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Berge Meere und Giganten

Chapter 7: Fünftes Buch. Das Auslaufen der Städte
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About This Book

A vast, epoch-spanning vision traces how postwar industrial societies accelerate mechanization and global expansion, extending human control through colossal machines and engineered infrastructures. The narrative moves through phases of technological triumph and colonial exploitation, seaborne projects and biological-engineering ventures, and finally the rise of towering artificial entities whose operations reshape climates, geographies, and communities. It examines the tension between human ambition and impersonal forces, attending to questions of scale, material transformation, ecological consequence, and the fragile persistence of everyday life amid sweeping systemic change.

Fünftes Buch.
Das Auslaufen der Städte

Unaufhaltsam auf allen Kontinenten des Völkerkreises der nachuralische Drang. Die Kämpfe der Stadtschaften gegeneinander waren lärmvoll und gefährlich gewesen; in der Tiefe und Breite liefen andere mächtige Wünsche. Der heiße afrikanische Kontinent, von einer unbeständigen Menschenmasse erfüllt, zuckte zuerst auf. Überfälle, wie in der Mark auf die westliche Umgebung, erfolgten hier auf die Zentren von allen Seiten. Die Riesenländer Ebenen Gebirge Haine Flußufer waren nie völlig leer geworden. Immer tauchten neue Menschenmassen aus ihnen hervor; die Städte entleerten in die überreichen Steppen und Urwälder ihre Massen, die gefährlich stöhnend von Zeit zu Zeit zurückkehrten. Die Schwächung und Entartung der Stadtmassen gelang nie tief; unterlaufen durchrieselt waren die afrikanischen Küstenzentralen im Westen Osten Süden, an der Mittelmeerküste von den Männern und Frauen aus dem wilden Hinterland.

Die Brotbäume Ölpalmen Wassermelonen hatten nie Erholung gebraucht, jetzt wuchsen sie in toller Üppigkeit. Das große Nilland trieb wuchernd Felder von Reis Weizen sechszeiliger Gerste. Das Sorghumkorn schoß hoch von Ägypten bis zum Kapland. Die Tiere, Störche Rohrdommeln Papageien Reiher Halsvögel flogen in Scharen herum, Leoparden und Löwen trieben sich herum, das rötliche Buschschwein Antilopen hausten zwischen den Bananen. Die Rudel grauweißer Elefanten; sie fraßen die gelben runden Palmfrüchte. Ein Heer von gierigen Affen hockte auf den Bäumen. Regen Stürme Hitze. Die trägen, von Haschisch Opium, neuen Giften geschwächten Herren schüttelten sich vor diesen Menschentieren, die aus den Wäldern und Wüsten unter ihnen auftauchten. Suchten sie zurückzujagen, wollten sie gefügig machen, nahmen sie auf, ließen die Städte vor ihnen beschützen. Zentrale auf Zentrale wurde von den Unwesen zerstört. Die aus den Wäldern herangetriebenen Geschöpfe gingen satanisch mit den schwachen hilflosen Massen um. Es gab Städte, die sich den starken listigen Stämmen rasch ergaben, und ebenso rasch zerrissen und zertrümmerten die bösen stolzen Geschöpfe das Gerüst der vertrauensseligen Städte. Dann irrten Hunderttausende in die offene Wildnis hinein, erlebten eine kurze Zeit Tag Nacht Sturm Hitze wilde Tiere, ehe sie verkamen. Auf dem stürmisch lebenden heißen Erdteil waren längst die Stadtschaften auf das wuchernd reiche Land ausgelaufen, als in den nördlichen westlichen Kontinenten die Stadtschaften noch dumpf zerfallen nebeneinanderlagen und nach sich griffen. In Süd- und Nordamerika tosten die großen Stadtschaften, voll des höchsten Schmuckes, zugleich lecke Fässer, die ihren Inhalt nicht mehr hielten. Überall kämpfend oder getragen Senate Herrengeschlechter Tyrannen, die die Zügel hielten und nicht wußten, wohin sie lenken sollten.

 

An der gebirgigen Nordwestküste Nordamerikas loderte es um die Zeit, wo der alte Kontinent auf die märkischen Konsulate blickte. Von den Japanischen Inseln her, Kiuschiu Schikoku Hokkaido Sachalin Formosa waren in dem Uralischen Krieg asiatische Scharen, angreifende Mongolen und Sibirier über das Riesenwasser gefahren. Sie hatten, nur wenige Tausend, die alte westliche Stadtlandschaft Franzisko und nördlicher Portland am Kolumbiafluß besetzt, waren, rasch überfallend, über den Salzsee nach Cheyenne und Denver gedrungen. Die überraschten Senate hatten kaum Widerstand geleistet. Was an geübten Männern und Frauen zu den Städten gehörte, stand zwischen Ural und Wolga, flog und fuhr mit dem Geschwader.

Die Japaner, die Herrschaftssippen verjagend ausrottend, verließen beim Erlöschen des Krieges nicht den Kontinent. Sie saßen da, nicht im Auftrag ihrer Völker, auf eigene Faust, zum Hohn den Westlichen, unter Billigung ihrer Völker, durchschauten das ihnen fremde eigentümliche Gefüge dieser großen Städte mit Neugier. Und wie die Asiaten unter dem Schutz ihrer Waffen einige Jahre durch die lungernden schlaffen läppischen Volksmassen geschlichen waren, dachten sie die Städte und um die Städte herum alles zu verderben. Sie waren frei von der Sorge der westlichen Senate. Die Völkerstämme, die in diese großen Stadtreiche des Westens eingeströmt waren, arbeitend genießend schmarotzend sich vermehrend, stammten aus den Prärien von Nebraska Dakota Nevada, – Reste von Weißen Mestizen Zambos Negerabkömmlingen indianischen Mischlingen. Es wäre nach dem Zerreißen des alten Völkerkreises in den Städten alles neu einzurichten gewesen. In diesen pazifischen Zentralen unter mongolischer Oberhoheit stockte bald alles. Die Asiaten setzten die Selbstverwaltungen von Franzisko Portland und die im Hinterland Okkupierten unter Druck. Die letzten großen Sippen, deren Familiengut technische Mysterien waren, hielten noch die Mekifabriken in Betrieb, suchten Zusammenhang mit den Massen. Die Städte, desorganisiert hungernd sich stärker zersetzend, gärten. Man saß gefangen in einer fremden Festung, in einer Belagerung; der Feind mitten unter ihnen. Eine wutgeheizte unbeschäftigte Masse trieb sich in den Riesenstraßen herum, spärlich aufgeklärt über die Dinge, die draußen abliefen, auf der Suche nach Bundesgenossen.

In der Masse herrschte der alte indianische Glaube von einer guten und bösen Macht; das Volk befragte Erde Aschen Vogelknochen. Es traten in Dakota – und wurde rasch über die Westküste verbreitet – Gerüchte auf: man müsse ausbrechen aus den Städten, nach Norden, ins Kanadische, ins Land der Irokesen, an die zerklüftete Küste, auf den Archipel der großen Inseln, in das Yukonbergland. In den Anlagen von Franzisko erschienen Männer aus westlichen Städten, die rote runde fremdartige Steine aus ihren Bergen mit weißen zerschlugen, aus den Splittern überraschend über die nächsten Vorkommnisse aussagten, den Durchbruch nach Norden prophezeiten. Wie in der märkischen Landschaft warfen die Gefesselten in diesen Städten sich auf Ringen Jagen Anschleichen List und Wildheit, bildeten kriegerische Geheimbünde. Der Krieg Marduks mit dem Völkerkreis wurde dunkel bekannt; der Name Marduk lief als Geheimzeichen um. Die Asiaten hörten ihn, lachten verspotteten die Städter: „Marduks!“

Sie wurden still, als eines Tages die angesammelten Lebensmittelvorräte, auch ihre eigenen, in Franzisko und Portland Flammen zum Opfer fielen. Sie standen vor der Frage, ob sie Millionen verhungern lassen sollten oder ihre Herrschaft aufgeben. Sie warfen Funken nach Westen in ihre Heimat. Man beruhigte sie: ob sie Furcht hätten oder Sachwalter amerikanischer Wilder seien. Sie verdoppelten die Massensicherung um die Städte.

