fügte er hinzu, seine Braut zu necken und zu ärgern, der werde ein paar hinter die Ohren kriegen, es sei ihm gleich, ob Bursche oder Mädel. Und nachdem er dies versprochen hatte, brachte er ein Hoch auf das Brautpaar, das heißt auf sich selbst und Dörthe, aus, und die Musik mußte einfallen, und alles brüllte mit, umringte ihn und die Dörthe, gratulierte, lachte und witzelte. Es war ein geräuschvolles, unaufhörliches Schnattern, während draußen noch immer mit leisem Plätschern der Regen fiel und das abziehende Wetter den Horizont erhellte.

Dörthe war so froh, daß ihr hübsches Gesicht wie von Sonnenschein überflutet war. Selbst die Möllern schien sich fügen zu wollen. Dörthe mußte ihr helfen, zu backen und zu schmoren, denn es sollte „in Familie“ gegessen werden. Der alte Möller stieg selbst in den Keller, ein paar Flaschen Rheinwein heraufholend, von denen er behauptete, die könne „jeder Vater mit seinem Sohne trinken“. Klempt wurde genötigt, im Extrazimmer auf dem grünen Sofa Platz zu nehmen. Er wußte gar nicht, wie ihm geschah; er hatte sich auf einen harten Kampf mit den Möllers gefaßt gemacht, und nun wickelte sich die Sache so glatt und rasch ab.

In der Schankstube wurden inzwischen die fünfzig Mark vertrunken, die der Kommerzienrat gespendet hatte. In eine der Fensternischen hatte sich Liese Braumüller mit ihrer Freundin Guste Thielemann zurückgezogen. Beide wisperten eifrig miteinander.

„Das hat lange gedauert, eh die Dörthe Fritzen ’rumgekriegt hat,“ flüsterte Liese. „Aber ’s wird wohl auch Zeit gewesen sein. Ich könnt’ was erzählen, wenn ich wollte. Und weißt du, Guste, in der Kirche seh’ ich die beiden noch nicht. Ich möchte wetten, daß da noch was darmang kommt –“

„Dörthe!“ erscholl in diesem Augenblick die Stimme der Möllern aus der Küche.

Das Verlobungsessen war fertig: ein kolossaler Schweinebraten in braun glänzender, knusperiger Schale, die quadratisch durchkerbt war. Und auch die Beilagen konnten aufgetragen werden: rote Rüben, Preiselbeeren und Milchreis mit Zimmet.

Fünftes Kapitel

Es war am Neujahrstage, als Hedda, in der Pelzjacke, die Pelzkappe auf dem Kopfe und den Muff in der Hand, zu ihrem Vater ins Arbeitszimmer trat. „Ich will zum Pastor, Papa,“ sagte sie, „ihm meinen Glückwunsch bringen. Hast du etwas zu bestellen?“

„Schöne Grüße, nichts weiter,“ antwortete der Baron. „Und warum er sich denn gar nicht mehr sehen ließe. Seine Beine sind noch flotter als meine.“

„Werd’s ausrichten. Hat die Post nichts Neues gebracht?“

Jetzt schlug sich der alte Herr mit der Hand vor den Kopf. „Sapperment,“ schalt er, „ich fang’ wirklich an, tranig zu werden! Die Hauptsache vergess’ ich!“

Er nahm einen Brief vom Tisch. „Weißt du, wer geschrieben hat?“

„Dein Verleger?“

„Gott bewahre! Rat mal!“

Sie riet, aber das Richtige traf sie nicht.

„Dummerle,“ rief der Alte endlich, „Axel hat geschrieben!“

Das kam Hedda allerdings so überraschend, daß sie sich setzen mußte.

„Axel?“ wiederholte sie. „Der Jarlsberger?“

„Ja, ja – unser vielgetreuer Herr Vetter, der Nordlandsrecke, der Wikinger! Er ist nach Berlin zur Botschaft kommandiert worden und will uns im Frühjahr auf dem Baronshof besuchen!“

Hedda sah noch immer maßlos erstaunt aus.

„Ich ahnte ja gar nicht, daß Axel in diplomatischen Diensten steht,“ sagte sie. „Ich glaubte, er täte gar nichts – lebte von seinen Reichtümern – reiste in der Welt umher – als Globetrotter –“

„Glaubte ich auch alles, aber du hörst doch, daß dem nicht so ist. Über den angekündigten Besuch kann ich nicht gerade Rad schlagen vor Freude. Das gibt allerhand Unbequemlichkeiten – und der junge Herr wird verwöhnt sein.“

Jetzt erwachten auch die Sorgen in Hedda.

„In der Fremdenstube regnet’s durch,“ klagte sie. „Auch muß da neu tapeziert werden, und, ach, du lieber Gott, das Waschservice sieht erst recht nicht nach dem Fortschritt der Zeit aus! Wer besucht uns denn einmal?! Ich habe mich um die Fremdenstube seit Ewigkeiten nicht bekümmert.“

„Der Axel ist noch nicht einmal in Berlin,“ versetzte der Freiherr begütigend; „wir haben also noch Zeit genug, unsern Schlachtplan zu entwerfen. Außerdem weiß er, daß wir nicht auf Rosen gebettet sind – und überdies soll mir’s sehr gleichgültig sein, ob es ihm in Jarlsberg besser gefällt als auf dem Baronshof.“

„Puh!“ machte Hedda, „hier ist’s aber fürchterlich heiß, Papa. Hältst du das denn aus?“

„Ich schmore am liebsten – da spüre ich meine Ischias am wenigsten.“

„Im nächsten Sommer gehst du mir unbedingt nach Gastein, Papa –“

„Wohin denn noch?! Nach Paris und dann ein bißchen an die Riviera, nicht wahr? Wir haben ja das Geld dazu!“

„Für die Badereise werd’ ich’s schon schaffen. Vielleicht versuchst du es auch einmal mit unsrer Quelle –“

„Nicht um die Welt, Hedda! Das hab’ ich mir vorgenommen: diese ekelhafte Quelle existiert für mich nicht! Am liebsten hörte ich gar nichts von ihr.“

Hedda stand achselzuckend auf.

„Ich streite nicht mehr, Vater. Ich richte ja doch nichts aus. Tu mir die Liebe und laß dich um die Mittagszeit anziehen. Ich habe August schon Auftrag gegeben. Die Herrschaften vom Auschloß kommen sicher zur Gratulation.“

Der Alte streckte beide Hände zur Decke empor.

„Ob sie mich nicht ruhig arbeiten lassen können!“ stöhnte er.

„Nein,“ erwiderte Hedda, „denn sie wissen, was sich schickt.“

„Papperlapapp – die Unsitte der Neujahrsgratulation ist längst aus der Mode gekommen!“

„In Oberlemmingen noch nicht.“

„Opponiere nicht ewig!“

„Ich bin dein Fleisch und Blut.“

„Dann gib mir ’nen Kuß!“

Hedda tat es lachend und eilte hierauf hinaus ins Freie.

Das war ein herrlicher Neujahrstag. Stahlschimmernd wölbte sich der Himmel über der Landschaft. Der Schnee lag dicht, aber nicht allzu hoch, und die Sonne gleißte über die weiße Pracht. Es flimmerte und glitzerte, wohin sich das Auge wandte.

