Fußnoten:
[6] Nachkommen des Mohammed.
[7] Sollte ja Einer auf den Thron kommen, der nicht Scherif wäre, so würde er kraft der Infallibilität, die jeder Sultan der Gläubigen besitzt, schon Papiere beibringen, um zu beweisen, daß er doch Mohammeds Blut in seinen Adern habe.
6. Beitrag zur Kenntniß der Sitten der Berber in Marokko.
Die Berber, welche Nordafrika und besonders den nordwestlichen Theil des Atlas von Marokko bewohnen, haben mehr als andere dem Islam huldigende Völker ihre eigenen Sitten und Gebräuche beibehalten. Zum großen Theile ist die Gemeinsamkeit der Sprache Ursache dieser Eigenthümlichkeit; denn wie groß auch der Raum ist, den die Berbersprache einnimmt, vom atlantischen Ocean bis zum rothen Meere, so sind die Dialekte derselben keineswegs der Art, daß nicht eine Verständigung zwischen den verschiedenen Stämmen möglich wäre.
Vorzugsweise finden wir aber Berber in Marokko, denn es dürften von der Gesammtbevölkerung des Landes zwei Drittel berberischen und nur ein Drittel arabischen Blutes sein: schlank von Wuchs, weiß von Hautfarbe, zeigen die Berber überhaupt alle die Merkmale, die wir gewohnt sind, der kaukasischen Race beizulegen; daß sie die Abkömmlinge der alten Mauren oder Numider sind, welche unter verschiedenen Namen, als Gätuler, Autolaler &c., fast dieselben Gegenden inne hatten, die wir heute von den Berberstämmen bewohnt sehen,—daran zweifelt Niemand.
So finden wir denn auch heute die Berber so leben, wie sie es vor tausend Jahren gewohnt waren, d.h. ein Theil von ihnen wohnt in Städten, wenn man größere befestigte Ortschaften so nennen will, ein anderer Theil aber wohnt nomadisirend, wie das Mela am Schlusse seines dritten Buches schon hervorhebt: hominum pars silvas frequentant et—pars in ubibus agunt, und daß heute noch dieselben Verhältnisse in Bezug auf dies Land und diese Völker gang und gebe sind, daß wir auch heute kaum mehr vom Inneren Marokkos wissen, als unsere geistigen Vorfahren, die Griechen und Römer, das wird dann klar, wenn wir die Worte des Plinius unterschreiben: "ich wundere mich aber nicht sehr, daß Rittern und Denen, welche aus diesem Orden in den Senat traten, Manches unbekannt geblieben war; aber darüber wundere ich mich, daß es auch der Luxus nicht erforscht hat. Die Macht desselben ist die wirksamste und größte. Denn man durchsucht ja die Wälder um Elfenbein, und alle gätulischen Klippen um Stachel- und Purpurschnecken[8]."
Ist es nicht, als ob dieser Passus heute geschrieben sei? Auch heute, wo der Luxus noch die größte Macht ist, ist es demselben nicht gelungen, Marokko der Civilisation zu öffnen, vielleicht aber auch, weil eben der rechte Luxusartikel, der gerade den Bewohnern genehm wäre, noch nicht gefunden worden ist.
Der vor ohngefähr tausend Jahren den Berbern aufgedrungene Islam hat wenig, oder fast kann man sagen, gar keine Veränderungen in den Anschauungen und in der Lebensweise der Berber hervorgebracht. Die Lehre Mohammeds, nur in der arabischen Sprache gelehrt, ist für diese Völker, von denen nur ausnahmsweise ein Individuum der Koransprache mächtig ist, ein todter Buchstabe geblieben; sogar die äußeren Vorschriften und Gebräuche, die der Prophet seinen Anhängern vorgeschrieben hat, sind für Berber nicht vorhanden.
Nur Eins hat der Islam auch zur Folge gehabt, was ja überhaupt allen hierarchischen Religionen nur eigen ist und ohne das sie nicht würden existiren können: das Verdammen einer jeden anderen Religion und Haß und Verachtung gegen alle Die, welche nicht das glauben, was man selbst glaubt. Natürlich schließt das ein, daß man die eigne Lehre, den eignen Glauben für den allein richtigen und allein seligmachenden hält.
Deshalb ist denn auch die Feindschaft, welche Berber gegen andere Völker hegen, fast nur eine aus der Religion entspringende; obschon sie nichts vom eigentlichen Islam verstehen, hassen und befeinden sie alle die Völker, die eine andere Religion haben.
Es ist daher falsch, wenn Richardson und andere Reisende behauptet haben, daß die in Marokko unter den Berbern ansässigen Juden besser gehalten seien, als die unter den Arabern wohnenden. Die Unterdrückung derselben, ihre schimpfliche Stellung ist unter den Berbern ebenso groß und in die Augen springend, wie unter den Arabern.
Was das häusliche Leben anbetrifft, so liegt zwischen Berbern und den übrigen Mohammedanern der wesentlichste Unterschied in der Stellung der Frau; aber auch in allen übrigen, die Sitten und Gebräuche betreffenden Dingen lassen die Berber bis zum heutigen Tage sich vielmehr vom Herkommen leiten, als von den Gesetzen des Koran. Aus diesem haben sie eben nur das angenommen, was ihrer Eitelkeit und Einbildungskraft schmeichelte. So pflegt denn auch die Heirath vollkommen nach dem Herkommen, el Ada genannt, stattzufinden. Indeß hat die Frau dennoch nicht die gleichberechtigte Stellung, wie sie die Frau heute bei uns einnimmt, sondern wird mehr als Eigenthum des Mannes, als etwas zum übrigen Vermögen Gehörendes betrachtet.
In der Heirath nach uraltem Brauche, Suadj el Djidi oder Gaislein-Heirath, so genannt, weil das Schlachten eines jungen Zickleins die eheliche Verbindung besiegelt, verpflichtet sich der Gatte, dem Vater seiner Zukünftigen 60 Metkal zu zahlen. Hat er das Geld nicht disponibel, so zählt er auf seine Freunde, und am Schlachttage verfehlen diese auch nicht, sich einzustellen und Jeder legt dem Freier ein kleines Geschenk zu Füßen. Im Fall der Freier gar keinen Wohnsitz hat, beeilen sie sich, Steine herbeizubringen; ein Haus, wir würden sagen ein Stall, wächst schnell aus der Erde, schlanke Aloë-Stämme giebt es genug als Gebälk und die großen und langen Rindenstücke der Korkeiche bedecken die Wohnung. Wenn aber die zur Ehe Verlangte von den Angehörigen dem Freier aus irgend einem Grunde verweigert wird[9], dann müssen sie, falls der Liebende auf seinem Heirathsprojecte besteht, wohl aufpassen, daß sie ihm keine Gelegenheit geben, sich der Wohnung der Geliebten zu nähern. Thut und kann er das, gelingt es ihm, unvermerkt auf der Schwelle seiner Ersehnten ein Gaislein zu opfern, dann ist sie ohne Widerruf mit ihm verlobt und ihre Anverwandten würden sich der Mißbilligung, ja der Feindschaft Aller aussetzen, wollten sie jetzt noch der Heirath hemmend in den Weg treten.
In einigen Triben ist es Sitte, daß die sich Vermählende vor der Hochzeit von ihren Verwandten auf einem Maulthiere durch das Dorf oder durch den Duar (Zeltdorf) geführt wird. Ueberall ertönt das gellende Geschrei und Gejauchze der Frauen, die jungen Leute lassen fleißig das Pulver sprechen. Vor jedem Hause, vor jedem Zelte, vor welchem sie vorbei kommt, beeilt man sich, eine kleine Gabe herauszutragen: hier sind in einem Strohteller große Bohnen, dort wird Gerste, hier werden trockene Feigen, dort Rosinen präsentirt. Die junge Dame nimmt von allen Sachen eine Hand voll, küßt sie und wirft dann das Ergriffene auf den Teller zurück. Aber hinterher schreitet irgend eine ihrer älteren Verwandten, die nun Alles in einen großen Sack einheimst: zur Aussteuer für die Neuvermählten.
Sobald man sich der Wohnung oder dem Zelte des Gatten nähert, wird die Braut von anderen Frauen umringt, sie geben ihr einen Topf mit flüssiger Butter, in die sie die Hände tauchen muß als Zeichen des steten Ueberflusses im Haushalte, und sodann ein Ei, welches sie zwischen den Ohren des Maulthieres zerschlagen muß, um dadurch böse Zaubereien unschädlich zu machen. An der Schwelle der Wohnung präsentirt man der Frau einen Trunk Buttermilch und sie selbst ergreift eine Hand voll Korn und Salz um dasselbe ebenfalls als Zeichen des Reichthums und Segens rechts und links auszustreuen.
Jetzt ergreift der Mann Besitz von seiner Braut und zum Zeichen schießt er in unmittelbarer Nähe vor ihren Füßen eine Flinte ab, er ergreift das junge Mädchen und zieht sie ins Innere der Wohnung, während die Verwandten sich zur allgemeinen Belustigung zurückziehen. Ein zweiter Schuß im Innern der Behausung ertönt, Zeichen, daß die Heirath vollzogen ist; die junge Frau erscheint bald darauf an der Hand ihres Gatten, Tanz und Schmausereien, woran das junge Paar Theil nimmt, beschließen die Festlichkeit.
Die Frau ist, wie gesagt, ein Besitz, wie jedes andere Eigenthum des Mannes, wenigstens bei gewissen Stämmen des Atlas. Stirbt ihr Mann, so wird der männliche Anverwandte, der der Wittwe zuerst seinen Haïk (großes wollenes Umschlagtuch)[10] überwirft, ihr rechtmäßiger Gemahl. Zugleich ist er aber auch verpflichtet, für die etwaigen Kinder zu sorgen und deren Vermögen zu verwalten.
