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Auswahl aus den Dichtungen Eduard Mörikes cover

Auswahl aus den Dichtungen Eduard Mörikes

Chapter 72: Restauration
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About This Book

The volume gathers lyrical poems and short narrative pieces that range from delicate pastoral and nature-infused lyrics to playful, uncanny mini-tales. Many poems emphasize musical cadence, intimate observation, and wistful introspection, frequently invoking landscapes, folk motifs, and small domestic scenes. Alongside brief lyrics, the selection includes longer idyls and compact novellas that blend gentle humor with melancholic reflection and imaginative storytelling. The overall tone shifts between light lyricism and subtle irony, offering varied moods and concise, music-inspired language.

Der alte Turmhahn.

Idylle.

Zu Cleversulzbach im Unterland
Hundertunddreizehn Jahr ich stand
Auf dem Kirchturm, ein guter Hahn,
Als ein Zierat und Wetterfahn'.
In Sturm und Wind und Regennacht
Hab' ich allzeit das Dorf bewacht.
Manch falber Blitz hat mich gestreift,
Der Frost mein' roten Kamm bereift,
Auch manchen lieben Sommertag,
Da man gern Schatten haben mag,
Hat mir die Sonne unverwandt
Auf meinen goldigen Leib gebrannt.
So ward ich schwarz für Alter ganz,
Und weg ist aller Glitz und Glanz.
Da haben sie mich denn zuletzt
Veracht't und schmählich abgesetzt.
Meinthalb! so ist der Welt ihr Lauf:
Jetzt tun sie einen andern 'nauf.
Stolzier, prachtier und dreh dich nur!
Dir macht der Wind noch andre Cour.
Ade, o Tal, du Berg und Tal!
Rebhügel, Wälder allzumal!
Herzlieber Turn und Kirchendach,
Kirchhof und Steglein übern Bach!
Du Brunnen, dahin spat und früh
Öchslein springen, Schaf' und Küh'!
Hans hinterdrein kommt mit dem Stecken
Und Bastes Evlein auf dem Schecken. –
Ihr Störch' und Schwalben, grobe Spatzen,
Euch soll ich nimmer hören schwatzen!
Lieb deucht mir jedes Drecklein itzt,
Damit ihr ehrlich mich beschmitzt.
Ade, Hochwürden, ihr Herr Pfarr,
Schulmeister auch, du armer Narr!
Aus ist, was mich gefreut so lang',
Geläut' und Orgel, Sang und Klang.
Von meiner Höh' so sang ich dort
Und hätt' noch lang' gesungen fort:
Da kam so ein krummer Teufelshöcker –
Ich schätz', es war der Schieferdecker –
Packt mich, kriegt nach manch hartem Stoß
Mich richtig von der Stange los.
Mein alt preßhafter Leib schier brach,
Da er mit mir fuhr ab dem Dach
Und bei den Glocken schnurrt' hinein.
Die glotzten sehr verwundert drein;
Regt' ihnen doch weiter nicht den Mut,
Dachten eben: Wir hangen gut.
Jetzt tät man mich mit altem Eisen
Dem Meister Hufschmied überweisen;
Der zahlt zween Batzen und meint Wunder,
Wie viel es wär' für solchen Plunder.
Und also ich selben Mittag
Betrübt vor seiner Hütte lag.
Ein Bäumlein – es war Maienzeit –
Schneeweiße Blüten auf mich streut,
Hühner gackeln um mich her,
Unachtend, was das für ein Vetter wär.
Da geht mein Pfarrherr nun vorbei,
Grüßt den Meister und lächelt: »Ei,
Wär's so weit mit uns, armer Hahn?
Andres, was fangt Ihr mit ihm an?
Ihr könnt ihn weder sieden noch braten,
Mir aber müßt' es schlimm geraten,
Einen alten Kirchendiener gut
Nicht zu nehmen in Schutz und Hut.
Kommt! tragt ihn mir gleich vor ins Haus,
Trinket ein kühl' Glas Wein mit aus!«
Der rußig' Lümmel, schnell bedacht,
Nimmt mich vom Boden auf und lacht.
Es fehlt' nicht viel, so tat ich frei
Gen Himmel einen Freudenschrei.
Im Pfarrhaus ob dem fremden Gast
War groß und klein erschrocken fast;
Bald aber in jedem Angesicht
Ging auf ein rechtes Freudenlicht.
Frau, Magd und Knecht, Mägdlein und Buben
Den großen Göckel in der Stuben
Mit siebenfacher Stimmen Schall
Begrüßen, begucken, betasten all'.
