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Aus zwei Welttheilen. Zweiter Band. / Gesammelte Erzählungen cover

Aus zwei Welttheilen. Zweiter Band. / Gesammelte Erzählungen

Chapter 20: Fünfter Brief.
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About This Book

An assortment of short narratives and sketches that portray travel, frontier and maritime scenes, rural crafts, and social encounters across different regions. Several tales juxtapose civilized society and wilderness, including a plantation-set story that examines racial and social hierarchies and personal loyalties; others depict domestic conflicts, nocturnal misadventures, seafaring correspondence, local industry, and hunting episodes. The volume blends vivid local description, moral observation, and anecdotal storytelling, alternating dramatic incidents with quieter ethnographic and landscape sketches to show human character amid changing environments.

»wollt' ich sie alle zusammenschmeißen
ich könnt' sie doch nicht – Lügner heißen.«

Zürne mir nicht, wenn meine Worte vielleicht etwas bitter klingen; mir ist's nicht gut gegangen seit ich dies Land betreten, und ich habe in mancher Hinsicht Unglück gehabt. Gleich im Anfang betrog mich ein Amerikaner, der mich anscheinend ganz freundschaftlich und uneigennützig aufnahm, um Alles, was ich besaß, indem er mich zum Kauf eines ganz werthlosen Gutes verleitete, auf das er noch nicht einmal gegründete Ansprüche hatte; ich fiel einem Advokaten in die Hände und sah mich nach wenigen Monaten arm wie eine Kirchenmaus in dem fremden Lande. Der englischen Sprache vollkommen mächtig, wollte ich mich dann mit literarischen Arbeiten beschäftigen. – Deutsche wie Amerikanische Zeitungen erwiesen sich auch gleich bereitwillig, meine Artikel abzudrucken, aber – an Honorar war nicht zu denken.

Als Advokat aufzutreten, wagte ich nicht – bei der Oeffentlichkeit und Mündlichkeit des Gerichtsverfahrens glaubte ich nicht der Aussprache und Rede so mächtig zu sein, einigermaßen mein Glück zu machen – wohl rieth man mir dagegen nur dreist und geradezu in der Medicin zu prakticiren, doch dazu besaß ich, bei meinen mittelmäßigen Fähigkeiten nicht Frechheit genug – was blieb mir übrig? – Handarbeit. Aber auch darin zeigten sich anscheinend unüberwindliche Schwierigkeiten – die meiste Arbeit, die hier verlangt wird, ist mit der Axt – mein Arm war darin ungeübt – was anders sollte ich ergreifen? so wurde ich denn – Du lächelst sicherlich wenn Du die Zeilen liest – Feuermann oder Heizer auf einem der Mississippi-Dampfboote.

Erlaß mir die Beschreibung dessen, was ich darauf erlitten, mit schmutzigen Negern mußte ich fast unmittelbar Mahl und Lager theilen, der rauhen Behandlung der Ingenieure ausgesetzt, auf die Willkühr des Capitäns angewiesen, der uns in New Orleans, eine halbe Stunde vorher ehe er abfuhr in kaum halbwerthigen Banknoten den sauer verdienten Lohn auszahlte. –

Ich ging allerdings wieder auf ein anderes Boot, wurde aber krank und liege nun jetzt hier in Cincinnati in einem erbärmlichen deutschen Boardinghause. Komm ich wieder zu Kräften, seh ich mich nach neuer Arbeit um, jedenfalls aber schreib mir recht bald, mein theuerer Theodor – Du glaubst nicht, wie ich mich nach einem Brief aus der theueren Heimath sehne. Es grüßt und küßt Dich tausendmal Dein

Carl von Horneck.

P. S. Eben wie ich schreibe, entsteht unten auf der Straße ein Scandal – die liebe Jugend hatte in tollem Muthwillen Stroh und Heu mitten in Sycamore street aufgehäuft und angebrannt, so daß aus den entfernteren Theilen der Stadt schon die Spritzen herbeikamen. Nein, was diese Amerikanische Jugend für eine Brut ist, davon kann sich, weiß es Gott, kein Ausländer einen Begriff machen.

Zweiter Brief.

Aus dem Staat Wisconsin am 14. August 1848.

Lieber Vetter!

Als ich Dir vor so und so viel Monaten vom Staat New York aus schrieb, da war mir's recht häßlich und trüb zu Sinn – Alles ging contrair, Alles war anders wie ich es mir gedacht, Alles anders wie ich es bis dahin gewohnt gewesen, und die ganze Welt sah mir deshalb schwarz und düster aus. Es ist auch wirklich gar ein böses Ding um die lockenden Beschreibungen, die uns alles mit überbunten Farben ausmalen; die Einbildungskraft thut dann auch noch das ihrige, und findet man nachher nicht wirklich auch jede Kleinigkeit wie man sie sich gedacht, so wird man mürrisch und fängt ohne weiteres an, am hellen Tage Gespenster zu sehn.

So war ich z. B. in Deutschland bequeme warme Häuser gewöhnt, und fand hier, im Verhältniß zu denen elende Hütten, dachte aber nicht daran, daß das ja jedes eigne Schuld ist, wer sich sein Haus nicht so wohnlich und behaglich einrichtet wie es ihm gefällt. Auch die Viehzucht stand mir nicht an; ja, da war mir vorerzählt, man brauche eine Sau nur in den Wald zu lassen und nach der gehörigen Zeit käme sie mit zehn, elf Ferkeln wieder zu Hause und die Ferkel kriegten wieder Ferkel und so fort, bis unabsehbare Heerden daraus würden. Ja lieber Gott, so bequem ist die Viehzucht nicht, aber sie bietet im Verhältniß zu Deutschland doch ungeheuere Erleichterungen, und wer da nur mit einigermaßen gemäßigten Ansprüchen herkommt, muß sie befriedigt finden.

Auch der Ackerbau ist den hiesigen Bedürfnissen vollkommen entsprechend, und die Cultur steigt, wie diese sich vermehren. Mit den wilden Thieren ists dabei eben nicht so arg, der Schaden den die thun, kann man ertragen und die Insekten, nun ja, das ist verwünschtes Zeug, und ich wollte der Böse holte den Schwarm und verwendete sie vielleicht auf irgend eine zweckmäßige Art im Fegefeuer – aber – es läßt sich eben ertragen – vollkommen ist kein Land.

Doch, Du willst in Deinem letzten Briefe wissen wie es mir geht und scheinst schon das Schlimmste zu fürchten – ich habe Dir durch mein Schreiben vielleicht Ursache dazu gegeben – doch sei nicht ängstlich, es ist nicht so gefährlich. – Im Staat Wisconsin, in der Nähe von Milwaudie habe ich mir, für einen nach deutschem Maasstab ungemein billigen Preis, eine recht hübsche Farm gekauft; auch den Keim zu einer heranwachsenden Viehzucht hab' ich gelegt, und Ställe gebaut, in denen meine Heerden im Winter Schutz gegen die Kälte finden. Die wild im Wald herumlaufenden Schweine machen dem Farmer allerdings oft viel Noth, wenn er nicht einen großen Theil derselben einbüßen will, doch mit ein wenig Fleiß läßt sich das Alles beseitigen, und meine deutschen Nachbarn versichern mich, sie kämen recht gut damit zu Stande. Auch das Ackern, über das ich mich im Anfange der vielen Wurzeln und Stümpfe wegen, so ärgerte, geht jetzt recht gut – man muß sich nur erst hineinfinden und nachher sieht man stets, daß eines jeden Landes Geräthschaften, Sitten und Kleider auch den Bedürfnissen und Eigenthümlichkeiten desselben am besten angepaßt sind und entsprechen. Für die schwere Arbeit des Urbarmachens der Waldstrecken und des Bischens Unbequemlichkeit beim Pflügen, entschädigt reichlich das herrliche fruchtbare Land – – wahrhaftig es wäre Verschwendung, wenn man das düngen wollte, und ich werde mich nicht auslachen lassen.

Allerdings ist das Leben hier nicht so gesellig wie in Deutschland, doch habe ich vortreffliche Nachbarn, und da kommen wir mit unseren Familien oft zusammen und sind dann stets recht vergnügt; und selbst das Verhältniß der Dienstleute, was mir im Anfang gar nicht behagen wollte, leuchtet mir jetzt als ganz vortrefflich ein. Die Leute werden von ihren Arbeitsgebern (nicht Arbeitsherrn, denn das Wort Master wird in dem Sinn nur von Sklavenhaltern gebraucht) eben so behandelt, als ob sie mit zur Familie gehörten und müssen deßhalb auch ihren freien Willen haben, aber nur so ist es auch möglich eine wirklich freie Generation zu erziehn, Republikaner zu bilden.

Der Arbeitsgeber wird deßhalb nicht im mindesten von ihnen geknechtet, wie ich das im Anfang glaubte, sie verschwören sich nicht zu einem festen Preis um den sie arbeiten wollen und säen dadurch Haß und Zwietracht, Gott bewahre, unabhängig in all ihren Bewegungen und ihrer Freiheit sich bewußt, gönnen sie die auch jedem anderen und Zeit und Umständen überlassen sie Lohn und Verdienst. Haben sie sich dann ein kleines Capital verdient, so beginnen sie meistens selbst und die Leute die sie dann miethen, werden wieder ebenso behandelt, als ob sie noch zusammen in einer Arbeit stünden.

Sieh, Alterchen, ich will Dich nicht etwa überreden hierher zu kommen, wenn Du aber keine zu großen Ansprüche machst, und die Verhältnisse in Deutschland wirklich so fatal werden wie Du schreibst – ei dann glaub ich, kömmst Du auch hier durch, und würdest Dich am Ende recht wohl fühlen.

Es ist jetzt hier eine kleine Farm mit guten Steingebäuden, zehn Acker urbarem und 310 Acker Holz- und Prairieland, und einem recht hübschen Anfang zur Viehzucht, mit 3000 Dollar verkauft worden, und es sind billigere wie theuerere Farmen immer zu haben. Die Gebäude darfst Du Dir aber nicht etwa groß und prachtvoll denken; sie entsprechen nur einfachen Bedürfnissen, doch sind sie wohnlich errichtet. Wir haben jetzt auch eine Brauerei hier in der Nähe und stellen ein vortreffliches Bier her.

