Im Südosten des Landes stand ein uraltes Rumpfgebirge. Flach gewölbt war es, vom Wasser und Regen bis auf den Sockel zerstört. Senkte seine Oberfläche nach Westen unter die weiten eingeebneten Beckenlandschaften. Vulkane hatten die alten granitischen Massen durchbrochen. Dies war die Hebung der Cevennen, das Hochland der Auvergne, Fores, Lyonnes. Bergströme durchbrausten die welligen Plateaus, enge Felstäler, Basalt- und Trachytkegel, Lager von Schlacken Aschen. Ein Krater senkte sich hundert Meter ein. Von den Gletschern des Gotthard kam die Rhone herunter. Gießbäche verstärkten sie. Sie jagte durch Engpässe, tauchte ihr schlammiges Wasser in den sichelförmigen Genfer See. Tiefblau trat sie aus dem Becken. Und wie sie den Jura durchbrochen hatte, kam ihr von Norden die sanfte Saone entgegen. Wasser mischten sie mit Wasser, rollten nach Süden. Breiter und breiter strömte der Fluß durch die lavendel- und myrtenduftende Ebene. Die Nachbarländer schickten ihm neue Wasser zu. Noch einmal traten die Felsen der Alpen, die ihn erzeugt hatten, an seine Ufer. Dann öffnete sich das Stromtal. Versumpfende Ufer. Rollkiesel über dem flachen Bett. Kieselfelder bis zum Meeresgestade, ödes Deltaland. Die trägen Wasser schwollen verendeten im Meer.
Garonne, der wasserwälzende Strom im Westen durch das Schwemmland, zwischen sanften Hügeln und Weinbergen. Weiß blau rosa schimmernd im Süden die Ketten der Pyrenäen. An der atlantischen Küste warf der Wind einen Wall auf, die Landes; nahm Sand von der spanischen Küste, die das Meer zernagte, häufte sie zu Dünen im Norden.
Wenige Stadtschaften trug das weite Gebiet der beiden südlichen Flußbecken. An den Meeresufern strahlte drohten Marseille und Bordeaux. Toulouse an der Garonne zog seinen schmetternden Kreis. Die Städte stiegen wie die nördlichen mit der Masse ihrer Bewohner in die Tiefe. Auf den Flächen des fruchtbaren Landes nördlich der Pyrenäen, den Schuttablagerungen der Eiszeitgletscher, schlichen Siedler. Die palmen- und orangenbestandene Ebene der Provence bewohnten sie, hielten sich an den Ufern der starken Flüsse.
Noch bevor der Kampf um Grönland beendet war, verließen kleine Scharen der britischen Siedler die Inseln, auf denen man sie ausrotten konnte. Im Norden und um sie herum stiegen die Städte in die Tiefe, da berührten Gruppen der wandernden Schlangen das untere platanenbewachsene Flußtal der Garonne und das fette Weideland. White Baker stieß mit ihren Scharen in das Land, das einmal Melise, die grausame Königin von Bordeaux, beherrscht hatte. In das Becken zwischen den Pyrenäen, dem östlichen Gebirgsmassiv und dem Ozean flossen sie ein. Bewegten sich in den warmen Auen der Charente, unter grünenden Edelkastanien, dunklen Ulmen, den Laubkronen der Nußbäume, auf Wiesen und Rebenrücken. In den Forsten, besonnten Gauen, endlosen verwilderten Getreideflächen verloren sie sich unter die alten halbspanischen und afrikanischen Siedler.
Von den Stadtschaften losgelassen blühten sie im Tal der Charente, um das breite Bett der Garonne. Die Schlangen hatten von der britischen Insel ihre dunklen Lehren von der Wanderung in der Liebesumarmung und Entrückung mitgebracht. Um Perigueux und Bergerac bis zur Mündung der Gironde, wo die schwelgenden Römer Wälle gebaut hatten, bewegten sie sich, zwischen Sanftmut und Überschwang schwankend, Männer und Frauen. Die Finsternisse Nebel kalten Winde Fröste der britischen Insel waren nicht hier. Die Gewalten der Stadtschaften waren verschwunden. Hier war nur der Mistral furchtbar, die schmetternden Gewitter des Frühlings und Sommers, und die Springflut, die vom Ozean in die Mündung der großen Gironde lief und über die Äcker hinschlug. Schlafende Wildnis, Gartenfluren, goldener Ginster, zertrümmerte Straßenzüge. Ab und zu ein Blitz, vor dem sie sich duckten; die Flugzeuge und Wagen der in die Tiefe gesunkenen Stadtschaften, von der Erde rafften sie Sand- und Steinmassen, von den weichen Felsen klöppelten sie Stücke ab, fuhren sie in den Boden für die Mekifabriken. Die am Meer sahen auch die großen Luftfrachter, die regelmäßig täglich die Salze Säuren Steinlasten von Norden hertrugen. Von keinem gehindert siedelten sich die Fremden auf dem reichen Boden an. In Gehöften siedelten sie, auf den gras- und rebenbestandenen Fruchtäckern, den alten Sümpfen und Schwemmland, auf pflanzenbewucherten Bodenanschwellungen, unter dem hochstämmigen Kirschlorbeer, neben wilden dichtzweigigen Akazien, die ihre Blattbüschel über kleine Bäche ausluden.
Und wie die Menschen über den weichen dunstenden Boden gingen, der Wein und die Bodenwürze in sie stiegen, war ihr Drang zueinander nach der langen Entfremdung tief. Es gingen nach den Schlangen mit White Baker Gruppen nach Gruppen flüchtiger Siedler, britischer flandrischer fränkischer jütischer über den Boden, und wurden wie sie ergriffen. Dieses grenzenlos Heutige Frische Sicherneuernde. Jeder Lufthauch erregend sich zu entäußern, umzustülpen.
Servadak saß allein unter einem sattgrünen Kirschlorbeer, der junge noch gelbblasse Mensch, und lockte Light-for-me, Mein-Licht, die Frau, die am Dordogneufer neben ihm siedelte. Ach sie sollte zu ihm kommen. Sie war schon oft mit ihm in das Dickicht gegangen, wo eine heilige Hütte stand, hatte mit ihm die süße Wanderung angetreten. Er lockte immer von neuem, die braune Light-for-me ließ es sich gefallen. Er saß bewegungslos unter dem knorrigen astverschlingenden Kirschlorbeer. Sie lachte zwischen den Erbsenstauden: „Servadak, du sitzt an dem Baum, als wärst du seine Wurzel. Sieh einmal über dich: er wächst schon so grün aus dir.“ „Light-for-me, du hast schon genug gearbeitet.“ „Sieh meine Arme, Servadak, wie dick sie sind. Jeden Tag werden sie dicker. Sie werden noch platzen. Ich freue mich.“ „Für wen tust du so viel.“ „Und wenn ich Kinder bekomme, Servadak, wer wird ihnen zu essen geben.“ „Ich werde sie füttern. Und die andern auch.“ „Ich hab Arme, Servadak, und es sind meine Kinder. Ich sitz’ nicht unter dem Baum. Sieh meine Erbsen an.“ „Komm zu mir, Light-for-me.“ „So sagen auch die Erbsen: komm zu mir. Und meine Hähnchen. Und die Trüffeln.“ „Komm zu mir, Light-for-me. Mein Augenlicht. Meine Weide. Ich sitze nur hier, doch nur für dich, sehe deinen Acker an, bin froh, daß du darüber gehst. Sieh meine Erbsen. Taugen die nichts?“ Sie lachte: „Schlecht sind sie. Rotes Unkraut ist dazwischen. Ich helfe dir nicht, wenn es Schoten gibt.“ „Komm näher.“ „Willst du mit mir in die Hütte gehen? Aber ich will nicht.“ „Nur näher sollst du kommen.“ „Aber was hilft es, Servadak.“ „Mir hilft es. Mir hilft es, wenn du nur einen Schritt näher kommst.“ „Ach, lieber Freund. Ich bin traurig, wenn ich dich sehe. Du bist so blaß. Und wie lange sind wir schon von Bedford weg.“ „Ich bin schon hundert Jahre von Bedford weg. Als ich dich an der Kreideküste im Norden sah, waren die hundert Jahre um. Das war gestern. Oder heute. Heute hab ich dich zum ersten Male gesehen. Eben sehe ich dich zum ersten Male. Komm zu mir, Light-for-me.“ „Ach, was rufst du nur, Servadak. Wenn ich auf mein Erbsenfeld gehe, bist du wie die Drossel da.“ „Aber der Drossel antwortet eine andere.“ „Ich antworte doch auch.“ „Keine Drossel bist du. Nicht antwortest du mir.“ Er streckte einen Arm nach ihr aus. Sie senkte den Kopf an den Stauden, weinte, zupfte an den Stöcken, lief langsam, dann rascher zu ihm, ließ sich von ihm, der vor ihr hinfiel, küssen, küßte ihn sanft auf Mund und Augen.
