WeRead Powered by ReaderPub
Aus zwei Welttheilen. Zweiter Band. / Gesammelte Erzählungen cover

Aus zwei Welttheilen. Zweiter Band. / Gesammelte Erzählungen

Chapter 3: Herr Schultze. Ein Märchen.
Open in WeRead

About This Book

An assortment of short narratives and sketches that portray travel, frontier and maritime scenes, rural crafts, and social encounters across different regions. Several tales juxtapose civilized society and wilderness, including a plantation-set story that examines racial and social hierarchies and personal loyalties; others depict domestic conflicts, nocturnal misadventures, seafaring correspondence, local industry, and hunting episodes. The volume blends vivid local description, moral observation, and anecdotal storytelling, alternating dramatic incidents with quieter ethnographic and landscape sketches to show human character amid changing environments.

Der alte Mann schritt ins nächste Zimmer und warf ärgerlich die Thüre hinter sich ins Schloß. Aber nicht mehr auf den jungen Creolen zürnte er, sondern auf sich selbst; zum ersten Mal wurde jetzt der Gedanke in ihm wach, daß er doch wohl zu voreilig gewesen und sich von seinem Jähzorn zu sehr habe hinreißen lassen. Das Geschehene ließ sich freilich nicht mehr ungeschehen machen, aber versuchen wollte er nun, ob er es nicht wenigstens verbessern könne. Er gedachte Saise zu kaufen und dann nachzuforschen, ob wirklich schwarzes Blut in ihren Adern rolle; bis dahin konnte sie ein kleines Haus für sich beziehen, und brauchte mit ihm und seiner Tochter nicht in Berührung zu kommen.

Eine Stunde später stand Duxon mit Pitwell wieder am Ufer des Flusses.

»Pitwell,« sagte der Erstere, »ich glaube doch, es ist besser, wir brechen schon morgen auf; den alten Beaufort scheint die Sache zu wurmen – er wird bedenklich.«

»Sollte er etwas merken?« frug Pitwell ängstlich.

»Ein Wunder wär's nicht,« knirschte Duxon zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch, »der Laffe war ja wieder hier und hat ihm wahrscheinlich in den Ohren gelegen. Denkt nur, er wollte mir die Dirne wieder abkaufen.«

»Wer? Mr. Beaufort?«

»Ja – Beide – erst der Gelbschnabel und dann, wie ich zum Herrn kam, dieser selbst. – Er hatte, während ich mit ihm sprach, einen Brief in der Hand, und meinen Hals wollt ich verwetten, daß er vom Richter war. Da ich nun hier manche Kleinigkeit an der Kreide habe, so sehe ich gerade nicht ein, weshalb wir noch länger zögern sollten. Als ich ihm die Indianerin nicht verkaufen wollte, lief ihm wieder, wie gewöhnlich, die Galle über die Leber und er sagte, ich möchte in einer Stunde zu ihm kommen und mit ihm abrechnen, die Gelegenheit will ich benutzen; eine so schnelle Abrechnung erspart überhaupt manches Unangenehme. Meine übrigen Angelegenheiten kann ich alle bis morgen früh geordnet haben; bis dahin haltet Ihr Euch auch fertig; in vier Tagen müssen wir in Texas sein.«

»Gut!« sagte Pitwell nachsinnend, »aber, Duxon, wir gehen dann in Gesellschaft – ich – ich habe noch einige Freunde, die mich hinter Fischer's Landung erwarten – Ihr – Ihr macht Euch ja doch wohl nichts daraus, ein wenig schnell zu reisen?«

Duxon sah ihn scharf von der Seite an und frug nach kleiner Pause: »Darf ich dann aber auch wissen warum?«

»Und gebt Ihr mir Euer Ehrenwort, daß Ihr schweigen wollt?« flüsterte Pitwell, sich vorsichtig umschauend.

»Braucht Ihr mein Ehrenwort dafür?« lächelte der Overseer.

»Nun, ich sehe, Ihr versteht mich, Duxon,« fuhr der Yankee leise fort; »ich habe wieder ein kleines Geschäft im Gang, gerade so wie wir es damals betrieben. Ein reicher Pflanzer, vom andern Ufer des Mississippi, will seine Sklaven gern nach Texas schaffen, da sie in Louisiana zu vielen Werth für andere Leute haben, und er bezahlt mir hundert Dollar für den Kopf. Unterhalb Waterloo sind wir gestern morgen übergesetzt, und mit Hülfe zweier Gefährten habe ich sämmtliche Neger, hundert und funfzehn Mann, in den zwischen Fischer's Laden und dem Cutoff liegenden Sumpf gebracht – saht Ihr die drei, die heute Morgen hier vorbeizogen? Das waren die letzten. Sie haben sämmtlich falsche Pässe. Jetzt wißt Ihr Alles und seid Ihr gescheidt, so schließt Ihr Euch nicht allein an uns an, sondern nehmt Euch auch noch ein paar – Begleiter mit. Hat denn Beaufort gar keine Neger, denen das Leben in Louisiana nicht länger gefällt? Ihr könnt ihnen ja sagen, es ginge in ein besseres Klima.«

»Das wohl,« murmelte Duxon, in tiefem Sinnen vor sich hinstarrend; »aber Pitwell, die Sache hat einen andern und zwar sehr bösen Haken. Daß wir glücklich fortkommen, daran zweifle ich keinen Augenblick, für Waffen werdet Ihr auch schon gesorgt haben, doch – wenn sich Texas nun an die Vereinigten Staaten schließt, wie es überall heißt, wie dann? Dann liefert uns die Regierung aus.«

»Du lieber Gott,« lachte Pitwell, »wenn die Regierung darauf eingehen wollte, alle die auszuliefern, die irgend etwas verbrochen haben, wer sollte denn da das Land bebauen, Heerden ziehen oder gegen die Mexikaner und Cumanches fechten? Nein, Duxon, laßt Euch darüber keine grauen Haare wachsen, davor sind wir sicher. Das wissen die wackern Burschen auch recht gut, sonst hätten sie ja nie selbst für einen Anschluß an die Union gestimmt.«

»Ich glaube, Ihr habt Recht,« sagte Duxon, »auf keinen Fall dürfte es schwer halten, weiter westlich zu ziehen, wo uns weder Texas, noch Onkel Sam[7] etwas anhaben kann; beistehen wird uns, sollte es so weit kommen, Mancher.«

[7]: Uncle Sam, Scherzname der Vereinigten Staaten nach den Anfangsbuchstaben United States!

»Sieben Achtel von Texas,« lachte Pitwell.

»Nun gut denn, es sei; ist dem aber so, dann brechen wir morgen früh lieber vor Tagesgrauen auf, so daß wir etwa um zehn oder elf Uhr Alle beisammen sind. Verfolgung brauchen wir von hier aus nicht zu fürchten, denn Beaufort steht nicht so früh auf und ich werde schon dafür sorgen, daß er die Fehlenden irgendwo beschäftigt glauben soll. Wird aber Saise gutwillig mit uns gehen?«

»Ist das eine Frage von einem Overseer; habt Ihr keine Peitsche?«

Duxon lächelte und sagte höhnisch: »Ihr scheint nicht zu verstehen, wie man mit Damen umgeht; doch – ich habe ein anderes Mittel, ich nehme unsere kleine Gig und fahre. Als Entschuldigung mögen die Zurückbleibenden nachher dem Herrn sagen, natürlich nicht eher, als er darnach frägt, ich hätte meine Sachen an Fischer's Landung geschafft, wo stets Boote anlegen. Aber Pest und Gift, ich wollte doch heute bei meiner kleinen – Frau bleiben und werde nun bis morgen früh zu rennen und zu laufen haben, daß ich nicht weiß, wo mir der Kopf steht. Nun beim Teufel, in Texas kann ich's ja nachholen, hahaha, sie wird wohl nicht böse darüber werden.«

»Schwerlich!« sagte Pitwell trocken; »also jetzt an's Werk – habt Ihr Waffen?«

»Zwei Büchsen, ein Bowiemesser und drei paar Pistolen – Ihr wißt, ein Overseer muß immer eine kleine Burg aus seinem Haus machen können.«

»Gut, wenn Ihr einen Wagen nehmt, so mögt Ihr nur das Alles mitbringen – solche Sachen sind immer nützlich; aber dort kommt der junge Laffe die Allee herunter, der sich so gewaltig um die Indianerin anstellt. Die Dame vom Haus ist bei ihm; wie heißt sie?«

»Gabriele, ein prächtiges Mädchen, schade, daß Ihr keinen Kaufbrief auf die fabriciren könnt, die nähme ich auch.«

Der Yankee warf ihm einen warnenden Blick zu und ging, um nicht weiter mit dem Overseer zusammen gesehen zu werden, am Fluß hinauf, während jener sein Pferd satteln ließ und auf's Feld hinausritt, dort eine gewisse Anzahl Neger aussuchte und diesen befahl, ihre Aexte zu nehmen, um an einem etwas entfernteren Theil des Waldes, den er ihnen bezeichnen würde, Holz zu fällen. Bald darauf verschwand er mit ihnen in dem die Plantage begrenzenden Sumpfland.

St. Clyde und Gabriele schritten neben einander dem Flusse zu.

