Fünfzehntes Kapitel.
Bibel und Babel.
Die Funde der deutschen Archäologen lassen erkennen, daß Babylon schon vor fünf Jahrtausenden bewohnt war. Die ältesten ausgegrabenen Ruinen stammen aus der Zeit der ersten babylonischen Könige, etwa 2500 Jahre v. Chr. Seitdem ist der Stadtplan mit seinen Straßen und Häuserblöcken nur geringfügig verändert worden. In der Zeit, da die assyrischen Könige auch über Babylon herrschten, stellten sie den berühmten Tempel Esagila wieder her, der noch heute die gepflasterten Fußböden Assarhaddons und Sardanapals zeigt. Sanherib pflasterte einige Teile der Prozessionsstraße des Gottes Marduk, und auf der Kasrhöhe entdeckte man Spuren von Sargons, Sardanapals und Nabopolassars Tätigkeit. Unter Nebukadnezar begann der Neubau der ganzen Stadt und ihrer Tempel Emach, Esagila, Etemenanki. Damals wurde die steinerne Brücke über den Euphrat gebaut, wurden Kanäle angelegt, Burgen und Paläste errichtet. Auch die gewaltigen Mauermassen des Ischtartors erhoben sich in der Form, in der wir sie jetzt noch sehen.
Aus Naboned, der ebenfalls seinen Namen als Bauherr verewigt hat, folgte das Zeitalter der persischen Könige (538–331), in dem das Stadtbild gewisse Änderungen erfuhr und die Gestalt annahm, die von Herodot und Ktesias der Nachwelt geschildert wurde. Alexander von Mazedonien (331–323) wollte Babylon zu seinem alten Glanz erheben, doch starb er, bevor er sein Vorhaben ausführen konnte. Die griechische Epoche fällt zwischen die Jahre 331 und 139. Mit ihr begann der Verfall. Von den monumentalen Gebäuden wurden Ziegel für Profanbauten geplündert. Ebenso im parthischen Zeitalter (139 v. Chr.–226 n. Chr.). Die Sassaniden beschleunigten den Untergang, und nur die südliche Höhe Amran blieb noch bis ins arabische Zeitalter 1200 n. Chr. bewohnt. Schon 115 n. Chr. fand der römische Kaiser Trajan die Stadt in Trümmern. Doch waren noch später kleine jüdische und christliche Gemeinden vorhanden, bis im zehnten oder elften Jahrhundert etwa 10 Kilometer südlicher Hille am Euphrat entstand und für seine neuen Häuser Ziegel aus Babylons alten Burgen, Mauern und Palästen forderte. Im Gegensatz zu Ninive, über dessen Trümmer Xenophon und die Zehntausend zogen, ohne zu wissen, was sie bedeuteten, ist Babylon wohl niemals ganz vergessen gewesen.
