Fünfter Auftritt.
Ragnar Brovik. Hilde Wangel.
Hilde (blickt Solneß nach; darauf wendet sie sich zu Ragnar). Mir scheint, Sie hätten ihm schon mit ein paar Worten danken können.
Ragnar. Ihm danken? Dem hätte ich danken sollen?
Hilde. Ja, das hätten Sie doch wahrhaftig thun sollen!
Ragnar. Da müßte ich wohl eher noch Ihnen danken.
Hilde. Wie können Sie so was sagen?
Ragnar (ohne ihr zu antworten). Aber nehmen Sie sich nur in acht, Fräulein! Denn den kennen Sie noch nicht recht.
Hilde (feurig). O ich kenne ihn am allerbesten!
Ragnar (lacht erbittert). Ihm danken, der mich jahrelang niedergehalten hat! Der den Vater dazu gebracht hat, an mir zu zweifeln. Der mich selber dazu gebracht hat — Und das alles nur um —!
Hilde (wie von einer Ahnung durchzuckt). Um —? Sagen Sie mir's gleich!
Ragnar. Um sie bei sich behalten zu können.
Hilde (springt auf ihn zu). Das Fräulein am Pult?
Ragnar. Ja.
Hilde (drohend, mit geballten Händen). Es ist nicht wahr! Sie verleumden ihn!
Ragnar. Ich wollte es auch nicht glauben bis heute — als sie's selber sagte.
Hilde (wie außer sich). Was sagte sie! Ich will's wissen! Gleich! Gleich!
Ragnar. Sie sagte, er beherrschte ihr ganzes Sinnen und Trachten. Alle ihre Gedanken gehörten nur ihm allein. Sie sagt, daß sie niemals von ihm lassen kann. Daß sie hier bleiben will, wo er ist —
Hilde (mit sprühenden Augen). Das darf sie nicht!
Ragnar (gleichsam forschend). Wer wird sie daran hindern?
Hilde (schnell). Er will's auch nicht haben!
Ragnar. Nein, natürlich nicht. Jetzt verstehe ich ja die ganze Geschichte. Hernach würde sie wohl nur — lästig fallen.
Hilde. Gar nichts verstehen Sie — wenn Sie so was reden können! Nein, ich will Ihnen sagen, warum er das Fräulein festhielt.
Ragnar. Und warum denn?
Hilde. Um Sie behalten zu können.
Ragnar. Hat er Ihnen das gesagt?
Hilde. Nein, es ist aber so! Es muß so sein! (Ungestüm.) Ich will — ich will, daß es so sein soll!
Ragnar. Und gerade als Sie kamen — da ließ er sie fahren.
Hilde. Sie — Sie selber sind's, den er hat fahren lassen! Was, glauben Sie wohl, kümmert der sich um fremde Fräulein?
Ragnar (nachdenklich). Sollte er mich denn die ganze Zeit insgeheim gefürchtet haben?
Hilde. Der sich fürchten! So eingebildet sollten Sie denn doch nicht sein.
Ragnar. O er muß doch schon lange gemerkt haben, daß ich auch was tauge. Übrigens — furchtsam — das ist er nun einmal von Natur, wissen Sie.
Hilde. Er! Das machen Sie andern weis!
Ragnar. Gewissermaßen ist er furchtsam. Er, der große Baumeister. Andere Leute um ihr Lebensglück zu bringen — wie er's meinem Vater und mir gethan hat — davor hat er keine Furcht. Aber bloß ein armseliges Gerüst hinaufzuklettern — Gott bewahre ihn vor so einem Wagestück!
Hilde. O Sie hätten ihn nur so hoch oben sehen sollen — so himmelhoch, wie ich ihn einmal gesehen habe!
Ragnar. Das hätten Sie gesehen?
Hilde. Ja, das kann ich Sie versichern. Und wie frei und kühn er dastand, als er den Kranz an der Wetterfahne befestigte!
