Fünfter Auftritt.
Die Vorigen. Ragnar Brovik.
Hilde (macht einige Schritte).
Ragnar (Hilde erblickend). O — Entschuldigen Sie, Herr Solneß — (Er will sich zurückziehen.)
Solneß. Nein, nein, bleiben Sie nur. Dann ist's gethan.
Ragnar. Ach ja — wär's nur so weit!
Solneß. Ihrem Vater geht's ja nicht besser, wie ich höre.
Ragnar. Mit dem Vater geht's rasch abwärts. Und darum bitte ich Sie recht inständig — geben Sie mir ein paar gute Worte auf einem von den Blättern! Etwas, was der Vater zu lesen bekommen kann, ehe er —
Solneß (heftig). Sie dürfen mir von Ihren Zeichnungen nicht mehr reden!
Ragnar. Haben Sie sie angesehen?
Solneß. Ja — das hab ich.
Ragnar. Und sie taugen nicht? Und ich tauge wohl auch nicht?
Solneß (ausweichend). Bleiben Sie hier bei mir, Ragnar. Sie sollen's bekommen, wie Sie's selber haben wollen. Dann können Sie Kaja heiraten. Sorgenfrei leben. Glücklich vielleicht auch. Nur denken Sie nie daran, auf eigene Hand zu bauen.
Ragnar. Ja, da muß ich also heimgehen und das dem Vater sagen. Denn das versprach ich ihm. — Soll ich das dem Vater sagen — ehe er stirbt?
Solneß (mit sich selber ringend). Ach, sagen Sie ihm — sagen Sie ihm meinetwegen, was Sie wollen. Das beste ist, Sie sagen ihm gar nichts! Ich kann nicht anders handeln, als wie ich thue, Ragnar!
Ragnar. Darf ich also die Zeichnungen mitnehmen?
Solneß. Ja, nehmen Sie sie — nehmen Sie sie nur! Sie liegen dort auf dem Tisch.
Ragnar (geht hin). Ich bin so frei.
Hilde (legt die Hand auf die Mappen). Nein, nein, lassen Sie sie liegen.
Solneß. Warum denn?
Hilde. Ich will sie nämlich auch ansehen.
Solneß. Aber Sie haben sie ja — (Zu Ragnar.) Nun, lassen Sie sie also hier liegen.
Ragnar. Sehr gern.
Solneß. Und dann gehen Sie gleich heim zu Ihrem Vater.
Ragnar. Ja, das muß ich wohl.
Solneß (wie verzweifelt). Ragnar — Sie dürfen von mir nicht etwas verlangen, was ich nicht kann! Hören Sie, Ragnar! Sie dürfen das nicht!
Ragnar. Nein, nein. Entschuldigen Sie — (Er verbeugt sich und geht zur Eckthür hinaus).
Sechster Auftritt.
Solneß. Hilde Wangel.
Hilde (sieht Solneß zornig an). Das war recht häßlich von Ihnen.
Solneß. Meinen Sie das auch?
Hilde. Ja, furchtbar häßlich war's. Und hart und böse und grausam noch dazu.
Solneß. Ach, Sie begreifen nicht, was in mir vorgeht.
Hilde. Und doch — Nein, Sie sollen nicht so sein.
Solneß. Sie sagten ja selbst eben erst, nur _ich_ sollte bauen dürfen.
Hilde. So was kann ich sagen. Aber Sie dürfen's nicht.
Solneß. Ich wohl am meisten. So teuer, wie ich meinen Platz erkauft habe.
Hilde. Nun ja — mit etwas, was Sie häusliches Behagen nennen — und dergleichen.
Solneß. Und mit meinem Seelenfrieden obendrein.
Hilde (erhebt sich). Seelenfrieden! (Innig.) Ja, darin haben Sie recht! Armer Baumeister — Sie bilden sich ja ein, daß —
Solneß (von einem stillen Lachen geschüttelt). Setzen Sie sich nur wieder, Hilde. Da erzähle ich Ihnen etwas Spaßhaftes.
Hilde (gespannt, setzt sich). Nun also?
Solneß. Es nimmt sich aus, wie ein lächerlich kleines Ding. Denn die ganze Geschichte dreht sich bloß um eine Ritze in einer Schornsteinröhre.
Hilde. Weiter nichts?
Solneß. Anfangs war's weiter nichts. (Er rückt einen Stuhl an den Hildes näher heran und setzt sich.)
Hilde (ungeduldig, klopft sich aufs Knie). Die Ritze in der Schornsteinröhre also!
Solneß. Ich hatte die Ritze in der Röhre bemerkt, lange bevor das Feuer ausbrach. Jedesmal, wenn ich auf dem Dachboden droben war, sah ich nach, ob sie noch da wäre.
Hilde. Und das war sie?
Solneß. Jawohl. Denn niemand anders wußte darum.
Hilde. Und Sie sagten nichts?
Solneß. Gar nichts.
Hilde. Dachten auch nicht daran, die Röhre ausbessern zu lassen?
Solneß. Dachte schon daran — kam aber nie weiter. Jedesmal, wenn ich mich dranmachen wollte, war's mir gerade, als ob sich eine Hand dazwischen legte. Heute nicht, dachte ich. Morgen. Es wurde nie was daraus.
Hilde. Ja, warum waren Sie denn so eine Schlafmütze.
Solneß. Weil mir allerlei im Kopf herumging. (Langsam und gedämpft.) Durch die kleine schwarze Ritze in der Schornsteinröhre könnte ich mich vielleicht emporschwingen — als Baumeister.
Hilde (blickt vor sich hin). Das muß spannend gewesen sein.
Solneß. Unwiderstehlich fast. Ganz unwiderstehlich. Denn damals kam mir alles so leicht und so einfach vor. Ich wollte, es sollte so mitten im Winter sein. Ein wenig vor der Mittagsstunde. Ich sollte draußen sein und Aline im Schlitten spazieren fahren. Die Dienstboten zu Hause, die sollten stark geheizt haben.
Hilde. Jawohl, denn an dem Tage sollte es wohl furchtbar kalt sein?
Solneß. Schneidend kalt. Und da wollten sie's natürlich für Aline recht warm und gemütlich herrichten, bis sie heimkäme.
Hilde. Denn die friert gewiß leicht.
Solneß. Ja, das thut sie. Und dann, auf dem Heimwege, sollten wir den Rauch sehen.
Hilde. Bloß den Rauch?
Solneß. Zuerst den Rauch. Aber wenn wir das Gartenthor erreicht hätten, dann sollte der ganze alte Holzkasten von lodernden Feuermassen umhüllt sein. — Auf die Art wollte ich's haben, sehen Sie.
Hilde. Aber du lieber Gott, daß es so nicht kommen konnte!
Solneß. Ja, das können Sie schon sagen, Hilde.
Hilde. Jetzt hören Sie aber, Baumeister. Wissen Sie denn auch ganz bestimmt, daß das Feuer von der kleinen Ritze im Schornstein herrührte?