Welch eigenen, mächtigen Klang haben nicht all diese alten Namen in unseren Ohren! Unsern Vorfahren, nur einige Geschlechter zurück, klangen sie meist noch wie vage Begriffe, wie ein phantastisches Gewebe von Sagen und Legenden. Jedem aber, der in der Schule oder daheim die Bibel las, waren sie vertraut. Das ganze hebräische Altertum ist mit Babylonien und Assyrien aufs engste verknüpft. Wir erinnern uns alle aus unserer Kindheit der wunderbaren Welt, die ihre Lebenskraft aus den Zwillingsflüssen schöpfte, denen Sirach das Buch vom Bunde des höchsten Gottes vergleicht, wenn er von dem Gesetz spricht, „daraus die Weisheit geflossen ist wie das Wasser Pison und wie das Wasser Tigris, wenn es übergehet im Lenz; daraus der Verstand geflossen ist wie der Euphrat, wenn er groß ist, und wie der Jordan in der Ernte.“
Nun steigt seit weniger als einem Jahrhundert diese alte Welt aufs neue aus der Erde herauf und bestätigt in Keilschrift auf gebranntem Lehm die Wahrheit der Bibelworte. Der südbabylonische Fundort El-Mugejir, der 1849 von Sir Henry Rawlinson entdeckt wurde, ist nichts anderes als Abrahams Heimat, die Stadt Ur, die im ersten Buch Moses erwähnt wird, wo es von Abraham und seinen Verwandten heißt, daß sie von Ur in Chaldäa zusammen ins Land Kanaan zogen. Im zweiten Buch der Könige wird erzählt, daß „in König Hiskias 14. Jahre Sanherib heraufzog, der König von Assyrien, wider alle festen Städte Judas und sie einnahm. Da sandte Hiskia, der König Judas, zum Könige von Assyrien gen Lachis und ließ ihm sagen: Ich habe mich versündiget, kehre um von mir; was du mir auflegest, will ich tragen. Da legte der König von Assyrien auf Hiskia, dem König Judas, dreihundert Zentner Silber und dreißig Zentner Gold.“ In Sanheribs Palast in Ninive fand man ein in Stein gehauenes Bild des Königs vor seinem Zelt mit einer Unterschrift, die in allem Wesentlichen die Darstellung der Bibel von seinem Streit mit dem König von Juda bestätigt. Was aber die Keilschrift nicht verrät, das sind die goldenen Worte, die der König an den Gedemütigten richtete: „Meinst du, es genügten Flausen allein, um Rat zu schaffen und die Macht zum Kriegführen zu haben?“ In seinem berühmten Buch „Babel und Bibel“ (1903) beweist Professor Delitzsch die Zuverlässigkeit der biblischen Urkunden, und der Geschichtsforscher Eduard Meyer sagt in seiner „Geschichte des Altertums“ (1903): „Für die Zeit von 745 an kommen die vollständig authentischen, aber sehr dürftigen und abgerissenen Angaben im Alten Testament als ein wertvolles Plus zu den griechischen Quellen.“
Niemals habe ich die Bücher des Alten Testaments mit größerer Aufmerksamkeit und wärmerem Interesse gelesen, als in den Tagen, da ich die Ruinen von Babel, Assur und Ninive besuchte. Erzählungen, die früher wie Sagen und Märchen klangen, werden hier zur Wirklichkeit. Könige, deren Namen man bisher nur flüchtig kannte, Tiglat-Pileser, Salmanassar, Sanherib, Nebukadnezar, ziehen nicht länger wie ein Zug von Gespenstern vorüber, sondern nehmen leibhaftige Gestalt an. Einen ähnlichen Eindruck von lebendiger Wirklichkeit hat man vielleicht schon vor den babylonischen und assyrischen Altertümern des Britischen Museums erhalten, vor der gewaltigen Statue des Assurnasirpal mit den vornehmen Herrscherzügen und dem langen, geflochtenen assyrischen Bart, oder vor dem Relief Assurbanipals, des Sardanapal der Griechen; oder wenn man im Königlichen Museum zu Berlin das charakteristische Profil des babylonischen Königs Mardukpaliddin bewunderte, des Merodach-Baladan der Bibel, der auf einem Grenzstein aus dem Jahre 714 einem seiner Vertrauensleute die Statthalterschaft über bestimmte Provinzen verleiht, oder angesichts des prächtigen, im Jahre 670 in Dolerit ausgeführten Reliefs von Assarhaddon von Assyrien, wie er in königlicher Pracht dasteht und zwei Riemen in der Hand hält, an die die gefangenen Könige von Äthiopien und Tyrus gebunden sind.
