Weich und schlank, mit einer gebundenen, oft sprühenden, leicht sich erhebenden Freudigkeit ging Jonathan durch das Ratsgebäude. Bänder und Federn hingen an ihm. Er galt als der Trabant Marduks. Etwas von dem Schrecken, den der Konsul einflößte, ging auf ihn über. Es machte ihm Freude, den Schrecken zu gebrauchen. Wenn er in der Dämmerung durch die Straßen schlenderte, die leerer lichtloser lärmloser waren als früher, fiel ihm öfter seine Mutter ein. Vor seinem stolzen in sich gekehrten Blick stand sie, nicht mehr mit klaffenden Schultern, bewegungslos hängenden Armen. Unter seinen stolzen schmelzenden Blicken, unter den leidenden schmerzgesättigten heischenden bewußten Blicken gab sie nach. Von seinem Mund, seinen Wangen floß es her: sie war eine ferne sich weit hinbreitende grüne Landschaft, Wipfel Äste und Laub, Himmel darüber. Das war, er fühlte gesättigt, seine Mutter.
Als er einmal dem Ratsgebäude sich näherte, – der Ernst umschwebte ihn, seinen silbernen Mantel hatte er eng an sich gezogen, – saß da eine gelbbraune junge Person, die geschlafen hatte und ihn gerade auf sich zukommen sah. In einem jähen unsinnigen Schrecken wollte sie in das Gebäude. Das war verschlossen. Sie lief im Augenblick, stürzte die Straße entlang. Erst da achtete Jonathan auf, sah sich nach allen Seiten um, wer das Mädchen verfolgte. Verblüfft sah er nichts. Er war es selbst. Er rannte halb hinter ihr her ohne zu wollen. Straßen nach Straßen. Das Mädchen lief angstvoll, schrie. Seitlich Gehende erkannten Jonathan, blieben lachend stehen. Er stürzte lang hin. Sie stand im Augenblick erschreckt, rannte zaghaft, sich oft umdrehend, weiter. Er war verärgert, sein Knie brannte. Er verstand das Ganze nicht. Jäh stürzte er nach. Sie lief langsamer im Kreise. Er warf sie von rückwärts auf das Pflaster. Erbittert bückte er sich über sie, die auf dem Gesicht lag, zog sie an dem Kragenausschnitt hoch. Sie wehrte sich nicht, hielt den Arm vor das Gesicht. Er schrie, was sie am Ratsgebäude zu tun gehabt hätte. Sie wimmerte, ohne das Gesicht zu zeigen, daß sie Hausgehilfin sei und den Hund der Frau beschädigt hätte und die Frau hätte geschworen, sie gehe direkt zu Marduk und werde Anzeige erstatten. Jonathan fiel es ein zu sagen, die Frau hätte schon Anzeige erstattet und er werde sie vor Marduk führen. Sie kam nicht von der Stelle, bettelte, zeigte ihr fremdländisch faltenlos linienlos glattes Gesicht, die leicht abgeplattete Nase, einen weiten törichten Mund. Er verbat sich ihr Reden, sie mußte mit. Mit heimlicher Freude führte er sie streng durch die Straßen. Dann gab er sie in ihrem Hause ab, wo er Furcht erregte durch die Bemerkung, er sei von Marduk geschickt. Wie es dem Hunde gehe. Die Leute zeigten furchtsam das Tier, das hinkte. Er erklärte, daß Marduk sein Augenmerk neuerdings stark auf Hunde richte. Man dürfe nicht glauben mit dem Vieh umzugehen, als sei es beliebiges Sacheigentum. Einige Tage ging er noch hin, ließ sich, scheinbar sachverständig, den Hund zeigen. Einen Heilkundigen brachte er mit. Der katzbuckelte vor Jonathan, konstatierte an dem Tier mehrere Krankheiten; Jonathan wünschte, daß er das Tier behandle.
Abende und Nachmittage verbrachte Marduks Freund jetzt in dieser Gesellschaft. Eine ganze Zahl zerlumpter Frauen und Männer saßen da zusammen, rauchten diskutierten. Es waren Leute, die sich nicht der schweren Arbeit zuwenden wollten, nicht den Entschluß aufbrachten auszuwandern, auch viele Kranke. Solche Ansammlungen waren viel in der Stadt. In den Jahren von Marduk war die Stadtlandschaft ein halbes Feldlager. Es kam wenig zu Gewalttätigkeiten; Marduks Horden zogen stark durch die Anlagen.
Damals trat Berlin, das sonst in Häusern und Fabriken hockte, ganz auf die Felder und Plätze. Die Menschen nahmen Fühlung zueinander. Ein Gefühl der Unsicherheit und Unwirklichkeit lag auf allen.
In diesem Jahr erlebte Jonathan Dinge von einer Schönheit und Süße, wie er sie nie gekannt hatte. Er nahm Elina, das Mädchen, das er verfolgt hatte, zu sich, verließ mit ihr die Stadt. Durch Hamburg Frankfurt Genf, die südlichen Stadtlandschaften fuhr er. Die erregtere Luft. Die heftigen ungebundenen umeinander wallenden Menschen. Spöttisch hörte er überall die tiefe Ehrfurcht vor Marduk. Mit ängstlicher Neugier wurde er nach den Dingen Berlins befragt. Von dem Augenblick an, wo das junge zahme Wesen, Elina, sich an ihn hielt, hatte er keinen Sinn mehr für die Dinge der Stadt. Er war nach einem Monat, als er am Mainufer mit ihr saß, erschüttert von dem Gedanken an die Ereignisse, die hinter ihm lagen, von dem Segen, der sich an ihm erfüllte. „In was für Schrecken hat er mich hineingezwungen“, flüsterte er, während sie in der sommerlichen Luft sich neben ihm auf der Uferwiese ausstreckte und seine Hand mitzog, „ich kann sie kaum ausdenken, Elina. Sag, Elina, kommt es wohl vor, daß Menschen aus der Hölle entlassen werden, in ein anderes Stück der Ewigkeit, und daß sie das Gedächtnis an das Frühere behalten? So geht es mir.“ „Aber du vergißt doch schon, Jonathan.“ „Ja, es scheint mir ganz unglaubhaft, was ich getrieben habe, Elina. Laß mich einmal die Augen zumachen; gib mir auch deine andere Hand. Es ist wunderschön hier. Wie ist es möglich, daß solche Dinge geschehen wie die, die ich erlebt habe! Wie können Menschen sich so bewegen! Ich! Ich verstehe nichts, nichts mehr davon. Daß ich in der Stadt bleiben konnte, daß ich mit ihm umging. Wahrhaftig, er hat recht: ich wollte ihn sogar umbringen. Was ging er mich nur an. Ich brauchte doch nur ein paar Schritt vorbeizugehen.“ „Sprich doch nicht von ihm. Warum sprichst du nur von ihm, Jonathan. Ich kann dir viel schöne Dinge erzählen. Ich werde dir erzählen – von der armen dummen Elina, die einmal auf einer Steintreppe saß und an einen Hund dachte.“ „Nein, es ist nicht nötig, Elina. Es ist ja alles vorbei. Wie vorbei. Ich traure ja beinah um ihn. Er ist noch drin, in der Hölle.“ „Leg dich zu mir herunter. Du bist viel schöner als ich bin. Sag mir, was ich bin. Erzähl mir von mir. Ich möchte etwas von mir hören.“ Jonathan, dem sie den Kopf auf den Schoß legte, lachte herunter: „Wir sitzen wie ein Märchen auf der Wiese.“ „Wie heißt das Märchen?“ „Ich weiß noch nicht. Früher habe ich oft mit Frauen gespielt. Es war nicht wie mit dir.“ „Ich bin anders, ich bin besser?“ „Viel besser. Warum siehst du mich an. Du glaubst es nicht. Die Frauen –“ „Nun? Sie waren viel schöner als ich.“ „Ich kann mich nicht mehr besinnen, wie sie waren. Aber du bist wie eine Glocke in einer Kirche am Sonntag. Man sieht sie nicht, man hört nur etwas Luftartiges von ihr. Man sagt, es ist die Glocke, die läutet. Und wer fromm ist, geht drauf zu, wo der Klang herkommt. Und selbst wenn man in der Kirche sitzt, sieht man die Glocke nicht, die läutet, kann eigentlich gar nicht sagen, daß es die Glocke ist, die läutet. Du bist da, ich höre und sehe dich; ich sitze auf der Wiese am Main. Ich kann dich genau beschreiben. Das bist du.“
Sie richtete sich auf, zog die Unterlippe herunter, nahm ihre Hände weg: „Im Grunde ist es dir dann gleich, wer ich bin. Brauchst dich doch nicht um mich kümmern. Bimmele dir etwas vor, und du sagst: es bimmelt und bist zufrieden.“ „Eben.“ „So kann ich sagen was ich will? Auch nichts sagen? Vielleicht auch weggehen?“ „Nicht weggehen. Du kannst dich rühren und bewegen und du erfreust mich. Gott, sagt der und der, hat jedes Haar auf dem Kopfe gezählt. Ich auch. Komm her. Ich habe jedes Haar, jede Strähne gezählt, kenne sie ganz genau, besser als der Gott, denn sie sind mein. Und deine Nase und dein Mund und deine Füße in roten Strümpfen und dein Kleid: das bist alles du und ich brauch gar nicht drüber nachdenken.“
„Von dir aber kann ich sagen, Jonathan, wer du bist.“ „Ach tu es nicht.“ „Warum nicht. Ich kann es doch. Ich kann es dir mit zwei drei Worten ganz genau beschreiben. So genau, daß jeder gleich weiß, wer es ist und sagt, das bist du.“ „So sag.“ „Du bist Elinens liebster Mensch. Du bist meine Freude. Mein trüber Himmel und mein sonniger Himmel. Mein Jäger mein Räuber mein Wald mein Haus meine Stube mein kleines Kissen. Meine zerbrochene Scheibe, meine ganze Scheibe. Ich kann dich streicheln und du gehörst zu meiner Haut zu meiner Hand. Mein Auge mein Ohr meine Stirn meine Brust. Du alles. Nun weißt du, wer du bist.“ Sie hielten sich. Er lächelte, während sie die Linien seines feinen Gesichts mit Küssen nachzog und über seinen Augen lange stillhielt. „Mach die Augen auf“, rief sie, „du träumst ja schon wieder.“ „Nur schöne Dinge, Elina. Ich dachte, wie du mich in das Haus gesperrt hast, als die Leute auf mich losgingen, weil sie Marduks Freund nicht wollten. Da hast du den Schlüssel verloren und mußtest mir zum Fenster hinaushelfen. Ich bin statt auf deine Schulter zu steigen an dir vorbeigesprungen, auf meinen Arm.“ „Der wieder gut ist.“ „Damals habe ich mich zum ersten Male, in deinem Zimmer, nach dir gesehnt. Du solltest kommen, dacht ich mir; Marduk verdirbt mich. Jetzt ist die Stunde für dich, die mich schon eingesperrt hat für sich. Aber es war still. Du kamst nicht.“ „Ich hab die Schlüssel nie wiedergefunden.“ „Und ich freute mich, wie ich dich weinen und betteln hörte draußen. Kein Wort hab ich gesagt. Mit dem Gesicht lag ich an dem Türholz. Eingesperrt war ich, aber frei. Freier Jonathan. Nach einigen Stunden war er auch frei.“ „Nun sind die Augen wieder auf.“
Sie wohnten nahe dieser Wiese in einem Gehölz, zwei Tage, in einem künstlichen Haus, wie es Lustreisende damals viel brauchten. Das Haus oder Zelt bestand aus gazeartigen Tüchern, die man an einem Gestell befestigte, das nicht dicker als ein Streichholz war. Das Gestell war aus leichtestem starken Metall. Sie setzten, wo es ihnen wohlgefiel, aus ihren Tornistern das Gestell auf den Boden. Eine Gasflasche wurde angeschraubt und leicht erwärmt. Die doppelwandige Gaze prallte Seite an Seite hoch, stand fest und hart wie aus Beton. Fußboden und Decken wurden so errichtet. Fenster und Türen, schwarz oder durchsichtig, konnten eingefügt werden. Das einzimmrige Häuschen wurde wie ein Schiff verankert. Und überall in schönen Gegenden fand man Pflöcke mit Ketten und Zeichen, die die nächsten Ankerplätze angaben. Aus Fußboden und Wand konnten bei manchen dieser Häuser Betterhebungen vorgetrieben werden aus polsterartiger Substanz, Schrankvertiefungen Bankerhöhungen.
