Über der Westküste Skandinaviens erschienen die Untiere gegen Ende des Jahres. Etwas später befuhren sie die britischen Gewässer, tauchten vor Jütland und der Bretagne auf. Die Stadtschaften, die noch in der Hand starker Senate waren, hatten beim Zurückfluten des großen Expeditionsgeschwaders die Grenzen gegen Norden und Westen gesperrt. Von dem Expeditionskorps lief nur ein versprengter, rasch gefangengesetzter Teil die europäische Küste nördlich Stavangers am Bukafjord an; die Hauptmasse stürzte nach Süden an den alten Sammelplatz der Färöer und Shetlands. Britische Kommissare hatten schon im Herbst durch Schottland eine Verteidigungslinie gegen das verdächtige Geschwader gezogen, von der Lorne zur Moraybucht südlich des Kaledonienkanals; Vorpostenschiffe deckten die Nordsee und den Zugang zur Irischen See. Von niemandem gehindert, von niemandem erwartet brachen die grönländischen Untiere ein, diese abenteuerlichen, den Menschen gräßlichen Wesen, Mißschöpfungen einer unmäßigen Kraft, die über Grönland aus dem schrecklichen Flammenschleier blies.
Rudel der keuchenden blasenden Wesen ruderten flogen über den Ozean, straßenlange Reptilien, schwarzbäuchig, manche schillernd beschuppt, manche mit scheckiger Haut und breiten stumpfen Mäulern, manche wie Krokodile gepanzert. Dann Vogeltiere mit langen spitzen Zähnen, die in Doppelreihen standen. In Haufen zogen sie an, einzeln wie Festungen und Schiffe, eine Masse von Felsen Baumwaldungen Tieren mit sich schleppend. Sie schwärmten an, verhüllt unter den Waldungen auf ihren Rücken; mit den Füßen rissen sie sich die Moose und Schachtelhalme ab, die über ihre Augen wucherten. Bisweilen stürzten sich fliegende Echsen in die See, um die Flammen zu löschen, die an ihren Hälsen, auf ihren Rücken entstanden. Mit der Angst gejagter Wesen flohen sie. Zwischen ihren Zehen, auf ihren rollenden aderdurchzogenen Flughäuten wurden Schlachten zwischen den Geschöpfen geschlagen, die sie mitschleppten. Sie klammerten sich an die Krallen der Ungetüme an, hingen an deren geblähten Halswampen in Reihen Ketten Girlanden. Tauchten die Tiere in See, so wurde der größte Teil der Bevölkerung von ihnen abgeschwemmt, schwamm an der Oberfläche, suchte die großen Tiere wieder zu fassen, wenn sie hoch kamen. In die See tauchend spülten sich die wandernden Tierriesen die zerfallenden Leichen ab. Aber mit sich selbst, unter sich schleppten sie Leichen. Sie kämpften miteinander, sobald sie sich berührten, schlangen zerrissen sich. Und je mehr sie sich von Grönland entfernten, um so größer wurde ihre Not. Über See erschlugen sie sich; hungrig, aber oft konnten sie sich von den Besiegten nicht losreißen, die sich an ihren Rüsseln Borsten Hornplatten verklammert hielten. Mit der triefenden Masse wankten sie weiter, die Sprossen in sie hineintrieb. Und wie die Untiere die offenen, von dem rosenfarbigen grönländischen Licht nicht beschienene Meere befuhren, die Kälte über sie kam, wurden sie unsicher. Zuckten zwischen Meer und Himmel auf und ab, flüchteten vom Meer in die Wolken, die sie nicht wärmten. Sie konnten wenig sehen unter dem trüben Sonnenlicht. Verwirrt kehrten viele um. Aber die Geschwader der neu abfliegenden Tiere kamen über sie; diese Tiervölker zerrissen sie, schleppten sie nach Süden weiter. Unaufhörlich wie ein Blütenbaum seinen gelben Sonnenstaub warf Grönland seine lebendigen Massen von sich.
Auf Skandinavien schmetterten sie nieder; dies war das erste Land, auf das sie stießen. Fjorde mit Granitklüften, wenige Wiesen, Schneeberge im Hintergrund. Hunger Beklemmung trieb die wandernden Untiere von Tag zu Tag stärker. Da prasselten sie über die Klippen, bedeckten kleine Menschensiedlungen. Im Sturz zerschellten viele, die sich über das Land warfen, als wären es Wellen. Die lebend herunterkamen, fingen an am Boden, an den Klippen zu beißen zu kauen zu schlingen. Zerrissen sich die Gaumen, ihre Zähne splitterten. Dröhnend drohend erhoben sie sich von ihren felsigen Opfern, schlugen mit den Klauen auf ihnen herum, schluckten mit blasenden Nüstern Steinbröckel Kiesel, griffen sich nach dem Rücken, stopften sich Farne, die sie abknickten, hinterher. Die Steine zerschrammten schlitzten ihnen den Darm. Speiend drehten sie sich im Kreise.
Nach Bergen kam ein Rudel vogelartiger Echsen mit den Rückenhöckern von Dromedaren, langen Hälsen, zweifüßige beflügelte Unwesen, die ein helles Schreien bei ihrer Annäherung ausstießen, das sich wie Kichern anhörte. Sie zerdrückten eine Zahl von Straßen und Anlagen. Mit den Haustrümmern stopften sie sich Menschen in den Schlund. Brände brachen um sie in der Stadtschaft aus. Die Waldungen von Farnen Bärlappbäumen auf den Tierrücken wurden ab und zu von dem Feuer ergriffen. Zerstörend warfen sich die flammenden Tiere um, wälzten sich durch die Stadt.
Eine eigentümliche Art Fischwesen war gleichzeitig bei Bergen aus dem Meer aufgestiegen, Wesen von außerordentlicher Länge, die noch die der Echsen übertraf. Sie waren übermäßig wurmartig schmal gewachsen, hatten ein Wirbelskelett, das mit Schädel Rippen Wirbelkörper deutlich an dem fleischlosen Leib sichtbar war. Diese Tiere schienen sinnlos vor Hunger zu sein, waren halbblind. Wie Schlangen ringelten sie tonlos die Klippen vom Meer herauf; ihre Leiber nahmen kein Ende. Sie schnauften mühsam, paßten sich der Luft an. Aber eine ganze Zahl schnellte zu rasch aus dem Wasser hoch; ihre schmächtigen Leiber schwollen plötzlich an, zuckten hingen über den Klippen; die Därme quollen ihnen aus den Schnauzen. An ihnen schlangen die Vogelechsen.
Sie kamen alle nicht weit. Flogen etwas, senkten sich wieder auf den Boden. Es schien, als ob der Rest ihrer Kraft sie bei der Berührung mit den kalten Steinmassen der Erde verließ. Keines der skandinavischen Tiere, obwohl von niemandem verfolgt, kam über den sechzigsten Breitengrad auf dem Landweg nach Süden. Sie fraßen Bäume Ackererde. Dann lagen sie lahm. Warfen sich, schnellten wie in einem Anlauf hoch, verkamen. Die Waldungen Gärten Vögel Weichtiere hatten sie schon verschlungen, oder sie waren verbrannt. In die Erde fraßen sich die grönländischen Untiere ein, wie sie starben. Wuchsen dann sonderbar in ihre Gräber. Wo sie reglos lagen, wucherte die Erde, die sie verschlungen hatten, in ihren Mäulern, zwischen ihren Vogelkiefern, in den Schlundröhren, Eingeweiden aus, durchdrangen die Weichteile in langen spitzen Kristallen, sogen die Weichteile nach. Und um die Leiber herum, in den Bodenhöhlungen zitterte die Erde, ließ feine Kristallbündel sprießen, so daß die Riesenleichen in zackigen Nestern lagen. Die Körper der Untiere selbst aber vom Boden verschlungen, waren nichts als eigentümliche Bodenerhebungen, die sich wie Tierrümpfe über den Berghängen, über Ackerflächen hinzogen, von blitzenden Steinen begleitet.
Die Untiere, die weiter den Süden erreichten, Jütland bestiegen, sich nahe Hamburg zeigten, waren Quallen und Medusen mit Armen, die sich untereinander zu starken Schwimmflossen verbanden. Auf das flache Land, über die sandigen Küsten wälzten sich in einem wilden Trieb, in zitternder Verwirrung die riesenstarken gallertigen Wesen. Ihre Körper, unter dem grönländischen Licht blühend durchsichtig, hatten in der Kälte der Meere die Gelbröte des Dotters angenommen; blutige geschwollene Stränge durchliefen sie. Sie rollten fauchten; dellten sich krampfhaft zusammen, sprangen flogen vorwärts. Sie spritzten Schleim um sich, sanken mehr in sich zusammen. Über Flüssen hingen sie, pumpten Wasser in sich. Aber dies Wasser war nur eine Erinnerung an das Wasser, in dem sie gediehen waren; war schweres kaltes liebloses Wasser. Sie soffen mehr, spien es im Wirbel aus. Ihre Arme hangelten nach Blöcken an den Wegen, würgten sie sich in die Mundöffnung. Diese Blöcke konnten sie nicht zerknirschen; die stürzten ihnen durch die Darmwindungen. Über die Landschaften sanken die schattenhaften Wesen hin. Bräunlich und violett tröpfelte Blut von ihnen; sie fielen wie mächtige Spinngewebe über die jütischen Ebenen.
Wen die Fasern des Gewebes berührten, was von dem dampfenden blasenwerfenden Blut bespritzt wurde, veränderte sich im Augenblick. Schafherden leckten übergischt an dem Blut. Die Zunge quoll ihnen über die Zähne weg, fiel auf das Gras, sich verbreiternd verdeckend. Die Tiere standen da, zerrten an den fürchterlichen Organen, an denen sie sofort erstickten. Andere zogen glitzernd blökend an den roten Fleischmassen, die ihnen unaufhaltsam aus den Mäulern wuchsen; zugleich schwoll ihnen auch der Gaumen, Rachen, den der Saft berührt hatte. Die dehnten, wölbten sich. Riesenschädel, den ganzen Rumpf in Umfang und Gewicht übertreffend, trugen sie auf den Hälsen, die zu schwach für die Last waren. Die Schafe wurden auf den Boden hingezogen, zappelten mit dem kleinen Anhang ihrer Rümpfe. Rasch kamen eine Anzahl Tiere um, die gierig an dem Blut der Medusen geschluckt hatten und deren Leib Rippen Rückgrat von den anschwellenden Eingeweiden in Stunden zersprengt wurden. Bei Hamburg erfolgte das erste große Verderben der Menschen. Siedler und Einwohner der Stadtschaft wurden betroffen. In die Häuser hinein wurden im Bogen das Blut und der Schleim der verendenden Urtiere gesprenkelt. Menschen, die am Kopf oder den Gliedmaßen begossen wurden, verloren im Augenblick die Besinnung. Ihre wuchernden Organe erdrosselten sie selbst. In den Zimmern wurden Menschen, denen eine Hand bespritzt war, von den schweren wuchernden Fleischmassen aufgesogen; die Hand die Finger füllten den ganzen Raum, kleiner kleiner schrumpften Arme Beine der Rumpf dahinter. Das Herz schlug nicht mehr, die Menschen lagen weiß tot, nicht größer als eine Faust, manchmal wie ein Apfel, ein Karton einlaufend unter dem dunstenden Riesenorgan, dessen Haare wie Spieße aufrecht standen, die an den starren Wänden geknickt wurden. Die tolle Szene in der kleinen Bauernsiedlung, wo eine Bäuerin den Hahn gefaßt hatte, um ihn in den Stall zu tragen. Der Kopf des krähenden Vogels, seine bespritzten Füße jäh anwachsend machten sich nicht los von den Armen und der Schürze der Frau. Die Frau wurde von der Last hingeworfen; die Krallen des Vogels durchwuchsen die Arme der schreienden gellenden schlagenden bald ohnmächtigen. Das Tier lag auf dem Weib, wuchs auf ihm, über Menschengröße. Der Kopf und die Füße wuchsen. Der Rumpf aber hatte noch Leben, so dürftig er auch war; denn die Füße waren in das starke fette Weib verwurzelt. Aus der sogen die Organe ihre Stoffe. Das Weib rann in ihren Kleidern ein. War längst tot, ihr Kopf schon hinter ihrem Halskragen, unter dem Brustausschnitt verschwunden. Leere Hüllen der Ärmel; der Kalk der Knochen wurde aufgesogen. Nach langen Stunden erlosch an dem Vogel das schreckliche Wachstum. Das Tier war selbst schon tot, von seinen Gliedern aufgezehrt. Man sah Schweinsohren, Ochsenschnauzen durch die Dachsparren ihrer Ställe wachsen; noch kläglich brüllten die, dann verstummten sie. Es waren überall bewußtlose sterbende Wesen, die so wuchsen.