Aber das Museum einer modernen Stadt wirkt doch weit schwächer als das Land selbst, über dessen endlose Flächen die alten großen Könige geherrscht, unvergleichlich schwächer als die Palastgemächer und Thronsäle, wo sie Recht gesprochen und Vasallen und Gesandte empfangen haben. Hier wohnten sie. Der Strom, in dessen langsam fließendem Wasser Schlösser und Tempel ihre kubischen Formen spiegelten — so meisterhaft von Koldewey und Andrae rekonstruiert, so prachtvoll, aber unwahrscheinlich wiedererweckt von Layard und Gustave Doré — hat ehemals ihre Fahrzeuge getragen, und den Horizont, dessen Kreis so gleichmäßig ist wie der des Meeres und jetzt ein Land verbrannter Steppen und glühend heißer Wüsten umschließt — nicht ein Paradies von Oasen und Gärten, dicht wie die Flecke eines Pantherfells —, diesen Horizont hat auch ihr Blick umfaßt, wenn sie bei Sonnenuntergang auf den Zinnen ihrer Paläste wandelten. Welchen Klang gewinnen erst hier die Worte Daniels über Nebukadnezar: „Als der König einmal auf dem Dache der Königsburg zu Babel ging, hob er an und sprach: Siehe, das ist die große Babel, die ich erbauet habe zum königlichen Hause durch meine große Macht, zu Ehren meiner Herrlichkeit.“
Bereits im zehnten Kapitel der Genesis begegnen uns die uralten Namen Babel und Ninive, Assyrien, Akkad und Sinear, von denen die beiden letzten die Landstriche zwischen dem untern Tigris und dem Euphrat bezeichnen. Dort steht von Nimrod, der anfing, „ein gewaltiger Herr zu sein auf Erden, und war ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn“, daß „der Anfang seines Reichs war Babel, Erech, Akkad und Chalne im Lande Sinear. Von dem Lande ist darnach gekommen der Assur und baute Ninive ...“ Und im elften Kapitel wird der Turm zu Babel erwähnt, „des Spitze bis an den Himmel reicht“, und die Stadt, die den Namen Babel erhielt, weil „der Herr daselbst verwirret hatte aller Länder Sprache, und sie zerstreuet von dannen in alle Länder“.
In der Bibel ist Babel teils der Hauptsitz der das auserwählte Volk Gottes befehdenden Weltmacht, teils auch eine Geißel in Gottes Hand bei Bestrafung der ungehorsamen Israeliten. Die Verdammungsworte der Propheten donnern wie schwere Hammerschläge sowohl gegen Babel, wie gegen Juda. So sagt Jesaja: „Also soll Babel, das schönste unter den Königreichen, die herrliche Pracht der Chaldäer, umgekehret werden von Gott wie Sodom und Gomorra, daß man hinfort nicht mehr da wohne, noch jemand da bleibe für und für, daß auch die Araber keine Hütten daselbst machen, und die Hirten keine Hürden da aufschlagen, sondern Wüstentiere werden sich da lagern, und ihre Häuser voll Eulen sein; und Strauße werden da wohnen, und Feldmäuse werden da hüpfen, und wilde Hunde in ihren Palästen heulen und Schakale in den luftigen Schlössern. Und ihre Zeit wird bald kommen, und ihre Tage werden nicht säumen.“ Die aus der Knechtschaft Befreiten aber sollen über Babel singen: „Wie ists mit dem Dränger so gar aus, und der Zins hat ein Ende! ... Auch freuen sich die Tannen über dir und die Zedern auf dem Libanon und sagen: ‚Weil du liegst, kommt niemand herauf, der uns abhaue‘ ... Und ich will über sie kommen, spricht der Herr Zebaoth, und zu Babel ausrotten ihr Gedächtnis, ihre Übriggebliebenen, Kind und Kindeskind, spricht der Herr; und will Babel machen zum Erbe der Igel und zum Wassersumpf, und will sie mit einem Besen des Verderbens kehren, spricht der Herr Zebaoth ... Babel ist gefallen, sie ist gefallen und alle Bilder ihrer Götter sind zu Boden geschlagen.“