Jonathan wohnte da mit Elina. Sie trug an ihrem Körper mit Freuden ein Hemd, das sie sich in Frankfurt gekauft hatte. Sie hatte es unbemerkt vor Jonathan gekauft. Es war in der Stadtschaft als ein zauberhafter feiner Stoff von den Frauen geheimnisvoll angepriesen. Ein weicher Stoff war es, vom Aussehen dünnster Fischschuppen, ein lebendes Gewebe, das man wie Perlen auf warmer feuchter Haut trug, mit deren Atmung es gedieh. Dann teilten sich die Zellen, Myriaden. Eine Haut unter der ersten erschien, dichter enger an der menschlichen Haut, der sie auflag, über der sie kaum ablösbar hing. Die obere Haut trocknete ein, stäubte ab. Weiß war die Farbe des Hemdes, das man kaufte. Nach einer Woche trat unter dem Ergrauen und Abschilfern des Mutterhemdes eine grüne Farbe hervor. Dann vollzog sich der Vorgang, der ein Generationswechsel war, weiter; rot trat hinzu, violettes Schillern. Die Moosstoffe, aus botanischen Versuchsstätten, waren sehr sorgsam zu pflegen.
Er saß bei ihr am Bett. „Elina, komm nach Berlin.“ Elina war heißer und fremder geworden. „Ich mag nicht. Es ist hier viel schöner. Du brauchst längere Zeit, um alles zu vergessen.“ „Komm Elina.“ „Ich mag nicht. Was forderst du von mir;“ sie warf den Kopf zurück. „Hätte ich die Reise nicht mit dir gemacht.“ Sie lachte gurrend: „Seid Ihr ängstlich, daß Ihr Euch nicht in fremde Städte wagt. Du und Marduk. Aber Marduk weiß noch, was er tut. Er hat seine Waffen seine Maschinen. Von uns fordert er Dummheit. Werdet wie die Kinder. Ich mag nicht nach Berlin.“ Sie trug über dem fremdartigen Hemd ihr eigenes aus Leinen. Die Haut ihrer bloßen schlanken Arme war bräunlich; die Härchen darauf schimmerten golden. Und wie sie den Arm abhob, das weite Hemd zurückfiel, die Schulter freigab, bückte sich Jonathan vor: „Was hast du da? Was trägst du für eine Jacke?“ „Eine Jacke? Ach!“ Sie lachte; zugleich wurde ihr Hals rot. „Es ist mein Hemd. Du hast es noch nicht gesehen. Ich habe es in der Stadt gekauft.“ „Ein grünes Hemd. Du hast es gekauft. Ich sagte, ich mag es nicht.“ „Jetzt ist es grün. Dann wird es rot, vielleicht blau. Das Obere schilfert immer mehr ab. Weißt du, es legt sich immer dichter an. Als wenn es mit Gummi angeklebt wird. Man merkt es gar nicht. Es wächst fast an.“ „Ach.“ Er staunte. Sie saß hoch, ihre Brust lächelnd entblößend. Er ging still herum. Am Abend wurde er heftiger und sie gab nach. Sie dachte an nichts, freute sich über seine Gereiztheit: „Bist du ein Kind. Ich soll hier weg. Es beißt uns keiner.“ „Ja, ja“, er schüttelte sich, „ich bitte dich, ich flehe, komm weg.“
Sie legten das Haus zusammen. Und wie sie nach Berlin geflogen waren, in seinem Zimmer saßen, zog er ihr die Armspange ab, küßte die Spange, legte sie an seine Wange, band sie sich um. Ihre Schuhe knöpfte er auf, die Strümpfe zog er herunter, rieb die kalten Füße zwischen seinen Knien mit den Händen warm. Sie sah vergnügt, zum Kichern geneigt, von oben zu. Den Rücken machte sie krumm, die Arme schlug sie sich vor Lust an den Hals, als er ihr das Mieder öffnen wollte. Sie sprang davon. Lag im Bett, zugedeckt bis an die Ohren. Und als er „Elina“ rief, sang sie unter der Decke: „Ich höre nichts. Leg dich schlafen.“ Sie trällerte „Jonathan“, als er sich neben sie hinstreckte, ihren Hals umschlang. Seine Hand lag auf ihrem Nacken. „Was hast du an?“ „Ein Hemd.“ „Das ist das Hemd.“ „Das grüne. Vielleicht ist es schon rot.“ „Wozu hat es denn Farben, wenn ich sie nun nicht sehen soll. Du bist so lustig geworden.“ „Nicht? Und das ist doch schön.“ „Warum bist du so lustig?“ „Weil ich’s sein will. Mein Hemd zeig ich dir nicht.“ Sein Arm zog sich zurück, traurig sagte er: „Wie bist du zu mir.“ Und wie seine Stimme verklungen war, horchte sie, ob er noch etwas sagte. Aber er schwieg von da. Sie tastete mit ihrer Hand nach ihm. Er lag auf dem Rücken. Sie fuhr über sein Gesicht, fühlte das Zwinkern seiner Lider. Welchen Ausdruck er haben mochte. Erinnerungen? Sie wälzte sich an ihn, drückte ihr Gesicht an seins. Da hoben sich seine Arme wieder, heftig preßte er ihren Kopf an seinen, stammelte „Braunes“ in ihren Mund. Und als sie ihre Wonne ausgeatmet hatten und ihre Rücken zurücksanken, streichelte Elina sein warmes Gesicht. Ihre kleinen Finger biß er; sie summte: „Möchtest du mein Hemd sehen.“ „Was soll mir dein Hemd. Was geht mich dein Hemd an. Du bist Elina.“ „Warum willst du es nicht sehen, Jonathan. Es ist schön.“ „Es ist schön. Ich glaub dir’s. Du bist viel schöner.“ „Ich will’s dir zeigen, Jonathan.“ Sie hatte sich im Bette aufgesetzt, tastete um sich. „Was suchst du denn?“ „Das Licht.“ Es flammte schon weiß um und über ihnen. „Ich zeig dir’s. Da. Du kannst es sehen.“ Sie saß auf der Bettkante, drehte den Kopf nach ihm. Die braunen Haare hingen dicht von ihr herab. Um Brust Leib Schultern schlang es sich. Als wenn es naß oder aus zartestem Gummi wäre. Grünlich blau schillerte es an den Flanken; an manchen Partien des Rückens und der Brust war es stumpf, mehlig weiß. Sie lächelte eitel, strich an sich. Es glitzerte leicht; der Glanz über den Schultern war opalen. Er hielt sich unter einem Schmerz die Hand vor die Augen. Lecker flüsterte sie: „Ich will es ausziehen. Ich werde es dir zeigen.“ Und sehr vorsichtig rollte sie sich das Hemd vom Leibe hoch. Es drehte sich, als wenn es eine Gummihaut wäre. An den Hals rollte sie es, langsam, aufmerksam zog sie den rechten Arm, den linken Arm heraus, bog sich. Beim Rollen wickelten sich Achselhaare ein; sie kreischte, streckte die rote Zungenspitze ängstlich heraus. Er machte sie frei; sie schrie sofort: „Gib her. Du drückst es.“ Ihre Tränen flossen; er hatte es schon hinter sich auf die Erde geworfen, über ihre rote leichtgeschwollene Haut strich er. „Bitte, lieber Jonathan, bitte. Es kann keine Viertelstunde liegen, keine Minute. Ich habe dich doch gern.“ „Hast du mich gern, so laß es liegen.“ „Du gibst es her. Du gibst es.“ „Und wenn ich es zerdrücke. Wenn. Sieh einmal, Elina.“ Sie war so blaß, so süchtig; rote Flecken auf dem Gesicht. Er liebte sie plötzlich eigentümlich. So daß er mit der Rechten ihr den Stoff gab, mit der Linken, während er niedersaß, sich die Augen beschattete; er öffnete den Mund. Sehnsüchtig inbrünstig liebte er sie, während er neben ihr saß, Tränen stiegen ihm in die Augen. Er drückte sie an sich, die ihn abwehrte. Und wie sie glücklich war, als sie das raschelnde Gewebe, das leicht wie ein Blatt war, in den Händen hielt, es gleich an ihre Brüste drückte, es tief anhauchte. Aus dunkel umränderten Augen blickte sie Jonathan an; ihre Backenknochen traten sonderbar schattenhaft hervor. Sie kniete im Bett, während sie sich die Haut überrollte; unter den Stößen ihres kurzen erregten Kicherns erzitterten ihre Flanken und die vorgewölbte Magengrube. Dann streckte sie sich, atmete aus: „Ich bin froh.“
In der Nacht wachte Jonathan auf. Er hatte von einem sehr leichten Federball geträumt, den er greifen wollte: er sprang vom Boden aber rastlos auf und ab, von selbst, es war ein unsäglich mühsames Begehren. Der Ball ging springend vor ihm weg, einem Fenster zu, das sehr helles Licht warf. Der Ball war weiß, immer schwächer zu sehen, blinkte nur noch an der Decke, am Fußboden, und er mußte ihn fassen, diesen lautlosen Federball. Er horchte aufwachend im Dunkeln. Sein Herz schlug wuchtig. Mit jedem Schlag trieb es einen Feuerschein vor seine Augen, stieß einen Hammer gegen seine Kehle. Die Decke schob er zurück. Elina stöhnte laut. Elina stöhnte. Sie griff um sich. Jonathan drückte auf den Lichtknopf. Ihre flammende Röte. „Elina, hast du Schmerzen?“ „Oh mir ist gut.“ Und warf den Kopf beiseite, krümmte sich. Er sprang auf. Sie verfolgte ihn mit fliegenden Blicken, als er sich anzog. „Was willst du tun, Jonathan. Ich habe gar keinen Schmerz.“ „Ich will dir zu trinken holen. Du fieberst.“ „Ich habe keinen Schmerz. Ich will keinen Arzt.“ „Ich bleibe.“ „Mir fehlt nichts. Mir ist ganz gut. Komm her. Bleib bei mir.“ Ihre zurückgesunkenen angstvoll suchenden Augen. „Dein Hemd ist es.“ „Laß mich los. Ich befehle es dir. Wenn du mir mein Hemd nimmst, lauf ich weg. So wie ich bin.“ „Ich tu’s ja nicht.“ „Du schwörst es mir.“ „Ja.“ „In die Hand.“ „Ja.“ „Jetzt küsse mich.“ Ihre Münder lagen aufeinander. Er weinte vor unausfühlbarer Sehnsucht. Ihm fuhr durch den Kopf, wie der Federball sprang und blinkte am weißen Fenster.