An der Westgrenze Hamburgs an der See verwüsteten die anwandernden Untiere ganze Stadtteile. Die starken Sicherungen des Senats nutzten nichts, sie fielen nur zum Verhängnis der Stadtschaft aus. Durch die brennenden Würfe, die Strahlen wurden die Tiere zerrissen, ihre Teile aber, Flüssigkeit spritzend, schleppten sich verendend und andere aufsprießende Wesen mit sich schleppend in die Straßen und Anlagen. Die grausigsten Mißformen wurden da sichtbar. Verbackene Bäume, aus deren Wipfeln lange Menschenhaare herausragten, übergipfelt von Menschenköpfen, toten entsetzlichen häusergroßen Gesichtern von Männern und Frauen. Die Schwanzflossen eines Seetiers in eine Siedlung vor der Stadt fallend sammelten um sich Haufen toten Materials, Eggen Wagen Pflüge Bretter. In die wandernde sprießende dampfende Masse gerieten Kartoffelfelder, laufende Hunde, Menschen. Das wallte wie ein Kuchen auf, quoll hoch, zappelte über die besäte Ebene, rollte sich wie eine Lavamasse verheerend langsam vorwärts. Und überall wuchsen aus der sich rundenden schlagenden Masse Stämme, stockhohe Blätter hervor. Die Arme Beine, die sich aus dem flirrenden dunklen Gewebe vorstreckten, waren aus Fleisch und Knochen, oft dunkel umborkt, mit Zehen und Fingern, die sich zu Blattfächern ausbreiteten. Lange Haarmähnen fluteten über die Oberfläche des weichtierartigen Wesens, der dünstenden schlingenden Schnecke; Ranken und Häuserbalken waren in die Haare verfilzt. Über den Tälern und Erhebungen der wallenden Masse rasten Gespanne, Pferde mit Wagen, abspringende Menschen. Sie liefen rissen sich los, bis sie einsanken festklebten, die Pferde an den Wagen, Menschen treibend daneben. Die Pferde wurden durchflutet, von den Hufen den Hinterbeinen hochwachsend, scheinbar sich aufbäumend, aber nur aufgespannt aufgerichtet. Ihr Wiehern Geifern erlosch, die Augen, die ängstlichen blutüberlaufenen Kugeln, sanken zurück. Sie zappelten mit den Vorderbeinen. Waren sie Stämme? Fraßen sie das Laub, die Halme Stauden, die ihnen aus den Mäulern wuchsen? Aus den Rippen quollen ihnen die Wagenbalken. Der Kutscher wuchs aus seinem Sitz, von den drängenden Stämmen getragen, mit ihnen verschmolzen. Dann erweichte alles, was das Urgeschöpf trug, verbreitete sich, quoll zusammen, ebnete sich in seine Decke ein.
Über das Wattenmeer der Friesischen Inseln drangen Einzeltiere, die noch kraftvoll waren. Sie stürmten gereizt gegen die Flammenmassen, die ihnen über den Jadebusen entgegengeworfen wurden. Das war ein vulkanisches Brausen, als die breiten springenden Reptilien das Feuer durchzogen. Aus ihnen selbst kam grünes Feuer, das das weiße Menschenfeuer zu dämpfen schien. Sie erreichten das Land, zerknickten die Maschinen am Land und kauten sie. Aber waren selbst zerbrochen. Sie tobten schleppten sich Meilen landeinwärts. Dann stießen aus den schwarzen plumpen vergeblich sich mühenden Leibern, aus den Augen Nüstern, zwischen den Schuppen des Leibes grüne steile Flammenbüschel. In denen verbrauste die Kraft der Tiere, die schnappten verzuckten. Von den brennenden puffenden Körpern, die sich wanden, machten sich Teile los. Unter den Flammen sprangen und spritzten von den Rümpfen ab die Zehen, Krallen der Zähne, Schuppen; die Flügel zerbrachen. Die Teile, Zehen Schuppen Hautfetzen rollten ins Land, die Weser entlang, mischten sich mit Grashalmen Birken Tannen. Riesenbäume wanderten da; die Erde unter ihnen wuchs mit ihnen, schwoll, als wäre sie flüssig gallertig und schäumte, an ihnen hoch. Die Bäume zogen ihre Wurzeln aus der Erde, schritten vorwärts, wackelnd, sich drehend, zogen im Zickzack hin, schlossen nahe Bäume in sich ein, rissen sie mit. Die Bäume schnaubten aus vielen Poren. Verlangsamten ihren Gang, standen gelähmt, schaukelten schwach ihre Kronen.
Der Einfall der grönländischen Untiere dauerte den Winter durch. Eine panische Flucht von den Küsten setzte ein. Die Ostsee war von Schiffen überladen. In wenigen östlichen Stadtzentralen verloren auch die Senate die Führung. Die Herren der großen westlichen Stadtschaften machten sich stark. Die einströmenden durchströmenden Massen der Siedler erhoben gegen sie ihr anklagendes Geschrei; der Boden der Stadtschaften zitterte unter dem Grauen vor den grönländischen Wesen. Gelähmt waren große Teile der Bevölkerung, auch der Führer. Und neben der Angst wütete unter den Menschen ein unbestimmtes finsteres Schuldgefühl. Ihm konnten sich auch die Wissendsten nicht entziehen unter dem Schauer der Dinge, die sie erlebten.
In London hatte Delvil mit Pember die senatorische Gewalt in Händen. Mit sechs anderen Männern und Frauen teilten sie sich in eine Diktatur. Von Brüssel rief Ten Keir, der kleine belgische Führer, sie herüber. Nichts wankte in den belgischen Stadtschaften. Aber der furchtbare Schwarm der Urtiere ließ nicht nach, die Brüsseler Vorstädte im Westen und Norden waren in Trümmer gelegt. Zu dem Entsetzen, das hier die Menschen zusammenballte, kam rasch Haß auf die Siedler, die zu der Grönlandexpedition getrieben hatten, und auf die englischen Führer.
In seiner unterirdischen Arbeitskammer empfing Ten Keir glühend den schmächtigen Delvil. Er dachte Zorn und Gift auf ihn loszulassen, schrie höhnisch, wie der nur die Tür öffnete: „Sieg! Sieg! Grönland ist enteist! Wir sind befreit! Wir laden Menschen auf die Schiffe.“ „Sieg!“ schrie Delvil entgegen, „wir haben gesiegt. Wer hat nicht gesiegt?“ „Wie sieht dein Sieg aus, Delvil? Du hast dich über den Kanal gewagt. Du bist nicht verschluckt worden. Ich wünsche dir Glück zu dem großen Sieg.“ Delvil schmetterte die Tür zu. Kalt und ruhig setzte er sich auf einen Schemel: „Wer die Nerven hat, hat gesiegt. Du siehst, ich bin über den Kanal geflogen. Ich habe die Bestien geifern sehen. Habe auf sie gespuckt.“ „Glückwunsch, o Held! Sieh dir Gent an. Hast du Kortryk gesehen? Kortryk im Westen, du mußt es gesehen haben; seit zehn Tagen verwest es.“ „Ten Keir, es scheint, wir spielen mit verkehrten Rollen. Mir kann es recht sein.“ „Und was tust du?“ „Ich bin Delvil. Ein Mensch. Glaubst du, Ten Keir, weil ich schwach bin, ich bin kein Mensch? Die Bestien mögen nur kommen. Jetzt, jetzt kann ich sie nicht besiegen. Im Augenblick nicht. Wir sind nicht darauf vorbereitet. Warte einen Tag, fünf Tage.“ „Das glaubst du, Delvil? Es sind ja nicht nur Tiere.“ „Es sind Tiere. Es sind Tiere; nichts weiter als das. Es sind schon andere Dinge an die Menschen herangetreten und sie haben sie bezwungen.“ Delvil stand. Er war blaß; sein Gesicht verbissen: „Ich bin ein Mensch. Du wirst mich nicht vom Gegenteil überzeugen. Ich kam her, mit Pember, um dich zu fragen, Ten Keir, welcher Meinung du bist. Gibst du es auf, so sag es mir. Ich muß wissen, woran ich bin.“ „Ich hab mir im Grunde keine Fragen stellen zu lassen. Wenn du erbittert bist und wir entsetzt sind und unsere Stadt schon zur Hälfte verwüstet ist, so weißt du, wer daran schuld ist.“ „Ich will wissen, woran ich bin. Hier ist kein Gericht. Ich habe die Tiere nicht gerufen.“ „Das ist Grönland. Das ist der Zug der Siedler nach dem neuen Erdteil. Unsere Befreiung. Unsere Rettung vor dem Untergang.“ „Das ist die Rettung vor dem Untergang. Ich habe es nicht gewollt. Aber es ist recht. Wir wissen, woran wir sind.“
Delvil flüsterte: „Sag ja, Ten Keir. Ich warte auf dich.“ „Sprich lieber nichts. Spitz die Ohren, was über uns geschieht. Vielleicht bewegen sich die Wände. Man weiß nicht was geschieht.“ „Sag ja oder sag nein. Ich bin fünfzig Jahr alt. Jahrtausende haben für uns gearbeitet. Gedacht. Du hast es mir einmal klar gemacht. Ich habe es nun sehen gelernt. Ich bin ein Mensch. Ich gebe nicht auf, es zu glauben. Und du?“ „Ich auch nicht.“ „Dann gib mir deine Hand.“ „Was soll das.“ „Das ist deine Hand. Jetzt wirst du rasend grimmig heiß kalt wie ich werden. Laß sie mir. Laß nur. Du fühlst es schon. Jetzt wirst du in der Nacht auch nicht schlafen können wie ich, vor Wut und Verzweiflung! Du wirst bald röcheln in der Nacht. Ten Keir, hörst du! Du wirst mir Wut und Scham kennen. Du wirst dich verfluchen, wie ich mich, daß die Bestien das können, Städte verwüsten, unsere Städte, in unsere Anlagen fallen, daß die Siedler uns auslachen. Ich verfluche mich. Verfluche mich aber nicht lange.“ Delvil zog seine Hand zurück, schüttelte sie als wenn sie zu schwer wäre, blickte Ten Keir an, wich gegen die Wand, wo das Lichtauge blickte.
