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Auswahl aus den Dichtungen Eduard Mörikes cover

Auswahl aus den Dichtungen Eduard Mörikes

Chapter 64: Zwei Liebchen.
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About This Book

The volume gathers lyrical poems and short narrative pieces that range from delicate pastoral and nature-infused lyrics to playful, uncanny mini-tales. Many poems emphasize musical cadence, intimate observation, and wistful introspection, frequently invoking landscapes, folk motifs, and small domestic scenes. Alongside brief lyrics, the selection includes longer idyls and compact novellas that blend gentle humor with melancholic reflection and imaginative storytelling. The overall tone shifts between light lyricism and subtle irony, offering varied moods and concise, music-inspired language.

Zu viel.

Der Himmel glänzt vom reinsten Frühlingslichte,
Ihm schwillt der Hügel sehnsuchtsvoll entgegen,
Die starre Welt zerfließt in Liebessegen
Und schmiegt sich rund zum zärtlichsten Gedichte.
Am Dorfeshang, dort bei der luft'gen Fichte
Ist meiner Liebsten kleines Haus gelegen –
O Herz, was hilft dein Wiegen und dein Wägen,
Daß all der Wonnestreit in dir sich schlichte!
Du, Liebe, hilf den süßen Zauber lösen,
Womit Natur in meinem Innern wühlet!
Und du, o Frühling, hilf die Liebe beugen!
Lisch aus, o Tag! Laß mich in Nacht genesen!
Indes ihr sanften Sterne göttlich kühlet,
Will ich zum Abgrund der Betrachtung steigen.

Nur zu!

Schön prangt im Silbertau die junge Rose,
Den ihr der Morgen in den Busen rollte:
Sie blüht, als ob sie nie verblühen wollte,
Sie ahnet nichts vom letzten Blumenlose.
Der Adler strebt hinan ins Grenzenlose,
Sein Auge trinkt sich voll von sprüh'ndem Golde:
Er ist der Tor nicht, daß er fragen sollte,
Ob er das Haupt nicht an die Wölbung stoße.
Mag denn der Jugend Blume uns verbleichen:
Noch glänzet sie und reizt unwiderstehlich;
Wer will zu früh so süßem Trug entsagen?
Und Liebe, darf sie nicht dem Adler gleichen?
Doch fürchtet sie; auch fürchten ist ihr selig,
Denn all ihr Glück, was ist's? – ein endlos Wagen!

An die Geliebte.

Wenn ich, von deinem Anschaun tief gestillt,
Mich stumm an deinem heil'gen Wert vergnüge,
Dann hör' ich recht die leisen Atemzüge
Des Engels, welcher sich in dir verhüllt,
Und ein erstaunt, ein fragend Lächeln quillt
Auf meinem Mund, ob mich kein Traum betrüge,
Daß nun in dir, zu ewiger Genüge,
Mein kühnster Wunsch, mein einz'ger, sich erfüllt.
Von Tiefe dann zu Tiefen stürzt mein Sinn,
Ich höre aus der Gottheit nächt'ger Ferne
Die Quellen des Geschicks melodisch rauschen.
Betäubt kehr' ich den Blick nach oben hin,
Zum Himmel auf – da lächeln alle Sterne:
Ich kniee, ihrem Lichtgesang zu lauschen.

Wo find' ich Trost?

Eine Liebe kenn' ich, die ist treu,
War getreu, solang' ich sie gefunden,
Hat mit tiefem Seufzen immer neu,
Stets versöhnlich sich mit mir verbunden.
Welcher einst mit himmlischem Gedulden
Bitter bittern Todestropfen trank,
Hing am Kreuz und büßte mein Verschulden,
Bis es in ein Meer von Gnade sank.
Und was ist's nun, daß ich traurig bin,
Daß ich angstvoll mich am Boden winde?
Frage: Hüter, ist die Nacht bald hin?
Und: Was rettet mich von Tod und Sünde?
Arges Herze, ja, gesteh es nur,
Du hast wieder böse Lust empfangen!
Frommer Liebe, frommer Treue Spur,
Ach, das ist auf lange nun vergangen.
Ja, das ist's auch, daß ich traurig bin,
Daß ich angstvoll mich am Boden winde.
Hüter, Hüter, ist die Nacht bald hin?
Und was rettet mich von Tod und Sünde?

Gebet.

Herr, schicke, was du willt,
Ein Liebes oder Leides!
Ich bin vergnügt, daß beides
Aus deinen Händen quillt.
Wollest mit Freuden
Und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.

Nixe Binsefuß.

