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Berge Meere und Giganten

Chapter 5: Drittes Buch. Marduk
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About This Book

A vast, epoch-spanning vision traces how postwar industrial societies accelerate mechanization and global expansion, extending human control through colossal machines and engineered infrastructures. The narrative moves through phases of technological triumph and colonial exploitation, seaborne projects and biological-engineering ventures, and finally the rise of towering artificial entities whose operations reshape climates, geographies, and communities. It examines the tension between human ambition and impersonal forces, attending to questions of scale, material transformation, ecological consequence, and the fragile persistence of everyday life amid sweeping systemic change.

Drittes Buch.
Marduk

Zuerst kam in Berlin der Konsul Marke auf. Er war Erkunder bei den technischen Truppen des Uralischen Krieges gewesen. Anfliegend aus der schwarzen Krim, die beladen war mit Sterbenden, verendenden Pferden Hunden Füchsen Katzen, über das verödete Bessarabien, die stillen Beskiden fuhr er. Als er sich Berlin näherte, sich über dem alten Bernau senkte, hatten sich da Massen angesammelt, ihn erwartend in den herbstlichen Alleen, zwischen den Plantagen und Baumschulen. Megaphone waren aufgestellt. Er vor dem Haus sich niederlassend, ging unter dem Gebrüll der Menschen wortlos zur Tür, schloß sie hinter sich. Rief, dessen braune Kleider den scharfen Geruch der Gase und des Brandes von sich gaben, seine beiden Töchter, forderte von ihnen, nachdem er sie unbewegt lange beschaut hatte, – sie weinten strichen Hände Gesicht des starren Mannes, – daß sie sich entleiben sollten. Gelegentlich wurde seine Starre durch Schluchzen Aufstöhnen durchbrochen.

„Ihr wollt euch nicht töten? Wollt ihr euch nicht töten?“ Eintönig und immer wiederholt seine Frage. Er sprach das hier übliche Englisch-Deutsch; bisweilen murmelte er in einem unverständlichen Jargon: russisch, der Leute zwischen den Feuerlinien. Die Töchter warfen sich vor ihn auf den Boden, weinten ratlos. Zwei alte Hausgehilfinnen holten sie; er sah sie nicht an. Der starkrückige Mann, die Fliegerkappe über die Stirn hochgeschoben, drängte weiter: „Ihr müßt euch töten.“ „Warum? Warum nur? Was haben wir getan?“ Er murmelte russisch. Dann stand er zitternd, zog die Kappe ganz über das Gesicht: „Ihr – habt nichts getan. Was soll einer getan haben. Oder zwei. Ich auch nicht. Wir haben nichts getan. Alle müssen hin.“ Er fuchtelte mit dem Stahlgürtel, den er sich abgeschnallt hatte, schlug auf den Boden, als ob er etwas niederpeitschte. Jourdane, die jüngere, bot ihm zu trinken. Er kippte das Weinglas, das er in seiner linken Hand hielt und anschaute, dem blonden schmächtigen Mädchen über die Brust. Sie wollte in einer Mischung von Zorn und Angst seinen Arm packen. Die Ältere hielt sie zurück. „Ich will dein Gift nicht nehmen, Weib.“ Marke stellte das Glas vor sich auf den Tisch, fuhr mit dem Gürtel wagerecht hin und her, schlug es vom Tisch herunter. „Ich will keine Luft mit euch. Es war nicht nötig, daß ihr in mein Haus kamt, wenn ihr nicht auf mich hört. Hier ist meine Luft. Ihr müßt weg. Alle. Tötet euch.“

Die Megaphone dröhnten über die Straßen. Marke schrie, an sein Fenster tretend: „Worauf wartet ihr. Ihr müßt weg. Weg müßt ihr, sag ich euch.“ Er gehörte nicht zu den Herrschenden, Leuchtmar, der in Hamburg getötete, hatte ihn nie gesehen. Die Menschen unten liefen ängstlich voneinander, verstanden nicht, was er wollte.

Jourdane blieb in der Nacht am Bett Markes, der wenig schlief. Sie glaubte, er sei von einem Gift des Krieges getroffen. Während sie sich über die Stuhllehne zu ihm bückte, schwoll ein Grauen von ihm auf sie über. Eine Weile saß sie noch, dann konnte sie nicht widerstehen. Mußte den Kopf heben, die Arme auf die Stuhllehne stützen, die Füße aufdrücken, aufstehen, gehen. Den Mann im Bett sah sie nicht mehr. Sie ging zur Tür. Nahm Markes dünnen Stahlgürtel ab, band ihn um einen Riegel, steckte, einen Stuhl besteigend, den Stuhl mit Freude unter sich wegstoßend, den Kopf in die Schlinge. Der Kopf mußte in die Schlinge gesteckt werden. Sie empfand, wie sie die Füße gegen den wankenden Stuhl stieß, eine tiefrieselnde Lust über den Leib die Knie und die Arme. Zum dargebotenen Hals, der sich an die kühle anschnellende Schlinge legte, rann die schreckliche Lust herauf.

Der Mann, im Fall des Stuhls zuckend, sah sie hängen. Er wollte vom Bett hin um sie zu retten, aber seine Beine kamen nicht auf. Seine Arme, die nach der Bettkante griffen, knickten krampften zusammen. Er hielt den Kopf in der Richtung auf die Hängende. Lauschte nach ihr. Langsam vermochte er zu schlucken, tönend die Luft durch Mund Nase einzuziehen, zu schnarchen, zu stöhnen.

Sein lautes wildes immer wilderes Stöhnen, – er saß gebunden auf der Bettkante, den Kopf starr nach der Hängenden, – rief die Tochter, die im Nebenraum schlief, herbei. Sie sah nicht, warum er keuchte lallte. Verfolgte seinen Blick. Schwankend, hoch die Luft aufziehend, hinsinkend, sich hinschleifend war sie an der Tür. Stürzte mit der abgehobenen Schwester vom Stuhl, über sie her. Marke im Hemd auf der Bettkante. Seine nackten Füße vibrierten auf dem Teppich. Weinend warf sich die Tochter, als Jourdane leblos dalag, an ihn, umschlang seinen Rumpf. Und während ihr verzerrtes Gesicht von Tränen überflossen wurde, blickte sie nach oben, zu dem Gesicht des Vaters. Der war stürmisch durchzuckt. In seinen Beinen Armen, dem Rücken krampften die Zuckungen Jourdanes nach, während sie hing. Immer schnellten seine Beine an, wollten sich seine Knie krümmen, die Füße stoßen. Er drückte sich fest, fester.

Das Aufwühlen seiner Muskeln bezwang er. Sein wieder erstarrender drohender verlangender Ausdruck gegen Janina. Die ließ ihn los. Ihr Entsetzen Abscheu vor diesem Wesen. Auf die Schwester lief sie, löste ihr den Gürtel vom Hals, hielt ihn, kniend, über die Schwester wegblickend, in der geballten Faust gedrückt, wie eine Peitsche, mit der sie auf den Mann losgehen wollte. Und stand, den Gürtel pressend in der Rechten, um den stummen Mann, den lippenbeißenden, der hörbar durch das Zimmer atmete, auf das Bett zurückzuwerfen, ihm anzutun, was sie konnte. Das Scheusal, das die junge süße Erhängte getrieben hatte. Da fühlte sie seine Augen. Er saß noch immer auf dem Bett. Sein Ausdruck so wechselnd: bald zitternd zerfließend, bald starr und unerbittlich befehlend, bald schmerzgespannt. Die Fäuste hatte er sich zum bloßen Hals erhoben, sie krallten in die Haut. Er war von der Verzweiflung verschluckt, verstrudelt, geschlagen an jedem Glied. Vor ihm kniete sie einen Moment. Horchte, sah zu ihm auf. Berührte seine Hände. Sein Ausdruck wurde drängender. Sie stand, getrieben, Muskel und Spannung, vor der Schwester, die auf dem Teppich lag, das Gesicht mit dem offenen Mund nach oben, die Knie an den Leib gezogen. Der Gürtel fiel Janina aus der weißen Hand; sie hatte die Hände wie die Tote geöffnet. Was saß hinter ihrem Rücken auf dem Bett. Der Stuhl. Sie zog ihn her. Der dünne Gürtel. Der Riegel. Verschließen des Gesichts. Der Stuhl polterte. Sie sollte erst, Janina, nach langen Stunden in der Helle des Vormittags neben Jourdane liegen, das Kinn nahe der zarten Brust, die Beine angezogen. Umschrien von den beiden alten Frauen. Marke saß noch immer auf der Bettkante. Stöhnte leise, antwortete nicht, als Männer ihn befragten. Zog sich gegen Mittag an. Mit dem Stahlgürtel rieb er sich die behaarte Brust aufs Fleisch blutig. Unter dem Hemd auf dem blutigen Fleisch schnürte er sich den Gürtel. Unheimlich stand er stundenlang wortlos im Zimmer, die Faust an der Brust.

Man hatte damals ein Verfahren, auf großen Plätzen, offenen Straßen im aufwirbelnden farbigen Rauch Gestalten und Landschaften sichtbar werden zu lassen. Die spiegelnde Fata Morgana der Wüsten war das Vorbild gewesen. Die Wissenschaft hatte ihr Geheimnis entdeckt; künstliche Wolken waren die Träger der Erscheinungen, Empfänger der über Prismen und Spiegel hingeworfenen lebenden Abbilder. Die Fernseher übertrugen augenblicklich auf jede Entfernung Vorgänge, die im beleuchteten Rauch der Fata Morgana leibhaftig erschienen. Die Megaphone dröhnten an diesem Abend. Der Bildrauch wirbelte auf den Plätzen, in den Anlagen, im Zirkus. Marke erschien. Sein vielen bekanntes Gesicht, aber die Haare grau, Strähnen wirr über Ohren Stirn; gramumwuchert sein Gesicht. Vernichtetes Gesicht, bald starr, bald zuckend, bald in Zittern aufgelöst. Er stand auf dem Balkon seines Hauses. Die Faust hielt er lange wortlos gegen die Brust. Unter seinen schlagenden verwünschenden Handbewegungen, seinen heißen Haßblicken stoben viele Menschen davon. Sein Mund öffnete sich. Ein Rollen Poltern Tosen aus dem Megaphon: „Ich lebe. Meine Töchter sind tot. Sie haben wohl getan. Weg auch ihr.“ Er schrie: „Das bin ich“, schlug sich die Brust, riß die Jacke auf, das Hemd weg. Den stählernen Gürtel packte er mit beiden Fäusten, schmetterte ihn gegen die aufgerissene zottige Brust, ohne daß sich sein Gesicht veränderte und ließ von diesem flutenden Hin und Her der Starre, des aufgelösten flimmernden Vibrierens. „Das bin ich.“ Die Menschen, die am Boden die Rauchapparate bedienten, lagen in halber Betäubung. Oft verschwand Markes Balkon, die Front seines Hauses, seine Figur im dicken unaufgelösten Qualm. Angstvoll schrie die Menge; immer trat die Figur wieder hervor. Man sah das Eisenstück, das er vom Gitter seines Balkons brach, das er gegen seinen eigenen Hals richtete, in diesem Augenblick, das er gegen seine eigenen Augen richtete. Jetzt Schläge über die Stirn rechts links. Tausend aufgreifende Hände aus den Mengen. Gurgeln Gröhlen Röcheln aus dem Megaphon.