Drei Wochen nach der ersten Vernichtung der Nahrungslager erfolgte in Franzisko und Portland am gleichen Tage das Niedersengen der Fabriken selbst. Geheim eingeführte Sprengstoffe wurden verwandt. Zugleich erfolgte ein Angriff auf die Wohnsitze der mongolischen Eroberer, der sich zu einem Sturm der ganzen Stadt auf diese Wohnsitze gestaltete. Nur eine Stunde war nach der Sprengung der Fabriken vergangen, als die ersten geängstigten, das Leben wagenden Menschenmassen von der Brandstätte der Fabriken gegen die Strahlenbarriere der Fremden um das Ratsgebäude liefen. Sie waren halbnackt verwahrlost dem Tode nah, Menschenfresser, gehässig auf sich. Sie erstickten in den Strahlen, fielen auf den gelben welken Wiesenflächen um die Gebäude. Neue Massen stürmten. Ein Teil der Haufen kam spät, wollte nach der Peripherie, sah sich gefangen wie sonst, setzte sich gegen das Zentrum in Bewegung. Um die Gebäude der Mongolen bildete sich ein Ring von Toten, der sich von Minute zu Minute erhöhte. Die schmierigen Menschen, Weiber, die noch Kinder trugen, die gereizten rasenden Männer, wußten, daß es kein Erbarmen für sie gab und daß das Mildeste, das sie gegen sich tun konnten, war, hier zu verenden. Die gefährdeten Krieger, die Mitglieder der Geheimbünde, hielten noch im Hintergrunde, hetzend: „Fangt sie, fangt sie!“ Ihr Geschrei brauste in Wellen stundenlang gegen die stummen Gebäude der Mongolen. Schon war der Berg der Leichen auf allen Seiten um die freiliegenden Gebäude so hoch, daß man ihn nur auf Leitern erklettern konnte.

Da begannen unbemerkt Klansbündler sich unter die Menschen zu mischen. Plötzlich in der Raserei ein Krach: Krach und Schlag. Krieger, einzeln vorgehend, den Berg als Deckung vor sich, warfen Sprengstoffe herunter, herüber, wie sie sie morgens gegen die Fabriken gebraucht hatten. Die Mongolen, gereizt, verloren ihre Ruhe nicht. Jetzt war ihnen sicher, die Unterworfenen wollten Entscheidung.

Da rollten sie die eisernen Tore der Gebäude auseinander. Die Unterjocher traten sichtbar für die, die oben auf dem Leichenwall verendeten, heraus. Nur für Sekunden sichtbar. Sie wechselten ihre Farben mit dem Boden, den sie berührten, mit dem Hintergrund. Schillernde graugrünliche Körper, von rollenden blitzenden und flimmernden Gestellen umgeben. Sehr rasch, kaum den Boden berührend, fuhren sie über die welke Wiesenebene vor dem Gebäude. Bei ihrer Annäherung rauchte der Leichenwall, schwelte schmolz. Die Andrängenden hinter ihm wichen. Aber nur die nächsten. Hinter ihnen lebte die ganze Stadt. Durch den rauchenden fließenden Leichenwall, durch die brandenden Menschen gingen die Japaner, die grünlich schillernden Körper, ab und zu anhaltend und sich vermindernd unter einem Donnerschlag, aber immer rascher sich bewegend, nach allen Seiten zuckend. Räumten die Stadt fast aus, leerten die Straßen. Flogen über die Straßenzüge, schleuderten Feuer herunter. Sie besänftigten die Menschen nicht, die ihnen nachliefen, neu auf den dampfüberlagerten Plätzen auftauchten.

Die glitzernden Körper fuhren bis zum Abend. Im Dunkeln sausten sie über die schwelenden Anlagen hinunter, tauchten in das Ratsgebäude.

Die Kleider warfen sie ab, stiegen in die heißen Badebassins. Sie kicherten, machten Späße. Ihre Frauen erschienen mit Wein bei ihnen; sie liefen durch das Haus her, umarmten die Männer. Und als sie sich voneinander gelöst hatten, schlug ein Tamtam. Sie gingen in bunten langen Kleidern langsam, Blumen auf den Händen in die große Halle des Erdgeschosses, den Sitzungssaal. Ein farbiges Buddhabild hing an der Wand. Sie legten die Blumen vor sich, verneigten sich auf den Boden, gingen hinaus. Ernst stumm saßen sie im geschmückten Speisesaal an niedrigen Tafeln, tranken aßen. Der beizende beklemmende Rauch zog von dem mächtigen Platz herein, obwohl Fenster und Türen geschlossen waren. Nach halbstündigem Schweigen wies der am Kopf der Tafel sitzende Kahlkopf die beiden Sängerinnen hinaus, die mit ihren Lauten eintraten.

Das Kinn auf die Hand stützend blickte er die Männer in seiner Nähe an: „Wie alt sind meine Freunde? Sehr jung. Ist es schade, daß sie die Heimat verlassen haben, über das Wasser hergeflogen sind? Sie sind sehr jung; da ist nichts schade. Wann sind Dinge schade, die man in der Jugend begeht? Wenn sie zu lange dauern.“ Nach erneutem Schweigen blickte der untersetzte Yari an sich herunter: „Dank, daß du gesprochen hast. Ich hab’ ein buntes Kleid an; das trägt der Sieger. Ich möchte Sieger bleiben. Du hast gesagt, was ich tun muß.“ Sie murmelten und nickten an den Tischen. Nach und nach standen alle auf. Waren nicht mehr ernst. Lächelten sich an. Einer rief: „Mögen die Sängerinnen kommen.“ Der Kahlköpfige strahlte. Und als fünf Mädchen, zierlich, mit roten Schärpen, augenglitzernd zwischen den Tischen gingen, faßten die jungen Männer sie bei den Händen. Vor dem zusammengedrängten Saal, der sich kaum ruhig halten konnte, der summte flüsterte kicherte, sangen sie zu zweien dreien fünfen.

Im Vollmondlicht durchschnitten sie nach zwei Stunden die Luft über der dumpfen flammenerhellten Stadtschaft. Lautlos zerstörten sie die Sperre an der Peripherie, wogten nach Westen, gegen das uralte rauschende Meer.

Wellen, Wellen, mondbeschienene flinkernde rollende sich verschlingende Flächen, schwellender tragender Wind. In diesen Tagen verzogen sich die asiatischen Besatzungen aller amerikanischen Stadtschaften.

Die Küste aber entlang ergossen sich nach Norden in das Gebirge hinein die noch lebenden Menschenmassen, die die zurückgelassenen Städte zuletzt verwüstet hatten. Führer der jetzt nicht mehr geheimen Bünde rissen die Massen in das freie Land. Nevada Washington Oregon Idaho ließen sie hinter sich, in Columbia traten sie wandernd ein, erfüllten, Städte auf Städte nach sich ziehend, die Flächen zwischen der inselreichen Küste und den felsigen öden Rocky Mountains. Bis nach Yukon herauf, wo sich der Eisgipfel des gewaltigen Eliasberges reckte, schwollen sie. Manche überstiegen die Pässe des Gebirges nach Osten, sahen Athabaska vor sich liegen. Tausende versagten unterwegs und schlugen sich rückwärts. Vorn trieben und zogen die anfeuernden Steine und Erde befragenden Führer unaufhaltsam. Ohne Mißtrauen, oft freudig wurden sie von den Resten der an der Nordwestküste hausenden Muttervölker, den in kleinen Dörfern hausenden Tlinkit Haidas Tschimssiwas Biballas empfangen gepflegt geleitet. Viele verelendeten verunglückten in den nächsten Jahren. Der jähe Übergang aus der Fürsorge der Riesenstädte an die wilde Kraft des Meeres, an den Kampf mit Tieren war gnadenlos. Holzfällen, Jagd auf Lachse mit Speeren und Fallen, Fang von Dorsch Stint Heilbutten zwischen Inseln, an der Dixoneinfahrt, in der Chatamstraße, Bärenjagden hieß jetzt das Leben. Trinken von rohem warmen Blut, Essen von rohen Lebern wurde heilig. Marduk war schon tot, der machtdürstende Zimbo saß in dem Ratsgebäude der märkischen Stadtlandschaft, als die ersten dumpfen Warnungen und Drohungen von diesen indianisierten unter Propheten stehenden Horden der amerikanischen Nordwestküste ausgingen.