»Um Gottes willen, Sir!« sagte die Jungfrau, als sie sich der äußeren Einfriedigung näherten, »was ist Ihnen? Sie scheinen in fürchterlicher Aufregung, so habe ich Sie nie gesehen.«

»Ich muß fort,« flüsterte der junge Mann, die bleiche Hand fest gegen die heiße, fieberglühende Stirn gepreßt – »ich muß fort – muß Hülfe haben. Erst seit dieser unglückseligen Katastrophe fühle ich, wie ich –« er schwieg und wandte sich ab –

»Wie Sie Saisen lieben,« flüsterte Gabriele mit leiser, tonloser Stimme und blickte starr zu dem Creolen auf, »nicht wahr, St. Clyde – Sie – Sie lieben die Indianerin.«

»Ja, Miß Beaufort – ja – warum sollt ich es Ihnen auch verschweigen,« sagte da plötzlich St. Clyde, der stehen blieb und fest in die Augen der erbleichenden Jungfrau schaute, »warum sollt ich mich, Ihnen gegenüber, scheuen es zu gestehen. Sie waren der Unglücklichen Freundin, so lange sie unter Ihrem Schutze stand – Sie sind selbst gegen mich, den fremden, heimatlosen, armen Wanderer immer nur gütig und liebevoll gewesen – Ihnen will ich vertrauen und Sie werden mich auch, so weit es in Ihren Kräften steht, unterstützen.«

»Gewiß – gewiß,« sagte mit kaum hörbarer Stimme Gabriele – »aber – aber, wenn nun Saise – doch eine – eine Negerin wäre? Wenn nun – ach Gott – zürnen Sie mir nicht, ich weiß nicht, was ich rede; nein, nein – Saise ist frei – muß frei werden und – glücklich.«

Sie barg ihr Angesicht in den Händen und die hellen, klaren Thränentropfen quollen zwischen den zarten Fingern hindurch.

»O, Miß Beaufort!« rief St. Clyde gerührt, »Sie sind so gütig gegen die Unglückliche, wie werde ich Ihnen das je danken können?«

Gabriele sammelte sich gewaltsam. »Was wollen Sie thun – was ist Ihr Plan?« frug sie schnell; »wie glauben Sie Saise retten zu können, da Sie mir selber sagten, jener Bube habe sie an Duxon verkauft und dieser sich mit meinem Vater überworfen. Was können Sie gegen jene Elenden ausrichten, die die Gesetze auf ihrer Seite haben?«

»Nichts mehr durch die Gesetze,« sagte St. Clyde mit unterdrückter Stimme – »Alles ohne sie. Der Richter hat mir gestern gesagt, daß am Mississippi ein Trupp von Chocktawjägern lagere, die müssen mir beistehen; kann ich sie nicht dadurch gewinnen, daß sie eine Tochter ihrer eigenen Race von Sklaverei retten sollen, sind sie so verderbt, daß selbst das keinen Eindruck mehr auf sie macht, dann steht mir ein anderes, für sie kräftigeres Mittel zu Gebote – der Whiskey. Ein Grenzindianer ist ja durch Whiskey zu jeder Schlechtigkeit zu bewegen, warum nicht auch einmal zu einer guten That – es ist das letzte Mittel.«

»Aber die Gefahr, der Sie sich aussetzen?«

»Gefahr? Giebt es denn eine Gefahr, wo ich nur sterben kann? Nein, Miß Beaufort – ohne Saise, wenn ich sie glücklich wüßte, hätte ich vielleicht leben können; mit dem Gefühl aber, daß sie, dem entsetzlichsten Verderben preisgegeben, in schmachvollen Fesseln schmachten, die freie Tochter der Wälder eine Sklavin – nein – nein – Leben wäre da Wahnsinn. – Aber ich muß fort – die kostbare Zeit verfliegt – Duxon hat sich mit Ihrem Vater gezankt und will fort; die ganze Ansiedlung spricht davon, wie er ihn betrogen und sich in den wenigen Jahren, die er hier sei, ein Vermögen gewonnen, er wird deshalb nicht säumen, das in Sicherheit zu bringen, und geht er zu Schiffe, vielleicht nach New-Orleans, dann wäre es unmöglich, den Einzelnen in der ungeheueren Stadt wiederzufinden. Doch jetzt meine Bitte, wollen Sie sich Saisens annehmen?«

»Wie kann ich es?« erwiederte mit ängstlich gefalteten Händen Gabriele – »Sie ist Duxon's Eigenthum.«

»Ich weiß es, aber Sie haben vielen Einfluß auf Ihren Vater, selbst auf jenen Buben; es ist die Gewalt, die stets die Tugend über das Laster übt, die Scheu, die der Böse dem Guten gegenüber nicht überwinden kann. Dringen Sie darauf, daß Saise ihm heute noch nicht ausgeliefert werde, oder daß sie, wenn Sie das nicht verhindern können, diese Nacht noch bei Ihnen, oder wenigstens unter dem Schutze jener alten Negerin zubringe.«

»Sie wollen sie entführen?« frug Gabriele bestürzt.

»Nein,« sagte St. Clyde düster, »ihr Kaufbrief würde in den Händen jenes Buben, Saise aber in dem Gedanken daran stets elend bleiben; nein – ich muß den Brief in meine Gewalt bekommen; die Gesetze wollen mir nicht beistehen, so mag Gott es thun. Versprechen Sie Saisen so lange zu beschützen?«

»Ja,« flüsterte Gabriele und reichte ihm mit abgewandtem Antlitz ihre Hand – »und Sie wollen?«

»Saise retten oder – sterben,« erwiederte fest der junge Creole.

»Und dann – wenn Sie – wenn Saise die Ihrige ist? –«

»Such ich ein fernes Land, wo nicht Menschen wie Thiere verkauft und mißhandelt werden; ich stamme aus Frankreich – meine Familie soll zu den edelsten des Landes gehören; dorthin kehre ich zurück.«

»Mit Saise?«

»Mit meinem Weibe.«

»So leben Sie wohl, St. Clyde, leben Sie wohl; möge Gott Sie schützen und schirmen!«

Sie rief's und eilte schnellen Schrittes zum Hause zurück. Auf der Stelle aber, wo sie gestanden, lag die weiße Rose, die noch eben an ihrer Brust geruht. St. Clyde hob sie auf, küßte sie, barg sie an seinem Herzen, eilte dann zu seinem Pferd, schwang sich in den Sattel und sprengte in schnellem Galopp die Straße am Strom hinauf. Dort aber angelangt, hielt er sich nicht länger auf, als nöthig war die gewöhnliche Flatbootfähre in Stand zu setzen, um ihn und sein Roß ans andere Ufer zu bringen, und bald schwamm das kleine Boot, von vier rüstigen Armen getrieben, auf der breiten Fläche des gewaltigen Stromes dem östlichen Ufer zu.

»Sind gestern Indianer auf dieser Fähre übergesetzt?« frug er nach einer Weile den älteren der Beiden, der der Eigenthümer des Fahrzeugs zu sein schien.

Dieser sah ihn an und lachte.

»Nein,« sagte er, »habt Ihr schon einmal davon gehört, daß sich ein Indianer auf einer Fähre übersetzen läßt? ich nicht; das Geld können sie besser gebrauchen; dafür giebt's Whiskey, und wo das rothe Volk für den Zweck einen Cent ersparen kann, da quält es sich lieber tagelang auf seine eigene Art – das heißt nicht etwa mit Arbeit.«

»Also sie sind nicht hier herüber?« frug St. Clyde erschreckt.

»Doch, allerdings,« entgegnete ihm der Jüngere, »nur nicht auf der Fähre – sie saßen Alle in zwei kleinen Canoes, die sie mit von drüben herübergebracht, und ließen ihre Pferde am Zügel oder Stricken hinterherschwimmen.«

»Und glaubt Ihr, daß ich sie finden werde?«

»Ich sollte nicht denken, daß es schwer halten wird. Sie hatten, wie mir Ben sagte, der von oben herunterkam, eine große Menge Whiskeyflaschen bei sich, und da sind sie heute wahrhaftig nicht mehr auf die Jagd gegangen. Ein kleines Stückchen weiter oben landeten sie, und wenn Ihr Euch nur zu dem Haus dort, was Ihr da durch die Weiden und Baumwollenholzbäume schimmern seht, bemühen wollt, so denk ich, werden sie Euch da wohl auf die rechte Spur bringen.«

Das Boot legte sich in diesem Augenblick am Ufer an, St. Clyde führte sein, vorsichtig mit den Hufen nach festem Grund suchendes Pferd hinaus, drückte dem Jüngeren, der ebenfalls ans Land gesprungen war, um mit dem Tau die Fähre zu halten, das Ueberfahrtsgeld in die Hand, schwang sich in den Sattel und trabte rasch dem nicht fernen niederen Wohngebäude zu, das, dicht am Fluß errichtet, für den Augenblick noch von hohem üppigen Waldwuchs umgeben war, aus welchem aber der neue Ansiedler gerade die künftigen Mittel seiner Existenz – Klafterholz für Dampfboote heraushauen wollte.

Der Backwoodsman stand in der Thür.

»Guten Tag, Sir,« rief ihm St. Clyde entgegen, »habt Ihr Nichts von den Indianern gesehen, die gestern, unfern von hier, übersetzten?«

Jener horchte, ohne ein Wort auf die Frage zu erwiedern, in den Wald hinein und verharrte in dieser Stellung wohl mehre Minuten. St. Clyde jedoch, der glauben mochte, daß er seine Frage ganz überhört habe, wiederholte dieselbe und bat um Antwort. Wie aus Stein gehauen blieb aber der Amerikaner stehen, bis der junge Mann endlich ein ungeduldiges »aber Sir« nicht länger zu unterdrücken vermochte.