„Was habt Ihr vor. Was hast du vor, Delvil?“ „Du hast meine Hand berührt. Du weißt es. Es gibt nur zweierlei: die Bestien und wir. Die Bestien will ich nicht.“ „Und?“ „Nicht: und sie werden nicht sein.“ Die Fäuste hob Delvil über seinen Kopf, atmete: „Ich will sie nicht. Aus tiefstem tiefstem Herzen sag ich dir: ich will sie nicht. Sie sind schon jetzt nicht mehr da. Sie sind weg. Sie sind schon – vernichtet, von mir, weil ich es will. Ich flüchte nur zum Schein vor ihnen und verstärke mich. Sie leben nicht mehr, Ten Keir. Wir haben sie besiegt. Laß ihnen eine Gnadenfrist von ein paar Tagen, ein paar Wochen. Gönn ihnen das. Sie sollen sich diese Welt noch anschauen. Unsere Welt. Dann ist es aus für sie. Aus! Delvil sagt es. Dann hat er genug. Der Tisch wird rein. Glatt. Blank. Spiegelblank. Hauchblank. Kein Stäubchen darauf!“ Ten Keir in dem Lichtkegel; ganz weiß die Vorderseite des blinzelnden Manns: „Ich will es glauben.“
Der Brüsseler suchte den starken Delvil in der Stadt zurückzuhalten. Der kehrte auf die britischen Inseln über den Kanal zurück. In die Kellerräume stürzten die Menschen. Man hatte gesehen, daß die weiche Erde, die offene Luft gefährlich waren; auf die schweren Betonplatten, Höhlen in sehr massiven Felsgründen erstreckte sich die Wirkung der Bestien nicht. In das Innere der Insel flüchteten Haufen von Menschen. Delvil sah sie mit Hohn und Gram. Es war sein erster Akt, als er von Brüssel zurückkehrte, daß er den Westrand der Londoner Stadtschaft mit schweren Waffen bestückte. Feuer und Strahlen ließ er in die chaotische Menge schleudern. Seine Megaphone schrien über sie: Er sei der Drache, der Drache käme. Und schon war der heiße Atem über ihnen, nicht aber aus den Mäulern der Riesenlurche, sondern aus seinen Maschinen. Und sie wurden angeglüht gebrüht gebrannt. Delvil ließ sie zu Kohle werden. Seinen Haß richtete er auf die Siedler, die Triumph über die Städter sangen; was hätten die westlichen Senate in Grönland erreicht, wo sei der neue Erdteil, welche Wüste sei geschaffen, schlimmer als die im Uralischen Krieg. Und wie fiele es jetzt auf die Städte zurück: kein neues Land, aber sogar das alte werde vernichtet. Die Wut Delvils schwang Peitschen über sie. Sie hatten vor den Drachen und Delvil zu flüchten. Er verband sich eine Schar von Männern und Frauen, die er fanatisiert hatte und die zu der Sache der Städte hielten. „Erretter“ nannten sie sich. Im Bereich der britischen Städte trieben sie die Menschen in die Keller und Höhlen, zwangen die Senate den Boden überall zu unterwühlen, die Betonblöcke zu schaffen, in denen die Menschen hausten. „Erretter“gruppen formierten sie in allen Städten hinter sich, sobald sie abzogen.
In das offene Land, auf die schottische Hochfläche aber drangen sie ein mit doppelter Inbrunst. Delvil hatte ihnen das mitgegeben: „Die Bestien, die scheusäligen Lurche und Drachen sind ein Unglück. Wir haben sie nicht gerufen. Man hat uns gezwungen nach Grönland zu gehen. Wir wußten keinen Ausweg. Man wollte eine Barbarei aus unserm Land machen. Wir waren schon am Erliegen. Jetzt kommen die Reptilien, die Untiere, verderben uns. Rache an denen da, die sie uns geschafft haben. Rache an den Verbrechern. Tötet sie! Säubert unser Land!“ Und mit Lachen, mit schwingendem seligen Zwerchfell sah er sie zu Haufen fallen, die Hetzer, die großartigen Lehrer neuer Weisheit, diese Erretter der Menschen. Es gab noch wirkliche Erretter. Nach dem Kontinent und nach Amerika gab Delvil diese Meinung: man möge den Augenblick benützen, um sich das Gesindel vom Hals zu schaffen, das ihnen allen das Leben schwer gemacht habe. Man möge den Ausgang der Grönlandfahrt richtig verstehen. Sie sei glücklich ausgefallen. Sie habe es ermöglicht, die westliche Menschheit neu zu befestigen und die Parasiten von ihr abzuschlagen. Man habe freie Ellbogen gesucht; jetzt habe man sie.
Inzwischen blickten er und seine Freunde darauf, Waffen gegen die Untiere zu finden. Sie waren von einem kalten Haß aufgerührt. Alle Strahlen durchbrachen die Tiere. Das Zerreißen der Mißgeschöpfe nutzte nichts; ihre Teile übten mehr Schaden als ihr unversehrter Leib. Wer diese Wesen anfassen und hinmachen könnte. Es war eine heftige und unerträgliche Scham, die Delvil und seine Mitkämpfer erfüllte, daß sie wie ein Urvolk, wie ein Buschmann vor einem Tiger dastanden und keine Rettung wußten.
Es war nicht Delvil, sondern ein unbenannter Mann aus Christiania, der Hilfe brachte. Der, aus einem Sturz der Reptilien gerettet unter Verlust des rechten Armes und der Schulter, fand einen überraschenden Weg. Unter ein sterbendes schon erstarrendes Tier war er geraten. Der vom heißen Blut angespritzte Arm war ihm gewuchert; keinen Schmerz hatte er empfunden, nur ein sonderbares Fluten und Zucken durch den ganzen Leib, ein Blitzen von Lichtern vor den Augen, besonders ein rosa Leuchten, das ihm Wohligkeit und Süße eingab und fast wehrlos machte. Aber das Wallen und Zucken im Rumpf, in der Wirbelsäule, an den Knien und Hüftgelenken nahm plötzlich eine furchtbare drängende Stärke an. Er sagte: so müsse wohl eine Frau fühlen, die gebäre, in den Wochen liege und das heraustreibende Kind stemme ihr den Leib auseinander. Unter dem dumpfen grausamen Schmerz hatte er sich, schon träumend, in der schwimmenden Süßigkeit verloren, hatte seinen Körper nicht frei bekommen. An einem entsetzlichen Stiel hing sein Körper, es war sein Arm, ein Riesenarm, eine weiße geblähte Fleischmasse. In Ekel griff er nach seinem Messer, schnitt hinein, wo er konnte mit dem Arm. Hieb in sich, um die gräßliche Fleischmasse von sich abzutrennen. Die Schnitte und Stiche schmerzten nicht, er hieb wie in ein fremdes Wesen, dicht an seiner Schulter. Und plötzlich stürzte er ab und war bewußtlos. Dieser Mann aus einer Mekifabrik war nach zwei Tagen von einer Rettungskommission gefunden worden, wurde da er noch atmete nach Christiania transportiert. Wo man ihm unter den größten Vorsichtsmaßregeln die Schulter entfernte, die noch nach der Selbstamputation des Mannes zu einer sackartigen Geschwulst gewuchert war. Der Mann war wie ein Kind klein geworden, seine Glieder gummiartig weich; ungeheuer hatte noch nach der Selbstamputation der parasitäre Stummel an ihm gezehrt. Sehr schwer war es ihn zu ernähren, die richtigen Stoffe in ihn zu werfen; der braungelb bis schwärzlich gefärbte Mensch schien ein völlig verändertes Blut zu haben. Sogar seine Augen, die Iris seiner früher blauen Augen hatte einen grauschwarzen Ton angenommen. Soviel er auch in einem Heißhunger verschlang und soviel er trank, er gedieh schwer, fror in seinem Bett, dieses Wunder eines Wesens, das die Urtiere nicht vernichtet hatten. Da erzählte er, dessen Geist nicht verworren war, aber immer unter einer Betäubung lag; von Blitzen die durch ihn gegangen wären, von dem Wallen und Zucken im Rumpf, als ihn das Untier berührte, dies Recken und Reißen und Schneiden in den Finger- und Kniegelenken, in den Wirbeln. Er hatte es jetzt nicht mehr. Noch wie der Stumpf an ihm sog, hatte er es gefühlt. Der träumende, mit dem Gespenst der Tiere ringende Mann meinte, ihm fehle etwas. Er wolle nicht mehr essen, es hätte keinen Sinn. Man müsse ihm das geben, was die Tiere hätten. Dann würde er gesund. Immer wieder drang er, halb bewußtlos, darauf. Die Ärzte, mit Elektrizität und vielen Strahlen arbeitend, konnten den Zustand nicht ändern. Als der Mensch immer trieb und bat, man möchte ihn nach Grönland bringen, an das rosa Licht, von dem die Schiffer berichteten, verfiel man darauf nach den Schleiern zu forschen, die die westlichen Senate für sich von Grönland geholt hatten. Es war ganz still von ihnen geworden. Sie waren in unterirdischen Riesengewölben an der belgischen Nordseeküste und in walisischen Bergen vergraben; niemand kümmerte sich um sie. Von zwei abenteuerlustigen Männern begleitet flog der Skandinavier über die Nordsee. An den flämischen Bänken fauchten Riesenlurche unter ihnen. Fast wonnig atmete der dem Tode nahe Skandinavier schon hier. Und als man ihn auf die grüne Wiese an der flandrischen Küste setzte in der Nähe des Tunnels, der zu den Turmalingewölben führte, veränderte sich sein Blick; er lächelte, suchte sich aufzurichten. In Eile schoben ihn die beiden Männer mit einem Speisevorrat an den Eingang des Tunnels, dem sie sich nicht zu nahen wagten; sie selbst schwirrten vor den nahenden Lurchen nach Osten.
Vor den belgischen Senat wurde nach zwei Wochen dieser Skandinavier geführt. Ein Schwarm von Menschen, aus ihren Kellern gelockt, begleitete ihn. Er predigte von dem Wunder der Turmalinnetze. In ihnen stecke die Seele des Lebendigen. Er war fast so groß wie ein Mann seines Alters, schwankte aber, war übermäßig erregt, blickte frisch; die Haut vorher schwärzlich, war durchsichtig blaß; man sah fast das Blut darunter fluten. Die Haut schilferte, die Haare waren blond, übermäßig lang, auf die Schultern heruntergewachsen. Ten Keir hörte im Keller des Rathauses von Brüssel nur kurze Zeit den sonderbaren phantasierenden einarmigen Skandinavier an, ordnete an, ihn nach Hause zu befördern. Er brachte im Augenblick die entsetzlichen Lurche mit den Schleiern zusammen: ob man gegen die Bestien mit dieser Waffe vorgehen könnte. Am selben Tage war sein Bericht in Delvils Händen.