Meine kleine Familie läßt Euch alle in der Heimath herzlich grüßen – wir hatten und haben noch von Krankheit manches zu dulden, denn die Fieber, die in dem neu urbar gemachten Boden ihren Ursprung finden, müssen im Norden wie im Süden ertragen werden. Doch geht es jetzt, trotz der ziemlich starken Hitze etwas besser, und die Nachbarn, Amerikaner wie Deutsche, sind wirklich so theilnehmend, als man es nur wünschen kann. So wenig mir der Amerikaner in den Städten gefallen hat, so sehr hat mich sein Charakter mit ihm im Lande selber ausgesöhnt; die Backwoodsmen Amerikas sind wirklich eine prächtige Menschenrace.

Doch ich komme wieder in's Schwatzen und die Kinder quälen mich, ich soll mit ihnen in's Holz gehn und wilde Weintrauben holen. Also leb wohl, mein lieber guter Vetter – nimm nochmals die schönsten Grüße und behalte lieb

Deinen

getreuen Vetter

Christoph Roßberger.

Entschließt Du Dich noch dazu hier herüber zu kommen, so laß es mich nur recht bald wissen, und ich werde Dir und den Deinen schon ein freundliches Plätzchen herrichten.

Dritter Brief.

Lüber Ludewig

Sondern nach Teksas haben se mich jezt kujenirt un nich mehr in Kendukki Hurrjeh is das vor ein Land das Ameriga wenn ich nur erscht wieder raus were gesund Die Leite hengen se hür wie gar nix un se bigen man blos einen Baum krum und hengen se dran wie bei uns de Maulwirfe. Vor das eine Ferd konnt ich gar nix un wenn ich mir aus Fersehn drauf sezte un fort ritt so war es nur Unglick das ich den Eigendimer gleich in die Straße begegnen musste un die Haue, hurrjeh wenn man einmal fort is soll man aug fort sein die vertammten Intianer suchen einem Menschen seine Fußtappen nach wer weis wie weit un alles wegen lausiche 20 Dollars und ein baar Stiebeln. Un mit di Mormonen na di sollen mich wider kommen na aber hür kommen se nich her – was kans Du denn davor wenn se dir sagen das is mein Land hol mich einmal 1 Arm voll Korn un mach 1 Schwein dot? Un denn vor en 1 faches Fersehen will mann Einen nich gleich ufhengen wie en Maulwurf un wie ich here soll es bei eich in Deitschland jezt regd hibsch sein o wenn ich doch Geld hette un hiniber kennte hir felts keinen ein das teilen un doch sagen se alle Menschen weren gleich die sin aug grade so wie bei uns de Arisdograden hole si alle der Deibel. Was ich habe das gehert aug mein Nagbar dass is mein Grundsaz un danag handel ich aber hir lasse se kein Menschen seine Grundseze ungeschoren, wenn alles was ich habe mein Nagbar gehert so gehert alles was mein Nachbar gehert aug mein dass is doch klar aber gottbeware aufbacken bünden un vor Gerücht schleppen is hür eins un in Anfang wollte se kurtsen Brozess mit mür machen un alle fassden mit an. Was hülft mich denn dass das keine Bolizeidiner un Schandarmen nich da sin wenn jeder en Bolizeidiner spilen will es war ein Glick dass se mich noch den Scherif hir lißen – denn Scherif nennen se di Oberschandarmen wo ich nur erst geglaubt habe es weren keine da weil se nich 3eckige Hite aufhaben wi bei uns; nimand hatte mich nich gesehn un da lißen se mich schweren hurrjeh war das en Glick un aug freie Pasasche haben se mich auf en Damfbot gegeben nach Teksas – so, mich kriegen se nich wider nach Kendukki. Lüber Ludewig wenn Du in Deitschland wo es jezt regd hibsch sein soll was eribrigsd un wenn ihr ans teilen komd so thu mich doch den gefallen un schicke mein teil heriber das ich auch nach Deitschland kann wo es jezt so hibsch sein soll un meine Frau sage sie megde mir doch 5 Daler schicken oder noch mer wenn sie kennte denn es ginge mir hir söhr schlegd un ich hette sie söhr lieb must du ihr sagen aber ich muss nu schlüßen. so lebe regd wol un gesund un besser wie ich denn ich habe das Füber un das schitteld mich söhr un dieses winscht dein getreier Bruder

Eregott Bomaier

vergis ja nich mir mein teil zu schiken womit du mir ein großen gefallen duhn wirst es soll dein schaden nich sein wenn ich nach Deitschland wider komme un meine Frau die 5 Daler.

Vierter Brief.

Theuerer Scharffenstein.

Nur mit wenig Worten möchte ich eine Bitte an Dich richten. Du weißt, daß ich außer Dir in ganz Deutschland nur einen einzigen Menschen habe, von dem ich hoffen könnte, eine Gefälligkeit erzeigt zu erhalten – es ist dies mein Oheim in Sondershausen – gehe zu ihm und gieb ihm die einliegende Zeichnung – so sieht der Nachkomme jenes hochgräflichen Hauses, dessen Vorväter zu den stolzesten Geschlechtern des deutschen Kaiserreiches gehörten, aus – er wird mich nicht lange in dem Zustand lassen wollen.

Ich bin Feuermann auf einem Dampfboot – Du staunst? ja wahrlich, Du hast Ursache dazu, doch laß mich Dir nicht lange mein ganzes Elend vorerzählen – ich müßte es noch einmal durchleben und, Gott weiß es, ich habe keine Freude an der Erinnerung.

In meinem letzten Briefe schrieb ich Dir, daß ich selbst gesonnen sei ein großes Fest in New-York zu geben, um damit die vielen empfangenen Freundlichkeiten zu erwiedern. Ich besaß noch eine Summe die, wie ich Grund hatte zu hoffen, nicht allein vollkommen hierzu ausreichen, sondern mir auch noch ein kleines Capital zurücklassen würde, mit dem ich – aber was nützt es, Dir die Pläne zu erzählen die ich hatte. – Während dem Feste selbst brach irgend ein Schuft – wahrscheinlich Einer meiner sogenannten Freunde – bei mir ein, stahl mir Alles, selbst das letzte was ich an baarem Gelde in meiner Börse auf dem Tisch vergessen hatte, und als ich am nächsten Morgen – Tod und Pest, ich will den Gedanken nicht noch einmal zurückdenken, vielweniger schreiben.

Irgend ein boshafter Mensch, vielleicht der Dieb selber, hatte indessen das wahnsinnige Gerücht zu verbreiten gewußt, ich sei nicht allein gar nicht von Adel, sondern auch noch von unehrlicher Geburt, kurz es traf Alles zusammen mich förmlich in den Staub zu treten. Meine Erzählung des Raubes wurde mir jetzt nicht einmal geglaubt und Mr. Broadfoot, der reich gewordene Krämers- oder Schneiderssohn, kam am zweiten Morgen zu mir, that entsetzlich vornehm und bot mir zwanzig Dollar an, damit ich nur – ich wollte Du könntest die Zornesthräne sehn, die mir jetzt zwischen den Wimpern hängt – recht bald New-York verlassen könnte. Ich warf ihn die Treppe hinunter.

Ich überließ den Anordnern meines Festes meine sämmtliche Garderobe und Wäsche und Alles was ich mein nannte und behielt nur die vier goldenen Spielmarken, die ich zufällig an dem Morgen in meine Westentasche gesteckt.

Verlange nicht das demüthigende meiner Reise ins Innere zu hören – der Amerikaner des Westens staunt wohl, wenn er einen wirklichen lebendigen Grafen zu sehen bekommt, aber – er staunt eben nur und kümmert sich nicht weiter um ihn – das Volk ist selbst noch zu neu, zu erst erschaffen, um auch nur möglicher Weise Sinn für das Alterthum, und die Vorrechte desselben zu haben. Das wird später wohl auch kommen, aber was nützt das mir – ich erlebe es nicht.

Ich will Dich nicht mit den Einzelnheiten meines Geschicks oder besser gesagt meines Mißgeschicks langweilen, es trieb mich zuletzt auf ein Dampfschiff und drückte mir die Schürstange in die Hand – ja wäre noch Krieg gewesen – aber nein, ein ehrlicher Soldatentod wird mir versagt und ich muß jetzt hier, um wenigstens noch auf ehrliche Weise mein Brod zu verdienen, die elendesten Sklavendienste thun.

Mein Oheim wird Dir eine kleine Summe für mich einhändigen, die wenigstens ausreicht mich anständig zu equipiren und meine Reise nach Mexico zu bestreiten; ich will dort in mexicanische Dienste treten, möchte das aber nicht eher, als ich dort meinem Range angemessen erscheinen kann.

Wären Euere Verhältnisse jetzt nicht so traurig in Deutschland, so kehrte ich augenblicklich zurück, was aber ist gegenwärtig dort für einen Mann von meinem Stande zu hoffen? – nein, da lieber noch hier die Schürstange, wo mich Niemand kennt.

Schreibe mir recht bald, ich erwarte in heißer Sehnsucht die Rettung aus diesem traurigen Zustand.

Dein

Hugo.

P. S. Meine Adresse ist – Mr. Hugo – care of Bridle & Smith Nro. 8 Tchapitoulas street New Orleans. U. S.

Einen Leidensgefährten habe ich auf unserem Boot getroffen – ebenfalls einen deutschen Edelmann Namens v. Horneck, doch verschweige ich ihm meinen Namen und halte mich überhaupt von ihm entfernt – ich theile seine Ansichten nicht.

Fünfter Brief.

Staat Indiana am 1. August 1848.

Liebe Eltern und lieber Bruder.