»Könnt Ihr einen Mann finden, wenn er im Walde sitzt und schreit, was aus der Kehle will?« kam jetzt die Gegenfrage, das ziemlich sichere Zeichen des Neuengländers.

»Wenn ich nahe genug bin, es zu hören, warum nicht?« rief der Creole unmuthig; »aber ich frug Euch, ob Ihr die Indianer –«

»Dort, drin im Walde schreien sie,« sagte der Amerikaner trocken und deutete mit seiner kurzen, aus Schilf geschnitzten Tabackspfeife einen schmalen Kuhpfad entlang, der gerade in das Dickicht hineinlief.

»Die Indianer?« frug St. Clyde erstaunt.

»Ahem!« nickte jener und fuhr dann, ohne des Fremden weiter zu achten, mit Rauchen fort. Der Creole aber, der jetzt einen Augenblick in den stillen Wald hineingelauscht hatte, glaubte ebenfalls wild verworrene Töne zu hören, rief dem Manne einen kurzen Dank zu und sprengte, so schnell es ihm das ziemlich dichte Unterholz gestattete, auf das Toben zu, das immer lauter und deutlicher zu ihm herüberschallte. Nach kurzem Ritt erreichte er eine Waldblöße, dicht am Rande eines kleinen seeartigen Sumpfes, der durch die Ueberschwemmung des Mississippi zurückgeblieben und noch nicht ganz wieder ausgetrocknet war, und sah hier ein so pittoreskes als eigenthümliches Schauspiel vor sich.

Auf dem üppigen Grasboden ausgestreckt, von einem Halbkreis glimmender, qualmender Feuer umgeben, deren Rauch über sie hinzog und dazu dienen sollte, die unzähligen auf sie einstürmenden Musquitos abzuhalten, Manche mit, Andere ohne ihre Jagdhemden, jeder aber eine ziemlich geleerte Whiskeyflasche in der Hand, lagen jubelnd und schreiend, alte Schlacht- und Kriegslieder und neu gelernte französische und englische Melodien mehr brüllend als singend, sieben rothhäutige Jäger unter den riesenhaften, himmelanstrebenden Baumwollenholzbäumen der Niederung und der Eine, der der Führer der Bande und noch am nüchternsten zu sein schien, hatte zum Tactstock sein spitzes Scalpirmesser genommen, und stach damit fortwährend in ziemlich regelmäßigen Zwischenräumen in den grünen Rasen, auf dem er, das Antlitz den luftigen Wipfeln zugekehrt, lag, während ihn die Uebrigen nicht allein mit ihren Stimmen, sondern auch, ziemlich Alle in derselben Stellung oder Lage, mit Hacken und Faust accompagnirten; jeder natürlich seiner eigenen ohrenzerreißenden Melodie dabei folgend.

Der Führer der Bande entdeckte, wie es schien, den Fremden zuerst; ohne sich aber weiter zu regen, als nöthig war, ihn mit einem flüchtigen Blick von oben bis unten zu messen, hielt er ihm, während ein mattes, trunkenes Lächeln seine Züge überflog, die Flasche entgegen und stammelte:

»Hier – Fremder – hier – trin – trinkt einmal!«

»Großer Gott!« stöhnte St. Clyde, erschüttert auf die halbbewußtlosen Gestalten der Wilden blickend, »großer allmächtiger Gott – sind das die Menschen, von denen ich mir Hülfe versprach? – Verloren – verloren – Alles – Alles verloren!«

Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und saß mehre Secunden lang in stillem, sprachlosem Schmerz versunken.

»Trinkt – dam it,« rief der Führer noch einmal – »denkt Euch zu gut mit Indian aus einer Flasche zu trinken, mit armen Indian, eh? Armer Indian ist großer Häuptlings Sohn – go to Hell!« Er sank wieder zurück an die Wurzel des Baumes und begann seinen Gesang von Neuem.

Der Creole sprang vom Pferde und schritt mit untergeschlagenen Armen und fest auf den Boden gehefteten Blicken neben den trunkenen Jägern auf und ab, während der wilde Führer mit gläsernen stieren Augen zu dem grünen Waldesdom emporblickte und die Verse eines indianischen Schlacht- oder Siegesliedes sang:

Ich erschlug den Häuptling der Muskokee;
Sein Weib – dort am Stamme verbrannt' ich sie,
Und bei den Hinterbeinen darauf
Hing ich den Lieblingshund ihm auf.
 Huh – huh – huh, vom Muskokee
 Wah, wah, wah, den Scalp hier sieh!

Bei dem Namen der Muskokee blieb St. Clyde lauschend stehen – er wußte, daß die Riccarees, selbst noch in letzterer Zeit, manche blutige Schlacht mit diesem Stamme geschlagen hatten; aber auch die Chocktaws und Muskokees bekämpften sich – das Kriegslied mußte von diesen sein; dennoch wandte er sich an den jungen Häuptling und sagte:

»Welchem Stamm gehörst Du an, bist Du ein Chocktaw?«

Der Indianer sang, ohne die Frage zu beachten, weiter –

Ich streift' ihm den Schädel ganz nackt und baar,
Und hier ist sein Scalp, mit der Scalplockehaar,
Sein Fleisch ist in des Panthers Magen,
Seine blutigen Knochen die Wölfe nagen,
 Huh, huh, huh, vom Muskokee,
 Wah, wah, wah, den Scalp hier sieh!

»Bist Du ein Chocktaw, Indianer?« frug der Creole jetzt dringender, indem er sich zu ihm niederbog und die Hand auf seine Schulter legte; »rede – bist Du ein Chocktaw?«

Der Wilde murmelte einen nur halbverständlichen Fluch und fuhr fort:

Seine Sehnen brauch ich zur Bogenschnur,
Wenn ich folge der einzelnen Feinde Spur,
Und es zittert der weibische Muskokee,
Wie ein Rohr im Orkan, vor dem Riccaree
 Huh, huh, huh, vom Musko –

»Was beim Teufel habt Ihr?« unterbrach er sich da plötzlich selbst, als St. Clyde, bei der Nennung jenes Stammes überrascht, mit dem Ausruf freudigen Erstaunens: »Ha! Riccaree! – Ihr seid ein Riccaree!« emporzuckte.

»Ihr seid ein Riccaree?« wiederholte er dann nach kurzer Pause noch einmal.

»Nun gut – was soll's?« war die kurze Antwort des Indianers, der sich indeß bestrebte, die durch die Unterbrechung verlorene Melodie wiederzufinden, während er gedankenlos dazu mit den Füßen auf dem Grasboden trommelte.

»So müßt Ihr mit mir kommen und ein Kind Eures Stammes retten, das sich in dringender Gefahr befindet.«

»Mein Stamm ist in Missouri,« murmelte der rothe Sohn der Wälder und summte dann wieder leise vor sich hin:

Seine Sehnen brauch ich zur Bogenschnur,
Wenn ich folge der flüchtigen Feinde Spur –

»Aber sie haben es geraubt!« rief St. Clyde in Verzweiflung. »Mensch, hat denn dieser teuflische Whiskey Deine ganzen Sinne verbrannt, daß Du kein Mitleiden, kein Gefühl mehr hast?«

»Keinen Whiskey mehr hast?« wiederholte mit lallender Zunge der Jäger – »nein – nichts mehr, nur ein bischen – gebt welchen.«

»Ha,« sagte der Creole, von einem glücklichen Gedanken ergriffen, »Du sollst Whiskey haben, ein ganzes Faß voll, aber komm jetzt mit mir und stehe mir bei.«

»Faß voll Whiskey?« murmelte der Indianer, sich halb aufrichtend - »ganz Faß voll?« Der Gedanke war zu großartig für ihn, er vermochte nicht ihn auf einmal zu fassen. Das Chor der Gefährten brach zuletzt wieder in einen so brüllenden Schlachtschrei aus, wobei sie mit den Armen wild in der Luft herumfochten, daß ein alter Alligator, der sich kaum hundert Schritte von ihnen entfernt auf einem im Wasser schwimmenden Stamme sonnte, erschreckt emporsah und dann geräuschlos in das ruhigere Element zurückglitt.

»Faß voll Whiskey?« wiederholte der Indianer nach langer Pause. »Viel Whiskey das – kommt!« und er versuchte sich, wenn auch vergebens, emporzurichten.

Der Creole unterstützte ihn nun zwar und brachte ihn mit genauer Noth dahin, daß er aufrecht stehen blieb; was aber half ihm das? Was sollte er mit dieser bewußtlosen Masse von Gier und roher Sinnlichkeit beginnen? War das der Mann, der ihm helfen konnte die Geliebte zu befreien? Er ließ ihn los und der junge Häuptling taumelte, mit auf die Brust gesenkter Unterkinnlade, an den nächsten Baum an.

»Arme Saise!« seufzte St. Clyde.

»Ais?« stammelte der Indianer mit schwerer Zunge – »Ais? Wer spricht von Nedaunis-Ais? Sie ist todt – Whiskey will ich – Whiskey!«

»Whiskey!« jubelte die Bande, die das letzte laut ausgestoßene Wort vernommen – »Whiskey, hupih!«

»Nedaunis-Ais? Du kennst sie?« rief der Creole und sprang auf den Taumelnden zu.