In seiner Weissagung gegen die Assyrer und seiner Erzählung von Sanheribs Fall sagt Jesaja: „Er soll nicht kommen in diese Stadt (Jerusalem) und soll auch keinen Pfeil dahin schießen und mit keinem Schild davor kommen und soll keinen Wall um sie schütten, sondern des Weges, den er gekommen ist, soll er wieder heimkehren ... Da brach der König von Assyrien, Sanherib auf, zog weg und kehrte wieder heim zu Ninive.“ — Als Merodach-Baladan, der König von Babel, an Hiskia Gesandte mit Briefen und Geschenken schickte, zeigte dieser ihm alle seine Schätze und Besitztümer. Da kam der Prophet Jesaja und fragte den König, woher die Männer kämen. Dieser antwortete: „Sie kommen von ferne zu mir, nämlich von Babel.“ Da sprach Jesaja: „Siehe, es kommt die Zeit, da alles, was in deinem Haus ist und was deine Väter gesammelt haben bis auf diesen Tag, wird gen Babel gebracht werden, daß nichts bleiben wird, spricht der Herr. Dazu werden sie deine Kinder, die von dir kommen werden und die du zeugen wirst, nehmen, daß sie müssen Kämmerer sein am Hofe des Königs zu Babel.“ — Und schließlich sagt Jesaja über die Erniedrigung des stolzen Babel: „Herunter, Jungfrau, du Tochter Babel, setze dich in den Staub! setze dich auf die Erde; denn die Tochter der Chaldäer hat keinen Stuhl mehr. Man wird dich nicht mehr nennen: ‚Du Zarte und Üppige‘ ... Setze dich in das Stille, gehe in die Finsternis, du Tochter der Chaldäer, denn du sollst nicht mehr heißen ‚Herrin über Königreiche‘.“
Nach Sanheribs Zug geriet das Reich Juda in Verfall und wurde eine Beute des ägyptischen Königs. Als dieser, Pharao Necho, im Jahre 605 den Krieg gegen Nebukadnezar begann, wurde er bei Karkemisch (jetzt Dscherablus) aufs Haupt geschlagen, und das Schicksal der Juden verschlimmerte sich; sie wurden in die babylonische Gefangenschaft geführt. Davon spricht der Prophet Jeremias immer und immer wieder in derben, kraftvollen Worten, und davon singt der Psalmist in seinem wehmütigen Lied: „An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten. Unsere Harfen hingen wir an die Weiden, die daselbst sind; denn dort hießen uns singen, die uns gefangen hielten, und in unserem Heulen fröhlich sein: Singt uns ein Lied von Zion. Wie sollten wir des Herrn Lied singen in fremden Landen? ... Du verstörte Tochter Babel, wohl dem, der dir vergilt, wie du es getan hast! Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und zerschmettert sie an dem Stein.“
Und Jeremias sagt zu den Weggeschleppten: „In das Land Zion, da sie von Herzen gern wieder hin wären, sollen sie nicht wieder kommen.