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Bagdad, Babylon, Ninive cover

Bagdad, Babylon, Ninive

Chapter 5: Drittes Kapitel. Eine mißglückte Autofahrt.
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About This Book

The narrative recounts a traveler’s journeys through Mesopotamia and neighboring regions during wartime, blending on-the-ground wartime observations with sustained antiquarian curiosity. River voyages, desert crossings, and visits to cities and archaeological sites are described alongside encounters with nomads, refugees, and military convoys. Detailed impressions of ancient ruins, excavated monuments, cuneiform inscriptions, and local urban life alternate with reflections on historical continuity and the impact of modern conflict. Chapters move between lively travel anecdotes, archaeological description, and cultural and historical commentary, offering a panoramic account of landscape, monuments, and contemporary conditions in a region shaped by both past civilizations and present upheaval.

Pferdebeförderung über den Dschirdschib.

Drittes Kapitel.
Eine mißglückte Autofahrt.

Meine bisherigen Reisekameraden waren bereits aufgebrochen: Graf Wilamowitz mit Oberst von Gleich den Euphrat entlang, Vonberg und Welsch nach Ras-el-Ain, wo sie drei Tage auf Pferde und Wagen für die Fahrt nach Bitlis warten mußten, so daß ich ihnen am nächsten Tag noch einmal begegnete. Major Welsch sah ich einige Monate später wieder; Oberstleutnant Vonberg aber sollte von Bitlis nicht mehr zurückkehren: er starb dort am Flecktyphus.

Am 28. März schlug auch für uns die Stunde des Aufbruchs. Das Wetter war herrlich geworden, für unsere Autofahrt nach Mosul mußten die Straßen ausgezeichnet sein. Major Reiths fünf Automobile, zwei Personen- und drei Lastwagen, wurden auf offenen Loren verladen, und am Vormittag setzte sich unsre Kolonne mit neun Chauffeuren und einem türkischen Dolmetscher in Bewegung. Die Lastautos enthielten reichliche Vorräte an Benzin und Öl, Ersatzteile, Gummiringe, Werkzeug, Spaten, Zelte, Tische, Stühle, Betten und Proviant.

Zuerst brachte uns die Bahn nach Muslimije zurück. Dann wandte sie sich nach Osten durch wenig bebautes Land, wo nur hier und da die zusammengedrängten Kuppeldächer eines Dörfchens sichtbar wurden. Diese bienenstockartigen Hütten aus an der Sonne getrocknetem Lehm finden sich überall da, wo anderes Baumaterial, Holz oder Stein, fehlt. Weiter entfernt von der Bahnstrecke, wo Kalkstein zu Tage tritt, sind auch die Dorfhäuschen aus Stein und ihre Dächer flach. Fast ohne Ausnahme liegt auch die kleinste dieser Ansiedelungen auf dem Abhang oder am Fuß eines „Tell“, einer nackten Anhöhe, deren durchweg regelmäßige, flach konische Form aus dem ebenen Gelände einsam hervorragt. Solch ein Tell birgt die Geschichte des betreffenden Dorfes; er reicht bis in die Morgendämmerung der assyrischen und hethitischen Zeit zurück, beginnt vielleicht vor den frühesten menschlichen Urkunden und war auf alle Fälle schon uralt, als mazedonische Hopliten und Hypaspisten, die schweren Fußtruppen und leichter beweglichen Schildträger, durch diese Gegenden vorrückten. Eine Quelle, ein Bach oder auch nur die Nähe von Grundwasser reizten zur Ansiedelung, die dann durch Jahrtausende fortgelebt hat. Alte Häuser stürzten ein; Schutt und Unrat häuften sich auf; aber die nachkommenden Geschlechter bauten auf demselben Platze weiter, und so wuchs der Tell schichtweise zu einem Hügel empor.

Um die Dörfer herum breiten sich Äcker aus, auf denen die Fellachen, die festansässigen Bauern, mit Ochsen pflügen, und Frauen und Kinder in buntzerfetzter Kleidung unserem Zuge offenen Mundes nachschauen. Sonst ist der weiche rote Erdboden gewöhnlich mit Gras und Kräutern bewachsen, und seine Einförmigkeit wird nur selten durch eine wandernde Kamelkarawane unterbrochen. Neben der Eisenbahn wirken die prächtigen Tiere wie Anachronismen. Wie gut, daß es noch Gegenden gibt, wo die Menschen ohne das „Schiff der Wüste“ verloren wären!

Die Stationsgebäude sind feste Blockhäuser. Auf dem Bahnsteig von Akdsche-Kojunli wartet eine Kompagnie Rekruten auf ihren Zug. Der Ort liegt am Sadschur, einem Nebenfluß des Euphrat, und sein trübes Wasser verrät, daß in seinem Quellgebiet Regen gefallen ist. Ein bedenkliches Vorzeichen! Fern im Norden leuchten die Gebirge Armeniens, die zum Taurus gehören, unter ihrer Schneedecke.

Am Nachmittag stiegen wir in Dscherablus am Euphrat aus.