Solneß. Im Gegenteil. Ich weiß ganz bestimmt, daß die Ritze im Schornstein insofern mit dem Feuer gar nichts zu thun hatte.
Hilde. Was!
Solneß. Es ist völlig erwiesen, daß das Feuer in einer Kleiderkammer ausbrach — in einem ganz andern Teil des Hauses.
Hilde. Ja, was faseln Sie denn dann immerfort von der ewigen Ritze im Schornstein!
Solneß. Darf ich noch ein wenig mit Ihnen weiterreden, Hilde?
Hilde. Ja, wenn Sie nur vernünftig reden wollen —
Solneß. Ich will's versuchen. (Er rückt seinen Stuhl näher.)
Hilde. Also heraus mit der Sprache, Baumeister.
Solneß (vertraulich). Glauben Sie nicht auch, Hilde, daß es einzelne auserkorene, auserwählte Menschen giebt, denen die Gnade verliehen wurde und die Macht und die Fähigkeit, etwas zu wünschen, etwas zu begehren, etwas zu wollen — so beharrlich und so — so unerbittlich — daß sie es zuletzt bekommen müssen. Glauben Sie das nicht?
Hilde (mit einem unbestimmbaren Ausdruck in den Augen). Wenn das der Fall ist, dann werden wir schon einmal sehen — ob ich zu den Auserkorenen gehöre.
Solneß. Allein wirkt einer so große Dinge nicht. O nein — die Helfer und die Diener — die müssen schon auch dabei sein, wenn's zu was werden soll. Aber die kommen nie von selber. Man muß sie recht beharrlich rufen. So inwendig, verstehen Sie.
Hilde. Was sind denn das für Helfer und Diener?
Solneß. Ach, davon können wir ein anderes Mal reden. Bleiben wir jetzt bei der Geschichte mit dem Brand.
Hilde. Glauben Sie nicht, daß der Brand trotzdem gekommen wäre — wenn Sie ihn auch nicht herbeigewünscht hätten?
Solneß. Hätte das Haus dem alten Knut Brovik gehört, dem wär's gar nie so gelegen abgebrannt. Davon bin ich überzeugt. Denn der versteht nicht die Helfenden zu rufen, und die Dienenden auch nicht. (Unruhig, steht auf.) Sehen Sie, Hilde — ich bin's also doch, der daran schuld ist, daß die zwei Kleinen das Leben einbüßen mußten. Und bin ich nicht auch etwa daran schuld, daß Aline nicht zu dem geworden ist, was sie werden sollte und konnte. Und was sie am liebsten wollte.
Hilde. Ja, wenn es nun aber bloß diese Helfer und Diener sind, dann —?
Solneß. Wer rief die Helfer und Diener? Das that ich! Und da kamen sie und unterwarfen sich meinem Willen. (In steigender Erregung.) Das ist's, was die Leute „Glück haben“ nennen. Aber ich will Ihnen sagen, wie das Glück empfunden wird! Es wird empfunden wie eine große hautlose Stelle hier auf der Brust. Und die Helfer und Diener nehmen Hautfetzen von andern Menschen, um meine Wunde zu schließen! Aber die Wunde heilt doch nicht zu. Nie — niemals! Ach, wenn Sie wüßten, wie das zuweilen saugt und brennt.
Hilde (sieht ihn aufmerksam an). Sie sind krank, Baumeister. Schwer krank, glaub ich fast.
Solneß. Sagen Sie verrückt, denn das meinen Sie ja.
Hilde. Nein, am Verstande, glaub ich, fehlt Ihnen weiter nichts.
Solneß. Wo fehlt's mir denn? Heraus damit!
Hilde. Ob die Sache nicht die ist, daß Sie mit einem kränklichen Gewissen zur Welt gekommen sind.
Solneß. Mit einem kränklichen Gewissen? Was ist denn das für ein Teufelszeug?
Hilde. Ich meine, daß das Gewissen bei Ihnen recht schwächlich ist. So — zart gebaut. Daß es keinen Stoß verträgt. Daß es das, was schwer ist, nicht heben noch tragen kann.
Solneß (brummend). Hm! Wie sollte dann das Gewissen sein, wenn ich fragen darf?
Hilde. Bei Ihnen möchte ich am liebsten, daß das Gewissen so — so recht robust wäre.
Solneß. So? Robust? Na. Haben Sie vielleicht ein robustes Gewissen?
Hilde. Ich glaube schon. Ich habe wenigstens nichts anderes gemerkt.
Solneß. Ist wohl auch nicht sonderlich auf die Probe gestellt worden, denk ich mir.
Hilde (indem es um ihre Mundwinkel zuckt). Nun, so leicht war's doch nicht, vom Vater fortzugehen, den ich so ungeheuer gern habe.
Solneß. Ach was! Für einen Monat oder zwei —
Hilde. Ich komme gewiß niemals wieder heim.
Solneß. Niemals? Warum gingen Sie denn von ihm fort.
Hilde (halb im Ernst, halb neckisch). Haben Sie schon wieder vergessen, daß die zehn Jahre um sind?
Solneß. Ach, Unsinn. War zu Hause irgend etwas los? Nun?
Hilde (ernsthaft). Es war dieses Etwas in meinem Innern, was mich herjagte und mich herpeitschte. Und was mich lockte und anzog zu gleicher Zeit.
Solneß (eifrig). Da haben wir's! Da haben wir's, Hilde! Auch in Ihnen wohnt ein Unhold. Wie in mir. Denn es ist der Unhold in einem, sehen Sie — der ist es, der die Mächte herbeiruft. Und dann muß man nachgeben — man mag wollen oder nicht.
Hilde. Ich glaube beinahe, Sie haben recht, Baumeister.
Solneß (geht im Zimmer umher). O es giebt in der Welt so erstaunlich viele Teufelchen, die einer nicht sieht, Hilde.
Hilde. Teufelchen auch noch?
Solneß (bleibt stehen). Gutmütige Teufelchen und bösartige Teufelchen. Blondhaarige Teufelchen und schwarzhaarige. Wenn man nur immer wüßte, ob's die blonden sind oder die schwarzen, die einen in ihrer Gewalt haben! (Er schlendert herum.) Ja, dann wäre das Ding ganz einfach!
Hilde (folgt ihm mit den Augen). Oder wenn man ein recht kräftiges, von Gesundheit strotzendes Gewissen hätte. So daß man sich das getraute, was man am liebsten möchte.
Solneß (bleibt am Konsoltische stehen). Ich meinerseits glaube, daß die meisten in dem Punkt ebenso große Schwächlinge sind wie ich selber.
Hilde. Mag schon sein.
Solneß (lehnt sich an den Tisch). In den Sagenbüchern — Haben Sie von den alten Sagenbüchern etwas gelesen?
Hilde. Freilich! Zu der Zeit, da ich noch Bücher las —
Solneß. In den Sagenbüchern wird von Wikingern berichtet, die nach fremden Ländern segelten und plünderten und Häuser in Brand steckten und Männer totschlugen —
Hilde. Und Weiber gefangen nahmen —
Solneß. Und sie bei sich behielten —
Hilde. Und auf den Schiffen mit nach Hause nahmen —
Solneß. Und mit ihnen verfuhren wie — wie die schlimmsten Unholde.