“ — „Darum, so spricht der Herr Zebaoth, weil ihr denn meine Worte nicht hören wollt, siehe, so will ich ausschicken und kommen lassen alle Völker gegen Mitternacht, spricht der Herr, auch meinen Knecht Nebukadnezar, den König zu Babel, und will sie bringen über dies Land und über die, so darin wohnen, und über alle diese Völker, so umherliegen, und will sie verbannen und verstören und zum Spott und zur ewigen Wüste machen. Und will herausnehmen allen frohen Gesang, die Stimme der Mühle und das Licht der Lampe, daß dies ganze Land wüst und zerstöret liegen soll. Und sollen diese Völker dem Könige zu Babel dienen siebzig Jahre. Wenn aber die siebzig Jahre um sind, will ich den König zu Babel heimsuchen um dies Volk, spricht der Herr, um ihre Missetat, dazu das Land der Chaldäer, und will es zur ewigen Wüste machen. — Darum so gehorchet nicht euren Propheten, Weissagern, Traumdeutern, Tagewählern und Zauberern, die euch sagen: Ihr werdet nicht dienen müssen dem König zu Babel. Denn sie weissagen euch falsch, auf daß sie euch fern aus eurem Lande bringen und ich euch ausstoße und ihr umkommt.“
Jeremias ermahnt die Fortziehenden, sich des Weges zu erinnern, den sie gegangen sind: „Richte dir Denkmale auf, setze dir Zeichen und richte dein Herz auf die gebahnte Straße, darauf du gewandelt hast; kehre wieder, Jungfrau Israel, kehre dich wieder zu diesen deinen Städten ... Gedenket des Herrn im fernen Lande und lasset euch Jerusalem im Herzen sein!“
Die siebzig Jahre gingen zu Ende, 605–536. Da befahl König Cyrus von Persien den Gefangenen, heimzureisen und für das Haus des Herrn die Gefäße mitzunehmen, die Nebukadnezar aus der heiligen Stadt fortgeführt hatte. Sie wanderten in zerstreuten Haufen aus, ihr erster Führer war Serubbabel. Im siebenten Regierungsjahr Artasastas zog Esra von Babel nach Jerusalem, und mit ihm die Priester, Leviten, Sänger, Türhüter und Tempeldiener. —
Wie buchstäblich haben sich die Voraussagen der Propheten von der Zerstörung der großen Stadt erfüllt! Die Wüste ringsum wirkt weniger öde als diese Schutthaufen und diese trostlosen, kahlen Mauern. Denn von der Wüste erwartet man nichts, die Ruinen aber sprechen von vergangener Größe und erloschenem Glanz. Die gewaltigen Mauermassen des hohen Ischtartors stehen nackt, nachdem das Feuer die Dächer und Paneele aus Zedernholz vernichtet hat. Nicht einmal Beduinen errichten hier ihre Zelte, nur Schakale sah ich sogar am Tage aus ihren Schlupfwinkeln hervorschleichen. Welch erschütternde Wahrheit also verkünden die an Jesaja erinnernden Worte des Propheten Jeremias: „Darum sollen Wüstentiere und wilde Hunde darin wohnen und die jungen Strauße und es soll nimmermehr bewohnet werden und niemand darin hausen für und für. Gleich wie Gott Sodom und Gomorra samt ihren Nachbarn umgekehrt hat, spricht der Herr, daß niemand darin wohne, noch ein Mensch darin hause ... Und Babel soll zum Steinhaufen und zur Wohnung der Schakale werden, zum Wunder und zum Anpfeifen ... Die Mauern der großen Babel sollen untergraben, und ihre hohen Tore mit Feuer angesteckt werden, daß der Heiden Arbeit verloren sei, und verbrannt werde, was die Völker mit Mühe erbauet haben.“
Der weitaus größte Teil der von den deutschen Archäologen ausgegrabenen Ruinen stammt aus Nebukadnezars Zeit. Der Sohn des Gründers des babylonischen und chaldäischen Reiches, Nebukadnezar, regierte dreiundvierzig Jahre (604–561) und war einer der größten und glücklichsten Könige des Altertums. Er erweiterte die Grenzen des Landes und verlieh der Stadt Babylon unerreichten Glanz. Historische Keilschrifturkunden aus seiner Zeit sind äußerst selten, dagegen gibt es zahlreiche Bauurkunden, oft mit Gebeten an Marduk, sowie zahllose Stempel auf Ziegelsteinen.