Hier begrüßten uns der türkische Etappeninspektor des Flußweges, Oberst Nuri Bei, und Kapitänleutnant von Mücke, der berühmte Kommandant der „Ayesha“, jetzt Chef der Euphratfluß-Abteilung, die nicht weit vom Bahnhof am Ufer große Werften und Werkstätten angelegt hat. Eine kleine Stadt von deutschen und türkischen Häusern war hier erstanden, und auf der Werft waren deutsche Matrosen beim Bau gewaltiger Boote von 12 Meter Länge, 4 Meter Breite und einer Tragkraft von 25 Tonnen; sie sollten Kriegsmaterial den Euphrat abwärts nach Risvanije bringen, von wo eine Feldbahn es nach Bagdad schaffte. Die türkische Werft liegt 25 Kilometer weiter flußaufwärts in Biredschik. Dort baut man seit alter Zeit Euphratboote, sogenannte Schahtur, die 6 Meter lang und 2½ Meter breit sind und auf dem Wasser gewöhnlich paarweise zusammengebunden werden. Das Holz liefern die Gebirgsgegenden oberhalb Biredschik. Flußabwärts ist Holz sehr selten; was an solchen Booten oder Fähren dort hinunter kommt, wird daher gewöhnlich an seinem Bestimmungsort verkauft. Kapitänleutnant von Mücke wollte aber versuchen, die zahllosen Boote, die von Dscherablus ausgingen, zu retten, indem er sie durch deutsche Lotsen mit Motorbooten wieder an ihren Ausgangspunkt zurückbefördern ließ. Die ganze Stromstrecke bis Feludscha beträgt über 1000 Kilometer, ein einzelner Lotse kann sich daher nicht mit ihr vertraut machen. Deshalb sollte sie in zehn Teilstrecken zerlegt und im Herbst eine genaue Karte des ganzen Stromlaufs hergestellt werden, denn dann ist die Schiffahrt am schwierigsten. Jetzt war der Strom im Steigen, aber der Wasserstand wechselte; am 28. März war er schon fast einen Meter höher gewesen als jetzt; nach der bevorstehenden Schneeschmelze erwartete man, daß er wieder um anderthalb Meter steigen werde. Ein während des Hochwassers aufgenommenes Kartenbild würde leicht irreführen, da alle Untiefen, Sandbänke und Riffe dann überschwemmt sind und die Wassermenge bei niedrigem Wasserstand sich zu dem bei Hochwasser verhält wie 1:12. Obendrein sollten an den Ufern Signale angebracht werden mit Angaben über den Verlauf der tiefen Stromrinne und über alles, was der Euphratschiffer wissen muß.

Gleich oberhalb der Werft liegen die Ruinen einer uralten Stadt, die George Smith 1876 entdeckt hat. Auf einer Reise durch Syrien und Mesopotamien im Jahre 1879/80 kam auch Professor Sachau aus Berlin nach Dscherablus — er nennt es Dscherâbîs —, dem Europus der Römer, dem alten Karkemisch, mit dessen Namen die Erinnerung an einen glänzenden Sieg verknüpft ist. Hier schlug Nebukadnezar im Jahr 605 v. Chr., ein Jahr nach Ninives Fall und ein Jahr vor seiner Thronbesteigung, den Pharao Necho. Dieses Ereignisses gedenkt auch die Bibel; zum Propheten Jeremias geschah das Wort des Herrn: „Wider Ägypten. Wider das Heer Pharao Nechos, des Königs in Ägypten, welches lag am Wasser Euphrat zu Karchemis, das der König zu Babel, Nebukadnezar, schlug im vierten Jahr Jojakims, des Sohnes Josias, des Königs in Juda.“

Als Sachau in Dscherablus eintraf, hatte der englische Konsul Henderson in Aleppo gerade seine Ausgrabungen begonnen. Sie deckten zwei Kulturperioden auf: die uralte hethitische mit künstlerisch ausgeführten Reliefs, breiten Treppen und massiven Häusern, und die römische. Noch bei Ausbruch des Weltkrieges waren englische Archäologen hier an der Arbeit gewesen. Jetzt stand ihr Wohnhaus leer, ihre Betten waren requiriert. Funde und Sammlungen hatte die türkische Regierung versiegeln lassen, damit sich niemand daran vergreife. Durch einen Spalt in der Holztüre sah ich Skulpturen, Vasen usw. auf Regalen und auf dem Boden aufgestellt. Von den größeren Skulpturen draußen auf dem Hof sind, fürchte ich, einige durch die Beduinen beschädigt worden. Seit Dscherablus ein so wichtiger Punkt auf der Etappenstraße nach Bagdad geworden ist, haben Türken und Deutsche die strengsten Maßnahmen zum Schutz der ausgegrabenen Altertümer getroffen. Das Ruinenfeld war auch in bestem Zustand. Da standen in langen Reihen die aus der Erde gegrabenen mächtigen Steinplatten, geschmückt mit Löwen und Greifen und den Bildern assyrischer Könige. Ein etwa einen Meter langer geflügelter Löwe trug außer seinem eigenen Kopf noch den eines Mannes mit eigentümlicher Zipfelmütze oder Krone. Die Grundmauern alter Häuser traten deutlich hervor, oft auch die Einteilung der Räume.

Oberhalb dieses Ruinenfeldes erhebt sich ein Hügel mit Spuren einer Akropolis, und von hier aus bietet sich eine herrliche Fernsicht. Flußabwärts verliert man den Euphrat zwischen seinen ziemlich hohen Ufern bald aus den Augen. Unmittelbar unter uns springt die Brücke der Bagdadbahn von Ufer zu Ufer, und weiterhin liegt eine Flottille von Kähnen, die mit dem erwarteten Schneewasser in wärmere Gegenden fahren soll.