»Laßt mich oder ich stoße Euch Eisen in Leib,« knurrte der Wilde – »dam you

»Nedaunis-Ais lebt,« donnerte aber Jener, die Drohung nicht achtend, fort – »sie lebt und Du sollst mir helfen, sie zu retten –«

»Lebt? retten? wo?« rief der Trunkene, jetzt augenscheinlich bemüht, den klaren Sinn der Worte zu fassen, während seine starren Augen fest auf dem Fremden hafteten.

Mit kurzen Worten erzählte nun St. Clyde dem aufmerksam Lauschenden die Geschichte der Indianerin, während dieser mit fest gegen die Schläfe gepreßten Händen dastand und jede Sylbe von seinen Lippen sog. Endlich aber, als er anfing zu begreifen, um was es sich handele, und als das Schicksal der Unglücklichen in klareren, entschiedneren Farben vor ihm auftauchte, da faßte er, von Grimm und Wuth entbrannt, die Flasche, die, noch immer ein Drittheil gefüllt, neben ihm lag und schmetterte sie mit wildem Wurf gegen den nächsten Stamm.

»Gift – Gift – Gift!« schrie er dabei – »die Schwester verkauft und ich trunken – Gift – Gift, der Weißen Feuerwasser – Gift – Whiskey!«

»Whiskey! hupih!« jubelten die von der Schaar, die noch Besinnung genug übrig behalten hatten, die letzten Worte zu verstehen.

»Aber, halt – halt!« rief der junge Indianer plötzlich, indem er sich die langen, schwarzen Haare aus der Stirn strich, »noch ist nicht zu spät – noch ist Zeit« – und sein Jagdhemd und seine Leggins abwerfend, sprang er mit einem Satz von dem, an dieser Stelle mehre Fuß hohen Ufer in das Wasser hinab, tauchte mehrmals unter und kam dann ans Land geschwommen. Hier lief er, ohne sich die Mühe zu nehmen, seine Sachen erst wieder anzuziehen, in den Wald hinein, aus dem er nach kaum einer Viertelstunde auf dem Rücken eines kleinen schnaubenden Poneys zurückkehrte. Seine Kleider und Waffen waren bald zusammengerafft und fast eher noch, als der Creole sein Pferd besteigen konnte, winkte er ihm schon zu folgen.

»Aber Deine Kameraden,« sagte St. Clyde jetzt, »was können wir zwei allein ausrichten!«

»Komm,« sagte der Sohn der Wälder, »komm; willst Du bis morgen bleiben, um sie mit lallender Zunge sprechen zu hören – mehr Whiskeymehr Whiskey? Es sind Chocktaws – ich muß fort – Du kommst mit – wir zwei genug –«

Er wartete gar keine weitere Antwort seines Begleiters ab, sondern sprengte mit verhängten Zügeln dem Mississippi zu, warf sich hier noch einmal in die Flut, die Wirkung des Feuertranks zu vernichten, und holte dann, nachdem er seine wenigen Kleidungsstücke wiederangelegt, ein verborgen gehaltenes Canoe aus dem Gebüsch. St. Clyde mußte sich in die Mitte desselben setzen, und an beiden Seiten eines der Pferde mit dem Zügel unterstützen, während er selbst das Boot schnell und geschickt über den breiten reißenden Strom ruderte.

So lange aber war St. Clyde, zuerst von dem Indianer und dann durch das Ueberfahren aufgehalten worden, daß die Sonne schon unterging, als sie eben das westliche Ufer erreichten, und der Creole mußte nun die Leitung übernehmen, und führte den so zufällig gefundenen Bruder Saisens zu dem Richter. Unterwegs erzählte ihm dabei Wetako, der Name des Riccaree, daß er damals seine entführte Schwester verfolgt und den schändlichen Räuber auch eingeholt und erschlagen habe, vergebens aber war sein Monate langes Umherstreifen gewesen, eine Spur der Geraubten selbst zu finden, die durch die teuflische List jenes Buben seinem rettenden Arm entzogen worden. In Verzweiflung darüber hatte er sich endlich einer Schaar von Chocktaws angeschlossen, die in den Wäldern Louisianas jagten und das erlegte Wild in die benachbarten kleinen Städte schafften. Durch Lebensüberdruß und Schmerz aber gleichgültig gegen Alles gemacht, was er sonst hoch und theuer hielt, ergab er sich dem Trunk und folgte dabei nur dem Beispiel seines ganzen unglücklichen Stammes.

Das doppelte Bad und der jähe Schreck der theils freudigen, theils schlimmen Nachricht von dem Leben und der Noth seiner Schwester hatte aber jede Spur von Rausch verdrängt; der Indianer, der kalte, besonnene Wilde war wieder in ihm erwacht, und mit schnellem Blick übersah er die Gefahren, die das Wesen, das er auf Erden am meisten liebte, bedrohten. Zwar kannte er nicht die Gesetze der Weißen, aber er wußte, wie schwer, ja wie für einen Indianer fast unmöglich es sei, etwas zurückzuerhalten, auf das sie erst einmal ihre Hand gelegt, und schien auch von vorn herein gar keinen andern Gedanken gehabt zu haben, als Saise durch List oder Gewalt zu retten; beides galt ihm gleich, so es nur zum Ziele führte.

Dunkele Nacht war's, als sie das Haus des Richters endlich erreichten; wichtige Veränderungen schienen aber in den wenigen Stunden vorgegangen. Von den Grenzen des nördlich liegenden Mississippistaates herüber hatten sich einzelne Constabel eingefunden, die einen Pflanzer wie seinen Helfershelfer verfolgten. Bis nach Waterloo mußten die Flüchtigen auch zusammengeblieben sein, von da an schienen sie sich aber getrennt zu haben, und zwei der Nachgesandten jagten am Ufer des Flusses hinab, dort alle Anstalten zu treffen, ihre weitere Flucht aufzuhalten, während die Uebrigen der allerdings stärkeren Spur stromauf folgten, um die Entflohenen wo möglich daran zu verhindern, sich in das Innere des Landes zu wenden und die texanische Grenze zu erreichen.

Des Richters Verdacht aber, dem ebenfalls Meldung geworden, war augenblicklich auf den Fremden gefallen und er hatte noch spät am Nachmittag Boten an den Fausse Riviere gesandt, um diesen jetzt, nicht wegen der Indianerin, sondern als Ausrede auf den Verdacht hin mit jenen Negerdieben im Bunde zu stehen, verhaften zu lassen. Dadurch hoffte er zu gleicher Zeit der Wahrheit auf die Spur zu kommen, ob Saise Sklavin oder nur schändlich ihrem Stamme geraubt sei.

St. Clyde drang nun darauf, einen Aufschub der Auslieferung Saisens zu erhalten, wozu sich der Richter jetzt ebenfalls gern bereit zeigte, nur mußte dazu die Rückkunft des Deputysheriffs erwartet werden, da der Obersheriff stromauf, die beiden Constabel aber stromab beschäftigt waren, und der Creole sah sich zu seinem größten Verdruß gezwungen, dessen Ankunft zu erharren. Zwar erbot er sich, das Schreiben selber mit hinüber zu nehmen; das wäre aber nicht rechtskräftig gewesen und der Richter vertröstete ihn damit, wie die wenigen Stunden sicherlich keinen Unterschied machen würden, da er ja trotzdem noch mit Tagesanbruch an dem Fausse Riviere sein und das arme Mädchen vor dem Fortschleppen in die Gefangenschaft bewahren könne. Aber der Deputysheriff kam nicht – Stunde auf Stunde warteten sie und ängstigten sich, und der Richter rief endlich verdrießlich:

»Die Pest über den Burschen – ich werde mich noch gezwungen sehen darauf anzutragen, daß der Sheriff diesen liederlichen Fritz Haydt entläßt; es ist gar nichts mehr mit ihm anzufangen; er trinkt sich voll, läßt sich von den Mulattinnen an dem Fausse Riviere zum Narren haben und versäumt dann seine Pflicht.«

»Ich will ihm entgegengehen,« bat St. Clyde, »vielleicht zögert er unterwegs –«

»Das würde Ihnen wenig helfen,« meinte der Richter, »denn wenn er zögert, so finden Sie ihn nicht, seine Vergnügungsörter hält er ziemlich geheim. Kommt er aber nicht bis morgen früh, so reite ich selbst mit Ihnen hinüber und dann machen wir die Sache gleich zusammen ab.«

In Angst und peinlicher Erwartung verbrachten sie die Nacht, und nur der Riccaree konnte nicht begreifen, weshalb sie eigentlich zögerten, und wollte fortwährend aufbrechen, die Schwester zu befreien und zu rächen.

Da – es mochte zwei Uhr vorüber sein und das Schweigen der Frösche verkündete den nahenden Morgen – klopfte etwas mit heftigen Schlägen an die Thür der Wohnung; der wachthaltende Sklave öffnete, und die Treppe herauf stürmte nicht der Deputysheriff, sondern der Constabel, mit wenigen Worten jetzt meldend, daß, sicherer Kundschaft zufolge, jener Pitwell der besoldete Entführer der sämmtlichen Plantagenneger sei, und auch an dem Fausse Riviere nicht mehr gefunden werden könne. Aber Beaufort's Overseer müsse ebenfalls mit ihm unter einer Decke stecken, denn auch er sei, wahrscheinlich gewarnt, mitten in der Nacht nebst der erst angekauften Indianerin aufgebrochen, die ihm aber keineswegs gutwillig gefolgt, sondern in einer gewöhnlichen Negerkette forttransportirt wäre.