Ragnar. Ich weiß, daß er es einmal in seinem Leben gewagt hat. Ein einziges Mal. Wir Jüngeren haben so oft davon gesprochen. Aber keine Macht der Welt wird ihn dazu bewegen, das Ding zu wiederholen.
Hilde. Heute wiederholt er es!
Ragnar (höhnisch). Glauben Sie doch das nicht.
Hilde. Wir werden's schon erleben!
Ragnar. Das werden weder Sie noch ich erleben.
Hilde (unbändig). Ich will es erleben! Ich will und muß es erleben!
Ragnar. Er thut's aber nicht. Er getraut sich's einfach nicht. Denn die Schwäche hat er nun einmal — er, der große Baumeister.
Frau Solneß (kommt aus dem Hause auf die Veranda hinaus).
Sechster Auftritt.
Die Vorigen. Frau Solneß.
Frau Solneß (sieht sich um). Ist er nicht da? Wo ist er hingegangen?
Ragnar. Herr Solneß ist drüben bei den Arbeitern.
Hilde. Er ging mit dem Kranze hin.
Frau Solneß (angstvoll). Mit dem Kranze! Ach Gott — ach Gott! Herr Brovik — Sie müssen zu ihm hinüber! Sorgen Sie dafür, daß er wieder herkommt!
Ragnar. Soll ich ihm sagen, daß die gnädige Frau ihn zu sprechen wünschen?
Frau Solneß. Ach ja, thun Sie das, bitte. — Nein, nein — sagen Sie ihm nichts von mir. Sagen Sie nur, es wäre jemand da. Und daß er gleich kommen müßte.
Ragnar. Sehr wohl. Ich werde es ihm ausrichten, gnädige Frau. (Er geht fort, die Treppe hinab durch den Garten.)
Siebenter Auftritt.
Frau Solneß. Hilde Wangel.
Frau Solneß. Ach, Fräulein Wangel, Sie können sich nicht vorstellen, welche Angst ich seinetwegen ausstehe.
Hilde. Ist denn die Sache gar so gefährlich?
Frau Solneß. O das begreifen Sie doch. Denken Sie nur — wenn es sein Ernst wäre! Wenn er nun wirklich auf das Gerüst hinaufstiege!
Hilde (gespannt). Glauben Sie, daß er's thut?
Frau Solneß. Ach, man kann ja nicht wissen, was ihm einfällt. Der könnte zu allem fähig sein.
Hilde. Aha, Sie glauben vielleicht auch, daß er nicht so — so recht —?
Frau Solneß. Ja, ich weiß wahrhaftig nicht mehr, was ich von ihm glauben soll. Der Doktor hat nur nämlich so vielerlei erzählt. Und wenn ich außerdem an gewisse Dinge denke, die ich ihn habe sagen hören —
Doktor Herdal (steckt den Kopf durch die Thür).
Achter Auftritt.
Die Vorigen. Doktor Herdal.
Herdal. Kommt er nicht bald?
Frau Solneß. Ich glaube, doch. Ich habe wenigstens nach ihm geschickt.
Herdal (näher). Sie werden aber wohl hineingehen müssen, gnädige Frau —
Frau Solneß. Nein, nein. Ich bleibe hier, um Halvard zu erwarten.
Herdal. Es sind aber einige Damen gekommen —
Frau Solneß. Ach Gott, das auch noch! Und gerade jetzt!
Herdal. Sie möchten nämlich gar zu gern die Feierlichkeit mit ansehen.
Frau Solneß. Ja, dann muß ich wohl doch zu ihnen hineingehen. Denn das ist ja meine Pflicht.
Hilde. Könnten Sie sich denn nicht bei den Damen entschuldigen lassen?
Frau Solneß. Nein, das geht durchaus nicht an. Da sie nun einmal gekommen sind, ist es ja meine Pflicht, sie zu empfangen. Bleiben aber Sie draußen derweile — und reden Sie mit ihm, wenn er kommt.