Als die Dunkelheit unsern Studien im Freien ein Ziel setzte, versammelten wir uns an Kapitänleutnant von Mückes Tisch in der Offiziersmesse. Hier berichtete nun der Held der „Ayesha“, ein glänzender Vertreter des Offizierkorps der deutschen Marine, selbst über seine märchenhaften Abenteuer, wie er auf der nördlichsten Kokosinsel von der „Emden“ an Land ging, mit seinem kleinen Schoner über den Indischen Ozean das Rote Meer erreichte und sich in blutigen Kämpfen mit Araberstämmen durchschlug, bis der Weg nach Konstantinopel frei war.

Auch hier in Dscherablus gingen allerhand Etappengerüchte um, die befürchten ließen, daß sich die Russen von Norden her näherten. Teile einer türkischen Division waren auf dem Marsch nach Mosul, also auf dem Wege, den wir morgen mit dem Auto einschlagen sollten, überfallen worden; offenbar hatten die Russen die Eingeborenen aufgewiegelt, um den Verkehr auf der Etappenstraße zu stören. Die Türken hatten natürlich die Kurden in die Flucht gejagt. Aber war die Straße nun wieder frei?

Die Antwort auf diese Frage gab ein Telegramm aus Kut-el-Amara, das mir in diesem Augenblick ein Matrose überbrachte: „Habe bereits Großes Hauptquartier benachrichtigt, daß keinerlei Bedenken gegen Ihre Herreise vorliegen. Freue mich sehr, Sie wiederzusehen. Goltz.“

Wenn der Feldmarschall „keinerlei Bedenken“ hatte, mußten mir auch die bedrohlichsten Etappengerüchte gleichgültig sein.

Spät am Abend begleitete uns Kapitänleutnant von Mücke zum Bahnhof. Unsere Automobile waren schon nach Ras-el-Ain vorausbefördert, um sich dort reisefertig zu machen; am andern Morgen sollten wir wieder zu ihnen stoßen.

Gegen Mitternacht rollte unser Zug langsam nach Osten der 950 Meter langen Euphratbrücke zu, die mit zehn eisernen Bogen auf neun Steinpfeilern das gewaltige Flußbett überspannt. Die Nacht war sternenhell. Vor ihren Blockhäusern standen die Bahnwärter mit bunten Laternen unbeweglich wie Statuen. Bald begannen Räder und Schienen zu singen und zu donnern, die Brücke war erreicht, und im matten Schein der Sterne breitete der majestätische Strom seinen weiten Spiegel zu unsern Füßen aus. Dann stieg die Geschwindigkeit; die Bahn lief am Fuß von Anhöhen entlang und kletterte zwischen ihnen mit merkbarer Steigung auf das öde, einförmige Flachland zwischen Euphrat und Tigris hinauf.

Als ich am Morgen erwachte, waren wir schon fast am Ziel. Weit bis zum Horizont dehnte sich das Land eben wie eine Tischplatte oder doch nur ganz schwach gewellt. Hier und da verstreut zeigten sich schwarze Nomadenzelte und trieben Hirten ihre Herden auf die grüne Steppe. Der Himmel strahlte in sonniger Klarheit, der Tag versprach heiß zu werden; nur im Norden schwebten über den Bergen weiße Wolken, und weit im Süden stand der Dschebel (Bergrücken) Abd-el-Asis da wie ein hellblauer Schild. Wir überschritten einen kleinen Flußarm und waren im nächsten Augenblick in Ras-el-Ain.

Die fünf Autos warteten in Ras-el-Ain schon auf uns, und Major Reith brannte darauf, seinen Auftrag so schnell wie möglich auszuführen. In der türkischen Etappenkommandantur versicherte man uns obendrein, die Wege seien gut und trocken und die beiden Arme des Dschirdschib, die wir einige Kilometer östlich von Ras-el-Ain zu passieren hatten, jetzt ganz schmal. Also los!

Das ganze elende Dorf war auf den Beinen, als unsre Kolonne zur Abfahrt bereit stand. Vorauf die beiden Personenwagen, der erste ein Benz, von Major Reith selbst gelenkt, mit Dr. Reith, einem Chauffeur und mir als Passagieren; hinterdrein die drei Lastautos. ¾10 Uhr setzten wir uns in Bewegung. Die Straße hätte nicht besser sein können, das Gelände war eben oder ging in sehr flachen Wellen, und nach 17 Minuten waren wir schon am ersten Arm des Dschirdschib. Die Furt war ein paar hundert Meter nördlich von der Straße. Die Personenwagen brausten schäumend durch das Wasser und waren bald wieder auf dem Trocknen, aber die Lastautos fuhren auf der steilen, linken Uferterrasse fest, und es kostete unsere vereinten Anstrengungen, sie wieder freizumachen.

Nun bogen wir vom Damm der Bagdadbahn allmählich nach links ab, den Telegraphenstangen nach, die unsere einsame Straße verfolgten. Wir überholten einen Wanderer, einen Jaile und eine Karawane von Mauleseln. Sonst sahen wir an Lebewesen nur in einiger Entfernung einen Wolf, dem der Major vergeblich ein paar Kugeln nachschickte.

Schon nach 22 Minuten hatten wir auch den zweiten Flußarm des Dschirdschib erreicht. Er führte kaum drei Kubikmeter Wasser, sein Bett war hart und voller Kies, und die Uferböschung flach. Dieses Hindernis wurde also ohne Schwierigkeit genommen. Als wir dann aber in einen Hohlweg mit weichem Boden gerieten, fuhr ein Lastauto so gründlich fest, daß wir mit Spaten und Hebeln drei Stunden schwer zu arbeiten hatten.