 

Der Völkerkreis aber, sich schließend und eben erst festigend, bewältigte diese beiden Feuer, das märkische und westamerikanische, nicht. Im Londoner Senat erschienen amerikanische Vertreter. Sie waren in der schwelenden Landschaft des Nordwestens zu Hause. Man hatte sie in Washington ausgewählt zu sprechen. Klokwan war der älteste dieser vier langsamen Menschen, die in Wolldecken auf den Bänken der Londoner saßen, die Straßen stumpf betrachteten. Sie hockten stundenlang. Erst bei ihrem Stäbchenspiel, dem die Östlichen verwundert zusahen, wurden sie lebendig. Sklaven hatten sie bei sich, Mestizen, und eine Anzahl tabakkauender Frauen, die hinter ihnen herliefen, bei den Besprechungen auf Matten an der Erde lagen, mit Otterfellen bedeckt, den Kopf auf einen Arm stützend. Man mußte sich mit ihnen in Gärten, im Park unterhalten. Geschlossene Räume, besonders die Londoner Riesentürme, ängstigten sie.

Francis Delvil, der Londoner Senator, ließ ihnen oft zum Wärmen Weine reichen. Der hagere wohlwollende Mann hatte ein schlaffes müdes Gesicht bekommen. Sie saßen im herbstlichen Park von Aldershot zusammen. Seine englischen Freunde lächelte er melancholisch an, kniff die Lider: „Seh ich recht, sind wir in derselben Lage wie – soll ich es sagen? – zu einer schlimmen Zeit. Wie damals als Rallignon, der große Franzose Rallignon, und Leuchtmar über das Festland fuhren. Dann kam der Krieg am Ural.“ „Wer ist unser Feind?“ der rundgesichtige Klokwan, mit tiefbraunem welken Laub spielend, das man vor ihm aufhäufte, wischte sich die langen grauen Haarsträhnen von der Nase zurück. „Der Feind, Klokwan, gewiß, den zu bestimmen ist jetzt schwer. Du hast es gefunden.“

„Ich weiß nicht, ob es das Schwerste ist. Wir kommen aus Amerika, wir flogen auch an der Westküste von Afrika entlang. Wir sahen da nichts anderes als bei uns, vielleicht schärfer, es ging wild zu. Die Stadtschaften brennen, sie schlagen sich. Viele stehen halb leer. Die Menschen sehen ihr Verderben. Sie fürchten sich davor. Das Mekibrot das Mekifleisch schmeckt ihnen nicht.“

„Sie wollen sich in der Wildnis von den Tieren zerreißen lassen?“ „Es scheint, Delvil. Ich weiß es nicht. Es geht in Dakota am Mississippi in Mexiko am Salzsee und ganz im Süden bei uns nicht anders. Ich meine: man muß dies nicht vergessen. Wie soll man diese Menschen halten. Sie kommen nicht mehr zu uns. Es liegt eigentlich, verzeih mir, gerade umgekehrt wie zu der Zeit Rallignons und Leuchtmars, die einen Krieg anstifteten um ihre Menschen wegzuschleudern, – es ist doch so? Wir wissen aber nicht, wie sie festhalten.“

Delvil riß finster an seiner starken Halskette: „Also wo liegt der Fehler? Welchen Fehler machen wir?“

Die stämmige breite rotbäckige White Baker: „Erinnerst du dich, Delvil, und – wo ist Pember? ah du, – du Pember, unseres Besuchs bei Marduk? In diesem sonderbaren Stadthaus in der Mark, an der Schädelpyramide, vor den schrecklichen Bildern. Mich schauert, wenn ich daran denke. Marduk wollte nicht nachgeben. Wir sagten ihm, es sei kein Sinn in dem, was er täte. Er blieb hart. Zuletzt riet ich zum – zum Zugreifen. Delvil, da warst du es, der den Arm wie ein Boxer krümmte und sagte: Ist das Land still, so sind wir auch still und sanft. Wir begießen es wie Regen. Das sagtest du. Ich erinnere mich gut. Will der Konsul aber anders, so können wir auch Gewitter spielen. Sagtest du. Wir halten den Marduk zwischen den Fingern.“ „Das sagte ich. Was willst du damit?“ „Nichts, Delvil, über deinen Irrtum und über Pember. Was nützt es jetzt. Wir haben darüber oft gesprochen. Aber ich wiederhole nun dasselbe wie damals: zugreifen.“ Delvil bog wieder den Arm: „So hab’ ich damals gemacht, White Baker, nicht wahr? Aber unser Freund Klokwan hat schon die entscheidende Frage gestellt. Und sag’ du mir: wo, wenn ich schieße und schlage, wo ist das Ziel?“ „Es gibt nur den Völkerkreis oder die anderen. Delvil und ihr, ihr könnt doch nicht daran zweifeln. Und daß sie uns an den Hals wollen. Daß wir im Begriffe sind, vernichtet aufgelöst zu werden.“

Klokwan hatte seine Decke fallen gelassen, gespannt zugehört: „Ich frage die Frau nochmal, wie der Herr Delvil, wohin sie ihren Bogen richtet. Francis Delvil, mein großer Freund, meinte zuerst, wir stünden wie unsere Voreltern vor dem Uralischen Krieg. Ich sagte nicht so. Wir stehen schlimmer. Er sieht es selbst. Weil wir doch den Feind nicht haben.“ White Baker lachte stolz: „Unsere Voreltern hatten auch keinen Feind. Wahrhaftig sie hatten ihn nicht. Sie machten ihn. Es ist leicht Menschen zu Feinden zu machen, wenn man überlegen ist. Sie hatten einen Schmerz in der Brust und dann schlugen sie – auf die andere Brust!“ Die Frauen auf den Matten lachten ihr mit blinkenden Augen zu. Klokwan hob seine Decke wieder, blickte stumm über die Frauen. Seine drei männlichen Gefährten saßen verhüllt, die Decken über dem Kopf, nur Mund und Nase freilassend. Klokwan: „Und ihre eigene Brust? Der Schmerz in ihrer eigenen Brust war dann vergangen?“ White Baker: „Ja.“

Einer der Männer neben Klokwan hatte seine Decke auf die Schulter heruntergezogen. Er tuschelte mit einer Frau zu seinen Füßen; der Mann flüsterte dann mit Klokwan. Alle in dem kleinen winddurchhauchten Zelt blickten ihn an. Klokwan senkte den Kopf zu seinem Nachbarn, bat dann sprechen zu dürfen. Eine Frau seiner Sippe, die Ratschenila, wüßte etwas, sie möchte es erzählen.