Es freut mich recht herzlich Euch dießmal einen besseren Brief schreiben zu können, denn es geht mir lange nicht mehr so schlecht als damals, wie ich den letzten Brief an Euch schrieb. Soviel habe ich allerdings eingesehen, daß die vielen gewaltig schönen Beschreibungen von Amerika, die uns zu Hause das Maul wässrig gemacht haben nach all den guten Sachen, meistens nicht wahr, oder doch wenigstens so gestellt sind, daß man sich nicht recht hineinfindet, wenn man mit der Sache nicht recht vertraut ist, und sich nachher bei allem Schönen noch immer das Schönste dazu denkt. Und die Leute thun sehr Unrecht, die solche schönen Beschreibungen hinaus schreiben, aber ich weiß auch warum es geschieht, entweder schämen sie sich offen einzugestehn wie schlecht es ihnen geht, wo sie doch früher so geprahlt haben, oder sie sitzen auch, wie es mir hier die Leute gesagt haben, an so einsamen Plätzen und so in Noth, daß sie nur dadurch ihre Lage verbessern können, wenn sie noch recht viel andere Menschen auch dort hin ziehn.

Daß ich nun im Anfang um alles betrogen bin was ich hatte, das geht vielen Deutschen so und ich kann mich da mit vielen trösten, wer aber hier gesund ist und Lust hat zu schaffen, der kommt auch fort und wenn er eben so wenig hätte wie mir geblieben war. Aber zu keine Deutschen sollten die deutschen Handwerker gehn, wenn sie auswanderten, sondern immer zu Amerikaner. Die Deutschen sind erstlich auch nur herübergekommen um ihr Glück zu machen, und reich zu werden und die geben am wenigsten her, wenn sie's wirklich haben, und besonders an Deutsche, wo sie schon wissen daß die's zu Hause schlecht gewohnt sind. Und dann lernt man auch bei Deutschen nie im Leben die englische Sprache, die man doch als Handwerker so zu seinem Fortkommen braucht, und in deutsche Colonien muß man gewöhnlich was einzahlen, oder Land vorauskaufen wodurch man sich an die Stelle bindet, und nachher bleibt man gewöhnlich lieber sitzen, ehe man sein Bischen Eingezahltes im Stich läßt. Und die Deutschen sind auch nicht immer die besten; die bei denen ich arbeitete haben mich recht betrogen und sich viel Geld an mir verdient.

Endlich und nach und nach hab ichs aber gemerkt, und da bin ich zu Amerikanern gegangen und da hab ich viel besseren Lohn gekriegt und viel bessere Kost, und habe in kurzer Zeit englisch gelernt, so daß ich mich schon recht gut verständlich machen kann. Das klingt einmal komisch, liebe Eltern, das englisch, und im Anfang kams mir vor als ob die Leute die kauderwelschen Worte nur so Hals über Kopf heraussprudelten, daß kein Mensch einen Sinn hinein finden konnte, aber wie man sich ein Bischen dran gewöhnt, klingts ganz natürlich, und hat alles seinen Sinn, wie das Deutsche.

Was nun das betrifft, daß viele Menschen hier brodlos herumlaufen, und worüber Du Dich besonders in Deinem letzten Briefe wunderst lieber Vater, so hat das auch wohl seinen Grund. Es ist hier in Amerika gar keine Schande wenn einer umsattelt, und was anderes wird als was er draußen gelernt hat – hier arbeitet jeder was er gelernt hat, und wenn ein Schuster Kleider oder ein Schneider Schränke macht, so schadet das gar nichts, wenn er sie nur gut macht und Geld für seine Arbeit kriegen kann. Man muß sich auch nicht allein auf das setzen wozu man in Deutschland aufgezogen ist, und sonst gar nichts thun wollen, sonst kann man leicht brodlos werden. Ein armer Mann hat aber hier rechte Gelegenheit es zu was zu bringen und sein Auskommen zu haben, viel eher wie in Deutschland, denn wenn er nur ein klein Bischen fleißig ist, so kann er sich leicht was zurück legen, und wenn er nur einen ganz kleinen Anfang hat, so kann er es nachher leicht zu was bringen, denn die Amerikaner unterstützen recht gern arme Leute und die Nachbarn helfen ihnen wo das nur immer angeht. Und ein armer Mann, der in Deutschland recht viele Kinder hat, der kommt immer mehr in's Unglück, aber hier in Amerika, da ists gerade umgekehrt. Hier sind die Kinder ein Segen und helfen den Eltern auf, wenn sie alt und schwach werden. Ein armer Mann ist hier auch geachtet und es kommt nicht auf den Rock an den ich trage.

Das Land und Vieh ist hier alles sehr billig und gut und man kann mit ein weniges eine rechte hübsche Farm kaufen, denn Farm nennen sie hier ein Landgut, aber ein Deutscher, der hierherkommt, und der die Sitten und Gebräuche noch nicht kennt, der sollte sich doch ja nicht gleich ankaufen, denn dann muß er gewöhnlich aus eigener Tasche Lehrgeld zahlen und verliert vielleicht alles, was er mitgebracht hat. Am besten ists, er arbeitet erst eine ganze Zeit bei Amerikanern und lernt die Axt gebrauchen und den Amerikanischen Feldbau, denn der ist ganz verschieden von dem deutschen, und wenn er nachher ein oder zwei Jahre im Lande ist, dann kann er sich leicht ankaufen, und dann thun ihm 100 Dollar so gut, wie sonst vielleicht nicht 500, ehe er Lehrgeld bezahlt hatte. Ich arbeite noch immer bei den Amerikanern und ich befinde mich recht wohl, wenn ich aber erst ein kleines Gut habe, was gar nicht mehr so lange dauern kann, denn der Amerikaner hat mir versprochen, daß er mir helfen will, dann müßt ihr zu mir herüber kommen, liebe Eltern und lieber Bruder, und dann wollen wir hier recht vergnügt leben auf meinem eigenen Land.

Mit nächstem Jahr kann das vielleicht schon gehn aber ich will noch nichts vorher bestimmen, denn es thut einen nachher leid wenn so eine Freude zu Wasser wird. Und bis dahin grüßt Euch, liebe Eltern und lieber Bruder herzlich und von ganzer Seele

Euer Traugott Erdmann.

Den Brief für mich schickt nur nach der Stadt Vincennes in Indiana, da hol ich ihn mir schon ab, ihr müßt aber meinen Namen englisch darauf schreiben, liebe Eltern, wie sies hier machen. Der Amerikaner wird mirs hier drunter schreiben wie es sein soll.

Mr. Traugott Erdmann
to be left at Vincennes post office

I–a    U. S.

Sechster Brief.

Indiana den 15. August 1848.

Mein herzlieber Carl.

Ich hatte geglaubt Dir um diese Zeit, und wenn auch nur wenige Monat verflossen waren, schon einen Bogenlangen Brief, mit lauter Jagdabenteuern gefüllt, schreiben zu können, aber Du lieber Gott, wie hab' ich mich hier in der Amerikanischen Jagd geirrt. Fast schäm' ich mich auch, Dir in allen Stücken, besonders was meine eigenen Erlebnisse betrifft, die volle Wahrheit zu schreiben, aber – es kann doch nichts helfen, es muß heraus, am Ende kämst Du sonst selber, von meinen früheren Schilderungen verlockt, und mit den Hoffnungen müßtest Du Dich in einem Paradiese enttäuscht finden.

Um also das Fatalste gleich von vorn herein los zu werden, will ich auch ohne Weiteres mit dem beginnen. Denke Dir, dieser einfache ehrliche Farmer, den ich für so unschuldig hielt, daß ich mich fürchtete den Handel mit ihm abzuschließen, weil ich mich der Sünde scheute ihn zu übervortheilen – dieser gutmüthige Bursche, dem ich noch, um ihn ja in jeder Hinsicht zufriedenzustellen, eine wundervolle, – Esel ich – Büchse für 60 Dollar kaufte, war – ein abgefeimter Hallunke, ein ächter Yankee und Betrüger. Der Lump hat mich mit einem erbärmlichen Improvement für 250 Dollar angeschmiert, das ich hier mit größter Bequemlichkeit an jedem Tage für 50 Dollar kaufen könnte. Doch das ist das wenigste, das verzieh ich ihm gern, es wäre ein kleines Lehrgeld, wenn all seine sonstigen Aussagen nur auf Wahrheit begründet gewesen wären, aber beim Himmel, der Kerl hat kein wahres Wort über die Zunge gebracht, und ich glaube meiner Seele, er lügt sogar im Traume.

Daß er Bären aus seinem Küchenfenster schießt, ist aus zwei Gründen unmöglich – erstlich hat er in dem Haus gar keine Küche, denn das was die Leute hier Küche nennen, ist nur ein Schuppen und hat wieder gar kein Fenster, und dann – wenn wirklich Küche und Fenster da wären, – giebts keine Bären. Keine Bären? – rufst Du erstaunt, das ist aber noch nicht Alles – auch keine Hirsche, Panther, Truthühner und wie das Zeug sonst alles heißen sollte, was hier, des alten Jägers Aussage nach (soll mich der Böse holen wenn ich jetzt glaube, daß der Kerl überhaupt ein Jäger war) den Wald förmlich durchwimmelte. Opossums oder Beutelratzen schießen sie hier manchmal - ekelhaftes Zeug, das hauptsächlich vom Aas lebt, und das man auch oft mit dem Stocke todt schlagen kann, also gar kein jagdbares Wild. – Truthühner lassen sich in der That manchmal blicken, auch kommt zu Zeiten ein Hirsch in die Nähe der Farm, doch, Du lieber Gott, da kann sich Einer die Beine ablaufen, ehe er von denen nur etwas zu Gesicht bekommt.

Du kannst Dir übrigens einen Begriff machen wie die Jagd hier bestellt ist, wenn ich Dir einen kleinen Auszug aus meinem, wie Du sehn wirst, sehr hoffnungsvoll angelegten Beuteregister mittheile; ich thue das übrigens auch mehr mir zur eigenen Strafe, als Dir zur Erbauung, denn ich habe mich im vorigen Monat, trotz all der gemachten Erfahrung, doch einmal wieder nach Canada hinauf zur Bärenjagd sprengen lassen, und natürlich weder etwas geschossen, noch überhaupt gesehen:

Bären Panther Büffel Hirsche Füchse Truthühner Anderes Wild
1 1 17 Prairiehühner.
20 Rebhühner.
13 Kaninchen.