Der blinde Marke lebte. Neue Boten kamen. Brachten Bilder vom Uralischen Krieg.

 

Im Kreis dieser Stadtlandschaft breitete sich eine Finsternis Lebenssattheit Todesverlangen aus. Die meisten Werke standen. Nur die notdürftigste Verbindung mit den Nachbarstädten wurde gepflegt. Wie abgehetzte Hunde mit lechzenden Zungen und grade von sich gestreckten Gliedern lagen die Herren der großen Werke, rührten sich nicht. Es konnte keiner verhindern, daß von den Massen nur dieser Anblick begehrt wurde: Marke, sein drohendes Stehen, seine Blendung. Er sprach nicht. Fuhr mit der Hand und seinem Gürtel durch die Luft, verlangte eintönig und stumpf: „Tötet Euch.“ Gleichmütig erhängten sich in diesen Wochen, hier wie in anderen westlichen Städten, kräftige Männer und Frauen.

Wie noch die Todessehnsucht durch die Menschen brauste, saß Marke in seinem Zimmer. Er richtete in der schweren Schwärze, die ihn umgab, seinen Kopf wie immer nach der Tür, neben der der Riegel war.

Da fühlte er sich an Knien und Hüften berührt. Er tastete hin, griff nichts. Ließ die Hände fort. Wieder berührte es ihn an Knien und Hüften. Tastete sich langsam langsam an seiner Brust hoch mit so großer Weiche. Wonnig ließ er es geschehen. Er hatte gar keine Furcht.

Es war die tote Jourdane, die schmächtige junge Tochter. Die streichelte über seine Augenhöhlen. Ein Fliedergeruch kam mit ihr. Sie hatte mit beiden Armen seinen Hals umschlungen, saß auf der Bettkante neben ihm. Er fühlte ihre kühle Wange. „Vater“ hauchte es. Er saß im Glück, rührte sich nicht. „Vater. Du bist blind. Ich bin nicht mehr bei dir.“ Er hielt immer still. Sein Oberkörper schwankte von rechts nach links. Sie ließ nicht von ihm. „Vater, wie viele Blumen Käfer Menschen und Kinder sind durch uns gestorben. Ich lebe nicht mehr. Du bist blind, Vater. Ihr guten Augen seht nicht mehr. Wieviel sollen noch sterben, Vater.“

Er fragte: „Wo ist Janina? Ist Janina bei dir?“ „Ich will sie rufen, Vater.“

Und da fühlte er sich losgelassen. Eine lange Minute saß er allein. Wehen Hauchen. Sehnsüchtig empfing er die Berührung an seinen Schultern, seiner Stirn, ein langes zitterndes Anpressen an sein Gesicht. „Janina, bist du Janina?“ Das antwortete lange nicht, ließ nicht von seinem Kopf, schluchzte: „Ja, ich bin Janina.“ „Liebe Janina. Liebe Janina.“ „Vater.“ „Bist du da, Janina. Bist du wirklich da. Mein süßes Kind.“ An seinem Körper neben ihm schwang es, hielt sich fest. „Wo hast du Jourdane gelassen?“ „Wir können nur einzeln kommen.“ „Komm öfter, Janina.“ „Wir sind so oft da, Vater. Du siehst uns nicht, du hörst uns nicht, du fühlst uns nicht.“ „Ich fühl’ dich ja.“ Da schwankte sein Oberkörper wie ein Mast im Sturm. Sein Rückgrat hielt nicht mehr. Er fiel zurück.

Am andern Morgen ließ er die beiden Frauen, die mit den Töchtern zusammen waren, zu sich kommen. Er war verwandelt, sprach sanft zu ihnen. Sie möchten öfter im Haus bei ihm sein. Aber leise gehen, damit er Jourdane und Janina höre, wenn sie kämen.

Sie kamen öfter. Die zarten abgeschiedenen Seelchen. Lächelnd saß er im Stuhl, bewegte sich nicht. Er streichelte den alten weinenden Frauen die Hände.

Den Werktätigen und Ruhenden, Fabrikherren, Weißen und Farbigen ließ er sagen, daß er zu ihnen sprechen wolle. Marke gab nach kurzem Zögern dem Drängen des Senats nach.

 

Mit ihm begann die Reihe der Konsuln in Berlin.

Er wirkte klar, allen sichtbar und verständlich. Gelöst wurden die Verbindungen mit anderen Stadtlandschaften und fremden Staaten. Nur die wurden aufrecht erhalten, die der unmittelbaren Erhaltung der Volksmassen dienten. So die für die dynamische Kraft, die, in Skandinavien und den Alpen aus Wasserstürzen für den ganzen Kontinent gewonnen, herströmte. Die Lebensmittelsynthese, – Marke wollte zuerst die chemischen Laboratorien, die großen Pilz- und Organanstalten niederlegen, – vermochte er nicht zu beseitigen, da die Äcker nicht genügten. Aber er trieb massenhaft Menschen aus der Stadt heraus auf die Felder zur Bebauung, drängte auf Entfernung aller Überflüssigen. Sein Konsulat begann mit der Wehrlosmachung der Stadt. Den Mastenwald an der Peripherie zum Fernschutz brach er ab. Alle Apparate, die der Bewaffnung und Verteidigung dienten, zerstörte er. Darauf erfolgte die staunenswerte, das Herz der Stadt zerreißende, Millionen Menschen, Senat und Volk aufs tiefste erschütternde Sprengung der zentralen Schaltanlagen und Kraftsammelstellen, der unnahbar geschützten, für heilig gehaltenen Energiespeicher. Erst als dies geschah, wußte Senat und Volk, daß sie eine Gewalt über sich gesetzt hatten. Die von fernher laufende Kraft wurde schon außerhalb des Weichbildes der Stadt zersplittert; sie lief von mehreren Seiten an; keine Anlage hatte mehr zur Verfügung als ihre Arbeit erforderte. Der Tod stand auf jeden Versuch eigenmächtiger Kraftspeicherung. Als dies geschah, gaben mehrere der stärksten Herrenfamilien ihre Werke selbst aus der Hand, verloren sich unter die Mengen der Ernährten und Arbeitenden. Aus diesen Kreisen Verstörter wuchsen die späteren Feinde des neuen Stadtwesens.

Berlin erstreckte sich über die meilenweite wellige Ebene zwischen dem unteren Elbetal und der Oder. Es überlagerte die lehmige tonige sandige Fläche, die die letzte Eiszeit bereitet hatte, vom roggentreibenden Fläming, dem Lausitzer Wall im Süden bis zu den wiesenreichen seenbestandenen baltischen Landrücken an der Ostsee. Es schloß Sümpfe Wälder Flußläufe in sich ein, Forsten Talzüge, die Baruth-Brücker Niederung, die Duberower Berge, die Kiefern Eichen Birken hochtrieben, das Höhenland der Havel, die dürre Zauche mit dem Schwielow- und Rietzer See. Den Oderbruch und Küstrin erreichte es im Osten. Das flache Rhinluch, das Havelländische Luch umzogen seine Anlagen, Schwedt und Prenzlau im Nordosten, die das sumpfige Höhenland der Uckermark im Nordosten trug, überlief es mit seinen Außenmarken.

Die Stadtschaft hatte zahllose weite Plätze und riesige Straßenkreuzungen. Mächtig wirkte an den großen öffentlichen Stellen das feierliche Bild eines Stiers, der in die Knie gebrochen war. Ein armlanges Messer stak in seiner linken Flanke. Einmal am Vor- und Nachmittag brüllte die Säule, stark wie eine Schiffsirene, täuschend ähnlich in Schrei und gliederlähmender Angst dem Ton eines sterbenden großen Tiers. Sie brüllte unregelmäßig unvermittelt in dieser und jener Stadtgegend. Dann mußte jeder auf Minuten die Arbeit verlassen, die nicht dringend war.

Unüberwindlich lang waren die Jahre der Lethargie, die heraufzogen. Nach Vernichtung der Bewaffnung der Stadt, Sprengung der Zentralen, Eröffnung der Äcker überließ Marke, mit dem Senat nur der Kontrolle dienend, die Stadt sich. Jeder lebte für sich. Mystische Bünde machten sich breit. Ihnen boten sich viele Menschen an; die Zahl der Untätigen Herumlungernden war nach der Sprengung der Zentralen, der Ablösung von der Umwelt gestiegen. In den Sekten wurde gegen die höllische Ernährung, das teuflische Menschenwerk gepredigt; die Wut finsterer Lehrer richtete sich gegen die geschonten Laboratorien, in die Tonnen mit Salzen Säuren Metallen einfuhren, aus denen Zucker und Fette geworfen wurden, Tiere und Pflanzenleiber, in denen Organteile Organsäfte als Arbeitskräfte dienten.

Am Müritzsee hatten sich Siedlungen aufgetan. Täglich wallten Menschen dahin, wo der hagere skeptische weiße James Maikotten mit ihnen sein Frage- und Antwortspiel anfing: Was sie vorhätten. Was sie von diesem blinden Konsul Marke erwarteten. Ob sie glaubten, daß die Welt besser würde, wenn ein paar Werke in die Luft flögen. Ein paar Werke. Er empfehle Kastration. Sie müßten den neugeborenen Knaben die Hoden abschneiden, dann könne man hoffen, daß in fünfzig Jahren die Erde besser aussehe: Unkraut auf den Wiesen, ein paar Häuser noch von alten Leuten bewohnt, aber wilde Tiere kommen schon wieder; die Erde beruhigt sich, die verkehrte Art Mensch ist erledigt. Die ganze Erde braucht Erholung von den Menschen. Nicht bloß Rußland. Eine Fehlart ist der Mensch. Surrur hat recht; aber seine Wind- und Wasserlehre war zu hoffnungsvoll. Es sei kein Zweifel, die Art Mensch hat keinen Bestand. Sie vernichtet sich, frißt sich selbst auf; ihre Gaben drängen sie dazu. Was tut der Konsul Marke? Eine Krankenheilung mittels Halsumschlags; der Kranke hat Gift in sich; ein Halsumschlag! Warum nicht gar gute Worte? Das Gift wird doch deutsch und englisch verstehen und sich zureden lassen und seiner Wege gehen. Sie hätten sich den neuen Putz eines blinden Konsuls sparen können. Aber schließlich, es schade nichts; er kleide sie gut. Es sei ein netter würdiger Konsul vor dem Schlafengehen.

