Lektion 6.
Gäste der Eiche.
Die Eiche nährt mehr Geschöpfe als irgend ein andrer Baum. Nicht nur fressen das Schwein, der Igel, das Eichhörnchen und die Feldmaus Eicheln, sondern mehr als fünfzig Arten von Insekten holen sich ihre Nahrung von irgend einem Teile des Baumes.
Viele derselben sind zu klein für euch, als daß ihr sie finden könntet, aber es wird euch Spaß machen, nach den andern zu suchen. Wenn ihr einen Eichbaum im Mai untersucht, werdet ihr wahrscheinlich einige seiner Blätter aufgerollt finden, entweder von der Spitze nach dem Stiele hin oder von einer Seite nach der anderen. Wenn man die Rolle aufwickelt, wird man eine Raupe oder vielleicht eine Puppe im Innern finden. Es gibt zwei Arten von Raupen, die Eichenblätter aufrollen. Die eine, die des Eichenkahnspinners, ist ziemlich groß. Sie rollt das Blatt in unordentlicher Weise auf und spinnt einen Kokon rund herum in der Form eines kleinen Kahnes. Wenn der Spinner auskriecht, hat er hellgrüne Vorderflügel mit zwei hellgelben, geraden Schräglinien.
Die andere Raupe, die ihr sicher finden werdet, verrichtet ihre Arbeit ordentlicher. Sie macht eine sehr saubere Rolle und befestigt sie mit feinen Fäden. Dann nährt sie sich von dem Innern der Rolle, bis sie sich verpuppt und später als Schmetterling auskriecht. Wenn man im Juni eine Eiche schüttelt, so werden viele solcher Schmetterlinge auffliegen. Es ist der grüne Eichenwickler, dessen Vorderflügel hellgrün, dessen Hinterflügel aber grau gefärbt sind. Die Raupe ist viel kleiner als die vorige, die den kahnförmigen Kokon spinnt, woher sie auch einfach Kahnspinner genannt wird. Ein anderes Insekt, welches ihr viel leichter finden werdet, ist die Larve des großen Hirschkäfers. Um diese zu finden, müßt ihr in die Rinde alter Bäume schneiden, wo die dicke Larve ein Bett für sich unter der Rinde aushöhlt. Sie verweilt da und nährt sich von dem Holze des Baumes drei oder vier Jahre lang, bis sie sich in den Käfer verwandelt. Ihr erinnert euch, daß der Specht mit seinem Schnabel an den Baum klopft, wenn er daran emporklimmt. Es sind Larven wie diese, die er zu finden versucht.
Aber die sonderbarsten Heimstätten an einer Eiche sind die Gallen, die von weiblichen Insekten gebildet werden, die ihre Eier an irgend einen Teil des Baumes legen. Jedes Landkind kennt diese an den Spitzen der Zweige wachsenden braunen, rotbäckigen Eichengalläpfel, die von vielen Leuten fälschlich für Früchte gehalten werden.
Wenn man die Galläpfel mit einem scharfen Messer durchschneidet, so wird man finden, daß sie weich und schwammig sind und im Innern aus einer Anzahl Kammern bestehen. In jeder dieser Kammern sitzt entweder eine Larve oder ein Kokon oder ein fertiges Insekt, das im Begriff ist, auszukriechen. Oder der Gallapfel ist vielleicht auch leer; alle Bewohner sind schon ausgeflogen.
Laßt uns sehen, wie diese Eichengallen zustande kommen. Früh im Jahre läßt sich eine kleine Wespe, Eichengallwespe genannt, auf dem Zweige nieder und durchbohrt die Rinde mit einer Röhre, die eine scharfe Spitze hat. Sie trägt diese Röhre am hinteren Ende ihres Körpers zusammengerollt, bis sie dieselbe gebraucht. Dann sticht sie damit in den Zweig und preßt mit etwas Saft einige Eier zugleich in das Loch.
In sehr kurzer Zeit entsteht eine Schwellung, und die schwammige Galle wächst um die Eier herum, von denen jedes in einer Kammer für sich sitzt. Wenn nun die Larven auskriechen, finden sie reichlich weiche Nahrung, bis sie ihre Kokons spinnen.
Eine andere dieser Wespenarten legt ihre Eier auf die losen Kätzchen. Man kann sie leicht wie kleine braune Johannisbeeren an den Stengeln hängen sehen (3, S. 33) nachdem die Blüten verwelkt sind. Denn obgleich der Stengel gewöhnlich abfällt, bleibt er, falls Gallen daran sind, hängen, bis das Insekt ausgekrochen ist.
In diesen „Beerengallen“ sitzt je eine Larve, ebenso wie in denen, die man unter den Blättern findet. Es gibt wenigstens zwei Arten von Blättergallen. Die eine ist hellrot und wird einfach „Eichenblattgalle“ genannt. Die andere ist sehr klein, rosig, haarig und platt. Es gibt sehr viele davon unter jedem Blatt, und sie heißen „Knopfgallen“ (2, S. 33). Die Larve bleibt in diesen Gallen, nachdem die Blätter abgefallen sind, und ihr werdet leicht imstande sein, sie zu finden.
Die nächste Galle (1, S. 33) werdet ihr sicher für eine Knospe halten. Sie wird „Eichenrose“ genannt und entsteht wirklich aus einer Eichenknospe, in die das Insekt seine Eier früh im Frühling hineinlegt. Anstatt sich dann zu einem Zweige mit grünen Blättern zu entwickeln, bedeckt sich die Knospe mit Schuppen, und eine Anzahl von Larven kriecht im Innern derselben aus.
Zuletzt sind nun noch die dicken braunen Gallen zu erwähnen, die einfach Eichengallen (4, S. 33) genannt werden. Sie wachsen in der Mitte der Zweige und bleiben den ganzen Winter hindurch hängen, nachdem die Insekten ausgeflogen sind. Die Galle ist den Bäumen sehr schädlich, denn sie entzieht ihnen viel Saft. Sie ist den Gallen ähnlich, die wir von Asien erhalten, und deren Gerbsäure wir gebrauchen, um Tinte daraus zu machen.
Viele andere Bäume außer der Eiche haben auch Gallen, und wenn ihr einen sonderbaren Klumpen an einem Baum findet oder eine seltsam geformte Knospe, die ganz anders aussieht als das, was man an diesem Baume zu sehen gewohnt ist, so rate ich euch, dieses Gebilde aufzuschneiden und nachzusehen, ob eine Larve darinsitzt.
Suche so viele Eichengallen, wie du finden kannst. Suche die Blatt aufrollende Raupe und versuche, die Larve des Hirschkäfers zu finden.