Er lockte sie wieder am andern Tag, wieder am andern Tag. Zart war sie immer da, braunschwarzes Kräuselhaar, das schlanke Figürchen, immer rege, leicht ermattend, der Blick erst schwach ergeben um Bäume Erden Menschen, täglich mehr wie die Herrin strahlend und offen. Sie trug die strenge Arbeitstracht der britischen Siedler, graue braune lange Jacke, schwarze Frauenhosen, lose, um die Knie und Knöchel gebunden. Als sie sich den bunten Foulard um den Hinterkopf wand, stand er unter dem Kirschlorbeer auf. „Ja, Servadak! Und dir bringe ich etwas. Eine bunte Jacke. Sieh doch, was sie für bunte Jacken tragen.“ „Wer trägt bunte Jacken?“ „Die Schlangen. Die Männer. Viele.“ „Light-for-me, ich bin ja gar keine Schlange.“ Sie erschrak, kam näher: „Sag das nicht, was sagst du. Wir sind es doch alle.“ „Du weißt es selbst.“ „Nein, nicht weiter sprechen. Ich will nicht hören. Mach mir nicht bange.“ „Was willst du mir geben, ein Tuch? Eine Jacke? Wenn du willst, wenn sie von deiner Hand ist, will ich sie tragen.“ „Ich dank dem Himmel, daß du willst. Ach Servadak, steh doch auf von dem Baume: du wirst nicht besser unter dem Baum. Du siehst blaß aus wie wenn du eben aus London gekommen wärst.“ „Hundert Jahre bin ich aus London weg. Es ist nicht wahr, daß ich noch blaß bin. Ich arbeite, sieh meine Reben an, mein Licht.“ „Ich bring’ dir die bunte Jacke.“ „Und komm du!“ Sie war bei ihm. „Was faßt du mich an, Servadak. Sollst deinen Kittel ausziehen. Sieh, das ist grüne Wolle. Gefällt sie dir? Sie ist schön. Ach wirst du aussehen.“ „Ich werde gut aussehen? Zeig. So. Wie sehe ich aus?“ „Gut, gut. Herrlich. Sieh dich doch selbst an.“ „Ich will sie immer tragen.“ „Nein, du darfst mich nicht immer anfassen. Ich muß dich doch betrachten. Bist du nicht schön. Wirst du mit mir morgen singen gehen?“ Und sie führte ihn fröhlich durch seinen Acker, rief die Bohnenranken an, zeigte ihn dem Kirschlorbeer: „Jetzt wird Servadak dir untreu, Lorbeerbaum. Jetzt sitzt er nicht mehr bei dir. Er braucht Licht. Er will sich bewegen. Er muß stolzieren.“ Sie führte ihn auf ihr Feld: „Das ist Servadak. Wie gefällt euch seine bunte Jacke. Ist sie nicht schön wie mein Foulard. Komm, ich setze dir eine frische Bohnenranke an den Hals. Nun Rankchen, was sagst du zu Servadaks Jacke?“ „Gib mir die Ranke her.“ „Laß sie doch an deinem Hals.“ „Ich will sie in meine Hand nehmen. Sie ist von dir. Du hast sie gepflegt. Und wenn sie welk ist, halte ich sie zwischen den Handtellern und bis in meine Schultern hinein lebt sie, nein lebst du.“ Sie drehte aufseufzend den Kopf beiseite. „Was ist, mein Licht.“ „Nenne mich anders.“ „Du bist doch mein Licht.“ „Nenne mich anders. Ich möchte Krokus heißen oder Lüftchen oder – ich bin Majelle, wie ich immer war.“ „Du bist traurig.“ „Ja, du magst meine Ranke nicht, Servadak, magst nichts. Ich nehme sie dir schon ab.“ „Mein Licht.“ „Sag Majelle zu mir. Du magst das Licht doch auch nicht.“ „Oh!“ „Oh. Ja, oh, Servadak, mein Nachtfalter. Oh bist du krank von London.“ „Ich habe so viel, so viel Menschen entbehrt, Majelle. Jetzt habe ich dich. Sei mir nicht gram.“
Die braune Majelle blieb ganz für sich, kein Wort sagte sie bei den großen Zusammenkünften zur Diuwa, der Führerin dieser Gruppe der Schlangen. Oft kam Servadak, lud sie zu der Hütte ein; sie machte glücklich und traurig die Wanderung mit ihm. Wartete, ob er sich verändere. Aber von jeder Wanderung kam er wilder sehnsüchtiger zu ihr. Ihr Acker lag dicht bei Servadaks. Seine Blicke lagen halbe Tage auf den Baumstämmen dem Boden den Schoten Artischockenkraut Gewürzblumen ihres Ackers. Immer wartete sie, ob er die Kräuter Obstbäume ansehe, ob er sich über ihre Hühner freue. Er freute sich, aber sein Lächeln zeigte, er freute sich über sie. Dicht bei ihren Feldern lag ein ruhiger See. Sie schwamm wonnig in dem lauen flachen Wasser, Servadak jauchzte neben ihr; sie ließ sich im Wasser von ihm küssen umschlingen, sah sein glutverzehrtes Gesicht. Sie lief in ihre Hütte, warf sich: „Oh was was was was soll ich tun! Was soll ich tun! Ist er nicht krank. Ich möchte ihm gut sein, er ist schrecklich. Er leidet. Er verschlingt mich. Was soll ich tun.“
Zur Diuwa, der milden glanzäugigen ließ sie sich führen. Die lachte: „Weißt du, Majelle. Ich will dir sagen: du wohnst weit von uns allen entfernt mit deinem Servadak. Würdest du näher wohnen und öfter zu uns kommen, wüßtest du schon: das kommt tausendfach vor. Es ist bei Männern und Frauen nicht sonderbar. Sie sind so froh alle, einer den andern zu haben. Nach so langem Entbehren. Und nun überfroh.“ „Ich bejammere ihn ja, Diuwa. Er arbeitet. Was er muß, arbeitet er. Aber nichts betrachtet er. Er ißt, ohne zu schmecken. Ich habe es gesehen, als er bei mir saß: es hat ihm nichts ausgemacht, ob ich ihm Gurke oder Senf oder gebackene Trüffeln gab. Er schluckt lacht und ist froh.“ „Weil du da bist.“ Majelle weinte: „Ja weil ich da bin. Aber ist er nicht wahnsinnig.“ „Du Kind. So sind viele.“ Majelle weinte: „Hilf mir doch, Diuwa. Er ist gut, Servadak. Er hat grausig in London gelitten. Er kannte nichts als Maschinen und das Spiel und Lungern. Er hat es mir erzählt. Und dann ist er zu uns gekommen. Wie schön konnte es bei uns werden. Und es wird nicht.“ Diuwa hielt die junge Majelle auf dem Schoß, sann: „Eins will ich dir sagen. Als du von London kamst: dies mußt du nicht glauben, daß du allen Schmerz zurückgelassen hast. Majelle. Der Schmerz das Unglück ist nicht nur in London. Das kommt überall mit, wo man den Fuß hinsetzt. Sogar hierher, wo alles weich wie ein Garten Eden ist, hier an der Garonne.“ „Ich fürchte mich vor dem Schmerz nicht.“ „Du könntest Servadak rasch töten, Majelle, wenn du mit ihm in der Hütte bist auf einer Wanderung. Willst du das. Ja. Das haben schon manch andere getan, Mädchen und Männer. Es ist keine Qual. Es ist kaum ein Schritt, du weißt es selbst, zwischen einer Wanderung mit dem Geliebten und dem Hinsterben. Es ist er nicht, dein Freund, dieser Servadak, das stirbt. Wenn er entrückt ist, an deinem Leib sich zurückbiegt, sich fallen läßt, sich verströmt, hat er nicht mehr die Seele Servadaks. Du ersparst ihm nur die Rückkehr. Laß ihn drüben. Jetzt bist du still.“ Lange war Majelle still, auf dem Schoß der Führerin, an ihre Brust verkrochen. Hauchte: „Das kann ich nicht.“ „Ich weiß schon. Weil du dann selbst mit ihm wanderst.“ Geduckt saß Majelle. „Gut, Kind. Wir wollen etwas anderes denken.“ Majelle an ihrer Brust atmete: „Er ist so zart. Mein Nachtfalter; kann ihm nichts tun.“ „Wir denken etwas anderes.“ Majelle umhalste die Frau: „Du bist mir böse, Diuwa.“ „Nicht spielen, lieber Schmetterling. Willst du mir deinen Nachtfalter überlassen?“ „Dir?“ „Vielleicht zähme ich ihn. Vielleicht ist er eine Schlange, eine richtige mit Giftzähnen, und ich muß ihm den Ring vom Fuß nehmen.“ „Soll ich’s tun? Tu ihm nichts. Du hilfst.“
„Servadak, Diuwa läßt dich bitten.“ „Ich gehe nie mehr zu den andern, Majelle, mein Licht. Nie mehr. Willst du mich wegschicken.“ „Sie will dich sehen.“ „Ach, ich darf jetzt zu dir kommen. So lange habe ich an meinem Lorbeerbaum gesessen. Nun bin ich bei dir. Ich weiß, du hast mich verklagt. Majelle, du bist zur Diuwa gegangen und hast um Hilfe gegen mich gebeten. Es tut mir nicht weh. Du hast mich ja vor mir selbst so oft angeklagt. Aber ich kann doch nicht von dir lassen. Ich muß dir ein Geständnis machen meine Hand, mein Hals, mein Kräuselhaar, mein Planet, meine Sonne, meine Erde, meine Nacht, mein Tag. Ich kann dir nur den zehnten Teil sagen von dem, was ich zu dir fühle. Ich wagte es ja auch nicht mehr. Aber ich kann es nicht rückhalten.“ „Drück mich nicht so, Servadak, süßer Servadak.“ „Jetzt schämst du dich, weil du bei der Diuwa meinetwegen warst.“ „Was willst du mir denn sagen, Servadak, süßer Servadak. Du fliegst ja so.“ „Gleich.“ „Warum machst du denn die Augen zu, Servadak, süßer Servadak.“ Er hielt sie auf der Bank fest umklammert, den Kopf neben ihrem Kopf: „Jetzt – mache ich die Augen nicht wieder auf. Nie wieder.“ „Ach tu’s doch. Mach sie doch auf.“ „Nie mehr.“ „Laß mich los, Servadak.“ „Nie mehr.“ „Was soll das.“ „Nichts. Die Gehilfen der Diuwa von den Schlangen werden mich holen. Einmal werden sie mich doch holen. Sie haben schon andere geholt. Ich habe es gehört.“ „So laß mich doch los.“ „Nein, Majelle, ich bin da. Da. Bei dir. Bei deinem blauen und grünen Foulard, komm, ich wickle ihn mir noch um den Hals. Jetzt ist dein Fleisch bei meinem. Sie müssen mich von dir abhacken. Ich habe dich. Hier meine Knie an deinem, mein Kopf an deinem.“ „Mich los, Servadak. Ich ersticke.“ „Ich ersticke dich nicht.“ „Ich falle.“ Und sie stürzten von der Bank, auf die weiche Graserde. „Majelle, süßes Leben, ich weiß alles, was kommt. Es mag recht sein, was kommt, aber ich will es nicht erdulden. Eia, eia, da bist du.“ Er schnaubte, wühlte an ihr. Sie schrie. „Jetzt wirst du schreien, mein Leben.“ „Was habe ich dir getan, Servadak. Ich war immer gut zu dir. Ich habe dir im Garten geholfen. Wie oft bin ich in der Hütte mit dir gewesen.“ „Wenn du da warst, war es gut. Wenn du nicht da warst, war es vorbei. Jetzt ist es gut. Ich habe mich vor Sehnsucht verbrannt. Ich fühle sie fast noch, wo ich dich umschlungen halte. Ich will sie nicht mehr ertragen. Ich kann nicht mehr. Sei gut und ergib dich drein, Majelle, verfluche mich nicht.“ „Ich sterbe, Servadak, in deinen Armen. Du darfst mich hier nicht umarmen. Zerreiß meine Kleider nicht.“ Er stöhnte litt, war im Entzücken begraben: „Der hier bei dir liegt, ist Servadak. Dem nichts geschehen wird. Du kannst ihn töten. Greif nach meinem Gartenmesser, bring mich um. Ich gehe nicht mehr von deinem Hals. Ich bleibe immer hier. Immer. Immer.“ „Hilfe. Wer hilft mir.“ Sie wimmerte nur noch. Dann zog sie mit einem hohen Seufzer die weißen Lippen von den Zähnen hoch. Lag schlaff ohnmächtig.