Von seinem Verwüstungsfeldzug unter den Siedlern heimgekehrt saß der in London. Am Abend dieses Tages waren die beiden Männer einig, daß die Gewölbe der Turmaline besonders zu schützen seien; niemand war an sie heranzulassen, es durfte auch nichts nach außen gelangen von den Kräften der Turmaline und daß die Schleier noch wirksam waren. Den Skandinavier ließ Ten Keir in der Nacht fassen und einsperren. Die schon auftauchenden Gerüchte, von der sonderbaren Wiederherstellung des Mannes, den die Lurche fast getötet hatten, ließ er als Phantastereien zerstreuen. Eine Kommission von Physikern und Biologen prüfte die walisischen Netze. Delvil gehörte ihr an. Ein wütender Gedanke hielt ihn fest: in diesen Netzen waren die Kräfte, mit denen man Bestien Widerstand leisten konnte, und nicht nur den Bestien! Delvil war innerlich verhakt. Er haßte diese Welt, die Erde, die ihm dies antat, die phantastische blöde schreckenlose Macht, die sich vor ihm aufstellte und ihn wie ein wilder Bulle umwarf. Man hatte nicht dazu die Äcker verachten gelernt, das Korn weggeworfen, das der Boden gab, das Vieh, das sich selbst fortpflanzte, um dies zu erdulden. Es steckte eine Rache der Erde dahinter, die ihr aber nicht bekommen sollte. Wie hatten die Berge in Island dagestanden, wie hatten die Vulkane sich mit Donnern und Lava-Ausbrüchen gebärdet, man hatte sie aufgerissen. So hatte man sie behandelt wie die stolzen Flieger, die man segeln ließ, aber die Luft riß man unter ihnen weg – was nutzte das große starke Flugzeug; und wie die Schiffe, die mit einmal nicht mehr fahren konnten, weil kein Meer da war. Das waren Erlebnisse für Schiffe und Flieger.
In die unterirdischen Arbeitsräume ließ Delvil Schleier der Turmaline bringen. Die Physiker, obwohl den herrschenden Familien angehörig, ließ er unter Todesdrohung an die gefahrvolle Arbeit treiben; alle Gewalt war bei ihm. Den Männern und Frauen blieb nichts übrig, nachdem sie dem Schicksal oberirdischer Vernichtung durch die Urtiere entgangen waren, sich den Netzen zu nähern, den eigentlichen Gebärerinnen des Unglücks. Delvil, in wenigen Wochen ganz ergraut, mit magerem Gesicht, forderte sie täglich vor sich. Sie berichteten. Von seinem Haß auf die Urtiere war in allen; aber sie grollten ihm auch. Sie wußten nicht, wie er sie täglich rufen ließ, daß er sie beobachtete prüfte, ob sie nicht schon etwas gefunden hätten, womit sie sich zum Herrn über ihn aufwerfen könnten. Er sprach nur von seiner Wut auf die Tiere, von der Notwendigkeit, die Städte die Einrichtungen die Menschen zu schützen. Kein Wort sagte er davon, daß er auf Rache und Vernichtung aus war. Vermöchte er zu tun, wie der Skandinavier Kylin an den Bergen getan hatte: sie erschüttern, anschwellen machen, bis sie platzten. So Grönland von der Wurzel bis zur Spitze, kreuz und quer aufreißen. Einmal hatte ein persischer König das Meer peitschen lassen, weil es seine Brücke zerbrach: wie gut er den König verstand.
In Pausen, die sonderbar und unverständlich waren, kamen die Bestien von Norden. Das Meer verseuchten ihre Leichen. Unter der Erde arbeitete in London Delvil mit seinen Gehilfen. Sie brauchten Tiere und Menschen zu ihren Versuchen. Delvil war glücklich, als man so weit war, ohne Schaden die Schleier zu zerkleinern, und sie in kleinen Ausschnitten Kreisen Blättern auf Lebewesen tat. Er brüllte: „Die Bestien! Die Kreidezeit! Die ganze Kreidezeit! Was machts aus. Sie sollen kommen. Je mehr, desto besser. Sie sollen es fühlen.“
Ten Keir wagte sich über den Kanal. Delvil empfing ihn zwischen den Physikern, umarmte ihn wild; flüsterte: „Ich schäme mich nicht mehr. Die Krise geht vorüber. Gott, was war das für eine Zeit. Ich habe nicht gelebt, Ten Keir. Sieh mich an, wie mein Gesicht ist: zwanzig Jahre in zwei Monaten. Sie sollen es büßen. Ich werde wieder gesund. Gesunder als ich gewesen bin.“ „Ihr seid schon weit, Delvil?“ „Wir wollen Brüder werden“; er zog den Brüsseler beiseite; sie gingen durch die straßenähnlichen unterirdischen Anlagen; „ich vergesse dir nichts. Weißt du, Ten Keir, wie du mich behandelt hast, als ich einmal bei dir war, vor der Grönlandexpedition? Nein, es war gut. Du hast mich gut behandelt. Ich hatte ja noch mit den Siedlern geliebäugelt. Du hast mich zurecht gestaucht. Gut, Ten Keir. Ich vergesse es dir nicht. Ich war im Begriff mich zu verlieren. Ich war im Begriff mich unter die Hunde zu begeben. Wie hätte ich jetzt geheult über Lurche und Echsen. Ich brauche mich nicht mehr zu schämen. Du auch nicht, Ten Keir, Bruder Ten Keir. Wir wollen Brüder sein. Es kommt der Tag. Glücklich, daß ich dafür aufbewahrt bin. Ich habe Grönland auf dem Gewissen, Island. Ich will noch mehr auf dem Gewissen haben. Sie sollen mich fürchten.“ „Wer denn, Delvil. Wir werden sie bezwingen. Und gut.“ „Nein, nicht gut. Das sagst du, nicht ich. Was mir geschehen ist –“ Delvils Augen blickten starr; Ten Keir erinnerte sich seiner Worte in Brüssel, wie er die Fäuste hob, auf dem Schemel saß und stöhnte: „Ich will sie nicht. Aus tiefstem tiefstem Herzen sage ich dir: ich will sie nicht. Sie sind schon jetzt nicht mehr da.“ Delvil zwang die Dinge. Er haßte sie. Durch Ten Keirs Kopf zuckte einen Augenblick der Gedanke: dieser Delvil hatte selbst etwas von den grauen und grauenhaften Urtieren an sich. Wie sein Gesicht sich wirklich verändert hatte, seit er ihn gesehen hatte; die Züge schwer beweglich, tief eingetragen, die Haut von der Aschfarbe des Betons, zwischen dem er lebte, die Bewegungen langsam und drängend, kein Zucken; seine Stimme selbst ohne Modulation. „Es kann mir nicht genug sein, Ten Keir, daß ich die Lurche besiege. Wir werden sehen, was die Versuche ergeben. Ich will sie an dem Ort aufsuchen, wo sie entstehen. Ich gehe ihnen entgegen. Sie werden nicht leben. Der Boden, der sie geboren hat, wird nicht leben.“ Ten Keir suchte ihm in die Augen zu blicken. Delvil ging weiter: „Wir werden sehen. Unsere Arme werden wieder frei, Bruder Ten Keir. Mein ist die Rache, spricht der Herr.“ Er merkte nicht, daß der Belgier mit gekreuzten Armen unbeweglich dastand.
Als im Sommer der Schwall der grönländischen Urtiere nachließ, war den Helfern Delvils das erste gelungen. Vor die Südspitze von Skandinavien, Jütland, über die Nordsee, auf die schottischen Berge südlich des Moray Firth legte man die neuen Waffen. Das war das Sonderbarste Schrecklichste, was die Erde bisher gesehen hatte. Man errichtete im Ozean auf den stärksten Schiffen, im schottischen Gebirge auf dem tausend Meter hohen Carrin Gorm, dem Meall Thonail, Creay Meaghaidh, hohe turmartige Gebilde. Von weitem waren es schlanke Felsen mit unregelmäßigen Auswüchsen. Aber wer sie lange Zeit beobachtete, bemerkte, daß sie ihre Umrisse veränderten, hier breiter wurden als da, dort einen Auswuchs höher trugen als vorher, unten einsanken, in die Höhe sich streckten. Dunkel waren die Gebilde wie großflockiger Porphyr, Partien schienen runzlig wie eine Haut, andere warfen die Lichtstrahlen zurück, glänzten wie Fell.
Auf dem Boden der Schiffe, den Kuppen der schottischen Berge hatte man diese Unwesen errichtet, mit Hilfe der Turmalinschleier. Man hatte Steine und Stämme zusammengehäuft und sich vermählen lassen. Wie sie unter dem Feuer der Strahlungen ins Wachsen gerieten und bevor sie erloschen, schüttete man wie auf glimmende Kohlen Schichten Tierleiber Pflanzen Gräser auf sie. In diesen Boden trug man zuletzt Menschen ein. Die Biologen und Physiker der Mekifabriken waren mit den Techniken am lebenden Organismus vertraut; sie hatten rasch gesehen, die Strahlungen der Schleier stellten unbändige zuerst gar nicht dosierbare Reizstoffe für die lebende Substanz dar. Die Trieb- und Wachstumskraft, die in dem einzelnen geformten Tier- Pflanzen- Steinkörper begrenzt war, die die Tierkörper reifen, dann aber altern und sterben ließ, strömte massiv und wie ein Katarakt aus den Gefäßen der Turmalinkristalle und ohne Ende. Man hatte rein in Händen dieses im Feuer der Erde und Gestirnen hausende Urwesen. Sie konnten die Nähr- und Reizlösungen entbehren, die noch Glossing und Marduk für ihre Versuche an Pflanzen und Bäumen verwandt hatten. Das fürchterlich Zerstörende dieser Gewalt wurde bei den Versuchen klar: sie zersprengte jeden Zusammenhang, trieb Teile hervor, unter Vernichtung des Organismus. Sie war wie eine Flamme gleichgültig gegen Bewegtes Ruhendes Hartes Weiches. Es gelang in Pflanzen-, dann in Tierversuchen, die strömende Reizmasse auf die Drüsen und Strangsysteme zu richten, die den Organismus von sich aus zum Wachsen bringen. Die Jugend der Organismen wurde verlängert. Der Körper wurde nicht zerstört. Dann hatte man Siedler aufgegriffen und zu Menschenversuchen verwandt. Die Menschen, die man jetzt auf den Stein- und Baumfundamenten einpflanzte, waren Anhänger der Senate selbst. Delvil hatte sich angeboten, man hatte ihn zurückgehalten. In den Scharen, die mit ihm auf die Vernichtungszüge gegen die britischen Siedler gezogen waren, fanden sich dann genug, die sich hergaben.