Hilde (sieht mit einem halbverschleierten Blick vor sich hin). Mir scheint, das mußte spannend sein.
Solneß (mit einem kurzen brummenden Lachen). Weiber zu fangen? Jawohl.
Hilde. Gefangen zu werden.
Solneß (sieht sie einen Augenblick an). Ach so.
Hilde (gleichsam abbrechend). Aber wo wollen Sie denn mit den Wikingern hinaus, Baumeister?
Solneß. Ja, sehen Sie, die Kerle hatten ein robustes Gewissen! Wenn die wieder heimkamen, dann konnten sie fressen und saufen, als wenn nichts geschehen wäre. Und lustig wie Kinder waren sie auch noch. Und dann die Weiber! Die wollten manchmal gar nicht wieder von ihnen fort. Können Sie so was begreifen, Hilde?
Hilde. Die Weiber begreife ich ausgezeichnet.
Solneß. Oho! Könnten Sie etwa selber ebenso handeln?
Hilde. Warum denn nicht?
Solneß. Mit so einem — Gewaltthäter zusammenleben — freiwillig?
Hilde. Wenn's ein Gewaltthäter wäre, den ich recht lieb gewonnen hätte, dann —
Solneß. Könnten Sie denn so einen Menschen lieb gewinnen?
Hilde. Ach Gott, das steht doch nicht bei einem selber, wen man lieb gewinnen soll.
Solneß (sieht sie nachdenklich an). Ach nein — das entscheidet wohl der Unhold, der in einem wohnt.
Hilde (mit einem halben Lachen). Und dann alle diese merkwürdigen Teufelchen, mit denen Sie so gut bekannt sind. Sowohl die blondhaarigen als die schwarzhaarigen.
Solneß (mit Wärme, in gedämpftem Ton). Dann wünsche ich Ihnen, daß die Teufelchen mit Schonung für Sie wählen, Hilde.
Hilde. Für mich haben sie schon gewählt. Ein für allemal.
Solneß (blickt sie tief an). Hilde — Sie sind wie ein wilder Waldvogel.
Hilde. Durchaus nicht. Ich verstecke mich nicht im Gebüsch.
Solneß. Nein, das thun Sie wohl nicht. Da sind Sie eher noch einem Raubvogel ähnlich.
Hilde. Das noch eher — vielleicht. (Mit großer Heftigkeit.) Und warum kein Raubvogel? Warum sollte ich nicht auch auf Raub ausgehen? Die Beute an mich reißen, zu der ich Lust habe? Wenn ich sie nur packen kann mit meinen Krallen. Und die Oberhand behalten.
Solneß. Hilde — wissen Sie, was Sie sind?
Hilde. Ja, ich bin gewiß so ein sonderbarer Vogel.
Solneß. Nein; Sie sind wie ein anbrechender Tag. Wenn ich Sie ansehe — dann ist's mir, als blickte ich gegen Sonnenaufgang.
Hilde. Sagen Sie mir, Baumeister — wissen Sie bestimmt, daß Sie mich nie gerufen haben? So inwendig?
Solneß (leise und langsam). Ich glaube fast, ich muß es gethan haben.
Hilde. Was wollten Sie von mir?
Solneß. Sie sind die Jugend, Hilde.
Hilde (lächelnd). Die Jugend, vor der sie solche Angst haben?
Solneß (nickt langsam). Und die ich doch im Grunde so sehnlich herbeiwünsche.
Hilde (erhebt sich, geht zum Tischchen hin, holt die Mappe Ragnar Broviks, hält ihm die Mappe hin). Die Zeichnungen also —
Solneß (kurz, abweisend). Legen Sie das Zeug weg! Ich habe es lange genug angesehen.
Hilde. Aber Sie sollten ja etwas für ihn daraufschreiben.
Solneß. Daraufschreiben! In meinem Leben thu' ich's nicht.
Hilde. Aber wenn nun der arme alte Mann im Sterben liegt! Könnten Sie da nicht ihm und dem Sohn eine Freude machen, ehe sie sich trennen? Und vielleicht könnte er dann auch dazu kommen, nach den Zeichnungen zu bauen.
Solneß. Ja, das ist's ja eben, was er kann. Das wird er sich schon gesichert haben, der — der Monsieur.
Hilde. Aber du lieber Gott — wenn sich's so verhält — können Sie dann nicht ein klein bißchen lügen?
Solneß. Lügen? (Wütend). Hilde — gehen Sie weg von mir mit Ihren Teufelszeichnungen!
Hilde (zieht die Mappe ein wenig zurück). Nanu — beißen Sie mich doch nicht. — Sie reden von Unholden. Mir kommt's vor, Sie betragen sich selber wie ein Unhold. (Sie sieht sich um.) Wo haben Sie Feder und Tinte?
Solneß. Giebt's nicht hier im Zimmer.
Hilde (will hinaus). Aber draußen beim Fräulein haben Sie doch —
Solneß. Bleiben Sie, wo Sie sind, Hilde! — Ich sollte lügen, sagten Sie. Nun ja, seinem alten Vater zuliebe könnte ich das immerhin thun. Denn den habe ich einmal erdrückt. Über den Haufen geworfen.
Hilde. Den auch?
Solneß. Ich brauchte Platz für mich selber. Aber dieser Ragnar — der darf um keinen Preis in die Höhe kommen.
Hilde. Das wird er wohl auch nie, der arme Kerl. Wenn er nichts taugt, dann —
Solneß (näher, sieht sie an und flüstert). Kommt Ragnar Brovik in die Höhe, dann schlägt er mich zu Boden. Erdrückt mich — wie ich's mit seinem Vater that. —
Hilde. Erdrückt er Sie? Taugt er denn?
Solneß. Ja, darauf können Sie sich verlassen, daß der taugt! Der ist die Jugend, die bereit steht, bei mir anzuklopfen. Und dem ganzen Baumeister Solneß den Garaus zu machen.
Hilde (sieht ihn mit stillem Vorwurf an). Und trotzdem wollen Sie ihm den Weg versperren. Pfui, Baumeister!
Solneß. Er hat Herzblut genug gekostet, der Kampf, den ich durchgemacht habe. — Und dann habe ich Angst, daß die Helfer und Diener mir nicht mehr gehorchen.
Hilde. Dann müssen Sie's auf eigene Faust versuchen. Da ist nichts anderes zu thun.
Solneß. Hoffnungslos, Hilde. Der Umschwung kommt. Etwas früher oder etwas später. Denn die Wiedervergeltung, die ist unerbittlich.
Hilde (angstvoll, hält sich die Ohren zu). Reden Sie doch nicht so! Wollen Sie mir das Leben nehmen! Mir das nehmen, was mir mehr ist als das Leben!
Solneß. Und was ist denn das?
