Die zweite war der ehrwürdige Pastor Billygoat, der es in seinem heiligen Eifer für Pflicht und Schuldigkeit hielt, den »armen blinden Heiden« zu bekehren. Im Anfang, und besonders weil es seiner Mutter große Freude machte, lauschte John mit ziemlicher Aufmerksamkeit dessen Worten, und wenn er auch später nur durch Rosy's Bitten dahin gebracht werden konnte, still sitzen zu bleiben, sobald der Prediger – oder der »Medicin-Mann«[12], wie er ihn unerschütterlich nannte – seine Hand einmal auf ihn gelegt und seine Worte an ihn gerichtet hatte, so blieb er doch darin ganz der so schönen indianischen Sitte treu, daß er den Mann nie unterbrach, sondern ihn ruhig ausreden ließ und mit wenigstens äußerer Aufmerksamkeit ihm zuhörte. Pastor Billygoat täuschte sich aber gewaltig, wenn er das auch nur einen Augenblick für wirkliche Andacht hielt – John haßte den alten Mann wie die Sünde – und vielleicht noch mehr – und durch ihn auch die Religion, die er ihm predigen wollte. Trotzdem blieben beide im Anfang noch auf ziemlich friedlichem Fuß mit einander, und der Prediger schien zufrieden, wenn sein neu zu Bekehrender nur ruhig und ohne Widersetzlichkeit die gehörige Zeit aushielt.
[12]: Medicin-Männer heißen bei den indianischen Stämmen die Aerzte, Zauberer und Priester.
Die dritte Person aber war wunderbarer Weise gerade der Mann, der doch als die Hauptursache und das Werkzeug seines jetzigen Hierseins angesehen werden mußte – und zwar Niemand anders, als Tom Fairfield selber. Im Anfang schienen die beiden jungen Leute unzertrennlich. Tom gab sich jede nur erdenkliche Mühe, den verwilderten Weißen in alle Geheimnisse des civilisirten Lebens wieder einzuweihen, und John, wenn auch mit augenscheinlichem Widerwillen, fügte sich doch gern jeder Neuerung, die der Hinterwäldler, den er überdieß als vortrefflichen Jäger kennen lernte und deßhalb achtete, mit ihm vornahm. Je länger er aber in der Mutter Hause lebte, wo Tom Fairfield ein täglicher Gast war, desto mehr und mehr zog er sich von ihm zurück, antwortete einsilbig auf seine Anreden, mied seine Gesellschaft und wurde sogar, was sonst selbst nicht gegen den Prediger geschah, unfreundlich, wenn er ihm nicht mehr ausweichen konnte.
Das nahm, je weiter es in den Herbst hinein kam, mehr und mehr überhand, da sich besonders in letzter Zeit Mrß. Rowland's Zustand auch immer mehr verschlimmert hatte. Die Krankheit der alten Frau schien in den ersten Wochen von ihres Sohnes Rückkunft durch die Freude und Aufregung des Wiedersehens fast ganz gehoben; nach dieser unnatürlichen Erregung trat aber auch eine Erschlaffung ein, die bald das Schlimmste besorgen ließ, und Rosy, das arme liebe Kind, fast ausschließlich an die Seite der jetzt fortwährend bettlägerigen Kranken bannte. John verließ das Haus ebenfalls nur sehr selten und nie anders, als wenn er in den Wald ging, einen Hirsch oder Truthahn zu schießen; hatte er aber Fleischvorrath daheim, so schaute er oft stundenlang in stummem Brüten zu, wie Rosy die Mutter pflegte oder, wenn diese einmal eingeschlafen war, ihre sonstige Arbeit, das große surrende Baumwollen-Spinnrad sachte bei Seite schob und sich mit ihrer Näherei, die Augen der Kranken zugekehrt, zu Füßen des Bettes setzte.
Der November war indessen angebrochen, und wenn auch der wundervolle Herbst – in dieser seiner schönsten Zeit, dem sogenannten indianischen Sommer – noch freundliche und selbst warme Tage brachte, so braus'te doch auch schon manchmal ein recht ordentlicher Nord-West durch die Wipfel der sich in die buntesten Herbsttinten schmückenden Blätter. Und wie das Laub erstarb, wich auch die Kraft, das Leben aus dem Herzen der armen alten Frau. Lange Jahre hatte sie standhaft und still den Schmerz ertragen, dem Leiden die Stirn geboten – jetzt, mit der einkehrenden Freude, erlag das arme Herz Gefühlen, die zu mächtig für es waren und zu erschütternd. Wie der Saft aus dem Laub und dem Stamm der Bäume und Pflanzen schwand, so ebbte auch der Lebensstrom in ihren Adern, und von Tag zu Tag fühlte sie mehr das Herannahen ihrer Auflösung.
Und doch hätte sie gerade jetzt noch so gern gelebt, denn ihrem Scharfblick entging es keineswegs, wie der durch so treues Ausharren so theuer erkaufte Sohn sich nicht mehr wohl und glücklich in seiner neuen Umgebung fühle. An der Mutter hing er, ja – und mit all der Gewalt kindlicher Liebe, die stark genug gewesen war, ihn seinem wilden Leben zu entziehen, bannte es ihn an ihr Lager, und ließ ihm nicht Ruhe noch Frieden draußen im Wald, seiner sonstigen Heimath. Wie aber sollte das werden, wenn sie einst hinüber gegangen und damit auch das Band zerrissen war, das ihn jetzt noch an das civilisirte Leben hielt? Nur Eine Möglichkeit gab es, ihn auch später zu fesseln, und die sah die arme alte Frau einzig und allein in der Vereinigung ihrer Pflegetochter mit dem jungen Tom Fairfield, der sich in der letzten Woche in Boonville förmlich niedergelassen und jetzt ordentlich und ehrlich um Rosy's Hand angehalten hatte. Bei diesen Beiden konnte John bleiben – in ihnen fand er stets treue und liebende Geschwister, und ihnen gelang es auch gewiß, den Sohn von der Rückkehr zu jenem entsetzlichen Leben unter den heidnischen Wilden abzuhalten. Ja, selbst Rosy's wegen war es gut, vielleicht nöthig, daß sie versorgt ward und eine männliche Stütze hatte, ehe sie die Mutter verlor, und das alles ließ Mrß. Rowland wünschen, ihre Vereinigung so bald als möglich bewirkt zu sehen.
Eigenthümlich war der Eindruck, den diese Nachricht, die er aus der Mutter Mund erfuhr, auf John machte – keine Sylbe erwiederte er, nicht den Blick hob er von der Spitze seines groben Schuhes, den er gegen die leichten Moccasins hatte vertauschen müssen, und zwei Mal fragte ihn die Mutter, ob er sie gehört und ob er sich nicht freue, daß seine Pflegeschwester einen so wackeren Schützer bekäme, der sie gegen die Stürme des Schicksals schirmen und wahren könne.
»Und will Rosy weißen Jäger?« sagte er leise, und als ob er die Antwort schon eigentlich vorher wisse.
»Sie lieben sich schon seit langen Jahren, und Rosy glaubt glücklich mit ihm zu werden.«
»Gut – John freut sich,« sagte der junge Mann, stand auf und verließ das Zimmer – kehrte auch den ganzen Tag nicht mehr zurück, sondern blieb bis spät in die Nacht draußen im Wald, wo er nachher, sein Pony schwer mit Wild beladen, zurückkehrte und, ohne Jemanden an dem Abend weiter zu sprechen, von außen am Haus hinauf in sein Lager kletterte.
Von dem Tage an war John wie ausgewechselt – sonst still und friedlich, wurde er mürrisch und zanksüchtig, verkehrte, außer mit seiner Mutter und Rosy, mit Niemand mehr und ließ jetzt sogar nicht selten seinem wilden Muthwillen bei allen denen freien Lauf, die sich in seinen Weg stellten oder sonst durch irgend etwas seinen Haß auf sich gelenkt hatten. Gegen die würdige Mrß. Smith zeigten sich diese Launen gewöhnlich nur neckischer Art; hatte sie ihn einmal zu irgend einer Zeit wieder angeredet oder um etwas gefragt, so konnte sie sich fest darauf verlassen, es wurde ihr Abends, wenn sie ihr Essen kochte, irgend ein Stein oder Stück Holz durch den Kamin in den Topf geworfen, oder durch einen nie zu Ermittelnden, wenn sie nach Dunkelwerden auf ihrem gewöhnlichen Platz in der Stube saß, ein Gewehr dicht neben ihr abgefeuert, daß sie erschrak und gewöhnlich mit einem lauten Aufschrei in die Höhe fuhr – oder die Hühner flatterten Nachts gestört umher, und nicht selten fehlten sogar einzelne von Stellen, wo sie weder Eule, noch Opossum geholt haben konnte.