»Wah! –« rief Wetako, von der Erde emporspringend, auf der er niedergekauert bis jetzt gesessen hatte – »fort – fort – wir müssen fort.«

Auch St. Clyde griff nach seinem Hut und wollte ihm folgen; der Richter trat ihnen aber in den Weg und bat sie noch einen Augenblick zu verweilen. Dann stellte er ihnen vor, wie sie durch Gewalt wenig oder gar nichts ausrichten könnten, bis nicht eine hinlängliche Anzahl von Pflanzern versammelt sei, die ihnen dann gemeinschaftlich folgen müßten; das würde aber natürlich wenigstens bis morgen Mittag dauern, und er wolle sie deshalb zugleich bitten, ihre Kräfte mit denen seiner Constabels zu vereinen, um alle Pflanzungen so schnell wie möglich von dem Vorfall in Kenntniß zu setzen. Werde die Rettung auch dadurch um wenige Stunden verzögert, so sei sie aber auch mit so viel mehr Gewißheit vorauszusehen. – Davon wollte aber weder der Creole noch der Indianer hören.

»Nein,« rief der Letztere, »Nedaunis-Ais in Ketten, und Wetako mit Messer und Büchse auf der Spur – wir wollen fort!«

»Um Gottes willen – begeht keinen Mord!« rief der Richter ihnen erschrocken nach – »Ihr kennt unsere Gesetze nicht – lebenslange Kerkerstrafe wäre die Folge.«

Der Indianer lächelte grimmig vor sich hin, als er die Worte hörte.

»Warum sperrt Ihr denn den Panther nicht ein, der Nachts Eure jungen Pferde raubt?« höhnte er – »Wetako ist ein Mann und seine Fährten sind tief. Folgt ihm, wenn Ihr könnt!«

Er sprang rasch in den Sattel, der Creole ebenfalls, noch einen Gruß warf der Letztere zu dem dabei auch ihn ängstlich warnenden Richter hinauf, und fort flogen sie in gestrecktem Galopp die Straße entlang und dem Orte zu, von wo aus der Overseer aufgebrochen, um dort zuerst die Spur aufnehmen zu können.

Schon rötheten die ersten Sonnenstrahlen das dunkelgrüne Laub der rauschenden Cypressen, als die Reiter Beaufort's Plantage erreichten; hier war aber Alles in Aufruhr. Aus fast sämmtlichen benachbarten Ansiedlungen hatten sich die Pflanzer, mit Doppelflinten, Messern und Harpunen bewaffnet, eingefunden und eine Abtheilung sollte schon, wie St. Clyde hörte, vorausgesprengt sein, die Flüchtigen wenigstens aufzuhalten. Die beiden Männer verweilten aber kaum lang genug hier, nur das Nothwendigste zu erfahren, frugen schnell, welchen Weg die Gig des Overseers genommen, und stürmten dann wie dunkele Rachegötter hinterdrein.

Eben diese Gig war aber die Ursache gewesen, daß man auf der Plantage, früher als es Duxon gehofft, Verdacht schöpfte, da er seine Sachen noch an demselben Tage, unter der Adresse eines texanischen Handelshauses und mit einem gerade dort anlegenden Dampfboot, nach Houston gesandt hatte. Einzelne der Neger, die er sonst stets grausam und unmenschlich behandelt, meldeten dem Herrn ihre Vermuthungen, wie auch, daß eine gewisse Anzahl ihrer Mitsklaven, von denen die meisten des Overseers Spione gewesen, ebenfalls vermißt würden und allem Anschein nach entflohen wären.

Duxon war überdies noch am vorigen Tage genöthigt gewesen, seine neuangekaufte Sklavin in der Obhut der alten Negerin zu lassen, da Gabriele fest darauf bestanden, und er durch zu starres Weigern Verdacht zu erregen fürchtete. Dies hielt in der Nacht seine Flucht auf, die er, durch einen Boten Pitwell's gewarnt, beschleunigen mußte, und so kam es denn, daß er, noch mehre Meilen von dem Versammlungsort entfernt, die gut berittenen Verfolger in voller Hetze hinter sich hörte. Kaum vernahm er aber die nachdonnernden Hufe auf der hartgetretenen Straße, als er, schnell das Bett eines kleinen, ebenfalls trockenen Baches benutzend, von dem Wege abbog. Die Neger waren nämlich schon auf Pferden, die sie ihrem Herrn oder den Nachbarn geraubt, der ihnen bezeichneten Gegend zugesprengt, und Duxon hatte gehofft sie schnell genug einholen zu können. Für den Augenblick gelang ihm auch diese Kriegslist vollkommen, denn die Pflanzer, wenig damit vertraut einer Fährte zu folgen, bemerkten die Abweichung der Wagenspuren nicht eher, bis es zu spät war, und folgten dann der ihnen durch die Neger selbst verrathenen Richtung, weil sie nicht umkehren wollten, die Zeit zu versäumen. Am Versammlungsort mußten sie ja später doch Aller habhaft werden.

Duxon nun, mit jedem Fußbreit Landes in diesen Waldungen und Sümpfen vertraut, wußte, daß er, wenn er dem Rande eines kleinen Dickichts folge, eine ziemlich offene Holzung finden und nur mit den hindernden Wurzeln der Cypressen zu kämpfen haben würde. In kaum einer Viertelmeile von da durchschnitt aber eine andere, ebenfalls nach dem Cutoff[8] hinaufführende Straße den Sumpf, und sobald er diese erreichte, mußte ihn das aus der Spur aller Verfolger bringen.

[8]: Eine Biegung des Mississippi ist so genannt, wo sich dessen Strömung eine neue, nähere Bahn gebrochen hat.

Auf einen Widerstand aber hatte er nicht gerechnet, auf den Saisens. So lange er sich nämlich in der Straße hielt, gab die Unglückliche noch immer nicht die Hoffnung auf, von dem Geliebten, denn auch sie hing mit ganzer Seele an dem jungen Creolen, eingeholt zu werden; jetzt aber, als sie sich, nur von den rauschenden Bäumen des Waldes umgeben, ganz in der Gewalt des Menschen fand, den sie, seit sie ihn zum ersten Mal gesehen, auch gefürchtet und verabscheut hatte, da glaubte sie ihr Schicksal besiegelt, und versuchte nun mit verzweifelter Anstrengung ihre Ketten zu zerreißen und sich zu befreien.

»Sitz' still, zum Teufel!« brummte der Overseer, ohnedies nicht in der besten Laune, »oder ich klopfe Dir den Peitschenstiel auf den Schädel, daß Du Dich ruhig verhältst – hörst Du?«

Saise hielt einen Augenblick erschöpft inne, dann aber, auf's Neue ihre letzte Kraft versuchend, gelang es ihr, wenn auch nicht ihre Ketten, doch die Bande zu zerreißen, die ihre Hände niederhielt. In demselben Augenblick befreite sie sich auch von dem Knebel, den ihr der Bube der Vorsicht wegen angelegt hatte, und stieß nun, von Angst und Verzweiflung getrieben, einen Hülfeschrei aus, der so laut und plötzlich in die Ohren des vor die Gig gespannten Poneys dröhnte, daß dieses entsetzt zur Seite prallte und waldeinwärts rannte. Duxon aber, durch den Hülferuf Saisens ebenfalls erschreckt, konnte ihm nicht schnell genug in die Zügel fallen, ja diese entglitten sogar seiner Hand, und im nächsten Augenblick schnellte auch schon das leichte Fuhrwerk mit einem Rad an einer der Cypressenwurzeln hinauf und schlug, den Herrn wie seine Sklavin in ein benachbartes Dickicht schleudernd, um.

Zorn und Rache im Blick sprang der Bube empor, das Poney nahm aber zuerst seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch – die Gig enthielt Alles, was er an Vermögen besaß, und wenn ihm das Pferd entlief, war er verloren. Dem wild Stampfenden fiel er daher rasch in die Zügel, riß es auf die Hinterbeine zurück, daß sich der weiße Schaum mit dem Blut des wundgerissenen Maules vermischte, und richtete dann, während das erschreckte Pferd zitternd stille stand, mit riesiger Kraft die Gig wieder empor.

Nun aber wandte sich auch seine ganze Wuth gegen die Ursache dieses Unfalls, denn Saise, von dem Sturz erst fast betäubt, hatte sich jetzt wieder gesammelt und ließ auf's Neue den gellenden Hülferuf erschallen.

»Donner und Tod!« schrie er, flog auf die Zurückspringende zu und führte mit der umgekehrten und mit Blei gefüllten Peitsche einen Schlag nach ihrem Kopfe, der ihr denselben zerschmettert haben würde, wenn er sie traf; die gefesselten Arme aber emporhebend, fing sie den Streich auf, der an den Kettengliedern unschädlich niederstreifte.

Duxon wollte den Schlag wiederholen, da tönte, wohl noch in weiter Ferne, aber klar und deutlich ein scharf ausgestoßener, wilder Laut durch den stillen Wald – er hielt ein, um zu horchen, Saise aber schien in diesem Augenblick wie aus Stein gehauen, so starr und regungslos blickte sie nach jener Gegend hin, von woher der Ruf geklungen.