Sie hatten sich längst an die künstlichen, sehr raffiniert aufgemachten Stoffe gewöhnt, die in jedem Überfluß zu jeder Zeit vorhanden waren. Der Geschmack reiner tierischer und pflanzlicher Nahrung stieß sie ab. Sie lachten in allen westlichen Stadtlandschaften, schüttelten die Köpfe, wenn sie den zarten und nach Belieben abwechselnden Geschmack ihrer Mekispeisen verglichen mit dem penetranten Geruch eines gebratenen Tiermuskels, eines Fischstückes. Zauberhaft konnten die Herrichter der Mekispeisen, die den Nährstoffabriken angegliedert waren, Geschmack Derbheit Zerreißbarkeit Geruch Farbe der Gerichte ändern. Es wäre den Menschen, die schon in dritter und vierter Generation künstliche Nahrung zu sich nahmen, schwer geworden, zur natürlichen Kost zurückzukehren. Ihre Mägen sonderten schon nicht mehr genug Säure ab für die Aufspaltung tierischer Muskeln, die Därme waren träge und schlaff geworden, die großen unbeschäftigten Bauchdrüsen eingeschrumpft. Leicht hätte die Menschheit dieser Epoche ihre Arme und Beine kraftvoll, ja eisern machen können. Aber ohne zu wissen, was sie taten, wählten sie, wie sie herumlagen spielten sich wenig bewegten, die mästende lähmende fette süße Nahrung. Ihre Glieder wurden plump schwach. Fremde Massen, die neu in den westlichen Kreis einstießen, staunten und lachten: so sehen die Meister aus, diese Herren der Erde. In einer instinktiven Furcht flohen immer wieder Negerstämme, hamitische und indianische Gruppen, und verbarrikadierten sich gegen die Europäer: sie mochten nicht so werden.

Auf den Tod des Konsul Marke warteten viele. Der Blinde umgab sich mit wenigen Männern, die er oft in steigendem Mißtrauen wechselte. Frauen wies er von sich, aber gerade Frauen hingen ihm viel an. Er entwickelte sich in eine apostolische Starre hinein. Seine Zustände mystischer Verworrenheit wurden viel besprochen. Die Nachwirkungen des Krieges waren bei ihm nicht auszulöschen. Er ging spiritistischen Neigungen nach. Zog durch das Gebiet der Stadtlandschaft mit einigen Vertrauten und Frauen, kümmerte sich um die Bekenntnisse Kirchen Tempel der Sekten. Er hielt diese Dinge für so wichtig, daß er zuletzt fast wöchentlich die Prediger und Lehrer um sich versammelte, sie anhörte, sie darauf hinwies, das Volk mit den frommen überirdischen Gedanken zu durchdringen. Er, dem die weißen Haare lang in den Nacken und seitlich über die Ohren fielen, war ängstlich, daß hierin etwas versäumt würde. Nichts hielt er für so wichtig wie dies.

Er wußte nicht, daß seine Haltung die Zahl der Opponierenden vermehrte. Die Männer und Frauen, die in den Laboratorien prüften und studierten, hielten ihre alten Vorstellungen verschwiegen fest. Eine Fronde bildete sich aus ihnen, Angehörigen der Herrengeschlechter. Diese Geduldeten, besonders in den Mekifabriken, von deren Gutwilligkeit man eigentlich lebte, führten zuletzt eine Art Nebenregierung. Sie hielten die Dekrete zur Überwachung der sich wieder regenden Technik, zur Ausbreitung der Frömmigkeit, zur fortschreitenden Zerstörung der Fabriken und Rückkehr zum Ackerbau, zur Viehzucht an der Quelle fest. Markes rechte Hand, den Chef seiner Spitzelpolizei, einen eisernen umsichtigen Mann, gewannen sie zu ihrem eigenen Erstaunen. Sie hatten bald leichtes Spiel. Die Kerker, in denen Saboteure der Verordnungen Markes saßen, Besitzer und Hersteller von Waffen, aufsässige Konstrukteure, die sich heimlich Kraftleitungen verschafften, wurden unauffällig nach und nach geöffnet. Man ließ aus fremden Stadtgebieten Verbannte hinein.

In dieser Zeit starb Marke, verwahrlost. Man hatte ihn wochenlang unter dem Vorwand ärztlichen Befehls nicht herausgelassen. Er war eigentlich Gefangener des Chefs seiner Spitzelpolizei. Tagelang lag er, dem ein weißer Bart wild das pergamentene Gesicht umwucherte, quer über dem Bett, diktierte, gab Anweisungen. Nur Frauen waren zuletzt bei ihm. Er träumte von den Ergebnissen seiner Regierung. Glaubte die Stadt in sichere feste Bahnen gelenkt. Tyrannisierte die Frauen mit Forderungen nach Speisen Milch Kräutern Packungen Umlagerung. Ließ keinen Arzt zu sich. Ein endloser Todeskampf.

 

Die Megaphone Glocken Flammenzeichen riefen zu Versammlungen. Die Fronde trat überall hervor. Sie erlebte eine ungeheure Enttäuschung.

Ligbau, ein uralter Mann, ließ sich an ein Megaphon vor dem Ratsgebäude führen, gestikulierte mit dem Ausdruck des Abscheus: „Ihr seid entlarvt. Wir haben euch schon gesehen und erwartet. Es soll alles noch einmal anfangen. Ihr glaubt, ihr seid dicht daran es durchzusetzen. Und ihr werdet es durchsetzen. Murrt nicht; sie werden es durchsetzen. Es ist unser Geschick. Ich rate euch, die ihr hier steht, nehmt es hin. Es hat keinen Zweck. Haltet es nicht auf. Es ist uns beschieden, so sind wir, so tragen wir uns. Setzt alle Verbannten und Gefangenen wieder ein. Macht keine halbe Arbeit. Die Zeit ist geschwind, haltet euch nicht mit Versuchen und Prüfungen auf. Wir wissen ja doch, wohin der Weg geht. Und es ist gut vorgesorgt, daß es diesmal rascher geht als zur Zeit des Krieges, des letzten Krieges, des vorletzten Krieges. Ich bin achtzig Jahr. Ich freue mich, ich bin glücklich, daß ich nicht im Bett zu sterben brauche. Ich brauch mich nicht anzustrengen um zu sterben; es wird mir abgenommen werden. Eine schöne Zeit; was wird es für Überraschungen geben! Juchhei! Freut euch! Sie haben schon alles durchdacht. Fragt sie nur; sie haben es schon in ihren Büchern, auf ihren Zeichenbrettern und Tafeln. Seht euch ihre Köpfe an. Da steckt es drin, was es bald regnen wird.“ Er raste und zischte. „Kennt ihr die Spree und die Havel die Oder die Elbe? Ich denke, das ist es, was sie anbeten. Das sind die Götter dieser neuen Regenten. So sollen wir werden. Matsch und Lehm, dickes und dünnes Wasser. Recht auseinandergerissen zerpreßt. Bin ich kein Hellseher, habe ich es euch nicht aus dem Kopf genommen? Ich kann es euch sagen, weil ich ein alter Mann bin. So, wie ihr, so haben vor dreißig Jahren andere ausgesehen, so haben sie gelacht. Leuchtmar und Rallignon. Ihr seid keine Neuigkeit. Eure Erfindungen sind neu; was ihr vorhabt, wird ganz neu sein, aber ihr seid sehr alt. Da seid ihr wieder, du da, du bist doch schon tot, am Asowschen Meer bist du gestorben mit der B-Armee, es war eine schöne Armee, sie war deiner würdig. Da bist du schon wieder lebendig. Deine eigenen Entdeckungen, dachte ich, hätten dich totgeschlagen. Aber es gefällt dir so gut, du kannst dir keine fünfzig Jahre Schlaf gönnen. Ist nicht die Frau da, die im Süddeutschen sich in die Maschine stürzte? Elise Frangani, die halbe Italienerin, die ja, ist sie nicht hier, ha, wer bist du sonst? Versteckst dich hinter seinem Rücken. Es ist nicht nötig. Du sitzt in seinem Kopf und seinem Leib, in vielen Köpfen hier; du bist drauf und dran zu zeigen, daß du wieder da bist. Welche Neuigkeiten für einen alten Mann. Ha, welche Überraschungen. Wie komm ich nur zu solchem Glück! Mit meinen weißen Haaren noch solches Glück!“ Er gestikulierte neben dem Megaphon; man verstand ihn nicht. Man begütigte ihn; unten standen manche, die nicht die Augen heben konnten. Er schrie: „Ich soll weiter reden. Sagt mir doch erst: ist Marke tot? Ist er in der Krim gestorben, konnte er nicht nach Hause kommen, oder ist er hergekommen. Seine Töchter haben sich erhängt. Er hat sich die Augen ausgeschlagen.“ Er tastete um sich, während sein lappiges Gesicht glührot überflammt war, die Augen ihm hervorquollen, fuchtelte krächzte: „Zur Wahl! Der neue Konsul! Wir haben einen Krieg geführt. Der Krieg ist eben zu Ende. Wir sind von der Grenze gekommen. Da war – Wüste! Wüste! Die Ruinen von Ninive sind Paläste gegen das, was wir gesehen haben. Der Euphrat fließt noch, die Grundmauern stehen da, man findet noch Ziegel, es gibt alles. Das Land aber in Rußland ist verwüstet, das Land ist nicht mehr da. Die Erde ist weggerissen. Die Krater gehen bis an die heiße Flüssigkeit in der Erde. Ich wähle – Marke! Wählt mit! Marke! Bürger, niemand als Marke soll Konsul sein.“

Dieser wurde beiseite geführt. Ein kühler sachlicher Mann sprach nach ihm. Ligbau im Krankenstuhl in seiner Nähe. Vornübergebeugt beobachtete der alte Mann mit weißen Augen den Redner; rief zu ihm herauf: „Was hast du im Kopf? Woran werden wir sterben, Giftströme, Gasströme! Sprich doch!“ Wie er fertig war, schrie er: „Wählt ihn! Er führt den nächsten Weg. Noch einmal werden wir uns nicht auf diesem Platz wiedersehen.“ Das Weib, das mit dem Mann gestanden hatte, sprang hinauf, schmähte den Alten, zeigte die Fäuste. Der Alte erhob sich vom Stuhl, stieg auf das Podium, schlug ihr mit den Fäusten gegen den Hals: „Das hast du damals nicht gewagt.“ Sie warf sich weinend auf das Podium; der Mann führte sie finster herunter.