Der Gottesmann drauf mildiglich
Mit eignen Händen trägt er mich
Nach seinem Zimmer, Stiegen auf,
Nachpolteret der ganze Hauf'.
Hier wohnt der Frieden auf der Schwell'.
In den geweißten Wänden hell
Sogleich empfing mich sondre Luft,
Bücher- und Gelahrtenduft,
Gerani- und Resedaschmack,
Auch ein Rüchlein Rauchtabak.
(Dies war mir all' noch unbekannt.)
Ein alter Ofen aber stand
In der Ecke linker Hand.
Recht als ein Turn tät er sich strecken
Mit seinem Gipfel bis zur Decken,
Mit Säulwerk, Blumwerk, kraus und spitz –
O anmutsvoller Ruhesitz!
Zuöberst auf dem kleinen Kranz
Der Schmied mich auf ein Stänglein pflanzt'.
Betrachtet' mir das Werk genau!
Mir deucht's ein ganzer Münsterbau,
Mit Schildereien wohl geziert,
Mit Reimen christlich ausstaffiert.
Davon vernahm ich manches Wort,
Dieweil der Ofen ein guter Hort
Für Kind und Kegel und alte Leut',
Zu plaudern, wann es wind't und schneit.
Hier seht ihr seitwärts auf der Platten
Eines Bischofs Krieg mit Mäus und Ratten,
Mitten im Rheinstrom sein Kastell.
Das Ziefer kommt geschwommen schnell,
Die Knecht' nichts richten mit Waffen und Wehr:
Der Schwänze werden immer mehr.
Viel Tausend gleich in dicken Haufen,
Frech an der Mauer auf sie laufen,
Fallen dem Pfaffen in sein Gemach.
Sterben muß er mit Weh und Ach,
Von den Tieren aufgefressen;
Denn er mit Meineid sich vermessen. –
Sodann König Belsazers seinen Schmaus,
Weiber und Spielleut', Saus und Braus!
Zu großem Schrecken an der Wand
Rätsel schreibt eines Geistes Hand. –
Zuletzt da vorne stellt sich für
Sara, lauschend an der Tür,
Als der Herr mit Abraham
Vor seiner Hütte zu reden kam
Und ihme einen Sohn versprach.
Sara sich Lachens nicht entbrach,
Weil beide schon sehr hoch betaget.
Der Herr vernimmt es wohl und fraget:
»Wie, lachet Sara? glaubt sie nicht,
Was der Herr will, leicht geschicht?«
Das Weib hinwieder Flausen machet,
Spricht: »Ich habe nicht gelachet.«
Das war nun wohl gelogen fast;
Der Herr es doch passieren laßt,
Weil sie nicht leugt aus arger List,
Auch eine Patriarchin ist.
Seit daß ich hier bin, dünket mir
Die Winterszeit die schönste schier.
Wie sanft ist aller Tage Fluß
Bis zum geliebten Wochenschluß! –
Freitag zu Nacht noch um die Neune
Bei seiner Lampen Trost alleine
Mein Herr fangt an sein Predigtlein
Studieren; anderst mag's nicht sein.
Eine Weil' am Ofen brütend steht,
Unruhig hin und dannen geht:
Sein Text ihm schon die Adern reget;
Drauf er sein Werk zu Faden schläget.
Inmittelst einmal auch etwan
Hat er ein Fenster aufgetan –
Ah, Sternenlüfteschwall wie rein
Mit Haufen dringet zu mir ein!
Den Verrenberg ich schimmern seh',
Den Schäferbühel dick mit Schnee.
Zu schreiben endlich er sich setzet,
Ein Blättlein nimmt, die Feder netzet,
Zeichnet sein Alpha und sein O
Über dem Exordio.
Und ich von meinem Postament
Kein Aug' ab meinem Herrlein wend',
Seh', wie er mit Blicken steif ins Licht
Sinnt, prüfet jedes Worts Gewicht,
Einmal sacht eine Prise greifet,
Vom Docht den roten Butzen streifet;
Auch dann und wann zieht er vor sich
Ein Sprüchlein an vernehmentlich,
So ich mit vorgerecktem Kopf
Begierlich bringe gleich zu Kropf.
Gemachsam kämen wir also
Bis Anfang Applicatio.
Indes der Wächter elfe schreit.
Mein Herr denkt: Es ist Schlafenszeit,
Ruckt seinen Stuhl und nimmt das Licht. –
»Gut' Nacht, Herr Pfarr!« – Er hört es nicht.
Im Finstern wär' ich denn allein;
Das ist mir eben keine Pein.
Ich hör' in der Registratur
Erst eine Weil' die Totenuhr,
Lache den Marder heimlich aus,
Der scharrt sich müd' am Hühnerhaus;
Windweben um das Dächlein stieben;
Ich höre, wie im Wald da drüben –
Man heißet es im Vogeltrost –
Der grimmig' Winter sich erbost,
Ein Eichlein spalt't jähling mit Knallen,