Fünf Tage diente Jonathan seiner Geliebten. Er hörte aus ihren Träumen: wie sie sich zusprach; es werde alles gut werden; sie fürchtete sich zu sterben. Das Hemd senkte seine feinsten Sprossen in ihre Haut, wieder schilferte eine Lage, bläulich schimmerte die neue. Während sie in tiefem dauerndem Schlaf lag, zog ein leuchtendes Meeresblau über ihre Schulter und Brust. Ihre Atmung wurde ruhiger.
Elinas Augen blitzten seit der Zeit. Ihre Bewegungen waren glatt, schmeichelnd erregt. Ihr Lachen härter. Und wenn er sie umhalste, so fühlte er sich tief bewegt, nie beruhigt, nie gesättigt. An seiner Unterlippe sog sie sich im Kuß fest, hielt sich ganz dicht an ihn, die Knie zitterten unter ihr. Als wenn sie aus dem Schlaf erwachte, öffnete sie die Augen, lachte, gab ihm einen Schlag auf die Schulter, ließ ihn stehen.
Spöttisch durchstreifte sie mit Jonathan die Stadtlandschaft. Sie fuhren auf drolligen schaukelnden und springenden Wagen. Die Gefährte hatten unter ihren Sitzkästen stengelartig lange Beine, die spiralig mit Metall umwickelt waren. Sanft knickten und schnurrten diese Beine bei der Berührung mit dem Boden ein, um gleich darauf völlig zusammensinkend aufzuschwirren und schräg nach vorn zu schießen. Heuschrecken hießen die Gefährte, weil sie wie Heuschrecken kräftige lange Hinterbeine mit einem starken Scharniergelenk hatten. Zum Aufsetzen dienten vorn zwei wenig nachgiebige Vorderbeine und seitlich elastische Streben, wie Tastorgane, um einen Anprall abzuschwächen. Elina und Jonathan unter bunten Tüchern tänzelten in ihrem Gefährt über den Waldboden, waren im Begriff, sich zu senken, um einen Bach zu überqueren, der dicht hinter einem niedrigen Gehölz floß. Sie überblickten die Landschaft nicht, und wie sie aufsetzten, tönte ein Schrei unter ihnen. Schon schwirrte der Apparat wieder hoch, Jonathan beugte sich vornüber, um zu sehen. Sie machten einen Sprung, sich drehend, zurück; die Bremse schlug an; hart setzten sie an der Stelle des Schreis auf. Da schleppte ein Mann eine Frau an den Bach. Sie trugen beide dunkelgrüne Kleider, nur wenn sie sich bewegten, unterschieden sie sich vom Gras. Jonathan sprang aus dem Gestell; Elina, die nachspringen wollte, mußte er zurückhalten, bis er die Füße des Apparats verschraubt hatte; der gewicht- und führerlose Apparat wäre davongetänzelt und an einem Baum zerschellt.
Der Frau, die am Bach lag, hatte der Mann das Kleid über dem weißen Rücken aufgerissen. Eine krallenartige Fleischwunde spritzte da rotes helles Blut. Der Kopf der Frau lag schräg über dem Uferabfall, gelbweiß ihr Gesicht; der Mensch hantierte mit einem grünen Tuchfetzen. Er murmelte, wie Jonathan neben ihn trat: „Was habt Ihr gemacht. Was soll ich tun.“ Jonathan stammelte: „Ihr liegt hier im Gras. Wir haben Euch nicht gesehen. Ihr habt kein Zeichen gegeben.“ Elina: „Sie stirbt ja, Jonathan.“ Sie warf sich über die Frau, öffnete ihr Kleid, drückte ihre Brust an die Wunde. „Mein Hemd ist lebendig, das hilft.“ Blut überrieselte ihre Brust. Sie kniff in Ekel und Schauer die Lippen ein. Mit starren Mienen lag sie da. Als die Äste unter dem Wind knackten, drehte sie den Kopf: „Sieh zu, Jonathan, daß keiner kommt“, und zupfte an ihren Röcken, die über die Waden aufgeschoben waren. Nach einer Weile hob sie sich sachte von der Frau. Ihr Gesicht erhellt; das Blut spritzte nicht mehr. Bis an den Hals war sie blutbelaufen; Oberlippe und Stirn trugen Spritzer.
Der Mann trug, als Jonathan auf ihn einredete, die Frau in den Apparat. Jonathan löste die Verschraubungen, sprang ein. Der Mann trat zurück; der Apparat streckte die Beine, zog sie an, streckte sie, schwirrte mit hohem Metallgesang auf. Zierlich schwebte er in Manneshöhe über dem Bach, wendete in einem Kreis, flog wippend über die Unglücksstelle den Häusern der großen Stadt zu.
Elina hatte sich zwanzig Schritt aufwärts der Stelle am Bach gewaschen, gebeugt über dem Wasser kniend. Hand um Hand schöpfte sie Wasser, das sie erst anhauchte, als wenn sie es wärmen wollte, goß es gegen die Brust. Sie strich zu dem grünen Mann hin: „Ich möchte meinen Freund hier nicht erwarten. Wenn Sie wollen, gehen wir in die Stadt und sehen, wie es der Kranken geht.“ Der lag am Wasser. „Kommen Sie. Suchen Sie etwas?“ Mißtrauisch blickte er sie von unten an: „Ich werde noch hier bleiben. Wenn der Herr wiederkommt, werde ich hören, was sie macht.“ „Sie wollen also warten.“ An einem Baum stehend betrachtete Elina den Mann. Sie zweifelte nicht, als sie eine Weile gestanden hatte, daß er etwas suchte am Wasser und daß er an seiner Brust etwas verbergen wollte. Sie schlenderte seitlich zurück. Und als sie langsam summend wiederkam, ging er ihr entgegen. Da wußte sie, es war ein Vertriebener, der heimlich zurückgekehrt war und Versuche machte, ein Täuscher. „Mein Fleisch, mein Blut“ zitterte es in ihr, mit einem verborgenen stachelnden Entzücken. Ein fürchterlicher Haßblick aus seinem traurigen Gesicht traf sie. Sein grünes blutgesprenkeltes Kleid war von Art der Bergleute; eine Kappe hatte er über die Ohren und tief in die Stirn gezogen. Stämmig und breit trabte er. Sie war immer einige Schritte hinter ihm: „Laufen Sie doch nicht so; ich komme nicht mit.“ Er zwang sich, ging langsamer. Sie trieben durch das Buchenholz. Der Boden war braun. Und wie Elina den Mann suchte zwischen den Stämmen, fand sie ihn nicht. Sie lief. Da ging ein Mann, ein brauner, er ging ganz dicht bei ihr, sie hatte ihn nicht gesehen. Aber wo war der grüne. Sie wollte an dem braunen vorbeilaufen, da drehte sie sich zurück. Er hatte die Kappe ins Gesicht gezogen wie der grüne. Sie stand angewurzelt, als sie das vergrämte stumme Gesicht sah. Das war der grüne. Sie hastete hinter ihm. Das war sein Schritt. Der kurze stämmige Körper. Was war das. Wenn sie stehen blieb und er sich entfernte, erkannte sie ihn nicht zwischen Stämmen und brauner Erde. Sie rieb ihre Augen, lief an ihn heran. Das geradeausblickende Gesicht des Mannes. „Sagen Sie, ich bin erschrocken. Ich glaubte, Sie hatten eben ein grünes Kleid an.“ Er drehte ihr seine Augen zu: „Ja. Und?“ „Jetzt?“ Er fuhr zusammen. Blieb stehen, sah an sich herunter. Er hob die Fäuste vor die Augen, stöhnte: „Jetzt laufen Sie. Verraten Sie mich. Was für einer ich bin. Was ich für ein Kleid trage. Ich heiße Lorenz. Und Sie?“ „Elina.“ „Elina, Sie dürfen nicht weiter. Sie haben mich in der Hand; ich muß mich schützen.“ „Sie wollen mich halten?“ „Ich sagte es schon.“ „Ich sehe nichts ein, Lorenz. Aber ich trage auch etwas.“ Sie lachte ihn siegreich an. „Sie glauben, man müsse ein farbiges Kleid tragen, um ein Täuscher zu sein. Ich täusche auch so. Dicht neben Marduk. Glauben Sie’s nicht? Sehen Sie meine Schulter.“ Sie zog, dicht an ihn tretend, ihren Brustausschnitt zurück; bläulich war die Schulter überlaufen. Er blickte noch hin, als sie die Schulter schon wieder bedeckt hatte. „Sie wundern sich. Werden Sie mich angreifen?“ Er griff nach ihrer Hand, drängte sich an sie, das Staunen hatte sein Gesicht geöffnet, langsam brachte er heraus: „Nein. Ich kenne Sie nicht. Heißen Sie wirklich Elina. Ich weiß nicht, was Sie treiben. Seit wann sind Sie hier. Wo sind Sie.“ „Ich bin Jonathans Freundin. Er ist mein Freund. Er ist doch nicht Marduk. Fürchten Sie sich nicht. Ich bin froh, ich bin glücklich, daß ich Sie gefunden habe.“
Sanft flog Jonathan mit der ächzenden Frau durch Waldlichtungen, über Wiesen Alleen. Sie lag hinter ihm unter Elinas Schal. Zierlich erhob sich die Heuschrecke, abwechselnd schnurrten und klangen die spiralenen Beinchen. Er wagte sich kaum nach ihr umzusehen; er fürchtete, sie könnte sterben. In wachsender Besorgnis fuhr er, verbog die Hebel, aber immer gleichmäßig schwebte und taumelte die Heuschrecke. Die Kinder lachten auf den Chausseen dem ansummenden Liebesgefährt zu. Er seufzte, als wenn ihm selbst eine Gefahr drohe. Das kleine rosa Krankenhaus auf einer baumumstandenen Wiese. Als die Schwestern die Frau herausgehoben hatten, blieb Jonathan lippenkauend bei seinem Apparat, stieg dann langsam die Treppe nach. „Sie werden sagen, sie ist tot. Sie werden aus einer Tür, aus einem Aufzug hervortreten und mir erklären, daß sie nichts mehr tun können.“ Er stellte sich an ein Fenster. „Es kommt niemand heraus. Ich kann hier lange stehen. Wie viele Menschen haben hier gestanden und die Bäume drüben angesehen. Die Bäume abgezählt. Sechs in einer Linie, fünf dahinter. Es sind gar nicht die Bäume, die sie gesehen haben; sie haben etwas anderes gesehen; die Bäume sind nur darin eingetragen, wandeln darin herum, kommen und gehen.“ Er stemmte den Kopf gegen den Fensterrahmen, stöhnte: „Ich wollte nicht nach Berlin. Ich wollte nicht hierher. Wenn ich hier weg wäre. Oh, wenn es eine Kraft in der Welt gäbe, die mir helfen könnte. Die mich forttrüge und dies alles rasch beendete. Daß ich die Bäume nicht mehr zu sehen brauch, daß ich dieses Haus vergesse und wie ich hier stehe. O du große Kraft, gib, daß hier nichts geschehen ist, hilf mir. Sie soll nicht sterben, es soll alles wieder gut sein, ich will ja weg von Berlin.“ Und hinter seinen Gedanken tauchte schon, er wußte nicht wie, Marduk auf, finster beängstigend, und hinter ihm, mit ihm noch Schlimmeres, so Schlimmes Dunkles Verhülltes. Gebunden stand er; er drohte ohne sich zu bewegen: „Wenn ich diesmal frei komme, kommen sie nicht so leichten Kaufs davon. Dann soll etwas geschehen. Ich will es nicht leiden. Ich will nicht. Ich will nicht. Ich setze mich zur Wehr.