 

Darauf wurde Marduk Konsul des Stadtwesens. Er war ein hochstirniger blasser Mann in den dreißig, mit großen ernsten Augen. Ein langes knochiges Gesicht, ruhiger gleichmäßiger Gang auf unsicheren muskelschwachen Beinen. Er hatte sich bis da nicht hervorgetan, aber in den Tagen der sich hinzögernden Wahl, während schon Zeichen der Anarchie hervortraten, – in Mecklenburg standen die Sprosse der alten Herrschaftsgeschlechter auf, im Magdeburgischen sammelten sich um den greisen fanatischen Ligbau Maschinenstürmer, – damals besaß er den Mut, aus Bernau, wo er saß, mit einer Freischar von zweihundert Menschen in eine Beratung der Eisenfreunde einzutreten bei Löwenberg, die gesamte anwesende Führerschaft dieser Bewegung aufzuheben und an einem einzigen Tage samt und sonders verschwinden zu lassen. Es ist bis zum Schluß seines langen Konsulats – er herrschte bis über die Mitte des siebenundzwanzigsten Jahrhunderts – wenigen bekannt geworden, wohin diese zweiundvierzig Männer und Frauen gelangt sind.

Marduk, selbst ein Mann vom Schlage derer, die er festgenommen hatte, hauste in den Waldungen um Löwenberg, an der mecklenburgischen Grenze, nahe dem Haupteiweißwerk. Ein kleiner Wald von Buchen stand neben seiner Arbeitsstätte hinter Mauern. Zwischen diese grünen Buchen ließ er die zweiundvierzig Gefangenen treiben. Ihnen fielen schon, wie sie durch die kleine Tür hereinwanderten, die geborstenen Stämme auf. Vor den Rissen der Stämme, auf den breiten Wunden stand dicker blasig erstarrter gelblicher Schlamm. Wo er am Baum zur Wurzel herunterrann, war er vertrocknet wie zu einem pulvrigen Rostbelag. Dunkel erinnerten sich die Männer an die Pflanzenversuche dieses Marduk, der sich stets abseits hielt. Er sollte in den Mekilaboratorien an tierischen Organteilen, besonders an Pflanzenstücken eigentümliche Wachstumsveränderungen erzeugt haben.

Finster gingen die Gefangenen in Marduks Park umher, begriffen nicht, was Gefangennahme Hertransport diese Internierung bedeutete. Marduk war einer der ihren. Es konnte möglich sein, daß er bestimmte Informationen hatte über Angriffe auf sie, sich seiner Bundesgenossen versicherte und sie vorläufig festnahm. Sie erwarteten stündlich, daß er unter ihnen erschiene und sie aufkläre. Sie hatten, von dem rauhen Frühlingswind umweht, das Gefühl, als ob sich von Zeit zu Zeit neben ihnen, an ihrer Schulter, hinter ihrem Rücken etwas bewegte. Suchten, fanden nichts. Sie setzten sich bald zusammen, bald auseinander. In der Luft war etwas Eigentümliches von der Schärfe eines dünnen Rauches. Aus den Bäumen schien Hitze zu steigen; die Bäume fühlten sich an einigen Stellen warm an. Beunruhigt wandten sie ihre Aufmerksamkeit auf die Bäume. Wie sie die Köpfe an die Rinden legten, schnurrte surrte summte es drin. Das waren die Säfte; es war Frühling. Nur war es merkwürdig, wie scharf es sich im Mark und im Holz bewegte. Verwundert ließen sie das Ohr nicht von den Bäumen, horchten da und da. Es zischte in manchen Bäumen, als ob sie kochten. Ohne daß einer den Baum berührt hätte, fiel ein begrünter Ast herunter. Ein kleines Fauchen gab es oben, als ob Säfte sich entleerten. Der scharfe Geruch, der feine dünne, wurde stärker an diesem Stamm; sie konnten sich in seiner Nähe nicht aufhalten. Der Geruch war stechend wie Ammoniak.

In ihrer Unruhe kamen einige auf den Einfall, sich gegen die Bäume zu wehren und sie umzubrechen; es war eine junge Pflanzung. Sie gingen ein zwei Bäume an, zerrten stießen an den Stämmen; einer kletterte hoch, riß brach große Äste ab, entlaubte den Baum, fiel plötzlich betäubt rücklings auf den Boden über das Laub. Der Baum atmete in Stößen einen heißen Dampf aus. Man schleppte den Bewußtlosen davon, zog sich zurück. Marduk erschien nicht. Man schob ihnen gegen Abend in Körben Nahrung und Getränke herüber über die Drahtspitzen der Mauer. Sie schliefen ein.

Gegen vier Uhr früh, als es hell wurde, suchten sie einander, wunderten sich. Der Wald war so dicht geworden, der Weg zwischen den Stämmen so eng. Die Bäume hatten ihre Massen unförmig verbreitert. Sie konnten kaum zu zweien zwischen den Bäumen gehen. Ein surrendes Geräusch, ähnlich dem von gestern, hatten sie in den Ohren. Sie zweifelten, woher es kam; die Bäume wagten sie nicht zu berühren. Man konnte, obwohl von oben deutlich Morgenlicht hereinfiel, in der Nachbarschaft Hähne krähten, die unterirdisch laufenden Wagen polterten, wenig rechts und links sehen. Ängstliches Stöhnen hier, Stöhnen da. Mancher entledigte sich seiner Jacke, seiner Bluse, um besser zu atmen. Es war sicher, der Wald wuchs. Während einige ohnmächtig lagen von Frauen und Männern, die geängstigten anderen suchend gedankenlos über sie herstiegen, während allen die Knie zitterten und sie sich durch das Dickicht wanden, wie in einem Keller sich zurechttasteten, schrien an der Mauer welche den Namen Marduk: „Erbarmen, Marduk!“ Einige suchten immer von neuem die Gänge, die sich von Stunde zu Stunde verengerten. Manche sogen an den Fingern Beeren, kauten spien Blut aus.

Um neun Uhr morgens, als schon blendend hell die Sonne schien, dieselbe Sonne, die über den Schiffen im Atlantischen Ozean, über dem weiten Ozean leuchtete, dieselbe Sonne, die ganz nah in Bernau über den Sandplätzen der Kinder stand, da gellten wahnsinnige Hilferufe, nicht abbrechend, in dem Park, wildes Wehgeschrei, als hätten Tiere einen Menschen angefallen. Die meisten sanken im Augenblick mit weißen Gesichtern auf den Boden. Die in der Nähe des Geschreis streckten die Hälse; im Halbdunkel sahen sie etwas zappeln, mit den Beinen stoßen. Füße, um die ein Rock wogte. Eine Frau; oben saß sie fest; ihr Arm wie eine Planke am Ellbogen, am halben Ober- und Unterarm festgeklemmt zwischen zwei zusammengeifernden Bäumen. Sie stand an den drängenden schwellenden Wesen, mit dem Rücken gegen sie, suchte ihnen auszuweichen, bog sich, ihr Rock saß unten fest, sie wand sich, heulte klagte brüllte: „Kommt her. Kommt. Ein Messer.“

Der Wald knackte unaufhörlich. Die unten standen lagen liefen sich zusammendrängten auflösten, wurden überspritzt von der klebrigen leimartigen Feuchtigkeit, die wie Schleimpatzen aus Vogelschnäbeln auf Gesichter und Hände fiel, oft fein wie aus Röhren sprühte. Zu dem Knistern trat immer wieder ein Sausen und Sprudeln, wie aus einer geöffneten Flasche, das zuletzt erstickte. Die Bäume verschränkten Ast in Ast, verschoben sich umeinander. Die Dunkelheit nahm zu. Ein Dach, eine hölzerne Decke bildete sich langsam über den Menschen. Der Wald verdichtete sich zu einer engen, immer engeren Kiste, von deren Deckel es heruntersickerte. Die Luft gärend bitter muffig, mit Schwaden der stechenden reizenden Gase. Der Boden aber, vorher noch eben, wellte sich, ringelte, schlängelte sich. In Wülsten schwollen die Wurzeln hervor, armdicke Adern, von denen der Sand abrollte. Der Boden wurde höher.

Die offenen Plätze suchten sie zwischen den dicken, immer dickeren Bäumen, als wenn sie nicht wüßten, daß jeder Raum vor Stunden noch offen war. Sie keuchten, wenn aus dem Halbdunkel sich einer zu ihnen durchwand ins Hellere, gifteten. Oft sprang einer auf, Mann, Weib, die Kleider abgeworfen, sprang einen Baum an, krallte, biß sich ein. Aber der Baum sonderte widrig ab, sabberte, war so feucht, so warm; die Zunge verätzte er ihnen.

Um zehn Uhr, – die Glocke von Marduks Haus scholl laut herüber, – erdrosselten sich zwei Männer mit ihren Gürteln. Die Frau, deren Arm abgequetscht war, die lechzend zwischen den Bäumen nach vorn überhing, hatten sie zuvor stumm gemacht. Stockfinster war es an den meisten Stellen des Parks. Um sie knarrten krachten wucherten die Bäume. Ein furchtbares inneres Leben dehnte die brünstigen aufgeregten Pflanzenwesen. Man sah die ungeheuren tonnigen Massen wie in Krämpfen sich langsam spiralig um sich drehen, längs klaffen und noch immer in die Breite wachsen, in die Höhe aufsteigen, bluten und noch immer wachsen, dabei rauchen; bersten, einer den andern aufschneidend und mit ihm verschmelzend, dabei zischen und prasseln. Und wo zwei Bäume Raum fanden, nieder nach vorn in die Lücke zwischen andere zu fallen mit überschweren Kronen, erhob sich vom Boden wieder der Stumpf; er trieb und wuchs. Zwischen den Ästen in den Kronen flatterten verirrte Vögel; von oben stießen sie abwärts. Riefen kratzten schlugen um sich, sobald sie sich gesetzt hatten; lösten Flügel und Füße von den klebrigen Ästen und Blättern ab, schwirrten schreiend federstreuend senkrecht hoch, suchten Lücken. Andere hingen fest, wühlten hieben mit den Schnäbeln gegen das schwellende Holz, das gierig den eingestoßenen Schnabel festhielt, ihn nicht losgab, ihn rasch umwuchernd, ihm Herz Nüstern und Augen umgießend, einleimend einsargend, wie auch der kleine Körper sich abstemmte zappelte sich nach hinten seitlich bog. An ihren tanzenden Füßen, mit ihren schlagenden Flügeln zogen sie dicke Gallerte hoch, suchten sie herunterzutreten. Abgleitend wälzten sie sich um die Stämme herum, wurden eingebettet. Den Kopf nach unten hingen sie. Der Saft lief über sie. Da tropften sie in der Masse von Ast zu Ast, noch zappelnd, klatschten auf den Boden neben einen Menschen, der sich wand, auf seine Schulter, neben seinen Hals, blieben schnabelsperrend tretend liegen. Manche festgekittet nach einigem Aufklettern und Drehen hielten gelähmt betäubt still an ihrem Ast. Sie wurden vom Holz aufgenommen, waren ein runder stoßender Wulst auf ihm, von dem Saft sprühte, ein ruhiger kleiner Knoten, ein flacher Knopf.