Hedda schritt durch den Garten und über den Dorfplatz, wo ein Dutzend Kinder sich mit Schlittern belustigte. Jedes einzelne trug ein Pelzkäppchen und einen roten Schal um den Hals. Als Hedda dies sah, lächelte sie. Es waren ihre Weihnachtsgeschenke, die sie sich von den Erträgnissen des Hühnerhofs abgespart hatte. Die Jungen zogen ihre Kappen ab und grüßten höflich, als Hedda vorüberschritt, und der kleinste und frechste rief ihr „Prost Neujahr!“ nach, und dann jubelten allesamt wild durcheinander ihr „Prost Neujahr!“

Der Verkehr zwischen Baronshof und Pastorat war von jeher ein herzlicher und intimer gewesen. Namentlich den derzeitigen Pfarrer hatte der Freiherr in sein Herz geschlossen. Es war dies eine eigentümliche Erscheinung, der Seelenhirt von Oberlemmingen, der Doktor von Eycken. Er stammte aus einem alten und angesehenen westfälischen Adelsgeschlecht. Sein Vater war General der Kavallerie und eine Zeitlang Gouverneur von Berlin gewesen, und auch der Sohn sollte, nachdem er sein Abiturientenexamen bestanden, die militärische Laufbahn einschlagen. So trat der junge Eycken denn in ein am Rhein garnisonierendes Husarenregiment ein, in dem fast das ganze Offizierkorps gleich ihm selbst katholisch war. Bald nachdem er Offizier geworden, erkrankte er am Typhus und wurde zu seiner Genesung für längere Zeit nach dem Süden beurlaubt. Während dieses Urlaubs verlebte er einige Monate in dem damals noch päpstlichen Rom, und gerade hier, in der Siebenhügelstadt, dem Sitze klerikaler Macht, vollzog sich ein merkwürdiger Umschwung seines seelischen Empfindens. Eycken sprach sich niemals über die Gründe aus, die ihn zu einer Zeit, da er noch ein halber Jüngling war, zur Konversion veranlaßt hatten. Sein Vater erfuhr nur, daß er in Rom in vertrautem Verkehr mit einem preußischen Edelmann gestanden hatte, der Monsignore und Kämmerer des Papstes war, und über dessen Lebensführung man sich in der Klatschgesellschaft der Ewigen Stadt allerhand erzählte. Tatsache war jedenfalls, daß Eycken nach seiner Rückkehr gegen den Willen seiner Familie, mit der er in der Folge auch vollständig zerfiel, zum Protestantismus übertrat, seinen Abschied erbat und noch nachträglich Theologie studierte.

Seit etwa fünfzehn Jahren war er Pfarrer von Oberlemmingen. Er liebte die Stille des Landlebens und hatte sich deshalb nie um eine städtische Stellung bemüht. Es schien auch, als besitze er keinen Ehrgeiz, denn sonst hätte es ihm leicht werden müssen, bei der Vornehmheit seines Namens, bei seinem tiefen Wissen und seiner hervorragenden rednerischen Begabung Karriere innerhalb seines Berufs zu machen. Nun stand er am Ausgange seines Lebens. Er war ein hoher Sechziger, freilich noch immer eine überaus stattliche Erscheinung: groß und von breiten Schultern, mit frischfarbigem Antlitz und leuchtenden Augen. In dichten weißen Locken umwallte das Haar sein Haupt; Schnurrbart und Vollbart waren ebenfalls schneeweiß und lang; so sah er wie einer jener alten Patriarchen aus, von deren das gewöhnliche Menschenalter überragendem Leben voll Wohltun und Köstlichkeit die Bibel erzählt.

Eycken war nie verheiratet gewesen. Eine alte Haushälterin führte ihm die Wirtschaft. Man erzählte sich, daß er sehr reich sei. Seinem bescheidenen und anspruchslosen Wesen und der Einfachheit seiner Lebensführung merkte man das nicht an. Dagegen half er immer und mit vollen Händen aus, wenn die Bedürftigkeit sich hilfesuchend an ihn wandte. Zuwider war ihm nur der Formalismus des Beamtenwesens; die Führung der Kirchenlisten, die Instandhaltung seiner Bücher und Rechnungen, und was dergleichen noch mehr war, besorgte ihm der Kantor gegen eine Entschädigung; mit dem Konsistorium hatte er am liebsten gar nichts zu tun. Er war denn auch „oben“ nicht sonderlich gut angeschrieben.

Die Wirtschafterin öffnete Hedda und gratulierte mit tiefem Knicks zum neuen Jahre.

„Danke, Frau Stege,“ antwortete das junge Mädchen; „so Gott will, gehen Ihre guten Wünsche in Erfüllung. Ist der Herr Pastor da?“

„Jawohl, gnädiges Fräulein, aber es ist Besuch bei ihm, – einer von den jungen Herren aus dem Auschlosse.“

Also die Nibelungenrecken waren auch wieder da. Hedda bat, sie trotzdem anzumelden.

Eycken hatte ihre Stimme schon gehört und erkannt. Er öffnete die Tür rechtsseitig des Flurgangs und rief: „Immer herein, Fräulein Hedda! Sie stören nicht! Doktor Schellheim ist bei mir und stöbert meine Bücher durch.“

Hedda trat ein und brachte ihre Glückwünsche vor. Dann begrüßte sie Gunther mit freundlichem Handschlag. „Seit wann wieder hier, Herr Doktor?“ fragte sie.

„Erst seit vorgestern, Baronesse,“ erwiderte Gunther unter leichtem Erröten; „aber ich will den Winter über aushalten, vielleicht sogar bis in den Mai hinein –“

„Ah – Sie bleiben längere Zeit?“

„Ja, gnädiges Fräulein. Ich habe eine Arbeit zu vollenden, die mich sehr in Anspruch nimmt, und zu der ich Ruhe und Stille brauche.“

„Nibelungenforschung?“ fragte Hedda lächelnd.

„Nein, diesmal nicht. Ich habe durch Zufall eine ganz interessante Entdeckung gemacht, die ich ausbeuten möchte ...“

Der Pastor nötigte zum Platznehmen. Hedda knüpfte ihr Pelzjackett auf. Es war warm im Zimmer. Das Gemach war geräumig, und alle vier Wände waren bis zur Decke hinauf mit Büchern gefüllt, auf einfache tannene Regale gereiht. Vor einem dieser Repositorien stand eine Leiter, und unten am Boden, am Fuße der Regale, lagen in unregelmäßigen Abständen weitere Bücher verschiedenen Formats aufgeschichtet. Die durfte die Wirtschafterin beim Reinigen des Zimmers nicht anrühren; der Pastor pflegte vor Beginn einer Arbeit die dazu nötigen Nachschlagewerke auszuwählen und ließ sie am Boden liegen, bis er sie brauchte. Übrigens beherbergte das Gemach noch nicht die Gesamtbibliothek Eyckens; das eigentliche Studierzimmer lag nebenan und war gleichfalls mit Büchern gefüllt. Der Pastor besaß an zehntausend Bände.

Hedda schlug erstaunt in die Hände.

„Was studieren und schreiben Sie nur alles zusammen, Herr Pastor!“ sagte sie naiv. „Ihre Predigten können Sie doch unmöglich so stark in Anspruch nehmen!“

„Nein, mein Kind,“ erwiderte Eycken, „das tun sie in der Tat nicht. Ich studiere zu meinem Vergnügen, wie andre Leute ins Theater gehen, Konzerte, Bälle und Soireen besuchen. Es ist eine Angewohnheit.“

„Eine verständliche,“ fügte Gunther hinzu, und sein Auge flog über die Bücherreihen.

Hedda interessierte das. „Weshalb lassen Sie aber Ihre Studien nicht veröffentlichen, Herr Pastor?“ forschte sie weiter.

Eycken zuckte mit den Schultern.