Die Frau am Boden spuckte den Tabak neben sich, richtete sich auf, strich sich ihr schwarzes Haar glatt, redete leise und langsam, während sie die Hände bald auf dem Schoß hielt, bald rechts und links an ihren Ohrringen. Sie blickte nur die Frauen neben sich an. Man erzähle bei ihnen in den amerikanischen Städten eine Geschichte aus der Zeit, wo noch ihr Volk in den Bergen jagte. Es seien einmal mehrere Mädchen zum Früchtesuchen in den Wald gegangen, die Tochter eines Vornehmen war dabei. Sie kamen an einer Tierspur vorbei und da lag Losung eines Bären. Die Tochter des Vornehmen fing da an, über das wilde Tier zu spotten: es sei ein langsamer blinder dicker dummer Gesell. Gegen Abend gingen sie wieder zurück. Da fiel der Häuptlingstochter der Korb mit den Früchten aus der Hand. Sie schüttete sie aus, sammelte sie ein; die Gefährtinnen halfen ihr. Aber nach hundert Schritt fiel ihr wieder der Korb weg, und nach hundert Schritt wieder. Da wurden die anderen Mädchen ärgerlich, gingen weiter, ließen sie allein sammeln. Und wie die Häuptlingstochter zuletzt die Früchte wieder eingesammelt hatte, waren ihr die anderen aus den Augen gekommen. Sie stand allein an einem Baum, in der Dämmerung, fand nicht den Weg. Da kam von der Seite ein junger schlanker Mann auf sie zu, in einer schwarzen Pelzkappe, ein ernster ruhiger Mann. Der bat sie, ob er von ihren Früchten essen könne. Sie gab ihm, erzählte, wie es ihr ginge und daß sie sich verlaufen hätte. „Warum hast du dich denn verlaufen.“ „Die andern sind so rasch gegangen, sie haben mir nicht geholfen.“ Und gleich erzählte sie von der Bärenspur und der Losung am Weg, lachte und spottete wieder. Der Jüngling aß nicht mehr von ihren Früchten, kaute an seinen Nägeln, sagte er wisse den Weg, sie solle kommen. Sie gingen lange; es war schon ganz dunkel. Da fragte der hübsche Mann nach einiger Zeit, ob sie noch den Korb trage, und dann nahm er ihn und warf ihn weg. Sie schlug nach ihm, weinte. Er sagte, man könne so besser und rascher gehen, es sei noch weit. Sie wollte weglaufen. Er nahm sie aber bei der Hand. Da bekam sie Angst, weil sie jetzt erst merkte, wie er sonderbar ging, der junge Mann, plump und langsam, so wacklig watschlig. Sie schrie, sie hätte Herzstiche, sie könne nicht mehr gehen. Und dann: der Leib täte ihr weh vom Beerenessen. Er sagte, sie solle nur kommen; sie seien bald da. Da wo das Licht brenne, sei seine Wohnung. Er sagte aber nicht Wohnung, er sagte: Wohne. Sie kicherte, faßte ihn an seine Brust, sah ihn an: es heiße doch nicht „Wohne“, es heiße „Wohnung“. „Doch. Wir sagen Wohne.“ „Das ist ja Unsinn. Wer seid Ihr denn?“ „Wir? Du kennst uns doch. Du wirst gleich sehen. Komm nur rasch.“

Und da war schon ein riesiger gespaltener Baumstamm da, ein alter toter Ahorn. Aus dem kam rotes Licht und Qualm. Sie stiegen wie in eine Dachluke ein, gingen vorsichtig tief herunter, bis sie zu den Wurzeln unter der Erde kamen. Ein kleines Feuer brannte. Zwei schwarze Grislybären schliefen da nebeneinander, ein junger und ein alter. Die schnarchten. Ein großer alter aber kam grunzend mit aufgehobenen Vorderpfoten auf den jungen Mann und die Häuptlingstochter zu. Die schrie, wollte kreischend weglaufen. Der Mann hielt sie fest; sie stürzte über eine Wurzel und riß die Erde herunter. Davon erwachten auch die beiden anderen Bären. Standen brummend auf, rieben sich die Augen, schüttelten schwarze Erde von sich, fragten: wer ihnen ihre Wohne zerstöre. Sie schrien: „Wer zerstört unsere Wohne?“ Das Mädchen lachte, trotz seiner Angst, über den Ausdruck, das tölpische Knurren Getue der Grislys. Der junge Mann nahm da rasch ihren Fuß, warf sie um. Die beiden Bären taperten an. Da wurde sie ohnmächtig. Und wie sie aufwachte, saß bei dem Freund ein alter Mann und eine alte Frau. Die hatten traurige Gesichter. Der junge hübsche Mann saß neben ihnen, aß Fisch. Die Häuptlingstochter fragte, wo sie sei. Sie sah ihren Korb, wollte ihn haben und nach Hause gehen. Der alte Mann und die alte Frau blickten sie aber so traurig an und sagten, sie sei zu ihnen gegingt in ihre Wohne; ob sie nicht bei ihnen bleiben wolle. Sie sprachen falsch wie kleine Kinder, stießen mit der Zunge an. Der hübsche junge Mann gab ihr den Korb zurück. Sie solle die Früchte mit ihm zusammen futtern. Die Eltern hätten auch schon davon gefuttert, er ließe sie nicht fort. Sie wollte erst nicht, weinte. Sie sah, daß das die dummen schwarzen Grislys von gestern waren, und der hübsche junge war nur ein junger Bär. Aber sie konnte nicht weg. Der junge Bär nahm sie zu seiner Frau. Und – und – und –: sie blieb da wohnen.

Die Frau lachte die andern an, legte sich auf ihren Arm am Boden zurück. Der grauhaarige Klokwan sah zu ihnen herunter: „Und nun spottet ihr nicht mehr über den dicken dummen schwarzen Bär. Er war doch nicht so dumm.“ „Eine sonderbare Geschichte, die du uns erzählt hast“, lächelte nach einem Schweigen Francis Delvil. Dann sah er zu White Baker herüber, die ihr ernstes Gesicht keinen Augenblick verzogen hatte, ja deren Gesicht während der Erzählung tiefrot aufgeblüht war: „White Baker.“ „Was willst du?“ „Ich möchte dich hören.“ „Wir sprechen ein andermal.“ „Du kannst ruhig hier sprechen. Wir sind noch bei unserer Frage von vorhin.“ Sie hob abwehrend beide Arme, schüttelte den Kopf: „Laß, Delvil.“ „Ja, wo ist das Ziel, auf das ich schießen soll. Blick doch hin, unsere eigene Brust.“ White Baker stand auf. Sie war blaß geworden. Die Art der fremden Frau hatte sie offenbar verwirrt.

Als sie später draußen mit Delvil allein ging, sagte sie stockend, diese Männer und Frauen könne sie nicht als Vertreter Amerikas anerkennen. Es seien mehr Angehörige der gefährlichen Wilden aus der Yukon- und Alaskagegend als Amerikaner. Sie redete erregt und unklar. „Das mag sein“, fand Delvil sie anblickend, „aber Washington und Neuyork hat sie ausgesucht und läßt uns durch sie informieren. Das will allerdings verstanden sein. Es heißt, so sind schon unsere Leute. Wir sind dankbar für den Wink. Wir sehen. Es ist dieselbe Nuß, die unseren Zähnen Schwierigkeiten macht.“ White Bakers Augen blitzten: „Zuschlagen, sage ich. Ich bleibe dabei. Abtrennen. Ja oder nein. Marduk oder wir. Glaubst du“, und sie stemmte die Arme in die Hüften, sah ihn erschreckt an, „ja ich glaube, du torkelst in den toten Baum, in den Ahorn, zu den Bären.“

Bei den Unterhaltungen mit Klokwan und in Ferngesprächen mit Washington und Neuyork wurde klarer, daß man dort schon keine Möglichkeit für einen neuen Völkerkreis sah. Die Vorgänge an der Westküste hatten ungeheuren Eindruck gemacht. Die fürchterliche Bewegung stand noch nicht. Das Auslaufen ganzer großer Stadtschaften in Afrika erregte Europa und Amerika aufs tiefste. Die amerikanische Deputation, immer geneigt abzureisen, wurde von den ängstlich gewordenen Engländern in London festgehalten. Ein heftiger Streit begann zwischen London und Neuyork. London ließ durchblicken, daß nach seiner Ansicht drüben den Industrien und Senaten Männer und Frauen vorstünden, die aus schwächlichen Sippen wären. Die alte Tradition sei unterbrochen. Sie fochten mit Worten über dem Meer hin. Die tücherbehangene Deputation der Männer Frauen und Sklaven spazierte indessen in den Anlagen der Stadt, drängte: sie könne nichts weiter sagen und was sie nach ihrem Kontinent melden sollten.