Auch in der Bibel begegnen wir seinem Namen öfter als dem irgendeines andern Königs von Assyrien und Babylonien, da er es war, der so verhängnisvoll in die Geschichte Israels eingriff, indem er die Blüte des jüdischen Volkes in das Land der Gefangenschaft schleppte. Schon als Thronerbe eroberte er Jerusalem, und 586, als er auch alle Festungen in Juda eingenommen hatte, zerstörte er die Stadt zum zweiten Male. „Und Zedekia ward abtrünnig vom König zu Babel,“ heißt es im zweiten Buch der Könige. „Da kam Nebukadnezar, der König zu Babel, mit aller seiner Macht wider Jerusalem; und sie lagerten sich dawider und bauten Bollwerke darum her.“ Jerusalem erlag der Hungersnot. „Da brach man in die Stadt; und alle Kriegsmänner flohen bei Nacht auf dem Weg durch das Tor zwischen den zwei Mauern.“ Im zweiten Buch der Chronik wird erzählt, wie Nebukadnezar gegen Jojakim in Jerusalem heraufzog „und band ihn mit Ketten, daß er ihn gen Babel führte. Auch brachte Nebukadnezar etliche Gefäße des Hauses des Herrn gen Babel und tat sie in seinen Tempel zu Babel.“ Daniel, einer von den jungen Edlen, die in die Gefangenschaft geschleppt wurden, berichtet von Nebukadnezars Götzendienst und der Verehrung, die er trotzdem der Macht des höchsten Gottes erwies, von den Träumen des Königs von den vier Weltreichen und dem abgehauenen Baum, von den drei Männern im brennenden Ofen und ihrer wunderbaren Rettung.
Hesekiel bietet eine prächtige Schilderung von Nebukadnezars Belagerung von Tyrus, der Stadt, „die Kronen verteilt, deren Kaufleute Fürsten sind und deren Krämer die herrlichsten auf Erden sind“, der Stadt, die „Silber anhäuft wie Staub und Gold wie Dreck auf den Straßen“. „Siehe, ich will über Tyrus kommen lassen Nebukadnezar, den König zu Babel, von Mitternacht her, der ein König aller Könige ist, mit Rossen, Wagen, Reitern und mit großem Haufen Volks.“ Um Tyrus wurde eine Belagerungsmauer gezogen, ein Wall aufgeschüttet und ein Schilddach gegen die Stadtmauer errichtet. Sturmböcke berannten die Mauern, und mit andern Kriegswerkzeugen wurden die Türme der Stadt umgerissen. Der König rückte mit so viel Pferden an, daß der von ihnen aufgewirbelte Staub die Stadt einhüllte und vom donnernden Lärm der Reiter, Räder und Wagen die Mauern erzitterten.
Wunderlich klingen in diesen Tagen, wo ein anderes Weltreich über dem Meer in seinem Lebensnerv bedroht wird, die Worte des Propheten, wenn er Tyrus, dieses weitberühmte Bollwerk des Phöniziers, „das da liegt vorn am Meer und mit vielen Inseln der Völker Handel treibt,“ mit einem gescheiterten Schiff vergleicht. „Dein Segel war von gestickter, köstlicher Leinwand aus Ägypten, daß es dein Panier wäre ... Alle Schiffe im Meer und ihre Schiffsleute fand man bei dir, die hatten ihren Handel in dir. Die aus Persien, Lydien und Libyen waren dein Kriegsvolk, die ihre Schilde und Helme in dir aufhingen, und haben dich so schön geschmückt ... Tharsis hat mit dir seinen Handel gehabt und allerlei Ware, Silber, Eisen, Zinn und Blei auf deine Märkte gebracht ... Also bist du sehr reich und prächtig geworden mitten im Meer. Deine Ruderer haben dich auf große Wasser geführt; aber ein Ostwind wird dich mitten auf dem Meer zerbrechen ... Auch die Anfurten werden erbeben vor dem Geschrei deiner Schiffsherren, und alle, die an den Rudern ziehen, samt den Schiffsknechten und Meistern werden aus ihren Schiffen ans Land treten und laut über dich schreien, bitterlich klagen und werden Staub auf ihre Häupter werfen und sich in der Asche wälzen ... Es werden auch ihre Kinder über dich wehklagen: ‚Ach, wer ist jemals auf dem Meer so still geworden wie du, Tyrus‘ ... Du warst ohne Tadel in deinem Tun von dem Tage an, da du geschaffen wurdest, bis sich deine Missetat gefunden hat. Denn du bist inwendig voll Frevel geworden vor deiner großen Hantierung und hast dich versündigt. Darum will ich dich entheiligen von dem Berge Gottes und will dich ausgebreiteten Cherub aus den feurigen Steinen verstoßen.“
Nach dem dreizehnten Jahr gab aber Nebukadnezar die Belagerung auf und schloß 576 mit Ithobaal von Tyrus ein Bündnis. Hesekiel berichtet in seinem 29. Kapitel, daß er sich dafür in Ägypten entschädigte.