Scheidungen finden bei den Berbern statt, aber nie auf so leichte und grundlose Weise, wie bei den Arabern oder sonstigen Mohammedanern, wie denn überhaupt alle Berber, mögen sie nun unter dem Namen Tuareg bei Timbuktu wohnen oder als Kabylen im Djurdjura hausen, entschiedene Feinde der Polygamie sind. Grund zur Scheidung ist Kinderlosigkeit (Berber wie Araber halten Kinderlosigkeit immer für Sterilität der Frauen); der Vater der zurückgeschickten Frau muß das Morgengeld wieder herausgeben. Ebenso, falls die Frau Infirmitäten bei der Verheirathung zeigte oder gar schon ihre Virginitas verloren hat, kann sie darauf rechnen, auf der Stelle zurückgeschickt zu werden.
Die Tochter ist manchmal dazu bestimmt, das Leben ihres Vaters oder Bruders mittelst ihrer Sclaverei zu erkaufen, aber nie würde sie für einen Oheim, Großvater, Vetter oder sonstigen noch entfernteren Verwandten mit ihrer Person eintreten können; auch herrscht diese Sitte nur bei einigen Berberstämmen. Jemand begeht z.B. einen Mord oder Todtschlag in einer anderen Familie, hat aber nicht die Mittel, um die Diya, d.h. das Blutgeld, bezahlen zu können; will er nun nicht selbst das Leben opfern, so kann er dem anderen Stamme seine Tochter oder Schwester als Sclavin überlassen. Diese verliert dadurch völlig die Rechte einer Freien, wird ebenso angesehen, wie eine Chadem (schwarze Sclavin) und ist nun vollkommen Eigenthum der anderen Familie geworden. Aber oft genug kommt es vor, daß die Sclavin, wenn sie jung und hübsch ist, das Herz eines Jünglings ihrer neuen Herrschaft erobert, ihn heirathet, dadurch frei und dann zugleich das Freundschaftsband zwischen zwei ehemals feindlichen Stämmen wird.
Es kommt häufig vor, daß zwei Männer einen Tausch mit ihren Frauen auf ganz friedliche Weise zu Wege bringen; derjenige, der das in Beider Augen häßlichere und weniger werthvolle Weib besitzt, d.h. ein solches, welches weniger jung und fett als das des Anderen ist, muß einiges Gold darauf zahlen. Hat aber Jemand seine Tochter einem jungen Manne versprochen und läßt sich nachher durch Habgier bewegen, sein Wort nicht zu halten, so entsteht Krieg. Die ganze Familie, die ganze Tribe nimmt sich sodann des Bräutigams an und sucht mit Gewalt dessen Ansprüche geltend zu machen. Ehebruch und Verführungen sind äußerst selten, und obschon in rohen Formen, halten die Berber große Stücke auf Familienleben. Aus einer im October 1858 veröffentlichten Gesetzgebung der Kabylen vom Orte Thaslent ersehen wir auch, daß es den Männern besagter Ortschaft verboten war, mit den Frauen zu disputiren, einerlei, ob die Frau angreifender Theil war oder nicht. Hatte indeß die Frau erwiesenermaßen zuerst angefangen, so mußte ihr Mann Strafe zahlen, sonst aber der, welcher mit ihr Streit gesucht hatte. Die größten und heiligsten Pflichten glaubt aber der Berber für sein Gemeinwesen, für seinen Stamm zu haben. Ist dem Araber zuerst die Religion die Hauptsache, wie denn Mohammed überhaupt, gerade wie es in der römischen Kirche gelehrt wird, die Nationalität auslöschen will, um an deren Stelle einen Religionsstaat zu setzen, so hat der Berber, trotzdem auch er den Islam angenommen hat, dies nie begreifen können. Wenn der Berber sich auch vorzugsweise gern mit seinem Schwerte gegen die Christen wendet, so ist's ihm im nächsten Augenblicke aber auch ganz gleich, dasselbe gegen jedweden Mohammedaner zu ziehen, sobald sich dieser gegen ihn oder gar gegen seinen Stamm vergangen hat. Der Araber führt auch Krieg gegen Mohammedaner; die wüthendsten Kämpfe sind ja zwischen Stämmen arabischen Blutes oder zwischen Arabern und Türken gefochten worden und entbrennen auch jetzt noch immer wieder. Aber heuchlerischer Weise gestehen sie das nicht zu, sie behaupten nur gegen die Ungläubigen zu kämpfen, und die Araber Algeriens z.B., die einst fortwährend mit ihrer türkisch-mohammedanischen Regierung in Fehde lagen und die so erbittert gegenseitig auf einander waren, daß sie nicht wußten, auf welch grausamste Weise sie einander tödten sollten—diese selben Araber haben jetzt ganz und gar ihre grausame türkische Herrschaft vergessen. Hört man sie sprechen, so waren die Türken die mildesten, gerechtesten, gottesfürchtigsten Herrscher, sie waren ja vor allen Dingen "Gläubige", die Franzosen aber sind Ungläubige, mögen sie noch so gut regieren, sie bleiben aus religiösem Hasse immer für die Araber die "christlichen Hunde". Fragt man einen Araber: würdest du gegen die "Gläubigen" kämpfen? so wird er sicher antworten: "Beim Haupte Mohammeds, Gott hat es verboten, Gottes Name sei gelobt."
Der Berber kennt von solchen Heucheleien nichts, und durch manche Stämme bin ich gekommen, die so wenig auf ihren Islam geben, daß man von ihnen sagte, sie sind so räuberisch und diebisch, daß, wenn Mohammed in eigner Person käme und habe ein anständiges Kleid an, sie (die Berber) nicht anstehen würden, den Propheten auszuplündern.
Wenn ich vorhin anführte, daß die Ehre der Familie und des eignen Stammes den Berbern als das Höchste gilt, so ist dies so zu verstehen, daß sie z.B. denjenigen ihrer Leute keineswegs für ehrlos halten, der einen Fremden bestiehlt; aber ehrlos würde es sei, wollte Jemand einen von einem anderen Stamme, der einmal Zutritt erhalten hat oder der gar die Anaya[11] des Stammes besitzt, bestehlen oder gar ermorden. Daß aber doch solche Fälle vorkommen, ersieht man daraus, daß die Berber hierüber und hiergegen ihre eigenen (arabisch) geschriebenen Gesetze haben, die nicht wie die meisten Gesetze der übrigen Mohammedaner auf den Koran fußen, sondern aus uralten Ueberlieferungen bestehen und wohl erst im Laufe der Jahrhunderte von der Tholba zu Papier gebracht wurden. Wie stark ist z.B. der Gemeinsinn ausgeprägt, wenn es in einem alten Kabylengesetze heißt: "Der, dem eine Kuh, ein Ochse oder ein Schaf stirbt, hat das Recht, die Gemeinde zu zwingen, das Fleisch des Thieres zu kaufen als eine Hülfeleistung.—So will es der Gebrauch." Dies Gesetz ist in mehr als einer Hinsicht interessant. Der Verlust des Viehes wird dem Eigentümer dadurch einigermaßen versüßt, weil er das Fleisch doch wenigstens verwerthen kann; der Gebrauch will, daß die Quantität, die Jeder nehmen muß, vom Chef des Ortes bestimmt wird. Sodann ist aber dieses Gesetz zugleich ein Schlag dem Koran ins Gesicht, denn Mohammed sagt ausdrücklich, daß Fleisch von gestorbenen oder gefallenen Thieren als unrein für jeden Mohammedaner "harem" d.h. verboten ist. Aber was ist dem Berber der Koran, wenn es gilt: Einer für Alle, Alle für Einen!
Wie stark im Sinne der Gemeinde-Interessen ist nicht auch folgendes Gesetz: "Der, welcher ein Haus, einen Obstgarten, ein Feld oder einen Gemüsegarten an Individuen eines anderen Dorfes verkauft, muß davon seine Brüder, Verwandte, Geschäftsfreunde und die Leute seines Dorfes überhaupt benachrichtigen, und wenn diese den Kauf rückgängig machen und sich den Käufer substituiren wollen, so haben sie demselben innerhalb dreier Tage den Kaufschilling zurückzuerstatten[12]." Durch dieses Gesetz konnte die Gemeinde verhüten, daß irgend ein ihr mißliebiges fremdes Individuum bei ihr Zutritt bekam. Es ist wahr, die Gesetze wechseln bei jeder Tribe, von Dorf zu Dorf, und es ist das ein sicheres Zeichen, daß seit langer Zeit den Berbern die einheitliche Leitung fehlt; aber im Ganzen beruhen sie doch auf denselben Grundsätzen. Es ist eigenthümlich und auch das bekundet das hohe Alter solcher Gesetzsammlungen, daß die Berber dafür den Ausdruck "kanon", ein Wort, das offenbar griechischen Ursprungs ist, haben und welches, wie General Daumas meint, eine christliche Reminiscenz in sich schließt.
In der Gesetzsammlung der Ortschaften, Thaurirt und Amokrom, der großen Kabylie, vom Herrn Aucapitaine herausgegeben, finden wir ebenfalls die weltlichen und Gemeinde-Angelegenheiten den kirchlichen übergeordnet und ausdrücklich hervorgehoben: "Wer sich ins Einvernehmen mit Schürfa, als da sind vom Stamme der Uled-Ali, Icheliden oder anderen Marabutin setzt, zahlt 50 Realen Strafe." Wenn man nun weiß, daß die Schürfa, d.h. die Nachkommen Mohammeds, unter den Mohammedanern ohngefähr dieselbe Rolle spielen, wie bei uns die Jesuiten, die sich für die besten Nachfolger Jesu halten, so wird man nicht umhin können, den weisen Sinn und den gesunden Verstand der Berber zu bewundern.