Herdal. Und halten Sie ihn durch Gespräch auf, so lange es nur möglich ist.
Frau Solneß. Thun Sie das ja, liebes Fräulein Wangel. Halten Sie ihn so fest, wie Sie nur können.
Hilde. Wäre es nicht besser, wenn Sie das selber thäten?
Frau Solneß. Du lieber Gott — meine Pflicht wäre es ja eigentlich. Wenn man aber Pflichten hat nach so vielen Seiten hin —
Herdal (in den Garten hinausblickend). Da kommt er!
Frau Solneß. Und in dem Augenblick muß ich gerade hinein.
Herdal (zu Hilde). Sagen Sie ihm nichts davon, daß ich da bin.
Hilde. O nein! Ich werde schon etwas anderes ausfindig machen, worüber ich mit dem Baumeister schwatzen kann.
Frau Solneß. Und halten Sie ihn ja fest. Ich glaube, Sie können das am besten.
Frau Solneß und Doktor Herdal (gehen ins Haus hinein).
Hilde (bleibt auf der Veranda stehen).
Baumeister Solneß (kommt die Gartentreppe hinauf).
Neunter Auftritt.
Solneß. Hilde Wangel.
Solneß. Es soll jemand da sein, höre ich, der mich sprechen will.
Hilde. Jawohl, das bin ich, Baumeister.
Solneß. So, Sie sind's, Hilde. Ich fürchtete schon, es könnten Aline und der Doktor sein.
Hilde. Sie sind gewiß überhaupt recht furchtsam!
Solneß. Glauben Sie?
Hilde. Die Leute sagen, Sie fürchten sich davor, auf den Gerüsten herumzukrabbeln.
Solneß. Nun, mit dem Ding hat's so seine eigene Bewandtnis.
Hilde. Aber sich davor fürchten — das thun Sie also?
Solneß. Ja, das thue ich.
Hilde. Fürchten Sie, daß Sie herunterfallen könnten und sich's Genick brechen?
Solneß. Nein, das nicht.
Hilde. Was denn aber?
Solneß. Ich fürchte die Wiedervergeltung, Hilde.
Hilde. Die Wiedervergeltung? (Sie schüttelt den Kopf.) Das verstehe ich nicht.
Solneß. Setzen Sie sich. Dann werde ich Ihnen etwas erzählen.
Hilde. Ja, thun Sie das! Gleich! (Sie setzt sich auf ein Taburett am Geländer und blickt ihn erwartungsvoll an.)
Solneß (wirft seinen Hut auf den Tisch). Sie wissen ja — das erste, womit ich anfing, das waren Kirchenbauten.
Hilde (nickt). Das weiß ich.
Solneß. Denn, sehen Sie, als Junge war ich in einem frommen Hause auf dem Lande aufgewachsen. Und da meinte ich denn, es könnte für mich gar nichts Höheres geben, als diese Kirchenbauerei.
Hilde. Ja, warum denn nicht?
Solneß. Und das darf ich schon sagen — ich baute diese kleinen ärmlichen Kirchen mit einem so ehrlichen und warmen und innigen Gemüt, daß — daß —
Hilde. Daß —? Nun?
Solneß. Daß ich meine, er hätte wohl mit mir zufrieden sein können.
Hilde. Er? Welcher er?
Solneß. Er, für den die Kirchen bestimmt waren, natürlich! Er, dem zum Ruhm und zu Ehren sie gebaut waren.
Hilde. Ach so! Aber wissen Sie denn so bestimmt, daß — daß er nicht — so — mit Ihnen zufrieden war?
Solneß (höhnisch). Er mit mir zufrieden! Wie können Sie nur so reden, Hilde? Er, der es zuließ, daß der Unhold in mir herumrumorte nach eigenem Gutdünken. Er, der ihnen gebot an Ort und Stelle zu sein Tag und Nacht, um mir zu dienen — all diesen — diesen —
Hilde. Teufelchen —
Solneß. Jawohl, von allen Arten. O nein, das bekam ich schon zu fühlen, daß er mit mir nicht zufrieden war. (Geheimnisvoll.) Das, sehen Sie, war eigentlich der Grund, weshalb er das alte Haus niederbrennen ließ.