„Ich bin ein merkwürdiger Mensch, liebe Hedda,“ entgegnete er. „Für mich hat eine Arbeit, wenn sie fertig und abgeschlossen vor mir liegt, den Reiz des Interesses verloren. Oben auf dem Boden stehen ganze Kisten voll Manuskripte, die ich seit Jahren nicht mehr angeschaut habe. Sterbe ich einmal, so werden sie wahrscheinlich als Makulatur verkauft, eingestampft und zu neuem Papier verarbeitet werden, auf dem vielleicht ein Besserer unsterbliche Werke schreibt. Und das ist auch ein Trost.“

Hedda schüttelte den Kopf. „Das verstehe ich nicht,“ sagte sie. „Wenn ich etwas schaffe, von dem ich annehme, daß es nicht nur mich selbst, sondern auch einen Teil der Mitwelt interessiert, dann ist es doch in gewisser Weise egoistisch – Pardon, Herr Pastor –, es den andern vorzuenthalten.“

„Richtig, Hedda,“ erwiderte Eycken. „Es wäre egoistisch, wenn ich mir von meinen Studien für Mit- und Nachwelt etwas verspräche. Aber das tue ich nicht. Ich arbeite nur für mich; ich will auch in die Polemiken, mit denen die zünftigen Gelehrten sich gegenseitig überschütten, nicht hineingezogen werden.... Ich habe da vor langen – ach, vor langen Jahren“ – und ein wehmütiger Zug flog über sein schönes Greisenantlitz – „in Neapel einmal einen Komponisten kennen gelernt. Der Mann war reich, und wenn er eine Oper oder ein Orchesterstück vollendet hatte, so mietete er sich ein Theater oder einen Konzertsaal und ließ sich sein Werk allein aufführen. Nur er selbst, kein Zuhörer sonst durfte dabei sein. Und niemals befriedigte ihn eins seiner Werke völlig. Und dann packte er seine Partituren zusammen, beschwerte sie mit Steinen, ließ sich in schöner Mondnacht in den Golf hinausrudern und versenkte sie in das Meer.... Sehen Sie, das begreife ich. Ich bin auch nie zufrieden mit dem, was ich geschaffen habe, und wenn ich dann an einen Punkt komme, von dem aus ich nicht weiter kann, wo die Forschung aufhört und die Hypothese beginnt – da breche ich ab und lege das Manuskript zu den übrigen ...“

Man sprach noch hin und her über das Thema. Auch Gunther verfocht die Ansicht Heddas, daß die ernsthafte Forschung gewissermaßen die Pflicht habe, vor die Öffentlichkeit zu treten. Und dann sprach er von seiner interessanten Entdeckung, die ihn gegenwärtig ganz in Anspruch nahm. Er hatte auf der Königlichen Bibliothek in Berlin in einem handschriftlichen Faszikel von Abhandlungen Melanchthons aus dem Jahre 1560 eine Sammlung alter Anekdoten gefunden, die auch fünfzehn zum Teil noch unbekannte Faustgeschichten enthielten. Der Schreiber des Manuskripts war ein früherer Mönch gewesen, nannte seinen Namen und gab auch einzelne Daten aus seinem Leben, führte vor allen Dingen als Datum der Niederschrift seines Handbuchs das Jahr 1565 an. Damit war ein neuer Beweis dafür erbracht, daß man schon lange vor der Drucklegung des ersten Faustbuchs von 1587 Faustanekdoten zu sammeln pflegte. Aber auch auf die Entstehungsgeschichte der Faustsagen und auf das Historische der Persönlichkeit Fausts warfen diese Aufzeichnungen ein neues Licht, die geeignet schienen, eine kleine Revolution in der gelehrten Welt hervorzurufen.

Gunther war bei seiner Erzählung in Eifer gekommen. Die Freude an dem Funde teilte sich seiner ganzen äußeren Wesenheit mit. Hedda sagte sich, daß er eigentlich ein hübscher Mensch sei. Er besaß ungemein lebhafte, braune Augen unter einer hohen und klugen Stirn und einen schön geformten Mund. Haar und Schnurrbart waren dunkelblond; auch die Figur war hübsch, schlank und elegant. Typisch Gelehrtenhaftes hatte er nichts an sich. Als er merkte, daß er fast allein mit Eycken sprach und Hedda nur Zuhörerin war, errötete er wieder – das passierte ihm häufig – und wandte sich mit einem Entschuldigungswort an das Fräulein zurück.

„Ich langweile Sie, Baronesse,“ sagte er. „Mehr oder weniger sind wir Leute von der Feder allesamt Egoisten. Und da ich weiß, daß der Herr Pastor ein guter Melanchthonkenner und es erwiesen ist, daß Melanchthon den historischen Faust –“

Er unterbrach sich und lachte.

„Sehen Sie, nun komme ich wieder in das Vortragende hinein, und ich wollte doch von etwas anderm reden! Was sagen Sie dazu, daß Papa sich an der Quellengeschichte beteiligt hat? Im Mai soll die feierliche Weihe stattfinden.“

Eycken war Feuer und Flamme für die Sache. Er war ein begeisterter Anhänger der Ferienkolonieen, für die er große Summen spendete, und trug sich mit der Absicht, aus eignen Mitteln ein Krankenhaus für bedürftige Kinder in Oberlemmingen zu errichten. Es war merkwürdig, daß gerade dieser Mann, der unverheiratet durch das Leben gegangen, der Kinderwelt eine so heiße Liebe und eine so große Barmherzigkeit entgegentrug. Es war, als erschöpfe sich den Kleinen gegenüber die Güte seines einsamen Herzens.

Er kannte die Bedenken des Freiherrn gegen eine praktische Ausbeutung der Quelle und versuchte Hedda zu beweisen, daß ihr Vater im Unrecht sei. Zumal dadurch, daß der Kommerzienrat das Geschäftliche der Angelegenheit in der Hand halte, sei Gewähr für eine solide Entwicklung des Unternehmens gegeben. Für die Möllers hatte er auch nicht viel übrig.

Hedda und Gunther verabschiedeten sich gemeinsam. Als sie sich vor der Gartentür die Hand reichten, fragte der junge Mann:

„Laufen Sie Schlittschuh, gnädiges Fräulein?“

„Leidenschaftlich gern,“ antwortete Hedda, „und der Döbbernitzer See bietet auch eine prachtvolle Bahn. Aber allein ist es langweilig.“

Gunther verneigte sich. „Es wird mir ein besonderes Vergnügen sein, Sie begleiten zu dürfen,“ sagte er. „Darf ich Sie gegen drei Uhr abholen? Es ist heute so wunderbares Wetter.“

Sie zögerte einen Augenblick und bejahte dann dankend. Zu Fuß ging er nach dem Auschlosse zurück, während Hedda noch nebenan den Kantor aufsuchte, dessen Frau seit einigen Tagen bettlägerig war.

Beim Mittagessen sprach sie dem Vater gegenüber beiläufig von ihrer Verabredung mit Gunther. Der Alte schwieg anfänglich und begann dann zu räsonieren. Das sei unschicklich; man gebe sich nicht Rendezvous mit jungen Herren. Er verstehe Hedda nicht – sie wisse doch sonst, was Takt sei.

Sie verteidigte sich lebhaft.

„Ich weiß nicht, was du hast, Papa,“ antwortete sie. „Ich bin kein Backfisch mehr und fühle mich durch die Anwesenheit des Doktor Schellheim eher geschützt als gefährdet. Allein Schlittschuh zu laufen, verbietest du mir auch. Ich kann doch nicht das Leben einer Nonne führen!“

Der Freiherr brummte etwas halb Unverständliches vor sich hin. Es klang so, als sage er, er könne nun einmal die Schellheims nicht leiden. Hedda schwieg, aber sie war verstimmt und verärgert. Sie hatte zum ersten Male das Gefühl, als laste die Einsamkeit des Baronshofs wie ein Alp auf ihr.

Gunther war pünktlich. Er kam im Schlitten, mit einem Schimmelgespann, das der Kommerzienrat erst vor kurzem gekauft hatte und dessen silberbeschlagenes Geschirr hell blitzte. Hellstern ließ sich nicht sehen, aber er hatte von seinem Arbeitszimmer aus die Auffahrt beobachten können. Und er hieb wütend mit der geballten Faust auf den Tisch.

Hedda war beim Nahen des Schlittens auf die Veranda getreten. Gunther half ihr beim Einsteigen und hüllte sie mit diskreter Sorglichkeit in das weiße Bärenfell, das als Decke diente.

Mit neidischer Miene schaute August dem eleganten Gefährt nach. Dann glitt ein zustimmendes Schmunzeln über sein Gesicht. Er hatte gehört, daß die Klingel im Zimmer des Freiherrn stark läutete, aber er beeilte sich nicht. Vorsichtig klopfte er den Schnee von seinen Stiefeln ab, ehe er in das Haus zurücktrat.

„Hast du keine Ohren?!“ schrie der Freiherr ihn an.