Hilde. Sie groß zu sehen. Sie zu sehen mit einem Kranz in der Hand. Hoch, hoch oben auf einem Kirchturm. (Wieder ruhig.) Nun, jetzt heraus mit dem Bleistift. Denn einen Bleistift haben Sie doch bei sich?
Solneß (nimmt seine Brieftasche heraus). Da habe ich einen.
Hilde (legt die Mappe auf den Sofatisch). Gut. Und jetzt, Baumeister, setzen wir uns, wir zwei.
Solneß (setzt sich an den Tisch).
Hilde (hinter ihm, beugt sich über die Stuhllehne). Und jetzt schreiben wir etwas auf die Zeichnungen hinauf. Etwas recht, recht Liebes und Warmes schreiben wir. Für diesen häßlichen Roar — oder wie er nun heißt.
Solneß (schreibt einige Zeilen, wendet den Kopf und blickt zu ihr auf). Ich möchte etwas wissen, Hilde.
Hilde. Nun?
Solneß. Wenn Sie also volle zehn Jahre auf mich gewartet haben —
Hilde. Was dann?
Solneß. Warum schrieben Sie mir nie? Dann hätte ich Ihnen antworten können.
Hilde (schnell). Nein, nein! Das war's gerade, was ich nicht haben wollte.
Solneß. Warum nicht?
Hilde. Ich fürchtete, das Ganze könnte mir dabei unter den Händen zusammenbrechen. — Aber wir sollten ja auf die Zeichnungen etwas hinaufschreiben, Baumeister.
Solneß. Ja freilich.
Hilde (beugt sich vornüber und sieht zu, während er schreibt). Wie warm und gut und herzig. O wie ich ihn hasse — wie ich ihn hasse, diesen Roald —
Solneß (schreibend). Haben Sie nie jemand so recht gern gehabt, Hilde?
Hilde (hart). Was sagten Sie?
Solneß. Ob Sie nie jemand recht gern gehabt haben?
Hilde. Jemand anderen, meinen Sie wohl?
Solneß (blickt zu ihr auf). Jemand anderen, jawohl. Haben Sie das nie? In diesen zehn Jahren? Niemals?
Hilde. O ja, dann und wann. Wenn ich recht wild auf Sie war, weil Sie nicht kamen.
Solneß. Da hatten Sie andere auch gern?
Hilde. Ein klein wenig. Eine Woche oder zwei. Du lieber Gott, Baumeister, Sie wissen ja doch, wie sich's mit so was verhält.
Solneß. Hilde — in welcher Absicht sind Sie hergekommen?
Hilde. Verlieren Sie doch die Zeit nicht mit dem vielen Reden. Der arme alte Mann ist vielleicht schon am Sterben.
Solneß. Antworten Sie mir, Hilde. Was wollen Sie von mir?
Hilde. Ich will mein Königreich haben.
Solneß. Hm — (Er blickt flüchtig nach der Thür links und fährt zu schreiben fort).
Frau Solneß (erscheint gleichzeitig; sie trägt einige Pakete).
Siebenter Auftritt.
Die Vorigen. Frau Solneß.
Frau Solneß. Da habe ich einige Kleinigkeiten für Sie mitgebracht, Fräulein Wangel. Die großen Pakete werden später nachgeschickt.
Hilde. O das war aber doch lieb von Ihnen!
Frau Solneß. Einfach meine Pflicht. Weiter gar nichts.
Solneß (liest das, was er geschrieben hat, durch). Aline!
Frau Solneß. Ja?
Solneß. Sahst du, ob sie — die Buchhalterin draußen war?
Frau Solneß. Ja natürlich war die da.
Solneß (legt die Zeichnungen in die Mappe hinein). Hm —
Frau Solneß. Sie stand am Pulte, wie sie immer thut — wenn ich durchs Zimmer gehe.
Solneß (steht auf). Dann will ich's ihr also geben. Und ihr sagen, daß —
Hilde (nimmt ihm die Mappe weg). Ach nein, gönnen Sie doch mir die Freude! (Sie geht zur Thür, dreht sich aber dann um.) Wie heißt sie?
Solneß. Sie heißt Fräulein Fosli.
Hilde. Ach, das hört sich ja so frostig an! Mit dem Vornamen, meine ich?
Solneß. Kaja — glaube ich.
Hilde (öffnet die Thür und ruft hinaus). Kaja! Kommen Sie herein. Schnell! Der Baumeister will mit Ihnen reden.
Kaja Fosli (kommt herein und bleibt an der Thür stehen).
Achter Auftritt.
Die Vorigen. Kaja Fosli.
Kaja (sieht ihn verschüchtert an). Da bin ich —?
Hilde (reicht ihr die Mappe). Da, Kaja! Sie können die Sachen mitnehmen. Denn jetzt hat der Baumeister daraufgeschrieben.
Kaja. Ach, endlich!
Solneß. Geben Sie's dem Alten so rasch wie möglich.
Kaja. Ich gehe gleich damit nach Hause.
Solneß. Thun Sie das. Und jetzt kann ja Ragnar dazu kommen, zu bauen.
Kaja. Ach, darf er herkommen, um Ihnen zu danken für alles, was —
Solneß (hart). Ich mag keinen Dank! Sagen Sie ihm das von mir.
Kaja. Jawohl, das werde ich —
Solneß. Und sagen Sie ihm zugleich, daß ich ihn hernach nicht mehr nötig habe. Und Sie auch nicht.
Kaja (leise, mit bebender Stimme). Mich auch nicht!
Solneß. Von nun an werden Sie sich ja um andere Dinge kümmern müssen. Und das ist ja nur in der Ordnung. Na, jetzt gehen Sie also mit den Zeichnungen nach Hause, Fräulein Fosli. Schnell! Hören Sie!
Kaja (wie oben). Jawohl, Herr Solneß. (Ab.)
Neunter Auftritt.
Solneß. Frau Solneß. Hilde Wangel.
Frau Solneß. Gott, hat die tückische Augen.
Solneß. Die! Das arme dumme Gänschen.
Frau Solneß. O — mir macht sie nichts weis, Halvard. Kündigst du ihnen wirklich?
Solneß. Gewiß.
Frau Solneß. Ihr auch?
Solneß. Wolltest du's nicht selber so haben?
Frau Solneß. Daß du aber die entbehren kannst —? Na, du wirst schon eine in der Hinterhand haben, Halvard.
Hilde (lustig). Ja, ich tauge jedenfalls nicht dazu, am Schreibpult zu stehen.
Solneß. Na, laß gut sein, Aline — das wird sich schon finden. Jetzt sollst du nur daran denken, ins neue Heim einzuziehen — so schnell wie's geht. Heut Abend hängen wir den Kranz hinauf, (zu Hilde) ganz oben auf die Turmspitze. Was sagen Sie dazu, Fräulein Hilde?
Hilde (starrt ihn mit funkelnden Augen an). Das wird entsetzlich schön sein, Sie wieder so hoch oben zu sehen.
Solneß. Mich!