Hilde. War das der Grund?
Solneß. Ja, begreifen Sie denn das nicht? Er wollte mir Gelegenheit bieten, ein ganzer Meister zu werden in meinem Fach — ihm um so ruhmvollere Kirchen zu bauen. Anfangs verstand ich nicht, wo er hinauswollte. Aber dann, auf einmal, ging mir ein Licht auf.
Hilde. Wann war das?
Solneß. Es war, als ich den Kirchturm baute droben in Lysanger.
Hilde. Das dachte ich mir.
Solneß. Denn, sehen Sie, Hilde, droben in dem fremden Städtchen, dort konnte ich meinen Grübeleien ungestört nachhängen. Und da sah ich's denn so klar, warum er mir meine Kleinen genommen hatte. Er hatte es gethan, damit ich von nichts anderem gebunden wäre. Nicht von so was wie Liebe und Glück, verstehen Sie. Ich sollte nur Baumeister sein. Nichts anderes. Und mein ganzes Leben sollte ich damit zubringen, für ihn zu bauen. (Er lacht.) Aber daraus wurde freilich nichts.
Hilde. Was thaten Sie denn?
Solneß. Zuerst erforschte und prüfte ich mich selbst —
Hilde. Und dann?
Solneß. Dann that ich das Unmögliche. Ich wie er!
Hilde. Das Unmögliche?
Solneß. Ich hatte es niemals zuvor vertragen, hoch und frei hinaufzusteigen. Aber an dem Tage konnte ich es.
Hilde (springt auf). Ja, ja, das konnten Sie!
Solneß. Und als ich ganz oben stand und den Kranz an die Wetterfahne hängte, da sprach ich zu ihm: jetzt höre mich an, du Mächtiger! Von heute an will ich auch freier Baumeister sein. Auf meinem Gebiet. Wie du auf dem deinigen. Nie mehr will ich Kirchen für dich bauen. Nur Heimstätten für Menschen.
Hilde (mit großen funkelnden Augen). Das war der Gesang, den ich hoch oben hörte.
Solneß. Aber nachher bekam er Wasser auf seine Mühle.
Hilde. Was meinen Sie damit?
Solneß (sieht sie mißmutig an). Heimstätten für Menschen zu bauen — das ist keine fünf Pfennig wert, Hilde.
Hilde. So urteilen Sie jetzt?
Solneß. Jetzt sehe ich's nämlich ein. Die Menschen haben die Heimstätten da gar nicht nötig. Jedenfalls nicht um glücklich zu sein. Und ich hätte auch so ein Heim nicht nötig gehabt. Wenn ich eins besessen hätte, heißt das. (Mit einem leisen erbitterten Lachen.) Sehen Sie, das ist der ganze Abschluß, soweit ich zurückblicke. Nichts gebaut, im Grunde genommen. Und auch nichts geopfert, um zum Bauen zu kommen. Nichts, gar nichts — alles miteinander.
Hilde. Und niemals wollen Sie etwas neues bauen hernach.
Solneß (lebhaft). Doch, gerade jetzt will ich anfangen!
Hilde. Was denn? Was denn? Sagen Sie mir's gleich!
Solneß. Das einzige, von dem ich glaube, daß Menschenglück darin wohnen kann — das will ich jetzt bauen.
Hilde (sieht ihn fest an). Baumeister — jetzt denken Sie an unsere Luftschlösser.
Solneß. An die Luftschlösser, jawohl.
Hilde. Ich fürchte, es würde Ihnen schwindelig werden, ehe wir halbwegs kämen.
Solneß. Nein, nicht wenn ich mit Ihnen Hand in Hand gehe, Hilde.