Die von den Alten schon erwähnte Vorliebe der Berber für Schmucksachen und schöne Kleidung[13] besteht auch heute noch. Der größte Ehrgeiz der Berber besteht darin, in den Besitz eines Tuch-Burnus von schreiendsten Farben zu kommen, hochroth und gelb sind als Farben besonders beliebt; kann er es ermöglichen, einen solchen mit Goldstickerei zu kaufen, so dünkt er sich ein König zu sein. Das Haar tragen die Berber heute nicht mehr nach einer bestimmten Vorschrift, wie es ehedem vielleicht Sitte gewesen ist, meist wird der Kopf sogar ganz kahl rasirt, aber alle halten darauf, einen Zopf stehen zu lassen, meist vom Hinterhaupte ausgehend. Das Haar der Berber ist durchweg schwarz; die einzelnen blonden Individuen, die man vorzugsweise im Djurdjura-Gebirge in Riffpartien und überhaupt längs des Mittelmeeres findet, sind allerdings manchmal durch einzelne Familien hindurchgehend, aber doch nur vereinzelt. Ob diese Blonden von gothischer Abkunft, ob sie vandalischen Ursprungs sind, das wird schwerlich je festgestellt werden; es ist das auch für das Berbervolk in seiner Gesammtheit höchst gleichgültig, da der Berber im Ganzen schwarzhaarig ist.
Es giebt wohl wenig Berberstämme, die nicht Ringe als Schmuck in Gebrauch haben; hier sind es große Ohrringe, manchmal 2-3 Zoll groß und aus Silber bestehend, dort kleinere; hier haben ganze Stämme die Gewohnheit, Oberarm-Ringe zu tragen aus Serpentinstein[14] oder Metall, dort werden die verschiedenen Finger mit Ringen überladen. Und fast scheint es, als ob die Männer bei den Berbern der eitlere Theil wären. Allerdings tragen die Frauen die üblichen Fußringe, manchmal werden mehrere über einen Knöchel gezwängt; allerdings haben sie ihre Agraffen, Fingerringe und Haargeschmeide, aber schon das fast durchweg dunkle Costüm der Frauen aus dunkelblauem Kattun (was in der That bei den meisten Berberfrauen üblich ist) zeigt, daß die Frauen weniger auf hervortretende Toiletten geben.
Was die Waffen der Berber anbetrifft, so sind Bogen und Pfeile längst durch Schießwaffen verdrängt, nur einige Stämme im großen Atlas, sowie die Tuareg machen Gebrauch von der Lanze. Alle Berber haben kurze breite Dolche, viele tragen sie befestigt am Arme, so die Tuareg und die Berber südlich vom Atlas, andere haben sie im Leibgürtel stecken oder an einer Schnur hängen. Ihr Schwert ist südlich vom Atlas mehr von gerader Form, nördlich vom Gebirge ist es das schwach gekrümmte marokkanische; die Schußwaffen bestehen aus Lunten- und Steinschloßflinten.
Weil der Islam, der wie andere monotheistische Religionen leicht zu einer unumschränkten Priesterherrschaft führt, bei den Berbern nicht den Eingang gefunden hat, wie bei den Arabern, so haben jene sich einen weit größeren Grad von Freiheit und Freiheitsliebe bewahrt, und weil sie mehr Sinn für Freiheit haben, deshalb sind sie, man kann es wohl behaupten, besser als die Araber. Die geknechteten Menschen, einerlei, ob sie von einer fremden Gewalt oder von einer fremden Nation bedrückt oder von einer einheimischen, z.B. ihrer eignen Regierung oder ihrer Geistlichkeit, als Sclaven gebraucht werden, haben sich stets als die schlechtesten und sittlich am niedrigsten stehenden erwiesen. Deshalb sind die Araber so heruntergekommen, weil sie alle ihre Tholba für unfehlbar hielten und Alles glaubten, was im Koran stand. Deshalb stehen die Griechen auf so niedriger Stufe geistiger Entwicklung, weil sie von den Türken als Sclaven behandelt wurden; deshalb sind Franzosen, Spanier und andere romanische Völker weit in sittlicher Beziehung hinter den freidenkenden protestantischen Germanen zurück. Wir sehen also deutlich, daß ein Volk, je mehr es auf seine Religionsübungen verwendet, sittlich um so mehr verkommen ist; denn ohne ungerecht zu sein, können wir sagen, daß durchschnittlich mehr Sittlichkeit und mehr Bildung in den protestantischen Ländern herrscht. Die statistischen Zahlen nennen den Unterschied Derer, die lesen und schreiben können, und geben Aufschluß darüber, wo größere Achtung vor dem Gesetz und dem öffentlichen Eigenthum besteht und weniger Verbrechen begangen werden, ob in den protestantischen, ob in den katholischen Ländern. Aber Niemand wird wohl behaupten, die Protestanten seien religiöser (freilich sagen unsere Religionslehrer, die wahre Religion sei nicht bei den Katholiken) als die Katholiken. Im Gegentheil; die Katholiken gehen fleißiger zur Kirche, ihr Glaube ist viel inniger und fester, ihre frommen Stiftungen zahlreicher, ihr ganzes kirchliches Leben ausgedehnter. Aber was ihnen fehlt, ist die Freiheit des Denkens und die Schulbildung, welche, um den Menschen sittlich zu machen, nothwendig ist. Ganz ebenso ist es mit den Mohammedanern; gewöhnt, nur das zu glauben, was ihnen ihr "Buch" sagt, weil dabei eine gewisse Classe von Menschen am besten wegkommt, haben sie sich zu Sclaven dieses "Buches" und dieser Classe von Menschen gemacht. Sie haben längst aufgehört, darüber nachzudenken, oder haben sich eigentlich nie zu dem Gedanken emporschwingen können, ihr "Buch" einer Kritik zu unterwerfen—der blinde Glaube hat sie dahin gebracht, wohin sie gekommen sind, und andere Völker, die im blinden Glauben dahin leben, werden ihnen folgen.
Der Berber ist davor bewahrt worden: ohne gerade Kritik an den Islam zu legen, ist er indifferent geblieben. Ohne Contact mit anderen Völkern hat er allerdings in Bildung und Gesittung keinen höheren Standpunkt eingenommen, aber er ist frei geblieben und, wie gesagt, die Freiheit hat ihn geadelt.
Offenbar würde der Berber deshalb auch eine Zukunft haben, käme er mit gesitteten Nationen in Berührung, die frei in Beziehung auf Religion denken. Die Franzosen constatiren mit Genugthuung, daß mit den Berbern Algeriens leichter umzugehen sei, daß sie sich eher der Civilisation geneigt zeigen, als die Araber. General Faidherbe, einer der besten Kenner der Völker Nordafrika's hat dies wiederholt ausgesprochen.
Was die jetzige Lebensweise der Berber anbetrifft, so ist, wie schon erwähnt, ein Theil in festen Ortschaften, ein Theil in Zelten wohnhaft, aber mit Ausnahme der Tuareg treiben sie alle Ackerbau. Auch die in Zelten auf den Abhängen des großen Atlas lebenden Berber haben ihre Aecker. Ebenso treiben alle Berber Viehzucht, vorzugsweise die Zeltbewohner. Auf dem Tell, d.h. dem fruchtreichen Erdboden, halten sie Rinder-, Schaf- und Ziegenheerden; in der Sahara legen sie sich auf Kamelzucht. Eigen ist allen die Vorliebe für das Pferd. Mit Recht wird das Berberpferd ebenso hoch geschätzt, wie das arabische.
Die Nahrung der Berber ist einfach und fast nur vegetabilisch. Der höchste Genuß ist ihnen eine Schüssel Kuskussu, eine Mehlspeise, die aus Gerste oder Weizen bereitet wird und die auch von den Tuareg als das Non plus ultra aller Gerichte geschätzt wird. Eigentliches Brod in unserem Sinne ist den Berbern nicht bekannt, wohl aber machen sie Mehlfladen auf einer Stein- oder Eisenplatte. Oder auch Mehl wird geknetet, mit Speck und Datteln durchsetzt und auf heißem Sande gar gebacken. Bei allen Berbern werden nur zwei Hauptmahlzeiten, die Morgens und Abends stattfinden, genossen; letztere ist die reichlichere. Man ißt allgemein mit der Hand und aus einer Schüssel, die Frauen und Kinder getrennt von den erwachsenen Männern; für Suppen und flüssige Speisen hat man hölzerne Löffel. Wenn aber z.B. fünf oder sieben Personen aus einer Schüssel Suppe essen, so hat man in der Regel nicht mehr als zwei, höchstens drei Löffel, welche im Kreise herumgehen. Natürlich wird, da den Berbern alle Möbel, wie Stühle, Bänke und Tische, abgeben, auf der Erde hockend gesessen, die Schüssel selbst, am Boden stehend, bleibt in der Mitte. Wird ein Getränk, sei es nun saure Milch oder Wasser, herumgereicht, so kreist die Schüssel ebenfalls, und wie bei Arabern, ist es vergönnt, stehend zu essen oder zu trinken.
Was die geistigen Fähigkeiten der Berber betrifft, so stehen sie mindestens aus derselben Stufe, wie die Araber, wenn nicht jetzt höher. Daß sie bedeutend empfänglicher für Civilisation sind, als die Araber Nordafrika's, habe ich schon hervorgehoben; der freiwillige Besuch, den Tuareg-Häuptlinge vor einigen Jahren in Paris machten, ist ein glänzendes Zeugniß davon. In Algerien arbeiten Berber des Djurdjura-Gebirges oder aus dem marokkanischen großen Atlas gern bei Christen; der durch die Religion fanatistrte Araber faullenzt und hungert lieber, als daß er sich herabließe, bei den Christen zu arbeiten. Aber zu einer guten Entwicklung des Berbervolkes wäre allerdings der Contact mit religiös vorurtheilsfreien Nationen, namentlich protestantischen, nothwendig.