Es war in diesen kritischen Monaten, in denen der Völkerkreis schon wieder sich zu lösen begann, wo eben dieselbe White Baker, die kluge und tatkräftige Frau, umschwenkte, sich auf seiten Delvils stellte. Aufs heftigste waren Delvil wie Pember ergriffen, als sehr blaß und still die White Baker eines Morgens zu ihnen in das Senatszimmer trat, jene bräunliche tuchverhängte Ratschenila an der Hand, sich setzte und lange nicht sprach. Die Ratschenila lachte die weiße Frau an, streichelte ihr die Backen, lehnte den Scheitel an ihren Hals. White Baker sah wie ein verschämtes junges Mädchen auf ihren Schoß und ließ es sich gefallen. Auch als sie mit den beiden Männern sprach, hielt sie die ringgeschmückte Hand der fremden Frau fest. Ratschenila lächelte die Männer an: „Glaubt ihr, ich sei schuld, daß White Baker trübe ist und anders redet? Man erzählt bei uns, es habe einer, ein Mann einen andern, der Jelch den Kanuk, ärgern wollen und ihm in der Nacht Hundekot unter die Decke geschoben. Er weckte ihn und sagte: es stinkt hier. Du Kanuk, steh auf, du hast dich schmutzig gemacht. Ich – hab’ der White Baker nichts getan.“ Die weiße Frau drückte ihr fester die Hand, machte kleine Augen: „Wie kommt es, Delvil, daß ihr schon viel früher wußtet als ich, was man tun soll? Wie seid ihr Männer. Oder liegt es nur an mir. Ich bin jetzt“, und sie senkte den starken braunhaarigen Kopf, „fast bin ich jetzt mehr geneigt, zu Marduk, zu Zimbo zu gehen als in London zu sein.“ Der ruhige Pember klopfte ihr Knie: „Es ist gut, daß es so ist. Man kämpft besser, wenn man weiß, wie stark der Feind ist.“ „Ich sehe keinen Feind, Pember.“ „Doch. Heute nicht und morgen doch.“

Von nichts war die White Baker, die in diesen Tagen einen kranken gebrochenen Eindruck machte, getroffen worden, als von der Berührung mit den Frauen dieser Deputation. Zu ihrer Art, ihren Gesprächen Spielen wurde sie unter Widerstreben, zu ihrer eigenen Verblüffung gezogen. Als die Ratschenila die wachsende Neugier und Zugänglichkeit der weißen Frau sah, näherte sie sich ihr und fesselte fällte sie mit einigen Liebkosungen. White Baker, deren Backen plötzlich eingefallen waren und die langsamer sprach, bat, Delvil in seinem Haus aufsuchend, Delvil Pember und die andern möchten auf sie keine Rücksicht nehmen. Möchten sich gar nicht von ihr beeinflussen lassen. Sie sei ein pathologischer Fall. Sehr nachsichtig streichelte ihr der schlanke Delvil oft die Hand: „Wie denn, White Baker, bist du ein pathologischer Fall. Wir sind alle pathologische Fälle. Sieh dir Klokwan an, deine Freundin Ratschenila, die junge gelbe Kaskon neben ihr: es wackelt bei allen. Warum bist du ein pathologischer Fall. Es ist nichts weiter, als daß du, soll ich es sagen, etwas rückständig warst. Ja, White Baker; jetzt heißt du mit Recht White. Aber ich schenke dir rote Nelken, rote Tulpen: da spiegelst du dir wieder deine Farbe an.“ „Warum war ich rückständig, Delvil?“ „Ja. Du warst ein Anachronismus. Wir weniger als du. Aber auch wir noch ein klein bißchen. Es heißt, sich immer in die Zeit einfinden. Sonst ist man töricht störrisch widerspenstig. Es nützt auch gar nichts. Man ist so nur Stoff für Tragödien.“ „Ich hätte doch stark bleiben müssen. Marduk war stark.“ Delvil umschlang ihre Schultern: „Undankbare. Fabelhaftes Seeungeheuer Walfisch, der immer unter der Oberfläche schwamm und sich jetzt wundert, wie es oben aussieht. Was hättest du damit geschafft. Du bist nicht schwach, weil du gelernt hast, deine Augen zu benutzen. Ich will dir sagen: Marduk war stark. Seine Bäume und Zimbos wachsen nicht in den Himmel. Wer sehen kann, White Baker, schwimmt gern mit dem Strom. Der Strom hat aber seine Grenzen; es gibt Klippen, der Strom hat auch einmal ein Ende.“ „Ich kann jetzt gar nichts hören, Delvil.“ Die Frau löste sich von seinem Arm: „Mir kommt vor, als wenn ich gar nicht aus dem Wasser an die Oberfläche gekommen bin, sondern umgekehrt. Aber ich muß vielleicht meine Augen erst gewöhnen.“ Und sie ging langsam fort. Trübe blieb Delvil sitzen.

Der einige Londoner Senat, des Widerstandes der starken Frau entledigt, trat von diesem Zeitpunkt an härter gegen die unsicheren amerikanischen Kapitalen auf. „Nicht die Zügel verlieren, nicht nachgeben“ fühlten sie; man durfte nicht ausgleiten hinrutschen.

 

Auf den britischen Inseln breitete sich damals, nach dem Zurücktreten der großen Eingottreligionen, aus den Kreisen der Herrschenden her die Vorstellung von guten und bösen Gewalten aus, die man erkunden und geschickt benutzen mußte. Es beteten noch vereinzelte und ganze Landschaften zum alten Eingott, aber großes Ansehen genossen auf den Inseln wie in zahlreichen Stadtschaften des europäischen Kontinents schlaue Männer, die sich den Schein von Zauberern gaben und eine Technik der Zukunftserforschung ausgebildet hatten. Schon die früheren fremd und halbwild hin- und herflottierenden Massen waren dem zauberischen Wesen zugetan, das sich mit dem imposanten Schein wissenschaftlichen Geheimnisses umgab. Die jetzt stagnierenden Massen, bald träge, bald geängstigt, durch ihr eigenes Verkommen, die barbarischen Ereignisse in der Mark und an der amerikanischen Nordwestküste erschreckt, jedem Krieg abhold, heimgesucht von einem tiefen Drang sich von der künstlichen Nahrung, von Maschinen, senatorischer Obhut und Entmündigung zu entfernen, verlangten nach Wissen um die Zukunft, vor der sie sich fürchteten. Und um so mehr fürchteten, je weniger sie ihre Lage zu verändern wagten.

Totenbefrager Orakelkünder aus Aschen Erden Trankmischungen saßen damals, als wären sie Priester, in tempelartigen Häusern, wo sie mit Gehilfen kultartige Handlungen vollzogen, Heilungsversuche vornahmen. In lautlosen Räumen unter Tier- und Pflanzenzeichen saßen sie in kleinen Treibhäusern, flache Wasserbecken vor sich mit Schilf, horchten, den Wind einlassend, auf das Geräusch der Halme, die scharrten. Sie hatten, auf Hügeln gelegen, hinter den Tempeln offene Hallen. Den Boden bedeckten sie mit silberunterlegtem Glas. Auf die blanke Fläche warfen sie gleichmäßig dünnen Sand, ließen an bestimmten Tagen den frei herkommenden Wind darüber. Sagten aus Linien und Anhäufungen wahr. Träume trug man ihnen zu. Diese Beschwörer und Zeichendeuter hörten die Träume an, dachten darüber nach, spürten den Mächten nach, die in die Träume hineinragen, wie eine Walfischherde, die das Meer beunruhigen, wenn sie hochgehen, und kleine Boote zum Schwanken bringen. Erfüllt waren um diese Zeit die Städte vom Glauben an Geister. Je sicherer die herrschenden Sippen in der Bewältigung der Naturkräfte wurden und ihre Kenntnisse zu Geheimnissen machten, um so üppiger wucherten phantastische Vorstellungen.