In nordöstlicher Richtung ging es weiter, dem Gebirge von Mardin entgegen. Wie ein breites gelbrotes Band zog sich die Straße in leichten Krümmungen durch die grüne Steppe. Lerchen, Wildgänse, Falken und Geier beherrschten die Luft; auf der Erde sah man nur zahllose Löcher von Feldmäusen und hier und da die Reste eines gefallenen Kamels oder Maulesels. Ein türkischer Offizier, der uns auf seinem Jaile begegnete, berichtete uns, der Weg vor uns sei gut; zwei schwierige Stellen habe man ausgebessert, da Enver Pascha in Bagdad erwartet werde. Bei dem Dorfe Arade rasteten drei deutsche Soldaten, die vor einem Monat aus Bagdad aufgebrochen waren; dort sei es, versicherten sie, schon damals bedeutend wärmer gewesen als jetzt hier bei Arade.

Beim nächsten Dorf — Bunas mit Namen — standen mehrere Zelte, deren Bewohner ihre Rinder- und Schafherden zusammentrieben. Hier lebten Fellachen, Ackerbauer, und Beduinen, Nomaden, durcheinander, die eintönige Steppe wurde daher nicht selten durch bestelltes Feld unterbrochen. Die Dörfler starrten verwundert unsren vorbeisausenden Autos nach, von denen das erste die türkische — weißer Halbmond und Stern in rotem Feld —, das zweite die deutsche, schwarzweißrote Flagge führte.

Schon legte sich Abendstimmung über die Landschaft. Die Sonne verbarg sich hinter den Wolken. Einige Araber zu Pferde zeigten uns den Weg, der fast geradeaus nach Norden führte, wo die Berge von Mardin immer schärfer hervortraten. In dem Dorf Abd-el-Imam zeigten sich prächtige Gestalten, besonders Frauen in roten Trachten, zwischen den Hütten. Schließlich kamen wir über eine kleine neuerbaute Steinbrücke, eine seltsame Erscheinung in dieser Gegend, und an einem Tell ohne Dorf vorüber und bogen ¼7 Uhr etwa 50 Meter seitwärts von der Straße ab. Hier sollte unser erstes Nachtquartier auf dem Wege nach Mosul sein.

In militärischer Ordnung wurde unser Lager aufgeschlagen. Unsere Wagen- und Zeltburg — links die drei Lastautos, rechts die Personenwagen, vorn zwei Zelte und hinten die offene vierte Seite nach der Wüste zu — bildete einen kleinen Hof, in dessen Mitte bald ein Feuer brannte. Mit dem Dolmetsch Gabes waren wir insgesamt zwölf Mann. Im Handumdrehen waren die beiden Offizierzelte aufgerichtet, die Betten fertiggemacht, die Zeltstühle um eine Kiste gestellt, Büchsenkonserven, Suppe, Fleisch und Gemüse, gekocht, und bald saßen wir beim Schein einer Karbidlampe um unsern Abendbrottisch, während die Mannschaft es sich in malerischen Gruppen am Lagerfeuer bequem machte. Dann wurde die Lampe ausgelöscht, die Zigaretten angezündet, und wir lauschten noch eine Weile den frischen Gesängen der Chauffeure.

Am 30. März waren wir schon um ½6 Uhr zum Aufbruch fertig. Da erhob sich plötzlich aus Nordwest ein rasender Sturm, und kalter Regen peitschte die Steppe. Heraus mit den Regenmänteln! Und nun vorwärts zum Aufmarsch der Kolonne auf der Straße! Das erste Lastauto zog an, aber der Erdboden war bereits so feucht, daß die Räder nicht recht faßten. Noch einmal losgekurbelt! Man hörte ein betäubendes Knattern und Schleifen — und plötzlich stand die Maschinerie still. Die Chauffeure sprangen herunter, und eine kurze Untersuchung ergab als Resultat: das Auto ist ein Wrack, die nötigen Ersatzteile können nur aus Scham-allan-han am Taurus beschafft werden — und das kann ein paar Wochen dauern!

Nun kam das zweite an die Reihe. Es fuhr an, ratterte und krachte — und dann stopp! Genau derselbe Schaden wie beim ersten! Auch dieser Wagen war also erledigt. Der Major biß die Zähne zusammen über dies Mißgeschick; aber nur nicht den Mut verlieren! Umladen, und dann mit dem Rest der Kolonne weiter!

Das dritte Lastauto wurde bis an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit, die drei Tonnen betrug, beladen; genügenden Vorrat an Benzin, Proviant, Öl und Wasser mußten wir mitnehmen, außerdem Betten, Kleider, Zelte und anderes. Die beiden Wracks blieben fast mit ihrer ganzen Last zurück. Darunter befanden sich mein Zelt, meine Proviantkiste und mein Primuskocher mit Kessel. Drei Chauffeure, Conrad, Buge und Lopata, und der türkische Dolmetsch Gabes sollten das unfreiwillige Depot bewachen und auf Ersatzteile warten. Waffen, Geld und Proviant hatten sie genug.

Gegen 1 Uhr war endlich alles fertig, und nachdem wir noch eine gründliche Regendusche von Nordwesten her erhalten hatten, fuhren wir los. Bei Tell-Ermen, einem großen Dorf mit Trümmern von Kirchen und Moscheen, kamen wir auf die alte Straße von Urfa nach Nesibin, den Heerweg Alexanders des Großen. Nordwärts führte ein anderer Weg über Mardin nach Diarbekr und Bitlis. Schon trat Mardin auf dem Gipfel eines Bergrückens immer deutlicher hervor. Aber wir kamen nur langsam vorwärts. Der nasse Erdboden klebte an den Rädern und bildete weiche Ringe von rotem, plastischem Lehm. Bei dem Dorfe Deguk am Westufer eines kleinen Flußbettes mußten wir die ganze männliche Bevölkerung aufbieten, um die Wagen das ziemlich steile Ostufer hinaufzuschieben.