Auch in den apokryphischen Büchern begegnet uns oft der Name des großen Königs, der das Buch Judith eröffnet: „Nebukadnezar, der König von Assyrien, regierte in der großen Stadt Ninive ...“ „Da die Länder im Westen sich weigerten, seinen Befehlen zu gehorchen, schickte er nach seinem Oberfeldherrn Holofernes, der in seinem Reiche der nächste war nach ihm selbst, und sagte zu ihm: ‚So spricht der große König, der Herr der ganzen Welt, du sollst von hier ausziehen und mit dir Mannschaft nehmen, die auf seine Stärke vertraut, an Fußvolk bis zu 120000 Mann und eine Menge Pferde mit ihren Reitern, 12000, und du sollst wider alle Reiche im Westen ziehen, deswegen, weil sie meinem Befehl nicht gehorcht haben.‘“
Natürlich ist diese Schilderung gewaltig übertrieben. Die Babylonier bildeten keine Massenheere und konnten keine bilden. Aber die Wirklichkeit war gewiß imposant. Die verschiedenen Abteilungen, teils Truppen, die aus kriegerischen Stämmen innerhalb und außerhalb des großen Reiches geworben waren, teils Bogenschützen zu Pferde, eine Spezialität des Orients, wurden von Assurs Fürsten und Feldherrn geführt. Für den Train wurden Kamele, Esel und Maulesel benutzt, „und eine zahllose Schar von Schafen, Rindern und Ziegen für ihren Unterhalt und Getreide in Menge für jeden Mann und viel Gold und Silber aus des Königs Kammer mitgeführt.“
Und Holofernes brach vor dem König Nebukadnezar von Ninive auf „mit den Wagen und Reitern seines Heeres ..., überschritt den Euphrat und verließ damit Mesopotamien und nahm die Gebiete Ciliciens ein.“ Man braucht keine große Phantasie zu haben, um sich ein Bild zu machen von dem Zug dieser bunten Scharen über die öden Flächen am Fuße des persischen Zagros und des armenischen Taurus. Langsam windet sich der Zug von Wasserlauf zu Wasserlauf. Er hat keine Ähnlichkeit mit einer modernen Marschkolonne, die Ordnung ist im Gegenteil ganz „zerstreut“. Die babylonischen Krieger marschierten nicht in Verbänden, wie später Mazedonier und Römer; sie gingen in losen Scharen; die Herren hatten, gleich den Griechen, ihre Sklaven bei sich, die ihnen die Waffen trugen. Aber der Staub, der von der Menge aufstieg, war nicht minder dicht und zog wie ein weißgrauer Schleier über die Ebene hin. Die Streitwagen rasselten, die Rosse stampften, auf schnellfüßigen arabischen Pferden sprengten die Bogenschützen einher, die Pfeilköcher auf dem Rücken, und die Waffen und die prachtvoll mit Gold und Silber geschmückten Wagen der Männer von Assur blitzten in der Sonne. Unter Lärm und Gesang bewegten sich die Scharen und die unübersehbaren Herden Schlachtvieh vorwärts und zertrampelten das Gras der Steppe. Über die Landgebiete Japhets zog Holofernes „nach Damaskus zur Zeit der Weizenernte“ und weiter bis in die Nähe von Bethulia in Judäa, wo er nach der Sage durch sein eigenes Schwert fiel, das Judiths Hand führte.