„Ich kann doch nicht hexen, Herr Baron! Erst mußte ich dem gnädigen Fräulein helfen!“

„Feuer in den Ofen!“ kommandierte der Alte. „Soll ich vielleicht hier erfrieren?“

August schaute auf das Thermometer, das am Pfeiler zwischen den Fenstern hing.

„Sechzehn Grad,“ sagte er. „Der Herr Baron werden sich noch so verpimpeln, bis Sie nachher kein Lüftchen mehr vertragen können.“

„Halt ’s Maul und feure!“ schrie Hellstern grob.

August wurde immer freundlicher; die Schnauzerei des Alten tat ihm sichtlich wohl. Er kniete vor dem Ofen nieder und begann langsam die eiserne Tür aufzudrehen. Sie quietschte und kreischte, daß Hellstern aufstöhnte.

„Schmier doch die verdammte Tür einmal ein!“ rief er.

August nickte nur, steckte erst ein paar Kiensplitter in Brand und schob dann einige Scheite Holz hinterher. Schließlich blies er mit dicken Backen in das Ofenloch, um die Flamme wach zu halten.

„Herr Baron,“ sagte er plötzlich in fragendem Tone.

„Was ist los?!“

„Haben Herr Baron den Schlitten gesehen?“

„Ja – was sonst noch?!“

„Ach – ich meinte man bloß – die gnädige Baronesse sahen so stattlich drin aus – und der Herr Doktor auch – ein hübsches Paar –“

Jetzt fuhr Hellstern im Ausschnitt seines Tisches herum, zornrot und prustend vor Grimm. Seine Hand suchte nach irgend einem Gegenstande, um ihn August an den Kopf werfen zu können. Aber er fand keinen.

„Raus!“ schrie er. „Mach, daß du rauskommst! Wie kannst du dich unterstehen, vom gnädigen Fräulein und dem – und dem da per ‚hübsches Paar‘ zu sprechen?! Ich verbitte mir deine Vertraulichkeiten! Ich habe sie lange satt! Du kannst dich zum Teufel scheren! Am liebsten gleich! Pack deine Sachen zusammen – pascholl!“

August blies noch ein paarmal in das Ofenloch und erhob sich dann ächzend. Sein Gesicht sah überaus freundlich aus.

„Ich fang’ nu auch an, alt zu werden, Herr Baron,“ erzählte er, ohne die letzten Äußerungen seines Herrn irgendwie zu beachten. „Nämlich – wenn ich mir bücke, dann knackt’s mir in allen Knochen. Und das Rheuma kommt auch wieder. Na – nu kriegen wir ja die Quelle –“

Hellstern hob die geballten Hände hoch empor und schnaufte förmlich.

„Hat jemand je ein solches Untier gesehen!“ rief er. „Die Quelle! Jetzt fängt der auch noch davon an! Ersäuf dich in ihr! Mir soll’s recht sein! Mach, was du willst! Aber geh nur ’raus! Ich kann dich nicht mehr sehen! Du bist mir greulich –“

„Ich geh’ schon,“ sagte August und nickte freundlich. Wenn der Herr ihm nicht monatlich wenigstens dreimal kündigte, fehlte ihm etwas. Es mußte alles seine Ordnung haben. Und dann ging er wirklich, zufrieden und glücklich, und Hellstern machte sich wieder, noch immer schimpfend, schnaufend und stöhnend, an seine Arbeit.

Der Schlitten sauste über die Schneebahn. Mancher im Dorfe, der zufällig am Fenster stand, schaute ihm mit ähnlichem Lächeln wie August nach. Die Bauern waren leicht geneigt, Paare zusammenzubringen; man munkelte schon lange davon, daß das Fräulein vom Baronshof einen der beiden jungen Herren vom Auschlosse heiraten würde.

Eine Viertelstunde hinter der Chaussee begann der Wald. Das war etwas Köstliches. Ein Märchenwald – ein verzauberter Hain, der aus leuchtendem Silber geschaffen zu sein schien. Auf jedem Ast und jedem Zweige und jeder Tannennadel lag der Kristallreif des Winters. Es flimmerte und glitzerte überall. Dicht am Wege standen, die Einfassung bildend, in langer Reihe hochstämmige Birken. Ihre Kronen waren wie mit Eis inkrustiert; ein glänzender Panzer hüllte sie ein. Dahinter dehnte sich Tannenforst aus, und auf dem dicken Gezweige mit seinem schweren, schwarzgrünen Nadelwerk lag noch der Schnee. Und wenn ein leiser Wind kam, dann perlte der Schnee gleich tausendfachem Edelgestein zur Erde. Hie und da hingen noch Eistropfen am Geäst, feine, dünne und zierliche, die sich langsam auflösten zu fallenden Tropfen, und schwere, armdicke, die wie aus Glas geformt erschienen. Selbst über die Moosschicht unter den Tannen spann sich ein gleißendes Spitzenwerk von Reif und Eis. Dazu heller Sonnenschein und blauender Himmel und eine köstliche Friedensstimmung: ein tiefes, heiliges Schweigen ringsum.

Das Wiehern der Pferde und das Geläute der kleinen silbernen Glöckchen am Geschirr schienen einzig und allein diese Stille zu stören. Aber auch in dem lustig tönenden Klingklang lag etwas Harmonisches; es war die Musik zu dem Waldmärchen. Die Schneedecken auf den Rücken der Pferde blähten beim eiligen Laufe sich auf wie Segel im Winde. Eine helle Dunstwolke umgab die Gäule, und der heiße Brodem, der ihren Nüstern entströmte, jagte vor ihnen her.

Die beiden im Schlitten sprachen wenig. Das gleiche Gefühl der Naturbewunderung hieß sie schweigen, bei beiden kam auch noch das instinktive Empfinden dazu, durch den Kutscher gestört zu sein. Der brave Mann ahnte das freilich nicht. Er saß in der ganzen gemächlichen Fülle seiner Persönlichkeit hinten auf der Pritsche, bis obenhin in seinen langen, hellgrauen Paletot geknöpft, einen mächtigen Pelzkragen um den Hals. Das Gesicht war völlig regungslos; er war gut gezogen.

Und seltsam genug – während dieser Fahrt durch den Wald stieg in Hedda mehrfach die Frage auf: war es vielleicht doch nicht in der Ordnung gewesen, daß sie der Aufforderung ihres gefälligen Nachbars nachgekommen war? An übertriebener Prüderie litt sie ebensowenig wie an zopfigem Konventionalismus. Sie hätte nichts dabei gefunden, mit Gunther allein meilenweit spazieren zu gehen. Und nun saß, eine merkwürdige dame d’honneur, zur Schutzwehr auch noch der Kutscher hinter ihnen. Und gerade das genierte sie so, daß sie gar nicht recht wußte, was sie sprechen und welchen Ton sie anschlagen sollte. Sie fand selbst, daß das lächerlich war, und fügte in Gedanken hinzu: aber es ist dennoch so.

„Der See,“ sagte Gunther und wies nach rechts hinüber. Durch eine Lichtung, durch die in breitem Strome der Sonnenschein wie eine Goldflut floß, sah man eine Ecke des Sees, ein großes Stück blendendes Weiß.

„O weh,“ gab Hedda zurück, „wir haben an den Schnee nicht gedacht! Werden wir da überhaupt laufen können?“

Er nickte und lächelte dabei. „Die Bucht an der Försterei ist gefegt worden,“ entgegnete er. „Ich habe über Mittag zwölf Mann hingeschickt. Es war nicht leicht, heute am Neujahrstage die Leute aufzutreiben.“

Hedda rümpfte unwillkürlich ein klein wenig die Nase. Das gefiel ihr nun wieder nicht. Es klang so, als hätte er sagen wollen: mit Geld kann man alles machen. Und dann ärgerte sie sich wieder über sich selbst; es war klar, daß sich Doktor Schellheim bei dieser Bemerkung gar nichts gedacht hatte.