Hilde (mit einem Anflug von unterdrücktem Zorn). Nur mit mir? Sollen denn nicht noch andere mit dabei sein?
Solneß. Wer denn sonst noch, meinen Sie?
Hilde. O — zum Beispiel diese Kaja da am Pult. Das arme Ding — wollen Sie nicht die auch mitnehmen?
Solneß. Aha. War sie's, von der Aline vorhin mit Ihnen redete?
Hilde. Ist es wahr oder nicht?
Solneß (heftig). Auf so was antworte ich Ihnen nicht! Ganz und unbedingt sollen Sie an mich glauben!
Hilde. Zehn Jahre lang habe ich so felsenfest an Sie geglaubt.
Solneß. Sie sollen fortfahren an mich zu glauben!
Hilde. Ja, wenn ich Sie wieder oben sehe, hoch und frei!
Solneß (schwermütig). Ach, Hilde — so stehe ich nicht im Alltagsleben da.
Hilde (leidenschaftlich). Ich will es! Ich will es! (Bittend.) Nur noch ein einziges Mal, Baumeister! Thun Sie das Unmögliche noch einmal!
Solneß (blickt sie tief an). Wenn ich es versuche, Hilde, dann will ich oben zu ihm sprechen, wie ich's damals that.
Hilde (in steigender Spannung). Was wollen Sie ihm sagen?
Solneß. Ich will ihm sagen: höre mich, großmächtiger Herr — du magst nun über mich urteilen nach eigenem Ermessen. Aber hernach baue ich bloß das Herrlichste auf Erden —
Hilde (hingerissen). Ja — ja!
Solneß. Baue es mit einer Prinzessin zusammen, die ich lieb habe —
Hilde. Ja, sagen Sie ihm das! Sagen Sie ihm das!
Solneß. Gewiß. Und dann will ich ihm sagen: jetzt gehe ich hinunter und umschlinge sie mit den Armen und küsse sie —
Hilde. Viele Male! Sagen Sie's!
Solneß. Viele, viele Male, werde ich sagen.
Hilde. Und dann —?
Solneß. Dann schwenke ich meinen Hut und steige wieder hinunter auf die Erde — und thue, wie ich ihm sagte.
Hilde (mit ausgestreckten Armen). Jetzt sehe ich Sie wieder so, wie damals, als ich Gesang hörte hoch oben!
Solneß (sieht sie mit gesenktem Kopfe an). Wie sind Sie zu dem geworden, was Sie sind, Hilde?
Hilde. Wie haben Sie mich zu dem gemacht, was ich bin?
Solneß (kurz und fest). Die Prinzessin soll ihr Schloß bekommen.
Hilde (jubelnd, in die Hände klatschend). Ach, Baumeister —! Mein wunder — wunderschönes Schloß! Unser Luftschloß!
Solneß. Mit einer Grundmauer darunter.
Eine Menschenmenge (die nur undeutlich zwischen den Bäumen erblickt wird, hat sich auf der Straße versammelt).
(In der Ferne, hinter dem neuen Hause ertönt Musik von Blasinstrumenten.)
Frau Solneß (die einen Pelzkragen um hat, Doktor Herdal, der ihren weißen Shawl auf dem Arme trägt, und einige Damen kommen auf die Veranda hinaus. Ragnar Brovik kommt gleichzeitig vom Garten hinauf).
Zehnter Auftritt.
Die Vorigen. Frau Solneß. Doktor Herdal. Ragnar Brovik. Einige Damen.
Frau Solneß. Soll es auch Musik geben?
Ragnar. Jawohl, gnädige Frau. Es ist der Verein der Bauarbeiter. (Zu Solneß.) Der Werkführer läßt sagen, er wäre jetzt bereit, mit dem Kranze hinaufzugehen.
Solneß (nimmt seinen Hut). Gut. Ich gehe selber hinüber.
Frau Solneß (angstvoll). Was willst du drüben, Halvard?
Solneß (kurz). Ich muß drunten sein bei den Leuten.