Eine Buche, daß die Täler schallen. –
Du meine Güt', da lobt man sich
So frommen Ofen dankbarlich!
Er wärmelt halt die Nacht so hin,
Es ist ein wahrer Segen drin. –
Jetzt, denk' ich, sind wohl hie und dort
Spitzbuben aus auf Raub und Mord,
Denk', was eine schöne Sach' es ist,
Brave Schloß und Riegel zu jeder Frist,
Was ich wollt' machen herentgegen,
Wenn ich eine Leiter hört' anlegen,
Und sonst was so Gedanken sind:
Ein warmes Schweißlein mir entrinnt.
Um zwei, gottlob! und um die drei
Glänzet empor ein Hahnenschrei,
Um fünfe mit der Morgenglocken
Mein Herz sich hebet unerschrocken,
Ja voller Freuden auf es springt,
Als der Wächter endlich singt:
»Wohlauf, im Namen Jesu Christ!
Der helle Tag erschienen ist.«
Ein Stündlein drauf, wenn mir die Sporen
Bereits ein wenig steifgefroren,
Rasselt die Lis' im Ofen, brummt,
Bis 's Feuer angeht, saust und summt.
Dann von der Küch' 'rauf, gar nicht übel,
Die Supp' ich wittre, Schmalz und Zwiebel.
Endlich, gewaschen und geklärt,
Mein Herr sich frisch zur Arbeit kehrt.
Am Samstag muß ein Pfarrer fein
Daheim in seiner Klause sein,
Nicht visiteln, herumkutschieren,
Seine Faß einbrennen, sonst hantieren.
Meiner hat selten solch Gelust.
Einmal – ihr sagt's nicht weiter just –
Zimmert' er den ganzen Nachmittag
Dem Fritz an einem Meisenschlag
Dort an dem Tisch und schwatzt' und schmaucht';
Mich alten Tropf kurzweilt' es auch.
Jetzt ist der liebe Sonntag da,
Es läut't zur Kirchen fern und nah.
Man orgelt schon: mir wird dabei,
Als säß' ich in der Sakristei.
Es ist kein Mensch im ganzen Haus;
Ein Mücklein hör' ich, eine Maus.
Die Sonne sich ins Fenster schleicht,
Zwischen die Kaktusstöck' hinstreicht
Zum kleinen Pult von Nußbaumholz,
Eines alten Schreinermeisters Stolz,
Beschaut sich, was da liegt umher,
Konkordanz und Kinderlehr',
Oblatenschachtel, Amtssigill,
Im Tintenfaß sich spiegeln will,
Zuteuerst Sand und Grus besicht,
Sich an dem Federmesser sticht
Und gleitet übern Armstuhl frank
Hinüber an den Bücherschrank.
Da stehn in Pergament und Leder
Vornan die frommen Schwabenväter:
Andreä, Bengel, Rieger zween
Samt Ötinger sind da zu sehn.
Wie sie die goldnen Namen liest,
Noch goldener ihr Mund sie küßt,
Wie sie rührt an Hillers Harfenspiel –
Horch! klingt es nicht? so fehlt nicht viel.
Inmittelst läuft ein Spinnlein zart
An mir hinauf nach seiner Art
Und hängt sein Netz, ohn' erst zu fragen,
Mir zwischen Schnabel auf und Kragen.
Ich rühr' mich nicht aus meiner Ruh',
Schau' ihm eine ganze Weile zu;
Darüber ist es wohl geglückt,
Daß ich ein wenig eingenickt. –
Nun sagt, ob es in Dorf und Stadt
Ein alter Kirchhahn besser hat?
Ein Wunsch im stillen dann und wann
Kommt einen freilich wohl noch an.
Im Sommer stünd' ich gern da draus
Bisweilen auf dem Taubenhaus,
Wo dicht dabei der Garten blüht,
Man auch ein Stück vom Flecken sieht.
Dann in der schönen Winterzeit,
Als zum Exempel eben heut' –
Ich sag' es grad' – da haben wir
Gar einen wackern Schlitten hier,
Grün, gelb und schwarz; er ward verwichen
Erst wieder sauber angestrichen:
Vorn auf dem Bogen brüstet sich
Ein fremder Vogel hoffärtig;
Wenn man mich etwas putzen wollt',
Nicht, daß es drum viel kosten sollt',
Ich stünd' so gut dort als wie der
Und machet niemand nicht Unehr'! –
Narr! denk' ich wieder, du hast dein Teil!
Willt du noch jetzo werden geil?
Mich wundert, ob dir nicht gefiel,
Daß man, der Welt zum Spott und Ziel,
Deinen warmen Ofen gar zuletzt
Mitsamt dir auf die Läufe setzt',
Daß auf dem G'sims da um dich säß'
Mann, Weib und Kind, der ganze Käs'.
Du alter Scherb, schämst du dich nicht,
Auf Eitelkeit zu sein erpicht?
Geh in dich, nimm dein Ende wahr!
Wirst nicht noch einmal hundert Jahr.