Schlimmer aber ging es dem armen Vater Billygoat, bei dem es jetzt, seiner Meinung nach, Ehrensache wurde, den hartnäckigen Heiden zu bekehren. War es ihm einmal gelungen, den »störrischen Wilden« so zu fassen, daß er ihm nicht mehr entrinnen konnte, und hatte er ihm dann eine recht eindringliche Ermahnungs- und Strafpredigt gehalten, dann fing John auf einmal an, grimmige und entsetzliche Gesichter zu schneiden, fletschte mit den Zähnen, rutschte und glitt dem mehr und mehr geängstigten Prediger immer näher und schrie ihm vielleicht zuletzt noch den gellenden Schlachtschrei der Konzas so nahe und scharf in die Ohren, daß der fromme Mann entsetzt aus dem Zimmer floh und noch weit hinter sich drein das Hohnlachen des Heiden hören mußte. Nach jeder solcher Zusammenkunft konnte er sich aber auch fest darauf verlassen, daß ihm in derselben Nacht irgend ein Schwein abhanden kam, oder seine Fence an irgend einer Seite eingerissen und die Heerde in die Felder getrieben wurde, oder auch, wie das sogar einmal geschah, eine heimliche Kugel seine beste Kuh traf und tödtete.
Stellten die Leidenden den wahrscheinlichen Thäter zu Rede, so machten sie die Sache dadurch nur noch schlimmer, und das ganze Städtchen begann schon den »bekehrten Wilden«, wie er im Anfang hieß, als eine Plage zu betrachten, die man sich herzlich freuen würde, so bald als möglich wieder los zu werden.
Merkwürdig war es dabei, daß John an Tom Fairfield, so feindlich gesinnt er ihm sonst auch immer sein mochte, nie einen ähnlichen Muthwillen versuchte; ja, im Gegentheil rettete er ihm sogar eines Tages, als er ihn zufällig auf der Jagd traf, oder auch vielleicht durch seinen Schuß herbeigelockt war, auf die aufopferndste Art das Leben.
Tom hatte nämlich nicht weit von Boonville einen alten Bären beim Lappen[13] getroffen, aber, durch eine rasche Bewegung desselben verleitet, einen übereilten Schuß gethan, was ihm das angeschossene und gereizte Thier mit Blitzesschnelle auf den Hals brachte. Sein Hund war zu schwach, ihm wirksamen Beistand zu leisten; sein Messer brach beim ersten, einen Knochen treffenden Stoß, und wer weiß, ob er nicht von der Bestie, wenn auch nicht getödtet, doch gar arg verwundet worden wäre, hätte sich nicht John in dem Augenblicke, da er aus Furcht, den Mann zu treffen, nicht wagen durfte, zu schießen, mit keckem Muth auf den zottigen Feind geworfen und diesem sein Messer so sicher ins Herz gestoßen, daß er sich wohl noch gegen seinen neuen Gegner wenden konnte, gleich darauf aber, auch vom früheren Blutverlust schon erschöpft, todt zusammenbrach.
[13]: Lappen der Bären heißt, wenn sie im Herbst nach den reifen Früchten und Beeren naschen gehen.
Tom wollte dem jungen Manne danken und streckte ihm mit herzlichen Worten die Rechte entgegen – der aber wandte sich knurrend ab und verschwand, sich nicht weiter mehr um Jäger und Beute kümmernd, rasch im nahen Dickicht. Zu Hause sprach er auch kein Wort davon, nur als Tom heimkam und den Hergang erzählte, und die Mutter ihm mit glänzenden Augen die Wangen streichelte, und Rosy unter Thränen seine Hand nahm und ihn ihren lieben, lieben Bruder nannte, da wurde er weich, wie er seit lange nicht gewesen, und an dem Tage wäre vielleicht selbst Vater Billygoat ungestraft bei einem neuen Angriff weggekommen, hätte sich dieser würdige Mann nicht schon seit längerer Zeit fest vorgenommen gehabt, den heidnischen Wilden, der eigenen Schweine wegen, seinem Schicksale zu überlassen.
So standen die Sachen, als sich die Kranke eines Tages recht schwach und unwohl fühlte – ihre Kinder wichen nicht mehr von ihrer Seite, und John besonders saß neben dem Lager und hielt der Mutter Hand fest, fest in der seinen. Aber der Sand war abgelaufen, welcher der Leidenden auf dieser Erde zugemessen – die Kräfte wichen, die bis dahin das mürbe Gebäu ihres Körpers zusammen gehalten.
»Rosy,« flüsterte sie, als die Abendsonne ihrem Lager gegenüber stand und der rothe schimmernde Glanz den todtenbleichen Zügen noch einmal ein, ach! trügerisches Leben zu verleihen schien – »Rosy – Tom – mir wird so wunderleicht und wohl – die Glieder fühle ich gar nicht mehr, die mich sonst so bleiern an mein Lager bannten – ich glaube, der Tod naht – ach! dann ist es schön, zu sterben – aber – Euch lasse ich noch unvereinigt hier zurück, und mein Kind – meinen John, in Eurem Schutze – versprecht mir – versprecht mir, ihn stets – als Euren Bruder zu lieben.«
»Mutter!« schluchzte Rosy und barg das Antlitz an der Schulter der Sterbenden.
»Er soll mir wie mein liebster Bruder sein,« sagte Tom mit tiefer Rührung – »ja, nicht theurer konnten ihn diese Worte meinem Herzen machen, als er es jetzt schon ist – John soll nie einen anderen Freund brauchen, so lange noch ein Tropfen Lebenssaft in diesen Adern quillt.«
»Und, John,« sagte mit leiser Stimme die Mutter, »wird Dir das Grab der Mutter so theuer sein, als es die Lebende war?«
John hatte augenscheinlich einen harten Kampf mit sich gekämpft – er schämte sich, in der Gegenwart eines anderen Mannes zu weinen oder irgend eine Schwäche zu zeigen, und saß starr und regungslos, die Blicke unverwandt in eine Zimmerecke gerichtet; jetzt aber, bei der directen Anrede an ihn, wo ihm, der so oft den Tod gesehen, sein Auge sagte, daß das theure Leben nur noch wenige Minuten in der alten lieben Hülle weilen werde – jetzt konnte er sich nicht länger halten – am Bett fiel er nieder auf die Kniee, den Kopf barg er in der überhangenden Decke, und sein ganzer Körper zitterte von der Allgewalt des Schmerzes, der in ihm tobte.
»Guter John,« flüsterte die Mutter, und ihre Hand ruhte segnend auf dem Haupte des Sohnes – »guter – lieber John!«
»Mutter!« rief Tom Fairfield plötzlich, denn ein eigenes Zucken im Gesichte der Kranken – ein eigenes Erstarren der Züge erschreckte ihn. John fuhr schnell empor und heftete seinen Blick nur secundenlang auf das liebe Antlitz.
»Meine Mutter!« schluchzte er, und die hellen Thränen netzten seine sonngebräunten Wangen: »meine liebe Mutter! und Du gehst?«
Die Sterbende antwortete nicht mehr – der letzte Druck der Hände galt noch dem Kinde – der Tochter – ihr brechendes Auge hing an dem sinkenden Tagesgestirn, und mit dessen Verschwinden hinter dem goldglänzenden Laubnetz des Waldes schlossen sich auch die treuen Augen auf immer.