Frau Solneß. Ja, drunten, nicht wahr? Nur drunten.
Solneß. Ich bin's ja so gewohnt. So im Alltagsleben. (Er geht fort, die Treppe hinab, durch den Garten.)
Elfter Auftritt.
Die Vorigen ohne Solneß.
Frau Solneß (am Geländer, ruft ihm nach). Bitte aber doch ja den Mann, recht vorsichtig zu sein, wenn er hinauf soll! Versprich mir das, Halvard.
Herdal (zu Frau Solneß). Sehen Sie nun, daß ich recht hatte? Er denkt nicht mehr an das tolle Zeug.
Frau Solneß. Ach, wie ist mir's leicht ums Herz. Zweimal sind uns jetzt Leute heruntergefallen. Und beide waren auf der Stelle tot. (Sie wendet sich zu Hilde.) Herzlichen Dank, Fräulein Wangel, daß Sie ihn so gut festhielten. Ich hätte ihn sicher nie herumgebracht.
Herdal (lustig). Ja — ja, Fräulein Wangel, Sie verstehen schon einen festzuhalten, wenn Sie den Vorsatz haben!
Frau Solneß und Doktor Herdal (gehen zu den Damen hin, die näher der Treppe stehen und über den Garten hinausblicken).
Hilde (bleibt am Geländer im Vordergrund stehen).
Ragnar (geht zu ihr hin, mit unterdrücktem Lachen, halblaut). Fräulein — sehen Sie alle die jungen Leute draußen auf der Straße?
Hilde. Gewiß.
Ragnar. Es sind die Kameraden, die gekommen sind, um sich den Meister anzusehen.
Hilde. Warum wollen sie ihn denn ansehen?
Ragnar. Sie wollen mit ansehen, wie er sich nicht getraut, auf sein eigenes Haus hinaufzusteigen.
Hilde. So, das wollen die grünen Jungen!
Ragnar (mit höhnischem Grollen). Der hat uns jetzt so lange unten gehalten. Nun wollen wir uns ansehen, wie er auch einmal gefälligst unten bleibt.
Hilde. Das bekommen Sie nicht zu sehen. Diesmal nicht.
Ragnar (lächelt). So? Wo bekommen wir ihn denn zu sehen?
Hilde. Hoch — hoch oben an der Wetterfahne werden Sie ihn sehen!
Ragnar (lacht). Der! Wer's glaubt, wird selig!
Hilde. Er will auf die Turmspitze und folglich werden Sie ihn dort auch sehen.
Ragnar. Er will, jawohl! Das glaub ich sehr gern. Er kann aber einfach nicht. Es würde ihm wirr im Kopfe werden, lange bevor er halbwegs käme. Er müßte herunterkriechen auf allen Vieren!
Herdal (hinüber zeigend). Sehen Sie! Da klimmt der Werkführer die Leitern hinauf.
Frau Solneß. Und dann hat er wohl auch noch den Kranz zu tragen. Ach, wenn er sich doch jetzt nur in acht nähme!
Ragnar (starrt ungläubig hin und ruft). Aber das ist ja —!
Hilde (in Jubel ausbrechend). Es ist der Baumeister selber!
Frau Solneß (schreit entsetzt auf). Ja, es ist Halvard! Ach! du lieber Gott —! Halvard! Halvard!
Herdal. Still! Rufen Sie ihn nicht!
Frau Solneß (halb von Sinnen). Ich will zu ihm hin! Er muß herunterkommen!
Herdal (hält sie fest). Niemand darf sich rühren! Keinen Laut!
Hilde (unbeweglich, folgt Solneß mit den Augen). Er steigt, steigt. Immer höher. Immer höher. Sehen Sie! Sehen Sie nur!
Ragnar (in atemloser Spannung). Jetzt muß er umkehren. Da ist nichts anderes möglich.
Hilde. Er steigt, steigt. Jetzt ist er bald oben.