Das mammutische triefende krachende Wachsen zerpreßte klemmte malmte manschte die Menschen, knackte die Brustkörbe, brach die Wirbel, schob die Schädelknochen zusammen, goß die weißen Gehirne über die Wurzeln. Die Stämme berührten sich. Wurzel Stamm Krone eine Masse, ein verschmolzener wogender wühlender dampfender Klotz. Oben barst er, zischte. Unten trieb schluckte drang es auf, drang seitwärts bis an die Mauer.

 

Den übergroßen Kopf drückte Marduk gegen das Fenster: „Jetzt ist es vorbei. Ihr könnt nichts mehr.“

Jonathan Hatton, der viel jüngere, sein Freund, den man mit ergriffen hatte, stand vor ihm, lächelte: „Nun, so möge es so sein.“

„Ich weiß, du glaubst mir nicht.“

„Doch. Bei allen Dingen bei denen man schwört, Marduk, verzeih mir, ich glaub es.“

„Lach nicht, Jonathan. Lächle auch nicht. Es ist gar nicht nötig, daß du lächelst. Du hast dich lange nicht um mich gekümmert, die andern auch nicht; ihr glaubtet, es ginge auch ohne mich.“

„Marduk“ der andere trat ernst näher, „du hattest dich, du, von uns zurückgezogen.“

„Du wirst sehen, ihr hättet gut getan, euch um mich zu kümmern und anzusehen, was ich tue.“

„Was soll das.“

„Nichts. Du wirst sehen.“

„Du schließt dich uns nicht an und jetzt klagst du.“

Marduk verzog das Gesicht hart: „Ich habe nicht nötig, mich euch anzuschließen. Du, damit ist es jetzt aus, mit diesen Dingen. Ja, Jonathan. Ihr werdet jetzt alle still werden, ganz still. Ich nehme euch aus den Händen, was ihr habt. Ich will nicht, daß ihr arbeitet. Ich will nicht. Verstehst du das?“

„Nein und ja. Sag mir, Marduk, alles was du weißt und kannst. Ja sage es mir. Du wirst mich nicht überraschen. Ich bin auf Stärkeres gefaßt. Mit dem Stärksten wirst du mich nicht umwerfen.“

Strahlend stand Jonathan: „Was ich – gefunden habe, hat noch niemand gefunden.“

„Hat noch niemand gefunden“ höhnte der verhüllte Marduk.

„Wenn ich – niemand – sage, Marduk, so weißt du, daß ich nicht Schaum blase! Ich leugne so wenig gearbeitet zu haben, wie du es leugnen wirst. Warum? Das Sehen ist mir erlaubt, das Hören ist mir erlaubt. Was soll mir verbieten zu denken.“

„Weiter.“

„Nein, ich spreche nicht.“

„Schaffe deine Freunde hierher, Jonathan.“

„Ich?“

„Ja. Bring sie, Jonathan.“

„Siehst du, sie hast du gefangen genommen. Sie alle. Du kannst dich nicht mehr auf sie besinnen. Ich möchte dir beschreiben, wie wir zueinander waren. Ich träumte heute nacht, ich fühlte mich so wohl, wie auf einer Luftfahrt, ich glitt mit einem Wesen durch die Luft, ich weiß nicht, ob es Mann oder Weib oder beides war. Wie dem schönen Geschöpf die Augen strahlten. Wonnig war es. So rasch glitten wir hin. Fast war es keine Bewegung. Unten standen die Menschen und wunderten sich. So glücklich waren wir.“

Marduk warf sich unruhig in seinem Stuhl. Sein Gesicht hatte er ganz auf die Brust gedrückt. Er hob den Kopf, blickte Jonathan finster an: „Komm, ich will sie dir zeigen.“

Die Wachen vor der Haustür wies er ab. Er ging barhäuptig allein mit Jonathan der ungefesselt war. Hinter einer Wiese zog sich ein flaches langes Gebäude hin, in das sie traten. Sie gingen durch die glasgedeckte Halle der muffig warmen Anlage, in der Pflanzenreste geschichtet lagen, Körbe, niedrige Kisten. Auf einen weiten ungepflasterten Hof stiegen sie herunter; oberflächliche Röhrenleitungen traten am Boden hervor. Marduk öffnete ein Gitter; da war ein Feld, in dem viele einzelne Stücke abgezäunt waren; manche waren grün und bunt bewachsen, manche scheunenartig überdacht; auf einigen Stücken verwesten ganze Stapel unkrautartiger Gewächse. Dann senkte sich das Gelände; über den Hang, um den Boden der Senkung zog sich eine abschließende Mauer, darüber dahinter eine hohe schwarze und grüne Masse. „Sieh da. Du baust, Marduk.“

„Komm.“

Er zog eine kleine Eisentür der Mauer. Dunst schlug ihnen entgegen. Keine Öffnung, keine Helligkeit. Der Wald war an die Steinfliesen herangetreten, hatte sie nach der Tür zu umgeschoben. Zwei Stufen konnten sie heruntergehen. Jonathan hatte Marduk seine Hände entzogen, lächelte den Mann, der ihn führte, blaß mit übergroßen Blicken an: „Was machen wir hier.“

„Weiter gehen. Geradeaus.“

„Was soll das. Ich geh nicht mit dir.“

„Ich wollte dich bitten, wenn ich kurzsichtig bin und mich nicht zurechtfinde, du möchtest mich führen. Du sollst mir deine Freunde zeigen. Du hast sie besser in Erinnerung als ich. Hier meine Hand, Jonathan. Der Weg geht geradeaus.“

Der war die Stufen zurückgetreten, hatte an der Eisentür den Kopf zurückgeworfen: „Du bist verrückt, Marduk.“

„Nicht doch, Jonathan. Sie müssen alle hier sein.“

Jonathan war nach einem Blick auf das ihm zugewandte vibrierende Gesicht mit einem Sprung unten. Tastete an der klebrigen dunstenden Holzwand: „Ja. Das sind Stämme. Das sind dicke Bäume. Wo ist denn der Eingang. Hier komme ich nicht weiter.“

„Versuch einmal von hier. Versuch es. Sie versuchen es von drinnen.“

„Das ist eine Wand, eine Holzwand, Marduk. Mach doch auf. Wo ist die Tür.“

Er lief seitlich rechts und links über den harztriefenden Boden. Der Wald trat an die Mauer heran, ließ ihn nicht ein: „Es ist alles so schmierig, mit Harz, mit Leim. Warum tut ihr das? Wo ist denn die Tür.“

„Ruf sie einmal. Ruf sie.“

„Soll ich? Wirklich?“ Er rief. Der andere schüttelte sich: „Sie antworten nicht.“

Jonathan stürzte sich auf ihn: „Du hältst mich zum Narren.“

„Wie sehen, Jonathan, deine Freunde aus, wenn sie müde sind oder lustig sind?“ Der, stöhnend, nahm ihm jedes Wort von den Lippen.

„Zwischen den Bäumen – lächeln sie. In den Blättern – sitzen sie. Sie sind Vögel geworden. Sie sind so schön, daß ich sie verfolgte. Sie haben sich auf der Flucht vor mir in – Bäume verwandelt.“

„Das hast du – Marduk?“

„Das habe ich gekonnt. So stark bin ich gewesen.“ Strahlend erregt zog er den im blauen Mantel, der nicht sprach, sich schwer bewegte, durch die Eisentür, über das helle Feld in das lange Gebäude. Der Dunst, der ihnen aus dem Park entgegenschlug, auch hier. Ein Pulver lag neben einer geöffneten Kiste am Boden; Jonathan faßte automatisch danach; Marduk hielt seine Hand fest: „Faß nicht an. Du hast nichts geschluckt davon? Es ist für Menschen und Tiere Gift.“ Die verwelkten verwesenden Pflanzenhaufen starrte Jonathan an; Marduk verfolgte seinen Blick: „Ich kann sie auftreiben. In einer Stunde. Von einer halben Stunde zur nächsten.“ Phantastische getrocknete Gräser lagen auf Steinfliesen nebeneinander: „Kann ich nichts?“ Er streckte die Arme aus, bog die Fäuste: „So viel kann ich. So viel kann ich. – Jetzt will ich deine Freunde begraben. Wohl ihnen, daß sie nicht mehr Menschengestalt haben und wie wir sind. Sie sind in den Bäumen. Ich will sie begraben.“

Jonathan war schon zurück durch die Halle gegangen, er rieb gedankenlos, den Blick auf die Erde, die Handteller aneinander. Sie liefen über das von der Frühlingssonne beschienene Feld, Jonathan fiel der Umhang von der Schulter, Marduk wollte ihn aufheben, zuckte, lief weiter. An den Hang zur Mauer wollte Jonathan herunter; der andere aber, auf einen Erdhaufen sich setzend, zog ihn neben sich. Marduk griff ihn an: „Nun zeig du mir, was du kannst. Du mußt mir jetzt etwas zeigen.“

Der saß starr, stammelte mit verzerrtem offen zugewandten Gesicht.

„Hab keine Furcht, Jonathan, dir wird nichts geschehen. Du kannst es mir zeigen. Ich bin Kenner, ich bin Fachmann. Ich weiß es zu würdigen.“

„Marduk. Wen habt ihr in den Wald getrieben? Ihr habt Frauen mit hereingetrieben? Es sind alle drin, die festgenommen sind?“

„Alle. In den Löwenkäfig. In die Arena.“

„Alle? Alle Frauen?“

„Alle. Zweiundvierzig. Da haben sie fechten können. Es waren keine Löwen und Tiger da. Es waren bloß Bäume, gegen die sie kämpften. Sie haben für einen neuen Glauben gekämpft. Das war eine neue Christenverfolgung. Nein, eine Antichristenverfolgung.“

„Marduk“ schrie Jonathan besinnungslos, weinte, erhob den Arm.