Nun senkte sich der Weg und beschrieb einen kurzen Bogen nach links. In der Schlucht lag der Schnee noch zu dichten Haufen. Der Sturm hatte mit mächtigem Odem hineingeblasen, ihn hier fußhoch geschichtet und dort wieder die braune Erde reingefegt.

Dann lichtete sich der Forst. Drüben lag, inmitten überschwemmter Wiesen, die Försterei, und in lang geschwungener Kurve dehnte der See sich aus. In der Ferne sah man die niedrigen Häuserreihen von Döbbernitz, und auf der Höhe dahinter das Schloß, ein burgartiges altes Gebäude, das noch aus der Zeit der Templer stammte und in dem jetzt der Baron Zernin mutterseelenallein hauste, immer auf der Hut vor seinen Gläubigern und den Gerichtsvollziehern, die ihm bös zusetzten.

Der Schlitten hielt. Gunther gab dem Kutscher den Befehl, langsam im Walde umherzufahren und sich nach einer Stunde wieder einzufinden. Dann wandte er sich an Hedda. „Darf ich Ihnen helfen?“ fragte er und deutete auf die Schlittschuhe, die sie am Arm trug.

Sie dankte und begann sich selbst die Schlittschuhe anzuschnallen. Gunther hatte die Pelzdecke aus dem Wagen genommen und sie über einen Baumstumpf am Seeufer gebreitet. Hedda setzte sich, aber sie war ungeschickt.

„Ich werde doch helfen müssen!“ rief Gunther lachend. Und schon kniete er vor ihr; die Arbeit war schnell gemacht.

Ein eigentümliches Empfinden überschlich Hedda. Sie sah zum ersten Male einen Mann zu ihren Füßen. Es war ein gewisser pikanter Reiz, der sie durchströmte, aber dabei schalt sie sich töricht, wie vorhin, als die Gegenwart des Kutschers sie genierte.

Beide flogen über das Eis. Sie waren gewandte Läufer. Unter dem Stahl ihrer Sohlen klang die glitzernde Fläche leise metallisch; es war wie ein fernes Singen. Das Eis war in weitem Umkreise blitzblank gefegt; es lief sich prächtig.

Gunther hatte Hedda den Arm geboten, doch sie schlug vor, sich zunächst einmal allein „auszutoben“. Es war ein entzückendes Bild, wie sie über den hellen Spiegel sauste, in dem die Sonnenstrahlen sich leuchtend brachen. Gunther, der sie in weit ausholenden Kurven umkreiste, wurde nicht müde, sie anzuschauen. Sie hatte die Arme über der Brust verschränkt und den Kopf ein wenig zurückgeworfen. Auf dem dunkelblonden Haar saß die Pelzkappe; das Antlitz war lebhaft gerötet von der kalten Luft, und die Augen blitzten im Wonnegefühl der eignen Kraft.

Ringsum lagen die Waldhänge unter weißer Schneedecke. Ein Schwarm Krähen strich durch die Luft. Vom stählernen Blau des Himmels hob sich ihr Gefieder haarscharf ab. Der See buchtete sich nach Döbbernitz zu in schlankem Bogen ein. Man konnte nicht sehen, wo er endete; er verlor sich zwischen den Bergen, die im Westen höher wurden. Eine weiße Wolkenschicht hatte sich hier gebildet, dicht über dem Horizont, und so sah es aus, als steige der kleine märkische Höhenrücken in weiter Ferne zu ragenden Gletschern empor.

„Aufgepaßt!“ rief Hedda plötzlich. Aber es war zu spät. Die Bogen der beiden Läufer kreuzten sich; Hedda und Gunther sausten sich in die Arme. Beide stürzten. Gunther war außer sich; er bat „tausendmal“ um Entschuldigung und wollte Hedda aufhelfen. Dabei fiel er zum zweiten Male hin. Nun lachte Hedda fröhlich auf. Sie stand schon wieder auf ihren Füßen und reichte Gunther die Hände.

„Halten Sie fest!“ rief sie, – „so!“ – und nun stand auch er.

„Wie war das gekommen?“ fragte er verlegen, und sie lachte abermals.

„Mein Gott, wie soll es gekommen sein?“ gab sie harmlos zurück. „Ich taxiere, wir waren beide schuld. Aber was schadet es? – Haben Sie sich verletzt?“

Er fühlte einen leichten Schmerz am Knöchel; eine Sehne mochte sich gezerrt haben.

„Nur unbedeutend,“ antwortete er; „es wird sich geben, wenn ich erst wieder in Bewegung bin.“

Nun bat sie ihn, ihren Arm zu nehmen. So flogen sie von neuem über das Eis.

„Geht es besser?“ fragte Hedda.

„Ja – danke; ich fühle mich sogar außerordentlich wohl.“

Das Rot ihrer Wangen verdunkelte sich.

„Treiben Sie viel Sport?“ fuhr sie fragend fort, mit Absicht das Thema wechselnd. „Man findet das sonst nicht häufig bei Gelehrten – die Herren pflegen nur ungern ihren Arbeitstisch zu verlassen.“

„Das ist bei mir allerdings auch der Fall,“ entgegnete er; „aber ich begann vor zwei Jahren, wie ich glaube, infolge von Überarbeitung, zu kränkeln, und da raffte ich mich denn mit einem energischen Entschlusse zu einer zweckmäßigeren Tageseinteilung auf. Das wurde mir anfänglich schwer; sportliche Neigungen sind im Grunde genommen eine aristokratische Domäne; sie liegen im Blut. Aber heute möchte ich sie nicht mehr entbehren; ich behaupte, daß sie auch den Geist reger und frischer erhalten.“

„Reiten Sie auch?“

„Ja – aber speziell zum Reiten komme ich weniger. Sie sind natürlich eine begeisterte Amazone, Baronesse?“

„Ich kann es nicht leugnen. Es ist mir schwer geworden, mein Reitpferd aufgeben zu müssen. Aber ich habe mich über so viel getröstet, daß mir auch das keinen Kummer mehr macht.“

Sie kreisten in schwingenden Kurven nach dem Ufer zurück.

„Ich denke mir,“ begann Gunther von neuem, „daß es Ihnen zuweilen recht einsam auf dem Baronshof werden muß. Die Umgegend bietet meines Wissens nicht allzuviel Verkehr.“

„Nein, sehr wenig. Papa ist das recht, – er ist ein Fanatiker der Einsamkeit. Und ich muß sagen, daß ich das Wohlempfinden des Alleinseins verstehe. Ich habe auch genug im Hause zu tun und kann über Langeweile nicht klagen. Aber zuweilen sehne ich mich doch stark in die Welt hinaus, vor allem nach neuen Anregungen; mir ist dann und wann, als verengere sich mein Gesichtskreis mehr und mehr. Möglicherweise reise ich im Februar oder März auf ein paar Wochen nach Berlin; ich freu’ mich darauf.“

„Haben Sie Verwandte in Berlin?“

„Eine Tante, die mich alljährlich einladet, und der ich bisher alljährlich abgeschrieben habe. Ich habe immer Sorge, den Papa allein zu lassen. Aber nun kommt auch noch ein Vetter von mir nach der Hauptstadt.“

Das interessierte Gunther besonders. Er horchte auf, als Hedda von Herrn Axel auf Jarlsberg zu erzählen begann; sie sei neugierig, ihn kennen zu lernen – er habe schon früher einmal dem Papa sein Bild geschickt: ein schmales, vornehmes Gesicht mit einer kleinen Hiebnarbe auf der rechten Wange.

Gunther biß die Zähne zusammen. Da sie von dem Vetter sprach, tat ihm das Herz weh. Warum, warum? fragte er sich – sie kennt den Herrn Axel ja noch gar nicht! Wie lieb mußte er das Mädchen gewonnen haben, daß ihn schon die Erwähnung eines gleichgültigen andern mit Eifersucht erfüllte!