Frau Solneß. O ich vergehe vor Angst. Ich halte den Anblick nicht aus!
Herdal. Dann sehen Sie doch nicht hin.
Hilde. Da steht er auf den obersten Brettern! Ganz oben!
Herdal. Niemand darf sich rühren. Hören Sie!
Hilde (jubelt in stiller Innigkeit). Endlich! Endlich! Jetzt sehe ich ihn wieder groß und frei!
Ragnar (fast sprachlos). Aber das ist ja —
Hilde. So habe ich ihn vor mir gesehen alle die zehn Jahre lang. Wie sicher er dasteht! Entsetzlich spannend ist es trotzdem. Sehen Sie! Jetzt hängt er den Kranz um die Turmspitze!
Ragnar. Das ist, wie wenn man etwas ganz Unmögliches mit ansähe.
Hilde. Ja, das ist ja eben das Unmögliche, was er jetzt thut! (Mit unbestimmbarem Ausdruck in den Augen.) Sehen Sie jemand anderen bei ihm droben?
Ragnar. Es ist kein anderer da.
Hilde. Doch, da ist einer, mit dem er Worte wechselt.
Ragnar. Sie irren sich.
Hilde. Und den Gesang hoch oben, den hören Sie auch nicht?
Ragnar. Es muß der Wind in den Baumwipfeln sein.
Hilde. Ich höre den Gesang. Einen gewaltigen Gesang! (Sie ruft in wildem Jubel.) Da, da! Jetzt schwenkt er den Hut! Er grüßt herunter! Ach, so grüßt ihn doch wieder! Denn jetzt, jetzt ist es vollbracht! (Sie entreißt dem Doktor den weißen Shawl, schwenkt ihn und schreit aufwärts.) Es lebe der Baumeister Solneß!
Herdal. Hören Sie auf! Hören Sie auf! Um Gottes willen —!
Die Damen (auf der Veranda schwenken die Taschentücher).
(Von der Straße her ertönen Hochrufe; plötzlich verstummen sie, und die Volksmenge bricht in einen Schrei des Entsetzens aus; zwischen den Bäumen sieht man deutlich, wie ein Menschenkörper mit Brettern und Holzstücken zusammen herunterstürzt.)
Frau Solneß und die Damen (gleichzeitig). Er fällt! Er fällt!
Frau Solneß (schwankt, sinkt ohnmächtig nach rückwärts und wird unter allgemeinem Rufen und Wirrwarr von den Damen aufgefangen).
Die Menschenmenge (auf der Straße durchbricht den Zaun und stürmt in den Garten hinein).
Herdal (eilt gleichfalls hinunter).
(Kurze Pause.)
Hilde (starrt unverwandt aufwärts und sagt wie versteinert:) Mein Baumeister.
Ragnar (hält sich zitternd am Geländer fest). Er muß zerschmettert sein. Auf der Stelle getötet.
Eine Dame (während Frau Solneß in das Haus hineingetragen wird). Laufen Sie zum Doktor hinunter —
Ragnar. Kann kein Glied rühren —
Eine andere Dame. Dann rufen Sie doch wenigstens jemandem zu!
Ragnar (versucht zu rufen). Wie steht's? Ist er am Leben?
Eine Stimme (vom Garten her). Der Baumeister ist tot!
Andere Stimmen (näher). Der ganze Kopf zerschmettert. Gerade in den Steinbruch heruntergefallen.
Hilde (wendet sich zu Ragnar und sagt leise): Jetzt kann ich ihn droben nicht sehen.
Ragnar. Entsetzlich war das. Er vermochte es also doch nicht.
Hilde (wie in stillem irrem Triumph). Aber bis zur Spitze kam er. Und ich hörte Harfen hoch oben. (Sie schwenkt den Shawl aufwärts und schreit mit wilder Innigkeit.) Mein — mein Baumeister!
Ende.
[Hinweis der Bearbeiter:
Offensichtliche Satzfehler wurden im e-Book berichtigt.]