An Wilhelm Hartlaub.

Durchs Fenster schien der helle Mond herein:
Du saßest am Klavier im Dämmerschein,
Versankst im Traumgewühl der Melodien,
Ich folgte dir an schwarzen Gründen hin,
Wo der Gesang versteckter Quellen klang
Gleich Kinderstimmen, die der Wind verschlang.
Doch plötzlich war dein Spiel wie umgewandt,
Nur blauer Himmel schien noch ausgespannt,
Ein jeder Ton ein lang' gehaltnes Schweigen.
Da fing das Firmament sich an zu neigen,
Und jäh daran herab der Sterne selig Heer
Glitt rieselnd in ein goldig Nebelmeer,
Bis Tropf' um Tropfen hell darin zerging,
Die alte Nacht den öden Raum umfing.
Und als du neu ein fröhlich Leben wecktest,
Die Finsternis mit jungem Lichte schrecktest,
War ich schon weit hinweg mit Sinn und Ohr;
Zuletzt warst du es selbst, in den ich mich verlor.
Mein Herz durchzückt' mit eins ein Freudenstrahl:
Dein ganzer Wert erschien mir auf einmal.
So wunderbar empfand ich es, so neu,
Daß noch bestehe Freundeslieb' und Treu',
Daß uns so sichrer Gegenwart Genuß
Zusammenhält in Lebensüberfluß!
Ich sah dein hingesenktes Angesicht
Im Schatten halb, und halb im klaren Licht;
Du ahntest nicht, wie mir der Busen schwoll,
Wie mir das Auge brennend überquoll.
Du endigtest; ich schwieg. – Ach, warum ist doch eben
Dem höchsten Glück kein Laut des Danks gegeben?
Da tritt dein Töchterchen mit Licht herein:
Ein ländlich Mahl versammelt groß und klein,
Vom nahen Kirchturm schallt das Nachtgeläut',
Verklingend so des Tages Lieblichkeit.