Am anderen Tage, nach der Mutter Tod, grub John, an derselben Stelle, wo früher seines Vaters Hütte gestanden, das Grab für die Verblichene – sie hatte es gewünscht, dort zu ruhen, und fast alle Einwohner des kleinen Ortes begleiteten die Leiche zu ihrer letzten stillen Ruhestätte unter den rauschenden schwanken Bäumen des Waldes. John blieb dort draußen drei volle Tage und Nächte, und als er endlich zurückkehrte, war er ernst und traurig und schien sein früheres wildes Wesen ganz verloren zu haben. Sanft wie ein Kind zeigte er sich gegen Jedermann, selbst mit dem Prediger war er freundlich, so freundlich, daß er den armen Mann im Anfange mehr damit erschreckte, als früher mit seiner Wildheit, weil der schon nicht anders glaubte, als daß dies nur eine andere Maske sei, unter der er neue Streiche auszuführen gedenke. Aber darin hatte er sich geirrt – John blieb sich immer gleich und vermied jetzt nur von Allen gerade die, deren Nähe ihm früher so unendlich wohl gethan.
Obgleich er nämlich seine alte Schlafstelle, den oberen Theil von seiner Mutter Haus, noch beibehielt, bekam ihn das junge Mädchen fast gar nicht mehr zu sehen; nur Morgens vor Tag stand er auf, schaffte Holz herbei, zündete das Feuer an und verzehrte im Hause sein Frühstück; dann aber mied er Rosy's Nähe den ganzen Tag, und nur Abends hörte sie, wie er von außen in seine Kammer wieder hinauf stieg und sein Lager suchte. Wildpret genug schaffte er dabei zum Hause, und weiche Felle gerbte er ihr nach indianischer Art, und nähte Moccasins und färbte Decken für sie; aber nicht daheim that er das, sondern im Walde draußen, wie auch das Wetter war, und nur froh konnte sie ihn machen, wenn sie annahm, was er ihr, meist Morgens, brachte.
So rückte endlich der, von Tom Fairfield so lang' und heiß ersehnte Tag der Verbindung zwischen ihm und seiner holden Braut heran, und Tom hatte alle Bekannten und Freunde eingeladen, ihn feiern zu helfen. In festlicher Procession zogen die Glücklichen nach des Friedensrichters, Mr. Cowley's Haus, und heute schloß sich selbst John nicht aus von der fröhlichen Schaar.
An Tom's Seite, gegen den er in letzter Zeit wieder so freundlich gewesen war, wie in den ersten Wochen ihres Beisammenseins, betrat er das kleine wohnliche Gemach des Richters und war Zeuge der heiligen feierlichen Handlung; als aber die Braut das schüchterne und doch so herzfreudige Ja gesprochen – als der Gatte sie leise, leise an sich zog und sie das in holder Schaam übergossene Antlitz an seiner männlichen Brust barg – da glitt er unbemerkt und geräuschlos aus dem Zimmer – aus dem Hause und über die Straße hinüber in sein eigenes kleines Gemach.
Nacht war's, und aus Tom Fairfield's neuer Wohnung brachen lichte Strahlen, und muntere Violintöne schallten die stille Straße herab; in Hornpipes und Quadrillen, in Reels und Jigs und der anderen amerikanischen oder von England herüber gebrachten Tänzen schwangen sich die fröhlichen Paare; munter ging der Becher im Kreise, und herzlich übertönte das Lachen oft die schallenden Geigenklänge.
Draußen aber vorbei, durch den Herbststurm, der jetzt schon recht ingrimmig die laublosen Zweige schüttelte, schritt, die Büchse in der Hand, den Tomahawk im Gürtel und die Decke auf dem Rücken, ein Jäger, und wollte schon rasch vorüber ziehen an dem festlichen Hause, als der silberreine Ton einer lachenden Frauenstimme sein Ohr traf. Er blieb stehen, zögerte einen Augenblick und näherte sich dann dem Hause; an der Fenz schwang er sich hinauf und schaute viele Minuten lang still und ernst durch das kleine offene ausgeschnittene Fenster in den inneren hell erleuchteten Raum, auf die fröhlichen glücklichen Menschen hin, die in dem engen Gemach sich lachend und tanzend hin und herbewegten. Glück und Freude lag auf allen Gesichtern auf die sein düsterer Blick fiel, aber von allen ab schweifte er unbefriedigt, das eine von allen denen zu erkennen das –
Ha – da trat Rosy in den Kreis – die frohe junge Frau an des Gatten Hand, und das Licht der Lampen fiel hell und voll auf die lieben Züge des jungen Weibes.
Johns Blick haftete lang und ernst auf der holden Gestalt, aber kein Laut entfloh seinen Lippen, keine Bewegung, ein einzelnes fast krampfhaftes Zucken seiner Lippen vielleicht ausgenommen, verrieth die Bewegung die in ihm kämpfte.
Endlich nickte er, wie Abschied nehmend, aber auch fast seiner unbewußt, dort hinüber, wo er jetzt Alles zurückließ, was ihm noch lieb auf dieser Welt war, und ihn wohl hätte an ein ruhiges friedliches Leben fesseln können – dann stieg er langsam wieder nieder und warf die Büchse auf die Schulter.
Als er den Boden wieder betrat, hatte er ganz die alte Ruhe wieder gewonnen – die wollene Decke, die über seine Schultern hing, zog er fest um sich her, und den Pfad verfolgend, der an seiner Mutter Grab vorüber gen Westen führte, verschwamm seine dunkle Gestalt bald in den düsteren Schatten, mit den der Urwald die enge Lichtung fest und dicht umlagerte.
Man hat nie wieder von ihm gehört; aber zu den Konzas war er nicht zurückgekehrt, denn wenige Wochen später kam von dorther der canadische Franzose, der Tom Fairfield früher auf seine Spur gebracht, und wußte nichts von ihm. Ja, Tom besuchte im Frühjahr selbst noch einmal den Stamm – doch konnte ihm Niemand Kunde geben vom »weißen Hirsch« – er war und blieb spurlos verschwunden.
Aus dem Briefsacke des Paquetschiffes »Seeschlange.«
Erster Theil.
Erster Brief.
New York, den 12. März 1848.
Lieber Theodor!
Motto: Freiheit oder Tod.
Ich bin in Amerika – o wenn Du begreifen, wenn Du ahnen könntest, mit welcher wonneathmenden Seligkeit mich der Gedanke durchfluthet, wenn Dir aus dem inneren jauchzenden Jubelmeere meines Herzens nur ein Ton, nur ein Accord jener himmelrauschenden Symphonieen an die Seele donnern könnte, die mich dieser Erde fast entheben, die mich in sinnverwirrendem Freudenrausche nicht ein Mensch mehr, nein ein Engel, ein Gott sein lassen! – dann brauchte ich nicht die kalte Feder zu dem nutzlosen Versuche zu ergreifen, das schildern zu wollen, was sich nicht schildern läßt; das mittheilen zu wollen, was eben nicht mitgetheilt werden kann, was nur empfunden, gefühlt sein will –
Ich athme amerikanische Luft! Begreifst Du das, kalter, theilnahmloser Aktenmensch – Bücherwurm – Leichenbeschauer Du, der von Haus zu Haus kriecht, scheußliche Verwesung und Moder zu besichtigen und rings um sich her Gottes freie, herrliche Natur unbeachtet, unbewundert läßt? – Hier komme her – hier in die Freiheit athmende Welt, hierher in das schöne, wundervolle Land, und wenn Dir dann das Herz nicht aufgeht, wenn sich dann nicht Dein Geist wie die Lerche in duftiger Frühlingsluft wirbelnd und siegestrunken zu Gottes reinen Aetherräumen emporhebt, dann fließt Dir Dinte statt rothen warmen Blutes in den Adern und Dein Herz ist nur eine Urne mit Aktenstaub und Trübsal angefüllt.
Doch nein, so schlimm steht es noch nicht mit Dir und mit kurzen Worten will ich Dir deßhalb das Land meiner Ideale schildern; mit kurzen Worten sag' ich, denn wollte ich mich auch nur auf eine einfache Beschreibung einlassen, so reichten Bände nicht aus und dazu gestattet mir jetzt weder Herz noch Geist die Zeit.