Fußnoten:
[8] Plinius, Naturgeschichte Bd. 5.
[9] v. Feraud, reveue africaine 1862.
[10] v. Feraud, revue africaine 1862.
[11] Anaya ist das, was die Araber Aman, d.h. Sicherheitsbrief, sauf conduit nennen.
[12] Journal Akhbar, Algèr 1858.
[13] Strabo im XVII. Buche, übersetzt v. Venzel: "Sie träufeln sich sorgfältig ihr Haupthaar und ihren Bart, tragen zur Zierde Gold auf den Kleidern, reinigen sich die Zähne, beschneiden die Nägel und selten wird man, wenn sie miteinander spazieren gehen, sehen, dass Einer dem anderen gar zu nahe kommt, aus Furcht die Frisur desselben zu verderben."
[14] Werden in Europa zu diesem Gebrauche verfertigt und von Mogador und anderen Hafenstädten aus importiert.
7. Ueber Reiz- und Nahrungsmittel afrikanischer Völker.
1. Goro- oder Kola-Nuß.
Die Goro- oder Kola-Nuß, cola acuminata R. Br. oder sterculia acuminata Pal., ist eines der verbreitetsten Reizmittel bei den centralafrikanischen Völkern. Diese Nuß, von der Größe einer dicken Kastanie, wächst auf einem staudenartigen Baume, welcher ähnlich dem Kaffeebaume ist. Die Blätter desselben sind gummibaumartig. Man findet diesen Baum oder diese Staude an der ganzen Westküste von Afrika, hauptsächlich auf dem sogenannten Kong-Gebirge, aber nach dem Innern zu scheint dieselbe nicht weit vorgedrungen zu sein; auf dem Gora-Gebirge z.B., einem Gebirgsstock, zwischen Tschad-See, Bénue und Niger gelegen, fehlt die Goro-Staude. Wild wächst sie in einer Oertlichkeit, Namens Gondja. Oestlich von Sierra Leone scheint aber die Goro-Staude auch durch die Neger angebaut zu werden.
Heinrich Barth sagt, daß die in Timbuktu vorkommende Goro- oder, wie er schreibt, Guro-Nuß aus den Provinzen von Tamgrera, von Tente und Koni komme, daß die auf dem Markte von Kano vorkommende hingegen aus der nördlichen Provinz Assanti's komme, von einer Stadt, Namens Sselga.
Man unterscheidet die echte Goro-Nuß, deren Inneres dunkelrosenfarbig, von angenehmem bitteren Geschmacke und nicht schleimartig ist, mit einer Abart derselben, ebenfalls inwendig roth, aber weniger bitter und einen gummiartigen Schleim beim Zerkauen abgebend. Diese beiden sind bekannt unter dem Namen sterculia acuminata. Sodann die weiße oder unechte Goro-Nuß, die nur an der Küste vorkommt und am wenigsten bitter ist. Es ist dies die sterculia macrocarpa.
Nach Barth unterscheidet man sodann in Kano je nach der Größe der Frucht vier besondere Arten: guria, die größte, oft 1-1/2 bis zwei Zoll im Durchmesser haltend, die marssakatu, die soara-n-naga und die mena. Nach ihm (Band V. S. 28) unterscheidet man in Kano dann die je nach der Jahreszeit geernteten: die dja-n-karagu, die erste, welche Ende Februar, die gummaguri, die später und die nata, welche zuletzt gesammelt wird und die sich am längsten halten soll. In Timbuktu fand Barth drei verschiedene Arten. Aber alle diese Unterschiede sind nicht durch wesentliche Verschiedenheiten der Nuß selbst bedingt, sondern bestehen nur in willkürlich oder durch Gewohnheit angenommenen Merkmalen der Neger.
Wird die Goro-Nuß alt und trocken, so wird die Oberfläche mehr runzlig und das Fleisch erhärtet fast wie Holz und nimmt eine braunrothe Färbung an. In diesem Zustande wird sie Kola-Nuß genannt, denn nur frische Nüsse heißen Goro. Der Geschmack der Nuß ist aromatisch bitter, etwas adstringirend und zerkaut färbt sie den Speichel gelb-röthlich. Sie hinterläßt einen süßlichen, süßholzartigen Nachgeschmack. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Goro-Nuß auch tonisch wirkt. Dieser angenehme, bitter-süße Geschmack ist aber nur bei frischen Nüssen z0u bemerken, getrocknet verlieren die Kola-Nüsse fast jeden Geschmack, es ist dann fast, kaut man sie, als ob man ungebrannte Kaffeebohnen kaute. Aber auch in diesem Zustande müssen sie noch wirksame Bestandtheile besitzen, denn nur so kann man es sich erklären, daß die Kola-Nüsse noch eine so große Verbreitung und Anwendung haben.
Die Araber, welche mit den Sudanländern Verbindung haben, schreiben der Goro-Nuß aber auch eine starke erotische Kraft zu und gerade dieser Eigenschaften wegen kauen sie dieselbe; außerdem behaupten sie, und dies gewiß mit Recht, daß die Nuß Appetit erregend sei und namentlich der Tabak besonders gut darauf schmecke.
Natürlich kann sich, was räumliche Verbreitung anbetrifft, die Goro-Nuß keineswegs mit Thee, Kaffee, Tabak, Opium oder gar alkoholartigen Getränken messen; wenn wir aber bedenken, daß mehr oder weniger alle Bewohner des nördlichen und nordcentralafrikanischen Continents von diesem Stimulans Gebrauch machen, so liegt doch wohl die Frage nahe, weshalb ist die Goro-Nuß so allgemein in Aufnahme gekommen, warum ist dieselbe heute gewissen Stämmen centralafrikanischer Völker ebenso unentbehrlich geworden, wie den meisten civilisirten Völkern der Thee oder Kaffee?
Die meisten Individuen, die Gebrauch von Thee oder Kaffee machen, wissen nichts von den eigentlichen chemischen Eigenschaften dieser Vegetabilien. Sie haben wohl nie von Koffein gehört; sie würden gar nicht verstehen, wollte man ihnen sagen, daß unsere Physiologen und Chemiker dem Thee und Kaffee directe Wirkungen auf das Gehirn zuschreiben, und dennoch genießen sie unablässig entweder das eine oder das andere Getränk oder auch beide; sie würden sich vollkommen unglücklich fühlen, wollte man sie dieser Genüsse berauben. Die schon mehr Verständigen versuchen wohl die Ausrede, der Kaffee wirke tonisch, der Thee adstringirend, aber der große Haufe nimmt Kaffee und Thee zu sich, weil beide Getränke ihm unbewußt ein undefinirbares Vergnügen und Wohlbehagen verschaffen.
Als ich von meiner Reise nach Centralafrika auf dem Rückwege Sierra Leone berührte, fand ich in der Hauptstadt dieser Halbinsel, in Freetown, auf dem dortigen Markte einen großen Vorrath Goro-Nüsse beider Arten. Ganz auf dieselbe Art verpackt, wie die Neger sie von den Küstenländern in das Innere von Afrika forttransportiren, d.h. zwischen feuchtem Moose gelagert und das Ganze in einem Bastkorbe verpackt, nahm ich einen solchen Korb voll mit nach Europa; die Nüsse hielten sich vortrefflich frisch. In Deutschland angekommen, schickte ich denn auch sogleich an meinen Gönner und Freund, unseren berühmten Chemiker, Baron Liebig, eine Partie Nüsse. Eine davon, welche gepflanzt wurde (im botanischen Garten der Universität), gedieh bis zum Jahre 1869 zu einer kräftigen Staude mit prächtigen, saftgrünen Blättern. Aber am interessantesten war für mich, daß v. Liebig mir mittheilte, daß er in den Goro-Nüssen mehr Koffeïn gefunden habe, als verhältnismäßig in den Kaffeebohnen selbst vorkomme. Man kann also dreist sagen, daß auch bei der Goro-Nuß, wie beim Kaffee oder Thee, das unbewußt Anziehende der Koffeïnstoff ist.
Der Preis der Goro-Nuß ist sehr verschieden, je nach der Oertlichkeit und je nach der Größe und Art der Frucht. Weiße Nüsse gelten an der Küste Westafrika's 3000 Stück einen M.-Th.-Thaler, also das Stück eine Muschel. Rothe, namentlich wenn sie groß sind, gelten aber auch hier oder in der eigentlichen Heimath das Stück fünf Muscheln. Nach Barth schwankt je nach der Jahreszeit, nach ihrer Größe und Güte der Preis einer Nuß in Timbuktu zwischen 10 und 1000 Muscheln. In Kuka steigt der Preis bei schlechten Ernten, bei mangelhaftem Transport (ein Esel kann circa 6000 Nüsse transportiren), oder bei gehemmtem Karawanenverkehr, manchmal auf 500, ja auf 1000 Muscheln für eine einzelne Nuß. Aber so groß ist die Begierde der Neger nach diesem Artikel, daß auch dann sich noch Käufer finden. Unter solchen Umständen theilt man sich gegenseitig die kleinsten Stücke mit, ja unter den gewöhnlichen Leuten ist so wenig Ekel, daß sie keineswegs Anstoß daran nehmen, von einem besser Situirten ein schon halb ausgesogenes und abgekautes Stückchen Nuß zu empfangen, es in den Mund zu nehmen, um es vollends seiner bittern und aromatischen Substanz zu berauben.