Ach nur einmal noch im Leben.

Im Fenster jenes alt verblichnen Gartensaals
Die Harfe, die, vom leisen Windhauch angeregt,
Lang ausgezogne Töne traurig wechseln läßt
In ungepflegter Spätherbst-Blumen-Einsamkeit,
Ist schön zu hören einen langen Nachmittag.
Nicht völlig unwert ihrer holden Nachbarschaft,
Stöhnt auf dem grauen Zwingerturm die Fahne dort,
Wenn stürmischer oft die Wolken ziehen überhin.
In meinem Garten aber (hieß' er nur noch mein!)
Ging so ein Hinterpförtchen frei ins Feld hinaus,
Abseits vom Dorf. Wie manches liebe Mal stieß ich
Den Riegel auf an der geschwärzten Gattertür
Und bog das überhängende Gesträuch zurück,
Indem sie sich auf rost'gen Angeln schwer gedreht! –
Die Tür nun, musikalisch mannigfach begabt,
Für ihre Jahre noch ein ganz annehmlicher
Sopran (wenn sie nicht eben wetterlaunisch war),
Verriet mir eines Tages – plötzlich, wie es schien,
Erweckt aus einer lieblichen Erinnerung –
Ein schöneres Empfinden, höhere Fähigkeit.
Ich öffne sie gewohnterweise: da beginnt
Sie zärtlich eine Arie, die mein Ohr sogleich
Bekannt ansprach. Wie? rief ich staunend: träum' ich denn?
War das nicht »Ach nur einmal noch im Leben« ganz?
Aus Titus, wenn mir recht ist! – Alsbald ließ ich sie
Die Stelle wiederholen, und ich irrte nicht;
Denn langsamer, bestimmter, seelenvoller nun
Da capo sang die Alte: »Ach nur einmal noch!«
Die fünf, sechs ersten Noten nämlich, weiter kaum,
Hingegen war auch dieser Anfang tadellos. –
Und was, frug ich nach einer kurzen Stille sie,
Was denn noch einmal? Sprich! woher, Elegische,
Hast du das Lied? Ging etwa denn zu deiner Zeit
(Die neunziger Jahre meint' ich) ein schönes Kind,
Des Pfarrers Enkeltochter, sittsam aus und ein,
Und hörtest du sie durch das offne Fenster oft
Am grünlackierten, goldbeblümten Pantalon
Hellstimmig singen? Des gestrengen Mütterchens
Gedenkst du auch, der Hausfrau, die so reinlich stets
Den Garten hielt, gleichwie sie selber war, wann sie
Nach schwülem Tag am Abend ihren Kohl begoß,
Derweil der Pfarrherr ein paar Freunden aus der Stadt,
Die eben weggegangen, das Geleite gab;
Er hatte sie bewirtet in der Laube dort,
Ein lieber Mann, redseliger Weitschweifigkeit.
Vorbei ist nun das alles und kehrt nimmer so!
Wir Jüngern heutzutage treiben's ungefähr
Zwar gleichermaßen, wackre Leute ebenfalls;
Doch besser dünkt ja allen, was vergangen ist.
Es kommt die Zeit, da werden wir auch ferne weg
Gezogen sein, den Garten lassend und das Haus:
Dann wünschest du nächst jenen Alten uns zurück
Und schmückt vielleicht ein treues Herz vom Dorf einmal,
Mein denkend und der Meinen, im Vorübergehn
Dein morsches Holz mit hellem Ackerblumenkranz.