Den einen Hirsch schoß ich am Wabasch und den einen Truthahn Morgens dicht bei der Ansiedlung, wohin er sich, Gott weiß wie, verirrt hatte. In Illinois war ich einmal drüben und schoß eine hübsche Parthie Prairiehühner – Dinger so groß wie unsere Haushühner, aber an größeres Wild, wie Bären, Panther und Büffel ist gar nicht zu denken. Büffel sind nun vollends in die Möglichkeit weit gen Westen getrieben; ein alter Bär kommt dagegen manchmal hier durchgeschlendert, und ist auch im vorigen Jahr einer in der Gegend geschossen worden – das wird aber als Merkwürdigkeit erzählt.

In der Nachbarschaft des Ortes, wo ich auf der Farm des alten Mannes meinen Wohnsitz aufgeschlagen habe, ist die Jagd nur höchst mittelmäßig und was der Strick, der wahrscheinlich gewittert hatte ich sei ein leidenschaftlicher Jäger, von der Gefahr erzählte, in welcher der ganze Viehstand durch die Masse der wilden Thiere schwebe, ist eine nichtswürdige Fabel. Wölfe giebt es allerdings hier viel, und die Regierung hat eine Belohnung auf jeden Wolfsscalp gesetzt, so scheu aber sind sie und so schlau, daß ich, der ich in der ersten Zeit besonders den Wald von Morgens bis Abends nach allen Richtungen durchstreifte, noch nicht einen einzigen Wolf zu Gesicht bekommen, vielweniger erlegt habe.

»Hirsche für die Hunde erlegen,« ei so lüg du und der Teufel, und ich dankte jetzt Gott, wenn ich selbst ein Stück Wildpret hätte, aber Gott bewahre, trocknes Rindfleisch muß ich kauen oder Speck essen und will ich denn nun einmal Wild haben, so sind's Eichhörnchen, die man hier verzehrt, und die auch wirklich ausgezeichnet schmecken. Du lieber Gott, wer mir in New-York gesagt hätte, daß ich in Indiana, viele hundert Meilen im Westen drin, auf die Eichhörnchenjagd gehn würde. Muß der Schuft über mich gelacht haben, wie ich ihm die Büchse kaufte, – nun weiß ich auch weßhalb er gepfiffen hat.

Und das sogenannte Improvement ist keine 20 Dollar werth; das beste Improvement das ich auf dem ganzen Besitzthum machen könnte, wäre, wenn ich die beiden wahnsinnigen Blockhütten die darauf stehn, ansteckte – thu' ichs nicht, so stürzen sie mir doch nächstens einmal auf eigene Faust über dem Kopfe zusammen; und das Land – da könnt' ich wieder von vorn anfangen und urbar machen – Alles ist mit Büschen und Bäumen wieder bewachsen und kaum ein Platz von einem halben Acker frei, wo der Schuft Kartoffeln hat stehn gehabt. Von den Kühen sind bis jetzt auch erst zwei aufzufinden gewesen und mein einziges Vergnügen hab' ich noch an den Schweinen – die sind so wild, daß ich jedesmal förmlich auf die Jagd gehen muß, wenn ich eins haben will – selten komm ich dann in gute Schußnähe heran; muß jedoch jedesmal bei solcher Gelegenheit einen Farmer bitten, mich zu begleiten, weil ich mein Zeichen oder dem Lump sein Zeichen vielmehr nicht aus dem andern heraus erkennen kann. – Die Schweine sind nämlich mit Schlitzen und Löchern im Ohr »gemarkt«. Es hat mir neulich ein Nachbar hier für Land und Vieh, wie's daliegt 50 Dollar geboten; wenn der Thor genug ist das noch einmal zu thun, hat er's, und mög's ihm wohl bekommen.

Doch nun ein Wort zu Dir über Amerikanische Jagd, denn ich sehe Du verlangst darnach. Lieber Carl, die Sache habe ich mir ganz anders gedacht. Ja Du lieber Gott, in Deutschland hat man davon ganz falsche Begriffe. Die Jagd war das in den Vereinigten Staaten, was wir jetzt noch von ihr erwarten, aber seit langen Jahren ist ja auf das Wild förmlich hineingewüthet, und da muß es wohl einmal dünn werden. Ich habe hier vor einigen Tagen einen Jäger aus Arkansas – dem besten Jagdgrund der Union gesprochen, und der hat mir ganz aufrichtig das folgende mitgetheilt.

Es giebt noch Gegenden in Arkansas und überhaupt westlich vom Mississippi, wo ein guter Schütze, und besonders einer der mit dem Wald bekannt ist und sich nicht leicht verlaufen kann, seinen Hirsch und auch manchmal einen Bär schießt; auch Truthühner soll es dort noch an gewissen Plätzen in ziemlicher Anzahl geben, aber die Zeit, wo man die Bären aus den Fenstern schoß, ist für die Vereinigten Staaten vorbei. Auch von der Jagd leben, wie ich das früher fest geglaubt, kann kein Mensch mehr dort, er verstände denn wirklich weiter Nichts als leben darunter, aber was für eine Existenz wäre das; Jahraus und ein ununterbrochen im Walde zu liegen und weiter keine Abwechslung zu haben, als die, die sich ihm zwischen frischem und getrocknetem Fleische bietet.

Was den Verkauf des erlegten Wildes betrifft, so giebt es an den Stellen, wo Wildpret überhaupt einen verkäuflichen Werth hat, weder Hirsche noch Bären mehr, und wo die noch existiren, da ist man froh, wenn man einmal ausnahmsweise für einen ganzen Hirsch acht Groschen kriegt, oder die Keulen zum Verkauf trocknen kann. Zu verdienen ist aber mit der Jagd gar Nichts und nach alle dem, was ich jetzt darüber gehört – denn die Aussage des Arkansas-Mannes wurde mir von Mehreren bestätigt, bin ich überzeugt, man kann, wenn man in noch unbesiedeltem Lande sich niederläßt, dann und wann einmal seinen Hirsch oder Truthahn schießen und in sofern, wenn man die Jagd als Erholung betrachtet, Nutzen daran haben, indem man das selbst verzehrt, was man erlegt, sonst aber als Erwerbszweig ist diese Sache Essig.

Doch genug für jetzt, mein guter Carl, ich werde wahrscheinlich weiter westlich ziehen, und sobald ich meinen neuen Wohnsitz bestimmt habe, sollst Du mehr von mir hören. Bis dahin grüßt Dich herzlich Dein

Fritz Sternberg.

Siebenter Brief.

Guter Edde und allerbeste Mämme.

Gott der Gerechte was is das vor a Land, Edde? Nehmt de Mämme und den Schmul und den Moses und de Rachel, und bringt se so schnell ihr kennt nach Amerika. Wie haißt Amerika – Canaan sillts haiße – soll mer Gott helfe und will ich nich gesund auf meine Fiße stehn. Seekrankheit? – wie haißt Seekrankheit? – Cholera, s' böse Wesen und die Pocken – Alles wär net ze viel wenn mer nur kennt damit komme nach Amerika.

Was ich for Geschäftcher gemacht hab, sait ich in Amerika bin? – frog mich der Edde mol noch meine Geschäftcher – bin ich jetzt drei Monat in's Land gewese und was hab ich verdient in die drei Monat? – will ich nich gesund auf meine Fiße stehn – 700 baare Dollars klingende Münze hab ich verdient, un womit hab ich die Geschäftcher gemacht, mechte der Edde wissen? mit klaine winzig klaine Paket'ger hob ich se gemacht, un nur getauscht hab ich Silber mit Silber wie en ehrlicher Mann.

Nu die Geschicht is gar ainfach – hab ich mich doch geferchte in Anfang in 'en Wald ze gehn, aus Forcht vor die wilde Katzen und Bären. – Wie haißt wilde Katzen – will ich nich gesund auf meine Fiße stehn wenn ich nich schon drai Monat im Lande 'rim handle und noch nich gesehn habe an ainzige wilde Katz, vielweniger en Kater. Aber was sin das vor Menschen hier im Land, in Pensilvanien und Ohio und in Indiana und Kentukki? – Gott der Gerechte, Menschen sind's wie die Kinder, so unschuldig wie die Täubcher. Die Mämme hätt' ihre Fraid gehabt, wenn se's hette sehn kenne, wie se den Veitel getracktirt haben un in was ver schaine Betten er geschlofen hat. Und mit was hat der Veitel hauptsächlich gehandelt? – Fragt ämol den Veitel mit was er gehandelt hat? – mit Juwelen Bischutterie und silberne Leffeln hat er gehandelt, will ich nich gesund auf meine Fiße stehn, wenn er nich gehandelt hat mit Bischutterie und silberne Leffeln.

Aber den Edde muß ich vorher in's Gehaimniß lasse – das Englisch is nemlich a ganz firtreffliche Sprach – un 's drickt die Sach so gnau aus, wo's sie beschreibt, daß mer's im Dunklen erkennen kennt. In Daitschland haißt's Argentan oder Neisilber – wie haißt Neisilber – was thu ich demit ob's nei oder alt is? wos vor a verständiger Mann is devor der Amerikaner – der nennt's deitsches Silber, Dschermen Silwer wie se hier sagen, un wenn ich gekommen bin zu die Lait und hab ihne gebracht Leffeln von Dschermen Silwer so habe se mich gewehnlich gefragt – wie haißt Dschermen Silwer – is das was besonderes oder was anderes als Amerikanisches Silber? »Gott der Gerechte« hab ich denn aber gesagt – »muß doch Silber haißen wenn es in Dschermani is, Dschermen Silber und wenn es in Amerika is, Amerikanisches Silber, will ich nich gesund auf meine Fiße stehn, wenn da waiter en Unterschied is als der Prais – wir Deitsche nehmen mit wenig Verdienst vorlieb – aber mer sin reell.« Gott der Gerechte sill mer beistehn wann ich nich habe gehabt 700 Procentchen un die ainzige Unbequemlichkait in der waiten Gotteswelt, daß ich nich bin wieder gekommen ganz genau in die Gegend.