Gerüste wurden auf den Schiffen und Bergen errichtet; Türme aus lebenden Stoffen gebaut. Zum erstenmal standen Menschen da auf Gerüsten Galerien Plattformen um die Fundamente, dirigierten, dosierten Schleierteile, dämpften mischten arbeiteten das tierische und pflanzliche Leben aus dem Material heraus. Ihr Entzücken; Ingenieure Biologen Physiker blickten auf Delvil, der streng gespannt wie immer beobachtete und wanderte. Er hatte den Skandinavier, der den Urtieren entronnen war, gefragt, ob er von den Gewölben an der flandrischen Küste schweigen werde. Dieser Mann, der verneinte, war auf den Meall Thonail in Schottland geschleppt worden, in die unterste Masse der Steine und Balken eingebacken worden: „Es macht dir ja nichts aus“ lächelte den Mann Delvil an, wie man ihn aufs Gerüst brachte; „du hast schon einmal unter den Lurchen gelegen. Es wird dich nicht überraschen. Du lebst selber von Gnaden der Schleier. Du wirst einem nützlichen Zweck dienen.“ Der langhaarige Skandinavier heulte vor Entsetzen, auf den wuchernden Teig schauend, auf den rechts und links Moos Erde Bretter geworfen wurde. „Das geschieht, unser Freund, damit die anderen, die oben sind, unsere Männer und Frauen, euch verzehren. Willst du schweigen.“ Dessen Züge waren gequält, aber strahlend frisch wie vorher: „Wenn ich deinen Turm sehe, Delvil, so preise ich die Macht der Erde. Du wirst sie nicht besiegen. Ich preise die große Macht. Ich fühle mich in ihr. Es ist keine Grenze zwischen ihr und mir. Ich fürchte mich nicht. Ihr werdet mich auflösen. Laß nur. Ich will dahin.“ Und wie man ihn faßte, nackt, die Riesenzange aus Kristall ihn unter dem Rippenbogen packte, über den Teig hielt, sang er dämmernd und lallend sein Loblied auf die Erde. Dann wucherten seine herabhängenden Hände und Füße, von der aufdrängenden Bewegung gefaßt, wulstig klobig in den Teig. Die Zange ließ ihn. Er stand, fiel auf die Hand. Bog sich, als wolle er sich hochbuckeln, vom Boden losmachen; aber aus seinem Rücken stachelten die Wirbelfortsätze; wie eine Tonne wölbte sich sein Brustkorb. In die Bodenmasse versenkt sein Kopf; Balken, Äste treibend, schlossen ihn in ihren Filz ein.
Etagenweise wurde der Bau aufgerichtet. Dann wurde der Turm mit den ausgewählten Menschen, den Anhängern der Senate, beschickt. Wochenlang dauerte ihr Einpflanzen, das Zementieren eines einzelnen Menschen. Auf den erlöschenden Nähr- und Stützteig wurden sie gestellt, die noch armselig kleinen nackten Mannes- und Frauenkörper auf den knisternden begierigen Brei. Die Ausläufer und Zacken des Unterturms senkten sich langsam und immer wieder von den Leitern gehemmt in die Beine und Arme der Menschenkörper. Je mehr Ranken und Sprossen des Unterturmes sich an den Körper legten, mit ihrer Haut verschmolzen, um so stärker trieb man die Leiber der sich Opfernden auf. Man verständigte sich mit ihnen: Die Sprache der Opfer wurde schwerfälliger lallend, dem Wachsen der Zunge entsprechend. Man mußte warten, bis sich der Körper der Schädel die Kiefer angepaßt hatten. Man band mächtige Schalltrichter vor die Münder der Opfer; bald erwies sich, daß man sie nicht benötigte. Die Opfer auch fürchteten, die Trichter würden mit ihnen zusammenwachsen und rissen sie sich ab. Ihre Stimme dröhnte tief, klang dabei fern unklar verschollen. Die Errichter der lebenden Türme mußten alles daran setzen, die Opfer bei Bewußtsein zu erhalten. Das knochentreibende gehirnweitende Wachstum, wenn auch langsam mit Nachlaß und Pausen getrieben, gefährdete immer wieder die Besinnung der Turmmenschen. Sie waren oft im Begriff, ihren Geist und ihr Menschenwesen aufzugeben und ins bloße Wuchern und Wachsen einzudämmern. Bis man wieder ihre Stimme hörte, ihre Augen, deren quellende Lider zugefallen waren, sich öffneten, trübe fragende Blicke nach den Galerien gingen, wo die kleinen Menschen des Experiments standen und winkten, – mit grellen Fahnen, später mit Lichtzeichen, weil die Turmmenschen nahe und nackte Gegenstände nicht unterschieden.
Ihre Augäpfel waren größer als ein lebender Mann; sturmartig blies der Atem aus ihrem Mund, den sie offen hielten, als wenn sie schrien. Die Kiefer waren ihnen im Anfang zu schwer und hingen. Wenig und selten wurde Nahrung in ihren Mund, über die hängenden Kiefer gefahren und gestürzt; die Riesenwesen, mühselig gurgelnd und schluckend, wurzelten in dem Tier- und Pflanzenboden. Ihre Beine waren von den Hüftgelenken, dem Becken an knollig versteift; breit standen die Beine, verbreiterten sich massig nach abwärts, gingen in Stränge aufgelöst, ihren Fleischcharakter verlierend, in die Bodenmasse über. Von da strömten Säfte und Nährmassen in ihren Leib. Durch ihre Bauchdecken, in die Weichen wucherten Baumstämme und Tierrümpfe in sie, breiteten sich in dem Gekröse aus, brachen in die Därme ein, verlöteten mit ihnen. Tierblut, Pflanzensäfte ergossen sie in die Därme, die sich langsam hoben senkten, wurmartig zusammenzogen und streckten. Dies war die Bewegung, die man in halber Höhe der Menschentürme sah: das langsame Hin und Her der Därme, die sich versteiften hoben und ihren Krampf lösend wieder herunterstiegen. Mit sich zogen sie jedesmal den schwankenden lockeren Abhang an sich, den aufklimmenden Wald, die hingedehnten, aus dem Wald sprießenden Tierleiber: die übergroßen Pferde, die aufrecht standen, die Vorderbeine in den Leib des Tiermenschen vergraben, mit ihren Hälsen sich aus seinem Leib windend und bewußtlos an den Blättern, dem weichen Baumholz kauend. Die Rinder, die aus der Bauchhöhle des Menschenriesen zu springen schienen, ganz wie wollüstig im Freßdrang in die Gräser des Waldbodens unten gewühlt; aber ihre Körper bogen sie nach hinten hoch auf; was sie fraßen, fraßen sie nicht für sich; ihre Hüften und Hinterschenkel sah man nicht mehr; sie waren im Bauch der Turmmenschen verschwunden und mit ihm verbacken. Sie waren mahlende Rinder und ein Mund, den der Riese über ihnen öffnete, eine Röhre aus der er sog. Die Hoden der Männer verschmolzen mit Baumwipfeln und Blüten; die strömten ihren Saft in die runden Körper, die sie wie Beeren trugen. Oft sah man die Riesen unter der Überfülle der Säfte sich biegen, stöhnen und ihren Samen vergießen. Immer wieder dämpften die Leiter die gefährlichen traumhaft ausfahrenden Bewegungen. Über die nackte Haut der Rümpfe, die erstarren konnte, warf man Hühner Schwäne. Schafe mit dicker Wolle breitete man über die Arme. Man wagte es an einer skandinavischen Insel, zwei starkmähnige Löwen, die an der afrikanischen Nordküste gefangen waren, aus Käfigen lebend auf die Schultern des Turmmenschen springen zu lassen. Sie bissen sich, krallten sich, während der Riese – es war einstmals Quick Baker, ein Sohn der Siedlerin White Baker – zwinkerte, an seinem Hals fest. Das war der Ort, den man ihnen zugedacht hatte, den sie decken sollten. Sie zogen die Zähne nicht mehr aus der bluttriefenden Haut. Die Tatzen ließen sie los; aber schlaff hingen die gelben Körper über dem rotüberrieselten Nacken; ihr Fell schmiegte sich an den Riesen; ihre Beine waren nur Wülste auf der Menschenhaut. Über ihnen pulsierte der meterhohe Kopf des Turmwesens, von langen buschigen Haaren überschaukelt. Dumpfe fast stumme Wesen, unbeweglich luftschnaufend waren sie. Unendlich träge ihre Bewegungen. Nach Menschenart die Bildungen des Mundes der Nase der Ohren, aber verstrichen wie mit Stein und Holz gemauert. Das Blut der Steine und Pflanzen wallte auch in ihnen.
Man hatte, als man die Türme errichtet, die Gerüste abgebrochen hatte, auf den Schiffen, die eigentlich verankerte Flöße waren, noch nötig, das Meerwasser durch die untersten Steinmassen aus Röhren laufen zu lassen, von Zeit zu Zeit neue Erde und Pflanzenhaufen über den Fuß des Turmes zu schaufeln. Dann konnte man den Riesenmenschen sich, dem Wind, dem Regen, der Wärme Kälte überlassen. Die Wesen auf den Bergspitzen Schottlands speiste man mit Quellen.
Eine Zahl dieser Türme wurde schon während des Baus von den Untieren vernichtet. Die Gründung der Seetürme nahm man dann an versteckten Stellen der Irischen See vor. Fast hundert stellte man her, dann noch zweihundert. Die schleppte man nach Norden vor die schottische Küste. In ihrem Rücken, unter ihrem Schutz vollendete man den Bau der Bergtürme. Eine Verteidigungslinie wurde mit den Giganten vom Sognefjord nach Süden um die jütische Küste über die Nordsee zu den Britischen Inseln gezogen. Im Ozean, auf den Gebirgen standen die Menschentürme. Ihre Arme hingen schlaff herab. Vor der Brust, die man geschützt hatte, trugen sie lose weiße Netze bis herab zum Nabel; das war ein Stück des Turmalinschleiers. Und wie die Lurche, die Riesenvögel mit den bezahnten Kiefern, die schwimmenden Drachen, wandernden Gallerten sich ihnen näherten, fühlten sie sich von den Menschentürmen gelockt. Wonne ging von dem Schleier aus. Was im Umkreis an gejagtem und verendendem grönländischen Getier sich bewegte, drängte auf sie, lechzte gegen das Floß, schob sich schnuppernd schlurfend gegen die Brust des Menschenturms. Von der Seite zuckten rascher und rascher die Arme des menschlichen Gebäudes vor. Die trüben Augen oben zwinkerten, die Stirnen legten sich in finstere Querfalten. Da konnten die Arme die Lurche Vögel Quallen Gallerten fassen. Hungrig war immer das Turmwesen. Dumpf stöhnte es. Quetschte mit der Kante des Ellbogens das anklimmende Tier. Das Maul sperrte es. Der Kopf bog sich herunter. Das japsende Tier zergriffen zerpflückten die Finger, die Hände wühlten in dem Sud, stopften triefende Stücke in den Abgrund des Rachens, der dampfte. Und die Lippen Wangen Halswampen zitterten dem Unwesen, dem Menschenbaum, als wollte es lachen. Seine Augen schloß und öffnete es rasch einigemal.
Der Turm in den Bergen schmetterte die Lurche, die gierigen Drachen unter sich. Unten wuchs sein Boden, neue Säfte stiegen in ihm auf; er zwinkerte, das Wasser troff aus seinem Mund. Traurig dumpf brüllte das Wesen.
Sehr eng und fest schlossen sich unter dem Unheil in den Stadtschaften die Menschen zusammen. Die Senate, schon während der Grönlandexpedition sehr auf der Hut und fast Bündnissen genähert, machten sich keine Sorge mehr um die Menschen. Die Stadtschaften waren ihnen gleichgültig. Sie waren kindisch gewesen, daß sie sich um das Auslaufen der Städte, um die Siedler bekümmert hatten. Angst, daß die Menschen über sie fallen würden, kannten die Senate nicht mehr. Sie waren bis auf die Zähne bewaffnet, die Maschinen konnten nur sie bauen; die Anlage, den Sinn, die Bedienung der feinen Apparate, der Elementumsetzer Kraftverwandler Kraftspeicher kannten nur die Männer und Frauen ihres Kreises; sie konnten die Mekifabriken still legen und alle verhungern lassen. Und nun ragten die Menschentürme!