Aber nein, sagte er sich, dieser Vetter ist kein „gleichgültiger andrer“. Ganz gewiß nicht! Er ist reich und gehört mit zur Sippe – das fällt beides in die Wagschale.... Es war wie ein Angstgefühl, das dem jungen Manne plötzlich die Kehle zuschnürte. Man hatte auch ihn schon mit Heiratsplänen bestürmt. Wie es hie und da in Kaufmannskreisen Sitte zu sein pflegt, war er auf dies und jenes Mädchen aufmerksam gemacht worden, „gute Partieen“ und meist hübsche und wohlerzogene Fräulein, bereit, ohne nachzudenken dem die Hand zu reichen, den die Eltern erwählt hatten. Aber er dankte für eine „gute Partie“ in kaufmännischem Sinne; er hatte das nicht nötig. Es war sein Traum, einmal in eine wirklich vornehme Familie hineinzuheiraten. Das war seltsam genug bei einer so ruhigen, verhältnismäßig abgeklärten Verstandesnatur wie Gunther, bei einem Manne, der sich gut bürgerlich fühlte und im Adel durchaus keine Menschenklasse sah, die höher stand als jene, der er zugehörte. Und doch kam er nicht über diesen Gedanken hinaus; es war eine Idee, an der er mit gleicher Zähigkeit festhielt wie seinerzeit an dem Plane, studieren zu wollen. Denn auch der hatte schwere Kämpfe gekostet; der Vater wollte, daß er die Fabrik in Manchester übernehme, deren Betrieb dringend einer Vergrößerung bedurfte, und war unglücklich darüber gewesen, daß Gunther sich einen so völlig aus der Sphäre fallenden Beruf erwählte. Und vielleicht war es gerade das Bedürfnis, aus dieser Sphäre herauszukommen, das ihn an dem Gedanken einer „vornehmen“ Partie festhalten ließ. Er war viel zu klug und zu rechtschaffen vor sich selbst, um nicht die Tüchtigkeit und alle die andern guten Eigenschaften der Kreise seiner Eltern billig anzuerkennen. Aber es war immer dasselbe; die Interessengemeinschaft verdichtete sich gewissermaßen zu bleierner Langeweile; sie wurde zu Fesseln, unter denen man sich nicht zu regen vermochte.

So wenigstens erschienen Gunther die Verhältnisse. Er hielt sich deshalb auch gesellschaftlich ziemlich zurück – schon um den immer wiederkehrenden Fragen, wann er sich zu verheiraten gedenke, zu entgehen. Und dann lernte er Hedda kennen. Er sträubte sich zunächst gegen das Gefühl seines Herzens, obwohl er sich beim ersten Begegnen zugestanden hatte: das wäre eine Frau, wie du sie dir wünschest. Aber die Liebe erwachte stärker und wurde größer in der Zeit, da er Hedda nicht sah. Er überlegte, ob er eine Werbung wagen dürfe. Und weshalb nicht? sagte er sich. Über kleinlichen Adelsstolz ist man in unsern Tagen hinaus; ich habe eine gute Karriere vor mir, bin wohlhabend und jedenfalls kein Monstrum von Häßlichkeit.... Doch da er Hedda abermals gegenübertrat, verlor er den Mut. Vielleicht lag es nur an ihrer äußeren Erscheinung, daß sie einen so unnahbar stolzen Eindruck machte ...

Während er weiter an ihrer Seite über die Eisfläche glitt und zerstreut mit ihr über hunderterlei plauderte, überlegte er nochmals und ernsthaft. Der nahende Vetter hatte ihn erschreckt. Es war das beste, ihm zuvorzukommen. Aber – nun kam die Verlegenheit. Was war richtiger: ein Fußfall, ein rasches Geständnis, so eine Art Überrumpelung – oder eine ruhige Aussprache der Väter. Das letztere war in Kaufmannskreisen üblich; da hatten gemeinhin die Väter das entscheidende Wort zu sprechen. Und auch hier, in seinem Falle, erschien es Gunther als das würdigste. Er konnte unmöglich in Schnee und Eis vor ihr niederknieen und ihr in der Kälte des Tages von der Glut seines Herzens sprechen. Das dünkte ihm lächerlich. Die Situation eignete sich nicht zu intimen Geständnissen – nein, ganz gewiß nicht. Ja, wenn es Sommer gewesen wäre und er allein mit ihr im Walde, bei Sonnenuntergang und Vogelsang – da hätte sich leichter der rechte Augenblick gefunden. Aber nicht jetzt; auch abseits von sentimentaler Romantik gibt es Momente, in denen die Poesie ihr unbedingtes Recht fordert ...

An all dies dachte Gunther mit der Peinlichkeit eines gewissenhaften Gelehrten. Er war sogar stolz darauf, daß er sein Herz zu zügeln und abzuwarten verstand. Er zwang sich, korrekt zu sein. Noch eins hielt ihn davon ab, sich auf der Stelle auszusprechen. Er begann plötzlich heftig zu niesen. Er mußte sich erkältet haben; er nieste ein dutzendmal hintereinander, und nach einem kleinen Weilchen begann er von neuem; ein Riesenschnupfen war da. Wäre es nicht schrecklich gewesen, wenn dieser dämonische Niesreiz ihn mitten in seinem Geständnis überfallen hätte? – Gunther legte sich diese Frage allen Ernstes vor; der Gedanke, komisch zu wirken, war entsetzlich für ihn.

„Prosit!“ sagte Hedda nach dem letzten Dutzend Nieser; „ich habe noch immer die bäuerliche Angewohnheit, Gesundheit zu wünschen, und Papa freut sich jedesmal darüber. Er niest oft und gern; er behauptet, das befreie ihm den Kopf. Prosit, Herr Doktor! Sie haben sich einen hübschen Schnupfen geholt.“

Gunther antwortete zunächst durch eine kleine Salve von Niesern. Dann atmete er tief auf.

„Es ist gräßlich,“ antwortete er. Und wirklich, es war ihm gräßlich, dieses plebejische und prosaische Niesen, wo es in seinem Herzen frühlingswarm war.

Hedda riet, nach Hause zu fahren. Doch noch war der Schlitten nicht wieder zurück. Der Himmel verdunkelte sich langsam. Die stählerne Bläue ging allgemach in ein sanftes Schwarz über. Nur im Westen war es noch hell. Da hatte die Sonne einen Purpurmantel über den Horizont gehängt, der mit goldenen Flocken verbrämt war. Er reichte bis an die weißgraue Wolkenschicht, deren unterer Teil völlig durchleuchtet war und den Flammenkragen dieses königlichen Mantels zu bilden schien.

Es war ein herrlicher Anblick. Gunther machte Hedda darauf aufmerksam, und beide blieben, noch immer Arm in Arm, auf dem Eise stehen und schauten in den Sonnenuntergang hinein. Ganz allgemach veränderte sich das Bild. Der Wolkenrand zerfloß, als löse die glühende Lohe ihn auf. Nun schoß das Goldlicht in langen Feuergarben in das Wolkengrau hinein und spaltete es. Es strömte in hundert verschiedenen Farbentönen über den ganzen westlichen Himmel und verlor sich nach dem Zenit zu in einem zarten, langsam erlöschenden Violett ...

Gunther wurde es weich um das Herz. Der Dualismus in seiner Seele drängte sich wieder vor: über den nüchternen Forscher gewann zuweilen der leicht schwärmende Poet die Überhand. Jetzt hätte er sprechen können.

„Wie schön,“ sagte er halblaut. „Ist es nicht wahr, daß die Natur zuweilen ganz neue, uns selbst unbekannte Harmonieen in uns erklingen läßt? Daß sie uns neues Empfinden lehrt und ein eigentümliches rhythmisches Denken?“

Hedda nickte. Sie wollte bejahend antworten, denn es dünkte sie richtig, was Gunther sagte: auch ihr schien es bisweilen in der Versunkenheit eines schönen Naturspiels, als formten sich ihre Gedanken unbewußt zu gebundenem Ausdruck, und als spüre sie etwas Ungeahntes in den Tiefen der Seele. Aber da wollte die Bosheit des Schicksals, daß der arme, verschnupfte Gunther abermals niesen mußte, und zwar gewaltig, den ganzen Menschen erschütternd, vier-, fünfmal und tränenden Auges. Und diese Explosion verlegte die Gedankenreihen Heddas; sie entgegnete an Stelle des Gewollten mit energischer Stimme:

„Lieber Doktor Schellheim, – ich denke augenblicklich gar nichts weiter, als daß Sie schleunigst nach Hause fahren und einen heißen Tee trinken müssen. Da kommt der Schlitten! Machen wir kehrt!“

Entgeistert und mit betrübtem Gesicht gehorchte Gunther. Heimlich verfluchte er seinen Schnupfen; er war ein Unglücksmensch.