Un hab ich immer geglaubt, 's wär ä Unglick daß uns Kainer kennt hier und mer net Credit hättet – wo so Unglick g'rod des Gegenthail ist's – Gottes Wunder was wir Jüdden hier vor en Credit haben – 's geht ins Hebräische hinain und immer waiter, immer waiter. Im Anfang en klans bissel un nachher immer greßer und der Itzig Löwenhaupt hat schon 5 Städte, wie er sogt, wo er nich mehr hinkommen derf, bei mir fangts aber erst an un der Itzig is schon a angesehener raicher Mann.

Gott der Gerechte, wenn ich doch de Rachel hier hätte, was hat mer hier en Feld vor Geschäftcher, und den Edde und die Mämme aber se alle missen noch her kommen nach Amerika. – Wie haißt Bamberg? – was thu ich mit Bamberg –? net abgemolt mecht' ich sain in Bamberg.

Un frogt ämol den Veitel wo er sain klan Kerbche hindahn hot, mit dem er is schachere gange, un wo ihn die Lait haben uf die Stroß gesetzt, geschwinder als er is hinain gekomme? – Gottes Wunder, wie haißt Kerbche jetzt? un der Veitel hat ä klan's Wägelche un ä lebendiges Pfärd, un oben druff sitzt er mit seine Packjes und kutschirt im Lande herim wie ä Färscht – frogt ämol den Veitel wo er sain klan Kerbche hindahn hot.

Gott behit's Edde und Mämme – macht Eich kaine Sorg' um den Veitel, es geht Eirem Jingelche gut – so grißt mer de Rachel un der Simon soll riber kommen mit sain klain Handel und der Stern und der Rosengarten – aber sogt en nix von die Leffeln, Edde – wo ich gewese bin kenne se doch nix verdiene un setzen sich nur Unannehmlichkeiten aus – und wo ich nich gewesen bin – Gottes Wunder, was brauch ich do den Stern und den Simon und den Rosengarten? do geh ich selber hin.

Gott behits noch e mol, Edde und Mämme und es grißt Eich herzlich

Eier lieber Sohn

Veitel.

Der Klöppeldistrict des sächsischen Erzgebirges.

Es ist seit langen Jahren, und besonders seit der Zeit, wo ich die Vereinigten Staaten von Nordamerika kennen gelernt, immer ein Lieblingswunsch von mir gewesen, die unglücklichen Proletarier unseres so sehr übervölkerten Vaterlandes nach jenen fruchtbaren Gefilden der neuen Welt hinübergeschafft und sie so ihrem fürchterlichen Elende gewissermaßen mit einem Gewaltstreich entrissen zu sehen. Bis jetzt ist das freilich noch ein frommer Wunsch geblieben; die Idee einer solchen Auswanderung durchzuckte mir auch nur manchmal in form- und gestaltlosen Bildern das Hirn, ich hatte mir selbst noch keine Rechenschaft darüber gegeben oder das Für und Wider solcher That geprüft und erwogen. Als uns aber der wieder und immerwieder kehrende Jammer jener Gegend stets zu neuer Hülfe und Unterstützung rief, als ein Nothschrei nach dem andern aus den Bergen drang, da stieg der alte Wunsch in mir immer lebendiger und kräftiger auf und im Geiste sah ich schon die Schaaren fröhlicher Auswanderer auf wogender See einem neuen, glücklichen Leben entgegeneilen.

Wohl sprach ich mich jetzt gegen Freunde und Bekannte darüber aus und suchte zu erfahren, auf welche Art ein solcher Schritt möglicher Weise zu realisiren wäre; die Leute schüttelten aber fast Alle mit dem Kopf und sagten einfach: »Das geht nicht – das thut's in den Gebirgen nicht – der Bergbewohner klebt an der Scholle und ist nicht fortzubringen, ja kann nicht einmal in seiner nächsten Umgebung verwendet werden; überdies sind sie schwächlich und entnervt und würden unmöglich die schwere Arbeit des Landurbarmachens ertragen können.« – Und gleich danach kamen unzählige Beispiele von Dienstmädchen, die es wundergut bei ihren Herrschaften hatten und doch nicht aushielten, sondern wieder zurück in's alte Elend liefen, – von Knechten, die entweder ihrer Arbeit nicht gewachsen, oder aus anderen Gründen nicht zu bewegen gewesen waren außer dem Gebirge auszuhalten, und das Resultat blieb stets das nämliche: ein solcher Versuch wäre unnütz – die Leute hielten es nicht aus.

Dem konnte ich nicht mehr widersprechen, denn ich kannte die Menschen ja nicht, über die ich solches Urtheil hörte; der Gedanke ließ mir aber keine Ruhe und ich beschloß einmal selbst hinauf zu wandern und mich an Ort und Stelle von der Wahrheit des Gesagten zu überzeugen. Allerdings war es damals gerade Winter und das Erzgebirge wird in dieser Jahreszeit von den Bewohnern des flachen Landes gewöhnlich für eine Art von Sibirien gehalten. Das schien mir aber auch in sofern die passende Zeit, als ich die Familien mehr zusammenfand und mich eher davon überzeugen konnte, ob die »Stubenhocker« auch wirklich für jede andere Arbeit untüchtig und verloren wären. Angenehm war es mir, daß ich mit einem Spitzenhändler Hrn. H., die Reise wenigstens zum Theil gemeinschaftlich machen konnte; ich wurde dadurch gewissermaßen in jene Gegend eingeführt und brauchte meine Zeit nicht mit langem Suchen zu verlieren.

Am ersten Tag erreichten wir Eibenstock, eine aus lauter Eckhäusern bestehende Stadt, und ich fand mich hier, wenn auch noch nicht mitten unter ihnen, doch schon im Bereich der Unseligen, die den Titanenkampf gegen englische Fabrikate kämpfen.

In und um Eibenstock wohnen eigentlich mehr die Tambourirer als Klöppler, aber auch hier hat das Elend schon seine Vertreter; bleiche abgemagerte Gestalten, die von Morgens, bis Abends spät, über dem Stickrahmen beugen und mit geschäftigen Händen die Erhaltung ihres Lebens, wenige Neugroschen, zu erstreben suchen. Durch den freundlichen Eifer des Herrn Oberförster Thiersch ist erst jetzt ein Arbeitshaus errichtet, wo die Kinder ganz armer Eltern wenigstens in warmer Stube und bei freiem Lichte arbeiten können. Manches arme Kind, das bis dahin bettelte, verdient doch jetzt wenigstens etwas die Woche; aber die Preise sind heruntergedrückt, eine gute Arbeiterin kann mit aller Noth wirklich nur wenige Groschen verdienen, und Sorge und Mangel furcht die bleichen farblosen Wangen.

Auch eine Schwefelholzfabrick – von lauter Kindern – ist in Eibenstock. Hier werden Streichhölzchen fabricirt – die gewöhnlichen Streichhölzchen in Papierkapseln, unten mit Sand beklebt. – Die Kapsel, die vielleicht 60 bis 80 Stück enthält, zu – einem Pfennig. Und die Kinder leben und athmen die ganze Zeit in dem Phosphordampf – einzelne Eltern behielten sogar die Kleinen zu Hause, weil sie »den Geruch nicht aushalten konnten,« den jene mitbrachten; – die Noth zwang sie aber doch bald wieder dazu, sie an die Arbeit zu schicken und – sie gewöhnten sich endlich daran.

Von Eibenstock brachte uns am nächsten Tage ein vierstündiger Marsch, oder eigentlich mehr Spatziergang, durch prächtigen schneegefüllten Nadelwald und malerische Schluchten und Thäler, bergauf und ab nach Breitenbrunn. Aber schon unterwegs kamen wir durch einzelne Klöppeldörfer und die Fenster füllten sich überall, wie sie die fremden Männer vorbeigehen sahen, mit einer wahren Unmasse von kleinen Köpfen. Jedes einzelne Haus sah aus, als ob es eine Kinderbewahranstalt wäre.

Mir graute es im Anfang davor, eines derselben zu betreten; die niederen Stuben sahen von Außen alle so dumpfig und gedrückt aus; wie erstaunte ich aber, als ich mich endlich überwand, über die Reinlichkeit und Ordnung, die in diesen Räumen der Noth und des Elends herrschten. Das erste derartige Zimmer, was ich sah, war in Sosa, einem kleinen Dorfe zwischen Eibenstock und Breitenbrunn. Mehre Familien, wie das im Erzgebirge gewöhnlich der Fall ist, wohnten darin, und ein paar junge Mädchen waren noch mit ihren Tambourir- und Stickrahmen aus der Nachbarschaft zum Besuch gekommen – d. h. nicht etwa zum Kaffee und zum Plaudern, die Armen haben keine unnütze Zeit zu versäumen und keinen Kaffee zu trinken, sondern um gemeinschaftlich im warmen Zimmer die mühsame Arbeit zu fördern. Nur einige von diesen tambourirten, die übrigen klöppelten, und ich hörte hier zum ersten Male das monotone, unheimlich raschelnde Geräusch der hin und hergeworfenen Klöppel.

Es waren weiche, schwächliche Gestalten, aber ihre Gesichter sahen nur bleich, nicht kränklich aus – die Stubenluft und die sitzende Arbeit lähmte ihnen nur die Körper- und Geisteskraft, und hatte sie noch nicht ertödtet. – Die unheilvolle Ursache einmal beseitigt, und nicht ausbleiben würde die segensreichste Wirkung; nur das gutmüthige Lächeln, mit dem sie die Fremden empfingen, hatte etwas Leidendes. Das Ganze war mir aber noch zu neu – ich schämte mich zu fragen, ich hielt es für Sünde, diese Armen, Unglücklichen auch noch durch, wie sie doch jedenfalls glauben mußten, bloße Neugierde zu kränken; erst später verlor sich das, als ich Hütte nach Hütte betrat und an den Jammer gewöhnt, endlich auch Worte fand, seinen Grund zu erfahren, ohne mehr zu fürchten, den Gefragten wehe zu thun.