“ Er rekelte sich, er wußte nicht was er tat, keuchte mit vortretenden Augen, rang sich von dem Alp los. Eine Schwester rauschte sanft und tief ihn anblickend, neben ihn. Sie stand erst stumm vor dem Entsetzten, dann: die Frau sei durch den Blutverlust geschwächt; in zwei drei Wochen werde sie hergestellt sein. Finster wortlos zog sich Jonathan die Treppe herunter. Dann stürzte er, lief. Als er in seiner Heuschrecke saß und flog, schrie er und tobte, brüllte und weinte, während er auf und ab flirrte, wußte tränengeblendet nicht warum. „Es ist wieder gut“ ging es schwellend betäubend durch ihn, „es ist ja wieder gut. Jonathan, sei still. Jetzt fährst du ja zu ihr, zu Elina. Es geht vorüber. Jetzt ist alles vorbei.“ Und wie er ihren purpurroten Rock im Gehölz wehen sah an dem Wege, den sie hergefahren waren, streckte er aus dem Fahrzeug den Arm nach ihr aus: „Elina! Elina!“ Sie hielten sich umschlungen. Dachten nicht an den Mann, der stumm zur Seite blickte. Stammelten sich Liebesworte zu, als hätten sie sich monatelang nicht gesehen und fänden sich nach einer schrecklichen Trennung wieder. Sie wurden glücklich und matt zum Umsinken. Zu Füßen eines Baumes ließen sie sich nieder. Erst jetzt fühlte Jonathan, was ihm Elina war. Er sonnte sich an ihrem Gesicht. „Jonathan.“ Elina drehte den Kopf nach oben, „du hast nicht gesehen, wer da steht.“ Er blickte auf, erkannte den Mann, dessen Kleid bräunlich war. Elina beobachtete lächelnd Jonathan, flüsterte ihm ins Ohr: „Es ist ein Täuscher. Er ist verbannt.“ „Sonderbar.“ Jonathan blickte ihn weiter an, „ich hab es mir gedacht.“ Er stand auf: „Der Frau geht es nicht schlecht. Sie wird in einigen Wochen wieder gesund sein. Man braucht nicht für sie zu fürchten.“ Elina trat vor Jonathan: „Er glaubt, du verrätst ihn. Du sagst ihm etwas.“ Lange wiegte sich Jonathan hin und her; er fühlte: „So rasch erfüllt sich alles.“ „Ich bin Ihnen einiges schuldig. Ich werde Sie gewiß nicht verraten.“ „Zwingen Sie sich nicht, Jonathan. Ich brauche keine Hilfe. Es genügt mir, wenn Sie mir versprechen, mich nicht zu verraten.“ „Nein. Warum lachst du, Elina?“ „Ich freue mich über dich, weil du zu ihm gesprochen hast. Wie ich dir danke. Du bist mein Jonathan.“
Nicht lange darauf wurde von einer Anzahl rachsüchtiger Verbannter Magdeburg zum bewaffneten Standquartier gegen Berlin gemacht. Marduk, der finstere Herumlungerer, schlug mit Wut zu. Rapide und mit rasender Verachtung der Verbannten organisierte er den Angriff. Man erzählte sich in der Stadtschaft, er hätte nur auf die Verräter gewartet. Sie hätten kommen müssen, die Esel die erbärmlichen Gerippe die Strohköpfe. Es war sicher, daß es ihm eine Freude machte, auf sie loszuschlagen, und daß es ihn, der schon halb hingesunken war, wieder erhob. Während er in Berlin hielt, ließ er Lucio Angelelli, den schwarzen stillen Hauptmann seiner Wache, auf Magdeburg. Die Fernbrenner machte er wirkungslos, gegen seine Besen, die menschenverdrängenden Lichter, kamen sie nicht auf. Nach dem Auseinanderfall des großen Staatenkreises bestand keine Einheitlichkeit in den Kampfmitteln. Der Austausch, die gegenseitige Beobachtung war mangelhaft, man konnte wieder kämpfen. Lucio Angelelli fuhr mit den gefangenen Hauptverschwörern, über fünfhundert Männer und Frauen, rund um und quer durch die Stadtlandschaft. Zwei Wochen lang wanderte er durch Straßen Alleen, über Plätze Berge, fuhr Flüsse ab, rief auf Äckern und in Anlagen die Menschen zusammen. In dem Fatamorganarauch der Markezeit zeigte er überall, wie er eine Verschwörergruppe am Tage zuvor beseitigt hatte. Darauf vollzog er sein Gericht an der nächsten, während in der ganzen Stadtschaft die metallenen Stiersäulen ununterbrochen brüllten. Auf die einfache Köpfung, das Zerschlagen der Glieder, die Erstickung kamen andere Methoden. Einzeln ließ er sie in die Luft sprengen, aus führerlosen Flugzeugen zerschmettern. Er übte die langsame Vereisung durch sprühenden Regen, der auf Schulter und Hals und nach und nach alle Gliedmaßen des Delinquenten fiel. Er, die rechte Hand Marduks, wies, im Besitz welcher Macht man war. Er war es, der auf offenem Platz vor seinem Zelt eine der hingebrochenen vereisten weißen Figuren auf unerhörte Weise sich bewegen ließ. Sie zog ein Bein an, das andere, den Rumpf schräg aufrichtend schwankend; unter tiefer Stille ließ er sie auf sich zu spazieren; sie schlug den schneeigen Kopf rückwärts, neigte ihn vor ihm, senkte sich auf die Knie und lag auf der Seite, kollernd auf dem Rücken, eine weiße vereiste Menschenfigur, ein Toter, eine Tote. Er ließ sie aufschnellen, drohend gegen die auseinanderstiebenden Menschen anwandern.
Um diese Zeit hatte Marduk es für nötig gehalten, um Ackerflächen zu erlangen, das Gebiet der Stadtlandschaft Berlin nach Norden gegen Mecklenburg hin über Güstrow Demmin Anklam hinzuziehen. Schon kurze Zeit darauf erachtete der Senat, der mit ihm Hand in Hand arbeitete, es für ratsam, über Demmin Anklam hinauszustoßen und sich über die sehr fruchtbare brache Gegend von Stralsund bis Anklam auszudehnen. Erst damals trat bei Marduk und dem Senat der Gedanke mehr in den Vordergrund, wie willkürlich geschnitten das Gebiet der Stadtlandschaft war, wie ungeheure Landmassen bis zu den Nachbarstadtschaften ungenützt dalagen. Mächtig wogte südlich der Elbe die Stadtschaft Leipzig. Westlich von Magdeburg folgten Stadtreste auf Stadtreste, abgebaute ausgeleerte Städte, ehemals Sonderstädte überwundener Industriezweige. Hannover neben Hamburg war die nächste westliche Stadtschaft, im Besitz eigener Mekianlagen, stärkster Kraftapparate, gefüllt von erschlaffenden erlahmenden Millionen Menschen, unter der Obhut von eifersüchtigen Senatsgruppen, Abkömmlingen der großen Herrengeschlechter, jeder bedacht auf Errichtung einer Tyrannei. Während die Masse des Volkes vergnüglich höhnisch und fast verächtlich ihre Herren beobachtete wie einen gemeinen Spaß. Ohne gehemmt zu werden griff der Berliner Senat bis dicht vor Hannover, das Braunschweig und Wolfenbüttel, Hildesheim und Celle überlagerte. Die im Westen ließen es fast mit Neugier geschehen, wie vom Osten her Menschen die leeren Landstriche besiedelten und arbeiteten, als gäbe es keine Mekifabriken, keine Kraftapparate.
Damals stieß man auf die längst verlassenen Kohlenbergwerke einer vergangenen Periode. Die schwarzen Halden und Schächte, die offen liegenden Gruben umwanderten die Männer und Frauen, die das Land bestellten; Stiere Kühe Schafe konnten hier nicht weiden; Weizen Roggen Hafer konnte nicht wachsen; von dem mächtigen finsteren Gelände wandten sie sich ab. Aber hinter ihnen zogen prüfend und beobachtend Marduks Gehilfen. Sie hatten noch nicht gedacht, auch die Kraftzufuhr abzubauen. Mit unsäglicher Kraft lockte sie augenblicklich die schwarze Grube und der Abgrund. Dahinunter Menschen zu werfen, hier, auf der Stelle, die Last herauftragen zu lassen, wo sie gewachsen war: weg von den Wasserfällen Skandinaviens.
Wie ein Wunder staunten die Menschen, die mit ihren Tieren herumzogen, die glitzernden zerbröckelnden Steinlagen an, aus denen sich Wärme und Licht schlagen ließ. Die Stadtlandschaft war groß und menschenarm. „Wir werden sie zwingen. Wer friert sucht Wärme. Sie werden in der Nacht sitzen.“ Sie zerschnitten Teile der Riesenkabel von den skandinavischen Wasserfällen, die fanatischen Feinde der Apparate. Sie sprengten Gerüchte aus, man wolle sie zwingen, in den neu sich bildenden Völkerkreis einzutreten.
Die märkische Stadtlandschaft warf sich dann auf das anlagernde Straßen- und Fabrikungetüm Hannover. Rasierte in wenigen Tagen weg, was diese Stadt mächtig machte. Sprengte verwüstete vertrieb Zehntausende. Braunschweig Hildesheim Wolfenbüttel Celle durchschritten die Grauen und Abscheu erregenden märkischen Männer und Frauen, die von der Kultur der Umländer nichts hatten als Bewaffnung und Sprengstoffe. Hunger und Tod gingen mit ihnen in die überfluteten Stadtlandschaften. Sie waren nicht viel, aber ausgesucht stark an Muskeln und Knochen, grob bekleidet. In verfallenden Städten lebten sie. Ihre Gesinnung roh. Trübe Geschöpfe, aus vielen Rassen, durch Markes Marduks Regiment eine Art geworden. Die aus westlichen Stadtschaften sich ihnen näherten, erkannten: sie waren bekümmert finster, zu Streit geneigt, eine gärende furchteinflößende Menschenmasse. Die Lüneburger Heide, Aller und Weser entlang wanderten ritten fuhren die Märkischen. Überwältigten Menschenhaufen selten mit Waffen und Apparaten, die sie hinter sich schleppten, liebten Listen Verwegenheiten roheste Kraft. In dieser Zeit überließ der Berliner Senat die Gewalt an Hordenführer.
Die Stadtschaften des Kontinents waren im siebenundzwanzigsten Jahrhundert allgemein in wilde Bewegung geraten. Was in Berlin unter Markes Konsulat begann, die Abtrennung von den Umstaaten, die Sprengung der Zentralen, erfolgte gleichzeitig in den westlichen Stadtlandschaften, hier intensiver, dort sehr oberflächlich. Immer blieben starke Verbindungen mit den Umstaaten bestehen, wenn sie auch nicht zahlreich waren, das Skelett des Riesengebäudes stürzte nicht mit ein. Ungeheuer die Schicksale von Stadtschaften im Süden und Westen in der Folgezeit; Vernichtungen Verderben großer Menschenmassen, verzweifelte Bündnisse von Staaten gegen andere tyrannische. Aber überall setzten rückläufige Bewegungen ein. Kluge bedenkenlose aktive Männer und Frauen in London verstanden die Bewegung auf dem Kontinent in Fluß zu erhalten. Es konnte sich, als zwanzig dreißig Jahre nach dem Uralischen Krieg vergangen waren, nur darum handeln, einen Völkerzusammenhang in neuer Weise herzustellen.