»Ha, da kommen ihrer mehr, aber sie sind auf der Straße,« murmelte der Overseer vor sich hin; »Pest und Gift, die Sache wird gefährlich; komm, mein Täubchen, und sei jetzt vernünftig, der erste Schrei, den Du wieder ausstößt, ist Dein Tod!« Und mit den Worten bückte er sich, ergriff das einer Statue ähnliche Mädchen und wollte sie in das wieder geordnete Fuhrwerk tragen; bei seiner Berührung erwachte aber auch in dieses das, durch jenen Ruf fast erstarrte Blut; mit aller Gewalt, deren sie fähig war, schwang sie die leichte Kette, die ihre Handgelenke gefesselt hielt, empor und schlug sie gegen den Kopf ihres Räubers nieder, daß dieser sie halbbetäubt losließ und zurücktaumelte. Wieder aber erschallte da lauter und dringender als zuvor der Hülferuf der Unglücklichen, und Duxon, jetzt, durch Schmerz und Wuth zum Aeußersten getrieben, hörte kaum das antwortende und näher kommende Signal, als er auch sein breites Messer aus der Scheide riß, auf die entsetzt Zurückzuckende lossprang und ihr mit fest auf einander gebissenen Zähnen den scharfen Stahl in die Brust stieß.

Zum Tode getroffen taumelte Saise nieder in das gelbe Laub, Duxon aber flog mit wilden Sätzen zum Wagen, riß eine große Brieftasche heraus, die er unter seiner Weste barg, schnitt die Stränge des Poneys durch, warf sich die Doppelflinte auf die Schulter, sprang auf das Pferd und verschwand im nächsten Augenblick im Dickicht.

Kaum hatten sich aber hinter ihm, auf der einen Seite des kleinen freien Platzes die Büsche geschlossen, als auch schon an der anderen zwei Reiter auf schäumenden Rossen hervorbrachen, doch hier, wie von einem Blitzstrahl getroffen, entsetzt in ihre Zügel griffen. Sie hielten mehre Secunden an. Während sich dann aber der Eine mit wildem Schmerzesschrei aus dem Sattel und neben dem blutenden Körper des holden unglücklichen Mädchens niederwarf, hob sich der Andere auf dem Rücken seines Thieres zu seiner vollen Höhe empor und lauschte mit wild stieren, glanzlosen Augen in den Wald. Plötzlich mußte ein fernes Geräusch sein Ohr getroffen haben, denn ohne die Ermordete weiter eines Blickes zu würdigen, stieß er dem ängstlich vor dem Geruch des Blutes zurückschaudernden Thier die Hacken in die Seite, setzte mit diesem über das im Wege stehende Gig hinweg und folgte, lautlos zwar, aber mit Tod und Verderben sprühenden Blicken dem flüchtigen Mörder.

Keine Sylbe kam über die zitternden Lippen, keinen Blick verwandte er von der Spur in der weichen Erde, rasch, mit dem Zügel des Pferdes in der einen, der Büchse in der andern Hand, flog er dahin durch den dichten Wald, und kaum konnte er fünfhundert Schritte gesprengt sein, als er den Feind ansichtig wurde, der eben damit beschäftigt war, einen der in dem Gebüsch hängen gebliebenen Stränge loszuhauen, was seine Flucht kurze Zeit aufgehalten.

Duxon schaute sich um und erkannte in der reißend schnell näherkommenden Gestalt einen Indianer, war aber im ersten Augenblick wirklich ungewiß, ob oder ob er nicht einen Feind in ihm zu fürchten habe, denn er selbst hatte nie mit Nachkommen jener wilden Stämme verkehrt und wußte, daß sie sich selten dazu hergeben, die Streitigkeiten der Weißen untereinander auszufechten. Als aber eben der Gedanke an die gemordete Jungfrau, die ja auch jenem unglücklichen Volke angehörte, sein Hirn durchzuckte, sah er, wie der junge Indianer seinen Zweifeln schon ein Ende machte, denn er hielt plötzlich sein Pferd an, hob die Büchse, und der rothe Feuerstrahl zuckte durch das geheimnißvolle Dunkel des Urwalds.

Der Overseer fühlte sich verwundet, aber ihm blieb keine Zeit zum Nachdenken, der Rächer brauste heran. Zwar hob er selbst jetzt das Doppelrohr, diesen niederzuschießen, der vorausgeschleuderte Tomahawk traf jedoch seinen linken Ellbogen, und wenn sein Schuß auch in demselben Augenblick dem Rohr entfuhr, so erhielt doch dies dadurch eine falsche Richtung; nur einzelne Schrote streiften Wetako's Schulter und ehe der sich seiner Schuld bewußte Mörder den zweiten Hahn spannen konnte, flog der Rächer herbei; der Schlachtruf des Riccarees schallte gellend durch den Wald, das Bowiemesser zischte nieder, und heulend brach der Elende zusammen.

Das bleiche Haupt der Geliebten an seiner Schulter, kniete indessen der junge Creole neben dem verblutenden Körper des schönen, unglücklichen Mädchens. Wohl hatte er schnell und vorsichtig die weite, klaffende Wunde verbunden, aber es war zu spät und der Todesstoß ihr ins innerste Leben gedrungen. Er hörte das Vorbeistürmen der Verfolger, die aus allen Theilen der Gegend herbeiströmten, den Negerraub zu verhindern, er hatte den Schlachtschrei des Riccaree vernommen, aber er achtete es nicht, sein Auge hing an dem rothen entquellenden Lebensstrom des heißgeliebten Mädchens und Nacht – finstere Nacht ward es endlich vor seinen Blicken.

Als er sich wieder erholte, stand der Riccaree an seiner Seite; er hatte den Leichnam der Schwester in seine Decke eingehüllt und hob ihn, da er das Erwachen des Weißen bemerkte, vor sich auf das Pferd.

»Wetako – was willst Du thun?« rief der Creole, erschrocken emporfahrend – »wo willst Du hin?«

»Will dem Stamme der Riccarees die Ueberreste von seines Häuptlings Tochter bringen,« sagte der junge Indianer mit düsterem Lächeln; »ich will sagen, es sei die Friedensgabe, die ihnen die Weißen senden. – Unser Land haben sie uns geraubt, hier ist Blut, das neue damit zu düngen – lebe wohl!«

»Und der Räuber?« frug St. Clyde, immer noch in halber Betäubung auf den blutigen Körper blickend, den jener im Arme hielt.

»Der Räuber?« höhnte der Riccaree, während er seinen hirschledernen Ueberwurf zurückschlug – »der gehört mein!« und der Creole erkannte mit Entsetzen, an dem Gürtel des Wilden, den blutigen Scalp des Erschlagenen. Ehe er aber noch ein weiteres Wort äußern konnte, schwang sich jener hinter der Leiche in den Sattel, stieß dem schnaubenden Thiere die Hacken in die Seite und war im nächsten Augenblick den Augen des Weißen entschwunden.

Die nachsetzenden Pflanzer hatten indessen den schurkigen Negerdieb, jenen Pitwell, eingeholt und mit der gewöhnlichen Schnelle, mit welcher alle dem ähnliche Verbrechen bestraft wurden, an den nächsten Baum gehangen. In seiner Brieftasche fanden sich übrigens hinlängliche Beweise, daß er diesen Tod zehnfach verdient, denn auch die reine Abstammung der Indianerin ward hier, durch einen Brief der Helfershelfer, außer allen Zweifel gesetzt. Als man aber später der Spur des Wagens folgte, um dem Overseer ebenfalls nachzusetzen, fand man die Zeichen des Kampfes, wie den kleinen Wagen selbst. Unfern von dort aber, bleich und starr an dem Stamm eines jungen Baumes gelehnt, lag, in der rechten Hand ein abgeschossenes Pistol, die Leiche des Creolen.

Herr Schultze.
Ein Märchen.

Die Zeit der Wunder ist vorüber und die Welt glaubt nicht mehr an das Ueberirdische, denn sie will Alles in nüchterner hausbackner Wirklichkeit haben, um es so recht aus Herzensgrund begreifen, das heißt betasten zu können. Kommt dann wirklich einmal etwas Geisterhaftes, zeigt sich einmal in stiller Mitternachtsstunde dem Einzelnen, dem Auserwählten, ein anständiges ordentliches Gespenst, so könnte dieser später bei allen Heiligen, und noch überdies Stein und Bein schwören, es glaubte ihm Niemand ein Wort davon. Entweder hieße es: »der gute Mann hat mit wachenden Augen geträumt,« oder die lieblose Bruder- und Schwesterschaar urtheilte vielleicht noch strenger und sagte am Ende gar: »Er ist ein Narr, daß er denken kann, vernünftige Leute sollten sich so etwas weiß machen lassen!«

Was um des Himmels Willen ist nun mit einer solchen Welt anzufangen? – Gar nichts.

In solch ähnlicher Verlegenheit befand sich vor noch nicht so langer Zeit der liebe Gott selbst. Auf der Erde, und besonders in den deutschen Bundesstaaten sah's in jeder Hinsicht windig und bös aus. Mit der Politik der Kammern waren allerdings die Kammerherrn und Kammerdiener, sonst aber auch Niemand zufrieden, die Religion drohte gleichfalls wieder eben aus Religion ganz irreligiös zu werden, denn selbst die Laien fühlten sich nicht mehr sicher als ganz gewöhnliche Menschen schlafen zu gehn und als Apostel wieder aufzustehen – und was die Ernten betraf, da hörte denn nun wirklich Alles auf. Einmal war es zu dürr, einmal zu naß, einmal fiel Mehlthau, ein anderes Mal Hagel, kurz es kam in jedem Jahr etwas Anderes, was die Getreidepreise hinauftrieb, Brot und Fleisch theuer machte und die Armen – i. e. solche, die nicht gewußt hatten reich zu werden – so bedrückte, daß des Betens und Bittstellens kein Ende mehr wurde und sich die Nothleidenden theils persönlich an ihn wandten, theils die armen Heiligen und Schutzpatrone bis auf's Blut plagten und peinigten.