Der Tambour.

Wenn meine Mutter hexen könnt',
Da müßt sie mit dem Regiment,
Nach Frankreich, überall mit hin
Und wär' die Marketenderin.
Im Lager, wohl um Mitternacht,
Wenn niemand auf ist als die Wacht
Und alles schnarchet, Roß und Mann,
Vor meiner Trommel säß' ich dann:
Die Trommel müßt' eine Schüssel sein,
Ein warmes Sauerkraut darein,
Die Schlegel Messer und Gabel,
Eine lange Wurst mein Sabel;
Mein Tschako wär ein Humpen gut,
Den füll' ich mit Burgunderblut.
Und weil es mir an Lichte fehlt,
Da scheint der Mond in mein Gezelt;
Scheint er auch auf Franzö'sch herein,
Mir fällt doch meine Liebste ein:
Ach weh! jetzt hat der Spaß ein End'. –
Wenn nur meine Mutter hexen könnt'!

Häusliche Szene.

Schlafzimmer.

Präceptor Ziborius und seine junge Frau.

Das Licht ist gelöscht.

Schläfst du schon, Rike? – »Noch nicht.« – Sag! hast du denn heut' die Kukumern
Eingemacht? – »Ja.« – Und wieviel nahmst du mir Essig dazu? –
»Nicht zwei völlige Maß.« – Wie? fast zwei Maß? Und von welchem
Krug? von dem kleinern doch nicht, links vor dem Fenster am Hof? –
»Freilich.« – Verwünscht! So darf ich die Probe nun noch einmal machen,
Eben indem ich gehofft, schon das Ergebnis zu sehn.
Konntest du mich nicht fragen? – »Du warst in der Schule.« – Nicht warten? –
»Lieber, zu lange bereits lagen die Gurken mir da.« –
Unlängst sagt' ich dir: Nimm von Numero 7 zum Hausbrauch! –
»Ach, wer behielte denn stets alle die Zahlen im Kopf!« –
Sieben behält sich doch wohl! nichts leichter behalten als sieben!
Groß mit arabischer Schrift hält es der Zettel dir vor. –
»Aber du wechselst den Ort nach der Sonne von Fenster zu Fenster
Täglich: die Küche pressiert oft, und ich suche mich blind.
Bester, dein Essiggebräu, fast will es mich endlich verdrießen.
Ruhig, obgleich mit Not, trug ich so manches bis jetzt.
Daß du im Waschhaus dich einrichtetest, wo es an Raum fehlt,
Destillierest und brennst, schien mir das Äußerste schon.
Nicht gern sah ich vom Stockbrett erst durch Kolben und Krüge
Meine Reseden verdrängt, Rosen und Sommerlevkojn:
Aber nun stehen ums Haus her rings vor jeglichem Fenster,
Halb gekleidet in Stroh, gläserne Bäuche gereiht;
Mir auf dem Herd stehn viere zum Hindernis, selber im Rauchfang
Hängt so ein Untier jetzt, wieder ein neuer Versuch!
Lächerlich machen wir uns – nimm mir's nicht übel!« – Was sagst du?
Lächerlich! – »Hättest du nur heut' die Dekanin gehört!
Und in jeglichem Wort ihn selber vernahm ich, den Spötter;
Boshaft ist er, dazu Schwager zum Pädagogarch.« –
Nun? – »Einer Festung verglich sie das Haus des Präceptors, ein Bollwerk
Hieß mein Erker; es sei alles bespickt mit Geschütz.« –
Schnödes Gerede, der lautere Neid! Ich hoffe mein Stecken-
Pferd zu behaupten, so gut als ihr Gemahl, der Dekan.
Freut's ihn, Kanarienvögel und Einwerfkäfige dutzend-
Weise zu haben, mich freut's, tüchtigen Essig zu ziehn. –