Nach einer Weile erst merkte der brünstig Verwühlte ihr Verstummen. Er stemmte sich auf, schlug sich ihren leichten Körper über die Schulter, wanderte zu seinem Feld herüber, legte sie in seinem Holzhaus auf das Bett. Wie sie sich aufrichtete. Wie sie um sich blickte. Er lag am Boden, lächelte sie an. „Was ist. Wo liegst du?“ „Bei dir, Majelle.“ Sie sprang auf, ihre Blicke durch den Raum: „Das ist dein Haus.“ „Ja.“ „Du sollst zur Diuwa.“ „Ich sollte. Und statt dessen ist Majelle zu mir gekommen.“ „Nein; ich will gehen.“ „Du bleibst jetzt immer bei mir, Majelle. Immer bleibst du jetzt bei mir.“ „Ich gehe auf mein Feld.“ „Das kannst du. Das wirst du. Es ist auch mein Feld. Dieses Haus ist dein Haus und mein Haus. Hier wohnst du jetzt.“ „Nein.“ „Gewiß wohnst du jetzt hier, Majelle. Ich kann nichts anderes erlauben. Du kannst nicht verlangen, daß ich mich umbringe. Hier habe ich dich. Und behalte dich.“ „Du bist krank.“ „Es kann sein. Ich kann nicht ohne dich leben.“ „Und ich?“ „Du bist Majelle, mein Leben, ein Stück meines Körpers. Jetzt bist du hier und wirst immer bei mir sein. Wie ein Baum und sein Schatten gehören wir zusammen; man kann sie nicht auseinanderreißen.“ Er zitterte, seinen Arm hatte er um ihre Hüfte. Sie wußte nicht, wer er war. Ihr war zum Schreien vor Schmerz. Sie drehte sich zu ihm, legte die Hände auf seinen Kopf, zog sein Gesicht zu sich, küßte es, blickte es an, bettelte klagte schüttelte ihn: „Nun, Servadak! Du bist doch mein Freund. Servadak! Du bist doch mein süßer Stamm unter dem Kirschlorbeer. Komm hin, setz dich da. Ich werde mich neben dich setzen. Du siehst zu mir herüber. Du hörst meine Hühner gackern und rufst ihnen zu. Du wirfst nach den Spatzen mit Steinen, damit sie meine Schoten nicht aufpicken. Der Lindenbaum blüht neben meinem Häuschen. Servadak. Du! So wonnig ist alles.“ „Nur du bist wonnig.“ „Sag das nicht. Hör mich doch. Oh du ängstigst mich so. Du bist doch auch mein Glück.“ „Du bist mein einziges Glück.“
Da schrie sie auf in Entsetzen, so gell, daß er sie ließ und stehen blieb. Sie huschte an die Tür, drehte sich um zu ihm, der sich entgeistert am Bett hielt, lief noch einmal zu ihm. Er murmelte mit dem Blick eines Stiers, der den Todesschlag empfängt: „Nicht weggehen. Oh, Majelle. Nicht weggehen“, und hob keine Hand. Sie rang sich noch ab, wie sie ihn auf das Bett gelegt hatte, er ließ mit sich tun –: „Ich will in mein Haus. Ich komme bald wieder zu dir.“ Und dann ging sie leise, drückte still die Tür ins Schloß, stand horchend an der Tür, stürzte auf ihr Feld. Auf der Wiesenfläche vor ihrem Häuschen warf sie sich zwischen den aufflatternden Hühnern und Tauben hin, beschwor ihren Schmerz stille zu sein, weinte schluchzte sich die Brust müde.
Und dann mußte sie ihr Kopftuch nehmen, ihr Gesicht war rot und dick: „Diuwa, ich bin zu dir gekommen. Ich selber. Servadak, mein Freund, wollte nicht. Ich weiß nicht, was werden soll. Heile ihn. Hilf uns. Mach mit uns, was du willst.“ „Du hast geweint. Was willst du?“ „Ich weiß nicht, was ich will.“ „Nun sitz ganz still. Nicht weinen. Nicht wieder weinen, Majelle, du Feder, du Seide. Bleibe, was du bist. Kennst du den Abenduntergang, Majelle, am Meer, nach der Gironde zu, wo drüben Bordeaux liegt. Da sind gewaltige Farben, schwimmt alles von Gold und Blut, braust und donnert durcheinander. Und das Meer kann nicht stille halten; die ganze Wasserfläche zittert und die Luft; das Glühen, Purpur. Und dann wird es stiller. Dann siehst du von deinem Hügel mit einmal Bäume. Sind Bäume aufgetaucht aus dem Boden; die verborgenen schwarzen Äste gegen den hellen Himmel. Waren vorhin auch da, aber du hast sie nicht gesehen. Und während du hinschaust, wie sie verschnörkelt sind, die dicken Stämme umfaßt, alles schwarz –, bleicht der Himmel. So weißlich leer wird er. Aber auch das scheint nur so, im ersten Augenblick; er ist nicht weiß. Die bläulichen zarten Farben sind schon da, Striche und Dünste wie gehaucht –, ein rötliches Violett, es ist schon ganz ins Weiße aufgelöst, ich sehe es Abend um Abend, wie es vom Meer über uns hingeht. Da stehst du zuletzt und jetzt sind die Bäume ganz da: Die Felder und Hügel liegen vor dir. Dunkel, ins Dunkle eingerundet, und immer tiefer mit uns selbst ins Dunkle einsinkend. Majelle, so kommt man immer zu mir: mit diesem purpurnen und goldenen Glanz. Es gibt keine Felder, keine Bäume, keine Trüffeln Artischocken Erbsen. Man weiß nichts von Hühnern. Nur Purpur Donnern Untergang Tod. Was machen deine Gräser und Schoten, Majelle? Ich bin Diuwa. Wir sind an der Garonne, von London und den britischen Inseln vertrieben.“ „Ich will dir sagen, Diuwa, ich bin so gekränkt, daß ich mich vor mir schäme. Ich bin durch Servadak so beleidigt und entwürdigt. Ich fühl’ es nur, ich weiß fast nicht wodurch. O ich muß mich bezwingen.“ „Es gibt Hühner auf dem Feld. Was machen sie? Sollen sie weglaufen und sterben. Du hattest Artischocken gepflanzt.“ „Und meine Bäume sind gut, und die Tiere sind gut, und der Tag ist gut. Und alles wäre gut und Servadak. Nein“, sie winselte plötzlich, drückte sich an die Frau, die die Augen weit öffnete – „er war gut. Tu ihn weg von mir. Es muß geschehen. Ich kann dir nicht sagen warum. Führ ihn weg. Ich will nicht hassen. Ich verliere mich, euch alle.“ „Aber ich will es tun, Majelle. Ist das nun das Purpur oder das Violett und die Bäume.“ „Wegtun, Diuwa. Meinen süßen Freund, nimm ihn. Ich kann mich nicht halten. Tu es für mich.“
Die Drosseln, die sie beide oft gehört hatten, sangen. Die Tauben flatterten von ihren Plätzen auf. Die Boten der Schlangen traten in Servadaks Haus, der sie schon erwartete. „Nehmt mir den Ring nicht ab“ ächzte er, als sie an seinem Fuß nach dem Schlangenabzeichen griffen. Sie führten ihn nach Westen in eine andere Siedlung. Wie ein Brand, den man in einen stürmischen Schornstein tut, verbrauste er. Der würzige dunkelrote Medokwein lief durch ihn. Servadak sprang, sein Leib wurde gedehnt. Majelle war fern, blieb fern.
Gewaltiges Blutrot über Bordeaux, zitternde, in Flammen verbrennende verprasselnde Wasserfläche. Vergilbender Himmel, hinbleichende Luft, große wie ein Riesenschiff aus dem Meer anwogende Nacht. Rebgelände Bäche Menschensingen. Und durch Servadak lief der Wein. Die Sterne glommen. Da waren Kastanien, dunstende Rosenbüsche, Magnolien. Das gab es. Das alles gab es. Servadak bog sich in seiner Hütte auf dem Stroh. Wann würde er die Überfahrt von London beenden. In ihm weinte es: Ganz hinten an der Garonne gab es – wen? Light – for – me. Majelle. Sie ging über ihren Acker, um den Kirschlorbeer, Kräuselhaar, offene braune Augen. Nicht daran denken. Wegtun Majelle.
Um Toulouse, im heiteren Gebiet der milchweißen Magnolien, der Jukkastauden mit den gelben hängenden Glocken, bewegte sich Venaska, eine schlanke Frau von braungelblicher Hautfarbe und schwarzem dichten Haar. Sie war in dieses Gebiet der Schlangen von Süden gekommen. Der Schnitt ihrer Augen, die Modellierung ihres Gesichts war mehr malayisch als europäisch. Manche nannten sie Mondgöttin. Sie nahm in der milden Fruchtflur der jungen Garonne bald einen ähnlichen Platz ein wie Diuwa im Norden. Mit ihren ruhigen sicheren langsamen Bewegungen, die ein kühlwarmer Leib ausführte, – zierliches Knochengerüst, flaumzarte Haut – drang sie unauffällig in alle Kreise der Schlangensiedler. Ein leicht mokantes Lächeln um die vollen Lippen. Das Gesicht von einem stillen Ernst bedeckt, der ganz seelenhaft war, so seelenhaft, daß die ihr begegneten betroffen waren, zugleich beschämt und erfreut, und sich leicht von ihr führen ließen. Mit einer kleinen Zahl Frauen und Männer, die ihr anhingen, wohnte sie eine Zeitlang am breiten Canal du Midi, am Flüßchen Saune. Man kannte sie nicht, wenn man sie in der sommerlichen gelben Siedlertracht herumgehen sah, die sie anlegte, obwohl sie nichts tat. Man arbeitete ja für sie, brachte ihr von den Fischereiplätzen Hummer, kleine schmackhafte Sardinen, fetten Lachs. Man stritt sich, wer ihr von seinem Feld die süßlich feine Gurke, die Aubergine bringen sollte. Wer den Wein brachte, trank ihn mit ihr. In gelben losen Siedlerhosen ging sie herum, mit der weiten Bluse, an der Brust grüne und schwarze Bänder, ging umschlungen mit Männern und Frauen, sah hier auf zu der fetten Weideflur bei den Hirten, ging lächelnd und träumend unter dem Geplauder ihrer Begleitung die gewundenen Hügelwege, spielte mit den langen Korallohrringen, winkte mit ihrer gelben Hand einer Bäuerin im bunten Kopftuch. Warf ihnen schon weitergehend über die Schulter einen Blick aus ihren dunklen aufstrahlenden Augen zu: das Herz stand ihnen still. Wer vor ihr stand, wen sie ansprach, besonders Frauen, war erregt gebannt. Alle hatten das Verlangen, nach der kühlen festen immer leicht zuckenden Hand. Und war Venaska vorbei, so kam ihnen vor, im Hals, in der Brust, als wäre ihnen etwas geschehen. Sie liefen rasch, es war ihnen zum Ersticken in ihren Kleidern, ihre Augen glänzten. Sie mußten sprechen schwatzen; ihre Herzen klopften rasch, sie kamen nicht zur Beruhigung. Einmal hatte im Norden, zwischen den Kieferwaldungen und Seen der Mark die herrische Marion Divoise gelebt, die Balladeuse, die Mädchen und Männer an sich lockte, ohne daß sie wußte, wie das kam, und die ängstlich sah, wie man auf sie zudrängte, und erregt einsam blieb. Die braungelbe Venaska gab nichts von sich, was sie nicht fühlte. Oft wenn sie mit einer fremden Frau stand, mit ihr Blick in Blick über einem Zaun, einem Busch, die Hand hinüberstreckend, wurde sie blaß, biß sich die Lippen, wandte sich verwirrt ab. So schwächte sie, was sie von sich gab. Von Island fuhren durch das arktische Meer zwischen den Schiffen des Expeditionskorps die großen Frachter, die Hallen mit den ausgespannten leicht surrenden glimmenden Turmalinnetzen. Fische Vögel zogen um die schwimmenden Frachter, Tang Algen wuchsen aus dem Meeresboden; nachts leuchteten die Schiffe, stießen sich von der Meeresoberfläche ab. So wandten sich die Menschen auf den Hügeln und an den Ufern des Canal du Midi und der Saune von ihrem Boden, von der Egge der schlanken aufrechten Gestalt zu, die wie ihresgleichen war, und deren Blick Stimme ihnen mit schmerzhafter Schärfe ins Herz zuckte.