Unter fröhlichem Läuten ging es durch den Wald zurück. Der schaute jetzt anders aus als bei der Herfahrt im Sonnenschein. Die tiefer fallende Dämmerung ließ den Schnee einförmig und grau erscheinen. In der Wiesentrift rechter Hand brodelten die Nebel auf und zogen wie zerrissene Schleier zwischen den Stämmen hindurch. Und obwohl am Himmel sich nur ein kleiner Schwarm heller Wölkchen gesammelt hatte, perlte doch ein zarter Schnee durch die Luft und näßte die Gesichter der beiden.

Gunther ließ erst auf den Baronshof fahren und setzte Hedda ab. Sie rief ihm ein freundliches: „Schön’ Dank und gute Besserung!“ zu und stieg die Treppe zur Veranda hinauf. Dann klingelte das Gespann weiter. Gunther nieste und ärgerte sich; er war aus der Stimmung gekommen.

Sechstes Kapitel

Der zweite Tag im neuen Jahre war ein Sonntag. Seit der Frühe hatte es stark geschneit. Auf dem Anger lag das weiße, flockige Naß fußtief. Trotz des Feiertags war die halbe Gemeinde am Platze, Schnee zu schippen, damit wenigstens der Weg zur Kirche frei war. Es ging lebhaft und heiter zu bei der Arbeit. Die Schnapsflasche des alten Maracke kreiste in der Runde, und dann mußte Anton Tengler nach dem Kruge springen, sie neu füllen zu lassen.

Mitten in der Arbeit hielt man plötzlich inne und blickte auf. Albert Möller schritt über den Dorfplatz, in hohen Wasserstiefeln und Pelz, und neben ihm ein Fremder, ein großer Herr mit einem Zwicker auf der Nase und in langem Kaisermantel. „Schlippermilch“ wollte wissen, daß das ein Baumeister aus Frankfurt sei, der Kompagnon Alberts. Man zerbrach sich den Kopf, was der Fremde wolle. Seine scharfen grauen Augen spähten unter den goldumränderten Gläsern rastlos umher. Von Zeit zu Zeit blieben die beiden stehen und sprachen halblaut miteinander, lebendig gestikulierend, hierhin und dahin weisend. Und dann schritten sie an den arbeitenden Büdnern vorüber; der Baumeister grüßte tief und höflich, Albert nickte nur.

Sicher handle es sich wieder um die Quelle, meinte der junge Raupach, und alle stimmten zu. Noch im Herbst war die Quelle „gefaßt“ worden, ohne sonderliche Feierlichkeit; Albert hatte dies mit einigen Leuten allein besorgt. Aber man sprach davon, daß zu der Einweihung im Mai auch der Regierungspräsident kommen wolle, für die meisten Bauern eine mystische Persönlichkeit, vor der sie großen Respekt hatten. Und dann hatte das Dorf den ganzen Winter hindurch eine Unzahl fremder Leute gesehen. Eines Tages waren drei Ärzte erschienen, die ihre Nase überall hinstecken mußten, und später wieder ein jüdisch aussehender Herr, der mit dem Kommerzienrat durch Oberlemmingen fuhr, und schließlich eine ganze Kommission, die unter Anführung von Albert im Buchenhain auf der Grauen Lehne allerhand Abmessungen vornahm, Pfähle einschlagen und Wegstreifen durch Pflöcke bezeichnen ließ.

An den Sonntagabenden, wenn das Schankzimmer im Kruge sich zu füllen begann, wurde fast nur von der Quelle gesprochen. Eine brennende Neugier erfüllte alle, zu wissen, was denn nun eigentlich werden würde. Aber die Möllers waren zurückhaltend; sie sprachen nur in Andeutungen, und höchstens sagte Fritz dann und wann, man solle nur abwarten, Oberlemmingen würde reich werden, oder, das mit der Quelle sei eine große Sache, und was der schmunzelnd hingeworfenen Bemerkungen mehr waren. Mit dem Reichwerden waren die Bauern sehr einverstanden; geldgierig waren sie alle. Doch wie ihnen die Quelle zu diesem Reichtum verhelfen sollte, darüber zerbrachen sie sich die Köpfe.

Eines Tages versammelten sie sich vergeblich vor dem Kruge; sie wurden nicht eingelassen. Fritz trat lachend vor die Tür und erklärte ihnen, die Wirtschaft sei für ein paar Tage geschlossen, er wolle das Haus renovieren lassen. Das erregte einen förmlichen Aufstand im Dorfe. Aus den „paar Tagen“ wurden ein paar Wochen. Die Bauern hatten keine Kneipe mehr. Da die Möllers sie aber nicht gänzlich als Kunden verlieren wollten, so wurde ein leerstehender alter Stall als Schankstube eingerichtet. Und wenn die Bauern fragten: „Sind die Handwerker denn immer noch im Hause?“ so nickte Fritz und erwiderte, es sei gar zu viel zu tun. Tatsächlich war aber bald nach Weihnachten schon wieder alles in Ordnung; Fritz wollte nur nicht, daß die Bauern ihm die neutapezierte, gedielte und gebohnerte Schankstube wieder verschmutzten – der Stall war für sie ebenso gut. Da konnten sie spucken, wohin sie wollten, und wenn einer einmal ein Glas Bier umwarf, so kam es auch nicht darauf an. –

Auf dem Auschlosse kam es an diesem Sonntag schon beim Morgenfrühstück zu einer erregten Szene.

Gunther erschien etwas blaß und übernächtig in der Halle, setzte sich mit kurzem Gruße zu den Eltern an den Tisch und schickte den Diener hinaus.

„Entschuldigt,“ sagte er, „aber ich möchte ein paar Worte allein mit euch sprechen!“

Der Kommerzienrat zog die nach dem Gebäck ausgestreckte Hand wieder zurück, und auch die Rätin schaute erstaunt auf.

„Ja,“ meinte Schellheim, „was gibt’s denn? Hoffentlich nichts Fatales!“

„Nein, Papa,“ erwiderte Gunther, „ich will nur euern Rat hören. Es handelt sich um eine Lebensfrage für mich, um meine Zukunft ...“

Das Mutterauge sieht immer scharf. Die Rätin reckte den schmächtigen Oberkörper, und mit forschendem und sorgendem Ausdruck ruhte ihr Blick auf dem Sprechenden.

„Eine Ehrensache?“ fragte Schellheim ängstlich.

„Ich glaube eher – eine Herzenssache,“ fügte seine Frau hinzu.

Gunther nickte. „Ja, Mutter, so ist’s. Ich – ich habe noch nie an das Heiraten gedacht, ihr wißt’s ja selbst, und gelacht, wenn mir der und jener mit Plänen und Anerbietungen kam. Ich hasse den Eheschacher. Ich möchte frei wählen können –“

„Mach’s kurz,“ fiel der Vater ein; „wer ist’s?“

„Fräulein von Hellstern, Papa.“

Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen am Tische, dann sprang der Rat erregt empor und warf seine Serviette auf den Stuhl.

„Daß du einmal irgend eine Verrücktheit begehen würdest, wußte ich ja,“ sagte er hart. „Praktischen Erwägungen bist du niemals zugänglich gewesen. Aber sich nun gerade –“

Er brach ab. „Bist du mit der Dame schon einig?“ fragte er, vor Gunther stehen bleibend.