Frau Solneß. Ach Gott, Fräulein Wangel, stellen Sie sich doch nicht so etwas vor. Mein Mann — so schwindelig wie der ist!
Hilde. Schwindelig! Nein, das ist er doch wahrhaftig nicht!
Frau Solneß. O doch, das ist er.
Hilde. Ich habe ihn ja aber selber ganz oben auf einem hohen Kirchturm gesehen!
Frau Solneß. Davon habe ich allerdings die Leute reden hören. Aber das ist rein unmöglich —
Solneß (heftig). Unmöglich — unmöglich, jawohl! Ich stand aber doch droben!
Frau Solneß. Wie kannst du nur so was sagen, Halvard? Du verträgst es ja nicht einmal, auf den Balkon hinauszugehen, droben im ersten Stock. So bist du ja immer gewesen.
Solneß. Du könntest vielleicht heut Abend etwas anderes erleben.
Frau Solneß (angstvoll). Nein, nein! Das werde ich doch mit Gottes Hilfe niemals erleben. Gleich schreibe ich dem Doktor. Der wird dich schon davon abbringen.
Solneß. Aber Aline —!
Frau Solneß. Ja, du bist ja doch krank, Halvard! Das kann ja nichts anderes sein! Ach Gott — ach Gott! (Sie eilt nach rechts ab.)
Zehnter Auftritt.
Solneß. Hilde Wangel.
Hilde (sieht ihn gespannt an). Ist es wahr?
Solneß. Daß ich schwindelig bin?
Hilde. Daß mein Baumeister sich nicht getraut — nicht so hoch steigen kann, wie er selber baut?
Solneß. Sehen Sie das Ding von der Seite an?
Hilde. Ja.
Solneß. Ich glaube, es ist bald kein Winkelchen in mir, das vor Ihnen sicher sein kann.
Hilde (blickt zum Erkerfenster hin). Da oben also. Ganz oben —
Solneß (näher). In der obersten Turmkammer könnten Sie wohnen, Hilde. — Könnten's dort haben wie eine Prinzessin.
Hilde (mit einem unbestimmbaren Gemisch von Ernst und Scherz). Ja, das haben Sie mir ja versprochen.
Solneß. Hab ich das eigentlich?
Hilde. Pfui, Baumeister! Sie sagten, ich sollte Prinzessin werden. Und daß ich von Ihnen ein Königreich bekommen sollte. Und dann faßten Sie — Na, mehr sag' ich nicht!
Solneß (behutsam). Sind Sie ganz gewiß, daß es nicht so ein Traum war — eine Einbildung, die sich bei Ihnen festgesetzt hat?
Hilde (unwirsch). Sie thaten's am Ende gar nicht?
Solneß. Weiß es kaum selber. (Leiser.) Aber das weiß ich jetzt allerdings, daß ich —
Hilde. Daß Sie —? Sagen Sie's gleich!
Solneß. Daß ich's hätte thun sollen.
Hilde (mit kühner Zuversicht). Sie waren in Ihrem Leben nie schwindelig!
Solneß. Heut Abend hängen wir also den Kranz hinauf — Prinzessin Hilde.
Hilde (mit einem bittern Zug um den Mund). Über Ihr neues Heim, jawohl.
Solneß. Über das neue Haus. Das niemals ein Heim wird für mich. (Ab durch die Verandathür.)
Hilde (sieht mit einem verschleierten Blick ins Leere hinaus und flüstert vor sich hin; man hört nur die Worte:) Entsetzlich spannend — —
Dritter Aufzug.
Eine große breite Veranda vor dem Wohnhause des Baumeisters Solneß.
Ein Teil des Hauses mit einem Ausgang zur Veranda ist links sichtbar; vor dieser rechts ein Geländer. Rückwärts, an der schmalen Seite der Veranda, führt eine Treppe hinunter zum tiefer gelegenen Garten. Große alte Bäume im Garten strecken ihre Äste über die Veranda gegen das Haus hin aus. Ganz rechts, zwischen den Bäumen, erblickt man den untersten Teil der neuen Villa, um dessen Turmbau das Gerüst noch steht. Im Hintergrund ist der Garten von einem alten Steckenzaun begrenzt. Außerhalb des Zauns eine Straße mit niedrigen verfallenen Häuschen. Auf der Veranda eine Gartenbank längs der Hauswand, und vor der Bank ein länglicher Tisch; an der anderen Seite des Tisches ein Lehnstuhl und einige Taburetts. Alle Möbel sind geflochten.
Abendhimmel mit sonnenbeleuchteten Wolken.
Erster Auftritt.
Frau Solneß. Hilde Wangel.
Frau Solneß (die in einen großen weißen Kreppshawl gehüllt ist, ruht im Lehnstuhl und starrt nach rechts hinüber).
Hilde Wangel (kommt nach einer Weile die Gartentreppe herauf; sie ist gekleidet wie letzthin und hat ihr Hütchen auf; an der Brust trägt sie ein Sträußchen von gewöhnlichen Wiesenblumen).
Frau Solneß (wendet den Kopf ein wenig). Sind Sie im Garten herumgewesen, Fräulein Wangel?
Hilde. Jawohl, ich habe mich da unten umgesehen.
Frau Solneß. Auch Blumen gefunden, wie ich sehe.
Hilde. Freilich. Von denen ist ja mehr als genug da. Zwischen den Büschen drin.
Frau Solneß. Wirklich? So spät im Jahre? Ich komme ja fast nie hinunter.
Hilde (kommt näher). Was Sie sagen! Laufen Sie denn nicht jeden Tag in den Garten hinunter?
Frau Solneß (mit einem matten Lächeln). Ich „laufe“ nirgends mehr hin. Jetzt nicht mehr.
Hilde. Aber gehen Sie denn nicht dann und wann hinunter, um all der Herrlichkeit einen Besuch zu machen?
Frau Solneß. Es ist mir alles so fremd geworden. Ich fürchte mich beinahe davor, es wiederzusehen.
Hilde. Ihren eigenen Garten!
Frau Solneß. Es kommt mir vor, als ob er nicht mehr mein wäre.
Hilde. Ach, was ist denn das für —!
Frau Solneß. Nein, nein, das ist er nicht. Es ist nicht wie damals, als der Vater und die Mutter noch lebten. Es ist jammerschade, wie viel sie vom Garten weggenommen haben. Denken Sie nur — da haben sie ihn zerstückelt — und Häuser gebaut für fremde Menschen. Leute, die ich nicht kenne. Und die können mich von ihren Fenstern aus beobachten.
Hilde (mit einem hellen Ausdruck im Gesicht). Frau Solneß?
Frau Solneß. Ja?
Hilde. Darf ich ein bißchen bei Ihnen bleiben?
Frau Solneß. Sehr gern, wenn Sie nur Lust dazu haben.
Hilde (rückt ein Taburett zum Lehnstuhl hin und setzt sich). Ah — hier kann man sich sonnen, so recht wie eine Katze.