Es regnete nicht mehr. Wenn wir nur erst an Nesibin vorüber und von dem Gebirge fort wären, wo die Niederschläge am stärksten sind! Dann wird sich das Wetter wahrscheinlich aufhellen. Aber bis dahin geht es noch entsetzlich langsam! Das Benzauto fährt voraus, muß aber immer wieder auf das Lastauto warten, das schnaufend herankommt; man hört, wie der Motor sich aufs äußerste anstrengt. Wir lassen es ein Stück voranfahren, folgen ihm, haben es bald überholt und warten wieder. So geht es in einem fort, bis wir endlich das kleine Dorf Bir-dava erreicht haben.

Einige Dorfbewohner laufen herbei und winken eifrig. Mein mangelhaftes Türkisch muß nun zur Verständigung dienen.

„Halt!“ rufen die Leute, „ihr könnt nicht weiterfahren. Gleich östlich vom Dorf ist eine Senkung, die der Regen in einen Sumpf verwandelt hat. Da sinken eure Wagen bis zu den Achsen ein, und ihr kriegt sie nie wieder los.“

„Wie weit geht der Moorboden?“ frage ich.

„Etwa drei Stunden nach Osten. Weiter kennen wir die Gegend nicht. Aber bis Nesibin wird es wohl nicht anders sein.“

„Gibt es weiter nördlich oder südlich keinen Weg?“

„Nein, die Senkung erstreckt sich sehr weit nach Norden und Süden.“

„Hat es in der letzten Zeit viel geregnet?“

„Nein, noch gestern war der Weg bis Nesibin ganz trocken. Heute aber ist er durch Regen unmöglich geworden.“

„Wie lange dauert es gewöhnlich, bis der Boden trocken wird?“

„Einen oder zwei Tage, wenn die Sonne scheint.“

„Glaubt ihr, daß es noch mehr Regen geben wird?“

„Das weiß Gott allein. Auf alle Fälle müßt ihr hier warten; denn eure schweren Wagen würden im Schlamm versinken.“

Dorfbewohner schleppen unser Auto durch den Schlamm.

Einen Versuch wollten wir dennoch wenigstens mit dem kräftigen Benzauto machen. Die Straße führte unmittelbar nördlich an den kleinen elenden Lehmhütten von Bir-dava vorüber, dann senkte sich das Land zu einer flachen Mulde, an deren tiefster Stelle ein gemauerter Brunnen stand; er war jetzt von einer Wasserlache umgeben. Hinab kamen wir ganz gut. Als es aber wieder aufwärts ging, blieben wir rettungslos in dem zähen Lehm stecken. Unsere Chauffeure und einige Männer aus dem Dorf mußten aus Leibeskräften arbeiten, um uns wieder nach Bir-dava hinaufzubringen. Für heute blieb uns nichts anderes übrig, als hier auf ein besseres Morgen zu warten.

Die drei Wagen wurden nebeneinandergestellt, daneben das schwarze Zelt des Majors, das kaum unsre Betten faßte. Darüber brach die Nacht herein. Die Mannschaft hatte ihr Lager im Lastauto hergerichtet, und ihr Teekocher brannte lustig zwischen den Benzinfässern. Aber heute sangen die Chauffeure nicht, die Anstrengungen des Tages hatten sie übermüdet. Einer von ihnen, namens Lundgren, war schwedischer Abkunft, aus Umeå, aber in Deutschland geboren; die andern hießen Hofmeister, Buschkötter, Ludwig und Bodak — lauter tüchtige, prächtige Männer, die für solch eine Reise wie geschaffen waren.

Der Himmel sah bedenklich aus, nur ein einziger Stern blitzte zwischen den zerfetzten Wolken. Ich lag noch eine Weile wach und lauschte der wunderbaren Stille der Wüste, die nur hier und da von Hundegebell in der Ferne oder von den Lauten eines Nachtvogels unterbrochen wurde. Ich hörte meine Uhr unter dem Kopfkissen ticken und die langen, tiefen Atemzüge meiner beiden Reisekameraden. Dann schlief auch ich ein.

Gegen 11 Uhr aber erwachte ich durch einen furchtbaren Sturzregen. Schwere Tropfen platschten draußen in neu entstandene Wasserlachen und trommelten auf die Zeltbahnen. Und das Trommeln dauerte die ganze Nacht mit unverminderter Heftigkeit! So oft ich erwachte, hörte ich dieses trostlose Rauschen, das uns mindestens auch für den nächsten Tag den Weg nach Osten versperren mußte.

Am Morgen spannten wir bei immerfort strömendem Regen die Zelttür zu einem Dach auf, das von zwei Stangen getragen wurde, und frühstückten auf dieser luftigen Veranda Eier und Schinken, die wir auf einem Primuskocher gebacken hatten. Nach Norden zu lag die freie Steppe vor uns, aber von den nahen Bergen war keine Spur mehr zu sehen. Schwere Wolken schwebten über der Erde, und wer das Zelt verließ, sank fußtief in den roten Schlamm ein.