In allen Ländern Bornu's, Socoto's, Gando's, Yoruba's &c. ist die Uebersendung eines mit Goro-Nüssen gefüllten Korbes Seitens des Sultans oder Fürsten an den Fremden das Zeichen der Freundschaft und des Willkommens. Je größer die Nüsse, je gefüllter der Korb ist, eines um so besseren Empfanges kann man versichert sein. Und wie der Türke jeden Besucher mit einer Pfeife und einer Tasse Kaffee ehrt, so gehört es mit zum guten Ton in den civilisirten Negerländern, dem Fremden mit einer Goro-Nuß aufzuwarten. Sind die Nüsse selten oder wegen der Jahreszeit oder des Transportes theuer, so theilt man sie mit seinem Gefährten.
2. Tabak.
Von allen betäubenden Mitteln, die zugleich aufregend wirken, ist wohl keines verbreiteter als Tabak, und wenn man zu der Annahme berechtigt ist, daß die Tabakpflanze sich nur von Amerika aus verbreitet hat, Amerika aber erst seit einigen Jahrhunderten für die übrige Welt erschlossen wurde, so muß man noch mehr staunen. Afrika, dieser compacte Erdtheil, der sich allen Culturbestrebungen bis jetzt verschlossen gezeigt hat, hat die Tabakspflanze bis zu seinem innersten Centrum dringen lassen. Nicht etwa, daß der Tabak, einmal eingeführt, sich selbst den Weg gebahnt hätte, wie gewisse Culturpflanzen und auch Unkraute es thun, indem sie mit unwiderstehlicher Macht von selbst vorwärts dringen, es sind die Menschen, die Eingeborenen dieses Erdtheiles selbst die Träger und Verbreiter dieser Pflanze gewesen. Und es giebt wohl keine Art und Weise, den Tabak zu nehmen, die nicht in Afrika Anwendung fände; hier raucht man, dort wird geschnupft, hier kaut man, dort wird Tabak als medizinisches Heilmittel gebraucht. Ja, Duveyrier[15] behauptet sogar, "daß arabische Frauen, mit elf Jahren verheirathet, Mütter mit zwölf Jahren, mit zwanzig Jahren schon Greisinnen, den Tabak als ein Aphrodisiacum gebrauchen, indem sie sich gewisse Körpertheile mit pulverisirtem Tabak bestreuen".
Von verschiedenen Forschern ist die Frage ausgeworfen worden, ob bei der in Afrika durchgängigen Verbreitung des Tabaks die Pflanze nicht dort, wie in Amerika, ureinheimisch gewesen sein könne. Ich wage hierüber kaum eine Meinung, vielweniger noch eine Entscheidung abzugeben. Am verbreitetsten in Afrika ist jedenfalls der Bauerntabak, Nicotiana rustica; aber auch der virginische Tabak, N. tabacum L., findet sich in Afrika. Schweinfurth fand ihn bei den Monbuttos und im Tell von Algerien wird er durchweg gebaut. Indeß ist es, meine ich, kaum ein Grund, zu glauben, Nicotiana rustica dürfe darum ureinheimisch in Afrika sein, weil einige Völker ein eignes Wort dafür in ihrer Sprache besitzen und nicht eins, welches von "Tabak" abgeleitet sei oder damit in Verbindung stehe; auch für andere Gegenstände, von denen wir bestimmt wissen, daß sie ihnen von Außen zugebracht sind, haben sie oft genug das Originalwort verworfen und dafür ein neues, von ihnen erfundenes oder aus ihrer Sprache entlehntes an die Stelle gesetzt. Sodann kommt noch in Betracht: kann die Nicotiana rustica auf anderem Boden und unter anderen klimatischen Verhältnissen sich in tabacum veredeln oder ist eine Rückbildung von einer zur anderen Seite unmöglich? Verschiedene Tabakbauern haben mir gesagt, daß derartige Beobachtungen gemacht wären.
Am allgemeinsten ist unter den verschiedenen Weisen den Tabak zu nehmen, das Rauchen verbreitet, und wenn es auch Stämme und Völker giebt, die blos schnupfen oder kauen, so giebt es andererseits auch Völker in Afrika, bei denen Männer und Frauen, ohne Ausnahme, der Gewohnheit des Rauchens huldigen. So z.B. die Kadje- und Bussa-Neger, die Tuareg. "Chez les Touareg," sagt Henry Duoeyrier S. 184, "hommes et femmes fument et quoique la fumée du tabac rustique soit très acre, hommes et femmes la rendent par le nez."
Unsere Damen in Europa könnten also an den afrikanischen in dieser Beziehung lernen, denn mit Ausnahme der polnischen Aristokratie rauchen bei den übrigen europäischen Völkern nur die Damen des demi monde.
Während aber wir Europäer zum größten Theile den Tabaksrauch nur in die Mundhöhle einziehen, saugen die afrikanischen Völker den Rauch derart ein, daß die ganze Lunge davon erfüllt wird: der immer mehr oder weniger mit Nicotin geschwängerte Tabak tritt also bei ihnen vermittelst der Lungenbläschen und der Capillarblutgefäße direct ins Blut über. Natürlich folgt daraus, daß bei diesen Leuten ein schneller Rausch eintritt. Dieser Tabaksrausch scheint aber aller angenehmen Eigenschaften zu entbehren, vielmehr nur in einer Art von Bewußtlosigkeit zu bestehen.
Für die allgemeine Verbreitung des Tabaks spricht auch noch der Umstand, daß man in Afrika die einfachsten Gefäße, um den Tabak "rauchen" zu machen, nebst dem raffinirtesten, der Narghile, im Gebrauch hat. Ed. Mohr sagt aus, daß die Matchele-Neger einen Kegel aus Thonerde auf dem Boden formen, oben eine topfartige Höhlung hineindrücken, diese mit Kohlen etwas trocken brennen und siehe da, der Pfeifenkopf ist fertig. Sie füllen Tabakblätter hinein, bohren seitwärts ein Rohr ein, und nachdem nun das Kraut entzündet, kann das Rauchen beginnen. Weit complicirter ist das von Fritsch u.A. beobachtete Rauchen aus Antilopenhörnern, die schon eine rohe und primitive Narghile-Flaschen andeuten. Ganz auf ähnliche Art rauchen Abessinier und Galastämme aus Thonkrügen oder Flaschenkürbissen. Von den Monbutto sagt Dr. Schweinfurth[16]: "Sie rauchen aus einer Pfeife primitivster, aber durchaus praktischer Art, indem sie als Rohr die Mittelrippe eines Bananenblattes verwenden. Die vornehmsten unter ihnen lassen sich indeß von ihren Schmieden ein eisernes Rohr, gleichfalls von den Dimensionen des aus Bananenlaub geschnittenen (etwa fünf Fuß lang), herstellen. Das untere Ende dieses Rohrs ist geschlossen und statt dessen seitlich, kurz vor dem Ende, ein Einschnitt gemacht, in welchen eine mit Tabak gefüllte Düte von Bananenlaub gesteckt wird, die als Pfeifenkopf dient."
Aber wer wollte alle die Arten und Weisen aufzählen, auf welche afrikanische Völker Tabak rauchen. Ich führe nur noch an, daß die an den Ufern des Bénue lebenden Stämme den Tabak aus Thonköpfen rauchen, ähnlich den unsern, und daran haben sie so lange Rohre, daß die Pfeife im Stehen geraucht werden kann. Diese Stämme, namentlich die Bassa-Neger, sind so verpicht auf's Rauchen, daß sie z.B., gehen sie zu Boot, eigens im Schiffe ein Feuer unterhalten, um jederzeit ihre Pfeife wieder anzünden zu können. Die in den Berberstaaten nomadisirenden oder seßhaften Berber und Araber bedienen sich ohne Ausnahme eines Röhrenknochens vom Schafe oder von einer Ziege. In das eine Ende der Knochenröhre wird der Tabak eingestopft und dann direct durchs andere Ende der Dampf eingesogen. Die Städtebewohner Nordafrika's huldigen der Narghile oder den Papiercigaretten. Die eigentliche Cigarre, also das Tabakrauchen unmittelbar, hat bei den Eingeborenen Afrika's bis jetzt wenig Anklang gefunden.
Weniger gebräuchlich ist in Afrika die Sitte des Tabakkauens. Ich selbst beobachtete das Tabakkauen nur bei Tebu und einigen Negerstämmen am Tschad-See. Man nimmt dazu keinen besonders präparirten Tabak, sondern dieselben Blätter, welche Andere auch geraucht haben würden. Aber allgemein ist Brauch, den Saft des zerkauten Tabaks noch dadurch zu verschärfen, daß man Trona (kohlensaures Natron), welches in vielen Theilen Afrika's gefunden wird, hinzusetzt. Besondere Behälter, des Beschreibens werth, um Tabak und Trona aufzubewahren, haben die Eingeborenen nicht; irgend ein alter Lappen oder der Zipfel eines Kleides dient dazu.