Wegweiser der Senate war der gigantische haßgetragene Delvil. In London Brüssel Paris Lyon Hamburg Christiania Kopenhagen standen die Senate: „Laßt sie verkommen, die Stadtschaften. Machen wir uns Platz.“ Die Ereignisse vor der Grönlandexpedition hatten schon an den Senaten wie an einem Sieb geschüttelt. Jetzt fielen die letzten schwankenden nieder. Sicherheitskonvente nannten sich die Senate. Die Worte, die sie gebrauchten, waren die alten: „Errettung der Stadtschaften“, aber sie waren jetzt nicht mehr passiv für ihre eigene Sache wie vor der Expedition. Escoyez in Barcelona sagte: „Autonom sind wir. Niemandes Diener. Niemandes Sachwalter. Wer in unserem Schatten ruhen will, gut. Wer nicht, nicht. Wer die Macht hat, hat die Freiheit. Wir haben die Freiheit. Wir wissen, wem wir Verantwortung schulden. Niemand wird uns bewegen, anderen Zwecken zu dienen als unseren. Verrucht ist, wer etwas anderes mit uns vorhat.“ Wie in längst vergangenen Jahrhunderten gingen Mitglieder der Senate verschleiert und unsichtbar unter den Menschen der Stadtschaften. Was Delvil nördlich Londons im großen übte, das Verjagen und Vernichten der Siedlertruppen, wurde im kleinen überall geübt. Die einzelnen Männer und Frauen in den Senaten waren von großer Wildheit Raschheit. Es gab Spannungen unter ihnen; man wußte auch, daß eine kleine Gruppe hinter Ten Keir stand, der von Delvil an die Wand gedrückt wurde, – hinter Ten Keir, der den alten Weg der Ausbreitung der Stadtschaften gehen wollte. Aber die neue revolutionäre Schicht der Herrengeschlechter ließ ihn nicht aufkommen.
Von dem Boden unter die Erde wurden die Massen der westlichen Stadtschaften getrieben; unter der Erde konnte sich die ganze und alleinige Kraft der Herren entwickeln. Nachdem die Fliehenden die einfachen Wohnsitze vorläufig unter den Boden verlegt hatten, legten die Herren, stolz und freudig, Fabriken Apparate Waffen unter die Erde. Die Mekifabriken waren in Hamburg und Christiania von Bestien vernichtet worden: das war das Stichwort, alles an Anlagen unter die Erde zu werfen. Jubel der Herren überall, wo dies geschah; man konnte zeigen, was man war.
In die Erde wühlten sich die Menschenmassen ein, vor den verderbenden Untieren und getreten von den stolzen Männern und Männinnen. Wie ein Baum, ein Wald mit den Wurzeln nach oben wuchsen die Städte in die Tiefe. Meterdicke Beton- und Felsplatten bedeckten die Stellen der früheren Plätze und Straßen, oder sie lagen wüst. Als die Mekifabriken vor Jahrhunderten aufkamen, hatte man Äcker und Wälder verlassen, sie ihrer menschenlosen Wildnis zurückgegeben, sich in den Stadtreichen zusammengezogen; wie Fliegen an der Honigstange hingen die Menschen an den Apparaten. Jetzt gab man noch den Platz der Stadtschaften frei. Wohnte, wie man konnte, nicht wie ein Ameisenhaufen, der sich nach dem Boden richtet. Man konnte die Erde aufreißen, schuf Stück für Stück von dem, was man brauchte, mit eigener Hand. Nistete sich in die Erde ein wie eine Käferfamilie in tiefer Baumborke; wühlte sich tiefer und tiefer ein.
Einige Monate nach den ersten betäubenden Überfällen war, getrieben von den Racheausbrüchen Delvils, der nächst dem Kanal gelegene Teil Londons, die Gegenden Colchester Ipswich, später die südlichen Vorstädte Hastings Ramsgate Dover von der Erdoberfläche verschwunden, auf der sie viele Jahrhunderte gestanden hatte. Zwischen den gesprengten Häusern bewegten sich die Wildnis und der Wald. Die Betonplatten ließ man frei liegen unter dem Licht; Moos und grüne Flechten überzogen sie. In den Platten waren verdeckte Öffnungen gelassen für Luft und die Einfuhr der Rohstoffe. Zwischen die wechselnden Schichten der Erde trieb man Schächte wie in ein Bergwerk. Man baute an einem Korallenstock. Von vielen Stellen zugleich stieß man vor, dann berührte man sich in der Tiefe. Die Sande Schotter des Alluvium und Diluvium durchsetzte man; tiefliegendes Grundwasser drängte man ab, in die Lagen undurchlässigen Tons schnitt man sich ein. Ruhig gewaltig dehnten sich abgrundtief unter der Erde die neuen Städte mit den Menschen, das Lebendige von London Oxford Reading Colchester Hastings Ramsgate Luton Hartford Aldershot. In den Boden eines alten abgeschwemmten Meeres ließen sie sich herunter, zwischen Mergel und Kalke, rumorend zwischen den stummen Resten der dünnschaligen Muscheln einer vergangenen Erdperiode, den Trümmern jahrtausendalter Kopffüßler. Sie bogen Erdwände auseinander, wo einmal mit der Hochflut Myriaden Flügelschnecken, Generation auf Generation, gespielt hatten, kristallklare Wesen mit starken Ruderfüßen, die sie beim Schwimmen durch das schäumende Wasser wie Flügel auf und ab bewegten.
Als Stockwerk auf Stockwerk in die Tonmassen gestoßen waren, immer größere Höhlen aufgerissen, die Erdmassen, gesprengten Felsen zwischen den oberirdischen Häuserreihen zu Schutthalden aufgestapelt, hatte niemand mehr ein Furchtgefühl. Sie flohen nicht vor den Urtieren. Sie waren auf einer neuen gewaltigen Expedition. Die Senate riefen: „Von der Erde weg“ und sie gruben sich wonnig ein; das Wunder des menschlichen Könnens, das die Grönlandfahrer erlebt hatten, erlebten sie jetzt selbst.
Noch einmal übten damals die westlichen Stadtschaften Europas ihre ungeheure Saugkraft aus. Das von Furcht eingeleitete, von Rachegefühl befeuerte Vorgehen der Westlichen faszinierte die anwohnenden Menschenmassen. Man hatte nicht mehr daran gedacht, Rücksicht auf die Siedler zu nehmen; keine Wirkung hatte man mit der großen Polarexpedition erzielt. Jetzt, im Haß gegen die Siedler gekehrt, verführte man sie. Von Westen und Norden waren Menschen auf der Flucht vor den anwandernden sterbenden Tierscharen, vor der Tierlava, die der grönländische Vulkan um sich schüttete. Zugleich wallten Massen von Süden und Osten an die Küsten, Haß, heiße Freude über das Verderben der stolzen Stadtschaften in ihnen, dann die Lust, den Kampf zu sehen. Aber zuletzt wurden sie betört, selber eingestrudelt. Die Riesenstädte, vor die sie kamen, waren wie von Bränden Erderschütterungen zerwühlt. Die schrecklichen, sich über sie erhebenden zusammengewachsenen Reste der Leiber von Urtieren Häuserbalken Wäldern Menschen, die verfaulenden Stadtteile, ein einsinkender Morast von Verwesung, der seine grünschwärzliche Brühe, ammoniakalischen und schwefeldunstenden Wust durch leere Straßen rieseln ließ. Auf diesen schwärzlichen kilometerlangen haushohen Morasten, die absanken, wie Gletscher troffen, ihre Lachen vergossen, hockten schwarze Schwärme von Raben ein, geschwollene starke Tiere. Weit hörten die aufziehenden Menschen das Geschrei der nistenden Vogelvölker. Die Menschen, die von Süden heraufzogen, glaubten Gas Rauch zu sehen; wie sie sich näherten, wirbelten die Vögel auf, die sich mästeten. Die Urtiere, über den Stadtlandschaften der Nordseeküste, der Ostsee, des westlichen Frankreichs und Deutschlands liegend und zerfallend, hatten über die Häuser Anlagen Plätze den grünbraunen quellenden Boden eines Sumpfes getragen. Sie hatten, sich bewegend wachsend zerschnitten und auseinanderrollend, Häuser Erde und Lebendiges ineinander gemahlen; ein neuer Boden war gebildet; der Wind rührte schon daran, Waldtiere rückten gegen ihn vor. Ein Schwall östlicher Menschen trieb über die deutsche Tiefebene hin; durch Süddeutschland bewegten sie sich, die starkbewehrte Mark berührten sie und lösten Menschen aus den Hordenverbänden. Asiaten waren unter ihnen, Mischlinge aus den russischen Steppen. Sie setzten sich auf die Trümmer der alten Städte. Fuhren in die Schächte ein.
Erst waren die Mekifabriken unter die Erde gestiegen neben die großen Laboratorien, die man schon seit langen Jahrzehnten in die Erde geschoben hatte. Die Apparate Fabriken folgten. Zuletzt kamen die Menschenmassen, die sich eine Weile in vorläufigen Betonhöhlen versteckt hatten oder nach Osten geflohen waren.
Sie waren abgetrennt von dem Himmel. In diesen meilenweiten warmen Bezirken in der Erdrinde gab es nicht Tag und Nacht. Keine Vögel sangen; Gräser Pflanzen Bäume wuchsen nicht. Man hatte keinen Schnee, keinen Hagel Regen Wind. Die Jahreszeiten wechselten nicht. Betonplatten sperrten die seitlich und von oben andrängenden Erdmassen zurück. In den Buchten Gewölben, den meilenweiten Gängen die Häuser Fabriken Plätze Alleen. Die Schächte und Höhlen waren in die Erde gebrannt. Den Sauerstoff der Luft stellten sie mit Maschinen her, trieben ihn in diese Gänge und Schluchten, die wie Blasen in der Erde waren. Das Wasser der Themse zwangen die Londoner in ihre Gruft herunterzusteigen; durch die Alleen ließen sie den Fluß ziehen, Brücken schlugen sie über ihn. In großem Bogen wand sich der Fluß durch die Betonstadt in dem Bett, das man ihm gezogen hatte. Zuletzt ließ man ihn anschwellen; er stürzte eine Betonwand herunter in ein Tal, das nicht ausgekleidet war. In diese Ton- und Kalkmassen sickerte er ein, konnte nicht zurückschlagen; seine schäumenden, immer wieder polternden Reste wurden um die Stadtanlagen im Kreis herumgeführt, bis sie sich in Sand und Schotter erschöpften.
Das Sonnenlicht kam nicht herunter. Aber die starken Londoner ließen es herabsteigen. Da stand der glühende Gasball, die Sonne, in abenteuerlicher Ferne im Äther, das gelbweiße Flammenmeer, das mit dem Eis des Äthers kämpfte; die Menschen auf der britischen Insel fingen sein Licht zum Hohn in Spiegeln auf, warfen es in die Tiefe über die lachenden herumvagierenden Massen. Da war es dünn bleich blutlos wie Mondschein am Tage, starb neben dem weißen brillierenden farbenspritzenden Lichtgewoge an den Decken der Gewölbe.