Gegen Mittag hörte der Regen eine Weile auf. Da kamen auch schon die Dorfleute neugierig heran, und ein altes runzliges Weib bat um Medizin für ihren Sohn, den seit einigen Tagen starker Kopfschmerz und Fieber plagten. Dr. Reith gab ihr etwas für den Kranken. Vor kurzem war in Bir-dava der Flecktyphus ausgebrochen und hatte von den fünfunddreißig Einwohnern sieben weggerafft. Für Geld und gute Worte brachte man uns etwas armseliges Reisig zu einem Feuer, dessen Glut wir in einem eisernen Kessel ins Zelt trugen, um in der feuchten Kälte nur ein gewisses Gefühl von Wärme und Trockenheit zu gewinnen. Kleine zerlumpte Kinder sammelten Konservenbüchsen und leere Flaschen, und die Dorfhunde wurden immer frecher auf der Suche nach Abfällen. Sogar eine Maus quartierte sich unter unsern Kisten und Säcken ein und entwischte uns immer wieder, so oft wir auch Jagd auf sie machten.

Schließlich begann es wieder zu regnen. Man hörte und sah, wie ein Regenschauer nach dem andern wolkenbruchartig über die Steppe daherkam. Sogar in unserm Zelt waren wir nicht mehr sicher. Die Chauffeure mußten ringsherum einen Kanal graben und einen Erdwall aufwerfen, um uns vor Überschwemmung zu schützen. Vor dem Eingang bauten sie eine Brücke aus Planken des Lastautomobils. Das ganze Feld war ein einziger Sumpf, denn es dauerte lange, bis das Regenwasser den Lehm durchdrang, dessen Oberfläche glatt war wie Seife. Ein tragikomisches Schauspiel bot eine vorüberziehende kleine Karawane von Mauleseln: die auf den schwer beladenen Saumsätteln sitzenden Araber hatten ihre schwarz- und braungeränderten Mäntel über den Kopf gezogen, und der Regen floß nur so von ihnen und ihren Tieren herunter. Die endlich hereinbrechende Dämmerung wirkte fast wie eine Erlösung. Wir bereiteten mit möglichster Langsamkeit unser Abendessen und überließen uns einer neuen Nacht.

Gegen Mitternacht weckte mich wiederum ein fast tropischer Regenguß aus dem Schlaf. Feine Wassertropfen sprühten durch das Zelttuch auf uns herab, und einige Stunden später regnete es so kräftig herein, daß Dr. Reith in das Unwetter hinaus mußte, um den Schutzlappen des Zeltfensters an der Windseite wieder festzubinden, der aufgegangen war.

Am Tage wurde es nicht besser. Die Zelttür mußte geschlossen bleiben, denn der Wind stand gerade gegen sie; wir frühstückten auf meinem Bett und saßen da wie Schiffbrüchige auf kleiner Klippe in einem Meer von Schlamm; der Zeltgraben stand ebenfalls bis an die Ränder voll Wasser. Die schmutzigen Hunde wurden immer kecker, da wir sie nicht verfolgen konnten. Dazu kam die erschreckende Nachricht, daß der Kranke von gestern über Nacht gestorben sei — wir hatten also den Flecktyphus als nächsten Nachbarn!

Später am Tage sahen wir denn auch, wie sich ein kleiner Leichenzug nach dem Friedhof bewegte, der in einiger Entfernung südöstlich von unserm Zeltplatz lag. Auf einer Bahre trug man den Toten langsam dahin. Am Grabe sprachen die Begleiter Totengebete; bald reckten sie die Hände in der Richtung nach Mekka empor, bald sanken sie in dem fürchterlichen Schlamm neben der Leiche nieder. Endlich wurde der Tote in die Erde gesenkt, abermals Gebete gesprochen und das Grab zugeschaufelt. Ich glaube, die Zeremonie dauerte ein paar Stunden. Dabei regnete es unaufhörlich, und die groben Mäntel der Fellachen glänzten von Wasser. Nach vollbrachter Arbeit ging das Trauergefolge ebenso langsam nach Haus, wie es gekommen war.

Während der Flecktyphus-Epidemie in Aleppo haben deutsche Ärzte die Beobachtung gemacht, daß Europäer für Ansteckung weit empfänglicher sind als Eingeborene. Auch hat sich während des Krieges gezeigt, daß die Krankheit bei russischen Soldaten und Kosaken einen milden Verlauf nimmt, weil sie an Ungeziefer gewöhnt sind. Je älter der Patient ist, um so schwerer kommt er durch.

Einem türkischen Soldaten, der gen Westen ritt, gab der Major einen Brief mit, worin er die zurückgelassenen Chauffeure über unsre Lage unterrichtete. Sonst zeigte sich kein Reisender, der kühn genug gewesen wäre, den Kampf mit den Elementen aufzunehmen.

Bei Dunkelwerden hörte der Regen auf. Da brachte „Lohengrin“ — wie Lundgren von den Kameraden genannt wurde — das Teewasser ins Zelt und meldete, im Norden sei eine Reihe Feuer sichtbar. Was mochte das sein? Biwakfeuer? Doch nicht etwa russische? Aber das war unmöglich, dann hätten wir etwas von einem Rückzug der Türken merken müssen. Diese waren aber im Vormarsch. Nach der Karte lag in jener Richtung, nur 10 Kilometer entfernt, Mardin, das sich seit gestern hartnäckig hinter dem Regenschleier verborgen hatte; die Feuer waren nichts anderes als die Lampen in den Häusern dieser Stadt. Wir konnten uns also ohne Sorge in unserm Gefängnis zur Ruhe begeben und den Regenschauern lauschen, die am Abend mit vermehrter Heftigkeit einsetzten.