In Hütte nach Hütte aber fand ich dieselben Gestalten, fand ich dasselbe Leid – ein Dorf glich darin dem anderen, und nur manchmal, wo das Elend seinen höchsten Grad erreicht, wo die Unglücklichen nicht allein kein Bett, sondern nicht einmal einen Platz hatten ihr Stroh trocken hinzulegen, auf dem sie Nachts die erschöpften Glieder ausstrecken, so daß dieses also in den Stuben bleiben mußte, sahen dieselben unordentlich und dadurch unreinlich aus. Die natürliche Folge davon aber ist, daß der Staub und Schmutz ihre Arbeit unansehnlich macht, und sie nun auch noch mit den Preisen gedrückt werden.

Die Klöppelarbeit erfordert nämlich die größte und möglichste Reinlichkeit, da die Spitzen nicht mehr gewaschen werden, sondern gleich von den Kissen weg zum Verkauf kommen; die Klöppler und Klöpplerinnen haben denn auch feine weiße Hände, ihre wohl oft zerissene und tausendmal geflickte Wäsche ist schneeweiß, die Diele und das Hausgeräth auf das Sauberste gescheuert – keine Spinnenwebe in der Stube, kein Schmutz unter dem Ofen oder in den Ecken, auch das wenige irdene Geschirr – Gott weiß es, es ist wenig genug – reinlich aufgewaschen und an seinen gehörigem Ort.

Rührend ist es dabei, mit welcher Liebe der arme Erzgebirger an seiner Heimath hängt; Jeder, der mit ihm nur je in Verbindung kam, weiß Beispiele zu erzählen, wie die Söhne und Töchter der ärmsten und elendesten Familien doch nicht unter besseren Verhältnissen, aber von den Ihrigen getrennt, aushalten wollten, und lieber wieder in den alten Jammer zurück flohen, lieber das Leid zu Hause mit den Ihrigen theilten. Mir kommt das aber, was bei diesen Menschen Heimweh genannt wird, eher wie eine Krankheit, wie eine Angst vor, die sie in der ihnen fremden Umgebung erfaßt. Es ist das Alles wahr, daß die Erzgebirger nicht unter fremden Leuten ausharren wollen, daß Knechte wie Mägde guten Lohn und nahrhafte Kost verlassen und lieber an ihren Klöppelkissen oder bei der heimischen Arbeit, aber mit den Ihrigen doch zusammen, hungern und Noth leiden. Aber nicht Faulheit ist daran Schuld, wie es ihnen nur zu oft aufgebürdet wird, nicht Widerwillen ist die Schuld, den sie gegen härtere, als die gewohnte Arbeit, fühlen sollen, denn die Klöpplerin arbeitet auch von Morgens früh bis spät in die Nacht, und der Mann verrichtet im Sommer die gewiß nicht leichte Waldarbeit und bestellt sein Feld. Nein, es ist einestheils die Furcht, die das Mädchen wieder aus ihrem Dienst treibt, sich die weichen Hände zu verderben und dann zum Klöppeln nicht mehr tauglich, für immer aus ihrem Familienkreis ausgeschlossen zu bleiben; es ist das unbehagliche Gefühl, das den Knecht ergreift, wenn er sich seines linkischen ungeschickten Benehmens wegen verlacht und verachtet sieht oder auch nur glaubt, und dann in der That nicht im Stande ist, mit seinem, durch keine gesunde Nahrung gekräftigten Körper eben so viel und so gute Arbeit liefern zu können, als seine Kameraden. Ist dann auch der Herr nachsichtig mit ihm, will er ihn nach und nach gewöhnen und heranziehen, so fühlt der Erzgebirger nur zu gut, wie er indessen von seinen Mitarbeitern verachtet wird, und muß vielleicht auch noch rohe Reden darüber hören, daß er eben so viel ißt, eben so viel Lohn erhält als ein Anderer und nur halb so viel dafür leistet.

Woher kommt aber diese Weichlichkeit des Geschlechts? Woher kommt dieser abhängige, schüchterne Charakter eines Bergvolkes? Noth und Mangel hat es nach und nach entnervt. Die ewige vegetabilische Nahrung, und diese nicht einmal in einem gesunden und genießbaren Zustand, hat an seinem Mark und Leben gezehrt. Und haben diese Leute denn eigentlich wirklich gelebt? heißt das ein Leben führen? sind das mit Vernunft und Gefühl begabte Wesen, wie sie da bei dem monotonen Klappern der hölzernen Klöppel zusammenkauern und Woche aus und ein für wenige Groschen an einem vorgezeichneten Muster arbeiten, nur um zu existiren? Nein, es sind nur lebendige Maschinen, die blos da zu sein scheinen, eine gewisse Quantität Spitzen – so und so viele hundert Ellen – anzufertigen, um dann wieder zu denen, die sie zu Mangel und Jammer der Welt gegeben, in die steinige Erde gelegt zu werden.

Und könnten sie noch wirklich dabei existiren – – wären sie im Stande, wenigstens so viel zu verdienen, daß sie nicht allein das Leid, nein auch die Freude des Lebens genössen, so möchte es noch sein; aber so blieb ihnen selbst nicht einmal Zeit in ihrer Jugend mehr als die einfachsten Schulkenntnisse zu erwerben, denn sie müssen ja schon zu Hause, selbst als Kinder, mit an dem ganzen gemeinschaftlichen Tagewerke schaffen, um nicht gemeinschaftlich mit zu verhungern. Allerdings ist von der Regierung viel für Schulen gethan, so viel vielleicht, als es für einen so ausgebreiteten Strich des Elends möglich war; aber diesen Versuchen einer wohlthätigen Belehrung haben die Verhältnisse selbst, und leider mit nur zu vielem Erfolg, entgegengearbeitet.

Die Dörfer des Erzgebirges, besonders die ärmsten, wie Breitenbrunn und vorzüglich Rittersgrün, liegen über weite Bergflächen zerstreut und es ist z. B. in dem letzteren Dorfe den armen Kleinen dadurch förmlich unmöglich gemacht, bei tiefem Schnee die unten im Thal liegende Schule zu besuchen – selbst wenn sie, was leider nur zu oft nicht der Fall ist, Kleidung hätten, die sie vor Wind und Wetter schützte. Aber auch wirklich den Fall angenommen, daß sie im Stande wären, die Schule, und zwar regelmäßig zu besuchen, was haben die armen, durch ihre sonstige Umgebung in keiner Weise angeregten Kinder dann gelernt? nothdürftiger Weise etwas Lesen, Schreiben, Rechnen und – Bibel- und Katechismusverse. – Die letzteren sagten ihnen auch am meisten zu – das Hersagen solcher Verse und Lieder und das einförmige Geräusch der Klöppel paßte vortrefflich zu einander, aber dadurch zog sich der kaum entzündete Funke von Geist wieder mehr und mehr in sich zurück, und verlöschte endlich nach kurzer Zeit in dem weiten Meer des Elends, wo er mit dem Ringen nach einem Lebensunterhalte langsam aber sicher versank und keine Spur mehr in den bleichen ausdruckslosen Zügen zurück ließ.

Welchen Begriff hat ein solcher Unglücklicher von der Welt? keinen – er kennt nur den Jammer der ihn umgiebt, und nicht einmal die Hoffnung kann ihn trösten, denn was soll er hoffen? das Grab – nur im künftigen Leben, hat ihm sein Pfarrer gesagt, blüht der Lohn für sein Ausdauern und Harren und er harrt, – aber dauert nicht aus, denn er geht nach und nach physisch und moralisch zu Grunde.

In Breitenbrunn, wo wir bei dem dortigen Pastor Hrn. Uhlmann freundliche Aufnahme fanden, besuchte ich Abends die Klöppelschule. Am Tag arbeiten dort auch Erwachsene, so spät aber trafen wir nur noch Kinder; Kinder von sieben bis zwölf und vierzehn Jahren, meistens Mädchen. Je sechse saßen auf einer Art von Fußbänken um einen hölzernen Schämel herum, auf dem eine einfache Blechlampe brannte; sie hatten nicht das Gesicht dem Schämel zugedreht, sondern hockten von der Seite immer Eine hinter der Anderen im Kreis, während eben so viele mit Wasser gefüllte Glaskugeln, wie sie die Schuhmacher bei ihrer Nachtarbeit gebrauchen, den scharfen, blendenden, aber schmalen Lichtstrahl nur eben auf den Punkt ihrer Klöppelarbeit warfen, wo sie ihn gebrauchten. Und so sitzen diese Kinder Tag aus Tag ein; des Morgens haben sie einige Stunden Schulunterricht, der Nachmittag findet sie wieder im lauten Geklapper ihrer Arbeit. Spiel und Erholung kennen sie nicht – sie rasten nicht – und doch – doch rasten sie manchmal – der Klöppellehrer erzählte uns mit leiser Stimme, »die armen kleinen Dinger hätten schon mehr male mit Arbeiten aufgehört und gemeint: sie könnten nicht mehr – sie wären so hungrig.« Der arme Teufel konnte ihnen selbst nichts geben, er verdient mit seiner Frau auch nur 2½ Thlr. die Woche und hat fünf Kinder.

Und doch sind diese Klöppelschulen ein Segen für die Unglücklichen – sie haben doch wenigstens eine warme Stube und freies Licht und bekommen Geld für ihre Arbeit. Aber nicht in allen Klöppelschulen ist das der Fall – das teuflische Drucksystem fängt auch im Erzgebirge wieder an aufzublühn, und das fehlt jetzt nur noch, die Bewohner desselben ganz zur Verzweiflung zu bringen. Fast alle die Factoren oder Verleger von Spitzen legen dort oben noch neben ihrem Geschäft kleine Ausschnittläden an, und wenn auch Manche brave rechtliche Leute sind, die keinen Mißbrauch damit treiben, so giebt es doch auch wieder gewissenlose Menschen unter ihnen, welche die Noth der Armen benutzen, nicht allein die Preise herunter zu drücken, sondern ihnen auch noch werthlose Waare aufzudringen, mit der sie nachher Tagelang umherlaufen müssen, um sie nur, natürlich wieder mit Verlust, anzubringen.