Man hatte ihr, die aus der Marseiller Gegend heraufkam und erzählte, sie wollte nicht mit den Stadtschaften in die Erde gehen, ein flaches Siedlerhaus aus Buchenholz gezimmert unter einer alten Mauer. Feigenbäume mit lockeren dunklen Kronen hielten sich an dem alten Gestein, schüttelten jenseits die bräunlichen Zweige herüber. Dunkelgrün waren ihre Blätter, rauh mit Borsten, an der Unterseite hell weichhaarig. Die birnförmige violette Frucht hielt Venaska oft zwischen den Händen, rollte sie, hob sie zum Kinn. „Das ist ein Gott, wißt Ihr, eine Göttin. Ist so glatt außen, wird noch dunkler, braun schwarz. Und inwendig ist grünes Fleisch, rotes Fleisch, das schmeckt wohl. Die Nüsse hält sie damit, die Früchte. Das ist die Feige, meine Göttin.“ Sie nestelte sich in das schwarze Haar Zweige mit der jungen Frucht, beschenkte die anderen mit den kostbaren von ihr bestrichenen behauchten Blättern. So ging sie an der sanft fließenden Saune, schlank und biegsam auf hohen Beinen mit leicht vorgewölbtem Leib. Wem sie im Vorüberziehen den Arm um die Schulter legte, ernst und sonderbar fremd, der fühlte, verzaubert in ihr glattes Gesicht blickend: er hatte noch nie gewußt, was ein Weib ist. Fast, was ein Mensch ist.
Sie war ohne Scham. Als wenn sie sich bedrückt fühlte, warf sie am Tag oft ihre leichte Jacke ab, bewegte sich, ging mit nacktem wiegenden Oberkörper, bräunliches ebenmäßiges Gebäude, umhauchte Brusthügel, tiefdunkel flach. Und dann, in Menschennähe, waren ihre Arme nur Ranken, die etwas suchten, worum sie sich winden sollten. Ihre Brust atmete leise, gleichmäßig und immer glückvoll. Andere menschliche Ranken, Arme von Männern und Mädchen, schlangen sich mit ihren zusammen. Venaska, Blick in Blick mit dem andern ruhend, gurrte, sprach lieblich, kehlte. Sie wußte nicht, wie streng sie wirkte. Das andere, das an ihrem Körper hing, schauerte in Entzücken, öffnete hingegeben, schon nicht mehr drängend, die Lippen. Hatte in rasch verschwindenden Sekunden einen Hang, sich zu lösen, abzuziehen. Venaskas Augen fingen an, sich zu weiten, tiefschwarz mütterlich leidend zu gluten. Ein Erliegendes hatte sie an ihrer Brust. Dem streichelte sie die Schultern, die Ohren, den Hinterkopf, strich über seinen Nasenrücken; ihre Augen blitzten auf. Es kam ein Augenblick, wo das andere schlief in ihren Armen, ihre Berührung erduldete. Was war das für ein Wesen, das seinen hingleitenden Körper umrang, ihn befühlte, Armfläche gleitend über Rumpf und Schenkel, mit jedem Teil seines Leibs verlangte in dem andern zu wurzeln. Als wäre Venaska eine Blase und spritzte aus Stichen und Rissen. Dies Andrängen Zubodenrollen Herumgleiten Herabgleiten Heraufgleiten Sichannageln Abreißen Abwerfen. Das herrische zornige Schreien Keifen wie mit einem Wesen, das nicht anwesend ist, das Sprudeln Stöhnen Keifen Flehen Drohen Wüten. Und wieder Abzittern Lächeln sanftes Flüstern Betteln schmeichelndes Umschlingen. Ruckweises Erstarren, wie wenn die Kraft sich in ihr anstaute. Der Leib versteifte sich bis zu den gestreckten Zehenspitzen, den gebogenen Fingern, den nach rückwärts gedrehten Armen, als vermöchte er sich nicht zu entladen. Und dann ächzendes erschütterndes blindes Hinbrechen, Wolken Blitze Gewitter lodernd. Das Wesen aber an dem Körper der braunen flutenden Venaska wurde bewegt, gehoben wie ein Schiff auf dem Meer. Sein Leben aufgewühlt. Sein Körper rang sich zu behaupten. Der Unterschied von Tod und Leben verschwand. Das schluckte ertrinkend stürmisch die Süße. Zuckte an der tosenden Venaska. Ihre Leiber brausten aneinander.
Und während noch der andere Körper rauchend lag, hob sich Venaska mähnenschüttelnd von ihm ab, stand an einem Pfosten, atmete, tiefer, tiefer. Als wäre die Luft ein Getränk, nahm sie sie zu sich, schlenderte auf den Hof, senkte die Hände in das dunkle Feigengebüsch, ließ die Blätter und Äste um sich schlagen. Kam als die fließende weiche Venaska hervor, die die schlanken Schenkel im Gehen bewegte, den glatthäutigen wiegenden braunen Leib trug, spöttisch lächelnd. Musik sogar ihr tonloser Ruf, Schrecken Sehnsucht um sie. Sie legte ihr karmoisinfarbenes Hemd über, das goldgestickt war, saß im Gras, der bunt behängte schlafende Vulkan.
Toulouse war in die Erde gestiegen. Die zerfallenden Straßentrümmer Anlagen Forste überzogen die Siedler. In Toulouse setzte sich Venaska nieder. Die Steine Schienen der versunkenen unterirdisch tosenden Riesenstadt ließ sie von den Scharen, die sie mit sich zog, beseitigen. In dieser Ebene wollte sie sitzen, die dunklen Berge der Pyrenäen sehen, die weißgefurchten Kämme am Horizont, bei der uralten prunkenden Serninkirche, die die Stadtschaft nicht angerührt hatte. Die Schlangen bei ihr wußten nicht, was sie zu der Stadtruine zog. Venaska mochte gern zwischen den stummen zersprengten Mauern, in den toten langen Straßen gehen, ihre Schritte furchtsam behorchen. Neugierig umschlich sie Schuttmassen der Fabriken, versteckte sich, wenn Frachtflieger der Stadtschaft in der Luft waren. Entzückt, selig sich anschmiegend stand sie an dem kalten Gestein der Serninkathedrale; sie liebte das gewaltig aus dem Boden strebende Gebäude. Oft sagte sie: dies Gebäude, seinetwegen säße sie hier, das so herrlich sei, und sie wache, daß ihm nichts geschehe.
In den Reichen der Diuwa und Venaska dehnten sich Schlangen und fremde Siedler aus. An der Garonne und der breiten Rhone gediehen sie. Neben den flachen Fabrikhallen Ruinen, standen die römischen Triumphbogen mit Inschriften über aufrührerischen Hallen. Zwei- dreitausendjährige römische Amphitheater bauten ihre Ränge und Treppen an Hügeln auf. Beim grauen Avignon stürzte der Domfelsen gegen die blaue Rhone ab; die düsteren neununddreißig Türme der Papstburg oben waren zerbröckelt, von Pinien Eichen Blütenbüschen überwachsen. Siedler, kranke genesende, aus den brüllenden krampfenden europäischen Stadtschaften legten ihre Leiber an das unerschöpfte Land zum Sterben oder Auflodern. Venaska zog im karmoisinfarbenen goldbestickten Hemd durch das üppige Tal der Garonne bis in die Gegenden, die die starke Melise beherrscht hatte. Sie weckte die Landschaft auf. Ein Schmelzen um Venaska. War sie vorbei, so knirschten die Menschen vor Verlangen. Etwas Blindes Schreiendes wurde in manchen Widerstrebenden erregt; das riß sie fort. Raubsüchtig gingen Männer und auch Frauen umher. Von der Geheimlehre der Schlangen, von der Wanderung und ihrer Heiligkeit, wollten sie nichts wissen. Das Niederstürzen von Mann und Weib war ihnen eine Lust. In der Gegend des alten Bistums Perigueux sperrte ein Mann, der sich Siwri nannte, sechs Frauen wider ihren Willen in sein Gehöft mit Hilfe seiner Mutter ein. Er war eben genesen, stark, nicht jung; man sagte, seine Mutter hätte ihn angespornt. Die Frauen ließ er für sich arbeiten. Andere Frauen quälte er zu seiner Freude. Er zeigte auf Schritt und Tritt, daß er Frauen für nichts achtete. Die Schlangen waren machtlos gegen ihn, da er sich ihnen entzog.
Gestalten, nicht Mann und nicht Weib, zeigten sich in der Garonnelandschaft aus mehreren der hier vagierenden Rassen. Das war die höchste Bezauberung, die viele erfuhren. Weiße, auch gelbbraune Menschen mit weicher Rundung der Schultern. Graziös bewegten sie sich auf den Wegen unter dem Blütenregen der Akazien, schlenderten über die Wiesen, stiegen in die Forste. Die Städte hatten vielen Mißwuchs begünstigt; man hatte unter den Krankheiten und dem schweren Zugrundegehen wenig auf Einzelnes geachtet. Jetzt warf die Landschaft üppig diese Wesen hin, die als Mädchen gingen, wie sie aufgewachsen waren, die fülligen Becken leicht wiegend, manche scheu und ihr Geheimnis nicht offenbarend, manche in verwegener Mischung der Tracht: die Kappe und Feder eines Mannes auf dem Haar, dabei Brüste, die in Wölbung und Umriß unter der straffen Bluse hervortraten. Sie schwärmten auf Mädchen aus, die sie erst nicht erkannten, sich launig von ihnen halsen ließen. Und im zarten Andrängen ließen sie die Sonderbarkeit ihres Geschlechts fühlen, fühlten bebend und heiß die Erschütterung und Bannung des Mädchens, der Frau mit, die nicht wußte, was sie genoß, die eine Freundin und einen Geliebten umschlang. So starke Würze hatten sie noch in keiner Umarmung empfunden. Und junge Männer wurden heftig zu Mischwesen getrieben, die sie für schnippische Frauen hielten. Ein fremdartiger Reiz lockte. Sie fielen vor diesen Mädchen hin, waren erschreckt, im Geheimsten aufgerührt, fassungslos, wie das Rätsel, der weibliche Jüngling, sich in ihren Armen bewegte, drängend und saugend. Viele erschienen auf dem grünen Boden und erregten die Mädchen und Jünglinge. Welche Schrecken Verwirrungen Tränen erregte das rothaarige Wesen Tika On, das purpurn und rosa gekleidet von der Auvergne herunter kam, nichts arbeitete, sang und das die Venaska selbst erschütterte. Ein wildes Geschöpf war Tika On, mit heller Knabenstimme sang sie, lachte. Über ihr Geschlecht war sie selbst nicht klar. Sie küßte hitzig Männer und Frauen. Es genügte ihr, die Menschen zu umschlingen, um sie in Ekstase zu bringen. Meist riß sie sich gehässig von dem los, der von ihr mehr verlangte. Und wer gewaltsam nach ihrem Leib griff, ließ sie selbst los, so schrecklich schrie weinte sie, lief in stundenlanger Verstörung weiter. Als wenn das Geschlecht an ihr eine furchtbare Wunde wäre. An Venaska hängte sie sich, die immer milde und süß war. Schließlich mußte die Frau in Toulouse sie von sich abreißen. Zum erstenmal sah man an der braunen zarten spöttischen Frau ein Grauen. Ihre Beängstigung war so tief, daß sie andere zu Hilfe rufen mußte, die bei ihr wachten, das rote Wesen, die Tika On, von ihr fernhielten. Die keifte bei der Holzhütte an der Serinkathedrale, wo Venaska in diesen Wochen wohnte. Die Venaska weinte: „Sie fühlt, wer sie ist. Sie ist eben im Begriff es zu fühlen. Ihr müßt mir nicht böse sein, ich kann ihr nicht helfen. Sie ist in der Geburt; ich kann ihr nicht helfen.“ Tika On umschwärmte noch monatelang die Venaska, verscholl im Norden.