London suchte den gefährlichen Marduk zu gewinnen. Er, selber durch technische Gehilfen in Verbindung mit den anderen Kapitalen, genoß bei den schwer kämpfenden Senaten des Kontinents das größte Ansehen. Die Aussichtslosigkeit seiner Bemühungen lag allen vor Augen. Als er aber das Gebiet seiner Stadtschaft ausdehnte, wuchs die Furcht. Francis Delvil und Nelson Pember aus dem Londoner Senat suchten ihn zusammen mit Frau White Baker auf. Alle drei starke und verschlagene Menschen, im Kampf mit einer gefährlichen Bevölkerung aufgewachsen, begierig, Marduk auf ihre Seite zu ziehen, nicht aber, seine Gewalt zu dulden. Sie fanden in dem staatartig weiten Gebiet der Stadtlandschaft Berlin nicht, wie sie erwarteten, eine unterjochte kleine waffenlose Bevölkerung, mürrische stumpfe Knechte. Man sprach mit Stolz und Liebe von ihm. Das gefahrvolle Feuer, das von den Grenzen ins Land strahlte, weckte ein anderes Feuer im Land. Wie die drei Fremden das Land überflogen, sahen sie unter sich eine Reihe festungsartiger Lager, dazu eine Anzahl eigentümlicher ihnen unbekannter Vorkehrungen, die zweifellos kriegerischen Absichten dienten. Längst brüllten nicht mehr in anderen Stadtschaften die metallenen Stiere, die im Gefolge des Uralischen Krieges aufgekommen waren; hier grollten sie rechts und links, war die Zeit stehen geblieben. Nur geringe Haufen der verkommenden Müßiggänger, der teilnahmslosen und abenteuernden Menschen gab es. Das dünn bevölkerte Gebiet zwischen Elbe und Oder durchzogen erstaunlich energische Männer und Frauen, die sich den fanatischen Ansichten Marduks angepaßt hatten, seine Tyrannei nicht empfanden, denen er unbedenklich Waffen anvertraute.
Im Ratsgebäude, das kriegerische Männer erfüllten, traten sie dem grauhaarigen großen Menschen gegenüber, der wie immer in dem berühmten Empfangsraume des Konsuls Marke stand neben der Schädelpyramide, vor den Wandgemälden vom Uralischen Flammenkrieg. Francis Delvil meinte, auf die Schädel weisend, es scheine, man vergesse hier im Lande nicht. Marduk, ihm die magere Hand reichend, lächelte kalt; es läge nicht an ihnen, wenn sie nicht vergäßen. Er trug ein braunes Wams, um den Hals einen bauschig gebundenen Seidenschal, der ihm breit über die Brust fiel. So wenig das Braun hier jemals vergäße, wenn das Licht auf das Wams fiele, braun zu sein, so wenig vergäße er, wenn er aufwache, der vergangenen Dinge. Aber das Braune blasse ab, – Francis Delvil schlug, wie sie sich setzten, die Arme zusammen, – es werde grau, auch der Tuchstoff zerfiele. „So bin ich kein Mensch, wenn ich tun müßte wie sie“ gleichmütig und ohne aufzublicken der Konsul. Und nach einer Weile, während sie zu viert auf die schreckliche Wand der Flammenbergwerke blickten, Marduk wieder: „Und wenn ich es könnte, vergessen: wofür sollte ich vergessen. Ihr seid gekommen, um mir zuzusprechen. Wozu wollt ihr mich überreden?“ Delvil: „Es ist etwas, dich zu sehen, Marduk.“ „Nein, nicht so“ knirschte unterbrechend den Arm ausstreckend Marduk. Delvil: „Marduk. Wir sind durch die ganze Stadtschaft geflogen. Man hat uns nirgends gehindert zu sehen, was wir wollten. Du hast die Grenzen deines Gebiets erweitert. Wir sahen Männer und Frauen arbeiten. Es hat uns ergriffen. Nur eins haben wir nicht verstanden: wozu dies ist. Du bist klug. Das alles ist vergeblich. Wir haben dich und diese Leute bedauert. Wir sehen keinen Sinn in dem, was ihr tut.“ „Sprich weiter.“ „Was in Marseille Florenz Chicago geschehen ist, die dauernden Kämpfe, dieses Hin und Her von Ausruhen und Losspringen, das ist dir bekannt. Wie wir uns ja immer gefreut haben, daß du in Fühlung mit uns geblieben bist und gar nicht so abgeschlossen für dich gelebt hast, wie andere berichten. Sind diese Kämpfe nun gut? Welches Mittel willst du uns dagegen sagen?“ „Wodurch seid ihr legitimiert für Chicago und Florenz zu sorgen?“ Frau White Baker bat Delvil sprechen zu dürfen: „Ich will dir antworten, Marduk. Gewiß nicht sind wir dadurch legitimiert, weil wir Chicago und Florenz beherrschen, vielleicht vernichten können. Die Städte ruinieren sich. Man kann sie sich nicht selbst überlassen.“ „So laß sie sich ruinieren. Hast du, White Baker, nicht davon gehört, daß es einen Tod gibt? Wie stellst du dir den Tod vor? Unter welchen Erscheinungen tritt Tod ein, wie ist Sterben? Sieh diese Städte an, und andere, die du nicht genannt hast, die die schlimmsten schwersten Todeszeichen noch nicht zeigen. So sieht Tod aus. Laßt sie sterben.“ Die stämmige breite rotgesichtige Frau trat auf Marduk zu: „Es richtet sich zuletzt gegen uns. Wir können uns doch gegen den Tod wehren.“ Marduk schlug auf den Tisch: „So wehr dich doch. Ihr könnt es nicht. Keiner von uns kann es. Selbst wenn ich zu euch trete, kann ich es nicht. Ich dreh es nicht zurück. Ich kurbele nicht ab. Ich will nicht.“ „Du meinst, wir liegen im Sterben. Nein, du, du Marduk, bist hilflos. Hier ist der Tod.“ „Das meinst du. Ich glaube nicht einmal, daß dus meinst.“ Die Frau richtete, sich bezwingend, auf: „Du mußt nicht lachen, Marduk. Du siehst, daß wir zusammen hier sind.“ „Um mir zu helfen? Ihr seid meine Gäste. Ich habe euch gewiß nicht gerufen.“ „Die Welt schließt sich zusammen.“ „Um mich auf die Knie zu kriegen? Nur zu.“ „Wir sind nicht dazu da, für die Ewigkeit zu sorgen. Vielleicht hast du recht, wenn du sagst, wir tragen Todeszeichen an uns. Wir sehen sie nicht, fühlen sie nicht, helfen uns von heute auf morgen weiter. Laß dich von uns bitten, Marduk, an unserer Arbeit teilzunehmen, wenn sie auch sehr vergänglich ist. Und – Delvil lacht so freudig: sprich du für mich.“ „Ich halte es nicht für Kleinarbeit, was wir tun, Marduk. Ich freue mich der Dinge, wie sie jetzt laufen. Wir sind Schwärmer, wir drei. Gut werden die Dinge laufen, gut.“ „Delvil, Pember, Baker, ich danke euch, daß ihr gekommen seid, mir das zu sagen. Ihr werdet an mir Widerstand finden, ich sage es euch heraus, so daß die Dinge nicht gut laufen.“
Delvil senkte den Kopf, erhob sich langsam. Marduk ging schon rückwärts. „Wir werden keinen Krieg gegen dich führen, Marduk. Es ist nicht nötig, daß wir mit dir Krieg führen. Du erliegst ohne Krieg.“ „Dessen bist du sicher, Delvil.“ „Ja.“ Marduk trat dicht vor Delvils Stuhl heran: „Wie kommst du dazu, dies zu mir zu sagen. Durchschaust du mich so, achtest du mich so wenig, daß du so sprichst.“
Die Fremden waren weiter in den Saal getreten. Marduk hatte sich umgewandt, war sich verneigend an seinen alten schützenden Platz zwischen den Flammenbergwerken zurückgewichen.
Pember, der spitzbärtige schlanke, der mit den andern geschwiegen hatte, pfiff vor dem Ratsgebäude: „Er ist verrückt. Habt ihr ihn gesehen. Er ist vollkommen hin. Was wollen wir mit ihm. Zieh in Frieden, liebe Seele.“ Die Frau zog sich einen braunen Schleier vor das verfinsterte Gesicht: „Pember, es gibt da nichts zu lachen. Er ist ein böser Mensch. Wir dürfen ihn nicht lassen.“ „Was willst du tun, liebe Freundin.“ „Er fürchtet sich vor uns und wird gegen uns ausfallen. Er ist ein Bube, ein Barbar.“ Delvil lachte und streichelte den Arm der Frau: „Ich zweifle, daß er Dummheiten machen wird. Sie würden uns auch nur nützen.“ Die breitschultrige stand still, blickte Delvil glühend hinter ihrem Schleier an.
Der krümmte den linken Arm, wog ihn wie ein Boxer: „Ich täusche mich über nichts. Ist dies Land still, so sind wir ein Regen, der es begießt und ihm wohltut. Wir sind ruhig und sanft. Will der Konsul es anders, so kann er es haben. Wir können auch Gewitter spielen. Ich hab keine Sorge, daß wir ihn nicht in die Hand bekommen.“
Im Befehlszimmer Marduks standen am Morgen die Senatoren. Der Konsul, Wachen vor sich, gestikulierte über die Schweigenden: „Man will uns ausrotten. Man wird uns offen und geheim bekriegen. Sie wollen uns in ihren neuen Völkerkreis hinein. Ich rate allen, die ihrer Sache unsicher sind, das Land zu verlassen. Ich warne die Lauen im Land zu verbleiben.“ Das Gerücht von der Absicht der kontinentalen Beherrscher hatte er verbreiten lassen. In die Höfe des Ratsgebäudes waren Menschen eingeströmt. Grüne Fahnen, darauf goldene Ähren, wurden ihnen vorausgetragen. Der Gesang „Ein friedlich Volk“ hallte gegen die Fenster, feierlich durch die heiße Luft. „Wir werden siegen. Man will uns vernichten“ es kam aus Marduk, tobte im Saal, auf den Höfen, durch die gewölbeartigen Räume. Er selbst riß sich aus dem Lärm. Das Gesicht der drei Abgesandten stand vor seinen Augen, die Macht des halben Erdkreises hinter ihnen. Unten auf dem Haupthof preßte man sich dichter. Völlige Stille trat ein. Plötzlich ein Tosen Zittern Armeausstrecken. Marduk am Tor des Hofes, ohne Hut. Schweißperlen auf der Nase. Sein Gesicht von einer bläulichen Weiße. Er machte einen erschöpften Eindruck. Seine Stimme war undeutlich. Er werde von jetzt ab das Ratsgebäude offen halten; der Schutz des Gebäudes werde aufgegeben. Seine linke Hand fuhr rasch nach dem Kopf; sie schien eine Hutkrempe herabziehen zu wollen, blieb dann, das Haar berührend, auf der Schläfe liegen.