Jeder Schritt hier, so lang ich das Ufer betreten, zeigt deutlich, wie wir glücklichen Auswanderer dem Schlendrian und Despotismus des alten Vaterlandes endlich enthoben sind – rege Geschäftigkeit füllt die Straßen – der edle Stolz – »ich bin ein freier Mann« – spricht schon aus dem Blick des Knaben, wie aus dem des erwachsenen Jünglings; keine Zeichen von Krone und Tyrannei beleidigen das Auge, indem sie uns an unsere Schmach der Knechtschaft erinnern – kein Bettler kriecht in seinem nackten Elend auf offener Straße umher und fleht um ein Almosen, damit er in seinen Ketten nicht auch noch verhungere – keine »königliche Constitution« lügt uns von Freiheit vor, während sie uns nur noch, indem sie uns einschläfert, weiter und weiter vom wahren Ziel der Freiheit entfernt. »Das Volk ist nicht reif,« schreien in Deutschland die Fanatiker der Ruhe – »es gehören auch Republikaner zu einer Republik und die haben wir noch nicht, die müssen wir erst heranbilden.« – Ausflüchte sind's – feige Angst vor der Krisis, die der Umgestaltung vorausgehen muß. Werden etwa die Deutschen, die nach Amerika auswandern, plötzlich auf dem Schiffe zu Republikanern, daß sie auf einmal reif und ausgebildet hier das Land betreten? oder sind das etwa keine Republikaner, diese Millionen von Deutschen und Iren, die – der Whigparthei so fürchterlich – der demokratischen Sache im freudigen Sturmlauf den Sieg gewinnen? Zum Teufel mit den seelenlosen Drahtpuppen, die von fürstlichen Händen gezogen, marionettenartig und nach »allerhöchstem Verlangen« bald den Arm und bald den Fuß heben oder mit dem Kopfe nicken und schütteln.
Noch war ich keine drei Tage hier an's Land gestiegen, als schon ein Amerikaner (ein mir wildfremder Mensch, dem es egal sein konnte, ob ich existirte oder nicht), zu mir kam und mich in sein Haus aufnahm. Uneigennützig – denn daß ich wirklich Vermögen hatte, konnte er nicht wissen – bot er mir in allen Stücken seine Hülfe an und übergab mir, dem Fremden, die Verwaltung einer ganzen Plantage – sieh, das ist ein Republikaner, das ist kein Mann aus einem Polizeistaat, wo jeder Staatsbürger schon pflichtschuldigst für einen Spitzbuben und Schuft gehalten wird – weise Du ein solches Beispiel in Deutschland auf?
Hier herrscht auch wahre Religionsfreiheit, um die in Deutschland, trotz dessen gerühmten Aufklärung, noch immer gestritten wird – die Schule ist von der Kirche frei – kein Pfaffe darf in die Erziehung der Kinder hineingreifen, und das junge Geschlecht blüht und keimt heran, eine Freude der Eltern, ein Stolz ihres herrlichen Vaterlandes.
Doch soll ich jetzt auch nur Stunden verlieren, indem ich hier sitze und dem Zauberlande den Rücken kehre, während ich es beschreibe? – nein – selbst Deinetwegen nicht, Theodor, der Du mir sonst das liebste Herz auf Gottes Erdboden bist. Aber komm hier herüber, Du Guter, komm hierher und schüttle den Staub von Deinen Schuhen, wenn Du dem morschen Regierungswerk des »alten Landes,« wie Europa hier mit Recht genannt wird, den Rücken kehrst – komm bald und freudig und mit herzlichem Gruß wird Dir dann die Arme entgegenbreiten Dein treuer Bruder
Carl von Horneck,
früher – Gott sei gedankt, daß ich sagen kann
früher – Assessor von Gottes Gnaden.
Zweiter Brief.
Aus dem Staat New York, am 10. März 1848.
Lieber Vetter!
Glücklich sind wir vor etwa drei Wochen hier in Amerika angekommen, und ich befinde mich jetzt in dem Welttheil, der mich so lange Jahre hat nicht ruhig schlafen lassen. Manchmal ist es mir auch sonderbarer Weise noch immer wie ein Traum und es geschieht gar nicht selten, daß ich mich selber ganz erstaunt frage: »bist Du denn wirklich jetzt in Amerika?« Die Antwort fällt aber immer bejahend aus.
Ich erinnere mich noch recht gut der Zeit wo ich die Aushängeschilder der »Agenturen für Amerika« und das gewöhnlich darauf gemalte Schiff mit einer wahren Ehrfurcht betrachtete, daß ich dann immer so eine Art von – ich weiß selber nicht wie ich es nennen soll – von tragischem Schauer mir über die Haut rieseln fühlte; – jetzt ist das vorbei – die Seefahrt hat mich vollkommen von der Bewunderung für die Schiffe selber geheilt – denn das Zwischendeck ist ein grausenvoller Aufenthalt und das stete Neue meiner Umgebung trägt viel dazu bei, mich zu zerstreuen und gegen starke Eindrücke abzustumpfen. Ich muß aber auch gestehen, daß ich Amerika keineswegs so gefunden, wie ich es erwartete, und ich bin in mancher Hinsicht sehr enttäuscht worden – gebe Gott, daß ich mich geirrt habe. Jene lockenden Beschreibungen, die ich vor meiner Abreise gelesen, sind vielleicht, wie ich gestehen will, mit die Hauptursache, daß meine Erwartungen zu hoch angespannt wurden, dennoch muß ich Dir aufrichtig sagen, daß ich mir Manches, auch bei den geringsten Ansprüchen, besser wünsche. Die idyllischen Farmerwohnungen schrumpfen z. B. größtentheils in erbärmliche Blockhütten zusammen, durch die an allen vier Wänden der Wind hindurch zieht, das Vieh läuft zwar wild im Wald umher, aber jeder Schuft, der es nur schlau genug anzufangen weiß, kann auch Kühe und Pferde nach Belieben stehlen, und was die Schweinezucht anbetrifft, so hat die ihre ganz besonderen Schwierigkeiten, denn wenn die Sauen im Walde werfen, und man läuft nicht ewig dahinter her und lockt die kleine Brut, wie die Alte, mit Händen voll Mais, so werden sie wild wie die Hirsche und der Böse mag sie dann haschen, wenn er sie haben will. Auch das Land ist, wenn auch gut, doch schwer zu bearbeiten – die Bäume sind gar so stark und stehn zu dicht und die Stümpfe so draußen im Feld zu lassen, daß man mit dem Pflug zwischen lauter Holz und Wurzeln herumackert und Vieh und Menschen halb zu Tode schindet, das ist eine Wirthschaft, wie sie einem ordentlichen Oekonomen nicht zusagt. Der Dünger wird ebenfalls nicht beachtet und die liebe Gottes-Gabe bleibt wild zerstreut im Walde herum.
Auch mit der Viehzucht ist's schlecht, man weiß nie wo sein Vieh steckt, alle Augenblick hat Wolf oder Panther ein Stück und die Schaafe – na die wünscht ich, daß Du die einmal sehn könntest, wenn sie, die ganze Wolle eine einzige Klettenmasse, aus dem Walde kommen.
Und nun das Ungeziefer; Holzböcke und Moskitos oder Mücken fressen Einen bald auf – die Fliegen sind, besonders in kleinen Waldwiesen oder Prairieen, in solcher Unmasse vorhanden, ein Pferd förmlich zur Verzweiflung zu bringen und Wanzen – nun die Wanze stammt ja aus Amerika, und es braucht uns also nicht zu wundern, wenn wir sie hier heimisch finden.
Eines ist es aber noch besonders, was mir das hiesige Bauer- oder Farmerleben zuwider macht – die gänzliche Ungeselligkeit und Abgeschiedenheit. Anstatt die Häuser in Dörfern beisammen zu haben, liegen sie alle meilenweit von einander entfernt, im Wald, und wenn Einem wirklich einmal etwas zustößt, so ist auf schleunige Hülfe gar nicht zu hoffen – mir graust es wirklich, wenn ich an irgend eine Krankheit, die mich oder die Meinigen betreffen könnte denke, denn der einzige Arzt wohnt sieben englische Meilen von mir entfernt, und das schlimmste dabei ist, daß ich wünschen muß, er wohnte lieber siebenzig, denn ehe ich mich einem solchen Quacksalber in die Hände gebe, der seine Patienten mit Calomel füttert und hinopfert, sterbe ich lieber sanft an Kamillenthee und Glaubersalz.