Von den Schamanen, die sich in ihren finsteren Kapellen astrologisch, in phosphoreszierenden, oft flammenden Röcken und langen Haaren, lilienartig weiten Hüten, gaben, in Vogel- Tier- Pflanzentracht dumpf orakelten, wurden abenteuerliche Gedanken in die unruhigen Stadtschaften geworfen. Wagen mit den Ballen Fässern Säcken der Mekinahrung fuhren aus den unterirdischen Schächten noch täglich in alle Häuser. Arbeitsgruppen lösten sich ab. Gedunsene fette schwache Menschen, Gemische weißer und roter Stämme, Scharen dunkler Bastarde trieben sich herum, kleideten sich prächtig, verlumpten. Die ängstlichen Menschen waren von Geistern umgeben. Die Schamanen wisperten: In den Riesenanlagen der Mekifabriken ginge es abenteuerlich grauenhaft zu: man triebe Steine Sand Erde Salze in die Höfe der Anstalten. Mahl- und Zertrümmerungsmaschinen arbeiteten da; in die Häuser wird Wind geblasen; an ungeheure Becken mit halbtoten Pflanzen, Moos und Algen werden die Stoffe geschlämmt, über sterbende Tiere gerieselt. Die lebten immer weiter, immer weiter. Schon seit der Zeit vor dem Uralischen Krieg lebten Pflanzen, die grünen Lagen über den Teichen der Anlagen, zwischen die man Salze und Erde leitete. Da liegen und zucken Glieder von Menschen, von Negern und Weißen, die hundert Jahre alt seien und noch älter. Von dem Geist dieser halb toten und sterbenden Moose Algen Tiere Menschen, dieser fettzeugenden Därme Lebern Fischrümpfe Schafsmägen, lebten sie. Wie könnten aus Steinen Erde Salzen Kreiden Kieseln Wasser Säuren Luft – Speisen werden, die sie aßen. Die halbtoten, nicht sterbenden hätte man in den Mekifabriken aufbewahrt. Kein Licht Mond Sonne scheint drin. Kein Regen fällt. Es gibt nicht Frühling Sommer Herbst Winter. Nur gläserne Apparate, brennende Öfen, Schlammtröge, Marmor- und Metallbecken, auf denen unsichtbare Strahlen liegen, und drin zwingen sie die Stoffe zusammen. Aber die nicht sterbenden Pflanzen und Tiere werden immer gejagt zu arbeiten und nicht nachzugeben. Wie ein Müder, ein rippendürres Geschöpf noch zu Laufen Laufen Laufen gepeitscht wird, es läßt sich treiben, wimmert mit eingesunkenen Augen schon nicht mehr unter den Schlägen, so arbeiten diese erlahmenden Geister. Ob sie nicht schmeckten, wie bitter diese Speisen an manchen Tagen seien. Und doch sei dieser Geist das einzige, was sonst in sie käme. Sonst fräßen und söffen sie Erde Sand Salz Luft. Inzwischen ginge es ihnen nicht anders wie jenen gefesselten Pflanzen und Tieren. Was nicht lebt, kann nicht sterben. Sterben ist eine Fähigkeit wie Leben. Sterben können ist eine Kraft, die nur jemand hat, der leben kann.

Und nun kam das Hauptstück der schamanischen Lehre. Es sei von ihnen beobachtet und auf tausenderlei Weise festgestellt, daß die Stadtschaften, Häuser Anlagen Plätze Straßen Treppen Wege Dächer, über und überfüllt von Geistern seien. Wenn sie, die Schamanen, sich mit ihren Tüchern einhüllten, so daß sie nicht geschädigt würden, und dann zu bestimmter Stunde durch die Straßen zögen und die alten indianischen Worte: „Oh Igak-chuati“ riefen, „für dich!“ dann könnten sie unter ihren Gläsern es um sich wimmeln sehen. Im Tempel, auf dem Hof, vor der Tür drängten sich die Geister immer. In der Nähe der Tempel mehr als sonstwo. Hingen da an den Türpfosten wie Handtücher; lang wie Würmer ziehen sie sich durch die Schlüssellöcher; wie Rauch fließen sie in die Wände. Man hält sie für Dampf, durch den man schreiten könne. Aber das regt sich so kalt unheimlich, kritzelt und kriebelt, läßt Feuchtigkeit und Nässe auf der Haut zurück; man kann schwer atmen zwischen ihnen. Sind zahllose Geschöpfe, Menschen Weiße Mischlinge Farbige Kinder Männer Mädchen, auch Hunde Ziervögel Katzen. Geht man die Straßen, so werden es Tausende. In den Parks ist ihr Getümmel furchtbar. Sie verschlingen sich, hängen schaukeln um Baumkronen. Im Herbst kriechen sie in die Spalten der Rinden, in Erdlöcher, suchen an die Wurzeln heranzukommen. Manche Bäume sind von ihnen überlagert wie von einem Bienenschwarm. Nur wenn die Schamanen kommen, lösen sie sich ab, schwirren ab, mit einem Geräusch ganz hoch, als wenn man eine Saite mit einem feuchten Finger herunterfährt.

„Rufen wir ‚Für dich, für dich!‘ sind sie still, tun so, als wenn wir nicht da wären, sind emsig wie Ameisen. Was sind das für Menschen Hunde Ziervögel Katzen? Wir haben welche erkannt von ihnen. Manche sind nicht von hier, sind weither gewandert geflattert geschwommen. Aus fremden Stadtlandschaften, östlichen südlichen Ländern. Viele müssen über das Meer gekommen sein, wie muß ihnen die Fahrt beschwerlich geworden sein. Mußten sich an Schiffsmasten hängen, vom Wind sich werfen lassen, in das salzige Meerwasser schütten und wieder erheben. Uralte sind dabei. Die Luft und der Drang scheint vom Süden und Osten zum Westen herüberzugehen. Wir haben Geister, Schatten aus dem Uralischen Krieg in großen ungeheuren Zügen angetroffen. Es hat niemand in den westlichen Städten gemerkt, was da war, das ihn bewegt verstimmt hat. Sie haben überall, wo sie vorbeigezogen sind, die Menschen schwach gemacht, ihre Seelen auf Tage gelähmt. Sie irren immer weiter westlich, über den Ozean, nach Amerika, auf die großen Gebirge, über Prärien, durch die Städte. Kein asiatischer Mensch, kein asiatisches Tier ist bei ihnen, obwohl die die halbe russische Ebene bevölkern. Wir sind so nah am mittleren Europa, aber wir haben noch nie einen Menschen gesehen, einen Geist, der aus Marduks oder Zimbos Land war. Was sind das für Geister? Nicht sterbende, nicht lebende! Geister von Wesen, wie wir, die nur geboren sind, nie gediehen sind.“

Und sie zeigten auf ihre Gläubigen, die dünne Muskeln hatten, lange trockene Arme. Die Haare fielen ihnen aus, sobald sie einige Jahre mannbar waren. Die Zeit einer heftigen überhitzten Brunst war da. Sie verbrannten und konnten nach fünf Jahren nicht mehr zeugen. Wie die Weiber in ihrem Fett schmolzen und kaum ein Kind austrugen. Nur dreißig Jahre verdämmerten sie, dann fielen sie. Ihre Geister, die Geister ihrer eigenen Eltern Voreltern Geschwister sind es, die die Städte drängend drückend erfüllen, die sich nicht von den Mauern Türen Straßen lösen können, wie sie sich schon bei Lebzeiten nicht lösen konnten. Auf die Bäume fliegen sie, an die Teiche Seen. Aber die Stadt bringt immer neue hervor.

So schreckten die Schamanen in den Städten. Steigerten die Angst, die alle vor dem Wohnen Kränkeln Siechen in diesen Städten hatten. Die Menschen weinten. Vor Jahrzehnten weinten einzelne, jetzt klagewinselten ganze Städte. Sahen sich sterben und verwesen. Ihr Leben wurde kürzer. Ihre Leiber hinfällig. Die Zähne konnten sie mit zwanzig Jahren schmerzlos mit zwei Fingern aus den Kiefern heben. Die Menschen wuchsen nicht zur Größe derer, von denen sie abstammten. Riesig wölbten sich nur überall die Köpfe; die Stirnen der späten Generationen waren vorgetrieben, die Augen wichen darunter zurück. In manchen Gegenden wuchsen die Menschen übermäßig hoch, trieben ihre Knochen zwei Meter auf; dünne platte Muskeln klebten daran; ihr Gang war langsam; das Herz sehr klein; diese zerbrachen besonders früh.