„Ich werde mit ihnen gehen“ war es durch den grauen Mann gezuckt, „es ist auch meine Sache.“ Mit Macht schrie das durch ihn, war da. Er fühlte eine Schwäche; aber er war es, der es schrie. Er sah Delvil vor sich, dachte: „Er ist mein Feind. Ich werde mich diesen Jubelnden hingeben.“ Es bebte in ihm fern, wie damals, als die Balladeuse ihn anfaßte. Und während das gleichmäßige Singen wieder begann, stieg er allein die Treppe zum fünften Raum im Turm hinauf. Neben ihm, durch das Fenster, zitterten feine starre Drähte hinaus. Er sah unten die schwarze Masse, die bunten Fahnen: „Gewalt, Marduk! Sieh deinen Boden, Marduk! Dein Leben! Willst du dich hinunterstürzen?“
Seine Verwirrung Verzweiflung merkte niemand, wie er stark die Anlagen und Posten im Lande beging, fast täglich mit dem Senat sich besprach. Ein furchtbarer Abscheu stieg mit Gewalt von Zeit zu Zeit in ihm auf, vor dem Ratsgebäude der Schädelpyramide dem Senat dem Volk. Ein zum Ekel gesteigerter Widerwille vor sich und aller Welt, den er mit äußerster Anstrengung herunterdrückte. Inzwischen strahlte er nach außen und strömte Kraft aus. Als er eines Nachts einen Traum von einem Spiegel hatte, – er blickte in einen Spiegel, sah mit Schrecken seine weißen Lippen, die in der Mitte geplatzt waren, Blut verspritzten; er näherte sich der Spiegelfläche, rieb sie, daß sie warm würde, das Blut stünde, – verlangte ihn nach Jonathan. Er sprach sich vor: es fängt alles von vorn an. Plötzlich ganz unvermutet erhob sich vor ihm mit Gewalt das Bild Jonathans: er konnte nicht verstehen, welche tiefe Inbrunst ihn erfüllte und wie er mit tiefer Inbrunst an Jonathan dachte. Die Dinge liefen so schlimm in der Stadtschaft, dachte er, das wußte Jonathan, mußte er wissen: dies war sein Freund, er erfuhr nichts von ihm, er sollte ihm zur Seite stehen. Er zog sich an, einen hellgelben Überwurf trug er mit Silber bestickt. So erwartete er stundenlang Jonathan; an die Wand seines Befehlszimmers gelehnt, der graubärtige Mann. Er empfand zwischendurch einen Grimm auf sich, daß er die englischen Abgesandten frei aus dem Land gelassen hatte; man hätte sie zerschmettern hinwerfen massakrieren müssen. Jonathan, Jonathan würde kommen.
Trompetenblasen von unten. Das Land bewegte sich. Wie Marduk auf das Blasen sich vorwärts bewegte, stand der weiße jünglinghafte Mensch vor ihm. So unversehens stand Jonathan vor ihm, daß Marduk Sekunden anhielt, auf den blau und schwarz gemusterten Teppich blickte und dann die Augen auf die Menschenfigur gleiten ließ, weil er nicht sicher war, ob dies ein lebender oder ein aus seinen Träumen gequollener Jonathan war. Weißgekleidet wie immer stand Jonathan im Zimmer mitten unter einem Lichtträger, mit zartblauen Stickereien an Kragen und Ärmeln, die Arme gekreuzt und sich verneigend, blühend lächelnd, die Augen dunkel, die Brauen schwärzlich dicht, als ob Raupen im Bogen über die Lider krochen. Da setzte sich der Gelbgekleidete in den Schatten. Nahm eine schwarze zusammengelegte Samtdecke von der Lehne des Sessels, zog sie sich über die Knie, betrachtete den Menschen. Und länger immer länger starrte er diese bewegliche Erscheinung an, blühende Wangen, weißen umgebogenen Seidenkragen. Bewegte die Lippen: „Ich habe an dich gedacht, Jonathan.“ „Du erlaubst, daß ich mich setze.“ „Was treibst du, Jonathan.“ „Wir haben uns lange nicht gesehen, Marduk. Ich habe nicht das Gefühl gehabt, als ob du Verlangen nach mir hattest.“ „Ich freue mich, dich zu sehen. Wie herrlich jung du geblieben bist.“ „Mein Tag vergeht einer wie der andere. Ach, wenn ich mich hier umblicke –“ „Blick dich nur um.“ „Ich kann hier stehen gehen mich umblicken: es beunruhigt mich nichts.“ „So fern bist du mir. Das willst du mir sagen.“ „Ich bin dir Freund wie noch nie. Ich kann dich jetzt erst ansehen. Ich sehe dich jetzt zum ersten Male. Ich bin dir dankbar, daß du mich hast rufen lassen, daß ich dies fühle.“ „Dies willst du mir sagen.“ Und Marduks Inbrunst wuchs, wie er das hörte. „Auch ich, Jonathan, bin dir noch nie so wohlgesinnt gewesen wie jetzt. Ich freute mich schon seit Stunden dich zu sehen. Ich glaube, ich habe heute nacht von dir geträumt.“ „Soll ich dir sagen, wovon ich heute nacht geträumt habe, Marduk. Ich träumte von Elina, meiner Freundin. Ich hätte sie wochenlang nicht gesehen, sie sei mir entrissen, oder ist sie selbst fortgegangen. Ich traf sie schwebend über einer Straße, die ich selbst ging; sie konnte nicht herunterkommen. Ich ging und ging, streckte die Arme nach ihr aus, sie glitt weiter. Aber da wurden meine Arme lang, wie Ballons wurden sie, die mich zogen und trugen. Erst hing ich unter und hinter ihr, dann wurde ich höher gezogen. Sie hatte sich zu mir umgedreht. Und wie ich gerade aufwachte, in Frieden und Glück –“ „Was war, Jonathan?“ Der schwieg, lächelte zu Boden. Leise Marduk: „Ich weiß doch, was war. Da lagst du an ihrer Brust. An der Brust dieser Frau.“ Freundlich lächelte Jonathan. „Was erzähl ich dir da.“ „Ich wollte nichts anderes von dir.“ Sie sprachen noch eine Weile weiter; Marduk wurde einsilbig, aber er ließ die Augen nicht von Jonathan. Er schien aufzuatmen, als der Jüngere sich erhob. Das Sprechen beim Abschied schien ihm schwer zu werden, sein Gesichtsausdruck war ganz unkenntlich, ein Lächeln kämpfte mit einer Erstarrung.
Und kaum der weiße selige Mensch, freudestrahlend rosengesichtig, gegangen war, schlug Marduk, sich gegen die Wand pressend wild um sich starrend, von seinem Drang überwältigt, die Glocke. Die Wache erschien lautlos. „Jonathan soll eine Stunde zurückgehalten werden. Man soll in seine Wohnung schicken. Eine Frau ist da, ich will sie sehen.“
Nach einer halben Stunde senkten sich Flieger vor dem kleinen hügelversenkten Haus Jonathans, fragten nach der Frau. Als Elina sich verwundert, eine Rose in den Mund nehmend, vor das Tor begab, baten sie sie im Namen Marduks, ins Ratsgebäude zu folgen. Sie geleiteten die Verwirrte, die an dem Blumenstengel wortlos kaute, schon hinaus.
Im selben Raum, wo Jonathan, wie aus Träumen quellend, glückselig weiß gekleidet vor ihm aufgetaucht war, empfing sie Marduk, der graue, sein zitronengelbes Kleid dicht um sich ziehend, sah ihr entgegen: „Du bist die Frau, die Jonathans Freundin ist.“ „Ja. Ich heiße Elina.“ „Du ängstigst dich vor mir ohne Grund. Da ist ein Sessel, setze dich.“ „Ist Jonathan hier.“ „Er war hier. Ich habe mit ihm gesprochen. Er ist mein Freund. Er hat mir von dir erzählt.“ Sie saß, blickte an sich herunter. Nach einer Weile strich sie das Kleid unter ihren Knien zurecht: „Ist Ihre Neugierde nun befriedigt?“ „Nein, Elina. Ich weiß, Jonathan wird mir zürnen. Ich kann mir nicht helfen. Man hätte dir Zeit lassen sollen, dich anzuziehen. Du frierst. Du bleibst heute bei mir?“ „Was.“ Mit tiefer Sicherheit gab Marduk von sich: „Ja. Es bleibt nichts übrig. Du brauchst nicht zu widersprechen. Du bleibst hier. Sei nur still, Elina. Nichts geschieht dir, was dich ängstigen muß. Fürchte dich gar nicht vor mir.“ Stürmisch erhob sie sich: „Ich bleibe nicht.“ „Jonathan weiß, wo du bist. Er wird es erfahren. Du mußt hierbleiben. Sei nur nicht erregt.“ „Laß mich hinaus. Marduk. Du bist schlecht. Ich hab es schon gewußt, daß du schlecht bist. Du hast mit ihm gesprochen, daß du mich holst?“ „Nein, Elina.“ „Siehst du, wie niederträchtig du bist.“
Sie rüttelte an der Tür. Die bewegte sich nicht. Sie stand, die Fäuste hebend, einen Schrei ausstoßend, vor ihm, rüttelte an seinen Schultern: „Laß mich hinaus.“ Er bewegte sich nicht.
Das Fenster riß sie auf. Da zuckte er hoch, wich zurück, hob den Arm vor die Augen. Sie rief am Fenster: „Ich tue es, Marduk. Wenn du mich nicht fortläßt, ich tue es.“ Tiefblaß war er plötzlich geworden, seine Gesichtsmuskeln zuckten, die Augen geschlossen. Er brachte seine Lippen zu einer Bewegung; seine Stimme tonlos: „Elina. Tu es nicht. Tu es nicht.“ Sie wurde stiller, warf sich zu Boden, wimmerte, sonderbar verwirrt und angerührt: „Ich will fort. Ich will Hilfe. Jonathan, hilf mir!“ Langsam ließ Marduk seinen Arm herunter. Er öffnete seine Augen, sie lag ausgestreckt da. „Ich hab dich nicht hingeworfen. Du hast es allein getan.“
Er sah sie nicht mehr an. Sie suchte, wie sie sich aufrichtete und stand, seinen immer abgewandten Blick zu haschen. Ein unsicheres Gefühl war in ihr, als hätte sie ein Unrecht getan. Nichts sagte sie mehr. Ein leiser Schmerz war in ihrer Brust, als er sich stumm zur Tür bewegte. Sie war bestürzt, aber leicht befriedigt, als sie hörte, wie er leise sagte, den Blick am Boden: „Sei unbesorgt. Es geschieht dir nichts. Man wird dich auf ein Zimmer bringen.“ Und noch während sie von einer Wache hinausgeleitet wurde, flüsterte er: „Keine Angst. Es geschieht dir nichts.“
Auf dem Zimmer, auf dem die Balladeuse gewartet hatte, die Decke zerzupfend, mit Jonathan sprechend, wartete Elina zwei lange Tage. Sie weinte, hatte Sehnsucht nach Jonathan, nachts wilde Angst. Stundenlang dachte fühlte sie über Marduk nach und war gequält. Zwei Tage lang kam Marduk nicht.