Am nächsten Tag dasselbe Bild! Man steht auf, wäscht sich, kleidet sich an, öffnet einen Spalt der Zelttür, frühstückt und hat den ewig langen Tag vor sich. Ich habe Bezolds „Ninive und Babylon“ und „Moltkes Briefe aus der Türkei 1835–39“ bei mir, aber die Ruhe zum Lesen fehlt. Man wartet in sehnsüchtiger Qual, daß irgendetwas geschehe, uns aus dieser hoffnungslosen Lage zu befreien. Volkstypen zu zeichnen ist auch unmöglich; Leute mit Flecktyphus bringenden Läusen ins Zelt hereinlassen — das fehlte noch! Im Dorfe geht das Leben seinen alltäglichen Gang. Frauen treiben von den Feldern Schafe und Ziegen herein oder holen in Lehmkrügen Wasser am Brunnen. Der Himmel ist blauschwarz. Zuweilen grollt unglückverheißend und dumpf der Donner in den Bergen. Und das ist Mesopotamien im April, wo ich Frühlingswärme erwartet hatte, Trockenheit und Skorpione! Aber wir waren ja freilich in einer Höhe von 550 Meter und am Fuß eines Gebirges, wo der Winter noch nicht gewichen war. Nachmittags um 5 Uhr zeigte das Thermometer nur 10 Grad, eine Temperatur, die wir nach den warmen Sonnentagen in Aleppo als Kälte empfanden.

Drei Soldaten kamen von Ras-el-Ain zu Fuß; sie hatten unsre verunglückten Automobile und das Zelt der Chauffeure gesehen. Ein paar andere zogen in entgegengesetzter Richtung. Sie waren schon 20 bis 30 Kilometer östlich von Nesibin in das Moorbad geraten, das bis hierher reichte, und sie gaben uns die tröstliche Versicherung, daß mindestens zwei Tage warmer Sonnenschein nötig seien, um das Land wieder zu trocknen.

Am Nachmittag trat einen Augenblick die Sonne hervor, und mit ihr in Nordnordwest die alte Festung von Mardin auf dem Gipfel des Bergkammes; unmittelbar darunter die Häuser wie Schwalbennester an den Böschungen, dazwischen die armenischen und syrischen Kirchen und weißen Minarette. Aber bald verschwand wieder alles unter schwarzen Wolkenmassen und neuen Regenschauern.

Eine verzweifelte Lage! Wären wir nur einen Tag früher aufgebrochen, so wären wir bereits in Mosul! Die ganze Strecke ist nur 320 Kilometer lang, für ein Auto zwei Tage Fahrt. Nun saßen wir in diesem elenden Gefängnis und konnten weder vor- noch rückwärts. Proviant hatten wir ja noch für acht Tage, nur Brot und Wasser gingen zu Ende. Aber an letzterem war ja kein Mangel — wir brauchten nur ein Stück Segeltuch aufzuspannen, um die Kannen gefüllt zu erhalten.

Am Morgen des 3. April weckte uns die Meldung, die Sonne scheine. Wirklich! Der halbe Himmel blau und hell, und über die andere Hälfte segelten freundliche weiße Frühlingswolken. Wir kleideten uns in aller Eile an und rasierten uns sogar aus lauter Feststimmung. Für vier Soldaten, die von Ras-el-Ain dahergewandert kamen, kauften wir bei der Dorfbevölkerung einige Brote, denn sie hatten nichts mehr zu essen, da sie während der Regentage hatten liegen bleiben müssen.

Mardin von Südosten gesehen.

Dann beobachteten wir mit zunehmender Spannung, wie die Regenlachen zusammenschrumpften und die Ackerschollen rings um unsern Lagerplatz immer deutlicher hervortraten. Kurz nach Mittag war alles Wasser auf der Erdoberfläche verschwunden. Nur um Zelt und Autos herum war der von uns und den Chauffeuren zerstapfte Lehmschlamm noch fußtief. Die Mistkäfer aber schienen dem guten Wetter noch kein Vertrauen zu schenken, so eilig rollten sie ihre Erdklümpchen daher.

Nun zeigte sich auch wieder Leben auf der Straße. Eine Karawane von fünfzig mit Munition beladenen Kamelen zog nach Nesibin, und ein türkischer Offizier kam mit seinem Diener von Westen geritten. Wir luden ihn in unser Zelt ein und bewirteten ihn mit Kakao und Keks. Der Türke war Leutnant Ahmed Dschemal, von kurdischer Abkunft, als Kompagnieführer auf dem Marsch nach dem Irak; morgen sollte er in Nesibin sein. Der Major bat ihn, eine Depesche nach Schamallan-han mitzunehmen, die Ersatzteile für die verunglückten Automobile bestellte, und vom Kaimakam von Nesibin acht Jailewagen zu verlangen, die schleunigst hierhin kommen sollten, um unser schweres Gepäck zu holen. Jeder dieser Wagen konnte bei schlechtem Weg 200 Kilogramm fassen und so das Auto mit seiner Last von 3000 Kilogramm um die Hälfte erleichtern. Als der Leutnant hörte, daß unser Brot zu Ende sei, schenkte er uns aus seinem reichen Vorrat einige herrliche türkische Kommißbrote. Bald kam auch seine Kompagnie dahermarschiert, gegen 100 Mann, leicht bepackt und in vortrefflicher Verfassung. Ihnen folgten eine Stunde später Packpferde mit Waffen, Munition usw., und zuletzt zwei Gepäckwagen. Die Leute waren die vier Tage im Platzregen marschiert und bis auf die Haut durchnäßt; aber bis Bagdad wurden sie wohl wieder trocken!