„Nein, das nicht, Papa, aber ich habe die Hoffnung, daß Fräulein Hedda meine Werbung annehmen wird – sonst würde ich es nicht wagen. Indessen – ich wollte zunächst einmal mit euch sprechen.“

„Da hast du sehr recht getan. Und wenn du meinen Rat hören willst, Gunther, so schlag dir die Sache aus dem Kopf. Das ist nichts für dich – und erst recht nichts für uns. Das –“

Er wühlte mit den Händen in seinem Haar und lief erregt in der Halle auf und ab.

Nun nahm auch die Rätin das Wort.

„Ich habe nur wenig zu sagen,“ bemerkte sie mit ihrer weichen, zart klingenden Stimme. „Wenn Gunther das Mädchen liebt, soll er’s versuchen. Ich müßte lügen, wollte ich nicht offen gestehen, daß mir Fräulein von Hellstern sehr sympathisch ist.“

„Sympathisch!“ schrie der Rat. „Was das nun wieder heißen soll?! Bei einer solchen Frage ist doch wahrhaftig mehr zu überlegen! Ich bitte dich, liebe Frau, sieh ein, daß es sich in gewissem Sinne auch um uns handelt. Jawohl, um uns! Würde es dir lieb sein, wenn dich deine Frau Schwiegertochter über die Achsel ansieht? Wenn sie eine meilenweite Kluft zwischen Mutter und Sohn legt?“ Und Schellheim breitete beide Arme aus, als wolle er das Unermeßliche dieser Kluft andeuten.

Gunther widersprach ernsthaft. Davon könne gar keine Rede sein. Wenn Hedda Mitglied der Familie geworden wäre, so würden ihr gütiges Herz und ihr feiner Takt schon den rechten Ton des Verkehrs mit den Eltern finden.

„Ich bitte dich, Papa, laß solche Bemerkungen,“ schloß er und erhob sich gleichfalls. Eine schwere Falte zeigte sich auf seiner Stirn.

„Ah was,“ entgegnete der Rat unwirsch, „du wirst mir schon erlauben müssen, das auszusprechen, was ich denke! Sei vernünftig, Gunther! Ich glaube gleich dir, daß die Hellsterns deine Werbung nicht zurückweisen würden. Sie sind arm, und der Baronesse fehlt jede Gelegenheit zu einer passenden Partie. Ich habe ja auch wirklich nichts gegen die Leute! Es ist nichts weiter gegen sie zu sagen, als daß sie adelsstolz und unbemittelt sind. Beides sind keine Vorwürfe. Ihr Name ist gut, glänzend, geachtet; sie haben ein Recht, darauf stolz zu sein. Für ihre Armut aber können sie nichts. Und dennoch muß dies beides bei der geplanten Verbindung mit in Betracht gezogen werden. Bitte – ich rede noch – ich will aussprechen! In Betracht gezogen werden, sagte ich. Zunächst die Geldfrage. Du wirst einmal reich – dem Anschein nach ist diese Frage also minderwertiger Natur. Aber doch nur dem Anschein nach. Denke an die Zukunft! Ihr könnt eine ganze Herde Kinder kriegen, und wie zersplittert sich da das Vermögen! Fräulein Hedda bringt ja nichts mit! Den Baronshof – na, was ist denn der wert?!“

„Papa, ich bitte dich –“ und Gunther hielt es für gut, den Zukunftsperspektiven des Rats gegenüber ein heiteres Gesicht zu machen. Aber Schellheim war noch nicht zu Ende; er winkte abwehrend mit der Hand.

„Weiter,“ sagte er, „die zweite Frage. Zugestanden, daß Fräulein Hedda das Herz auf dem rechten Fleck hat. Da ist aber noch der Alte. Vor dem graul’ ich mich geradezu. Er wird auch nicht nein sagen, wenn ich für dich anhalte – i, wo wird er denn –, aber ich fürchte, wir werden nicht gut zueinander passen. Ich habe das jetzt schon gemerkt. Er hat etwas gegen uns Kaufleute – weniger gegen das Bürgertum im allgemeinen, wie gerade gegen uns Kaufleute. Ah bah – ich sage dir, Gunther, es ist so! Der alte Groll der Landwirtschaft gegen die Industrie! Er kann auch nicht verwinden, daß ich ihm seine Klitsche abgekauft habe. Und – und – kurzum, ich will dich nicht beeinflussen, aber ich rate dir: sei vernünftig und überlege!“

Die Rätin hatte sich nicht wieder in die Unterhaltung gemischt. Sie saß schweigend am Teetisch und rührte mit dem Löffel in ihrer Tasse. Aber plötzlich legte sie den Löffel hin und wandte sich auf dem Stuhle um.

„Da ich die Mutter bin, so ist mir vielleicht auch noch ein Wort gestattet,“ sagte sie. „Ich kann deine Gegengründe nicht anerkennen, Alfred; ich will dich nicht beleidigen, ich muß dir aber sagen, daß ich sie lächerlich finde. Wenn es sich um das Glück eines unsrer Kinder handelt, kommen wir immer erst in zweiter Reihe. Nimm wirklich an, Fräulein Hedda und ihr Vater seien hochmütig und adelsstolz: wenn ich weiß, daß Gunther glücklich ist, lass’ ich mich schon über die Achsel anschauen, und ich werde die Hand auf das Herz pressen, wenn es dabei gar zu sehr zuckt. Im übrigen stimme ich aber der Ansicht Gunthers zu: das Fräulein hat viel zu viel Takt, um zwischen uns und den Ihren gesellschaftliche Unterschiede zur Betonung zu bringen. Und schließlich das Geld. Gunthers Kinder werden auch einmal erwerben lernen! Willst du bis in das dritte und vierte Glied hinein sorgen?“

Als sie ausgesprochen hatte, erschrak sie fast über ihre Kühnheit. Sie war an das Sich-beugen und -ducken gewohnt. Ein flammendes Rot huschte über ihre Wangen; sie wandte sich wieder dem Tische zu und griff abermals nach dem Teelöffel.

Gunther war hinter sie getreten und drückte einen Kuß auf ihren Scheitel. „Ich danke dir, Mutter,“ sagte er; „du hast recht.“

Der Rat zuckte mit den Schultern.

„Es fällt mir nicht ein, den Tyrannen spielen zu wollen,“ bemerkte er, mit Absicht ein wenig leichthin. „Auch mir steht das Glück meiner Kinder über der eignen Person – jawohl, teure Gattin, und ich bitte, daß du davon Notiz nimmst! ... Bleibst du nach reiflicher Überlegung bei deinem Vorhaben, Gunther, so teile es mir am Nachmittag mit. Langes Fackeln liebe ich nicht. Hellsterns sind heute abend hier – da wird sich Gelegenheit finden, mit dem Alten ein Wörtlein unter vier Augen zu sprechen.“

Er ging, aber man merkte an dem heftigen Zuschlagen der Tür, daß sein leichter Ton Komödie war.

Die Rätin war still sitzen geblieben. Sie rührte noch immer mit dem Löffel in ihrem erkalteten Tee herum, als wolle sie durch diese Bewegung das leise Zittern ihrer Hände verdecken. Doch Gunther sah, wie es um ihre Mundwinkel zuckte, und sah auch die schwere Träne, die über ihre Wange rann.

„Mutterchen,“ fragte er leise, „warum weinst du denn?“

Sie blickte zu ihm auf, und es lag ein so schmerzlich weher Ausdruck in ihrem Auge, daß Gunther ein eisiges Schauern in seinem Rücken zu spüren meinte. Es war ihm, als habe er zum erstenmal in die Seele dieser armen Frau geschaut, die das Herzensglück, das sie für ihre Kinder erwünschte, nie selbst kennen gelernt hatte.

Er ließ sich vor ihr nieder, küßte ihre Hände und gab ihr alte, liebe, fast vergessene Schmeichelnamen aus seiner Kinderzeit. Fest drückte sie ihren Liebling an sich, aber die Tapferkeit, die sie auf dem langen, öden und traurigen, staubgrauen Wege ihrer Ehe aufrecht erhalten hatte, brach: sie konnte den Tränen nicht mehr wehren, die unaufhaltsam flossen.