Aber was war das für ein Mensch, der den dritten Morgen ihre Türe öffnete, an der Wand stehen blieb, sich ihr näherte, im gelben langen geschnürten Mantel, den grauen Kopf senkend, sanft: „Elina, willst du mir gestatten, daß ich hier sitze.“ Sie hatte unendliche Furcht vor ihm. „Du wirst in einer Stunde das Haus verlassen können. Und wirst hingehen, wo du willst. Nimm einen Gruß an Jonathan mit. Grüß ihn von mir. Er war ohne Grund besorgt um dich. Ich habe mich vergriffen. Ich habe es schon erkannt.“
Sie fühlte sich, auf dem Bettrand sitzend, bewegt, zu sagen, er möge doch nicht stehen. Es sei sein Zimmer, er möge sich setzen. Da fing er aus seinen großen braunen Augen sie betrachtend an: „Du liebst Jonathan. Sag mir, wie liebt ihr euch?“ Sie blickte erstaunt, dann lächelte sie auf ihren Schoß herunter: „Er ist ja mein. Ich bin ihm von Herzen zugetan. Willst du das wissen? Seit ich ihn habe, ist mir die Erde schöner geworden. Seit ich ihn habe, ist alles gut geworden. Ich selbst bin gut geworden. Er brauchte es nicht werden, Jonathan, er war immer gut. Was soll ich dir sagen, Marduk. Ich vermisse ihn jede Stunde.“ Er hielt den Kopf gesenkt: „Kannst du noch mehr sprechen.“ „Von Jonathan? Immerfort könnte ich von ihm sprechen. Du glaubst gewiß nicht, was ich sage.“ „Sprich doch weiter, Elina.“ „Du kennst ihn ja selber. Du mußt nicht glauben, daß ich seiner unwert bin. Aber er weiß es selbst. Wenn man sich liebt, glaubt man das nicht. Ich liebe ihn nicht von gestern auf heute, und morgen ist nichts mehr. So innig, so innerlich bin ich ihm zugetan, daß ich mir gar nicht denken kann, daß dies erlischt. Ja, daß dies mit mir und Jonathan stirbt. Du magst lachen, Marduk; ich glaube, wenn du mich umbringst mit Jonathan –“ „Was ist dann? Sprich nur. Ich bring euch gewiß nicht um.“ Sie saß mit geschlossenen Augen, flüsterte nach einem Schweigen: „Die Welt wird dann schöner werden. Die Erde wird dann schöner. Wir werden nicht mehr zwei Menschen sein, die an einem Fleckchen, in einem Zimmerchen sind. Wir werden wandern, hier beseelen, da beseelen, wie eine Wolke. Wir werden viele glücklich machen. Wir sind auch vielleicht bei dir. Ich dachte schon manchmal, wessen Glück auf mich übergegangen ist, welchem süßen Abgeschiedenen ich zu danken habe.“
Tränen liefen ihr aus den Augen. Er fragte nicht. „Ich weine um ihn, Marduk. Was hat er in diesen Tagen gelitten. Du bist nicht schlimm. Wie ist es ihm gegangen, bevor wir uns fanden. Er hat solche Kraft zu leiden.“ „Ich habe sie früh an ihm erkannt. Sie wird nicht absterben wie die andere Kraft, von der du sprichst.“ Sie lächelte: „So viele Menschen haben Liebe, Marduk. Auch Tiere und Vögel und Schmetterlinge. Sogar Löwen und Bären.“ Er lächelte nicht, als sie ihn anlächelte. „Du machst einen Scherz mit mir, Marduk? Ich weiß nicht recht, was du mit mir tust.“ „Geh jetzt, Elina. Ich danke dir, daß du zu mir gesprochen hast. Du bist mir nicht böse.“ „Nein, nein. Und ich kann jetzt gehen.“ „Ich öffne dir.“ Sie gab ihm die Hand, blickte ihn von der Seite an: „Lebewohl, Marduk. Leb’ recht wohl. Wovon bist du so grau? Und warum trägst du einen Bart?“ „Jonathan soll mir nicht grollen.“
Wie sie im Hause ihres Freundes war und sie sich besänftigt hatten, drang Jonathan in sie: „Flieh mit mir.“ Sie konnte nicht. „Du, Elina, ich sehe mein Geschick.“ „Was ist das?“ „Es ist das des flüchtigen Desir, des Freundes der Marion Divoise. Er haßt mich jetzt. Er will mich treffen. Er hat sich geschämt; er war zu rasch, er war zu deutlich. Aber er will mich treffen, mit dir, meiner Geliebten.“ „Ich werde nie zu ihm gehen. Ich bin nicht die Balladeuse. Ich habe nur dich, ich habe es ihm gesagt, er hat es gehört. Mit dir zusammen sein ist mein Leben. Er weiß es und es ist wahr. An ihm – ist etwas Schauerliches. Zuerst hielt ich ihn sogar für schändlich. Ich weiß nicht, wie du sein Freund sein konntest. Du, mein wonniger Jonathan.“ „War ich sein Freund? War ichs oder bin ichs? Er hat meine Mutter gemordet, ich habe es dir erzählt. So fing sein Konsulat an. Da stand er und wußte nicht weiter. Er schwankte, er schwankte noch oft; er wollte immer weg von seinem Konsulat; an mich hat er sich gehalten. Dazu war ich sein Freund. Den Schmerz in mir hat er gezüchtet, um nicht zu verzagen, nachdem er alles vernichtet hatte, woran er selbst hing, seine Pflanzen seine Bäume, die wunderbaren Dinge, die er trieb. Was will Marduk von mir? Ich bin ihm einer der Stiere, der Metallstiere Markes: ich soll ihn erinnern. Ich soll brüllen. Vor Schmerz brüllen. Sonst wird alles sinnlos, was er treibt. Sein Konsulat fällt ihm aus den Händen. Vielleicht treibt ihn jetzt die Gewalt allein und er merkt, daß er überhaupt gar nichts mehr ist. Daß er mitmachen muß, mitheulen muß. Und er möchte ja nicht, ich sage es dir, Elina, darum verfällt er auf alles mögliche, darum hat er das Land ausgedehnt und was sonst. Was wollte er denn mit dir? Die Maus in der Falle!“ Elina wich von ihm, hob die Hände: „Wie ist mein Jonathan böse! Das bist du ja gar nicht.“ „Ich bin es doch. Ich kann auch böse sein. Ich ohne Schleier. Er hat mir Schleier vorgelegt, mich nach seinem Willen gezüchtet. Ich ohne Schleier. Vor Schmerz habe ich brüllen müssen, an der Ostsee hab ich fast sterben müssen, und später gab es fast keine Woche, wo ich nicht einen halben Tag mit dem Tode rang. Das wußte er und das tat ihm wohl. Der Uralische Krieg war ich. Den preßte er in mich hinein und sättigte sich daran. Die Bilder genügten ihm nicht, Markes Schädelpyramide reichte nicht. Sieht er mich, brülle ich, so weiß er etwas, so hat er Sättigung, so kann er seinen Wahnsinn leichter herunterschlucken. Dann schmeckt er ihm.“
Sie hing ängstlich an ihrer Stuhllehne, schaute ihn mit großen Augen an: „Von dem, was du sagst, verstehe ich das meiste nicht. Aber du mußt weg hier. Das seh ich. Warum bist du nur solange hiergeblieben mit mir?“ Der weiße Jonathan stand still; langsam ließ er den Kopf sinken. Leise Elina, einen Schritt näher zu ihm: „Doch seinetwegen.“ Er schwieg, den Kopf vor der Brust, die Hände gefaltet vor die Stirn drückend. „Ich weiß es doch, Jonathan; seinetwegen.“ Er ließ die Hände, blitzschnell warf er den Kopf zurück, war er bei ihr, umschlang sie: „Ich habe dich. Ich liebe dich. Komm. Du bist mein Leben und mein Licht. Ihr Haare seid mein Glück. Die süße Haut. Du nasser Mund. Mein Hals. Du feine Brust; ich krieche in dich hinein. Und nun küß mich. Ich habe dich wieder, Elina. Elina.“ Seine Knie knickten ein: „Ich bete.“ Sie sank zu ihm herunter: „Jonathan. Nichts kann ich dir sagen. Ich bin dir ja so nahe.“
Sie gingen nach dieser Stunde wie sonst nebeneinander. Fester drückten sich ihre Arme aneinander.
Zerstreute Menschenherden schoben sich über die öden Flächen der Kontinente. Ein besonderes trübes Verlangen trieb Massen aus gestopft vollen Stadtschaften nach Osten in die russische verwüstete Ebene. Auf dem ungeheuren Schlachtfeld des Feuers der Gifte der Ströme kletterten sie über Schuttberge, umgingen grünlich behäutete Sümpfe, hoben Reste von Menschen- und Tierknochen auf. Die weite Tiefebene hauchte nicht mehr Gas. Regen Wind Schnee Sonne hatten lange Jahre gearbeitet. Über einen abenteuerlichen dünn übergrünten Friedhof fuhren und gingen sie. Gerste Roggen wuchs in wilden Halmen. In das verstümmelte Riesengebiet, das von Wassern sprudelte, über das der Wolgastrom der Don Dnjepr ausgekentert war, waren Pflanzenkeime, leicht schlafende Wesen, den Menschen und Tieren vorausgeeilt. Pilze, kurze stämmige Boviste und Erdsterne hatten sich an den südlichen Flußmündungen, an den Meeren und Sümpfen geöffnet, Herbststürme trugen die leichten Kugeln in das wüste nördliche Land, streuten ihr Sporenpulver auf den losen nackten Boden. Die Kiefern und Lärchen des Südens schickten geflügelte Samen her. Gräser tanzten mit Flügeln wolligem Bausch Haarschöpfen, auf Windsäcken lautlos her von dem bewachsenen Abhang des Ural, aus der Krim und von Astrachan, von Polen Galizien, in das zerwirbelte zerknirschte russische Land trieb sie die Luft; sie stiegen und sanken mit Wärme und Kälte. Drehten sich, schleierten über den Boden. Flogen mit drehenden Scheiben Platten Walzen Schrauben, waren Staubkörner, zogen hoch über endlose Strecken mit Schirmen und Segeln. Sie fielen; Blumen Gräser Halme keimten aus der behauchten Erde. Von den grünen Grenzen drangen die Pflanzen Blumen und Bäume tiefer und tiefer in das tote Innere. Die Sprengkraft der furchtbaren Flammenbergwerke hatte das Erdfundament nicht erschüttert. Die uralte Erde lag da, atmete empfing. Die wandernden Bergwerke hatten die Sonne nicht erreicht; die zog morgens vom Uralgebirge her, wärmte vergoldete die Wolken. Der Mond, oft rot, oft tief vergilbend, weiß wie ein angestrahlter Spiegel zog in den Nächten hinter der Sonne her, in der schwarzblauen Unermeßlichkeit des sternezitternden Himmels. Es gab noch alles. Die scharfen Klüfte, die die Flammenbergwerke in den Boden gerissen hatten, flachten ab, sanken zusammen. Die Schwaden verdunsteten. Und mehr und mehr zogen sich bunte Tupfen die Flüsse entlang. Als aus griechischen und rumänischen Stadtschaften kleines Menschenvolk, wagenführend, mit Kindern und Vieh suchend das holprige rissige abgründige Gebiet durchzog, stießen sie auf Menschen, die sie noch nicht gesehen hatten. Wesen, die sich wie sie bewegten, den Pflug führten, Pferde und Rinder trieben, Hunde neben ihnen, Männer und Frauen mit breiten gelben Gesichtern; sie beobachteten einander, taten sich nichts. Oft stießen sie auf solche Menschen. Chinesen Burjaken Mongolen, die die Pässe des Ural durchwandert hatten. Griechen und Rumänen besiedelten neben ihnen das Land.