Und mit den Leuten ist es erst eine fürchterliche Noth; Knechte und Mägde, was wir darunter verstehn, und wie sie doch zu einer ordentlichen Wirthschaft unumgänglich nöthig sind, kann ich gar nicht bekommen – die Leute wollen Alle wie die Herren behandelt sein und gehn und kommen wie es ihnen am besten gefällt. Auch ihre Ansprüche sind unverschämt und übertrieben – erstlich unverhältnißmäßigen Lohn, dann dreimal Fleisch den Tag und Kaffee und Zucker zum Frühstück, wie Thee oder Milch zum Abendbrod; und das genügt ihnen nicht einmal, wollte ich es ihnen dabei an einem besondern Tische geben und für mich mit meiner Familie allein essen, – thäte ich das, ich glaube ich setzte mich den größten Unannehmlichkeiten aus.
Nein, lieber Vetter, wenn Du meinem Rath folgst, so giebst Du Deinen Pacht nicht auf, sondern bleibst ruhig in Deutschland – sind auch die Abgaben dort wie andere Scherereien ziemlich bedeutend, so schützen uns doch auch die Gesetze wieder vor tausend Unannehmlichkeiten, denen wir hier ausgesetzt sind, und das gesellige Leben wiegt wieder viele Mängel auf – kann ich meine Farm vortheilhaft verkaufen, so komme ich auf jeden Fall wieder zurück und bei einem Glase Bier – o wie ich mich nach einem ordentlichen guten Krug Lagerbier sehne, – erzähl ich Dir dann, was ich hier Alles erlebt, und wie ich so nach und nach und Schritt für Schritt, in all meinen schönen Hoffnungen und Plänen enttäuscht wurde.
Daß das recht bald geschehen möge wünscht, mit seinen herzlichen Grüßen an Dich und die lieben Deinigen
Dein alter Freund und Vetter
Christoph Roßberger.
Meine Frau, die Euch mit den Kindern, ebenfalls herzlich grüßen läßt, klagt eben über Frösteln und Kopfweh – die Nägel fangen ihr auch schon an blau zu werden – das sind die freundlichen Anzeigen des kalten Fiebers.
Dritter Brief.
Nujork nich sondern Kendukki wo ich jezd bin.
Lüber Ludewig!
Ich bin glicklich hir eingedroffen in Ameriga Dunnerwetter das is en Land 17 Dage in eine ford gereißt un noch keine Grenze un kein Schandarm un kein Bas verlangd un kein Schlachbaum gesen un kein Bolizeidiener worum ich Dich eigendlich bitten wolde weil mir das bei den Bolizeidienern die ich nich gesen habe einfelld so geh doch einmal zu Lowizki hin Du weist schon – und sage ihm hir soll er herkommen hir is des Land vor ihm. Woso aber Du glaubsd dass ich nich de Warheid rede die Kühe und Ferde laufen hir frei im Walde rum un es kann se jeder nehmen wer will un ich bin iberall die Nachd in die schenstden Betten geschlafen und ob sie mich eine 20 Daler Nothe wexeln kennten wenn ich se morgens fragde sagden se jedesmal nein was mir sehr leid tat Hurrjeh komm nach Ameriga un 3mal Fleisch un Speck un Kafeh un Milg und Zuker un saure Gurken un Herr nennen sie Misther wo sie mich immer Misther Bomeier nennen. Hür glaub ich aug von wegen Komunismuss is das regde Blatz glaub ich un ich un ein guder Freind wir haben uns den Mormonen angemagd wie ich sagen wollde wir haben Briderschafd mit sie gemagd un allens sollen mir teilen haben sie ferschprochen mir teilen un sie teilen un die anderen teilen un da kommen mir gans gut weg dabei aber mir missen sie schon mannigmal kleine Freindschafden duhn un Welschkorn holen in andere Felder und aus Fersehn eine Sau schlagden un kein Schandarm hat einen nichts zu sagen un is keiner zu sehn. Un vile Aeppel in die Obstgerten un viele Firsich das eine Bein tut mich noch sähr we von ein große Hund – gottvertamte Krete der Hund Aber ich muss nu schlüßen o Ludewig wenn Du wistest was se hir vor Gefengnisse haben lauter Holz und kein Boden drin ob se wol unser einem nu Du verstehest mir wol Aber ich muss nu schlüßen un die Bauern die nich teilen wollen haben ire Kornkrib als wo so ein Welschkornscheune heißt im Freien un keine Hunde dabei wie die vertamte Krete. Aber ich muss nu schlüßen un wenn Du hirherkomst un ich wone in das Bortinghaus von Samöel Schmit un Du kansd hir aug wohnen 1 un 3 4tel Dollar die Woche. Aber ich muss nu schlüßen un Du kansd lange gut leben denn Du komsd bald hürher von die Schorken die Dich schünden und kujjeniren wo es immer geschiht das winscht Dein getreier Bruder
Eregott Bomaier.
Wenn Du meine Frau siest sage ihr sie solte jo nich hirher kommen es were hir gar nigts vor die Frauen.
Vierter Brief.
New York the 20th of March 48.
Theuerer Scharffenstein!
Du wirst staunen, schon einen Brief von mir zu erhalten, denn Du am besten kennst wohl meine Schwäche in Allem was schreiben heißt – die Hand die gewöhnt ist den Degen zu führen, schreckt gewöhnlich vor der Feder zurück – doch ich fühle mich hier zu wohl, zu glücklich, um Dir nicht Theil an meiner Freude zu gönnen und jeder Tag deshalb, den ich an dieser Mittheilung verzögerte, schien mir ein Raub an Deiner Liebe.
Du weißt aus welchen Gründen ich Deutschland verließ – was half mir meine Stellung als Rittmeister – der Rittmeister verdiente nicht genug den Grafen standesgemäß leben zu lassen, und meine Lage wurde drückend. Ich muß Dir aber dennoch gestehn, daß ich mit nicht geringen Befürchtungen den Amerikanischen Boden betrat – es war eine Republik, und was konnte darin der arme Graf erwarten – hoffen? Schon der erste Blick, den ich in die ungeheuere Stadt New York that, bestärkte mich dabei in diesem Gefühl, und beengte mir Herz und Geist – kein Haus ohne ein Geschäft in den unteren Räumen, kein freier Raum zwischen Thüren und Fenstern, ohne Schilder, Anzeigen und riesige Namenszüge und Buchstaben. Hier – das ließ sich nicht verkennen – herrschte der Krämer, und der Graf konnte nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen.
Oder sollte ich etwa als – Commis in eines dieser Geschäfte treten? – Dingen und feilschen, wiegen und messen, und mir mit »ehrlichem Fleiße« einen Platz in der menschlichen Gesellschaft mühsam erringen, daß ich endlich, nach Jahre langer Arbeit – auf gleicher Stufe mit den Krämerseelen stünde? – Bah, der Gedanke war demüthigend und odiös und trieb mir die Tropfen auf die Stirn.
Der erste Lichtblick, der mich in diesem Chaos meiner Gefühle traf, war eine vierspännige Kutsche mit galonnirtem Kutscher vorne und betreßten Bedienten – einen Weißen und einen Neger, hinten auf – ja auf dem Kutschenschlag sogar ein Wappen – leider konnte ich es nicht erkennen, denn sie rollte zu rasch an mir vorüber. Ich war wirklich erstaunt, das hier in einer der Hauptstädte der Republik zu finden, und Du wirst mein Erstaunen theilen, wenn ich Dir sage, daß ich in Zeit von einer Viertelstunde fünf oder sechs solche Wappenträger gesehn, doch mit lauter mir fremden Schilden.
Am nächsten Tag, als ich die Theile der Stadt durchzog, wohin meine Empfehlungen lauteten, betrat ich die Straßen die weniger kaufmännisch und schon mehr aristokratisch aussahen. Elegante Gebäude mit Marmortreppen, Mahagonithüren und vergoldeten Knöpfen – hie und da der Wollkopf eines schwarzen Portiers sichtbar. Dennoch betrat ich mit einer Art Beklemmung die erste Treppe – der Name John Broadfoot klang gar zu plebejisch und sein, wie seiner Gattin Anblick, strafte ihn leider nicht Lügen, obgleich sie Beide von Atlas und Gold strotzten – ich mußte wahrhaftig beim ersten Eintritt das Lachen verbeißen – Gott sei Dank, daß ich nicht herausplatzte.