Der König Karl von Valois, vor einem Jahrtausend in einer nördlichen Landschaft begraben, riß sich lechzend aus den Wäldern los, tauchte in das Gestrudel. Jauchzte tobte wie einstmals. Die Forsten, in denen er einmal gejagt hatte, waren wild zugewachsen. In die Schneeberge der Auvergne, am Plomb de Cantal, brach er zur Wildschweinhetze ein, strudelrasselte am Talboden der Allier, suchte Händel. Seine Adlernase glühte von Wein. Eseln schlug er die Köpfe ab.
Heiße Wesen wurden auf die Landschaft geworfen, von dem Menschengewimmel hochgerissen. Die Bodengeister, seit Jahrhunderten in die Hölzer und Steine getrieben, wogten wie ein Bienenschwarm über einem Kleefeld auf, drangen, schlangen sich, quollen in das warme treibende Menschenblut, flossen in helle und schwarze glänzende glatte Haare ein, ließen es sich in springenden Männerknien, vollen Weibesbusen wohl sein. Nicht ein einzelner Mensch genügte dem wüsten la Mole, der unter Steinen bleich und dünn geworden war, nachdem ihm, wie er noch die ersten Knochen hatte, jede Messe eine neue Geliebte geschenkt hatte –, bis ihm sein König den Kopf abschlug. Die Jahrhunderte hatte er gelauert, schon war er fast abgestorben. Da schwoll dieser Wolkenbruch über den verdorrten Boden. Frenetisch schoß er auf die Leiber, die er besetzte. In sechs Menschen lief la Mole, dem ein rasch erloschener Mann einmal den Kopf abgeschlagen hatte. Sechs Leiber regierte er. Ein Cyklop war er, die Leiber wechselte er. Er hauchte in ihnen, trieb sie wie einen Wagen, ließ sie wie schlechte Maschinenteile fallen. Blaise de Montluk, blitzjung, der Gaskogner, stieg ohne Hut aus dem Wasser der Garonne, in der er vor einem Jahrhundert ertrunken war. Das Wasser hatte ihn nicht verspülen können. Er zuckte über die kieferbestandenen Ufer, stolzierte als kecke Dirne mit knappem Busen über die gelben Äcker und zwischen den Weinbergen, suchte in die flüchtige Tika On zu fahren. Dann stürzte er eines Mittags im prallen Sonnenschein einem schwarzen Hengst in den Hals und jagte mit ihm. Es dünstete und schauerte über das vertrocknete Land. Venaska zog von Flur zu Flur, die Diuwa sänftigte an der Garonne.
In den Cevennen, an dem kräuterreichen grünen Rasenkegel des Puy-de-Dôme erschienen die ersten Islandfahrer, in das aquitanische Tiefland sickerten sie. Kleine Gruppen lederbekleideter ernster noch matt blickender sehnsüchtiger Menschen. Langsamer wanderten sie und trieben ihre Pferde, wie sie unter dem blauen und blaueren Himmel den Fruchtboden der alten verwitterten Lavaschichten betraten, meilenweite Gärten sich auftaten, Rosenbüsche Gelb und Purpur warfen. Blühende Touraine. Waldbedeckte Flußufer. Frischgerodete Erdfläche. Die Islandfahrer, die Männer und Frauen, die auf den Ölwolken gestanden hatten, schnupperten, blickten um sich, schüttelten sich unter dieser Luft. Welches fremde Wühlen. Mißtrauisch trieben sie durch die schimmernde Landschaft. Kylin, die grüne Loire hinter sich lassend, stand auf dem Felsen Amboise, durchirrte die Höhlen Klüfte Gänge des Gesteins. Gefangene nach Gefangenen waren hier versickert; sie tosten um ihn, trieben ihn hinaus. Aufsässigen hatte man auf den strahlenden Plätzen die Köpfe abgerissen, blauäugige Blondinen hatten dazu gelacht. Idatto seufzte neben Kylin: „Dort hinten ist Süden. Ich möchte hier fort. Und dort wage ich mich nicht hinein.“ „Idatto, fürchte dich nicht vor dem Nebel. Da war Brand und Nebel im Norden, durch den wir mußten. Da ist einer im Süden.“ „Ich sehe es. Aber es reißt an mir. Ich will keine Versuchung.“ „Wir müssen hinein, enthalte dich nicht. Wir sind durch Island gekommen. Fürchte dich nicht. Da war ein Nebel, und hier ist ein Nebel.“
Langsam zogen sie durch die Landschaft. Sie waren zu Marduk nicht durchgedrungen. An der Loire erzählte man sich von White Baker. Sie hatte noch die Kraft gehabt, die britischen Siedler nach dem Festland hinüberzuführen, sank dann in sich zurück. Wie ein Baum, der lange üppig geblüht hat und dann alternd Borke um Borke ansetzt, sich selbst vermauert, ein Visier über sein Gesicht schiebt, seine Wurzel verhölzert versteinert, so grub sich White Baker ein, an der warmen Gironde, nahe der Diuwa. Wie ein Käfer fiel sie in das Moos und ließ die weichen Lagen über sich zusammenrollen. White Baker bewegte sich an dem Fluß wie die andern, griff auf den Äckern, in den Gärten zu. Hatte aber einen leeren großen Ausdruck, der wie Ernst schien. Rot runzellos ihr Gesicht. In der Kammer bei der Diuwa saß sie stundenlang, blickte durch die offne Tür, ließ den Wind um sich wehen. Die braune Siedlertracht trug sie; ihre schwere fette Hand ruhte auf dem Tischchen, auf dem zusammengeknäult Kräuter Halme lagen, darunter ein zerrissenes weißes Seidenkleid, gebündelt mit einer Lederschnur. Der knöcherne Krähenschnabel Ratschenilas hing daran. An der Wand bauschig völlig unversehrt das brokatene Senatorenkleid. Von der Diuwa geschützt war sie. Hatte sich zum Sitz von berauschenden Geistern gemacht, die nur sie verstand.
Nahe dem ehemaligen Montauban schwirrte die rote Tika On in Kylins Gruppe. „Welchen Vogel hat man uns geschickt“ staunte der harte Kylin, ließ sie gewähren. In seiner Gruppe war schon eine Unruhe, ein süß leidendes Bedrängtsein. Kylin sah, wie man sich wehrte. Tika On, die rothaarige, hatte einen Stachel in sich. Sie mußte sich an menschliche Glieder hängen, sich versuchen. Als Kylin sie die Frauen seiner Gruppe umschlingen sah, Idatto vor ihr hinfiel, zog er sich einen halben Tag zurück. Dann tat er, als hätte er Verlangen nach ihr. Schnurrend, mit dem Kreischen der Erregung folgte die Wilde in ein Buschwerk. Dort erdrosselte er sie.
In dem Gesträuch zwischen gelbem Ginster und Brennesseln fanden ihn abends Männer, die ihn suchten, bei dem kleinen verkrampften roten Körper. Sie wollten den Körper anfassen, wegheben, um ihn zu begraben. Kylin drohte: „Nicht anrühren. Ruft die anderen. Wo sind die Frauen.“ Er wartete, bis Frauen und Idatto kamen. „Wer ist das? Seht! Tika On, die rothaarige. Ein Weib oder ein Mann. Seht sie noch einen Augenblick an. So! Seid ihr ertappt? Ins Gebüsch mit ihr!“ Er selbst rollte den Leib tiefer ins Gebüsch, kam hervor, blaß: „Ich hab’ sie erwürgt. Weißt du, Idatto, warum ich sie erwürgt habe.“ Idatto in Tränen, bitter mit zuckendem Mund: „Sie war keine Verbrecherin.“ „Das ist’s. Ich wußte es. Der Nebel. Er packt dich. Aber wir sind gegen ihn nicht wehrlos. Ich nenne ihn bei Namen, ich sehe ihn, dann ist er weg.“ Idatto biß sich die Lippe, weinte laut, hatte das Gesicht hinter seinen Fäusten. Eine kleine Schwarzhaarige brach in plötzliches Schluchzen aus. Streng beobachtete sie Kylin. Er brüllte rot anschwellend: „Habt ihr gesehen, was hier gelegen hat? Ihr habt es noch nicht genug gesehen. Bringt sie wieder her. Ja. Her!“ Er riß das Buschwerk zurück von dem kleinen liegenden Körper: „Da ist sie. Ich habe sie erdrosselt. Hab’ es getan. Was habt ihr darauf zu sagen, Idatto? Und du?“ „Bedeck sie doch, Kylin.“ „Ich hab’ den halben Tag hier gelegen bei der Leiche; ihr habt sie noch lange nicht genug gesehen.“
Ein bärtiger bronzefarbener Mann trat auf Kylin, nahm ihm die Zweige des Busches aus der Hand: „Es ist nicht leicht für Idatto und für andere. Wir wollen nicht mit ihnen rechten. Und wer weiß, wie unsere Wege gehen. Laß ihnen Zeit.“ Da stand Kylin still, kreuzte die Arme auf der Brust: „Das Land fordert Opfer; es kann nicht genug Menschen schlucken. Es ist gut, ein Brandmal am Arm zu haben; es ist gut auch daran zu denken.“ Vor ihm schluchzte trotzig Idatto an der Schulter des bärtigen Mannes: „Sage du, war Tika On eine Verbrecherin? War sie nicht lebendig, ein Lebendes, vor dem ich hinfallen darf?“ Kylin murmelte etwas, Flimmern in den Augen. Er ging rasch fort. Vor Beginn der Nacht wollte man den Leichnam verbrennen; Kylin schrie: „Die Flamme? Keine Flamme! In die Erde. Ich sage: in die Erde.“
Eine Spannung und Entfremdung trat zwischen Kylin und seiner Gruppe ein und wuchs, je mehr sie südlich stießen. Sie wollten sich in der fruchtbaren Landschaft hier und da niederlassen, aber Kylin schob sie kalt und ohne Erklärung weiter. Viele dieser gehärteten Menschen schmolzen, wie sie sich über dem Land verbreiteten. Rechts und links blieben sie in den Siedlungen. Sie pflügten sangen lachten mit den Starken Wonnigen an der Garonne, im Languedoc, an den Rhoneufern. Sie kamen sich erlöst vor. Die Urtiere verloren erst jetzt ihr Grauen, Island ließ sie los.
Wie ein Zeichen hatte Kylin an der Schwelle des Landes den Mord an der Tika On aufgepflanzt; es wirkte nicht. Nur eine Anzahl mit Kylin war sicher. Man sah, daß er rang wie die anderen und litt und nicht sprechen konnte, daß er in einem zornigen Gefühl tiefer und tiefer in das Land hinein verlangte. Ein graublonder langer Backen- und Kinnbart war ihm gewachsen; leicht gebückt ging er. Selten wagte ihn einer anzusprechen.