An der Nordsee zog sich die ungeheure Stadtschaft Hamburg hin, schloß Lübeck Itzehoe im Norden, Bremen im Süden ein. Sie hatte, mit London verbunden, keine Umwälzung in sich geduldet, die Gewalt ihrer Herrengeschlechter nach einigen Revolten stärker befestigt. Die große Seelandschaft erschauerte bei der Annäherung der Märker. Ihre trägen Massen verlangten nach einem Wall im Westen und Süden; man sollte die feindselig Andrängenden rasch attackieren und zurückschleudern. London sah die Gefahr Hamburgs, aber die englischen senatorischen Sippen liebten die Männer und Frauen der neuen Art. Vergeblich schickte London Botschaften an Marduk, den Senat, die Führer einzelner Horden. Die britische Zentrale wollte die Märker vor einem Angriff Hamburgs bewahren. Dann verfiel man darauf, sich der Frondeure und Täuscher im märkischen Gebiet zu bedienen. Sie waren geheim vom Ausland mit Material versorgt, die Mekilaboratorien waren mit ihnen auf Weisung der fremden Senate in Zusammenhang geblieben. Früh fingen diese Täuscher, die großen gestürzten Geschlechter, an, sich zu bewaffnen. Wie Marduks Regiment wider Erwarten sich befestigte, eine unglaubliche Energie das Volk in Bewegung setzte, mischten sich die Täuscher unter die Horden. Sie bildeten eigene Gruppen, bei der allgemeinen Lockerung wenig beobachtet.
Nahe dem im Hannöverschen gelegenen Quartier des Täuschers und Hordenführers Lorenz landeten Flugzeuge. Englische Männer suchten ihn. Mit ihnen ein gigantisches Wesen, von negerischem Aussehen, schwarzbrauner Hautfarbe. Während die blassen Engländer unter Ten Kates mit dem märkischen Bandenführer verhandelten, zwischen Tannen herumgingen, mittags an einem Wasser lagerten und eine zähe barbarische Speise einzunehmen gezwungen wurden, Schenkel geschossenen Wilds, bewegte sich der Schwarze, den sie nicht ins Gespräch zogen, unauffällig unter ihnen, saß mit halb geschlossenen Augen auf dem Sandboden, die Beine untergeschlagen, schien nur begierig, eine von den schweren bunten Felddecken an sich zu ziehen, die die Engländer um sich ausbreiteten. Die nahmen lächelnd und dankend die derben Kupferschalen und Mörserkeulen an, die man ihnen bot, als sie vergeblich mit ihren schwachen Kiefern, bröckligen schwarzen Zahnstummeln das gesottene Muskelgewebe zu zerreißen suchten. Zerschnitten stampften es zu einem Brei, den sie schluckten. Den Märkern, die ihnen zuschauten, blitzten die Augen. Sie kauten bissen schnalzten; sie knackten Knochen. Nicht einmal dann mischte sich der Schwarze, der Fleisch wie die Märker schlang, ins Gespräch, als Ten Kates bei Sonnenuntergang von der Erde sich erhob und beim Herumschlendern mit den andern, den schmalen Lorenz umfassend, auf Zimbo zeigte: sie würden den hier lassen, er würde ihnen gut zur Hand gehen.
Wie ein Krokodil, das lautlos an der Oberfläche des lauwarmen Wassers treibt, sich der Sonnenwärme freut, gleichmütig von der Strömung über und über gerollt wird, in der Nähe und von weitem wie ein grünlichbrauner abgedrehter Baumstamm, am Sandufer trocknend grau und rauh wie eine Steinmasse, so unkenntlich trieb Zimbo zwischen den andern. Abends, wie die Engländer abflogen, hatte er sich entfernt. Am Morgen klopfte er an Lorenz’ Haus, setzte sich, eingelassen ungeschickt auf einen Stuhl, den man ihm bot. Legte den linken Arm auf den Tisch, fragte, womit man hier schösse. Sein Arm blutete. Lorenz bückte sich über den Tisch; der Schwarze war an einen Posten geraten, der mit Schrot schoß. Der plattnasige Mann murmelte: „Es sticht“ ließ sich verbinden. Er fragte mit seiner baßtiefen gurgelnden und rieselnden Stimme, was sie hier täten. Das Weiße seiner Augen ließ er aufschimmern. Er lachte und nickte, als Lorenz erzählte, sie hielten sich zum Schein für einen Angriff bereit, spionierten inzwischen, sorgten dafür, daß nicht zu viel in den neuen Gebieten demoliert wurde. Sie gossen sich Branntwein hinter. Was der Konsul Marduk täte, wo er sei; gibt es einen Senat. Der elastische Weiße schloß die Tür; Marduk hielte sich im Hintertreffen: zu trauen sei ihm nicht, er schiene gleichgültig zu sein, aber der Mann sei gefährlich. Wieder knurrte Zimbo, zeigte das blutig durchlaufene Weiß seiner Augen. Lorenz drang auf rasche englische Hilfe. Zimbo blickte ihn nur zwischen den verquollenen Augenlidern an, schlich die gelben starken Zähne zeigend, hinaus. Eine ganze Woche hörten die Gruppen der Täuscher, die glaubten, ihre Stunde schlüge bald, nichts von dem englischen Funktionär. Dann erfuhren sie, er triebe sich in der alten Innenstadt herum, habe sich einmal an Marduk herangemacht, sei bei den Bergwerken in der Lausitz. Wie die Zeit vorrückte und Lorenz schon verzagte, erschien Zimbo im Arbeiterkittel, von der Verden-Celler Straße her, in die sich die äußersten märkischen Posten schoben. Wieder lungerte er nur herum.
Der hamburgische Vorstoß setzte ein. Ein trüber Septembermonat. Der hamburgische Senat hatte sich nach der Infiltration der Lüneburger Heide neu konstruiert und folgte dem Druck seiner Bevölkerung, die durch Schreckensnachrichten über die Natur der östlichen Angreifer gepeinigt wurde. Man glaubte in der Seestadt rasch mit den Östlichen fertig zu werden. Heimlich vor den beobachtenden englisch-kontinentalen Freunden schickte der Senat eine Handvoll technischer Truppen mit Angriffseinrichtungen vor, die den früheren Brandmasten ähnelten, transportabel waren und kleinere Flächen bestrichen. Diese Truppen, von Bremen vorgehend, erreichten in wenigen Tagen eine radikale Säuberung der durchschrittenen Landstreifen. Nicht sehr tief und nicht in großer Breite gingen sie vor, denn man dachte durch Abschreckung das Weitere zu erreichen. Die Truppen aber, nachdem sie die schreckliche restierende Ergiebigkeit ihrer Einäscherer sahen, waren nicht zu halten. In Hamburg schlug sich der Senat noch den zweiten Tag über die Frage der Kriegsverlängerung, die Art seiner Weiterführung herum. Da legten die angreifenden Techniker schon wieder die Drähte an die großen Fernkabel, stellten die Transformatoren Blenden Konzentratoren auf die kreisrunden Wagengestelle, stießen auf ihnen nach Nordosten in die Heide hinein. Die herumvagierenden nördlichen Horden der Märker wurden vernichtet, dahinterstehende wichen gegen die Aller nach Hannover zu aus. Der Außenteil der Heide war von der östlichen Invasion befreit. Die Seelandschaft Hamburg erzitterte. Die Herrschenden stellten sich kriegerisch um; die Märker sollten ganz ausgerottet werden. Auf Hannover Hildesheim Braunschweig zogen sich die märkischen Banden zurück. Es wurde, da eine größere Zahl Männer und Frauen sich unter Waffen stellte, damals nötig, daß die Mekifabriken der künstlichen Nahrung stärker arbeiteten. Mit Widerwillen mußten sie die schon halb entwöhnte zarte mästende Nahrung nehmen. Mit Schmerz konstatierte der Senat, daß die Äcker und Kohlenbergwerke durch den Krieg ihrer Menschen beraubt wurden; er stellte auch mit Stolz und Zuversicht fest, daß man diese Periode überwinden werde.
Wie sie sich auf Hannover und östlicher zurückzogen, hielten die Täuscher den Augenblick für gekommen zu einem Schlag. An ihnen lag es, eine furchtbare rasche Aushungerung des Landes vorzunehmen. Und damit begannen sie. Fünfzehnhundert Menschen waren es, die in den Fabriken der synthetischen Nährstoffe drei Wochen nach dem Hamburger Rückschlag die Fabriken verließen, bei einer Kampftruppe auftauchten und zu erkennen gaben, daß ihre Kriegsbegeisterung sie nicht in den Fabriken dulde. Sie suchten damit Zeit zu gewinnen und ihr Leben zu retten; die Katastrophe konnte bei den geringen Vorräten nicht lange ausbleiben. Einzeln wurden sie vor den verblüfften Senat gestellt, der sie halb durchschaute. Bei den Horden erregte ihr Erscheinen im ersten Augenblick Jubel. Dann kamen die warnenden Aufklärungen des Senats.
Und schon war Marduk selbst auf dem Plan erschienen. Der graue Konsul trat in diesem Moment auf, als hätte er sein Stichwort abgewartet. Seine alten Feinde, die Männer und Frauen der Apparate, der hohen Wissenschaft, wollten dem Land an die Gurgel, sein Werk zerstören. Sein Ansehen und seine Wache verschafften ihm sofort die Führung im Senat. Er fragte die Gefangenen aus, sagte ihnen, daß sie zu den versteckten Täuschern gehörten und was sie planten. Alle fünfzehnhundert aus den Fabriken Entflohenen ließ er dann in Linden bei Hannover zusammentreiben. In Gegenwart von Abordnungen aller Horden ließ er hundert von ihnen grausam auf einer herbstlichen Wiese foltern. Dies zog er einen Nachmittag hin.
Als sie am folgenden Vormittag und den Nachmittag nicht eingestanden, gab er sie den Kriegern am Abend zum Mord frei. Man hat von diesem Mord im Ausland nichts gehört, nur nach Hamburg sickerte es durch. Es ist Tatsache, daß an diesem Abend auf dem europäischen Kontinent wieder Menschenzähne Menschenfleisch zerrissen und Menschenlippen Blut tranken. Das Rasen der Krieger um die Gefangenen, die sie sich zu entreißen suchten, war beispiellos. Die Tötung wurde lange hingezogen. Die afrikanische Durchflutung des europäischen Blutes wurde deutlich. Aus zertrümmerten Schädelschalen tranken Krieger, Männer und Frauen, noch am nächsten Tage. Unter den benachbarten Horden wuchs mit der Kriegswut ein wollüstiger Drang, der sie schwächte und Marduk veranlaßte, andere Methoden gegen die lebenden Gefangenen anzuwenden. Es ist sicher, daß sich damals der Konsul Marduk, der als grauer matter Mann aufgetaucht war, verjüngte. Er ließ die Gefangenen fesseln. Die Lebensmittel waren zu strecken, Krieger, wo es anging, hatten auf die Äcker zurückzukehren. Den Horden und Häuptlingen gab er Kenntnis vom Stand der Dinge und gab ihnen Auftrag: da wo sich Hunger einstellte, sollten sie sich Nahrung holen. Der Hauptteil seiner bewaffneten Wache ging an die Grenze.