Noch weniger gebräuchlich ist das Prisen, es ist gewissermaßen Privilegium vornehmer Eingeborener. Der zu schnupfende Tabak wird äußerst fein gestoßen und sodann mischen die meisten dazu noch ein Achtel kohlensaures Natron. Reiche und angesehene Leute in Marokko erlauben sich heute auch den Gebrauch einer europäischen Schnupftabaks-Dose oder sie haben eine aus Ebenholz gefertigte große Birne, welche den Schnupftabak birgt. Aber in letzterer ist immer nur ein kleines Loch, verschlossen durch einen hölzernen Stöpsel. Und hierbei bemerke ich, daß die frommen mohammedanischen Leute wie bei uns[17] das Rauchen für sündhafter halten, als das Schnupfen. In Marokko rauchen selten die Schriftgelehrten, aber alle schnupfen. Zum Aufbewahren des Schnupftabaks haben die Völker von Mandara eine ausgehöhlte Bohne, Schotensame eines Baumes. Diese Bohnen haben anderthalb bis zwei Zoll Durchmesser, sind aber ganz glatt; durch eine kleine Oeffnung bringt man den Tabak hinein und heraus. Eine sehr beliebte Methode, den Schnupftabak aufzubewahren, ist, ihn in ein Stück Zuckerrohr zu schütten, dessen eines Ende mit einem alten Lappen verschlossen wird.—Afrika hat jedenfalls eine bedeutende Zukunft für den Anbau des Tabaks. Die in Algerien gezogenen Tabakssorten sind vortrefflich, aus Centralafrika von mir mitgebrachte Sorten (auf dem Markte von Kuka gekauft) wurden in Bremen für ausgezeichnet erklärt. Und der Tabak scheint in Afrika überall zu gedeihen, denn selbst in den heißesten Oasen der Sahara findet man Tabaksfelder und jeder Neger zieht in der Regel seinen Tabaksbedarf in seinem eigenen Garten.
3. Kaffee und Thee, Lakbi, Tetsch und andere alcoholartige Getränke.
Man kann keineswegs behaupten, daß Kaffee irgendwo in Afrika ein so nationales Getränk geworden ist, wie bei verschiedenen Völkern in Europa. Und gerade da, wo er am billigsten für das Volk herzustellen wäre, scheint er am wenigsten im Gebrauch zu sein, nämlich in den südabessinischen Provinzen. Dort, wo die Staude oder der Kaffeebaum überall wild wachsen und von wo sie erst im Anfange des 15. Jahrhunderts nach Arabien importirt wurden, scheinen die umwohnenden Völker kaum die Anwendung der Bohne zu kennen; die Abessinier aber trinken keinen Kaffee, weil sie dadurch zu sündigen glauben, sie meinen nämlich, Kaffeetrinken sei nur den Mohammedanern eigen.
Der Kaffee wird in Afrika überall ohne Milch genommen, und die Art ihn durchzuseihen, ihn zu filtriren oder blos durch einen Aufguß heißen Wassers herzustellen, ist ungebräuchlich. "Kaffee machen" ist bei allen afrikanischen Völkern nur eine "decoctio"[18]. Und zwar wird nur nach augenblicklichem Bedarfe Kaffee für eine Person, höchstens für drei bis vier Personen, in kleinen Gefäßen gekocht. Der auf's Feinste zu Mehl gestoßene Kaffee wird in ein kleines eisernes, mit kochend heißem Wasser gefülltes Gefäß gethan, dann läßt man diese Mischung einige Male über Kohlen aufkochen und das Getränk ist fertig. Diese Kochgefäße sind so klein, daß wenn z.B. für eine Person Kaffee bereitet wird, dasselbe auch kein größeres Quantum Wasser aufnehmen kann, als jene bekannten sogenannten türkischen Tassen fassen.
In ganz Afrika, von Aegypten bis Marokko, von Tripolis bis nach Kuka, wird auf diese Art der Kaffee bereitet. Aber wie Kaffee in allen diesen Ländern nur als eine Leckerei betrachtet wird, so findet man Kaffeehäuser nur in größeren Orten; bei nomadisirenden Stämmen erlaubt sich höchstens noch der Schech oder Kaid einer Tribe den Luxus einer täglichen Tasse Kaffee; überhaupt kann man sagen, ist Kaffeeverbreitung nur nördlich vom Atlas. In den Oasen Tafilet, Draa und Tuat sind die wenigen Kaffeehäuser zu zählen und die Besitzer müssen meistenteils noch irgend einen anderen Erwerbszweig nebenbei betreiben, um leben zu können. In Fesan besteht nur Ein Kaffeehaus in der Hauptstadt Mursuck, und der Eigentümer ist ein nach diesem Orte verbannter Türke, sonst würde vielleicht gar keins vorhanden sein. In Kuka, in Bautschi, in Kano, in Timbuktu sind Kaffeehäuser unbekannt. Man kann also im Allgemeinen sagen, südlich vom 30° nördlicher Breite hört in Afrika der Gebrauch des Kaffee's auf; denn wenn auch behauptet wird[19]: "der Sohn der Wüste trinkt seinen Kaffee ungemischt und den schwarzen, aber wahrhaften Satz sammt dem Aufguß; zuweilen bringt er es auf 80 Schälchen am Tage," so ist Ersteres richtig, alle Mohammedaner trinken den Kaffee mit dem Satze; aber wo wäre der Beduine, und wäre er selbst Chef einer Tribe, der die Mittel hätte, 80 Tassen Kaffee zu bezahlen? Kaffee ist nur Luxusgetränk in ganz Afrika, d.h. in dem Sinne, als Kaffee im Allgemeinen zu theuer ist, um als Volksnahrungs- oder Reizmittel gelten zu können. Schon der erste Anlaß, wie der Kaffee unter den Arabern in Yemen Aufnahme gefunden, spricht dafür, wenn auch das Ganze eine Fabel ist, daß in demselben Etwas enthalten sein muß, was eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausübt. Man erzählt nämlich, ein armer Derwisch habe bemerkt, daß seine Schafe und Ziegen jedesmal nach dem Abweiden einer gewissen Staude äußerst heiter und lustig gewesen seien, und als er sodann selbst von dieser Staude Blätter genossen, habe er dieselbe Wirkung verspürt.
Die Sitte, Gischr, d.h. einen Absud von Kaffeehülsen zu trinken, wie Hr. v. Maltzan dies in Südarabien beobachtete, kennt man in Afrika nicht. Es hat dies übrigens gar nichts zu Verwunderndes. Denn nach Untersuchungen von Stenhouse enthalten die Blätter des Kaffeebaumes mehr Koffein als die Bohnen[20], also werden die Hülsen der Bohnen auch wohl das belebende Princip enthalten. Ebenso fand ich nicht den Gebrauch des Milchzugießens, den Maltzan auch an einigen Orten Südarabiens beobachtete. Abeken auf seiner Reise nach Oberägypten und Nubien fand dort Leute, die eine Abkochung aus rohen, ungebrannten Bohnen bereiteten. Abeken fand diese Kaffeebereitung so angenehm und schmackhaft, daß er in seinen letzten Lebensjahren immer nur eine Decoction aus ungebrannten Bohnen trank. Mir ist dieser Gebrauch nirgends vorgekommen.
Noch weniger hat sich der Thee einbürgern können; aber während der Kaffeegebrauch im Osten von Nordafrika vorwiegend ist—denn Aegypten allein consumirt mehr Kaffee, als Tripolitanien, Tunesien, Algerien, Marokko und die Sudanländer zusammen—ist hingegen der Verbrauch von Thee im Westen von Nordafrika größer. Marokko bezieht mehr Thee als alle übrigen Länder Nordafrikas zusammen. Während nach Marokko jährlich wenigstens 5000 Kisten Thee importirt werden, bedarf Aegypten, welches doch eine ungefähr gleiche Bevölkerung hat, so wenig, daß unter den amtlich genannten Einfuhrartikeln vom Jahre 1868 Thee nicht genannt wird. Bibra[21] in seinem unten citirten Werke hat also vollkommen Recht, wenn er S. 66 sagt: "Von zweien solcher Aufgußgetränke mit allen ihren physiologischen Wirkungen auf den Organismus ist eins aber sicher überflüssig," und hier hat der Instinct der Menge entschieden. Beide herrschen nirgends neben einander, sondern eines derselben wird stets als Luxusgetränk consumirt und erscheint nur ausnahmsweise irgend einem einzelnen Individuum angemessener, als das allgemein eingeführte. Im Süden findet man auf allen großen Märkten, so in Kuka, wie in Kano, Saria und Timbuktu, Thee zu kaufen.
Thee wird in Afrika nie allein bereitet; der Eingeborene von Aegypten schüttet ebenso gut wie der Tunesier und Marokkaner zu den Theeblättern einige Münzblätter oder auch Absynth, Luisa und andere aromatische Kräuter. Denn so wie man in Marokko den Thee braut, so wird er in ganz Afrika bereitet. Marokko ist ja der Religionsstaat schlechtweg, und wie alle mohammedanischen Afrikaner Malekiten sind wie die Maghrebiner, so bekommen sie auch vorzugsweise von Marokko in allen Gebräuchen, namentlich wenn diese irgendwie mit der Religion in Verbindung stehen, ihre Parole. Thee ist aber ein religiöses Getränk. Es giebt fromme Schriftgelehrte, die Kaffee nicht trinken, weil Kaffee gebrannt werden muß, Mohammed aber an irgend einer Stelle im Koran sagt: "Alles, was verbrannt ist, ist verboten."
Die Afrikaner trinken nur grünen Thee, eine ziemlich geringe Sorte, der ihnen fast ausschließlich von den Engländern zugeführt wird. Die eigenthümliche Sitte, die Barth in Timbuktu beobachtete, daß man Thee und Zucker zusammen verkauft, als ob beide Waaren unzertrennlich wären, beobachtete ich auch an verschiedenen Orten. Denn wenn man in Afrika bei den Meisten bemerkt, daß sie den Kaffee bitter trinken, pflegen sie den Thee jedoch so stark zu süßen, daß an vielen Orten Thee ohne Zucker und Zucker ohne Thee nicht gedacht oder verkauft werden kann. Man kennt nirgends die Sitte, Thee und Milch zusammen zu mischen. In vielen Städten Nordafrika's genießen statt des Thee's verschiedene Leute einen Aufguß von Gewürzen. Ingwer, Nelken, Muscatblüthen werden mit heißem Wasser übergossen und zu dieser Infusion etwas Zucker gesetzt.