Und eines Tages hieß es bei Toulouse, daß Venaska in der Nähe sei. Die gelbbraune Frau im karmoisinfarbenen Hemd, goldgestickten Hosen, gab ihm auf dem Erdbeerfeld die Hand. „Venaska, du bist es. Ich irre herum. Ich wollte dich lange sprechen.“ „Und nun hast du mich getroffen.“ „Weißt du, wer ich bin?“ „Nein, ich werde dir einen Namen geben.“ „Laß. Ich bin Kylin. Mit mir sind andere Männer und Frauen aus Grönland.“ „Grönland ist weit. Nun freue ich mich, daß ich dich sehe.“ Sie strich seine Schulter; er erschrak über ihre Sanftheit: „Venaska, ich wollte dir erzählen, was nicht mit Grönland zusammenhängt. Wir sind bei Montauban einer rothaarigen Frau, einem fremdartigen Wesen begegnet, Tika On. Die habe ich erschlagen.“ Sie hielt noch ihre Hand an seiner Schulter, zog sie zurück. Sie beugte den Kopf: „Oh.“ Auf den schwarzen Boden sah sie; still mit schlaffen Armen stand sie, rief matt einen Namen. Zwei Frauen erhoben sich aus dem Feld, liefen neben sie. Klagend schwach Venaska: „Dieser Mann heißt Kylin. Er hat Tika On erschlagen. Bei Montauban ist er ihr begegnet.“ Drohend verwirrt die Frauen. Venaskas Kopf hing auf der Brust. Kylin: „Ich habe nichts mit diesen zu sprechen. Ich will dich allein sehen, Venaska.“ Sie bewegte den Kopf nicht: „Das kann ich nicht. Du wirst mich umbringen.“ „Ich bin kein Mörder.“ „Du bist es. Ich fühle es.“ Sie nahm den Arm einer Frau: „Komm mit in den Hof. Wir wollen uns setzen.“
In ihrem Haus ließ sie die Türen und Fenster offen. Sie setzte sich in einen Winkel. Eine Zeitlang sprachen sie nicht. „Was willst du von mir, Kylin? Du heißt Kylin. Du bist Hojet Sala. Der steile Absturz.“ „Ich muß dich erfahren.“ „Was ist das.“ „Wir sind nach Grönland gefahren, weil man uns schickte, Venaska. Die Stadtschaften, die jetzt zugrundegehen, hatten uns geschickt. Wir waren in Island, einer Vulkaninsel, und über Grönland. Ich selbst habe geholfen den Plan der Senate auszuführen. Das ist das Erste. Das Zweite: es hat uns etwas Furchtbares überschüttet, uns gerüttelt mich und die anderen, die noch leben blieben. Das war das Zweite. Dann haben wir, habe ich zugebissen. Das habe ich, Venaska. Ich wollte das, was mich zuschüttete. Ich habe mich ihm unterzogen. Genauer kann ich es nicht sagen. Und weil ich das getan habe, habe ich Tika On beseitigt. Da blieb nichts weiter übrig. Ich habe sie nicht aufgesucht, sie ist gekommen.“ „Hojet Sala, ich höre nur den Ton deiner Worte. Was willst du von mir.“ Kalt blickte der langbärtige Mann auf sie: „Du bist nicht gekommen. Dich habe ich aufgesucht. Komm näher, daß ich dich fühle.“ „Weißt du, was du sagst.“ „Ja.“ In ihm dachte es: „Dies ist der Nebel. Ich bete an. Wenn ich erliegen soll, so soll es sein. Dann tauge ich nichts. Es kommt nicht auf einen an.“ Sie stand in dem Winkel auf: „Dreh mir den Rücken zu. Sieh mich nicht an.“ Er wartete, immer dachte er: „Es kommt auf mich nicht an.“ Aber nur Sekunden. Plötzlich erweichte er: es ist die Entscheidung; ich wage die Probe; entweder steh ich unter Schutz oder nicht. Er drehte ihr den Rücken zu. Venaska hatte sich nicht aus dem Winkel entfernt. Ihre sanfte Stimme: „Wohl tust du mir, daß ich dich sehen kann. Ich habe dir Unrecht getan. Ich komme schon zu dir.“ Glitt von rückwärts zu ihm, zog ihn ans Fenster, lächelte das Mädchen an, das in die Türe trat: „Bleib nur draußen.“ Sie drückte, in der Mitte des kleinen Raumes stehend, ihr Gesicht an seine stumpfe zerschrammte Lederjacke, umfaßte seinen Kopf mit den Händen. „Ich habe dich vorher tönen hören, Hojet Sala. Jetzt mach ich mich auf die Reise nach Grönland. Da. Mir begegnet nichts. Der steile Absturz schadet mir nicht. Hör draußen! Unsere Vögel. Vögel! Nichts schadet!“ Sie löste sich lächelnd, nahm summend seine Hände: „Angst habe ich doch vor dir, Hojet Sala. Aber du tust mir nichts. In dir keimt etwas für mich. Laß es nicht verkommen.“ „Warum gehst du?“ „Milch bringen lassen.“ Sie trank von ihrem Glas, gab es ihm: „Tu mir die Freude. Damit ich die Angst verliere.“ „Hätte ich etwa“ dachte es in ihm, „die Tika On nicht töten sollen. Ich hätte sie auch so erlegt.“ Er trank aus ihrem Glas. „Und jetzt willst du gehen, Hojet Sala?“ „Ich dachte zwei Tage bei dir zu bleiben. Ich war auf Schlimmes gefaßt, Venaska.“ „Und jetzt?“ „Jetzt gehe ich zurück.“ „Und kommst nicht wieder?“ Er lächelte: „Du hast noch Furcht vor mir, Venaska. Deine Milch war gut, ich trank auch aus deinem Glas. Ich will meinen Freunden sagen –“ „Was?“ „Ich weiß noch nicht. Daß du mich steiler Absturz, Hojet Sala, genannt hast. Und –“ Da legte er sich in seinem Stuhl zurück, faßte seinen Dolch, schloß die Augen. Sie betrachtete ihn lange. Er öffnete die Augen: „Gut war es bei dir. Ich habe keine zwei Tage gebraucht. Ich kam her, ich gestehe es dir, Venaska, mit dir keine Gnade zu haben. Tika On, es lohnt nicht über sie zu sprechen, mußte hin. Ich hatte vor dir Furcht, daß du zunicht machst, was uns in Grönland – geworden ist.“ „Und jetzt? Und wieder jetzt? Erkenne ich dich nicht, Hojet Sala? Gleich wie ich dich sah, wollte ich dir den Namen geben.“ Sie wollte vor ihm hinfallen.
„Küß den Dolch.“ „Das ist der Dolch, mit dem du sie –“ „Nein, mit den Händen tat ich das. Du mußt den Dolch küssen.“ Sie umarmte Kylin, weinte an seinem Gesicht. Er murmelte finster: „Nicht das, Venaska. Küß den Dolch.“ „Muß ich das?“ Er zitterte, machte sich von ihr los, ballte die Faust, seine Augen waren weit: „Küß den Dolch.“ Er hielt ihr den Griff mit dem Vulkanzeichen hin. Sie beugte den Kopf mit der Feigenblüte, zog den Dolch an den Mund. Er keuchte noch: „Wie kannst du es wagen“, und rührte sich nicht. „Geh nicht so, Kylin. Was hab ich getan.“ Er ging aus der Tür, über den Hof. Venaska hinter ihm: „Verzeih mir.“ Erst an dem Fuß des Hügels, auf dem sie wohnte, stellte sie ihn. Er blickte sie nicht an: „Warum läufst du hinter mir?“ Dann war er ruhiger: „Wir haben nichts zu besprechen, Venaska.“ Sie griff nach seiner Hand: „Gib mir den Dolch.“ Sie küßte ihn lange, inbrünstig: „Möge dir jeder Kuß wohltun, lieber Dolch. Mein Kuß wird trocken: vergiß ihn trotzdem nicht.“ Kylin betrachtete den Dolch: „Lieber Dolch, lieber Dolch“, lächelte er, umarmte sie. Sie standen unter einem Oleander: „Zittere nicht. Jetzt nehme ich selber deine Küsse an. Ich weiß wieder, wie süß Menschen sind. Du bist sicher das Süßeste von ihnen. Ruhig, Venaska.“ Sie nahm den Feigenzweig vom Haar, gab ihn ihm. Wie sie vor ihrem Haus war, brach sie in Weinen aus, weinte lange auf der Bank vor dem Haus, von den Frauen gehalten. Kylin kehrte nach wenigen langsamen Schritten zu dem Oleanderbaum zurück, den Feigenzweig an der Brust: „Gesegneter Ort.“ Streichelnd legte er den Zweig von sich an den Boden, berührte die Erde, ging davon.
Östlich von Toulouse auf der Hochfläche von Sidobre warfen sich bei der großen Zusammenkunft der Islandfahrer die ersten Menschen in das Feuer. Den fünf Geopferten ging Idatto voran freiwillig in die Glut. Der Zarte war schon lange nicht mehr bei Kylin; die schmachtenden Geister hatten sich seiner bemächtigt. Er fand nicht den Entschluß, sich von Kylin zu trennen; das Brandmal auf seinem Arm blickte ihn an. Und wie die Flamme brauste auf Sidobre, süß geheimnisvoll und streng, wußte er seinen Weg.
Das Gerede von den Islandfahrern verbreitete sich in den Landschaften. Die strengen bändigenden Feuer sah man bald überall brennen. Der Steile Absturz, wie man Kylin nannte, blieb mit ihnen auf Sidobre. Die Islandfahrer blieben auf Sidobre, bis sie fühlten, daß sie die anflutenden Erdgeister bezwangen. Dann blickten sie weiter um sich. Die reinen niederwerfenden Feuerbrände waren schon weit vor ihnen nach Norden getragen worden. Die Siedler sammelten sich um das Licht; die sicheren harten entschlossenen Menschen, die vom Meere kamen, heischend sich bewegten, überwältigten sie.
Die Islandfahrer drangen durch das ganze südliche Land. Als Kylin sah, daß die Feuer sich nach Norden bewegten, die Siedler sich zusammenballten, verließ er Sidobre.
Er spannte frische Pferde vor seinen Wagen, lenkte ihn, sein Innerstes stählend, auf die erdversunkenen Stadtreiche.
Aus den Erdgewölben, in denen Mentusi und Kuraggara saßen, waren neue Wesen hervorgelaufen; die Giganten hatten sich mit ihren Gehilfen zusammengetan, die ihnen die Türen der Versuchsgewölbe öffnen mußten. Als Wiesel, kleine grauhuschende Mäuse fuhren sie aus den Türen. Flitzten durch die Straßen, immer in Gefahr erschlagen zu werden, kratzten pfiffen vor den Versuchsgewölben. Und nach Tagen flogen sie als Reiher mit dicken Köpfen, schwerhängenden Köpfen über die Plätze der Erdstadt, spreizten die Flügel, streckten die Hälse aus, fuhren durch die Schächte auf. In den Laboratorien mußte man sie in Menschen zurückverwandeln. Da standen sie dann, schüttelten sich, als kämen sie aus dem Wasser hervor, murrten, fanden sich nicht zurecht, machten sich zu einem neuen Sprung bereit. Dumpfer heißgewalttätiger kamen sie aus den Verwandlungen hervor. Ihre Gehilfen und Gehilfinnen waren Männer und Männinnen wie sie. Die Giganten fielen die Gehilfen, wie sie aus den Bädern Feuern Spannungen der Verwandlung stiegen, oft noch in dem Drang des Tierischen an, schlugen sie, zerstörten Apparate. Man hatte schwer die wieder Menschgewordenen zu bändigen. Die Lust, sich in Tiere zu verwandeln, erlosch bei vielen Giganten Londons und Brüssels, als man einige von ihnen erschlagen und in Stücke reißen mußte, wie sie nach ihrer Wiederkehr über die Gehilfen, kostbare Apparate fielen.