(Pause. Er scheint nachdenklich. Sie spricht für sich:)

»Wahrlich, er dauert mich schon: ihn ängstet ein wenig die Drohung
Mit dem Studienrat, dem er schon lange nicht traut.« –

(Er fährt fort:)

Als Präceptor tat ich von je meine Pflicht; ein geschätzter
Gradus neuerlich gibt einiges Zeugnis davon.
Was ich auf materiellem Gebiet in müßigen Stunden
Manchem Gewerbe, dem Staat denke zu leisten dereinst,
Ob ich meiner Familie nicht ansehnlichen Vorteil
Sichere noch mit der Zeit, dessen geschweig' ich vorerst:
Aber den will ich sehn, der einem geschundenen Schulmann
Ein Vergnügen wie das, Essig zu machen, verbeut!
Der von Allotrien spricht, von Lächerlichkeiten – er sei nun
Oberinspektor, er sei Rektor und Pädagogarch!
Greife nur einer mich an, ich will ihm dienen! Gewappnet
Findet ihr mich! Dreifach liegt mir das Erz um die Brust! –
Rike, du lachst! – du verbirgst es umsonst; ich fühle die Stöße –
Nun, was wandelt dich an? Närrst du mich, törichtes Weib? –
»Lieber, närrischer, goldener Mann! wer bliebe hier ernsthaft?
Nein, dies Feuer hätt' ich nimmer im Essig gesucht.« –
G'nug mit den Possen! Ich sage dir, mir ist die Sache nicht spaßhaft. –
»Ruhig! Unseren Streit, Alter, vergleichen wir schon.
Gar nicht fällt es mir ein, dir die einzige Freude zu rauben;
Zuviel hänget daran, und ich verstehe dich ganz.
Siehst du von deinem Katheder im Schulhaus so durch das Fenster
Über das Höfchen den Schatz deiner Gefäße dir an,
Alle vom Mittagsstrahl der herrlichen Sonne beschienen
Die, dir den gärenden Wein heimlich zu zeitigen, glüht:
Nun, es erquicket dir Herz und Aug' in sparsamen Pausen,
Wie das bunteste Brett meiner Levkojn es nicht tat,
Und ein Pfeifchen Tabak in diesem gemütlichen Anblick
Nimmt dir des Amtes Verdruß reiner als alles hinweg;
Ja, seitdem du schon selbst mit eigenem Essig die rote
Tinte dir kochst, die sonst manchen Dreibätzner verschlang,
Ist dir, mein' ich, der Wust der Exerzitienhefte
Minder verhaßt; dich labt still der bekannte Geruch.
Dies, wie mißgönnt' ich es dir? Nur gehst du ein bißchen ins Weite.
Alles – so heißt dein Spruch – habe sein Maß und sein Ziel!« –
Laß mich! Wenn mein Produkt dich einst zur vermöglichen Frau macht –
»Bester, das sagtest du just auch bei der Seidenkultur.« –
Kann ich dafür, daß das Futter mißriet, daß die Tiere krepierten? –
»Seine Gefahr hat auch sicher das neue Geschäft.« –
Namen und Ehre des Mannes, die bringst du wohl gar nicht in Anschlag? –
»Ehre genug blieb uns, ehe wir Essig gebraut« –
Korrespondierendes Mitglied heiß' ich dreier Vereine. –
»Nähme nur einer im Jahr etliche Krüge dir ab!« –
Dir fehlt jeder Begriff von rationellem Bestreben. –
»Seit du ihn hast, fehlt dir abends ein guter Salat.« –
Undank! Mein Fabrikat durch sämtliche Sorten ist trefflich. –
»Numero 7 und 9 kenn' ich und – lobe sie nicht.« –
Heut', wie ich merke, gefällst du dir sehr, mir in Versen zu trumpfen. –
»Waren es Verse denn nicht, was du gesprochen bisher?« –
Eine Schwäche des Mannes vom Fach, darfst du sie mißbrauchen? –
»Unwillkürlich, wie du, red' ich elegisches Maß.« –
Mühsam übt' ich dir's ein, harmlose Gespräche zu würzen. –
»Freilich, im bitteren Ernst nimmt es sich wunderlich aus.« –
Also verbitt' ich es jetzt; sprich, wie dir der Schnabel gewachsen! –
»Gut! laß sehen, wie sich Prose mit Distichen mischt!«
Unsinn! Brechen wir ab! Mit Weibern sich streiten ist fruchtlos. –
»Fruchtlos nenn' ich im Schlot Essig bereiten, mein Schatz.«
Daß noch zum Schlusse mir dein Pentameter tritt auf die Ferse! –
»Dein Hexameter zieht unwiderstehlich ihn nach.« –
Ei, dir scheint er bequem, nur das Wort noch, das letzte, zu haben:
Hab's! Ich schwöre, von mir hast du das letzte gehört. –
»Meinetwegen, so mag ein Hexameter einmal allein stehn!«