Bedeutend volkstümlicher ist Lakbi, ein aus dem Safte der Dattelpalme gewonnenes Getränk. Man findet Lakbi in ganz Nordafrika im Gebrauch vom c.25° ö.L.v.F. an, dann im Westen von Nun, im Draathal, in Tafilet und Tuat wird nirgends Lakbi getrunken. Aber in Djerid, in den Oasen südlich von Konstantine, in ganz Tripolitanien, einschließlich der großen Oase Fesan bis nach Aegypten hin, findet man in allen Palmhainen immer Bäume, die angezapft sind. Man zieht die männliche Palme zum Anzapfen vor, einmal weil dieser Baum weniger Werth hat, dann auch, weil der Saft der männlichen Palme kräftiger sein soll. Das Anzapfen wird derart gemacht, daß oben der jüngste Sproß ausgehoben wird; dann wird eine Rinne nach dem äußeren Umfange gearbeitet und darunter ein Krug oder Topf befestigt. Im Frühjahr kann man in den ersten Tagen des Anzapfens bis zu 5 Liter erhalten. Die anfangs etwas milchige, fast widerlich süß schmeckende Flüssigkeit wird nach Verlauf von 24-36 Stunden säuerlich, fängt an zu gähren und entwickelt nun Alcohol. In diesem Zustande ist Lakbi berauschender als Bier, aber schon nach abermals 24 Stunden bildet dies Spiritus haltende Getränk sich in Essig um. Den von Rüppel erwähnten Dattelwein, "ein widerlich süßes Getränk, aus halbgegohrenem Datteldecoct bereitet", habe ich nirgends angetroffen.
Bedeutend beschränkter ist Meth, Tetsch oder Honigwein. Man kann sagen, daß dies Getränk eigentlich nur in Abessinien und den nächst angrenzenden Ländern getrunken wird. Die Bereitung des Tetsch geschieht in Abessinien ähnlich wie in England und bei uns, nur daß statt Hefen und Hopfen eine andere bittere Pflanze, Amdat genannt, hinzu gethan wird. Das Getränk wird in Abessinien gewöhnlich in großen Rindshörnern aufbewahrt, auch die Becher zum Trinken bestehen aus Horn. Tetsch ist sehr berauschend. Ausnahmsweise bereiten auch centralafrikanische Völker Honigwein, aber meistens stellen diese ihr bei uns Europäern unter dem Namen Busa oder auch Merissa bekanntes, berauschendes Getränk aus Getreide her. Es gehört schon ein guter Magen und ein wenig wählerischer Geschmack dazu, um das abscheuliche Getränk genießen zu können. Und da Busa und Merissa wenig alkoholartig sind, so gehören schon ungeheure Quantitäten dazu, wie sie eben nur ein Negermagen zu bergen vermag, um nur einigermaßen Wirkung zu spüren. Dennoch haben verschiedene Reisende[22] sich an dies schon äußerlich so widerlich (chocoladenfarbig) aussehende Getränk gewöhnen können. Die Maba in Wadai vertilgen ungeheure Quantitäten von Merissa, ebenso wird in Bagermi, in Mandala stark Busa getrunken; in Bornu, namentlich in der Hauptstadt Kuka, weniger.
Von den Eingeborenen Afrika's wird Wein nur in Marokko und Tunis bereitet. Die Weinrebe kommt allerdings wohl in Abessinien vor, aber nur in einzelnen Stauden. Ebenso findet man in Unterägypten Weinreben, auch im Norden von Tripolitanien, aber nur Europäer bereiten etwas Wein davon. Es liegt das eben in den Verhältnissen Nordafrika's, das jetzt ganz in den Händen der Mohammedaner sich befindet, denen Wein bekanntlich verboten ist. Aber wie trefflich der Wein in Nordafrika wird, sieht man aus den Sorten, die jetzt von Algerien aus auf den Markt kommen; sie stehen an Güte den spanischen nicht nach. Im Weinlande Marokko aber verlegen sich trotz des Verbotes ihres Propheten genug Leute auf Weinbereitung und Weintrinken. Aber der Wein, den die Marokkaner durch Kochen herstellen, ist, obwohl sehr stark von Geschmack, herzlich schlecht und von Farbe ebenso abstoßend. Blume ist gar nicht vorhanden. Der Gebrauch des Weines in Marokko ist mehr auf dem Lande als in der Stadt zu Hause. Man nennt den Wein Ssammed, Hammed oder Schrab.
Die in Nordafrika seßhaften Juden bereiten auch Schnaps aus Feigen, Rosinen und Datteln. Jeder Jude fast hat seinen eignen kleinen Destillationsapparat im Hause und macht sich nach seinen Bedürfnissen seinen Schnaps selbst. Der Schnaps der Juden ist gut, auch nicht zu stark, besonders rein im Geschmack. Man würde Unrecht thun, wollte man sagen, die einzelnen Juden seien Säufer; obschon sie alle Schnaps trinken, sind sie im Ganzen sehr mäßig darin. Desto mehr haben sie von der mohammedanischen Geistlichkeit zu leiden; oft dringt ein Thaleb oder auch ein Scherif in ein jüdisches Hans, bemächtigt sich des ganzen Schnapsvorrathes, um sich wie eine Bestie damit vollzusaufen; der arme Jude kann in dem Falle noch froh sein, wenn er ohne Prügel dabei wegkommt.
Sonst ist beim eigentlichen Volke in Nordafrika das Schnapstrinken nicht gebräuchlich, erst wenn man den Niger erreicht hat, in den Yorubaländern, also der Küste zu, stößt man auf ganze Karawanen mit Kisten, welche Schnapsflaschen enthalten. Hier an der ganzen Westküste von Afrika huldigen die Schwarzen dem Gotte "Schnaps". Und welch' entsetzliches Getränk, das vorzugsweise in Frankreich und Deutschland fabricirt wird, wird ihnen zugeführt. Es unterliegt denn auch wohl keinem Zweifel daß nicht Kriege, wohl aber dieses entsetzliche Gift jene Völker in kürzester Zeit ausrotten und vertilgen werden. Denn diese Völker trinken nicht, sondern saufen, wenn sie Schnaps besitzen, so lange, bis sie wie todt auf dem Platze liegen bleiben. Und Schnaps können sie ohne Mühe und ohne große Arbeit haben. Wenn auch der Sclavenhandel früher die Mittel zum Schnaps für die Großen jener Länder geben mußte, oder die Könige auch direct ihre Unterthanen gegen Fässer Schnaps weggaben, so geht dies allerdings jetzt nicht mehr, denn an der Westküste von Afrika ist dem Sclavenhandel wohl ein Ende gemacht. Aber dafür tauscht sich gegen Palmöl, gegen Palmnüsse jetzt Jeder seinen Schnapsbedarf ein und die Wälder sind ja vorläufig an Oelpalmen so reich, daß an Mangel nicht zu denken ist. Während also früher nur die Könige und Vornehmen der Schwarzen Schnaps trinken konnten, kann jetzt Jeder diesen Artikel bekommen, der das Glück hat, den Europäern Nüsse oder Oel zu bringen. Der Schnaps wird eher mit den Schwarzen fertig werden, als es das Schwert oder die Flinte des Europäers vermöchte.
4. Opium und Haschisch.
In Afrika hat Opium nur geringen Anhang gefunden und wahrscheinlich ist dies Betäubungsmittel erst durch die Türken den Eingeborenen dieses Continents mitgetheilt worden. Die Mohnpflanze, dieselbe, wie die bei uns in Europa gezogene, entwickelt bei anderen klimatischen Verhältnissen in Afrika und Asien jene Eigenschaften, gute und böse, die in der Heilkunde so segensreich wirken, aber bei unnützem und übermäßigem Gebrauche sich als eines der bewährtesten Mittel erweisen, ganze Völker der Erde ohne Pulver und Blei von derselben verschwinden zu machen.
Um Opium zu erzielen, bauen die Eingeborenen Afrika's die Mohnpflanze nur in Aegypten und zwar heute, nach Schweinfurth, nur in Oberägypten. Und dem Anbaue des Zuckerrohrs und der Baumwolle wird der Mohn in Aegypten wohl bald ganz weichen müssen. Sodann wird aber auch in Marokko, namentlich in der Oase Tuat dieses Landes, Mohn des Opiums wegen angebaut, aber immer nur der Art, daß der Gewinn des Mohnsamens behufs Oelbereitung die Hauptsache bleibt, indem die Köpfe nur oberflächlich geritzt werden, damit der Samen seiner Hülsung unberaubt zur Reife kommen kann. Man kann deshalb auch sagen, daß der Gebrauch des Opiums sich nur auf die Städtebewohner beschränkt und zwar nur in Nordafrika.
Man raucht den Opium oder man nimmt das Extract in Form von kleinen Stückchen oder Pillen. Aber nicht wie im Orient raucht man Opium allein, indem man ein Stückchen in eine kleine Pfeife bringt, eine Flamme darüber streichen läßt und den heißen Opiumrauch einathmet, sondern man legt das Extract aus eine Narghile und so vermischt man Tabak- und Opium-Narcose. In Aegypten, namentlich in Damiette, sah ich indeß auch Opium allein und direct rauchen.
Das in Marokko verbrauchte Opium darf in den großen Städten nur durch von der Regierung bestellte Leute, die meistens auch den Tabakverkauf haben, verkauft werden. Früher wurde nur ägyptisches Opium verkauft, welches Pilger von ihrer Reise in kleinen, 2-3 Zoll großen Kuchen, die einen Zoll dick waren, mitbrachten. Jetzt wird in Marokko meistens aus Frankreich importirtes Opium, opium crú. d.h. wässeriges Opiumextract, gebraucht, nur in einzelnen Gegenden stellt man selbst Opium her. In Tuat, der großen südlich vom Atlas gelegenen Oase, fand ich die meisten Opiumesser und zwar Leute, die es so weit gebracht hatten, daß sie ohne Opium nicht mehr existiren konnten; in dieser Oase waren auch alle anderen Berauschungsmittel unbekannt. Leider giebt es aber auch in Afrika Europäer genug, die sich dem Opiumgenusse hingeben. Einer der gelehrtesten Männer in Keilschriften war derart dem Opium zugethan, daß er ohne dasselbe zu leben vollkommen unfähig war, er nahm Opium in roher Form und rauchte Tabak, den er in Opiumtinctur gelegt und macerirt hatte. Schon seit Jahren ist er dem Gifte erlegen. Ich selbst hatte unter Opiumgenuß monatelang zu leiden.