Gierig machten sich da Giganten Londons daran, Menschen aufzugreifen, in Massen, in immer größeren Massen, um ihre Kräfte zu zeigen. Vor ihren stierwilden Gehirnen stand die Erinnerung an die schrecklichen Gebilde, die die fallenden zerschellenden Urtiere unter sich geschaffen hatten: die mit Mensch Tier Pflanze Stuhl Tür aufbrausenden kochenden Häuser. Die Fahrt nach Island und Grönland war nicht vergeblich gewesen, die Urkraft war in ihren Händen, sie wollten sich ihrer bedienen. In zwei Wochen vollendete Kuraggara, die Männin, selber in eine Fledermaus verwandelt, in London ein schreckliches Werk. Sie konnte wie ein grönländischer Drache speicheln; ein Tropfen des Speichels lief über den Schleier, den sie, selber geschützt, an ihrem Hals trug. Schon wuchsen unter ihr die Balken, die Eisenträger dunsteten auf und quollen, entsetzlich dicke Menschenarme schwollen lang aus den Fenstern, zerbrachen die Fensterrahmen. Die Gebäude wurden von Fleisch umwuchert. Die unterirdischen Gewölbe mit Menschen, Häusern, Wagen wuchsen zu, durchwühlten einander. Von der Erdoberfläche waren die Menschenmassen vor den Grönlandbestien geflohen; jetzt saßen sie, hingen wie ein Korallenstock unter der Erde. Und Kuraggara, von Tag zu Tag wieder Mensch, jauchzte. Mentusi, Kara Ujuk, Schagitto, Dejas Tessama wurden von ihrem Fieber angesteckt. Über die fliehenden vor Angst wahnsinnigen Menschen im untersten Teil Londons fielen sie, surrten als Kolibri, schrien als Goldfasan Häher Elstern, ließen sich jagen, tropften ihr Gift. Der unterste Teil Londons, die Wasserstadt, wurde von den täuschenden flatternden Tieren begraben, Stein Sand Mensch Eisen ineinander gequirlt. Der Boden dort sank ein; Wasser schwemmte in die Spalten, die Hohlräume, die sich bildeten. Delvil, der Gewaltigste von ihnen, tat den flatternden Tieren Einhalt, erschlug einige von ihnen, kämpfte die anderen, die wieder ihre Gestalt angenommen hatten, nieder. Er drohte ihnen: „Das tat not, daß ich mich für euch mühte. Es tat not, daß wir für euch Menschen nach Island schickten. Der Schleier für euch! Nehmt euch in acht. Vier leben nicht mehr.“ Sie brüllten, was er vorhabe. Er tatzte eisig nach ihren Gesichtern: wenn sie begriffen, was er vorhabe, wäre es ihm recht; vorher sollten sie ihren Verstand bei ihm legitimieren.
Mentusi und Kuraggara, die noch lebten, zwang er zu sich nach Cornwall herüber in die Dartmoorwaldungen. Auf Tieren, die sie sich geschaffen hatten, flachen Riesengeschöpfen, in deren Brustkorb sie saßen wie das Herz der Tiere, flogen sie an. Er zerbrach den Tieren die Hälse: „Kuraggara, das war dein Tier, das braune. Und das war deins, Mentusi. Das sind eure Späße. Damit glaubt ihr mir vor die Augen treten zu können.“ Kuraggara, wie eine Tanne hoch, hatte den Rumpf eines Menschen. Als Baumkänguruh war sie zuletzt gesprungen; braun und behaart war noch ihr Gesicht, schnauzenförmig verschoben Kiefer und Nase, kleine spitze Ohren drehte sie am Hinterkopf vor. Sie stand eingesunken auf den plumpen bekrallten Hinterbeinen, den buschigen Schwanz schlug sie vorn um den Leib. Schläfrig hörte sie auf Delvil. Mentusi hatte den langen rostbraunen Hals eines Gänsegeiers. Mit klatschendem Flügelschlag senkte er sich auf den Steinboden vor Delvil, hob den spitzen Menschenkopf, sträubte die Rückenfedern. Er hauchte dehnte sich: „Schlag nur den Kasten tot. Wir machen uns neue.“ „Du unsauberes Tier. Sieh, was hängt an dir, an deinem Federkragen. Das sind Därme!“ „Gut gesehen. Pferdedärme, Delvil. Die Menschen früher hatten nicht unrecht, Tiere zu fressen, die aus den Leibern anderer kamen. Das schmeckt mir besser als Meki. Ich werde noch Siedler.“ Delvil patzte ihm eine Handvoll Steine an die Stirn. Mentusi schnurrte zurück, lüftete die Schwingen, kreiste mit eingezogenem Hals zweimal um Delvil, ließ sich krächzend nieder.
„Und du, Kuraggara, was stehst du.“ Delvil, ein Mensch von Gestalt, haushoch sie überragend, griff sie am Nacken an: „Schläfst du. Du hast gesehen, wen ich in London totgeschlagen habe. Willst du’s auch. Brauchst nur sagen. Mach dich zu einer Ameise oder zu einer Laus, das ist bequemer für mich.“ „Du bist neidisch auf uns, Delvil. Du gönnst uns unser Vergnügen nicht.“
„Was ist euer Vergnügen.“ Mentusi flog an ihm hoch: „Ist wohl Delvil zu guter Letzt Hüter der Menschen geworden. Was gehen dich die Menschen an. Mich gehen die Läuse und Ameisen ebensoviel an wie die Menschen.“ „Mich kümmern die Menschen auch nicht, du Aasfresser.“ Delvil kollerte über das Steinfeld: „Ich und Menschen. Ich und mich um die Menschen kümmern. Du hältst mich für einen Propheten und Führer. Ich sehe wie Marduk aus. Das ist vorbei, Mentusi. Die kümmern mich nicht mehr. Sie mögen siedeln oder Städte bauen oder Baumborke essen oder Schwefelsäure trinken. Aber trotzdem seid ihr Schufte, du und Kuraggara und Schagitto und die andern, die ich totgeschlagen habe. Ihr könnt spielen soviel ihr wollt. Ihr treibt es zu wild.“ Kuraggara hob sich auf ihren Sohlen auf: „Da war nichts wild. Du gönnst uns nichts.“ Delvil stieß mit dem Knie gegen sie. Sie klapperten unter seinem Steinregen in das Dickicht.
Delvil dachte nur daran zu wachsen. Er verließ die Berge Cornwalls selten. Eine kleine Zahl inbrünstiger Gehilfen hatte er. Dejas Tessama schickte er nach Irland, einen Mann wie er. Sie wollten Grönland und die Urtiere nicht vergessen. Die Kette der Turmmenschen stand noch auf dem Gebirge, am Meer. Mit Inbrunst Weinen Haß betrachtete sie Delvil: „Das waren meine Freunde. Sie haben die Bestien aufgehalten. Wir haben sie opfern müssen.“ An den dunklen traurigen Wesen ging er vorüber. Er ließ sie verfallen, man brauchte sie nicht mehr. Sie vertrockneten zwischen den Steinen und Balken; ihr entsetzliches Gestöhn, tierartiges müdes Blöken hallte monatelang über den einsamen Bergen, über den wüsten Wasserflächen von Schottland nach Skandinavien. Die lockenden Schleierteilchen senkten sich mit den schrumpfenden Riesen. Steinmassen über Menschen- und Tierreste. Herab von den Flößen in die See.
Delvil dachte nur zu wachsen. In Cornwall hielt er wochenlang. Sehr langsam ließ er sich auftreiben; er wollte nicht wie die Turmmenschen mit dem Boden verkitten. Felsblöcke konnten sich um ihn werfen, Wasser Balken. Oft wurde sein Bewußtsein dunkler und man mußte lange anhalten, damit nicht die Geister der Steine die Oberhand über Delvil gewönnen. Als ein ungeheures menschenähnliches Geschöpf schob sich Delvil vor London. Hatte Füße Zehen Knie eines Menschen. Dunkelbraune fellartige Haut. Sein schilfernder Leib trieb Warzen Beulen Brüste vor wie Erker und Kuppeln. Ein glockenartiges armbewegendes Geschöpf stieg aus seiner Magengrube. Aus den Weichen wuchsen schwarze und graue sich ringelnde spielende Schlangenleiber, bewegliche augenöffnende Röhren, die sich um seine Beine legten, um ihn zu liebkosen, die für ihn soffen und fraßen. Die Brust oben schwoll in langsamem Takt. Bäche sogen die Schlangenleiber auf; ihr Bett wurde leer; die Bäche liefen durch Delvils Leib. Er sah die Siedler unter sich laufen: „Krautfresser. Menschen. Das ist die Erlösung der Menschen. Erlösung! Kraut zu fressen! Menschen!“ Die Gräser Bäume Pferde Rinder betrachtete er mit seinem trüben Blick. Der Wind blies um ihn. „Der Wind, das ist etwas. Der Berg.“ Er stampfte um London, weil er sich fürchtete, den Boden zu zerbrechen. Über den sturmbrausenden Kanal stieg er; das Brausen hielt er aus, bis es ihm den Atem benahm. Bei Calais setzte er sich schnaufend hin, rüttelte an Strandfelsen. Ten Keir schweifte um Brüssel. Er sah die Verfinsterung des Himmels, den wolkenhoch anschaukelnden Giganten, hörte das meilenweit vernehmbare Grunzen Gurgeln Wasserrieseln Pfeifen der Schlangen. Voll Ekel floh er unter die Erde.
Trübgierig irrte Delvil über den Kanal zurück, suchte tastend den Weg nach Cornwall. In Fudern schluckte er das Gestein. „Menschen. Krautfresser. Das ist ihre Erlösung.“ Er dachte dunkel: „In der Erde wurzeln. Wie die Berge. Es wird sich alles herausstellen.“ Und kaute mahlte schloß die Augen.
Die Giganten zogen auf Jagd. Kuraggara wollte nach Grönland. „Laß mich über das Meer fahren“ lachte sie den brütenden Mentusi an „komm mit. Ich jage auf Wunder. Du schläfst.“ Mentusi flog auf: „Laß sehen.“
Sie waren zwei Geier, die über das Meer schossen. Sie stießen durch den Sturm, Möwen zerrissen sie und trieben sie sich zu. Das Meer wogte, eine schwarze schillernde Platte, unter ihnen. Sie fuhren herunter, hackten Walen in die Köpfe. Schrie der Sturm: „hi!“ schrien sie: „hi“. Sie durchbrachen den Wind. Eisberge, die weiße Kälte flimmerte unten auf. Kuraggara schleuderte sich lustig in der Luft herum: „Wir sind bald da. Mentusi, wir haben es. Es war kein Drache da. Ist keiner gekommen. Sie sitzen im Eis fest. Wir wollen sie aufstöbern.“
Kein rosafarbenes Licht glomm mehr um sie. Das weiße Dämmern. Wallen des Nordlichts. Da war Jan Mayen. Wo war der Mutumbo, der sich in die Flachsee ein Loch gebrannt hatte, mit den Schiffen sich herabgelassen hatte auf den Meeresgrund. Das tosende Wasser war über ihn gekommen. Das Rosenlicht blühte vom Himmel, in gleichmäßiger Seligkeit machten sie Steinchen, Hölzchen, kleine Wellen, große Wellen zu Geliebten. Dann rollten schwarze Gewitterwolken an, Zyklone; und sie jauchzten noch. Und dann die flimmernde gleißende Wolke der fliegenden Lurche, der langhalsigen mit knochigen Kragen, Füchse in ihrem Gefieder. Spritzen Gießen von Tieren. Dröhnen der durchbrochenen Schiffsmauer. In das gewalttätige Wasser waren sie in einer Minute eingewühlt. Wie Öl die See schillernd über den verschwundenen Schiffen. Vorbei Jan Mayen.