In die Felslager der großen Tiefe nahe dem Meer, an der Südküste im Gebiet der South Downs, öffnete man weite Hallen für Vergnügungen. In diesen Steinhöhlen wuchs die Messingstadt, so genannt nach dem Behang der Häuser Theater. Im Dunkel lagen große Teile dieser Stadt; mit Riesenscheinwerfern erhellte man sie. Der Ort hatte seine eigene Polizei wegen der außerordentlichen Zahl Verbrechen, die hier Tag um Tag verübt wurden. Hierhin fluteten dauernd Massen. Berüchtigt war besonders bei den Siedlern dieser Ort, der die Menschen verführte. Aber auch die Senate, so gleichgültig ihnen das Einzelschicksal war, sahen sich veranlaßt, von ihren Waffen an die Polizei der Messingstadt abzugeben, weil hier das Chaos drohte. Die Menschen der westlichen Rassen, die in die Erdstädte einströmten, waren bald von einer unerhörten Hitzigkeit. Sie lagen nicht mehr schlaff herum; die Wildheit und Spannung der Senate schien auch auf sie geflossen zu sein. Die fremden begierigen Haufen vermehrten die Erregung. In den Vergnügungsbauten und Gewölben, in denen Männer und Frauen umgingen, kam es zu strudelnden Kämpfen. Die Vergnügungen, die die Menschen sich boten, genügten ihnen nicht; Kampf war eine Steigerung. Die Männer des Senats mußten eingreifen; mit kleinen elektrisch geladenen Stäbchen schlugen sie im Gedränge auf die Hände Stirnen Ohren der Kämpfenden, betäubten sie. Oder machten sich mit ihren Silberreifen Platz. Auf einen starken Druck der geballten Faust schoß aus dem silbernen Fingerreif eine zungenartige Spitze, nicht länger als ein Nagelglied. Die Spitze war ein durchbohrtes Röhrchen, eine Kanüle. Die stießen sie während des Ringens dem Gegner in eine beliebige Stelle seines Leibes, Brust Schenkel Hals, lähmten ihn mit dem Tropfen, den die Kanüle entleerte. Zogen sie den Ring nicht rasch zurück, so töteten sie den Gegner mit einem Stich. Sonst erwachte der Betäubte nach Tagen, kam aber nicht mehr zum vollen Gebrauch seiner Glieder; der gestochene Arm blieb lahm, die getroffene Brust wurde kurzatmig. Die Polizisten waren mehr gefürchtet als die Senatoren, die nur ab und zu unsichtbar erschienen, sich nie einmischten, nur beobachteten. Man sagte, diese Männer und Frauen des Senats erschienen in der Messingstadt, um die Leidenschaften zu erregen, ihre Polizisten zu gefährden und sich an den Kämpfen zu delektieren.
In der Messingstadt war die große Arena Londons. Man führte Stier- und Löwenkämpfe ein. Bisweilen wurden auch von unsichtbaren Händen über die Zuschauer Menschen in die Arena geworfen, zum wonnigen Entsetzen der Zuschauer. Es hieß, dies seien Verbrecher oder Attentäter auf Senate; man erfuhr nie Sicheres, weil kein Mensch die Arena lebend verließ. Die Tierkämpfe fanden immer in völliger Dunkelheit statt. In völliger Finsternis ließ man die Stiere in die Arena, über die gelegentlich ein Licht huschte. Das starke Tier aber war blendend hell. Blendend hell stürmte es, sich selbst leuchtend, in den schwarzen Raum. Stirn Nacken Beine waren mit einem besonderen Lichtgemisch bestrichen. Das war ein Stoff, dessen sich Schauspieler bedienten und von dem man ein wunderbares Gerede machte. Der Stoff, sehr verschieden von dem Lichtgemisch, welches die Leuchtfarben der Wände und der ganzen Erdstädte erzeugte, übertrug sich leicht, blieb an Fingern Kleidern hängen. Mit Stillschweigen und Angst saßen die Zuschauer. Die tierischen Körper liefen leuchtend durch den Raum, der unter ihren Tritten phosphoreszierend aufdämmerte. Die Erinnerung an Geschichten, die man sich zutrug, wurde in den Massen wach. Von einem belgischen ehemaligen Siedler wußte man, der sich Ibis nannte und nach der britischen Erdstadt London sich hatte locken lassen.
Der war mit einer jungen Frau gekommen, Laponie, die er einem andern entrissen hatte. Sie war wie er lustvoll in die unterirdische Stadtschaft gestürzt, hatte von dem Lichtgemisch gehört, das die Schauspieler auf den Bühnen verwandten. Und hatte sich’s verschafft. Sie strich es sich nicht auf das Gesicht und die Hände wie der Schauspieler, dem sie es abgekost hatte. Sondern auf die Spitzen ihrer Brüste und über ihre geheimen Organe. Wollte ihren Mann berauschen. Und wie es Nacht war und er sich ihr nähern wollte im finsteren Zimmer, wich sie ihm aus und hatte ihre Freude, wie sie sein Entzücken sah und hörte und fühlte. Wie er nicht ihr nachstürzte und nicht sie sah, sondern immer nur den Schein ihrer Brüste und das Flimmern um ihre geheimen Organe. Sie ließ ihn nicht gar zu stürmisch an sich, damit nicht sein Gesicht von dem Lichtgemisch empfinge. Aber dann lag er und sie; und sie schliefen in einer unendlich wohligen Heiterkeit. Ibis aber trug an seinen Lustorganen den Stoff mit sich fort.
Er war ein üppiger blonder Flame, der sich seiner neuen Kraft nicht genug freuen konnte. Mußte sie zu anderen Weibern tragen, denen er verheimlichte, von wo er sie hatte. Sie kamen mit der liebenden Laponie zusammen, sprachen nicht von Ibis, aber ihr Geheimnis behielten sie nicht. Da wurde Laponie von Eifersucht geplagt. Sie suchte das Gemisch von ihren Schamlippen zu entfernen, von ihren Brüsten; es gelang ihr nicht, so verzweifelt sie sich wusch und rieb. Und wie sich Ibis ihr nachts näherte, wollte sie sich verdecken verstecken. Er sah sie aber, sah ihre geheimen Organe und Brüste. Sie lief aus der Stube, in die finstere Straße. Und da sahen die Männer und Frauen die beiden laufen, Mann und Frau, aber nicht Mann und Frau, sondern hintereinander, bald getrennt, bald dicht zusammen, schimmernd die Muschel eines Weibes und Rute und Behang eines Mannes, zitternd, im Kreis herumlaufend. Laponie sah nur Ibis, wenn sie sich umdrehte und dachte nicht an ihre Scham, er sah nur sie und dachte nicht an seine. Sie flog in ihr Haus zurück, wollte ihm zürnen. Aber wie sie im Finstern so dastanden, lachte sie; sie konnte ihm nicht zürnen. Er merkte nur auf ihr Lachen. Sie fielen sich in die Arme.
Aber doch war etwas in der Seele der zarten Laponie stecken geblieben. Sie mochte ihren schimmernden Schmuck nicht mehr, ruhte nicht, bis sie von dem Schauspieler, der ihr für zehn Küsse das Licht geschenkt hatte, das Wasser erhielt, mit dem man es auslöschen konnte. Stolz lockte sie im Dunkel den kecken Ibis, der verblüfft sich drehte, sie nicht fand. Sie aber kicherte, schlug mit einem Stöckchen auf seine leuchtenden Geheimnisse, daß er schrie. Und wie ein Kobold lief sie um ihn, prügelte ihn klatschend. Er wollte sie fassen, um sie an sich zu drücken, diese Nacht und viele folgende. Aber sie hielt sich tapfer, ließ ihn die Schläge ihrer Eifersucht fühlen. Bis der Schauspieler, zu dem sie gern ging und dem sie ihr Leid klagte, ihr gute Worte gab und im Lauf der Unterhaltung ihr selbst wieder das Licht ansteckte. Zu Hause erst merkte sie, wie sie ihr Zimmer verfinsterte und den schönen Tag bedachte, was sie mitgebracht hatte. Konnte nicht zurücklaufen, um den Schauspieler, den schlimmen, um das grüne Salzwasser zu bitten; Ibis war schon im Haus. Da legte sie sich stracks in ihr Bett, ließ an sich leuchten, was leuchten wollte. Ibis polterte draußen, öffnete die Tür. Sie lag starr, hielt den Atem an; jetzt würde er es sehen. Und er sah es. Stand an der Tür, klatschte in die Hände: „Da bist du ja, Laponie. Da seh ich dich. Endlich.“ „Nein, ich bin nicht für dich da.“ „Für wen ist denn das, süße Laponie. Und warum diesmal nur die Muschel, die kleine Muschel? Warum nicht auch die Knospen an der Brust?“ „Es ist nicht für dich. Ich habe mich – gerächt.“ „Was für Rache! Laponie, du leuchtest. Wenn du mich prügelst, das ist schlimm.“
Und er hatte sie schon, die zappelte, gepackt. Sie warf sich einen Augenblick widerspenstig, weil er nicht zürnen wollte, auf die Seite, aber bald brannten sie zusammen.
Und es gelang ihr nicht ernst zu bleiben, wenn sie ihn abends anleuchten sah. Ja, sie bemerkte, daß sie fröhlich und fröhlicher wurde. Und auch er wurde von Tag zu Tag fröhlicher. Sie verbargen sich voreinander. Ibis sagte zu Laponie: „Wir lieben uns zu sehr. Wir müssen uns eine kleine Zeit trennen.“ Sie hielten es nur ein paar Tage aus. Sie wußten nicht, daß der Lichtstoff sie lustig und lustiger machte. Eine himmlische Fröhlichkeit erfüllte beide. Und so erging es den Frauen, die Ibis berührt hatte, und die sich nicht mit dem grünen Wasser wuschen. Sie konnten sich in ihrer Fröhlichkeit nicht lange behaupten. Fünf Monate, und dann lebte er nicht mehr und sie nicht mehr. Und all die Zahllosen, die sich von dem Lichtgemisch nicht getrennt hatten, die Mädchen die Schauspieler die Giftschlucker waren hingegangen. Das Flimmern Glimmen Glühen der bestrichenen Organe ließ nach, die Spannung verblieb. Und während die Menschen gelb und unsicher wurden, wurden sie ausgelassen. Trieben Possen von morgens bis abends. Es kam zur Tanzwut und Liebesraserei. Und wenn diese Menschen, das wußte man, anfingen zu tanzen und den Schemel unter sich nicht ertrugen, dann war ihr Ende nahe. Im wörtlichen Sinne tanzten sie ins Grab, in das Grab, das sie sich oft in Übermut selbst hatten schütten und schmücken lassen. Man warf die Toten damals aus der Erdstadt auf die Oberfläche zwischen die Schuttmassen. Diesen Tanzenden wählte man in einer besonderen Ergriffenheit in der Unterstadt einen Platz; es war ja fast ein Spiel, was da ablief. Es schien, als ob sie im Tanz die letzte Spur des Lichtstoffs verbrauchten. Nach einer Stunde Raserei, allein oder zu zweien –, so endeten Ibis und die Laponie –, konnten sie hineinstürzen, glücklich schreiend, und schon lagen sie ganz still, ohne Farbe fast ohne Fleisch. Und die Leute, die herumstanden, konnten staunen, welches Nichts diese wilden Bewegungen ausgeführt hatte. Nur bei einzelnen verschwand das Licht nicht völlig. Man sah über ihren Gräbern in der tiefen Finsternis ein zartes Leuchten. Besonders bei denen erschien es, die sehr früh verstorben waren. Da war auch der Fliederduft deutlich, der sich immer bei dem Licht fand; die Toten spendeten noch Heiterkeit um sich.