Dazu kam nun noch, daß die Menschen wirklich anfingen ihm leid zu thun. Er hätte ihnen so gern geholfen! – Wie aber das anfangen? Die Gesetze der Natur konnte und wollte er deshalb nicht ändern, und das ungeheure Walten jener wirkenden und schaffenden Urkräfte zu stören, wäre, der Paar Erdenbewohner wegen, auch etwas viel verlangt gewesen. Aber es gab natürliche Mittel und die sollten hier helfen.

Nichts war einfacher als die Religion – er hatte das Ganze schon früher einmal dem Moses in einer Viertelstunde dictirt – in dieser Hinsicht hoffte er bald Frieden zu stiften; auch die Politik mußte in Ordnung gebracht werden – es waren ja Alles seine Kinder und wenn auch die Einen, wie das wohl die Geschwister häufig thun, die Anderen unterdrückt und sich die Sachen zugeeignet hatten, die gar nicht für sie allein bestimmt gewesen, so konnte das – und dazu hatte er ihnen ja eben die Vernunft gegeben, bald wieder geregelt werden.

Was denn endlich den vielen Mißwachs der Ernten betraf, so erzeugte die Erde selbst in ihrem Inneren Mittel gegen diese Uebelstände, denn sie trug und trägt ja in sich selbst den Keim, das Alles zu verbessern und zu seinem höchsten Grad der Vollkommenheit zu führen. Nun frug es sich nur, wie es möglich sei, dies den Menschen selbst bekannt zu machen, und auf welche Art es sich hoffen ließ von ihnen verstanden zu werden?

Durch eine feurige Schrift am Himmel? – Die Freigeister und Professoren hätten eine solche als etwas Natürliches erklärt und die Theologen ihr eine ganz andere Auslegung gegeben. Durch eine Stimme von oben? – Das war erstens schon dagewesen und dann würden auch die Leute höchstens gesagt haben: »Heute hat es doch einmal gedonnert daß man ordentlich Worte verstehen konnte.« – Es war zum Verzweifeln.

Da beschloß denn Gott Vater, aus unendlicher Liebe für das Menschengeschlecht, ein Buch über die zu verbessernden Verhältnisse, und besonders über Ackerbau und Viehzucht, für welche beiden Zweige er sich vorzugsweise interessirte, zu schreiben und damit selbst auf die Erde hinabzusteigen.

Zeit hatte er ja für den Augenblick: die Welt lief im Allgemeinen in ihren ewigen Kreisen ruhig fort, und wenn ihm nicht manchmal ein Komet durchbrannte und einen Schweif roher Gesellen auf den Hacken, mit offenen Laternen und Pechfakeln die stillen Straßen des Firmaments auf staatsgefährliche Weise durchtobte, so war keine Unordnung zu fürchten. Doch auch selbst hierüber hatten ihn die Berechnungen der besten Astronomen beruhigt, die ja die Erscheinung des nächsten noch bis auf x Jahre hinausgeschoben.

Sein Plan ward also, kaum gewollt, auch schon ausgeführt. Mit Gedankenschnelle flogen die Zeilen mit der Enthüllung jener göttlichen, uns noch unbekannten Urkräfte des Erdkörpers auf das Papier nieder, und wenn sich der liebe Gott auch, seit er damals die zehn Gebote entworfen, nicht mehr mit literarischen Arbeiten beschäftigt hatte, so ging die Sache doch verhältnißmäßig ungemein schnell.

Das geschehen, rauschte er, die Liebe für seine oft unfolgsamen Kinder im treuen Vaterherzen, auf unsere schöne Erde hernieder, um einen Verleger für sein Werk zu suchen und stieg, wie sich das von selbst versteht, in Leipzig und zwar im ersten Gasthof daselbst ab.

Um aber jedes Aufsehen zu vermeiden, mußte er natürlich die Gestalt des Menschen – die edle schöne Gestalt des Mannes, wie er ihn früher nach seinem eigenen Bilde erschaffen, annehmen, und kleidete sich zwar sehr einfach, aber doch nach der gerade bestehenden Mode. Vor dem Hotel hielten mehrere Droschken und eine derselben brachte ihn denn auch bald zu dem Buchhändler Schmerz, bei dem er ohne weitere Umstände eintrat und ihm, nach wenigen einleitenden Worten, sein fertiges Manuscript anbot.

Herr Schmerz – ein langer hagerer Mann, mit tiefliegenden, dunkeln Augen, nöthigte ihn sehr artig zum Sitzen, las dann den Titel des Manuscripts und frug, sich leicht gegen den Fremden verneigend:

»Mit wem hab' ich die Ehre?«

Das war nun allerdings eine sehr natürliche Frage; jeder Buchhändler wünscht doch zu wissen, mit wem er es zu thun bekommt. Dem lieben Gott kam sie aber nichts desto weniger unerwartet, denn er durfte dem Manne doch nicht sagen wer er sei; Herr Schmerz hätte ihm das auch im Leben nicht geglaubt. Er faßte sich also kurz und antwortete, indem er, um nicht unartig zu scheinen die Verbeugung erwiederte:

»Schultze!«

»Ah – Herr Schultze – mir sehr angenehm. Und Sie wünschen also dies hier drucken zu lassen?«

»Ich wünsche dadurch einem dringenden Bedürfniß abzuhelfen,« sagte der liebe Gott, und Herr Schmerz schlug das Manuscript schnell auf, denn er glaubte wahrscheinlich, es lauere der Antrag zu einem neuen Theatergeschäftsbüreau oder zu einer Illustrirten Zeitung im Innern; bald sah er jedoch daß er sich geirrt habe und frug – schon etwas beruhigt:

»Und über was handelt es? Der Titel ist etwas – etwas umfassend: »Enthüllungen der geheimsten und segensreichsten Urkräfte des Erdballs« –«

»Ueber Alles – Viehzucht und Ackerbau – Religion und Politik.«

»Sie sind Literat?«

»Nicht eigentlich; ich bin mehr Oekonom, habe aber dieses Werk aus reiner Liebe zur Sache geschrieben, denn ich liebe die Menschen und weiß welchen Dienst ich ihnen damit erzeigen werde.«

Herr Schmerz blätterte ein wenig im Manuscript herum, um einzelne Sätze daraus zu lesen und schüttelte dabei bedeutend mit dem Kopfe.

»Sehr flüchtig geschrieben das, sehr, Herr – Herr –«

»Schultze,« sagte der liebe Gott.

»Ach ja, Herr Schultze – sehr flüchtig – die Setzer beklagen sich so immer!«

»Ich sollte denken, es käme hier mehr auf den Inhalt als die Schrift an!« sagte der Fremde. »Wie unscheinbar sieht zum Beispiel eine Kartoffel aus, und was schließt sie nicht Alles in sich ein? In ihrem Innern lebt und wirkt eine kleine, für sich abgeschlossene, aber deßhalb nicht weniger kunstvolle Welt; dem Menschen unbekannte Kräfte und Lebenstriebe durchströmen sie, und athmende Wesen bewegen sich in dieser festen saftigen Fleischmasse mit derselben Leichtigkeit, mit der sich die Menschen durch die Luft bewegen, und wenn im Frühjahr die Keime –«

»Sie haben Phantasie, Herr Schultze« – unterbrach ihn etwas ungeduldig Herr Schmerz, – »aber dürfte ich Sie wohl bitten, mir den Inhalt dieser Schrift etwas näher anzugeben!«

»Recht gern. – Es ist – wie Ihnen auch der Titel sagt, eine Enthüllung geheimer, bis jetzt noch nicht gekannter, vielleicht nicht einmal geahnter Naturkräfte, zuerst dem Mißwachs und den Viehseuchen entgegenzuwirken und gleichzeitig das moralische Schaffen und Treiben der Menschen – von denen der große Haufe nun doch einmal in den Tag hinein lebt, zu ordnen und zu regeln. Was die ersten Kapitel – Mißwachs und Seuchen betrifft, so existirten in früheren Zeiten andere Verhältnisse; die Bevölkerung des Erdballs war zu schwach und die Erde erzeugte mehr, als ihre Bewohner consumiren konnten. Daher mußte ich diesem Uebelstand durch natürliche Mittel abzuhelfen suchen.«

»Wer? Sie?«

»Ich – meine die Natur. Jetzt aber hat jene Ursache aufgehört, und deshalb soll auch die Wirkung nachlassen. Das Menschengeschlecht ist an Zahl so gewachsen daß es, wenigstens in Europa, Alles braucht was es erzeugen kann, und ich wünschte nun dieses zum Nachtheil werdende Hinderniß gehoben zu sehen. Das können Sie aber nicht verlangen, daß ich deshalb die ewigen Naturgesetze ändern sollte, um –«

»Nein!« sagte Herr Schmerz.