Das Buch Baruch erzählt unter anderm von dem Schreiben, das die Juden in Babylonien aufsetzten und mit Geld an ihre Stammverwandten in Palästina schickten. Mochten sich auch die Gefangenen unter den Weidenbäumen am Flusse Babel nicht sonderlich wohlfühlen, der Ton ihres Briefes verrät jedenfalls, daß sie Furcht vor der königlichen Zensur hatten: „Siehe, wir senden euch Geld, dafür kauft Brandopfer und Sündopfer, Weihrauch und Speiseopfer und opfert es auf dem Altar des Herrn, unsers Gottes. Und bittet für das Leben Nebukadnezars, des Königs zu Babel, und das Leben Belsazars, seines Sohnes, daß ihre Tage auf Erden seien, solange die Tage des Himmels währen. So wird der Herr uns genug und gute Tage schaffen, und wir werden leben unter dem Schatten Nebukadnezars, des Königs zu Babel, und unter dem Schatten Belsazars, und ihnen dienen lange Zeit und Gnade vor ihnen finden.“
Von der Göttersage der Babylonier sei hier nur gesagt, daß sie unter dem Schutz vieler übernatürlichen Mächte zu stehen glaubten. Von ihren Göttern finden wir ein paar in der Bibel wieder: Bel und Merodach oder Marduk. Ischtar war eine Göttin; die hohen Tore ihres Tempels stehen noch heute. Ihre im Tempel aufgestellten Bildsäulen waren vergoldet und mit Edelsteinen und kostbaren Gewändern geschmückt. Als Sadrak, Mesak und Abed-Nego sich weigerten, „niederzufallen und das goldene Bild anzubeten, das König Nebukadnezar hatte setzen lassen“, wurden sie in den feurigen Ofen geworfen, und als Daniel an seinem heimischen Gottesdienst festhielt, warf man ihn in die Löwengrube. Zu den apokryphen Büchern gehört der Brief, den Jeremias „denen schickte, die vom König der Babylonier in die Gefangenschaft geschleppt werden sollten“, und in dem er auf ganz prächtige Art sie vor den Götzen aus Gold und Holz warnt, die „sich nicht gegen Rost und Würmer schützen können, trotzdem sie in purpurne Kleider gehüllt sind“. — „Sie zünden ihre Lampen an, sogar mehr als für sich selbst, und doch können die Götzen nicht einen einzigen von ihnen sehen. Ihre Gesichter sind geschwärzt vom Rauch in den Tempeln, Fledermäuse, Schwalben und andre Vögel kommen geflogen und setzen sich auf ihre Leiber und Köpfe, ja sogar Katzen kommen und setzen sich auf sie.“ Die Opfer werden den Priestern überwiesen, deren Frauen das Opferfleisch einsalzen. In den Tempeln „sitzen die Priester mit zerrissenen Kleidern und mit geschorenem Haar und Bart und entblößen die Köpfe und heulen und rufen vor ihren Götzen, wie manche beim Leichenschmaus tun.“ Die Götzen können keinen König in einem Land einsetzen, „sie sind wie die Krähen, die zwischen Himmel und Erde fliegen, sie sind wie Vogelscheuchen auf einem Gurkenfeld.“
Im Anhang zum Buche Daniel, der mit den wohlbekannten Worten beginnt: „Es war ein Mann zu Babylon mit Namen Jojakim, der hatte ein Weib, die hieß Susanna“, befindet sich die gelungene Erzählung, wie Daniel die Priester Bels ertappte und ihren Götzen und seinen Tempel verhöhnte. „Es war auch ein großer Drache daselbst, den sie zu Babel anbeteten.“ Wir werden ihm noch begegnen, denn er spielt in der babylonischen Kunst eine Rolle.