Im Zirkus sah man, in der ganz finsteren Arena, die Stiere stürmen, Menschen, Männer und Weiber mit ihnen kämpfen. Blut spritzte aus dem Nacken, den Flanken der Stiere. Es war ein Feuerwerk, ein brennender Strahl. Man sah das Eindringen des Lichtstoffs in den Leib, seine innige Vermischung mit dem Blut. Die Kämpfer und Kämpferinnen suchten dem Strahl zu entgehen, um im Dunkel zu bleiben. Übergoß sie der Stier oder geiferte sie an, so waren sie geliefert und nur die anderen konnten ihnen helfen. Nicht das Einwühlen in den Sand half ihnen: sie strahlten das hellste Licht. Waren dazu selbst geblendet, tappten in der Sonnenflut um sich herum. Sie waren das Gaudium des Zirkus, aus Kämpfern zu Clowns geworden. Und es lag ganz in der Hand der Mitspieler, wie das Spiel weiter geführt wurde. Verloren waren in jedem Fall die Übersprühten. So trieben sie im Finstern mit dem Stier und dem strahlenden Mann, der strahlenden Frau ihr Spiel. Es war ihre Geschicklichkeit, das Spiel lang abwechslungsreich spaßhaft und spannend hinzuziehen und nach Laune zu beenden mit Niederrennen des Menschen oder zum brüllenden Gelächter des Zirkus mit Abstechen des Stiers kurz vor seinem Ziel. Das Hänseln der überlebenden strahlenden Menschen, der Glühwürmer, folgte nach, die sich nicht zurechtfanden und zwischen Trauer und der schon anbrechenden Heiterkeit schwankten. Es gab keine Zirkusvorstellung, wo nicht die lustigen Glühwürmer sich zeigen mußten, die von früheren Kämpfen übrig geblieben waren. Mit ihnen verfuhr man später, als man jede Furcht abgelegt hatte, toll und unmenschlich; die Glühwürmer selbst ließen mit sich tun. Es gab eine Zeit, wo in der Londoner Messingstadt der Weg zum Zirkus und der Zirkus vor dem Beginn nicht von den Riesenscheinwerfern beleuchtet wurde. Die glühenden Männer und Frauen, die lebendigen Lämpchen ließ man zucken tanzen locken; wie mit Kerzen war der ganze Umfang des Zirkus durch sie illuminiert.
Bei den Massen, die in die Ton- Kalk- Mergelschichten, in die Felslager der britischen Inseln einströmten, war die Erinnerung an die Grönlandexpedition nicht verraucht. Aber kein Gefühl einer Niederlage lebte mehr in ihnen. Als die Urtiere über sie fielen, hatten sie geschauert. Dann tobte schon der eisige Delvil unter ihnen; sie wurden unter die Erde getrieben, von jedem Schwächegefühl befreit, als sichtbar vor ihnen die Turmmenschen errichtet wurden, die Flotte der Turmmenschen an der Südküste entlang den Kanal herauf nach Norden fuhr. So tief verachtet waren die Siedler noch nie. Delvil hatte wahr zu Ten Keir gesprochen: die Sache der Marduks und Siedler war grausam geschlagen.
Mit London hatte es begonnen. Mit Brüssel Hamburg ging es weiter. Stadtschaft um Stadtschaft verlegte ihre Anlagen unter die Erde. Die Menschen folgten. Kleine Kolonien blieben auf der Oberwelt zurück. Grenzenloser Stolz trieb die Ingenieure; in grenzenlosem Stolz tauchten die Menschen hinab. Hier hatten in den Anlagen bei dem Herabstoßen und Ausbreiten neuer Stollen und Schächte mehr Menschen zu arbeiten als auf der Oberwelt. Die Maschinen für Sauerstofferzeugung und Luftreinigung, für die Beleuchtung erforderten bei der Ausdehnung der unterirdischen Gebiete zahllose Menschen. Aber sie wurden mit vielen Lüsten bezahlt. Die Anlagen für die Physiker Techniker Biologen breiteten sich in abseits gelegenen Gebieten, den erdnächsten, bald über das Areal einer kleinen Stadt aus. Hochmütig zornmütig wie nie waren diese Männer und Frauen der Wissenschaft. Sie hatten die letzte Scham abgelegt. Die Massen wußten das; doch gaben sie sich an alle Dinge hin, die diese Herren ihnen boten.
In London, wo die Glühwürmchen aufgekommen waren, traten zuerst Menschen verschiedener Rassen auf, die sich den Herren und Herrinnen in den Anlagen als Sklaven, Leibeigene, anboten. Die Senate brauchten für die Mekifabriken und viele Versuchseinrichtungen Menschen, die sie immer unsichtbar sich aus den Siedlungen oder Städten selbst holten. Jetzt aber gaben Männer und Frauen von selbst jede Verfügung über sich auf. Sie waren in dem gepeitschten Zustand und der rauschartigen Gehobenheit der meisten in diesen Erdschichten. Sie wollten nur noch tieferen Rausch und wußten nicht, was mit sich anfangen. Es kamen auch schlaffe und leise Wesen vor die Häuser und an die Türen der Senatoren. Diese brauchten dieselben Worte wie die andern; aber man sah: sie waren hereingeirrt, hatten an vielem teilgenommen, weigerten sich an mehr teilzunehmen, liefen an die Schlachtbank. Hilflos sahen diese sonderbaren Menschen, besonders Weiße des Kontinents, aus. Die Männer in den Anlagen hörten sie an, ließen ihnen Ketten an die Füße legen und sie entfernen. Das waren Bösartige, man sah es; sie ließen sich nur in Verzweiflung und aus Widerwillen gegen ihre Ohnmacht versklaven. Wie in der Zeit vor dem Uralischen Krieg die Selbstmordepidemie kam hier der Verknechtungswahn auf. Auf Plätzen der Stadtschaften unter der Erde standen Tag um Tag kleine Menschenhaufen an Stellen, die man bald kannte und die diese Menschen selbst abzäunten. Dies waren die Männer und Frauen, die sich verkauften. Sie selbst bestimmten, wen sie annahmen. Einige gaben ein bestimmtes Geschenk an, das man ihnen zu geben hatte und betrachteten ihren Käufer nicht. Zum Bau von neuen Menschentürmen, zur Ernährung der alten nahm sich der Senat wöchentlich einen Haufen von diesen. Zu den Experimenten und laufenden Arbeiten in der technischen Stadt wurden viele verbraucht. Zahlreiche wurde von trägen Arbeitspflichtigen für sich an die Maschinen geschickt.
Die Menschenmassen, die sich wie schäumendes Wasser in die Abgründe der Riesenstädte gossen, wußten nicht, was die starken Männer und Männinnen, deren Werk das alles war und von deren Hand sie lebten, über sie verhängten. Delvil war in seinen finsteren und ungeheuren Rachegedanken, seinen Kampfideen gegen die Gewalt, die die Urtiere geschickt hatte, ganz versunken; er nahm an den Zusammenkünften der Senate wenig Anteil. Ten Keir, der vierschrötige Belgier, hatte sich in den Hintergrund gestellt; die Gespräche mit Delvil hatten erschütternd auf ihn gewirkt. Der tapfere gesunde Mann war von Delvils Raserei abgestoßen worden. Mit Widerwillen hatte er dem Beginn des Baus eines Riesenmenschen zugesehen, dann sich abgewandt. Er war nicht wieder nach London geflogen. Als man ihm von den Erfolgen der Turmriesen erzählte, war ihm Ekel den Hals heraufgestiegen. Er konnte nicht weiter zuhören; man durfte ihm nicht davon erzählen. Es schien, als ob ihm der Angriff der Urtiere lieber gewesen war als diese Abwehr. Ten Keir spannte sich, als auch in Brüssel der Drang, sich in die Erde einzugraben, wuchs. Aber er konnte es nicht aufhalten. Erreichte nur, daß die ekstatische aus den Erdschächten zurückquellende Masse nicht die alten Oberflächenbauten vernichtete. Er selbst mit einer kleinen Anzahl Menschen blieb in einer unklaren Vergrämung auf der Oberfläche; wie er sagte, um die Siedlerbewegung zu beobachten.
In der technischen und Versuchsstadt Londons, die sich herausfordernd Grönlandeum nannte, über den Köpfen der Riesenmassen in den Ton- und Mergelschichten hängend, hatten sich die stärksten Herrenköpfe der Periode zusammengezogen und alle Stoffe um sich gesammelt, mit denen Menschen wirken können. Hier saßen in dem Bezirk Carthagon, der sich um die Pflanzenkräfte bemühte, Atkinson, ein kalter trüber Mann, wie es hieß Eunuch aus eigenem Willen und Weiberhaß. In Ozeana, das sich mit dem Wasser befaßte, der Berber und Spanier Escoyez, das Wasserwesen, der bei Beginn der Grönlandkampagne die Umleitung der Golfstromdrift geraten hatte und die Anlegung neuer Salzzentren im Meere geplant hatte. Die Hitze die Flammen das Feuer studierte Nadeja, eine Männin aus dem Hause Atkinsons. In dem Bezirk Tel el-Habs, Hügel des Gefängnisses, saßen mehrere senatorische Menschen, die man schon schwer mehr Menschen nennen konnte. Es waren jüngere und ältere Männer und Frauen, die am Bau der Menschentürme sich beteiligt hatten und wie Tiere, die Blut geleckt haben, ihre Gedanken von den Dingen, die sie gesehen und erprobt hatten, nicht ablenken konnten. Sie kehrten von den Schiffen und schottischen Bergen mit Widerwillen in die nüchterne und dürftige Landschaft der Menschenart, der zweibeinigen plärrenden nackthäutigen hinfälligen Geschöpfe zurück. Atkinson war Eunuch aus Weiberhaß, auch aus Menschenhaß geworden. Die Herren und Herrinnen von Tel el-Habs mochten sich, nach dem Anblick der Turmmenschen, selbst nicht mehr in ihren menschlichen Organen sehen. Was sie an den Sklaven ihrer Gefängnisse erprobten, das taten sie auch für sich. Tribord, vom Berge Glasmaol zurückkehrend, legte seinen alten Namen ab, nannte sich Mentusi. Er aß nicht mehr selbst. Wie ein Wagen stillsteht und nicht vorwärts kommt ohne das Pferd das ihn zieht, so machte er sich zum Wagen. Tiere und Pflanzen spannte er an sich. Mentusi sagte zu der Männin Kuraggara, die früher Frau Macfarlane gewesen war: „Meki und die Generation, die mit ihm lebte, hat recht daran getan, die Äcker Wälder Tiere preiszugeben. Was wir durch uns schaffen können, schaffen wir. Sie haben die großen Fabriken gebaut, die Anlagen. Wir schleppen uns seit Jahrhunderten mit diesen Anlagen herum. Sie erfordern Raum Bewachung. Was hängen wir nicht für Stolz an diese Anlagen. Sie sind jetzt überflüssig. Wir müssen den Angriffspunkt verlegen. Ich bin wieder für Äcker und Viehherden. Mag ein Hund für mich fressen, soviel er will, wenn er nur mein Hund bleibt. Hast du die Steine und die Eichen und Viehherden gesehen, die man den Türmen untergeworfen hat. Die haben für die Türme fressen müssen. Ein Hund will ich selbst sein, wenn ich noch lange in mich stopfe, was die Fabriken brauen.“