Die Menschen, die die Zwanzig überlebten, setzten übermäßig Fett an. Es gab in den westlichen Landschaften Menschen, die magere große Köpfe hatten, deren Hals zwischen Fettwampen schwankte, aber an Arme Beine hängte sich das Fett in förmlichen Kloben und Säcken, die über ihre Finger und Zehen quollen, schwerbeweglich zum Gehen Greifen machte. Bei manchen wuchs das Fett wie ein bösartiger Parasit über sie her, mit zunehmender Gewalt von oben nach unten: der Hals und die Brust blieben noch schmal, freundlich und hilflos blickte oben ein Kopf her. Von den Brüsten ab schwollen sie an, dicker polsterten sich die Fettschwarten auf; der Leib warf sich auf den dreifachen Umfang der Brust, schwankte nicht bei Bewegungen, stand prall in seiner Masse. Schenkel und Füße paketartig zementiert, von Wülsten umwickelt. Darin stampften die Menschen, stöhnten starrten wie Fleischpyramiden. Nach ihren Rassen setzten sie an oder blieben dünn, wuchsen hoch; Negerabkömmlinge verfetteten am raschesten. Es wuchsen welche auf in einigen Gegenden mit kolbenartigen Anschwellungen und Knoten der Gelenke wie Pflanzen. Schlanke zarte Glieder bewegten sich in ungeheuren kuglig runden Scharnieren, zitterten daran. Knotig dick die Ellbogen, kleinen Fingergelenke, Knie, die Knöchel der Füße und Hände. Rasch konnten sich diese Menschen bewegen, ihre Muskeln waren die stärksten, aber stockten erlahmten erstarrten rasch. Sie fühlten alle, dies mochte von den süßen sonderbaren reichen Speisen kommen, die man ihnen zutrug, nach denen ihre Eltern und Voreltern verlangt hatten, von der Untätigkeit, dem Lungern in geschützten Häusern, auf verdeckten Plätzen und Straßen. Aber es war wie ein Pferd, das durchging. Man konnte es nicht aufhalten.

Um die Zauberer herum standen Menschen, weinten, die von Lähmungen befallen waren, die keiner deuten und heilen konnte. In Massen waren sie gelähmt. Arme und Beine wurden schlaff, die Augenlider konnten sie nicht anheben, zuletzt lallten sie, andere fütterten sie. Sie fühlten die Speisen nicht im Mund, verschluckten sich, erstickten. Es gab keine Ärzte für diese Menschen. Die Ärzte gehörten den senatorischen Kreisen an, schwiegen. Hingerissen hörten die Kranken Verelendeten die Mysterien der Zauberer an. In langen Zügen fuhren und flogen sie auf die Hügel, wo die Tempelchen standen. Wie Vögel im Winter um die Näpfe sammelten sie sich hier. Zeigten sich ihre Arme und Beine. Schrecklich unter dem grellen Tageslicht die Körper und Blicke. Bei diesen Begegnungen starben manche. Manche ließen sich nicht zurücktragen. Die Zauberer mußten nahe Siedler rufen, die Hütten für diese Verzweifelten errichteten. Manche erholten sich. Wie sich die Menschen, aus den warmen künstlichen Städten hergestiegen, auf den Feldern und Hügelchen ansahen, war ihre Trübsal groß. Auch grimmige leise und fäusteschüttelnde Anklagen wurden ausgestoßen gezischt geschluckt.

Bei Bedford sang und schrie eine Frau: „Ich bin ein Weib. Meine Eltern haben in London gewohnt, meine Großeltern haben in London gewohnt. Sie kamen aus Afrika oder Amerika, waren stark. Dann wurde ein Zauber auf sie geübt. Sie waren schwach. Sie gingen in das Haus der Zauberer. Sie brauchten keine Furcht mehr haben, zu verdursten und zu verhungern, es konnte sie keiner mehr über den Haufen rennen. Keiner konnte sie mehr mit Lanzen Dolchen Gewehren umbringen. Seht meine Finger, meinen Hals, meine Brüste. Ich bin ein Weib. Zwanzig Jahr. Zwei Kinder hatte ich. Sind beide gestorben. Und bin ich lebendig? Jetzt bringt mich kein Gewehr um. Aber was nun. Bin ich fett? Bin ich ein Mensch? Muß ich jetzt verenden? Ich will sterben, ich möchte nicht so leben. Ich verfluche mich, wenn ich mich jeden Morgen sehe. Wer hat mich so gemacht? Ich selbst. Ich selbst. Ich habe es nicht besser gewußt. Die Herren in den Städten wissen was sie tun. Sie sind die Bösen. Die Bösen an mir, an allen. Vor Jahrzehnten haben sie einen Krieg gemacht. Jetzt führen sie Krieg gegen mich. Und sagt, ob sie nicht siegen und böse sind. Böse sind sie. Böse sind sie.“ Die Frau stammelte, lag bei einem Siedler auf dem Boden, schluckte grünes Gras: „Wären wir alle in die Erde gesunken mit den Menschen, die in den Krieg zogen. Welches Leiden ist das. Wäre ich mit meinen Kindern in die Erde gesunken. Nichts bin ich. Nicht fruchtbar bin ich, nicht laufen kann ich, nicht greifen kann ich, nicht kann ich schlucken. Ich bin lebendig begraben. Ich schreie. Ich schreie.“

Und doch wie die Menschen sich hinwarfen: ihre Angst war groß, sie könnten die Städte verlieren, müßten aus den Häusern heraus, man brächte ihnen keine Nahrung mehr, triebe sie, für den Tag selbst zu denken. Nicht mehr erregt zu Wildheiten wie die voruralischen Menschen waren sie. Sondern weich zärtlich frühreif gedankentief, von Empfindungen durchstrudelt, nach Reizen gierig, prunksüchtig demütig. Zur Anbetung, zum Dienen bereit, flatternd von Stunde zu Stunde, lecker, wollüstig am Leben hängend. Von Zeit zu Zeit liefen Vorstellungen über die Kontinente, die Verfolgungsideen waren, unter denen sich diese Menschen bogen, die sie entsetzt nachsprachen, nach einiger Zeit von sich abschüttelten, schreckhaft vertiefter als vorher.

Und immer neue Menschen unter ihnen. Der Hang des afrikanischen Erdteils, seine Kinder herüberzuschicken nach Norden und Westen hatte nicht aufgehört. Der südliche Erdteil, der seine Häusersiedlungen fast vernichtet hatte, strömte Menschen aus wie die Sonne Wärme.

Vom westlichen Afrika kamen damals die Menschen, die am tiefsten und eigentümlichsten in den Städten Europas wirkten. Das waren Fulbe aus der Gegend der Guineaküste, waren Mandarah Bagirmi Wadey Ibo Yoruba, kleine Pilgergemeinden aus Kordofan und Samoa. Sie waren von zierlichem Wuchs mit gewölbter hoher Stirn, großen offenen ausdrucksvollen Augen, rötlich braun bis zum Gelblichen die Hautfarbe, immer auf Taten aus, spielerisch wild, sonderbar gebrochene Charaktere, bald weich schmelzend, bald unnachgiebig. Diese waren in alle Städte rasch eingedrungen; ihre Anwesenheit gab dem ganzen Leben der Städte ein besonderes Gepräge. Bald wollte niemand den Glanz und die Munterkeit, die unbezwingliche Naivität dieser rötlichen und braunen Menschen entbehren, die sich gar nicht geneigt zeigten zu streiten. Sie hielten sich in Europa auf, als wären sie Regentropfen, die selbstverständlich da sind, waren betrübt über die Angriffe, versteckten sich für einige Zeit, kamen wieder hervor. Wie diese Männer und Frauen von Mandarah und Bagirmi zu singen und zu erzählen verstanden, war den Europäern unerhört. Die Lieblichkeit ihrer Erzählungen und Lieder schmolz alle Herzen. Sie sangen und sprachen wie vor vielen Jahrhunderten Gaukler und Spielleute im südlichen Frankreich und der Po-Ebene. Von Bäumen, vom Himmel, den Lüften, der Liebe zu Weibern, von kleinen Kindern, den Regenröhren, Hirschen, Tigern, Löwen, der Kälte und Wärme, Schlingpflanzen, bösem Zauber. Von Wasserfällen Pelikanen Krokodilen. Dazu von der Schönheit der großen Städte, in die sie eingetreten waren und die sie alle mit Namen benannten, was sehr sonderbar wirkte. Sie umgaben die Straßen Schaufenster Kostüme Automobile Flugzeuge elektrische und magnetische Apparate der Städte die Speisen mit Zärtlichkeit, brauchten für sie Ausdrücke, die den Städtern zuerst lächerlich erschienen, weil man solche Worte nur an verschollene Dinge zu richten pflegte. Aber ihre Art enthielt süße Lockung. Man ließ sie ihr Herz auszwitschern. Sie waren eitel, überaus glücklich, wenn man ihnen Gelegenheit gab sich zu zeigen. Männer und Frauen strahlten vor Glück, wenn man ihnen zuklatschte. Dann waren sie nach einiger Zeit überall zu finden. Und wie sie überall grasartig ausgewuchert waren, hatten sie ein neues noch nicht faßbares Element in die klappernden, schon lahmen, noch brausenden heulenden maschinengewaltigen Weststädte getragen. Die Männer und Frauen, die die Technik fortführten, die Industrien leiteten, die stark zusammengeschmolzenen und selbst erlahmenden Geschlechter an den Mekiwerken, wurden bewegt von diesen jugendartigen Wesen, um die herum alles wogte.