(Pause. Der Mann wird unruhig; es peinigt ihn offenbar, das Distichon nicht geschlossen zu hören oder es nicht selber schließen zu dürfen. Nach einiger Zeit kommt ihm die Frau mit Lachen zu Hilfe und sagt:)

»Alter, ich tat dir zu viel; wirklich, dein Essig passiert.
Wenn er dir künftig noch besser gerät, wohlan! so ist einzig
Dein das Verdienst; denn du hast wahrlich kein zänkisches Weib.« –

(Er gleichfalls herzlich lachend und sie küssend:)

Rike, morgenden Tags räum' ich dir die vorderen Fenster
Sämtlich, und im Kamin prangen die Schinken allein!

Selbstgeständnis.

Ich bin meiner Mutter einzig Kind,
Und weil die andern ausblieben sind, –
Was weiß ich, wieviel, die sechs oder sieben –
Ist eben alles an mir hängen blieben:
Ich hab' müssen die Liebe, die Treue, die Güte
Für ein ganz halb Dutzend allein aufessen;
Ich will's mein Lebtag nicht vergessen.
Es hätte mir aber noch wohl mögen frommen,
Hätt' ich nur auch Schläg' für sechse bekommen!

Restauration

nach Durchlesung eines Manuskripts mit Gedichten.

Das süße Zeug ohne Saft und Kraft!
Es hat mir all mein Gedärm erschlafft.
Es roch, ich will des Henkers sein!
Wie lauter welke Rosen und Kamilleblümlein.
Mir ward ganz übel, mauserig, dumm,
Ich sah mich schnell nach was Tüchtigem um,
Lief in den Garten hinterm Haus,
Zog einen herzhaften Rettich aus,
Fraß ihn auch auf bis auf den Schwanz –
Da war ich wieder frisch und genesen ganz.

Nachts.

Horch! auf der Erde feuchtem Grund gelegen,
Arbeitet schwer die Nacht der Dämmerung entgegen,
Indessen dort, in blauer Luft gezogen,
Die Fäden leicht, unhörbar fließen
Und hin und wieder mit gestähltem Bogen
Die lust'gen Sterne goldne Pfeile schießen.
Im Erdenschoß, im Hain und auf der Flur,
Wie wühlt es jetzo rings in der Natur
Von nimmersatter Kräfte Gärung!
Und welche Ruhe doch und welch ein Wohlbedacht!
Mir aber in geheimer Brust erwacht
Ein peinlich Widerspiel von Fülle und Entbehrung
Vor diesem Bild, so schweigend und so groß.
Mein Herz, wie gerne machtest du dich los!
Du schwankendes, dem jeder Halt gebricht,
Willst, kaum entflohn, zurück zu deinesgleichen.
Trägst du der Schönheit Götterstille nicht,
So beuge dich! denn hier ist kein Entweichen.