Aber pompös eingerichtet waren die Leute, wahrhaft fürstlich, und Du weißt, meine Ansprüche in der Art sind nicht gering – nur etwas überladen, zu viel Gold und lichte Farben, zu wenig Schatten für die Masse blendender Strahlen. Von dem Augenblick an begann aber ein neues Leben für mich! ich flog aus einer Gesellschaft in die andere; Einladung folgte auf Einladung; ich wurde fetirt wie an keinem Orte Deutschlands oder Frankreichs und der deutsche Graf, der german count, scheint wirklich das Stadtgespräch geworden. Beim Himmel, Eugen, ich bin in dieser Republik eher wie ein Gott als ein Sterblicher behandelt worden, und wenn in Paris, wo, wie ich eben die Nachricht bekomme, das Königthum gestürzt sein soll, die Republikaner ebenfalls so rücksichtsvoll gegen Grafen sind, dann werd' ich künftig in Paris die Saison und in Amerika meinen Sommer verleben.
Doch lange mag ich nicht mehr der Mittelpunkt aller dieser Feste sein, ohne nicht bald selbst einmal etwas ähnliches zu veranstalten; dieser mir gezollte Weihrauch macht mich allerdings sehr stolz; ich bin aber auch wieder zu stolz, unerwiedert dergleichen fortwährend anzunehmen. Meine Casse befindet sich freilich in keinen übermäßig brillanten Umständen, soviel aber hält sie hoffentlich aus, denn ist mir wieder auf eine Zeitlang hier Bahn gebrochen und rückt der Sommer weiter hinein, nun so ziehe ich in die benachbarten Städte Philadelphia, Baltimore, Boston; ein Graf mit einem so wackeren Namen wie der meine, wird dort überall nicht allein willkommen geheißen, sondern wirklich ersehnt, da es, Gott sei Dank, mit zum guten Ton gehört, ihn unter seine »friends« zu zählen.
Also good bye, mein theuerer Scharffenstein, laß bald selbst einmal etwas von Dir hören und sei versichert, daß sich stets Deiner in alter Liebe und Freundschaft erinnern wird, Dein
Hugo,
Graf von Böllinghausen und Nistadt.
P. S. Solltest Du selber noch herüber kommen, so nimm auf dem Dampfschiff um Gotteswillen erste Cajüte. Man muß hier, in Amerika selber, allerdings mit manchem Plebs verkehren, weil sich das nicht gut vermeiden läßt, auf der See aber, und so frisch von der Heimath fort, ist es oft höchst fatal und widerwärtig.
Fünfter Brief.
Im Staat Ohio am 3ten März 1848.
Liebe Eltern und lieber Bruder!
Es freut mich Euch sagen zu können, daß es mir hier gesund und wohl geht. Ich habe nämlich die Seereise glücklich überstanden und wenn ich auch lange seekrank war, so bin ich doch jetzt wohl und gesund und es fehlt mir an meinem Körper gar Nichts. Was aber die Verhältnisse hier anbetrifft, so thut es mir leid, Euch gar nichts Bestimmtes und nichts Gutes über mich schreiben zu können, denn es geht mir bis jetzt noch hier herzlich schlecht – vielleicht wird's einmal später besser. Kommt aber ja nicht jetzt heraus, wie ihr es wolltet, liebe Eltern und lieber Bruder – es ist Alles nicht wahr, was uns Siebenhegers im vorigen Jahre geschrieben haben – und wenn es wahr ist, so ist es ganz anders, als wie es im Brief aussieht, und wie man es sich dennoch denken muß. Allerdings kann jeder gleich Meister werden wer will, und ich bin auch gar nicht faul gewesen wie ich hier nach Amerika kam. Ich nahm gleich mein Handwerkszeug, miethete mir einen Schop, wie sie's hier nennen und fing mit der Tischlerei an, aber lieber Gott, arbeiten hätt' ich schon gern gewollt, wenn ich nur was zu arbeiten gehabt hätte, und den theueren Miethzins mußt ich dabei bezahlen und das Borting, wie sie hier die Wirthshäuser nennen und da wurden die hundert Thaler, die ihr mir mitgegeben habt, liebe Eltern, immer weniger, bis ich zuletzt einsah, ich müßte endlich verhungern, wenn ich so sitzen bliebe und wartete auf Arbeit. Da gab ich mein Werkzeug an einen Freund zum Aufheben und ich selbst nahm den Rest von meinem Geld, 37 Dollar und 3 Schilling und ging nach Missuri.
Im Lande nun dacht ich könnt's mir gar nicht fehlen, denn in dem Brief stand ja, das Vieh liefe hier wild herum und koste beinah gar Nichts, und das Welschkorn brauchte man nur zu pflanzen, und Alles was man hätte könnte man gleich verkaufen an Butter, Milch, Mais und Wildhäute und das Haus helfen Einem die Nachbarn baun – das stand alles in dem Brief. Und wie ich nun hierherkam da hatt ich noch 20 Dollar und 75 Cent, denn das Reisen hier ist sehr billig, aber damit konnt ich doch keine Farm kaufen und Arbeit konnt ich auch nicht kriegen, denn hier brauchen sie lauter Leute, die recht gut mit der Axt umzugehn wissen, und daß wußte ich nicht, und mein Handwerkszeug hatt ich auch in Nujork gelassen und wie ich dorthin schrieb da sagte der Wirth in dem Bortinghaus dem ich es gegeben hatte, er wüßte nichts davon und ich war es los. Für 4 Dollar den Monat und die Kost boten sie mir in Anfang Arbeit an, aber ich wollte es nicht annehmen weil ich glaubte es wäre zu wenig, und ich verzehrte erst alle meine 20 Dollar und dann nahm ich Arbeit für 4 Dollar, weil ich doch nicht hungern wollte und ehrlich fortkommen wollte. Und ich bin auch ganz abgerissen an Kleider und ich fürchte mich neue zu kaufen, denn ich mochte nicht gerne Geld borgen. Ich bin bei Deutschen hier und muß fürchterlich arbeiten, aber ich thu es gern, denn ich verdiene doch wenigstens mein täglich Brod, aber sie sagen mir, Einer der kein Geld hat, der kann es zu gar nichts bringen und wenn ich fleißig bin, wollen sie mir in der Erndte 8 Dollar geben und ein neues Hemde. Ich muß auch viel Tischlerarbeit für sie machen und für andere Leute, wofür ich aber das Geld nicht kriege, meine Brodherrschaft verdient aber nichts dabei, denn die thut es auch sehr billig, mehr aus Gefälligkeit, weil sie auch wieder viel Gefälligkeit von den andern Leuten erhält.
Das sind nun die schönen Gedanken von 1 Dollar den Tag für Arbeit und immer mehr zu thun wie Einer thun könnte. Meine Brodherrschaft, die es sehr gut mit mir meint, sagt ich könnte mir gratuliren, daß ich bei ihnen wäre, denn viele Leute laufen brodlos rum. Und daß ist auch wahr, ich habe schon viele gesprochen, die gerade aus Deutschland kommen, und es geht ihnen sehr schlecht. Neulich war ein Mann bei mir aus Hessen Darmstadt – der hat geweint und gesagt seine Familie thäte in einer elenden Blockhütte am kalten Fieber liegen und er hätt keinen Groschen um Brod zu kaufen. Der Mann heißt Mülzer und ist auch ein Handwerker, aber ein Bäcker und die Leute backen sich hier alle selber ihr Brod und was anderes konnte er nicht werden, sagte er, weil er nichts anderes gelernt hat.
Doch adje liebe Eltern und lieber Bruder, vielleicht geht mir's noch einmal besser hier in Amerika und dann schreib ich Euch wieder, aber jetzt gehts noch nicht gut und darum grüßt Euch Euer getreuer Sohn und Bruder
Traugott Erdmann.
Sechster Brief.
New York den 9ten März 48.
Mein herzlieber Carl!
Versprochener Maßen erhältst Du, sobald ich nun hier in dem neuen herrlichen Lande einmal zu Athem gekommen, augenblicklich Nachricht von mir, und zwar Nachricht, nicht wie es hier im Lande selber steht, denn davon weiß ich noch zu wenig, sondern über das besonders, was ich hier thue und treibe.
