Lektion 5.
Die deutsche Eiche.
Ich möchte wissen, ob es in eurer Nachbarschaft Wälder gibt, wo die Eichen dicht zusammen wachsen, oder wo sie mit Buchen und anderen Bäumen gemischt stehen.
Sie haben gerade, kahle Stämme; manche sind 3, manche 6, manche 10 Meter hoch, ehe sich die Zweige nach oben ausbreiten. Ihr erinnert euch aber doch, daß eure kleine Eiche Knospen hatte an dem ganzen Stamm hinauf, bald auf der einen, bald auf der anderen Seite. Wie kommt es, daß aus diesen Knospen keine Zweige entstanden sind?
Der Grund ist der, daß in einem dichten Walde, wo die Bäume eng zusammengedrängt stehen, jeder Baum sein Haupt zum Licht emporheben will. Wenn nun im Frühling sich die Knospen und Blätter an der Spitze des kleinen Baumes öffnen, und der Saft von den Wurzeln aus durch den Stamm in sie hinaufsteigt, so brauchen diese sehr viel davon, um sich zu entwickeln. Nur eine kleine Menge des Saftes steigt wieder hinab, um neues Holz zu bilden. Deshalb erhalten die unteren Knospen nicht Nahrung genug zum Wachstum, und sie sterben entweder ab oder ruhen, das heißt, sie warten auf eine andere Gelegenheit, die sich vielleicht niemals findet. Dazu kommt, daß im dichten Walde die unteren Zweige mit ihren Blättern zu wenig Licht bekommen, um weiter wachsen zu können. Aus diesen Gründen wachsen die Eichen im Walde höher und höher und bilden erst hoch über dem Boden eine breitästige Krone.
Aber wenn man zufällig eine alte Eiche im offenen Felde oder am Waldrande findet, wo sie reichlich Platz hat und von allen Seiten genug Licht bekommt, so wird man sehen, daß sie ganz anders aufgewachsen ist. Der Stamm ist viel dicker, und die Zweige setzen viel weiter unten an. Bei vielen dieser Eichen kann ein erwachsener Mensch die unteren Zweige erreichen. Die Zweige sind sehr stark und breiten sich weit aus, so daß eine alte Eiche im Freien viel Platz einnimmt. Wenn der Stamm nicht sehr kräftig wäre, könnte er das Gewicht solcher mächtigen Zweige nicht tragen. Aber er hat am Boden einen großen Umfang, der sich dann etwas vermindert, so daß er sich wie ein starker Pfeiler erhebt, bis er wieder da umfangreicher wird, wo die Äste sich abzweigen.
Ein bedeutender englischer Ingenieur, namens Smeaton, der den Eddystone-Leuchtturm baute, gestaltete ihn wie den Stamm einer Eiche, und der Leuchtturm trotzte mehr als hundert Jahre lang dem Wind und den Wogen.
Die Eiche hat eine sehr starke, dicke Wurzel, von der lange Abzweigungen sich ganz um den Baum herum verbreiten. Ich kann euch ein Mittel sagen, durch das ihr erkennen könnt, wie weit sich die Wurzeln eines Baumes unter der Erde ausbreiten. Betrachtet die Zweige und seht, wie weit sie sich vom Stamme aus erstrecken, denn die Wurzeln reichen gerade so weit in der Erde, wie die Zweige über derselben sich ausdehnen.
Der Grund dieser Erscheinung ist sehr interessant. Ihr werdet euch daran erinnern, daß die Spitzen der Wurzeln gewissermaßen den Mund der Pflanzen vorstellen. Sie ziehen das Wasser ein. Wenn es nun regnet, rieseln die Regentropfen von Blatt zu Blatt, bis sie an die Spitzen der Zweige kommen, dann tröpfeln sie nieder und dringen in die Erde ein. Die Wurzeln würden sehr wenig Regenwasser bekommen, wenn sie da aufhörten, wo ein Mensch sich hinstellt, um sich vor dem Regen zu schützen. Aber wenn der Baum sich immer mehr ausbreitet, breiten sich ebenso die Wurzeln aus, bis sie die Stelle erreichen, wo das meiste Wasser von den äußeren Zweigen niedertropft.
Man wird die Kenntnis dieses Umstandes beim Garten- oder Feldbau nützlich finden, denn Baumwurzeln sind oft sehr störend.
Wenn ihr nun die rauhe Rinde der alten Eiche betrachtet habt, die so nützlich beim Gerben des Leders ist, so seht die Zweige an. Sie breiten sich nach allen Richtungen aus, und da wo ein neuer Zweig beginnt, ist ein dicker Knoten.
Man kann den Grund davon erkennen, wenn man den jungen Baum ansieht (Seite 12) oder den Ast eines alten Baumes. An der Spitze der Zweige sitzt nicht nur eine Knospe wie bei der Roßkastanie, sondern zwei, drei oder sogar noch mehr. Alle diese Knospen drängen sich zusammen, und die mittlere stirbt gewöhnlich ab. Die anderen wachsen nach verschiedenen Richtungen hin und bilden die sogenannten „Kniegelenke“, wie die Tischler sie nennen. Sie wurden in alten Zeiten zum Schiffsbau gebraucht, weil sie sehr stark sind. Aber jetzt, wo die Schiffe aus Eisen gebaut werden, wird dies Holz nicht so viel mehr benutzt, und gerade Planken und Pfähle sind wertvoller. Es ist daher besser, Eichen in Wälder zu pflanzen, wo ihre Stämme gerade und glatt aufwachsen.
Eichenholz ist immer wertvoll gewesen. Die eichenen Deckenbalken in manchen alten Häusern sind viele hundert Jahre alt und halten noch immer so gut wie früher. In vielen Bauernhäusern finden sich alte Truhen und geschnitzte Möbel aus Eichenholz, die ein sehr hohes Alter haben, denn das Kernholz der Eiche ist sehr stark und fest.
Man kann Stamm und Zweige der Eiche am besten im Winter erkennen. Wenn dann der April vorüber ist, bekommen alle Knospen eine hübsche rote Farbe, die Blätter öffnen sich, und die losen Kätzchen hängen zwischen ihnen nieder, während die zierlichen Fruchtblüten sich zwischen den Blattstielen und den Zweig einschmiegen.
Sobald die Blätter völlig heraus sind, und die Eicheln anfangen, sich zu formen, versucht, ob ihr die beiden Arten der deutschen Eiche herausfinden könnt. Ihre Blätter haben im großen und ganzen dieselbe Form. Die Stiel- oder Sommereiche hat langgestielte Eicheln (daher der Name!), während die Blätter auf so kurzen Stielen stehen, daß sie beinahe den Zweig berühren. Bei der zweiten Art, der Stein- oder Wintereiche, ist’s umgekehrt, die Eicheln sitzen auf ganz kurzen, die Blätter dagegen auf langen Stielen.
Die immergrüne Eiche, die oft in Gärten wächst, ist aus Italien gekommen. Ihre Blüten gleichen fast denen der Steineiche.
Beobachte an einem Eichenzweige die Knospen. Beachte an einem Eichenklotz das dunklere Kernholz und die Jahresringe, sowie die rauhe Rinde. Suche die beiden Arten der Eiche zu finden und zu unterscheiden. Beachte die Schuppen, die zusammenwachsen und den Becher der Eichel bilden.