Frau Solneß (legt die Hand leicht auf ihren Nacken). Das ist schön von Ihnen, daß Sie bei mir sitzen wollen. Ich dachte, Sie wollten zu meinem Mann hinein.
Hilde. Was sollte ich bei ihm thun?
Frau Solneß. Ihm helfen, dachte ich mir.
Hilde. O nein. Übrigens ist er nicht drinnen. Er ist da drüben bei den Arbeitsleuten. Er sah aber so grimmig aus, daß ich mir nicht getraute, ihn anzureden.
Frau Solneß. Ach, im Grunde hat er ein so mildes und weiches Gemüt.
Hilde. Der!
Frau Solneß. Sie kennen ihn eben noch nicht recht, Fräulein Wangel.
Hilde (sieht sie mit Wärme an). Sind Sie jetzt froh, daß Sie ins neue Haus hinüberziehen sollen?
Frau Solneß. Ich sollte froh sein. Denn Halvard will es ja so haben —
Hilde. O nicht gerade aus dem Grunde, scheint mir.
Frau Solneß. Doch, doch, Fräulein Wangel. Denn das ist ja nur meine Pflicht, mich ihm zu unterwerfen. Aber manchmal fällt es so schwer, den Sinn zum Gehorsam zu zwingen.
Hilde. Ja, das muß gewiß schwer fallen.
Frau Solneß. Das können Sie mir glauben. Wenn man nicht ein besserer Mensch ist, als ich, dann —
Hilde. Wenn man soviel Schweres durchgemacht hat, wie Sie —
Frau Solneß. Woher wissen Sie das?
Hilde. Ihr Mann sagte es.
Frau Solneß. Mir gegenüber berührt er die Dinge so selten. — Ja, das können Sie mir glauben, Fräulein Wangel, ich habe mehr als genug durchgemacht in meinem Leben.
Hilde (blickt sie teilnehmend an und nickt langsam). Arme Frau Solneß. Zuerst hatten Sie ja den Brand —
Frau Solneß (mit einem Seufzer). Ach ja. All das meinige ging dabei zu Grunde.
Hilde. Und dann kam ja etwas noch Schlimmeres.
Frau Solneß (sieht sie fragend an). Noch schlimmer?
Hilde. Das Allerschlimmste.
Frau Solneß. Was, meinen Sie?
Hilde (leise). Sie verloren ja die beiden Kleinen.
Frau Solneß. Ach, die. Ja, sehen Sie, das war aber etwas ganz anderes. Das war ja eine höhere Fügung. Und wenn so etwas kommt, da muß man sich unterwerfen. Und Gott danken obendrein.
Hilde. Thun Sie denn das?
Frau Solneß. Nicht immer, leider. Ich weiß ja sehr wohl, daß es meine Pflicht wäre. Aber ich kann es trotzdem nicht.
Hilde. Nein, das kommt mir auch ganz natürlich vor.
Frau Solneß. Und oftmals muß ich ja mir selber sagen, daß es eine gerechte Strafe war —
Hilde. Warum denn?
Frau Solneß. Weil ich nicht standhaft genug war im Unglück.
Hilde. Aber ich begreife nicht, wie —
Frau Solneß. Ach nein, Fräulein Wangel — reden wir nicht mehr von den zwei Kleinen. Über die sollen wir uns bloß freuen. Die haben es ja jetzt so gut, wie man es nur wünschen kann. Nein, es sind die kleinen Verluste im Leben, die einem wehe thun bis in die Seele hinein. Wenn man das alles verliert, was andere Leute fast für gar nichts achten.
Hilde (legt die Arme auf ihre Knie und blickt mit warmem Mitgefühl zu ihr auf). Liebste Frau Solneß — erzählen Sie mir davon.
Frau Solneß. Wie ich Ihnen sagte. Lauter Kleinigkeiten. Da verbrannten zum Beispiel alle die alten Porträts an den Wänden. Und alle die alten seidenen Kleider, die der Familie Gott weiß wie lange gehört hatten. Und die Spitzen der Mutter und der Großmutter — die verbrannten auch. Und denken Sie nur — die Schmucksachen! (Schwermütig.) Und dann alle die Puppen.
Hilde. Die Puppen?
Frau Solneß (mit thränenerstickter Stimme). Ich hatte neun wunderschöne Puppen.
Hilde. Und die verbrannten auch?
Frau Solneß. Alle miteinander. Ach, wie ich mir das zu Herzen nahm.
Hilde. Hatten Sie denn alle die Puppen aufgehoben von der Zeit an, da Sie klein waren?
Frau Solneß. Aufgehoben, nein. Ich und die Puppen, wir blieben immer beisammen.
Hilde. Nachdem Sie erwachsen waren?
Frau Solneß. Ja, lange nachher.
Hilde. Auch nachdem Sie verheiratet waren?
Frau Solneß. O ja. Wenn er nicht dabei war, da — Dann verbrannten sie ja aber, die armen Dinger. Die zu retten, da dachte niemand dran. Ach, das ist ein trauriger Gedanke. Sie dürfen mich deshalb nicht auslachen, Fräulein Wangel.
Hilde. Ich lache durchaus nicht.
Frau Solneß. Auf ihre Art waren die ja auch lebendige Wesen, sozusagen. Ich trug sie unter dem Herzen. Wie ungeborene kleine Kinder.
Doktor Herdal (den Hut in der Hand, erscheint in der Verandathür und erblickt Frau Solneß und Hilde).
Zweiter Auftritt.
Die Vorigen. Doktor Herdal.
Herdal. Na, Sie sitzen so im Freien und holen sich eine Erkältung, gnädige Frau?
Frau Solneß. Die Luft ist heut so herrlich mild.
Herdal. 's geht an. Aber ist hier im Hause etwas los? Ich bekam ein Briefchen von Ihnen.
Frau Solneß (erhebt sich). Jawohl, es ist etwas, worüber ich notwendig mit Ihnen reden muß.
Herdal. Gut. Dann gehen wir vielleicht hinein. (Zu Hilde.) Heute auch in Gebirgsuniform, Fräulein?
Hilde (steht auf, lustig). Freilich! In vollem Wichs! Heut will ich aber nicht in die Höhe, um mir's Genick zu brechen. Wir beide, Doktor, wir bleiben hübsch da und sehen uns das Ding von unten an.
Herdal. Was sollen wir uns ansehen?
Frau Solneß (erschrocken, leise zu Hilde). Still, still — um Gottes willen! Da kommt er. Sehen Sie doch zu, daß Sie ihn von dem Einfall abbringen. Und seien wir Freundinnen, Fräulein Wangel. Können wir das nicht sein?
Hilde (fällt ihr stürmisch um den Hals). Ach, könnten wir das nur!
Frau Solneß (macht sich gelinde los). So — lassen Sie es nur gut sein! Da kommt er, Doktor! Ich möchte mit Ihnen reden.
Herdal. Betrifft es ihn?
Frau Solneß. Ja freilich betrifft es ihn. Gehen wir nur hinein.
Frau Solneß und Doktor Herdal (gehen ins Haus hinein).