Der liebe Gott sah ihn im ersten Augenblick erstaunt an, besann sich aber schnell und lenkte wieder ein: »Um solchen Uebelständen nämlich abzuhelfen, kann man also, wie ich sagen wollte, doch nicht verlangen daß die einmal bestehenden Gesetze der Natur geändert werden sollten. Dafür liegt aber auch in ihren eigenen Kräften, in ihren geheimsten, innersten Lebensfasern das Heilmittel gegen diese nicht mehr nöthigen Zuwachsminderungen und ich habe das Alles hier kurz und bündig, aber auch leicht faßlich niedergeschrieben. Drucken Sie es und geben Sie das dafür übliche Honorar in die hiesige Armenkasse. – Sie werden überdies Nutzen genug davon haben.«

Herr Schmerz, vielleicht durch dies keineswegs gewöhnliche Benehmen neugierig gemacht, oder auch, weil ihm das ganze Aeußere des Fremden eine gewisse Ehrfurcht einflößte, scheute sich augenblicklich eine bestimmte Antwort zu geben, und bat nur ihm das Manuscript bis morgen zu lassen, wo er sich dann darüber zu entscheiden versprach. –

Zur verabredeten Stunde am nächsten Tag stellte sich der Fremde wieder ein und bat um seine Antwort. Herr Schmerz machte indessen heute ein äußerst bedenkliches Gesicht und blickte kopfschüttelnd und mit emporgezogenen Augenbraunen auf das Manuscript herab, das er in der Hand hielt.

»Ich komme um Ihre Entscheidung über den Druck meines Werkes zu hören,« sagte der Fremde.

»Ja sehen Sie – bester Herr Schultze,« begann endlich der Buchhändler nach kurzer Pause, – »das ist so eine Sache mit dem Druck dieses Heftes. Einestheils glaube ich – aufrichtig gestanden – gar nicht daß das Buch etwas machen wird. Für ein rein wissenschaftliches Werk ist zu viel Phantasie, – für Phantasie zu viel Wissenschaftliches darin und dann – druckten wir es nicht äußerst splendid daß es über zwanzig Bogen gäbe, so striche uns der Censor die ganze Geschichte. Sie halten sich ja gar nicht ein Bischen an das Bestehende, werfen Alles über den Haufen, was nun doch einmal da ist und reden von Sachen die über menschliche Begriffe fast hinausgehen. Ich habe darin herumgeblättert – etwas altväterischer Styl – nun dergleichen ließe sich abändern – aber – das nehmen Sie mir nicht übel – ein Bischen zu prätentiös ist das Ganze auch noch geschrieben. Sie reden da in einem fort: das muß so sein und das so, hier thue dies und da thue das, die Wirkung wird dann im ersten Jahre so im zweiten so, und im dritten und den folgenden so sein; die Behandlungsart von A wirkt auf B und die Unterlassung würde sich für drei Jahre wieder so, und für andere zehn wieder so gestalten. Nein, das geht nicht, mein bester Herr Schultze, damit kommen wir nicht mehr durch. Ja, in alten Zeiten, da ließ man sich das gefallen, damals gehörte nur eine etwas dreiste Stirn dazu, der Welt glauben zu machen was man wollte; aber jetzt gehen wir der Sache tiefer auf den Grund.«

»Ueberdies erlauben Sie sich auch über Politik und besonders über Religion Aeußerungen, die ich selbst nicht einmal unter dem Namen Schultze vertreten möchte. Am Ende brauchten wir ja gar keine Priester und Prediger mehr; und dann die Beleuchtung Ihrer socialen Verhältnisse – nein, mein guter Herr Schultze: würde ich das Buch, das allerdings Geist verräth, wirklich drucken, so glaubte uns erstlich kein Mensch ein Wort von dem was drinnen steht; dann kämen wir wegen des einen Theils in die schönste Kriminaluntersuchung und über den andern Theil fielen nachher die Recensenten wie wahnsinnig her. Das Wenigste was sie sagten wäre, ich hätte einen neuen hundertjährigen Kalender verlegt. Und wenn sie's dann nur noch kauften – wenn es noch ginge! Ich käme aber wahrhaftig nicht einmal auf die Kosten, denn ein Leihbibliothekenbuch ist das nicht

»Nein, allerdings nicht,« sagte der Fremde – »aber verlegen Sie es nur; ich garantire Ihnen daß Sie gute Geschäfte damit machen.«

»Sie garantiren mir das? Welche Bürgschaft könnten Sie mir denn dafür geben?«

»Meinen Namen!«

»Bester Herr Schultze!« rief Herr Schmerz.

»Ja so!« sagte der liebe Gott – »Sie wollen es also nicht? Sie weisen es zurück?«

»Ich bin Ihnen wirklich für das Vertrauen das Sie in mich gesetzt, ungemein verpflichtet, aber ich habe jetzt in der That so viel Manuscript daliegen, – eins drängt so das andere; – mein Nachbar Beißig wird sich aber sicherlich ein Vergnügen daraus machen, – der hat überdies mehrere landwirthschaftliche und wissenschaftliche Werke gebracht.«

»Und Sie glauben daß Herr Beißig –«

»Oh, ich bin es fest überzeugt; versuchen Sie es nur! – Oh – keine Komplimente, bester Herr Schultze! – Jenes ist der Ausgang, wenn ich bitten darf; die Thüre hier führt in die Küche; – habe die Ehre mich gehorsam zu empfehlen!«

Der liebe Gott fand sich gleich darauf, mit seinem in Maculatur eingeschlagenen Manuskript, auf welchem mit großen Rothstiftbuchstaben »Hr. Schultze« geschrieben stand, auf der Straße und blieb im ersten Augenblick wirklich etwas überrascht stehen. Das hatte er nicht erwartet! – Er wollte die Menschen glücklich machen und trifft dafür auf solche Schwierigkeiten. Nun, Herr Beißig wird es auf jeden Fall nehmen!

Aber siehe da – auch hier schien es als ob er vergebens angeklopft habe; neue Schwierigkeiten, neue Entschuldigungen. Wieder wurde er zu einem Anderen geschickt und Nachmittags nahm er sich eine Droschke auf eine Stunde, um schneller aus einer Verlagshandlung in die andere kommen zu können.

Volle sechs Tage hatte er so mit immer gleichem Erfolg auf dem Pflaster gelegen, er beschloß also den siebenten zu ruhen und am nächsten Montag die noch übrigen fünfundfunfzig Buchhändler aufzusuchen, um sich später gar keine Vorwürfe machen zu dürfen. Da klopft es, als die Glocken eben zu läuten begannen, leise an seine Thür.

»Herein!« rief er, gerade nicht in der besten Laune.

»Ich habe das Vergnügen mit Herrn Schultze zu sprechen?«

»So nennt man mich hier!«

»Ihren Paß, wenn ich bitten darf!«

»Ich habe dem Wirth schon gesagt daß ich keinen bei mir führe.«

»Dann muß ich Sie freilich bitten mir zu folgen!«

»Aber, mein Herr –«

»Ich bedauere recht sehr, – aber Sie wissen – meine Pflicht –«

»Ich gehe auf keinen Fall mit Ihnen!«

»Sie werden sich doch der Obrigkeit nicht widersetzen wollen?«

Was wollte der liebe Gott jetzt machen? An dem ihm selbst geweihten Tage Skandal anfangen? Das ging unmöglich; welch ein Beispiel hätte er dadurch gegeben! Er setzte seinen Hut auf und folgte.

Im Polizeibureau wurde er freilich mit der größten Artigkeit behandelt, denn in seinem ganzen Wesen lag etwas so Edles, Ehrfurcht Einflößendes, das ihm überall Freundlichkeit und Zuvorkommenheit sicherte; gegen die einmal bestehenden Gesetze ließ sich aber, das wußte er ja aus eigener Erfahrung, nichts thun – einen Paß hatte er nicht – der von ihm angegebene Ort woher er stamme, »Himmelsburg in Engelland,« ließ sich auf keiner Karte Albions entdecken und somit mußte ihm denn, wie sich das vorhersehen ließ, die Weisung werden, binnen vierundzwanzig Stunden einen Paß zu schaffen oder – die Stadt zu verlassen.

Jetzt bekam der liebe Gott die Sache aber auch satt. Blos der Menschen wegen hatte er sich alle Diesem unterzogen und nun traten ihm aus jeder Ecke neue Hindernisse entgegen. Zwar hätte er sich im Augenblick selbst einen Paß herstellen können; durfte er aber das auf einen fremden Namen thun? – Das wäre wieder gegen seine eigenen Gesetze wie die der Menschen gewesen. – Nein, er sah jetzt ein daß es die Sterblichen gar nicht besser verdienten; sie wollten das Alles was sie drückte und quälte behalten –; sie wollten kein Licht haben, und wenn sie sich die Schädel an den Wänden einstießen. So beschloß er denn in den Himmel zurückzukehren und das von den Blinden verschmähte Werk im Feuer zu vernichten.

Sein Wille war That. In lodernder Gluth verzehrte sich das göttliche Manuscript, – dieser allein Millionen werthe Autograph – und jauchzend wirbelten die boshaften Luft- und Feuergeister die Aschenatome in das reine sonnige Blau des Firmaments, und spielten und tanzten damit im tollen wilden Uebermuth hoch, hoch auf zu der endlosen Höhe. Der liebe Gott aber schaute ihnen sinnend nach und murmelte endlich gutmüthig lächelnd vor sich hin:

»Das hätt' ich mir, wenn ich nicht allwissend wäre, allenfalls denken können!«

Dann in Licht zerfließend, stieg er wieder empor zu den reinen, göttlichen Räumen des Lichts, zu dem Urquell des strahlendurchflutheten Alls. Rosige Wolken drängten sich um ihn her, und hoben und trugen den Gott, Freude glühend und Frieden leuchtend hinan – hinan in das Aethermeer der Unendlichkeit, in die kreisenden Sonnenwelten des ewigen Seins.