Ich bin beinah alle Tage auf der Jagd gewesen, doch die Jagd um New York selbst herum, ist höchst unbedeutend – eine kleine Rohrdommel und zwei Moschusratten bilden den beträchtlichsten Theil meiner Beute, und das klingt Dir wahrscheinlich sonderbar, wenn Du Dich an unsere Gespräche über Bären, Büffel, Elens, Riesenhirsche und Panther erinnerst. Doch Du mußt bedenken, die Jagd ist hier frei, jedes Kind kann mit seiner Flinte hinausgehn und schießen, und daß da um eine Stadt wie New York, die, glaub' ich, 400,000 Einwohner hat, kein großes eßbares Wild mehr zu finden ist, liegt allenfalls auf der Hand.
Gestern traf ich aber glücklicher Weise einen alten Jäger aus Indiana, das viele hundert Meilen westlich von hier liegt; der erzählte mir, zufälliger Weise wie das Gespräch gerade kam, von dem Wild in seiner Gegend, das muß fabelhaft sein. Mir zugeschworen hat er's, daß er die Bären manchmal, besonders in kalten mondhellen Nächten, aus seinem Küchenfenster schießt, und Hirsche erlegt er nur, wenn er Fleisch für die Hunde braucht. Denke Dir wie sich das glücklich trifft, der Mann hatte zufällig, und ich merkte es gleich, er wollte im Anfang nicht mit der Sprache heraus, eine kleine Farm, ein sogenanntes improvement von ein paar Ackern urbargemachten Landes zu verkaufen, auf dem ein kleines Wohnhaus und eine Räucherkammer und Maisscheune steht. Und weißt Du was das ganze kosten soll? – Du riethst es wahrlich nicht und gingst Du noch so tief hinunter – denke Dir, 250 Dollar; – vier bis fünf Acker urbar gemachtes Land mit den dazu gehörigen Gebäuden für 250 Dollar! es ist fabelhaft.
Ich scheute mich wahrhaftig im Anfang ja zu sagen, denn es war augenscheinlich, der Mann kam gerade mitten aus dem Walde in die Stadt und kannte den Werth seines Besitzthums gar nicht, denn für 250 Dollar schieß ich ja allein in der Gegend an Wild heraus, Bärenfett, Honig und Wachs, was Alles hier in New York einen ganz guten Preis hat, gar nicht gerechnet. Leider sind keine Indianer mehr in der Gegend, doch versicherte mir mein Backwoodsman, das sei nur ein sehr großer Vortheil für den Wildstand, dem die Indianer, wenn sich viele in der Nachbarschaft aufhielten, gewaltigen Abbruch thäten.
Gestern Mittag wurden wir denn handelseinig; d. h. ich schloß den Handel nach seinen eigenen Bedingungen mit ihm ab, weil ich Furcht hatte es könnte mir sonst ein Andern zuvorkommen. Hol's der Henker, wenn der Mann etwas verkaufen will, so muß er auch wissen, was er dafür fordern kann – er ist alt genug und braucht keinen Vormund. Uebrigens habe ich ihm auch noch drei Kühe, die auf dem Platz sind, für den allerdings im Verhältniß jener wilden Gegend etwas hohen Preis von 12 Dollar per Stück abgenommen, auch eine Heerde Schweine von 19 Stück mit 3 Dollar per Kopf. So bin ich denn auf einmal ein Amerikanischer Farmer geworden und will in nächster Woche nach meinem neuen Besitzthum aufbrechen; wollte Gott Du wärst jetzt hier und wir könnten zusammen dorthin ziehn, ich kann Dir gar nicht sagen wie ich mich darauf freue.
Nur das eine ist mir unangenehm, daß der alte Jäger nicht mit mir zu seinem früheren Wohnort zurückkehren kann, um mich dort gewissermaßen einzuführen; er will aber von hier direkt nach Texas, um von dort aus nach New Mexico überzusiedeln und als Pionier den Kern jener Macht mit bilden zu helfen, die später als neuer Staat der Union von Nordamerika ein neues Glied jener herrlichen Kette werden wird, die in kaum einem halben Jahrhundert den ganzen Continent von Amerika umspannen muß. In Texas soll es auch viel Wild geben, lange aber nicht so viel, meines Backwoodsmans Aussage nach, als in Indiana.
Besonders malerisch hat er mir die Truthahnjagd und die Panterhetzen geschildert und das einzige was er gegen das Land dort einzuwenden hat, wäre – denn er sagte mir, er hielte es für seine Pflicht darin aufrichtig gegen mich zu sein – daß eben Panther, Bären und Wölfe einen ordentlichen Viehstand schwer aufkommen ließen; besonders bösartig sollten die Bären hinter den Schweinen her sein, ja nicht selten sogar in das Maisfeld selber brechen und darin beträchtlichen Schaden anrichten. – Und das sollte mich von dem Lande abschrecken, Carl – ich gebe Dir mein Wort, ich mußte ordentlich an mich halten, daß ich nicht laut aufjubelte vor lauter Freude. – Bären im eigenen Maisfeld; na wartet, meine schwarzen Burschen, ich will Euch das Mahl mit meiner treuen Büchse gesegnen – zwanzig Kugeln auf's Pfund, die machen ein Loch wo sie hinkommen.
Um übrigens den alten Jäger wenigstens in etwas dafür zu entschädigen, daß er so billig verkauft, und mir zugleich die Bahn zu dem Ziel meiner Wünsche gezeigt und geebnet hat, bin ich heute morgen, als ich ihm sein Geld ausgezahlt hatte, durch die Stadt gegangen und habe ihm dort noch eine prächtige lange Büchse, die ihm sehr in die Augen zu stechen schien und die allerdings 60 Dollar kostete, gekauft. Du hättest sehn sollen, wie mich der anschaute, erst griff er voller Eifer darnach, und dann besann er sich eine Weile, schüttelte mir die Hand, und wollte sie meiner Seele nicht annehmen, wie ich aber endlich ganz fest darauf bestand, ja zuletzt sogar schwur, ich würde sie, wenn er sie zurückweise, dem ersten besten Menschen geben, der uns auf der Straße begegnete, da warf er sie sich über die Schulter und pfiff vor Freude die ganze Straße hinunter. Es ist ein kostbarer Menschenschlag, der Amerikanische.
So lebe denn für jetzt wohl, mein Carl, denn die Vorbereitungen zu meiner Reise nehmen für den Augenblick meine ganze Zeit in Anspruch; ich will nämlich, wenn ich es noch möglich machen kann, schon morgen nach meinem kleinen Besitzthum aufbrechen, um gleich Jemanden zu besorgen, der es mir dieses Jahr noch ackern und mit Mais bepflanzen kann. Sowie ich dort eingerichtet bin, hörst Du sogleich wieder von mir, und des ersten Büffels Haut, den ich eigenhändig erlege, soll unter Deinem Schreibtisch als Fußdecke prangen.
Bis dahin aber grüßt und küßt Dich herzlich Dein
jetzt wahrhaft glücklicher
Fritz Sternberg.
Siebenter Brief.
Filadelphia de 10. März 1848.
Guter Edde und allerbeste Mämme.
Gottes Wunder was hob ich vor ane Raise gemocht hierher in de gewaltige Stadt von die Quäkers; lauter Wasser und immer Wasser – will ich nich gesund auf meine Fiße stehn, wenn ich nit glaub' grad dorum nenne se den graußen Ocean das Mehr, wails nimmer weniger werd. Und das Bischen Seekrankheit unterwegs – wai geschrien Mämme – s' wor schauerlich. Speck hawe mer esse dirfe, der Rabbiner hets uns über die See erlaubt, weil mer de Schiffskost nu emol net kauscher kriege konnt – aber Gottes Wunder was hots uns geholfe? wie hob ich mich uf den Speck gefrait und will ich nich gesund auf meine Fiße stehn, wenn ich en nachher auch nur ansehn kunnt – gleich wurde mer schlecht.
Ihr wollt wisse was Seekrankheit is? Gottes Wunder – wie heißt Seekrankheit – nehmt a gute' Handvoll Brechwainstein, und wenns Eich denn recht schlecht, recht eklich werd, main, dann setzt Eich in 'ne Schaukel un laßt den Itzig schaukle un immer schaukle un je schlechter Eich werd, je höher schaukle von den Itzig – dos is Seekrankheit, und wollt ers nachher noch ganz akkerat wisse, dann bleibt in de Schaukel sitze und trinkt ä Bissle worm Salzwasser mit Butter nein – Gott der Gerechte wer kann do an Speck denke.