Baumeister Solneß (kommt fast gleichzeitig die Gartentreppe herauf).
Dritter Auftritt.
Solneß. Hilde Wangel.
Hilde (nimmt einen ernsten Ausdruck an).
Solneß (mit einem Blick auf die Thür, die behutsam von innen zugemacht wird). Haben Sie bemerkt, Hilde, daß sie weggeht, sobald ich komme?
Hilde. Ich habe bemerkt, daß Sie sie wegscheuchen, sobald Sie kommen.
Solneß. Mag sein. Dafür kann ich aber nichts. (Er sieht sie aufmerksam an.) Frieren Sie, Hilde? Sie sehen wenigstens so aus.
Hilde. Ich kam soeben von einem Grabgewölbe herauf.
Solneß. Was soll das heißen?
Hilde. Daß es mich frostig angeweht hat, Baumeister.
Solneß (langsam). Ich glaube, ich verstehe —
Hilde. Weswegen sind Sie jetzt hier?
Solneß. Ich sah da drüben, daß Sie hier waren.
Hilde. Dann sahen Sie aber auch sie?
Solneß. Ich wußte, daß sie gleich gehen würde, wenn ich käme.
Hilde. Thut Ihnen das recht leid, daß sie Ihnen so aus dem Wege geht?
Solneß. Gewissermaßen empfinde ich es auch als eine Erleichterung.
Hilde. Daß Sie sie nicht unmittelbar vor Augen haben?
Solneß. Jawohl.
Hilde. Daß Sie nicht immer wieder sehen, wie sie sich die Geschichte mit den Kleinen zu Herzen nimmt?
Solneß. Ja. Darum am meisten.
Hilde (geht, die Hände auf dem Rücken, zum Geländer hin, bleibt dort stehen und blickt über den Garten hinaus).
Solneß (nach einer kurzen Pause). Sprachen Sie lange mit ihr?
Hilde (steht unbeweglich da, ohne zu antworten).
Solneß. Lange, frag ich?
Hilde (schweigt).
Solneß. Wovon redete sie denn, Hilde?
Hilde (schweigt noch immer).
Solneß. Die arme Aline! Es wird wohl von den Kleinen gewesen sein.
Hilde (wird von einem nervösen Zucken durchfahren, dann nickt sie schnell ein paar Mal hintereinander).
Solneß. Sie verwindet es niemals. Ihr Lebtag verwindet sie's nicht. (Er nähert sich Hilde.) Jetzt stehen Sie wieder da wie eine Salzsäule. So standen Sie gestern Abend auch da.
Hilde (dreht sich um und sieht ihn mit großen Augen an). Ich reise ab.
Solneß (in scharfem Ton). Sie reisen ab!
Hilde. Ja.
Solneß. Das erlaube ich aber nicht!
Hilde. Was soll ich jetzt noch hier?
Solneß. Nur daß Sie da sind, Hilde!
Hilde (mißt ihn mit dem Blick). Wär nicht übel. Dabei würde es wohl kaum sein Bewenden haben.
Solneß (unüberlegt). Um so besser!
Hilde (heftig). Ich kann nichts Böses vorhaben gegen eine, die ich kenne! Ich kann ihr nichts nehmen, was ihr gehört.
Solneß. Wer sagt denn, daß Sie das sollen?
Hilde (ohne zu antworten). Bei einer Fremden, ja! Das ist etwas ganz anderes. Wenn's eine wäre, die ich in meinem Leben nie gesehen hätte. Aber bei einer, der ich nahe gekommen bin —! Nein! O nein! Pfui!
Solneß. Ja, aber etwas anderes habe ich ja auch nicht gesagt!
Hilde. Ach, Baumeister, Sie wissen recht gut, wie's gehen würde. Und darum reise ich auch ab.
Solneß. Und was soll aus mir werden, wenn Sie fort sind? Wofür habe ich nachher noch zu leben?
Hilde (mit dem unbestimmbaren Ausdruck in den Augen). Mit Ihnen hat's jedenfalls keine Not. Sie haben ja Ihre Pflichten ihr gegenüber. Leben Sie doch für die Pflichten.
Solneß. Zu spät. Diese Mächte — diese — diese —
Hilde. Teufelchen —
Solneß. Jawohl, die Teufelchen! Und der Unhold in mir auch. Die haben ihr alles Lebensblut abgezapft. (Er lacht in Verzweiflung.) Meinem Glück zulieb thaten Sie es! Ja freilich! (Schwermütig.) Und jetzt ist sie tot — um meinetwillen. Und ich bin bei lebendigem Leibe an die Tote gekettet. (In wilder Angst.) Ich — ich, der ein freudeloses Leben nicht tragen kann!
Hilde (geht auf die andere Seite des Tisches hinüber und setzt sich auf die Bank; die Ellbogen auf der Tischplatte ruhend, den Kopf auf die Hände gestützt, sieht sie ihn eine Weile schweigend an). Was werden Sie denn das nächste Mal bauen?
Solneß (schüttelt den Kopf). Glaub nicht, daß es was rechtes mehr wird.
Hilde. Keine so trauliche glückliche Heimstätten für Mutter und Vater? Und für die Kinderschar?
Solneß. Möchte wissen, ob so was vonnöten sein wird hernach.
Hilde. Armer Baumeister! Und da haben Sie volle zehn Jahre daran gearbeitet — das Leben sozusagen darauf eingesetzt — nur darauf.
Solneß. Da haben Sie recht, Hilde.
Hilde (platzt heraus). Ach, wie kommt mir doch das alles so albern vor! Wirklich so albern —!
Solneß. Was meinen Sie?
Hilde. Daß einer nach seinem eigenen Glück nicht greifen darf. Nach seinem eigenen Leben nicht! Bloß weil jemand dazwischen steht, den man kennt!
Solneß. Jemand, an dem man nicht vorbei darf.
Hilde. Ich möchte wissen, ob man das im Grunde nicht dürfte. Aber trotzdem — Ach, wenn man doch die ganze Geschichte verschlafen könnte! (Sie legt die Arme flach auf den Tisch, läßt die linke Seite des Kopfes auf den Händen ruhen und schließt die Augen.)
Solneß (dreht den Lehnstuhl um und setzt sich an den Tisch). Haben Sie ein trauliches glückliches Heim, Hilde — droben bei Ihrem Vater?
Hilde (unbeweglich, antwortet gleichsam halb schlafend). Nur einen Käfig hatte ich.
Solneß. Und Sie wollen durchaus nicht wieder hinein?
Hilde (wie oben). Der Waldvogel will nie hinein in den Käfig.
Solneß. Lieber jagen in freier Luft —
Hilde (noch immer wie oben). Der Raubvogel jagt am liebsten.
Solneß (läßt den Blick auf ihr ruhen). Wer doch Wikingertrotz im Leibe hätte —
Hilde (mit ihrer gewöhnlichen Stimme, indem sie die Augen aufschlägt, sich aber nicht rührt). Und das andere? Nennen Sie's!