Ahmed Dschemal war mit seiner Truppe kaum abmarschiert, als sich über den Bergen neue Wolkenmassen sammelten. Wir hatten zu früh gejubelt. Die blauen Flecke am Himmel verschwanden, und es wurde dunkler und dunkler, und plötzlich stürzte ein neuer Platzregen, zur Abwechslung mit Hagel vermischt, auf uns herab. In wenigen Minuten waren Ackerfurchen und Zeltgraben wieder mit Wasser gefüllt und das ganze Land ein unermeßlicher Sumpf. Es wurde 3 Uhr, 5 Uhr, 6 Uhr — der Regen rauschte mit Erbitterung herunter. Als er um 7 endlich aufhörte, hatte sich eine neue Nacht auf die Erde gesenkt und unsre Hoffnungen auf baldige Befreiung begraben.

Obgleich es am andern Morgen nicht mehr regnete, war die Straße hoffnungslos. Ein vorüberreitender türkischer Soldat versicherte, ein fester Kiesweg am Fuß des Gebirges entlang verbinde Mardin mit Nesibin; auf diesem Wege hätten die Türken noch vor fünf Tagen Geschütze nach Osten transportiert; diese Richtung sollten wir einschlagen. Ehe der südliche Weg trocken werde, könnten wir noch einen Monat oder länger hier liegen bleiben! Sofort schickten wir die Chauffeure aus, um den nördlichen Weg zu untersuchen. Sie fanden ihn — noch schlechter als den unsrigen!

Da der Schlamm um uns her lebensgefährlich wurde, verlegten wir unser Zelt etwa 20 Meter nordwärts von der Straße, zogen neue Kanäle und Wälle, bauten zwischen Zelt und Wagen eine Brücke und luden die Benzinfässer aus, um sie beim ersten Sonnenschein über die gefährliche Senkung zu rollen, am liebsten gleich 6 Kilometer weit, damit das Auto schneller vorwärts komme.

Vergebliches Bemühen! Um 5 Uhr goß es wieder in Strömen. Man sah, wie sich die Regenzentren am Gebirgsrand im Osten und weiter südlich bildeten, nach Westen zogen, über unserem Lager haltmachten und ihre Wolkenmassen über uns ausbreiteten. Es war, als beeile sich jedes einzelne Wassermolekül, das aus dem Mittelmeer und dem Persischen Meerbusen aufstieg, ausgerechnet nach der Gegend zwischen Ras-el-Ain und Nesibin zu kommen und dort niederzugehen, wo wir in dem roten Lehm, dem vorzüglichsten Terrakottamaterial, so elend gestrandet waren!

Nachdem wir noch einen Tag im Sumpf gelegen hatten, war die Geduld des Majors erschöpft. Am Morgen des 6. Aprils fragte er mich plötzlich, ob ich Lust hätte, mit ihm allein nach Ras-el-Ain zurückzukehren.

„Ja, mit Wonne, wenn wir nur von Bir-dava fortkommen!“

„Dann fahren wir jetzt gleich mit dem Benz und nehmen nur das Unentbehrlichste mit. Was zurückbleibt, lasse ich nach Mosul und Bagdad schaffen, sobald die Straßen besser sind.“

„Aber glauben Sie, daß das Auto in dem Schlamm und Regen vorwärtskommt?“

„Wir mobilisieren jedes Dorf bis zur Eisenbahn!“

Und so geschah es. Wir ließen die Chauffeure bis auf Hofmeister bei Dr. Reith zurück, der wohl oder übel sich in das Schicksal ergeben mußte, auf unsrer Schlamminsel bei dem zurückgelassenen Gepäck auszuharren. Vor unsern Benz spannten wir zunächst die männliche Bevölkerung von Bir-dava, soweit sie sich anwerben ließ, und mit vereinten Kräften zogen und stießen wir unsern Wagen bis zum nächsten Dorf, wo eine neue Abteilung Fellachen requiriert wurde. So ging es zum Verzweifeln langsam, aber sicher, von Ort zu Ort; denn Zugtiere waren nirgends aufzutreiben. Wo die Bevölkerung phantastischen Kriegslohn forderte, halfen uns türkische Soldaten aus der Verlegenheit.

Das Auto wird an Bord einer Fähre geholt.

Bis zu den beiden verunglückten Lastautos blieb der Regen unser treuer Begleiter. Am 8. April endlich klärte sich das Wetter auf, die Wege wurden wieder fahrbar, und wir durften unsern Wagen endlich wieder seiner eigenen Motorkraft überlassen. Schwierigkeiten machten nur noch die beiden Arme des Dschirdschib, die durch den tagelangen Platzregen zu reißenden Strömen angeschwollen waren. Über den ersten brachte uns eine Fähre, die zum Truppentransport zur Stelle war; und durch den zweiten zog uns eine Koppel Ochsen von einer türkischen Trainkolonne. Motor, Ochsen und Chauffeur hatten dabei aber ein so gründliches Bad genommen, daß wenigstens die ersteren streikten. Wir mußten daher noch einmal militärischen Vorspann nehmen, diesmal von Pferden, und so fuhren wir sechsspännig in pechfinstrer Nacht endlich wieder am Bahnhof von Ras-el-Ain vor.