Der Ältere fuhr fort: „Ja. Antichristen. Ich spiele den Christen. Ich laß sie mit ihren Götzen nicht aufkommen. Sie müssen alle ins Gras beißen.“

„Marduk. Meine Mutter war dabei.“

Der mit rollenden Augen stand auf, ballte die Fäuste, wog sie gegen ihn: „Und wenn deine Mutter dabei war. Und wenn deine Frau und dein Kind dabei war. Wenn du dabei warst. Es wird nicht besser. Ihr sollt es spüren. Ihr müßt es spüren. Es soll keiner entgehen. Ich wohl auch nicht. Es ist gut, daß es so über uns verhängt ist, daß wir es nahe spüren. Ha, jetzt spürst du, du es dicht, dicht unter der Haut. Gut so. Gut so. Wie gut, daß sie alle dabei waren.“

Und dabei klapperten seine Zähne, ein schrecklicher Frost hatte ihn ergriffen. Er hatte dies nicht gewollt, so wandte es sich gegen ihn, so griff ihn die Waffe, die er auf andere gerichtet hatte, selbst an. Er wehrte sich, die Schlange umwand ihm Füße und Arme. Jetzt würde er Jonathan verlieren.

Er stolperte auf ihn zu, bückte sich zu ihm herunter: „Ist meine Erfindung nicht herrlich. Sprich doch. Wir sind doch Kenner. Da kommt keiner mit. Was sagst du zu dem Wald unten. Keine Lücke ist mit der Hand zu finden. Wie ein Schrank, paßt Fuge an Fuge. Ist meine Erfindung nicht herrlich?“

Er rüttelte ihn.

„Ich will dir sagen, wenn du mir nicht antwortest, wird es dir nicht gut gehen. Ich werde dich dann – leben lassen. So werde ich dich wenigstens umbringen können.“

„Tu es. Marduk. Du Verdammter! Du Teufel!“

„Ich verdammt? Ich Teufel?“

Jonathan sank seitlich, ohnmächtig hin. Marduk hatte eine graue Kapsel auf seiner Brust an einem Kettchen. Daran zerrte er, öffnete die Kapsel, schüttete sich grünes Pulver auf die Finger. Er bückte sich, um es Jonathan zwischen die weißen Lippen zu schieben. Dann streute er jäh das ganze Pulver von sich, warf sich an den Ohnmächtigen, grub sein Gesicht an seinen Hals, stöhnte haßwütete noch, als der sich schon räkelte, sich aufzusetzen bemühte.

Sie standen sich an den Erdhaufen gegenüber. Schwarz vor ihnen die Masse des Waldes hinter der Mauer. Als sie sich anblickten, preßte Marduk die Lippen: „Ich bin bereit, bereit, mich dir zu stellen. Ich – tue es ohne Bedingungen.“

Heiser Jonathan: „Ich habe nichts davon, wenn du tot bist.“

„Tu, was du willst.“

Zwei Wochen fuhr Jonathan an der Ostsee hin und her. Er konnte keine Erde und keinen Baum sehen. Marduk hatte die Stadtlandschaft fest in Besitz genommen. Dann trat Jonathan in sein Haus, der schlanke braune, blaß mager ruhig, gab ihm die Hand, bot ihm seine Dienste an. Marduk betrachtete ihn lange: „Ich habe kein Recht über die Stadt. Ich habe nur Recht über mich. Willst du Recht über mich.“

„Ich will nichts, als dir beistehen.“

Wieder schwieg der Ältere; äußerte langsam: „Du wirst, Jonathan, die Häuser und Anlagen zerstören, in denen noch Apparate und Einrichtungen von uns, von euch stehen. Sie sind noch nicht völlig vernichtet. Auch nicht völlig gefunden. Und du wirst mir die Namen der Männer und Frauen angeben, die dir bekannt sind, die mit euch gearbeitet haben und noch am Leben sind.“ Der magere junge Mensch hielt seinen Blick aus. Er nannte mehrere Namen. Marduk gab ihm dreißig Bewaffnete, die gingen mit ihm. Nach einigen Stunden, am hellen Nachmittag stand er mit fünfzehn Männern und sechs Frauen vor dem Konsul. Der Jüngere trug den grünen Rock und den hellblauen Mantel, die er angehabt hatte, als er vor Marduk geführt war, und die noch die Flecke der Erde von Marduks Park trugen.

In der sanften gehaltenen Art, die Jonathan seit seiner Rückkehr von der See hatte, setzte er sich neben Marduk hin, öffnete seinen Mantel, sprach jeden bei Namen an. Bevor die Vernehmung zu Ende war, verfärbte er sich, fiel blaß vornüber. Er war am Abend nicht dabei, als die fünfzehn Männer und sechs Frauen seitwärts geführt und erledigt wurden.

Der Konsul, im schwarzen Seidenmantel, die großen ernsten Augen gesenkt, zog am frühen Morgen gleichmäßig seine Schritte durch die Stadt. Es wehte heißer Wind. Flieger jagten mit dumpfem Rollen in der Luft. Die riesenhaften Plätze. Die metallenen Riesentiere, Messer in den Flanken, hingesunken schweigend auf den Steinpiedestalen. Das Gewühl umspülte ihn. Die halb in der Luft schwebenden Tribünen, offenen Hallen, auf denen Mädchen und Männer Bälle mit Stöcken trieben. Es hatte sich nichts seit dem Beginn seines Konsulats geändert. Die grellrot bemalten, mit Masten und Wimpeln versehenen Häuser, in denen die künstlichen Nährstoffe ausgegeben wurden, auf den Dächern liegende gewundene Kennzeichen für die Frachtflieger. Die Hauptausgänge der unterirdischen Bahnen in der Nähe des Nahrungsspeichers; Heraufdröhnen und Surren der Züge, die aus Fabriken und zentralen Speichern liefen, der Züge, die in tieferen Stockwerken radial und peripher die Versorgungsbezirke abstreiften, Schacht und Aufzug zu jedem Haus. Das kecke Wandeln der Männer von südlichem Typus. Nonchalantes Trotten Pfeifen Rauchen von Mulattennachkömmlingen mit grauen Gesichtern, gedrückten Nasen; das sieghafte Strahlen der weißen Frauen; stumpfes geschäftsmäßiges Herumgehen der lange Ansässigen, ihre apathische Ruhe im Dasitzen vor den Trink- und Rauchstätten, leise Stimmen, wenig veränderlicher Gesichtsausdruck. In goldgelben Talaren gingen die Priester durch die Straßen, singend rufend lockend. Marduks Augen brennend auf allen. Unsicher stockend sein Atem. Wie sonderbar die Frauen zurückgetreten waren. Sie waren am raschesten verändert; es schien, sie hatten mit dem Nachlaß der großen Erregungen auch ihre Spannung verloren, hatten sich viel in Mütter, ja in Dienerinnen von Männern zurückgebildet. Jonathan, goldgelb in Seide wie ein Priester, den braunen Kopf bloß, trat leicht neben Marduk, lächelte, als der ihn fremd ansah. Jonathan wollte zur Stadt hinausfahren; Marduk hielt ihn: „Erdulde dies. Entzieh dich nicht, Jonathan. Ich verstehe dies. Der ungeheure unausdenkbare Bann, in dem wir leben. Blicke um dich.“

In der Ferne hörte man das schaurige Gebrüll eines Metallstieres. Es wurde im Augenblick auf den Straßen still, die Menschen verlangsamten die Schritte, standen; sahen auf die Steinplatten des Bodens. Marduk blickte zwischen sie, hielt Jonathans Arm, war sichtlich seiner nicht Herr; seine Schultern zitterten, die Augen blickten verschwommen: „Du kennst das nicht. Kennst du nicht die Stadt? Das ist wie ein Wind, der mir an den Mund fährt und mein Gesicht faßt. Ich fahre durch den Wind. Sieh diese Männer an, die Frauen die Bahn die Flieger die Straßen, du hast den Stier gehört. Das Mekihaus, Marke, der blinde Konsul, ich hier, du; wie das beglückt. Wie es mich beglückt, füllt, seelenselig macht. Trunken, Jonathan.“

Jonathan führte ihn schweigend am Arm. Der Ältere mit den großen brennenden Augen redete weiter. Plötzlich drehte Jonathan den Kopf zur Seite, ließ den Arm los, seine Schultern bebten lautlos. Er schluchzte. Marduk stand an einem Vorgartengitter, wartete, bis er endete. „Du bist zu früh nach Hause gekommen, Jonathan. Du hättest länger an der Ostsee bleiben sollen.“

Der sah ihn mit verdunkelten Augen an: „Hab ich dir nicht genug Beweise gegeben?“

„Ich – brauch meine Mutter nicht vergessen“, Jonathan sah den andern fast zärtlich an „Ich habe sie mit Schmerzen – wieder geboren. Wie sie mich geboren hat.“ Er hauchte: „Sieh auf die Eiche da. Sieh immer in das Laub der Eiche hinein. Dann erzähle ich dir. Du darfst aber nicht wegsehen. Sie ist zu mir gekommen. Meine Mutter. An der See. Stückweise. Ich habe sie deutlich am Wasser gesehen. Erst sah ich – ihren Arm. Oh der Arm, – er war zerpreßt. Was hab ich mich gewunden. Er bewegte sich, die Finger griffen auf und zu. Er krampfte. Aber ich, ich, Marduk, ich konnte ihn stillhalten. Er hielt still. Ich konnte das, Marduk. Und beim andern Arm auch. Ich konnte alle Finger langsam bewegen machen. Und dann kamen die Schultern, die Schultern meiner Mutter. Ich habe oft meinen Kopf auf die Schultern gelegt. Ich war zu Hause, wenn ich ihre Schulter berührte. Die Schulter – konnte ich – nicht erkennen. Du mußt in das Laub sehen, Marduk. Du tust es. Die Schulter war gespalten. Als wenn sie einer in der Mitte zertrennt hätte. Oder sie wäre auseinandergefallen. Das konnte ich nicht gut machen. Was ich mich anstrengte dabei. Ich habe lange Stunden verbracht, Marduk, um nur die Schulter heil zu machen. Diese Lücke. Ehe die Teile zusammengingen. Aber sie gingen dann zusammen. Und die Arme waren dabei und die Finger bewegten sich ruhig. Und zuerst konnte ich den Kopf nicht sehen. Es machte mir auch gar keine Sorge, daß sie statt eines Kopfes eine Blume zwischen den Schultern hatte, Klatschmohn, die schlaffen roten glanzigen Blätter, von denen welche herunterhingen, und ich konnte eine dunkle Kapsel drin sehen, die stäubte. Es kam mir vor, als wenn das ein Auge war. Sie hatte so schwarze Augen. Und am Abend waren es auch ihre Augen. Sie waren es wirklich. Sie hatte einen roten Hut auf mit roten Bändern und war so freundlich mit mir. Ich konnte mich stundenlang am Strand nicht bewegen, denn ich fürchtete, die Schultern würden wieder auseinanderfallen. Aber ich konnte alles gut zusammenhalten. Nur den Atem durfte ich lange Sekunden nicht von mir geben. Ich bin dann ohne zu essen schlafen gegangen. Lag die Nacht wie im Starrkrampf, war wie ein Toter. Als ich aufwachte und zur Türe hinausging an das Wasser, hielt ich gerade da, wo ich gestern aufgehört hatte. Stört dich, daß du immer in die Blätter sehen mußt? Aber ich kann dann besser erzählen. Ich habe sie dann schließlich ganz gemacht, lebend beweglich, in ihrem Kleid. So kam sie aus deinem Wald heraus. Durch eine Lücke. Ich habe entsetzlich darum kämpfen müssen. Es ist gelungen. Jetzt ist alles wieder gut.“