Solneß. Ein robustes Gewissen.
Hilde (richtet sich lebhaft auf der Bank empor; ihre Augen haben aufs neue den freudefunkelnden Ausdruck; sie nickt ihm zu). Ich weiß, was Sie das nächste Mal bauen werden!
Solneß. Da wissen Sie mehr, als ich selber, Hilde.
Hilde. Ja, die Baumeister, die sind ja so dumm.
Solneß. Und was wird's denn werden?
Hilde (nickt wieder). Das Schloß.
Solneß. Was für ein Schloß?
Hilde. Mein Schloß natürlich.
Solneß. Jetzt wollen Sie gar ein Schloß haben?
Hilde. Sind Sie mir nicht ein Königreich schuldig, wenn ich fragen darf?
Solneß. Das behaupten Sie wenigstens.
Hilde. Schön. Das Königreich sind Sie mir also schuldig. Und zu einem Königreich gehört doch wohl ein Schloß, soviel ich weiß.
Solneß (immer aufgeräumter). Ja, das pflegt ja sonst der Fall zu sein.
Hilde. Gut, dann bauen Sie mir's also! Gleich!
Solneß (lachend). So auf der Stelle? — Das auch noch?
Hilde. Freilich! Denn jetzt sind sie um — die zehn Jahre. Und ich will nicht länger warten. Also — heraus mit dem Schloß, Baumeister!
Solneß. Es ist kein Spaß, Ihnen etwas schuldig zu sein, Hilde.
Hilde. Das hätten Sie früher bedenken sollen. Jetzt ist es zu spät. Also — (sie klopft auf die Tischplatte) das Schloß auf den Tisch! Es ist mein Schloß! Gleich will ich's haben!
Solneß (mehr im Ernst, beugt sich näher zu ihr hinüber, die Arme auf dem Tisch). Wie haben Sie sich denn eigentlich das Schloß vorgestellt, Hilde?
Hildes (Blick verschleiert sich allmählich; sie starrt gleichsam in sich selbst hinein). Mein Schloß soll hoch oben liegen. Sehr hoch soll es liegen. Und frei nach allen Seiten hin. So daß ich weit hinausblicken kann — weit hinaus.
Solneß. Und ein hoher Turm soll wohl dazu gehören?
Hilde. Ein ungeheuer hoher Turm. Und ganz oben auf dem Turm ein Söller. Und auf dem will ich stehen —
Solneß (greift sich unwillkürlich an die Stirn). Daß Sie daran Gefallen finden können, in so schwindelerregender Höhe zu stehen —
Hilde. O gewiß! Gerade dort oben will ich stehen und die andern ansehen — die, die Kirchen bauen. Und Heimstätten für Mutter und Vater und die Kinderschar. Und Sie dürfen auch hinaufkommen und sich's ansehen.
Solneß (gedämpft). Darf der Baumeister zur Prinzessin hinaufkommen?
Hilde. Wenn der Baumeister will.
Solneß (noch leiser). Dann, glaube ich, kommt der Baumeister.
Hilde (nickt). Der Baumeister — der kommt.
Solneß. Wird aber nie mehr bauen — der arme Baumeister.
Hilde (lebhaft). Doch. Zu zweien werden wir sein. Und dann bauen wir das Herrlichste — das Allerherrlichste, was es auf Erden giebt.
Solneß (gespannt). Hilde — sagen Sie mir, was das ist!
Hilde (sieht ihn lächelnd an, schüttelt den Kopf ein wenig, spitzt die Lippen und spricht wie zu einem Kinde). Die Baumeister — die sind sehr — sehr dumme Leute.
Solneß. Ja freilich sind sie dumm. Aber jetzt sagen Sie mir, was das ist! Das, was Sie das Herrlichste auf Erden nennen. Und was wir zwei miteinander bauen sollen?
Hilde (schweigt eine Weile, dann sagt sie mit einem unbestimmbaren Ausdruck in den Augen). Luftschlösser.
Solneß. Luftschlösser?
Hilde (nickt). Luftschlösser, jawohl! Wissen Sie, was so ein Luftschloß für ein Ding ist?
Solneß. Sie sagen ja, es ist das Herrlichste auf Erden.
Hilde (erhebt sich heftig und macht eine wegwerfende Handbewegung). Ja, versteht sich! Luftschlösser — die sind ja so bequeme Zufluchtsorte. Und auch so bequem zu bauen (sie sieht ihn höhnisch an), besonders für die Baumeister, die ein — schwindliges Gewissen haben.
Solneß (erhebt sich). Von heute an bauen wir zwei miteinander, Hilde.
Hilde (mit einem halb zweifelnden Lächeln). So'n richtiges Luftschloß?
Solneß. Jawohl. Mit einer Grundmauer darunter.
Ragnar Brovik (kommt aus dem Hause heraus; er trägt einen großen grünen Kranz, der mit Blumen und Seidenbändern geschmückt ist).
Vierter Auftritt.
Die Vorigen. Ragnar Brovik.
Hilde (mit einem Freudenausbruch). Der Kranz! O das wird entsetzlich schön werden!
Solneß (verwundert). Kommen denn Sie mit dem Kranz, Ragnar?
Ragnar. Ich hatte es dem Werkmeister versprochen.
Solneß (erleichtert). Nun, dann geht's jedenfalls Ihrem Vater besser?
Ragnar. Nein.
Solneß. Ermunterte ihn das nicht, was ich geschrieben hatte?
Ragnar. Es kam zu spät.
Solneß. Zu spät!
Ragnar. Als sie es mitbrachte, war er nicht mehr bei Besinnung. Er hatte einen Schlaganfall gehabt.
Solneß. Aber so gehen Sie doch zu ihm heim! Seien Sie doch bei Ihrem Vater!
Ragnar. Er braucht mich nicht mehr.
Solneß. Aber Sie müssen doch wohl bei ihm sein.
Ragnar. Sie sitzt an seinem Bett.
Solneß (etwas unsicher). Kaja?
Ragnar (blickt ihn finster an). Kaja — jawohl.
Solneß. Gehen Sie nach Hause, Ragnar. Zu ihr sowohl, als zu ihm. Geben Sie mir den Kranz.
Ragnar (unterdrückt ein spöttisches Lächeln). Sie wollen doch nicht selber —?
Solneß. Ich will selber damit hinüber gehen. (Er nimmt ihm den Kranz ab.) Und jetzt gehen Sie nach Hause. Wir haben Sie heute nicht nötig.
Ragnar. Ich weiß, daß Sie mich hernach nicht nötig haben. Aber heute bleibe ich da.
Solneß. Na, bleiben Sie da, wenn Sie's durchaus wollen.
Hilde (am Geländer). Baumeister — hier will ich mich hinstellen, um Ihnen zuzusehen.
Solneß. Mir!
Hilde. Das wird entsetzlich spannend werden.
Solneß (gedämpft). Davon reden wir zwei später, Hilde. (Er geht mit dem Kranz fort, die Treppe hinab und durch den Garten hin.)