Breitenbrunn wie Rittersgrün sind mit die ärmsten Dörfer des Erzgebirges; Hunderte von armen Familien leben dort, ja das letzte Dorf besteht fast einzig und allein, und mit nur sehr wenigen Ausnahmen, aus solchen Unglücklichen. Die Pastoren derselben sind denn auch in der That mehr Armenpfleger als Seelenhirten; sie müssen mehr Zeit darauf verwenden, die Körper als den Geist ihrer Beichtkinder zusammen zu halten, denn der Arme hat ja weiter Niemanden als gerade seinen Pastor, der ihm die ewige Barmherzigkeit Gottes predigt – dieser allein giebt ihm eine, wenn auch weit hinaus geschobene Hoffnung auf ein künftiges Leben – ach es ist die Einzige, die der Unglückliche kennt, und er blickt nun vertrauend zu dem Mann empor, der ihn zu trösten und aufzurichten sucht.

Die Pastoren könnten hier von vielem und großem Einfluß sein, und Manche sind es auch, andere aber wieder, und vielleicht in ganz guter Absicht, quälen ihre Pfarrkinder noch mit dem, was eigentlich freiwillig aus innerstem Herzen springen sollte, mit der Religion und dringen darauf, daß »Gottes Tempel« nicht allein in »gutem Zustande« sei, sondern auch »anständig aussehe.« In den ärmsten Dörfern, wo Hunderte von Einwohnern wie die Schafe zusammengepfercht und in elenden Hütten, oft ohne Betten liegen, wird das stets unter die »nothwendigsten Ausgaben« gerechnet, daß die Kirche restaurirt werde. Sogar in Rittersgrün, wo mir der Pastor selber sagte, daß sein ganzes Dorf wie ein einziges Armenhaus dastehe, verlangt er zwölf- oder vierzehnhundert Thaler für die Herstellung der etwas baufälligen Kirche, und wollte zu diesem Zweck eine Pfennigsteuer erheben. Die Menschen können auf faulem Stroh liegen, aber der liebe Gott darf nicht mit einem gewöhnlichen und billig hergestellten Bethaus, wie ich es vorschlug, abgespeist werden. – »Das Dorf kann doch nicht ohne Kirche sein?« rief er erstaunt. Und der Mann meint es sicherlich gut, denn er hat schon unendlich viel für die Armen gethan, wenn er auch die etwas bevorzugt, die am regelmäßigsten zur Communion gehen und die Kirche besuchen.

Die Erzgebirger sind arm, aber ehrlich, Diebstähle fallen nur höchst selten bei ihnen vor; selten, aber doch manchmal. So war ich in Rittersgrün in einer Hütte, wo auch Gott weiß wie viel Personen in einem engen Käfterchen zusammenstaken, die übrigens Alle zu einer Familie, wenigstens zu einer Verwandtschaft gehörten; unter diesen saß eine schwangere Frau, vielleicht acht und zwanzig Jahre alt – oder wohl auch jünger, denn die Noth altert vor der Zeit – der liefen aber die Thränen über die Backen, als der Pastor, der uns begleitete, ein paar Worte mit ihr sprach. Böse Menschen (in Rittersgrün meinten sie, die Diebe müßten von der nicht fernen böhmischen Grenze herübergekommen sein) hatten ihr vor einigen Tagen das einzige Bett gestohlen, was sie mit ihren Kindern bis dahin getheilt. – Schwanger – unausgesetzte Arbeit den Tag über, Hunger und Sorge um die Kinder – und nicht einmal ein Bett, auf dem sie Abends die müden Glieder ausstrecken konnte. Vor der Thür der Hütte lagen auf dem Schnee drei weißgewaschene Hemden zum Trocknen; weiß gewaschen waren sie wohl, aber nur mit Mühe hielten noch die unzähligen kleinen Lumpen zusammen.

Mit Sonnenuntergang verließen wir Rittersgrün und wanderten durch eine Gegend, die im Sommer paradiesisch sein muß, am Schwarzwasser entlang auf Raschau zu.

Am nächsten Morgen trennte ich mich von meinem bisherigen Reisegefährten und wanderte allein das Dorf entlang, der Straße nach Annaberg folgend. Ich weiß nicht, wie die Dörfer zu anderer Zeit dreinschauen mögen; aber jetzt, von dem weißen blendenden Schnee umgeben, sahen sie alle mit ihren blank gehaltenen Fensterscheiben reinlich und sauber aus; der hie und da vom Eis befreite Bach rauschte und murmelte dabei fröhlich durch's Dorf hin und neugierige Kindergesichter blickten hie und da aus den Fenstern zu mir herüber, immer jedoch augenblicklich wieder und blitzesschnell verschwindend, sobald ich nur den Kopf zu ihnen hinwandte. Raschau kam mir im Ganzen nicht so ärmlich vor, als die früheren Orte die ich gesehen, dennoch fehlte es wahrlich nicht an den Hütten der Noth und des Elends. In einer von diesen fand ich eine freundliche Familie beisammen – die Mutter mit zwei erwachsenen Töchtern und drei oder vier anderen kleineren Kindern.

Die Leute schienen wenigstens das Nothdürftigste zu haben, die Stube war hell und geräumig, ihr Anzug, wenn auch einfach, doch wenig geflickt und von größter Sauberkeit, und die Kinder sahen, wenn auch bleich, doch nicht gerade so hohläugig darein, wie ich das leider bei so vielen gefunden. Der Mann war Bergmann und stak jetzt irgendwo in der Erde, die Frauen aber saßen gar eifrig an ihren Klöppelkissen und förderten die klappernden Spuhlen. Und was verdienten sie mit dieser Arbeit? – Für drei Viertel Zoll breite, sauber geklöppelte Spitzen bekommen sie von dem Händler für zehn Ellen fünf gute Groschen vier Pfennige, für zehn Ellen, an denen eine erwachsene Person mehrere Tage arbeiten und auch noch das Leinengarn zugeben muß. Die Leute hielten mich für einen Spitzenhändler und boten mir ihre Waare, als ich sagte, daß ich eine Kleinigkeit zu kaufen wünsche, um diesen Preis an. Ich kaufte an demselben Tag noch schmalere Spitzen – etwas über ein Drittel Zoll breit, die mir die Frau für fünf Neugroschen für zwanzig Ellen anbot. Als sie hörte, daß ich kein Spitzenhändler sei und nur ein einzelnes Stück kaufen wollte, setzte sie dann schüchtern hinzu: »so dürfen Sie mir schon ein paar Pfennige mehr geben – es ist gar wenig.«

In Oberscheibe, links und rechts zwischen ärmlichen Gebäuden hin, sah ich einen bleichen, krank aussehenden Mann, der mit einer Axt auf der Schulter eben in eine niedere Thür eintreten wollte; er blieb, als er mich herankommen sah, stehen und es kam mir vor, als ob er mich anzureden beabsichtigte – wenn das aber wirklich der Fall gewesen, so müßte er sich anders besonnen haben, denn er grüßte nur und verschwand in der Thür. Der Mann sah recht leidend aus – er hinkte auch, wie mir vorkam – die Männer waren sonst alle größtentheils auswärts an irgend einer Arbeit – ich hatte noch wenige zu Hause getroffen und beschloß diesem zu folgen. Rasch trat ich nach ihm in einen engen dunkeln Gang, der in den hinteren Theil des Gebäudes führte; er blieb stehen und sah sich erstaunt nach mir um, als er mich kommen hörte.

»Darf ich einmal mit Euch eintreten, Freund, und einige Worte mit Euch sprechen?«

»Ach Gott ja,« sagte der Mann und sah mich verlegen an; »aber – es ist gar eng bei uns und – und sieht nicht besonders aus –.«

»Schadet nichts, will nur einen Augenblick bleiben – gehe gleich wieder fort.«

Er öffnete eine Thür dicht vor uns und ich fand mich gleich darauf in einem kleinen, kaum vier Schritt im Quadrat haltenden Zimmer. An dem Tisch saßen die Frau und zwei erwachsene Töchter von etwa sechzehn und siebzehn Jahren, rechts davon, nach dem Ofen zu noch ein paar kleinere Kinder und ein anderes, vielleicht zwölf oder vierzehn Monate altes, lag in einem Kasten, der ihm als Bettchen und Wiege diente. Die fürchterlichste Armuth herrschte in diesem Gemach, nicht einmal reinlich waren die Leute im Stande es zu halten, denn das Stroh, auf dem sie Nachts lagen, mußte in der Stube bleiben, sie hatten keinen andern Raum dafür. Die Frauen rückten schüchtern zusammen, als ich eintrat und der Mann schob mir einen der hölzernen Stühle hin, von denen zwei im Zimmer standen, sonst waren Bänke an den Wänden.

»Wie geht es Euch denn, Ihr Leute,« frug ich endlich, nachdem ich den Jammer, der mich umgab, wenige Secunden schweigend überblickt hatte; »wie geht es mit den Preisen, mit der Arbeit, mit den Lebensmitteln?«

»Ih nun,« sagte der Mann seufzend und schaute gar wehmüthig ernst vor sich nieder, »es geht recht schlecht – es kann nicht mehr viel schlechter werden.«

Die Frauen klöppelten eifrig fort und redeten keine Sylbe – sie waren so reinlich, wie das der enge Raum und das Zusammenleben mit den Kindern gestattete, angezogen, ihre Kleidung bestand aber aus fast lauter zusammengeflickten Lumpen. Es war ein peinliches Schweigen, das keiner brechen mochte.