Des Wassermanns sein Töchterlein
Tanzt auf dem Eis im Vollmondschein,
Sie singt und lachet sonder Scheu
Wohl an des Fischers Haus vorbei.
»Ich bin die Jungfer Binsefuß
Und meine Fisch' wohl hüten muß;
Meine Fisch', die sind im Kasten,
Sie haben kalte Fasten;
Von Böhmerglas mein Kasten ist –
Da zähl' ich sie zu jeder Frist.
Gelt, Fischermatz, gelt, alter Tropf,
Dir will der Winter nicht in Kopf?
Komm mir mit deinen Netzen!
Die will ich schön zerfetzen.
Dein Mägdlein zwar ist fromm und gut,
Ihr Schatz ein braves Jägerblut.
Drum häng' ich ihr zum Hochzeitsstrauß
Ein schilfen Kränzlein vor das Haus
Und einen Hecht, von Silber schwer,
Er stammt von König Artus her,
Ein Zwergen-Goldschmieds-Meisterstück;
Wer's hat, dem bringt es eitel Glück:
Er läßt sich schuppen Jahr für Jahr,
Da sind's fünfhundert Gröschlein bar.
Ade, mein Kind! Ade für heut'!
Der Morgenhahn im Dorfe schreit.«

Zwei Liebchen.

Ein Schifflein auf der Donau schwamm,
Drin saßen Braut und Bräutigam,
Er hüben und sie drüben.
Sie sprach: »Herzliebster, sage mir!
Zum Angebind' was geb' ich dir?«
Sie streift zurück ihr Ärmelein,
Sie greift ins Wasser frisch hinein.
Der Knabe, der tät gleich also
Und scherzt mit ihr und lacht so froh.
»Ach, schöne Frau Done, geb Sie mir
Für meinen Schatz eine hübsche Zier!«
Sie zog heraus ein schönes Schwert;
Der Knab' hätt' lang' so eins begehrt.
Der Knab', was hält er in der Hand?
Milchweiß ein köstlich Perlenband.
Er legt's ihr um ihr schwarzes Haar;
Sie sah wie eine Fürstin gar.
»Ach, schöne Frau Done, geb Sie mir
Für meinen Schatz eine hübsche Zier!«
Sie langt hinein zum andernmal,
Faßt einen Helm von lichtem Stahl.
Der Knab' vor Freud' entsetzt sich schier,
Fischt ihr einen goldnen Kamm dafür.
Zum dritten sie ins Wasser griff:
Ach weh! da fällt sie aus dem Schiff.
Er springt ihr nach, er faßt sie keck:
Frau Done reißt sie beide weg.
Frau Done hat ihr Schmuck gereut,
Das büßt der Jüngling und die Maid.
Das Schifflein leer hinunterwallt;
Die Sonne sinkt hinter die Berge bald.
Und als der Mond am Himmel stand,
Die Liebchen schwimmen tot ans Land,
Er hüben und sie drüben.

Der Zauberleuchtturm.

Des Zauberers sein Mägdlein saß
In ihrem Saale rund von Glas,
Sie spann beim hellen Kerzenschein
Und sang so glockenhell darein.
Der Saal, als eine Kugel klar,
In Lüften aufgehangen war
An einem Turm auf Felsenhöh',
Bei Nacht hoch ob der wilden See
Und hing in Sturm und Wettergraus
An einem langen Arm hinaus.
Wenn nun ein Schiff in Nächten schwer
Sah weder Rat noch Rettung mehr,
Der Lotse zog die Achsel schief,
Der Hauptmann alle Teufel rief,
Auch der Matrose wollt' verzagen:
»O weh mir armen Schwartenmagen!« –
Auf einmal scheint ein Licht von fern,
Als wie ein heller Morgenstern.
Die Mannschaft jauchzet überlaut:
»Heida! jetzt gilt es trockne Haut!«
Aus allen Kräften steuert man
Jetzt nach dem teuren Licht hinan:
Das wächst und wächst und leuchtet fast
Wie einer Zaubersonne Glast,
Darin ein Mägdlein sitzt und spinnt,
Sich beuget ihr Gesang im Wind.
Die Männer stehen wie verzückt,
Ein jeder nach dem Wunder blickt
Und horcht und staunet unverwandt,
Dem Steuermann entsinkt die Hand,
Hat keiner acht mehr auf das Schiff;
Das kracht mit eins am Felsenriff,
Die Luft zerreißt ein Jammerschrei:
»Herr Gott im Himmel, steh uns bei!«
Da löscht die Zauberin ihr Licht;
Noch einmal aus der Tiefe bricht
Verhallend Weh aus einem Mund:
Da zuckt das Schiff und sinkt zu Grund.