Bergketten tauchten im Ozean auf. „Das ist es“ jauchzte Mentusi, senkte sich. Es waren Inselgruppen. Und neues Wasser, stärkeres Schäumen, Brandungslinien. Weiße Gipfel, flache hüglige Ebenen. Die Geier krächzten, die Schwingen weit entfaltet, unbeweglich, ließen sie sich herab. „Grönland, Mentusi.“ „Kuraggara, ist das Grönland.“ Wonnig kreischte Kuraggara: „Weißt du, was du vergessen hast die ganze Reise? Weißt du? He? Die Drachen.“ „Die Drachen.“ „Ja, Mentusi. Jetzt greifen wir sie an. Hast du sie gesehen. Ich keinen einzigen. Wo sind denn aber die süßen Tiere, die uns solche Angst gemacht haben. Wo haben sie sich denn versteckt und wollen mit uns spielen.“ Sie prustete, tanzte auf dem Schnee, schlug mit den Flügeln, daß der Schnee stob: „Tot! Tot! Verreckt! Krepiert! Verendet! Vernichtet! Drachentod. Komm, wir wollen sie suchen. Ich möchte mit ihnen spielen.“ Sie sausten im Fluge die Berge ab. Schneemassen Eisplatten überall. Durch gelles weißes Licht schossen sie einen Tag, das Land endete nicht, dehnte sich unermeßlich weiß hin. Wie die Schwärze vom Himmel ausgebreitet wurde, Schneegestöber sie blendend einhüllte, lockte Kuraggara: „Ich seh eine Kluft. Wir warten die Nacht ab.“ Müde saßen sie unter einem Fels, schliefen träumten. Sie segelten über dem Meer, hoch in der Luft, die Flügel ausgespannt, ohne Bewegung, und wurden getrieben.
Bei stechendem Sonnenschein wachten sie auf, Kuraggara wollte weiter fliegen. Mentusi, die Federn gesträubt, knurrte: „Warte, ich habe etwas geträumt. Ich will nicht in den Schnee. Wo sind die Drachen. Ich habe geträumt, sie liegen hier.“ Und sogleich fing er an über der Kluft zu kreisen. Der andere Geier ihm nach: „Ich sehe nichts.“ „Sie liegen hier. Unter dem Schnee.“ Sie krallten sich in den Schnee des Abhangs ein, schlugen mit den Flügeln um sich, wehten ihn fort, mit Klauen wühlten und kratzten sie. Der Schnee lag locker. Das Eis war lose bröcklig; es war ein Firn, blau weiß, der sich eben bildete. Sie warfen ihre warmen Körper an das Eis; es rann und floß weg. Wie ihre Klauen ermüdeten, nahmen sie die Köpfe, bohrten und hämmerten mit den Stirnen. Sie wälzten sich wie Räder, bis sich ihre Fänge wieder erholt hatten. Da brach auf einmal knarrend die Eis- und Schneemasse über ihnen von der Abhangsspitze herab. Ein Stück wurden sie abwärts gerollt, fast erstickend unter den Schneelasten. Dann schossen sie seitwärts hoch. In der Luft trafen sie sich: „Bist du es, Kuraggara?“ „Lebst du, Mentusi. Ich kann nicht weiter. Ich kann nicht, Mentusi.“ Sie saßen verschnaufend in der Ebene, eine Stunde. Mentusi jagte auf, zögernd flatterte die andere.
Kreischte Mentusi, war verschwunden. Angstvoll erhob sich die andere, höher, höher. Sah den andern, den Riesengeier. Er hing an der Wand, bewegte sich hackend auf und ab. Sie näherte sich, erschrak. Stieß ein Kreischen wie Mentusi aus. Die Wand war schwarz und braun. Dünner Schnee überrieselte sie. Da ragten die Äste einer Baumkrone hervor. Starke Äste eines schief lagernden niedergebrochenen Baumes. Die kleine Lawine hatte die ganze Wand des Abhangs entblößt. Mentusi lief unten eine sonderbar gewundene Linie ab. Er schrie und hackte. Kuraggara flog herzu. „Das sieh, Kuraggara. Was sich hier biegt. Es bewegt sich nicht. Knochen Wirbel. Da, Rippen. Hier der Kopf, die Augenlöcher.“ „Ein Drache.“ „Einer, meinst du. Hier liegen nur Drachen. Hier liegen sie alle. Es war ihnen zu kalt. Ist aus mit ihnen. Sind eingeregnet, eingeschneit.“ Und sie stöberten den Abhang ab. Er war von einem Wald mit Bärlappbäumen bestanden gewesen. In kalten modrigen Blatt- und Moosmassen rührten sie. Zwischen Geröll Stämmen Blättern lagen Gerippe und Haufen zersplitterter Knochen, Eis dazwischen wachsend, Schnee Wasser Erde darunter rieselnd. Kuraggara schrie, flog auf, schaukelte sich in der Luft über dem Abhang: „Die Drachen, die uns erschlagen wollten. Die Drachen, die die Stadtschaften verwüstet haben. Ha! Ha!“ Mentusi schaukelte sich neben ihr: „Kuraggara, über das Land, über das ganze Land.“ Sausten durch das Schneegestöber durch die Böen des eisigen Windes: „Das ganze Land unsere Fahne. Unsere Siegesfahne. Da liegen sie, da und da und da. Tausende, Millionen! Überall, wo es weiß ist. Der Schnee tut nichts als sie begraben. Und uns –“ Mentusi schnellte sich hoch, kreiste. Kuraggara, lachend: „Uns haben sie ihr Leben gebracht. Gerippe auf Grönland. Leben bei uns. Ha. Wollen noch Schnee fressen. Schnee Schnee.“ Und sie schluckten den Schnee. Der fiel über den Erdteil, versenkte die Wälder bis über die Baumkronen, brach die Stämme nieder, zerrieb sie, löste, was an Tieren zwischen ihnen lag. Auch die Fetzen des verkohlten Riesenschleiers von Turmalin, der ihn einmal beherrscht hatte.
Schrill Kuraggara: „Nun, wie gefiel dir die Fahrt, Mentusi. Ich fresse mir den Magen mit Schnee voll; er ist unser Freund. Jetzt wollen wir zurück. Ich hatte mich auf ein anderes Wunder gefaßt gemacht. Aber auch das gefiel mir.“ „Und mir. Wenn ich erst zu Hause wäre. Wir müssen viel tun, Kuraggara. Ich habe unendlichen Durst, viel zu tun. Tun, tun.“ „Komm. Ein Tag, zwei Tage, wir sind zu Hause.“
Die Berge und Eisfelder vorbei. Den Atlantischen Ozean überflogen, Meridian auf Meridian. Das lungernde Wasser, das schlackernde wehende Fell des schwarzen feuchten Untiers. Klippen und weiße Brandung: die Shetlands Orkneys und Färöer. Schottische Bergketten, die Hochflächen. Kleine Schafherden bewegten sich unten; Menschen Siedler. Tun, mehr tun. Die beiden Geier schrien warfen sich in der Luft. Sie sausten mit zurückgebogenem Hals, blinzelten begehrlich gradeaus: meilenweite Trümmerfelder bis zu den Küsten; das grollende Meer im Süden. Das war London. Die Schimmelpilze der Siedlungen hatten es am Rande überzogen. In die Schächte und Spalten hinab die beiden Geier, den Kopf voran, die Fänge an den Bauch. Sie krächzten.
Und da sie Delvil nicht sahen, taten sie, was sie wollten. Mit dem Geheul von Panthern erfüllten sie die Gewölbe der Erdstadt. Sie vervielfachten sich. Als die erschreckten Menschen die schrägen Spaltenwände hochliefen, die Schächte auffuhren, standen die stampfenden Mammute da. Die Rüssel schwangen sie wagerecht und senkrecht wie Keulen Peitschen Hämmer Steine. Wie sie die Rüssel gedreht über den platten Kopf warfen, die rote Riesenkluft der Mäuler entblößten, weiß heraus die Balken der Stoßzähne, gähnten sie klingend und rollend hell. Der Schall fuhr wie Meereswut über die wimmelnden Menschen, die auseinanderstoben. Die Mammute, die grauschwarzen, tanzten. Schächte traten sie ein. Die Menschen warfen sich aus den Erdkammern hoch. Die weiße Luft, der neblige Himmel war da, blasender Wind und Untiere, wie aus der Grönlandzeit. Sie ließen sich betäubt in die Stockwerke der Erde wieder herunter. Dann hinter ihnen das gräßliche Tiergebrüll, die Giganten. Sie waren außer Rand und Band; ihre Macht hatte sie zum Toben gebracht. Wie konnte man fliehen. Schächte eingestürzt, der Zugang zu den Mekifabriken verschüttet. Durch alle Risse quollen die Menschen herauf, verstopften die Wege. Dem Geheul der Tiere lief man entgegen. Wo das Geheul war, war eine Öffnung. Mentusi und Kuraggara, Gestalt um Gestalt wechselnd, tosten; Glück rasselte in ihren Kehlen: „Tummtumm! tumm tumm!“
Dann ließen sie das kreischende London los, das Strudeln krabbelnder zitternder Menschen. Es durstete sie nach Cornwall zu Delvil. Fünf Giganten waren hinter ihnen her, die letzten, die London gemacht hatte. Zwei hüpften als Heuschrecken, hoch wie ein Mann, rieben die glashellen pergamentenen Flügel gegen die Hinterschenkel, daß Schrillen mit ihnen lief. Sie schnellten sich mit dem letzten spitzwinkligen Beinpaar, flügelausbreitend, hoch, schossen im Satz über die Gesteinshalden. Die drei anderen flogen als gelbe Wolken von Blütenstaub. Der Staub schwankte und löste sich manchmal, dann ballte er sich zusammen, schoß vorwärts wie ein geworfener Stein.
Durch den Dartmoorwald ging Delvil; Cornwall verließ er eben. Eine gelbe Wolke, wie ein Mückenschwarm singend, legte sich weich vor seine großen dunklen Augen. Er hob einen Arm, um den Schwarm zu verjagen. Der legte sich dichter, nach Linden duftend, an, schwoll über seinen Nasenrücken gegen den Mund. Die Schlangen aus seinen Weichen zuckten auf, gegen eine Wolke, die sich um die Hüften legte. Die Schlangen rissen peitschend hochschnellend Spitzen von Tannen ab, zersplitterten Äste. Unter dem Hagel der Baumstücke wichen die Heuschrecken, die sich schrillend näherten, durch den schwarzen Wald. Delvil wandte seinen Rücken gegen die Wolken, nieste wischte sich die Augen mit dem behaarten Arm. Und wie er tief atmete hustete spie, – das Summen näherte sich von rückwärts seinen Ohren, er beugte den Kopf, – zerriß das Gelächter Mentusis und Kuraggaras die Luft. Ihre Flügelschläge sausten über den Tannenspitzen. Sie krächzten; rostbraun ihre gierig vorgestoßenen fast nackten Hälse; die Federn der Halskrempe grau; und sie flatterten in der Luft. Da erkannte Delvil die Giganten, mit denen er kämpfte. Er war auf dem trüben suchenden Wege wieder nach dem Festland gewesen. Er griff mit den Fäusten nach seinen Ohren, an seinen Mund, in die kitzelnden Wolken des Blütenstaubs. Die Massen, die auseinanderglitten, faßte er krampfend zwischen die Finger, quetschte, zerwarf sie, stieß mit den Ellbogen die aufdrängenden, zueinander quellenden Wolken zwischen seine Knie. Da klemmte er sie fest. Der Staub verfärbte sich, wurde rot, glühend. Aus dem Summen war ein rasch abbrechendes Zischen Zwirbeln wie ein Drosselschlag geworden. Die Schlangenmäuler weit gesperrt schnappten schlürften schluckten an der wallenden Masse.