Erkrankt in Rhadames an einer blutigen Dyssenterie, hatte ich große Gaben von Opium genommen und konnte ich mich des Gebrauchs nicht entschlagen, da ein Aufhören im Opiumessen oder auch nur ein Vermindern der Gaben gleich wieder heftige Diarrhöen zur Folge hatte, bis plötzlich der Genuß frischer Datteln (die sonst in der Regel gegenteilig wirken) Besserung erzielte.
Keineswegs befand ich mich dabei in einem angenehmen Zustande; allerdings ist das "Bessersein", das Befreitsein von einer lästigen Krankheit schon Etwas, allerdings verspürt man eine Erleichterung, eine Behendigkeit in allen Gliedern, aber angenehme Empfindungen, sensuelle Erregungen traten nie bei mir ein. Es ist ja auch vollkommen constatirt, daß beständiger Opiumgenuß erotisch dämpfend ist. Das Haschen, das Jagen nach Opium hat wohl nur seinen Grund darin, daß es ein gewisses Wohlbehagen, eine körperliche und in Folge davon auch eine geistige Gleichgültigkeit gegen Alles, was Einen umgiebt, mit sich im Gefolge hat.
Viel verbreiteter als Opium ist Haschisch in Afrika. Aber die Angabe v. Bibra's, daß es 300 Millionen Haschischesser auf der Erde überhaupt gebe, möchte ich doch nicht unterschreiben. In Afrika z.B., wo von Marokko jedenfalls das größte Contingent gestellt wird, würde man höchstens sagen können, daß von der ungefähren Bevölkerung dieses Landes, die man auf circa 6,500,000 Seelen rechnen kann, höchstens die Hälfte Haschisch nimmt. Von Westen nach dem Osten nimmt in Afrika der Hanfgenuß ab, ebenso von Norden nach Süden. In Tunis, in Algerien giebt es noch viele Haschischkneipen, weniger schon in Tripolitanien und Aegypten. Schweinfurth fand Hanfesser nur im Delta, doch kommen sie sporadisch auch wohl noch weiter nach dem Süden zu vor. In Fesan baut man Hanf nur an einzelnen Orten, nach Duveyrier besonders in Tragen. Frauen huldigen sehr selten in Afrika dem Hanfe. Im Süden wird nur vereinzelt cannabis indica genommen und ist dort wohl von den Arabern importirt worden, entgegengesetzt der Ansicht von Escayrac de Lauture, der die cannabis indica aus dem Süden stammen lassen will. Hervorgerufen war wohl diese Ansicht dadurch, daß man früher glaubte, die cannabis indica sei unterschieden von der cannabis sativa. Das ist nicht der Fall. Auch hier bringen die topographischen und klimatischen Einflüsse bei derselben Pflanze nur andere und zwar im Süden kräftigere Eigenschaften hervor.
Aber wie die Eigenschaften des Hanfes je mehr und mehr nach Norden an Wirksamkeit zu verlieren scheinen, so scheint auch die Empfänglichkeit für dies Narcoticum im Norden schwieriger vor sich zu gehen, als in einem südlichen Klima[23]. Professor Preyer in Jena konnte mit guten Haschischblättern, die ich frisch und direct von Tripolis hatte kommen lassen, keine besonderen Rauschresultate erzielen; v. Liebig fand in Blättern derselben Sendung keine anderen wirksamen Bestandtheile, als in der cannabis sativa.
Man könnte also fast sagen, um eines vollkommenen Rausches theilhaftig zu werden, muß man in südlichen Ländern gezogenen Hanf in südlichen Ländern nehmen.
Ich habe an anderen Orten meine an mir selbst angestellten Beobachtungen niedergelegt. Und wenn ich diesen im Jahre 1866 angestellten Versuch mit denen vergleiche, die Dr. Lay, Dr. Moreau, v. Bibra, Dr. Baierlacher u. A. vorgenommen, so kann ich nur bestätigen, daß in der Hauptsache meine Empfindungen mit denen der genannten Beobachter übereinstimmen.
Der wirksame Stoff in der cannabis indica ist ein von Gastinel hergestelltes und von ihm Haschischin genanntes Alcaloid von schöner grüner, jedoch nicht von Chlorophyll herrührender Farbe. Genommen wird Hanf in Theeform oder man pulverisirt die getrockneten Blätter und schluckt sie mit Wasser hinab, oder man raucht dieselben, oder sie werden zu einer mit Zucker und Gewürzen verarbeiteten Pastete, "Madjun" genannt, gegessen[24]. Letztere Form findet man nur in den Städten.
Fast in ganz Afrika wird vorzugsweise Hanf geraucht, wenigstens fängt man hiermit an; erst im zweiten Stadium wird Haschisch gegessen. Das Rauchen hat einfach deshalb nicht so großen Erfolg, weil selbst geübte Veteranen im Narghilerauchen es schwer vertragen, den beißenden und ätzenden Dampf durch die Lunge direct mit dem Blute in Berührung zu bringen. Es ist deshalb auch übertrieben, wenn einzelne Reisende berichten, es gebe Hanfraucher, die es bis auf 30 Pfeifen und mehr täglich bringen könnten. Abgesehen davon, daß die Haschischpfeifenköpfe nicht größer sind, als das Viertel eines Fingerhutes einer Dame, so ziehen die auf Hanf erpichtesten Raucher selten mehr als zwei bis drei Züge aus dem Pfeifchen, pausiren sodann lange Zeit oder lassen die Pfeife ausgehen, oder aber, wenn sie reich und großmüthig sind, reichen sie die Pfeife zum Mitrauchen einem Nebensitzenden.
Das wirksame Princip des Hanfes sitzt besonders in den Blättern und den feinsten Stengeln und zwar zu der Zeit, wenn der Same eben reif geworden ist. Im Samen selbst, der stark ölartig ist, scheint Haschischin wenig oder gar nicht enthalten zu sein; die Haschischesser werfen denn auch den Samen fort, wenn sie die Blätter bereiten. In den Ländern Afrika's, die ich durchreist habe, habe ich nie von einem Harz, "Churrus" genannt[25], welches aus den Blättern schwitzt, reden hören, noch habe ich es selbst zu sehen bekommen.
Die Wirkungen des Haschisch lassen sich dahin zusammenfassen, daß im Anfange bei kleinen Dosen die Eßlust stark angeregt wird, während fortgesetzter Gebrauch und große Dosen eine Störung aller Lebensprozesse im Körper bewirken. Wem cannabis indica zur Gewohnheit geworden ist, kann sich davon schwerer entwöhnen, als der Trunkenbold von alkoholartigen Getränken, der Opiophage vom Opium. Auf das Nervensystem wirkt nach den Resultaten der Versuche, die als glaubwürdig vorliegen, das Haschisch so, daß mit einer Erleichterung im "Fühlen alles Körperlichen" (man glaubt zu schweben) eine große momentane Gedächtnißstärke verbunden ist, man erinnert sich an Ereignisse, welche einem seit Jahren nicht mehr ins Gedächtniß gekommen sind. Und auch körperlich scheinen die Gegenstände sich zu vergrößern und zu verlängern: Straßen werden endlos, Häuser scheinen in den Himmel hineinzuragen. Dr. Mornau sagt treffend[26]: "Die Grenzen der Möglichkeit, das Maß des Raumes in der Zeit hören auf, die Secunde ist ein Jahrhundert und mit einem Schritte überschreitet man die Welt;" und weiter sagt derselbe Beobachter: "im Gehen sei ihm eine Straße unendlich verlängert vorgekommen." Ganz dieselben Beobachtungen habe ich auch gemacht.
Es kommen sodann schließlich bei geringstem Anlasse Sinnestäuschungen vor, eine unbemalte Wand erscheint in den schönsten Farben, das Gquieke einer Thür ertönt wie symphonische Concerte und wenn einerseits das Gedächtniß neu belebt erscheint, vergißt man oft bei einem ganz kurzen Redesatze den Anfang desselben, als ob man seit Stunden geredet hätte.
So achtungswerth aber auch die Namen gewisser Reisenden sind, so möchte ich nicht die Ansicht mit vertreten, daß Haschisch eine Wirkung hervorrufen könnte, einen Menschen, wie Treevelgar erzählt, in zehntägige Katalepsie zu versetzen. Dagegen finde ich den von O'Shangnessy[27] mitgetheilen Fall von einer durch Haschisch bewirkten vorübergehenden Katalepsie vollkommen glaubwürdig. Fallen doch fast alle veralteten Hanfesser in eine mehr oder weniger lange anhaltende Starrsucht.
Jedenfalls wird man nicht zu viel sagen, wenn man behauptet, daß die cannabis indica, eines der heftigsten Reizmittel, im Stande ist, nicht nur die herrlichsten Empfindungen, die bezauberndsten Bilder zu schaffen, sondern auch den Menschen gewissermaßen momentan der Erde zu entrücken, aber auch andererseits wegen des Giftes, das darin liegt, eines der gefährlichsten Präparate, das mit unwiderstehlicher Gewalt den Menschen, der sich ihm hingegeben, festhält und nach Kurzem tödtet.