„Spricht sie nicht?“

„Noch nicht. Ich werde sie schon zum Sprechen bringen. Ich traue mir alles zu.“

„Du wirst sehen, sie wird mich verfluchen.“

„Ich glaub es nicht. Sie sieht mich doch. Sie weiß doch, wo ich bin.“ Stolz blickte Jonathan vor sich. Einen Augenblick, als er den Jüngeren so leiden sah, hatte Marduk vorgehabt, ihn von sich wegzuschieben. Er fürchtete, der Jüngling würde ihn schwach machen und zum Erliegen bringen. Jetzt – sah er von der Eiche weg, legte den Arm um die Hüfte des zitternden Menschen, dessen Augen in grauen Höhlen lagen. Beklommen, fast wonnig fühlte er das leise Vibrieren und das atmende Auf und Ab der Flanken. Er dachte: „Ich fühle ihn nach und halte mich. Er ist mein Schmerz und mein Führer. Ich will ihn behalten, solange er so bleibt. Solange er leidet und sich nicht helfen kann, soll er leben bleiben, – damit ich nicht vergesse.“

Zu Jonathan, an dessen grünem bauschigen Kleid er herabblickte, sagte er: „Wärst du ein Mädchen, eine Frau, würde ich dich zur Frau haben wollen. So aber habe ich Glück, daß du kein Weib bist. Du wirst keine Kinder gebären, für dich, gegen mich; wirst ungebunden gehen, wohin du willst. Du wirst nicht aus einer tierischen Laune über mich fallen, damit ich fühle: ich bin noch etwas anderes als dieser Marduk, dein Freund, der dich braucht und dir folgt; ich bin noch eine dumpfe Kraft, nein, ein dumpfes Leiden von irgendwoher, wie diese tausend Menschen, wie die Blätter die Steine.“

„Bedauerst du mich, Marduk? Du brauchst mich nicht zu bedauern.“

„Komm in den Garten.“

Sie gingen ungehindert in den Garten. Marduk stellte einen Fuß auf die Sitzbank unter der Eiche. Er hatte einen ruhigen kummerlosen Ausdruck; es schien, als wenn sie gar nichts miteinander gesprochen hätten. Er zog die Riemen seines silberbeschlagenen Halbschuhs fest. Jonathan sah erst zu, dann, während Marduk einen Ellbogen auf das Knie stemmte, legte er die Schnalle fest. „Das kannst du gut, Jonathan. Und du kannst noch anderes gut. Willst du durchaus ein toter oder schwacher Mann sein? So ein Ast, den man abgerissen hat und der nur so lange lebt wie er noch feucht ist? Willst du nicht noch eine Weile mit deiner Mutter zusammenleben? Du hast dich gestern gut gegen deine ehemaligen Freunde benommen. Sie leben nicht mehr. Nein. Ich habe deinen Willen ausgeführt. Es war dein Wille.“

Der Jüngere, dem die Hände heruntergefallen waren, legte den Kopf an Marduks Knie. Er hielt sich mit den Armen an diesem Knie fest.

„Ich biete dir eine Ehe mit mir an, Jonathan. Wie denkst du darüber. Du hättest keine Pflicht weiter als da zu sein, mir dein Gesicht zu zeigen. Es ist nicht nötig, daß du mit mir sprichst. Regen und Wärme sprechen auch nicht, und man braucht sie doch. Du sollst auch nicht mein Diener sein. Nicht einmal mein Gehilfe. Und nicht einmal mein Tischgefährte. Sondern, wie ich schon sagte: nur da sein. Es ist nicht nötig, hier. Aber doch oft bei mir.“

„Sonderbar, Marduk. Ich dachte, du willst mich als Gehilfen.“ Marduk nahm den Fuß nicht herunter. Er gähnte: „Also, es ist abgemacht.“

 

Marduk war mit einigen hundert Mann in die unverteidigte Stadt eingezogen. Er ließ noch am Tage seines Einmarschs eine Kraftzentrale in dem ersten, sogenannt Grünen Rathaus der Stadt errichten, in dem er sein Quartier aufschlug. Angriffs- und Abwehrwaffen, die er mit anderen seiner Gruppen aufbewahrt und vorbereitet hatte, wurden im Augenblick in der Nähe des Rathauses versteckt und an Marduks Zentrale angeschlossen.

Der Usurpator rief die Leiter der noch bestehenden Industrien, die Besitzer der Ländereien, Männer Frauen, in das Rathaus und gab ihnen, wie sie den Haupthof durchschritten, den Anblick der fünfzehn erschossenen Männer und sechs Frauen, dazu von dreißig lebenden Neuverhafteten, die unruhig auf dem Hof herumgingen. Er redete die Erschienenen an. Es waren graue und junge buntgekleidete Tiere, die sich neugierig hochmütig verschüchtert vor ihm drängten.

Glossing, der alte Mann aus englischem Stamme, der Lehrer Marduks in den chemischen und physiologischen Versuchen, der feine Botaniker, sah mokant und gelangweilt zu der hohen Kuppel des Saals und den herunterwogenden Seidenfahnen auf, den alten Verbrüderungszeichen, den Fahnen des englisch-amerikanischen Mutterreichs, denen des Uralischen Kriegs mit den Gestirnen, die vom Feuer der Erde gefaßt werden. Er dachte: Marduk wird reden: er möge reden; es mögen andere reden und handeln, sie werden nichts ändern. Er dachte zäh ruhig sicher: es wird niemand vermögen, mich und meinesgleichen auszurotten. Kühl betrachtete er die um sich; was war Marduk für ein Narr, daß er sich unter diese begab; er war gut im Zuge; wen lockt es, sich mit diesem einzulassen.

Mild bewegte sich im Gedränge, die große Brille auf der stumpfen Nase hin und her schiebend, Blue Sittard, von kreolischem Blut. Er sonnte sich an den Gesichtern seiner Umgebung, der heimliche Kristallforscher, von dem man sich wunderbare Dinge erzählte. Die rechte Hand war ihm in eine seiner Steinzertrümmerungsmaschinen geraten und bis auf die Mittelhandknochen abgepreßt worden. Er konnte mit den Stümpfen, die er sich wie Finger hatte präparieren lassen, kleine nickende Bewegungen machen und erschreckte Unbekannte, wenn er im Gespräch den hellgrauen Lederhandschuh scheinbar unabsichtlich abzog und mit der Hand gestikulierte, die sogar künstliche rosa Nägel an den Spitzen hatte und Glied um Glied mit Brillantreifen besetzt war. Eine kühle und laszive Seele. Marduk würde reden. Er möge reden.

Der schäumende Ekbert, der junge überlange gebückte Mann in schlottriger Arbeitstracht, ein höhnischer Mensch von großer Weichheit, der dazu bestimmt war, irgendeinem seiner Impulse zum Opfer zu fallen.

Die blonde ernste weiße Marion Divoise, die üppig, teilnahmslos an einer Fensternische stand, ihre graugrünen Augen schweifen ließ. Viele Mädchen und Jünglinge hingen ihr an. Sie war von einer großen Keuschheit, schmerzliche und sonderbare Liebesgeschichten wurden von ihr erzählt, La Balladeuse hieß sie. Sie hatte von den Industrien ihrer Familie nur noch den Boden in Besitz, kannte Marduk nicht. Wer ist es, dachte sie. Wenn er mich bewegen erregen könnte.

Am Boden, an den Fingern kauend, auf einer Steinstufe Drüttchen, die lange schwarze Weibsperson, die fanatisch für Marke gekämpft hatte, an der Zertrümmerung der großen noch bestehenden Frauenbünde arbeitete. Dutzende Männer nagte sie an, daher hatte Drüttchen, das vielbeachtete und gehaßte Weib, den Spitznamen die Landratte.

Sie sahen alle erstaunt den hochstirnigen Abenteurer eintreten, der mit Hilfe einiger Männer und Waffen diesen Streich verübt hatte, um ihn wohl nach einem Monat zu bereuen. Marduk, auf dem Platz des Senatsvorsitzenden, nahm den rotfedrigen breiten Hut vor ihnen ab, hieß sie willkommen. Als er sich setzte, stand seitlich von ihm Jonathan, den alle gut kannten, von dessen Zugehörigkeit zu Marduk noch wenige wußten. Eine starke Bewegung entstand unter den Menschen, als Jonathan auf ein Zeichen Marduks sich neben ihn setzte. Marduk gab ihnen von seinem Sitz aus Bericht. Markes Werk werde weitergeführt. Die Lehren des Uralischen Krieges sind voll und nachsichtslos zu ziehen. Er bestätigt den bisherigen Senat, werde sich seiner Mitarbeit bedienen. Dann schwieg er, Schweißtropfen vor der Stirn, schielte auf den Lederbezug des Tisches. Wie sich unten nichts regte, bat er den greisen Glossing, den Botaniker, den bisherigen Vorsitzenden, herauf. Er versprach sich, nannte Blue Sittard mit der großen Brille, der sich an die Tribüne gedrängt hatte, ihn mit einem ironischen Lächeln festhielt.

Glossing stellte sich nach einem gleichmütigen Kopfnicken neben Marduk, murmelte, so daß er sich unterbrechen mußte, während die Einberufenen sich vor ihm ballten. Die Sitzung werde kurz sein; sie sei nicht von ihm einberufen, sein Platz sei besetzt – Marduk erhob sich stürmisch; Glossing ablehnend: er danke – ob jemand sprechen wolle, ob jemand die Neigung habe etwas zu sagen.