Un das Land? – wai geschrien wos is des vor e Land – wie haißt Amerika? hätt ich doch mein Lebtag nicht gesehn Amerika – is dos auch ä Nome fir des Land? – Terkei sillts heiße oder Kosakeland aber nich Amerika. Was hob ich profitirt sait ich hier bin – frogt mich emol was ich profitirt habe? – gor nix hab ich profitirt un noch weniger. Quäker, haißts, wären lauter in Filadelphia – ich hob noch nix quäken gehört; will ich nich gesund auf meine Fiße stehn, wenn nich mehr Jüdden hier sin wie Quäker – un da soll a Jüdd was profitiren? – lächerlich.
Rumgelaufe bin ich mit en klainen Kerbche von Haus zu Haus und wos fir schaine Sachen hob ich Alles gehabt: Kemmcher, Stecknodeln, Hosenträger, Band, Litzen, Zwirn, Fingerhit, Saifen, Haaröl, Stohlfedern und was waiß ich Alles – es is ordentlich a Wunder gewese, wies Alles in dem klainen Kerbche hat Platz gehatt – und was fir Geschäftcher hab ich gemacht? – wie haißt Geschäftcher – in de klaine Haiser bin ich gewesen, sahen se alle meine Sachen – will ich nich gesund auf meine Fiße stehn, von vorn bis hinten an, un wenn se sulten kaufen, hatten sie kain Geld – un in de graußen Haiser? – geh der Edde mol in die graußen Haiser in Filadelphia – Gott der Gerechte, mit schwarze Mohren haben se mich 'naus geschmissen.
Das sin de Geschäftcher in der Stadt, un in's Land drauße? – geh der Edde wol in's Land drauße? im Wald wimmelts von wilde Katzen un Panthers un Bären, un Gott der Gerechte, was sin mit Bären für Geschäftcher ze machen? ich geh net in's Land werd ich mich fressen lassen. Un wer kennt Einen hier? – wer soll dem Veitel Credit geben? kan Mensch – der Veitel is hier gor nix – Gott der Gerechte, wär' ich in Bamberg gebliebe, un hätt' ichs Geld – will ich nich gesund auf meine Fiße stehn, wenn ich nich den Brief selber brächt.
Gott behits Mämme un Edde, wenn ich mit die zwai Ducatcher die ich noch aingenäht uffm Magen trag in vier Woche nich verhungert bin, schreib ich Eich noch e Mol wie mers geht – grißt mer de Rachel – soll se froh sein daß se is in Bamberg, un dasselbe winscht sich
Eier lieber Sohn Veitel.
Zweiter Theil.
Erster Brief.
Cincinnati, den 16. August 48.
Lieber Theodor!
Sei nicht böse, daß ich Dir so lange nicht geschrieben habe, aber, es ist hier ein gar so geschäftiges Leben, und ich selbst bin in so eigenthümliche Verhältnisse hineingerathen, daß ich selbst kaum weiß, wie ich Dir das Alles mit kurzen Worten schildern soll. Auch bei Euch daheim sind, wie ich höre, indessen große Veränderungen vorgegangen; nun, seid nur vorsichtig in der Gründung einer Republik und nehmt Euch Amerika zum Muster – d. h. wie Ihr Vieles nicht machen sollt.
Hätt' ich gewußt, daß sich Alles bei Euch so rasch gestalten würde, so wär' ich doch lieber noch in Deutschland geblieben – Amerika hat viel vortreffliche Seiten, aber – es ist doch die Heimath nicht. Die Gesetze sind allerdings ausgezeichnet – die Amerikanische Constitution könnte jedem Lande der Welt zum Vorbild dienen und sein Glück sichern – aber sie sollte auch in jeder Beziehung nicht dem Wortlaut, sondern dem Sinn nach ausgeführt werden, wie es sich jene edlen Männer bei dem Entwurf derselben gedacht haben. Die Gesetze allein können aber ein Land nicht glücklich machen, wenn die Regierung nicht auch die Macht hat sie auszuüben, und ihnen Achtung zu verschaffen. Das Lynchgesetz giebt davon ein trauriges Beispiel, wo das Volk mit den Personen, die seiner Rache einmal, ob gerecht oder ungerecht, verfallen sind, angiebt was es ihm beliebt.
Der Amerikaner mag aber noch angehn hier, er ist zwar kalt und theilnahmlos, eine schändliche Geldaristokratie läßt Einen manchmal wahrhaftig ordentlich den Adel des alten Landes herbeiwünschen, und ewig auf kaufmännische List – ja oft auf wirkliche Betrügereien sinnend, versteckt er das hinter der Maske ekelhafter Bigotterie; doch ist er wirklich mit Leib und Seele Republikaner, seine Constitution geht ihm über Alles, und er würde für ihre Vertheidigung und Aufrechthaltung Leib und Leben einsetzen. Aber widerlich wurden mir hier die Deutschen, und ich muß leider gestehn, ich begreife unter dem Namen die große Mehrzahl derselben, die hier in die Republik hineingeschneit sind, sie wissen selbst nicht wie, und jetzt, zur Schmach und Schande ihrer Nation, den Partheien zum Spielball dienen. Es ist wahr, die meisten sind Demokraten, aber frag' sie warum? – sie wissen es nicht; unklar mit sich über die einfachen politischen Fragen des Landes, in dem sie leben, gehen sie mit dem Strom, und werden nicht selten in Masse von ein oder der anderen Parthei förmlich übergekauft. An eine knechtische Existenz in Deutschland dabei gewöhnt, sind sie im Anfang kriechend höflich gegen besser gekleidete, und lernen sie erst erkennen, daß sich hier Alle Menschen gleich sein sollen, so werden sie gegen Alle, die sie sich an Geist oder Vermögen überlegen glauben, grob und ungezogen, um ihnen nur ja zu beweisen, daß sie ihr Recht kennen, sich in Amerika eben so viel zu dünken, wie jeder Andere.
Theodor, Theodor, mir bangt, wenn ich in hiesigen Blättern von Euerem Streben in Deutschland nach Republik lese, und dann Exemplare der Leute hier um mich sehe, mit denen Ihr dort, in der ungeheueren Mehrzahl eine Republik gründen müßtet – es sind Elemente, trefflich geeignet zum Zerstören, zum Ansturm gegen einen hartnäckigen feindlichen Widerstand, aber zum Aufbau untüchtig, ja gefährlich. Ich habe in Illinois einen Prairiebrand gesehen, der nicht allein das trockene Gras verzehrte, das er verzehren sollte, sondern auch noch in unzähmbarer Wuth Fenzen, Farmhäuser, Scheunen und ganze Waldstrecken zerstörte und in Asche legte, und der Strecke, der er nützen sollte, unendlichen Schaden brachte. Es war das in einer Zeit, wo ich noch keine Nachricht über Euere deutschen Bewegungen hatte, und doch zuckte mir, wunderbarer Weise bei dem Brande der Gedanke an eine »deutsche Republik« durch die Seele.
Willst Du übrigens wissen, was der Amerikaner von den »deutschen Republikanern« hält, die in ihren deutschen Blättern hier immer von Freiheit und Selbstständigkeit, von deutscher Treue und Hochherzigkeit prahlen? – er braucht ihren Namen als Schimpfwort, und besonders ist das hier in Cincinnati, wo es viele Tausende von ihnen giebt, der Fall. Das Wort »dutchman« was Deutscher heißen soll, obgleich es ursprünglich einen Holländer bezeichnet, dient zum wirklichen Schimpfwort – »you shall call me a dutchman« Du sollst mich einen Deutschen nennen – ist die empörende Versicherung, die ich hier nur zu oft hören mußte »he fights like a dutchman« wird von Einem gesagt, der bei einer Aussicht auf Kampf die Flucht ergreift, und sich nur schlägt, wenn er in einer Ecke eingeklemmt ist. Black dutch ist ein Schimpfwort, das den Deutschen mit der verachtetsten Race, mit dem Neger, in eine Kategorie wirft. Doch genug davon, wenn ich sehe, wie meine Landsleute in dem Lande der Freiheit verachtet sind, verachtet von Republikanern doch –