»Sie sind wohl ein Spitzenhändler?« sagte die Frau endlich mit leiser Stimme und wandte sich halb nach mir um – ich verneinte es und der Mann fuhr fast mehr mit sich selber sprechend, als zu mir gewandt fort:

»Die Preise werden immer schlechter, die Kartoffeln sind verdorben und – aufgezehrt – ich wollte es wäre Sommer, aber damit hat's noch lange Zeit.«

»Und es ist keine Aussicht, daß die Preise wieder steigen.«

»Wenn sie nur einmal in England aufhörten Spitzen zu machen,« murmelte der Mann; »die Engländer haben doch viel auf dem Gewissen.«

»Aber Ihr wollt es ja auch nicht anders haben?« sagte ich jetzt; »warum hört Ihr nicht auf, warum klebt Ihr hier in den Bergen und zieht nicht fort, weit fort, wo es andere Arbeit und etwas zu verdienen giebt; lieber Gott, wenn Niemand Eure Spitzen mehr kaufen will, weshalb macht Ihr sie denn noch unausgesetzt und verhungert und verkommt dabei?«

»Fortziehn?« rief der Mann und sein Gesicht nahm eine etwas lebhaftere Farbe an; »fortziehn? ach Du guter Herr Gott, ja, wohin es ist und wenn's nach Amerika wäre – überall hin, wo wir nur nicht verhungern – aber wovon? fort betteln kann man sich doch nicht mit Weib und Kind, und das wäre die einzige Art, wie man daran denken könnte.«

»Aber warum gehn Eure Töchter nicht in irgend einen Dienst, sie kämen aus der Noth heraus und könnten etwas mehr verdienen.«

Die Mutter schüttelte mit dem Kopfe.

»Ja,« sagte sie, »aus der Noth kämen sie heraus, was aber kriegt so ein armes Ding, das weiter nichts gelernt hat als Klöppeln, für einen Lohn – es könnte selber nur nothdürftig davon leben, und hier zu Hause ging es nur noch schlimmer, wenn die großen Mädchen fort wären, die doch jetzt noch etwas verdienen – mein Mann ist krank, und wenn ich's auch von Herzen gern wollte, ich kann die übrigen Kinder nicht alle von den zehn oder zwölf Groschen erhalten, die ich die Woche verdiene. Und dann, wenn sie's nun nicht draußen aushielten, oder wenn ich auch krank würde und sie zurück müßten, dann haben sie sich ihre Hände zum Klöppeln verdorben und wovon dann leben? Aber ich sehe schon, es wird doch nichts anderes übrig bleiben, wenn nur der Winter erst vorbei ist, dann mögen sie hinaus gehen und sehen, wie's der liebe Gott mit ihnen fügen wird.«

»Ach ich ginge ja so gern,« flüsterte die Aelteste und sah mit stierem Blick auf ihr Klöppelkissen, »wenn ich nur einen Dienst wüßte, wo ich gut behandelt werde, – an mir sollt es nicht fehlen.«

»Sie sind gewiß ein Spitzenhändler?« sagte die Frau noch einmal und blickte mich dabei halb schüchtern an.

Ich sah mich in der Stube um – neben dem Ofen standen mehrere Töpfe, aber alle leer, – keine Spur von Lebensmitteln war im Zimmer und doch verrieth die ganze Umgebung, daß dieser eine Raum ihr Alles umschloß, was sie das Ihre nennen konnten.

»Habt Ihr kein Brod Ihr Leute?«

»Nein,« sagte er kopfschüttelnd; »wir haben bis jetzt von Kartoffeln gelebt.«

»Aber Brod ist dieß Jahr so billig.«

»Ach ja,« erwiederte der Mann, – »es ist viel billiger als voriges Jahr, – aber – wir sind hier gar viele Mägen.«

Das kleine Kind fing an zu schreien; die Mutter stand von ihrer Arbeit auf, nahm es in die Höhe und schaukelte es auf dem Arme, – in der Stube konnte sie nicht auf und ab mit ihm gehen, der Platz, wo sie stand, war der einzige freie Raum. Ich mochte den stillen Jammer nicht mehr länger ertragen, stand auf, legte etwas Geld auf den Tisch und wollte fort.

»Da – kauft Euch Brod,« sagte ich, – »es wird schon einmal eine bessere Zeit kommen.«

Der Mann sah überrascht das Geld an und griff nach meiner Hand; – bis dahin war keine Klage weiter, – keine Bitte um Unterstützung über seine Lippen gekommen, jetzt aber brach sich der gewaltsam zurückgehaltene Jammer Luft und die Thränen stürzten ihm aus den Augen.

»Wir haben seit gestern Mittag keinen Bissen gegessen,« flüsterte er, – »mein Bein ist offen und entzündet, aber ich war eben aus, Arbeit zu suchen um nur ein paar Groschen für Brod zu bekommen, vergebens –.«

Es war noch viel, viel, was er sagte und auch die Frauen fingen an zu weinen; – bis jetzt hatten sie sich vor dem Fremden gescheut, nun war das Eis gebrochen und ihr Schmerz ließ sich nicht länger zurückdämmen. Das Kind schrie auch mit hinein in diesen Jammer, aber die Mutter drückte es freudig an die Brust. –

»Sei ruhig mein Herzchen, Du bekommst jetzt Brod –.«

Ringsum steigen freundliche Berge empor, dunkelgrüne Waldesschatten schmiegen sich an die breitlehnigen Kuppen an, – weite, im sonnigen Lichte blitzende und funkelnde Schneeflächen decken die Halden und leichte durchsichtige Nebelwolken ziehen sich wie duftige Schleier am scharfen Abhang der Schluchten hin. Munter sprudelt der Bach dazwischen durch und das blaue ätherreine Firmament umschließt wie mit liebenden Armen das herrliche Land. Der Habicht streicht in langsam bedächtigen Kreisen über die Flur, – die Krähe sitzt gesättigt oben in den Zweigen des Apfelbaumes und wetzt an dem rauhen Aste den Schnabel – und der Mensch? –

Geht in die Hütten und seht wie sie zusammenkauern; hebt den Deckel von dem irdenen Topfe, der in der Röhre steht und einen widerlich dumpfigen Geruch verbreitet; – aus was besteht die Nahrung, die sich der Erzgebirger zusammengeknetet hat, sein und der Seinigen Leben zu fristen? Faule, kranke Kartoffeln zu Muß gedrückt und mit etwas schwarzem Mehl angerührt, – Salz hat er nur selten, – etwas Häringslauche muß dem Stoffe eine Art Geschmack geben, und will er verschwenderisch sein, so vertritt Lampenöl die Stelle des zu theuren Fettes. Und das sind Menschen, – denkende, fühlende Menschen, von Gott mit denselben Anrechten an dieses Leben ausgestattet, wie wir selbst, das sind Menschen, die hier rettungslos ihrem sicheren Verderben entgegengehen. Rettungslos, wenn nicht bald etwas geschieht, sie dem fürchterlichsten Elend zu entreißen.

Die Klöppelarbeit ist kaum noch im Stande ihr elendes Leben zu stiften, und in den englischen Spitzenmanufacturen ihnen ein Feind erstanden, mit dem sie den verzweifelten Kampf um die Existenz nur noch wenige Jahre werden bestehen können. Die Preise der Spitzen fallen wirklich jährlich, und es ist Thatsache, daß die Leute im Gebirge in diesem Jahr (1848), trotz des billigen Brodes, doch nicht mehr für ihre Arbeit bekamen, als das vorige. Die Leute vegetiren also dieses Jahr eben so wie das vorige; wie aber nun, wenn wiederum, was doch jeden Augenblick geschehen kann, eine neue Theuerung die Brodpreise hinauftreiben sollte? Die Arbeitspreise steigen nicht wieder, und die Klöppler sind dann einem Verderben nahe, dessen Ahnung schon jetzt ihr Herz mit Schrecken erfüllt.

»Wenn das Brod wieder theuer wird, müssen sie uns todtschlagen,« sagte ein junger bleicher Bursche, der in Scheibenberg auf einer Hobelbank saß und faule Kartoffeln kaute. – Es liegt eine fürchterliche Wahrheit in den Worten, man kann doch die Leute nicht langsam verhungern lassen.

»Aber warum verlassen sie das Gebirge nicht?« – rufen die Tausende – »warum gehn sie nicht in's flache Land – im Gebirge selbst und in der nächsten Nachbarschaft müssen die Bauern baierische Dienstboten nehmen, weil die Gebirger nicht aushalten, selbst an den Wegen, die der Staat hat fast nutzlos anlegen lassen, nur um den Unglücklichen zu helfen, haben sie nicht länger arbeiten mögen – sie wollen ja zu Grunde gehen – warum ergreifen sie nicht etwas Anderes, wenn das alte Geschäft nicht mehr geht?«

Dort ist Jemand in einen Fluß gefallen – er schlägt mit Armen und Füßen um sich – aber er sinkt – er hebt sich noch einige Mal – dreht sich eine Zeit lang auf derselben Stelle im Kreise herum und sinkt immer und immer wieder. »Warum schwimmt der Mensch nicht – er braucht ja nur mit Armen und Beinen gleichmäßig auszutreten, – nur gerade so, wie es ihm die Leute, die da in Herzensangst am Ufer stehen, vormachen – er braucht nur den Kopf dann zu heben und dem nächsten Ufer zuzuarbeiten, so kann er ja nicht untergehen.« – Ei ja wohl, wäre ihm das in seiner Jugend gelehrt, so könnte er das allerdings – wüßte er, wie er seine Kräfte gebrauchen soll, er würde auch nicht untergehen; aber die Leute am Ufer, die alle auf ihn einschreien und ihm zuwinken, kleine Stückchen Holz nach ihm werfen, auf denen er sich einen Augenblick ausruhen soll, machen ihn nur noch mehr irre und bringen ihn ganz außer Fassung. – Guter Rath und schwache That kommen hier zu spät, hier bedarf es eines kräftigen Mittels, das ihm die Hand reichen und vom Verderben zurückreißen muß, dem er sonst im nächsten Augenblick zu erliegen droht.