Blue Sittard erhob den Arm; ging nur eine Stufe zur Rednertribüne herauf, lächelte ironisch bald Marduk bald Jonathan an, schmunzelte in die Versammlung: „Wir sind ja alle Marduk und dir, Jonathan, sehr dankbar, daß wir eingeladen sind, diesen Raum hier zu betreten, hier zu stehen zuzuhören. Wir sind alle gern hier. Seien Sie uns nicht böse, Marduk und du, Jonathan, wir sind beinah noch lieber in diesem Saal als mit Ihnen. Das soll keine Spitze und Feindseligkeit gegen Euch sein, wie es sich versteht zwischen guten Bekannten Arbeitsgefährten wie wir, fast möchte ich sagen: zwischen Brüdern in der Gefahr. Denn wir können es ja jetzt aussprechen: wir haben unter Marke manches Ding gemeinsam betrieben, das nicht beliebt war. Und warum sind wir lieber in diesem Saal, als mit Ihnen beiden? Weil wir schon oft diesen Saal betreten haben und jedesmal saß oder stand dort, wo Marduk sitzt, ein –; jetzt wirst du wieder lachen, Jonathan. Wir sehen dich gern lachen, übrigens. Wir haben gehört, welche Trauer über dich gekommen ist durch den Verlust eines Menschen, den auch mancher unter uns verehrt und geliebt hat. Es ist uns eine Wohltat zu wissen, wie rasch sich eine gesunde Natur über Unglück und Mißgeschick erhebt; wir können daraus Kraft für uns selbst schöpfen. Wer stand da, wollte ich sagen, wo jetzt Herr Marduk sitzt? Ein Konsul, den wir gewählt haben. Ganz recht, der war da. Wahrhaftig. Und das erfreut uns. Nun werden Sie fragen, Marduk, nachdem Sie uns so liebenswürdig angeredet haben: welcher Unterschied denn besteht zwischen Ihnen und dem Konsul Marke. Das ist eine Frage eine Sache, die über das Formale hinaus Interesse hat. Ich wartete jeden Augenblick, Sie werden mich unterbrechen. Aber Sie besitzen die große Güte mir zuzuhören, fast wie einem Freunde. Und ehrlich gesagt, Marduk: nehmen Sie an, Sie hätten nicht die Geduld und machten von ihrem unzweifelhaften Rechte Gebrauch, so wüßte ich doch nicht, wie ich der Frage ausweichen sollte.“

Er drehte sein stumpfnäsiges Gesicht voll dem Saal zu, sonnte sich am Anblick der Versammlung; manche sahen weg. „Also sprechen Sie, Blue Sittard“ gab Marduk herunter. Der verneigte sich, stärker grinsend gegen Marduk und den Vorsitzenden: „Ich danke. Danke auch dem Herrn Vorsitzenden, für den Marduk eben sprach, in Stellvertretung. Wir sind alle, die hierher gekommen sind, hocherfreut, daß wir sprechen und so sprechen dürfen. Es heißt sonst: unter den Schwertern schweigen die Musen, aber man sieht die Ausnahmen. Das will nicht sagen: ich sei eine Muse; Blue Sittard mit seiner Brille und seiner schlechten Hand hält sich nicht für eine Muse. Aber vor einer halben Stunde war ich alter Mann doch stark musisch gestimmt; ich will mich nicht schämen, es vor Euch zu bekennen. Das war, als ich in diesen Saal über den Hof ging und dort einige mir wohlbekannte Männer und Frauen traf. Diese Männer und Frauen, die ich wohl kannte, oft getroffen und gesprochen habe, von denen manche mit mir an einem Tisch gegessen haben, – einige habe ich erst vor einigen Tagen begrüßt und ihnen die Hand gedrückt, – die schwiegen plötzlich bei meinem Anblick. Ich habe nichts verbrochen inzwischen, es ist zwischen uns nicht das Geringste vorgefallen. Sie schwiegen so intensiv, sie hatten so hartnäckige, fast böswillige Gebärden an sich, daß ich annahm: diese Männer werden, und diese Frauen werden niemals mehr reden. Dabei hatten sie die Münder weit offen; sie lagen sehr bequem wagerecht auf dem Boden; das Steinpflaster schien sie gar nicht zu drücken. Sie schienen so entschlossen zu sein, diese unsere Freunde, daß sie nicht einmal einen Atemzug von sich gaben. Nun ist das zwar Privatangelegenheit dieser schweigenden Herrschaften. Jedoch wollte ich Sie bitten, Marduk, Sie möchten, da Sie von einer anderen Seite hereinkamen, nicht bloß durch das Fenster sehen, sondern ein paar Herren und Damen herunterschicken, um nachzuforschen, ob die Schweigenden da etwas Schlimmes, vielleicht ein Unglück betroffen hat.“

Marduk schwieg. Glossing neben ihm hielt die Augen gesenkt. „Wollen Sie uns erlauben, Herr Marduk, nachzuforschen, was die fünfzehn Männer und sechs Frauen bewegt, so hartnäckig zu schweigen. Besonders da Sie so gütig sind, uns sprechen zu lassen.“

Marduk schien von dem Ton Blue Sittards unberührt. Die Männer und Frauen seien heute nacht auf seine Anweisung erschossen worden.

Blue Sittard hob freundlich, fast entzückt die Arme: „Gut. Gut. Dacht ich mirs doch. Es ist ja auch einigermaßen wunderbar, daß einer so lange den Atem anhält. Machte mich schon ganz verwirrt, brachte mich in lyrische Erregung, diese Fähigkeit, diese Ausdauer der einundzwanzig. Nur entsetzt die Frage: was tun wir hier. Auf dem Hofe liegen einundzwanzig Erschossene. Und wir –“

Er lachte heftig, sah sehr blaß aus, rupfte seinen grauen Backenbart, streckte plötzlich weit die Arme aus, beugte sich schief und oft vor Marduk: „So steht es. Verzeihung. Verzeiht. Verzeiht mir. Dies wollte ich berichten.“ Er wandte sich zu seinen Freunden, buckelte wieder, verwirrt, wollte sich zwischen die Menge drängen. Aus dem unbewegt sitzenden Marduk war plötzlich etwas auf ihn gezuckt. Von der Tür bis zum Sitz Jonathans drängten sich die Freunde. Er schob sich, ein ärmliches Lächeln um den Mund, zwischen sie. Und wie er erst unter ihnen war, viele vor sich, zwei hinter sich, zwei neben sich, da zog er den Hals ein, hob die Schultern, gab helle winselnde Angstlaute von sich, quietschte aus geschnürter Kehle, die Hände vor dem Mund, um die Laute zurückzupressen, rieb sich das Gesicht, daß die Brille über die Stirn stieg. Wie ein Kind, das eine lange finstere Treppe heruntergehen soll, erst ruhig und tapfer steigt, Stufe um Stufe, bei jedem Absatz stehen bleibt, den Atem anhält, um sich schaut, zurückschaut, schon rascher läuft, rascher, seine Schulmappe hält es fest, es gleitet am Geländer entlang, die Angst, die panische Angst ist hinter ihm. Es läuft, es kann sich nicht halten, stürzt schreit stürzt weiter, gellt durch das hohe Treppenhaus. Und wie man mit Lampen aus den Wohnungen kommt, steht es an einem Fenster, späht zeigt um sich, keucht entgeistert, weiß nichts zu sagen, das Herz klopft ihm zum Mund, in die Lippen, in die Augen, über den Scheitel; es würgt, stößt auf, heult im Licht. So winselte Blue Sittard. Bestürzt umfaßten ihn die Freunde. Marduk ruhig von oben: „Macht Platz um ihn.“

„Nein“, winselte der, drängte tiefer.

„Ich will ihn sehen.“

Er wühlte sich unter die Freunde, die ihn nicht verstanden, in denen es vibrierte. Hinten öffneten welche die Türen. Sie strichen an dem besessenen Blue Sittard: „Was tust du uns an. Beherrsche dich.“

Leicht schäumte schon Angst aus ihnen selber, trieb sie zu fragen. Sie stolperten, drehten sich um sich, stießen nach den Türen. Was sie sprachen, war für niemanden gesprochen. Jonathan näherte sich Marduk, der seine aschgraue Maske zur Seite drehte. Keinen Blick konnte er von ihm erhaschen. „Halt sie in Schach“ ächzte Jonathan. Unten wälzte sich die blonde üppige Balladeuse, durch die erst Stürme von Zittern gelaufen waren, in Krämpfen, in denen sie ganz rasch sprach, mit mehreren Unsichtbaren gegen den Boden hin eine heftige Unterhaltung führte, wieder sich lang ausdehnte. Sie lag mit ausstoßenden Beinen seitwärts allein auf dem Parkett, während die Knäuel die Türen verstopften.

Marduk drohte am Tisch: „Was ist, Blue Sittard. – Was ist mit den Toten?“ Der winselte: „Er kann –; er kann –“ Und jetzt hatte er es; er schwang die Arme, heulte: „Er kann es. Er wird sie lebendig machen. Die Toten.“

Und schallend lachte Marduk, der aufgestanden war: „Ich werde es euch zeigen. Ich kann sie lebendig machen.“

Sie fluteten in Panik hinaus. Der Graus des Uralischen Krieges.

Marduk saß hin, mahlte mit den Zähnen, knipste die Finger der linken herabhängenden Hand am Daumen. La Balladeuse lag auf den Ellbogen über dem Parkett, drohte: „Das soll nur sein. Wenn sie es wagt, ist es ihre Sache. Aber an mir hat sie keine Hilfe, das soll sie wissen. Zum hundertsten Male, zum tausendsten Male. Ich habe es ihr gesagt, kurz und bündig. Ravaillac hat damit nichts zu tun. Was kommt ihr mit dem. Das ist ein übles Manöver. Geh weg, Ravaillac. Deine Schuhe? Habe ich nicht.“ Sie setzte sich auf, betrachtete ihre blauen Strümpfe, stand taumelnd, blickte vorwärts und rückwärts. Das Haar hing ihr um den Kopf. Ging wie eine Blinde im Zickzack, in den Saal hinein, bog ganz weit nach rückwärts den Kopf, steuerte auf das Podium mit den beiden Männern, oft tief Luft schöpfend, beide Hände auf die Brust gelegt.

Marduk zog sich zusammen, schwoll auf. Er blickte mit scheinbar lächelndem Ausdruck auf Jonathan, der eine Stufe unter ihm stand. „Bist du hier?“ er knipste unter dem Tisch weiter, „ich glaube, ich habe eine Schwachheit getan. Als ich hier hineinging. Die Erbschaft Markes antrat. Was geht mich Marke an. Ich hätte bei meinen Arbeiten bleiben sollen. Die Flammenbergwerke waren nichts.“