Aber bald sollten sie, die Herrscher und Leiter, Seelen dieser sich windenden, schlagartig erzuckenden, weich nachlassenden Riesensiedlungen, ein anderes Gefühl vor diesen drolligen Menschen haben. Bei London Havre Hamburg bauten die schauspielernden Fulbe ihre kleinen Theater. Bauten sie, von den Lehren ihrer Priester geängstigt, abseits der Städte, in Wäldern, spielten eindringend und zart, unter ihren Zuhörern und Zuschauern, Komödien Zauber- und Liebesmärchen. Sehr selten kam es zu jubelnden lachenden, auch angstvollen Ausbrüchen. Denn diese zierlichen Fremden wurden langsam mitergriffen von der allgemeinen Furcht in den riesigen Stadtkörpern.

 

Sie spielten das Geschick eines großen Königs. Er bezwang alle Nachbarkönige und trieb sie schwerleibig mit Siegestrompeten in sein Haus, gekettet. Die Flüsse und Bäche konnte er bändigen. Sie mußten laufen, wohin er wollte, mußten seine Steppe bewässern, daß Palmen und Brotbäume da wuchsen, mußten gegen Felsen laufen, bis sie sie unterwühlt und weggespült hatten, wie er ihnen befahl, mußten in seine Häuser steigen, durch enge Röhren kriechen, alle seine Stuben durchkriechen, die wilden Gewässer von den Katarakten. Zuletzt hatte er soviel Gold und Geschmeide aufgestapelt von seinen Siegen und Beutezügen, Spangen Ringe Wagen, daß seine Speicher und Schuppen nicht ausreichten. Die zierlichen Fulbe, die spielenden braunen Männer und Mädchen, die kraushaarigen, zeigten, was dann geschah.

Wie der große Herrscher in der Halle seiner Palastwohnung saß und die Dinge ihm auf den Leib rückten, weil er sie nicht weglassen wollte, sie immer sehen mußte, um sich in seiner Macht zu spiegeln. Sie schilderten das Paradies dieses Mombuttilandes im Innern Afrikas, die sanft gewellten Talniederungen, deren Gehänge Bananen und Ölpalmen bedeckten, die Haine, unzähligen Quellen. Dicht wuchs in den Uferwaldungen Zuckerrohr, süße Bataten auf den sonnenbeschienenen höheren Hügelflächen, Erdnuß Sesam Tabak auf den weiten Äckern. Der König aber, wulstiges schwarzbärtiges Gesicht, die großen Ohrmuscheln mitten von dicken blanken Kupferstäben durchbohrt, riesig der Hut mit Pfauen- und Papageienfedern schaukelnd auf dem Kopf, nackt die frauenhaft weiche Brust, darüber die Zentnerlast der Gold- und Silberketten, Kupferringe, geschnitzten Amulette, schwere Kupferschienen an den prallen flachliegenden Unterarmen, um die quellenden aderstrotzenden Waden; in der herabhängenden Rechten der sichelförmige ziselierte perlenbesetzte Säbel, – Mansu, der König, hinter seinem Pallisadenzaun ging nicht mehr aus seinem Palast. Fetter und fetter wurde er in seinem Prunkstuhl. Seine Frauen massierten ihn. Jeden Tag mußte eine neue kommen. Es machte ihm Spaß um sich Bewegung zu schaffen, sie zu köpfen, wenn sie mit ihrer Arbeit fertig waren und er sich zufrieden fühlte auf seinem Stuhl. Die Schmuckgehänge wurden dichter und dichter um ihn aufgestapelt, Reißzähne von Löwen, Civetten- und Hewattrenfelle in hohen Lagen, Giraffenschwänze. Neben seiner Halle waren die Vorratskammern und Kornmagazine, seinem Blick gegenüber seitlich vom Gang zur Tür die Rüstkammer mit Lanzenspitzen Dolchen Schilden Säbelklingen Hackmessern.

Immer mehr schwoll er, Mansu. Unbeweglich wuchtete und hing er auf seinem geflochtenen Stuhl, der sein Bett und sein Tisch geworden war. Immer neue Schmucksachen ließ er sich um den Nacken an Riemen binden. An seinen Zähnen, jedem einzelnen hing ein Kupferring an einem Hanffaden. Unter seinem Hut ließ er das Haar in kleinen Strähnen drehen, an jede Strähne ein krankheitsbannendes Amulett. Die Haut der Oberarme und der Schenkel war durchbohrt; Riemen hatte er sich durchziehen lassen für die Köpfe der Nachbarkönige, die seine Krieger erlegt hatten. Sein enger Thronsaal, festgezimmert, nur mit einem Fenster und einer Tür geöffnet, wurde finster durch die Reichtümer, mit denen er vollgestopft war. Nur eine kleine Gasse durfte man freilassen.

Da schwang eines Morgens der feiste König Mansu, wie er gähnend erwachte und den Palmwein neben sich schluckte, sein Sichelschwert, schrie nach seinen Frauen. Es war noch Dämmerung draußen. Hinter den Bergen der Löwenzähne und Felle hörte er seine Horn- und Flötenbläser spielen und die Weiber singen: „Ih, ih, Mansu tschupi, tschupi ih.“ Er rief wartend, wieder schluckend, blau vor Wut auflaufend, sich umwerfend, noch einmal. Vor ihm schwangen in der Luft die großen hängenden Fliegenwedel, runde Büsche roter Papageienfedern. Hinter den Fellen tönte das Blasen und Singen weiter.

Aber plötzlich bewegte sich etwas in dem Gang. Durch den engen Gang kam ein kleiner zierlicher Mann langsam gegangen. Er zog hinter sich einen Wagen. Verbeugte sich: er hätte Geschenke von den Babukern zu bringen, die ihm dienstbar wären, wie der große König wüßte. Und er holte von dem Wägelchen große runde Klötze herunter, in Blätter gewickelt. Die legte er neben den König auf die Stapel. Der richtete sich hoch, stierte ihn an, brüllte: „Ich will meine Frauen“ hieb mit dem Messer seitlich nach dem niedrigen Mann, der geschickt wegsprang, ruhig einen Klotz nach dem andern ablud. „Käse. Es sind Käse“ flüsterte er, „wir sind arme Leute, Ziegenhirten: die Massansa haben mehr, die Maoggu haben mehr; wir sind nur Ziegenhirten. Es ist Ziegenkäse, er wird dir wohlschmecken.“ Mansu halbaufgerichtet öffnete luftschnappend den Mund, riß an seinen Amuletten. Immer sangen die Weiber nebenan hinter den Civettenfellen noch das grelle: „Ih, ih, Mansu tschupi, tschupi ih“. Und wie der schweißtriefende König vor Gram halb betäubt ein Amulett an die Stirn drückte, verschwand der niedrige Mann, meckerte: „Sie schmecken gut, du mußt sie essen. Die Babuker sind dir treu.“

Die Fliegenwedel bewegten sich vor dem König. Er riß die Augen auf, rief. Hinter den Federn wankte nach links und rechts sich wiegend in dem Gang ein alter Mann, eine große Strohmatte über Kopf und Leib, die nur seine Augen und seine Nase freiließ. Er hatte das Aussehen den Gang die Stimme des Zauberers des Königs. Wollte nicht näher kommen, obwohl Mansu es befahl. „Du bist krank, Mansu“ flüsterte er von weitem, warf sich hin aufs Gesicht. „Bring mir einen Trank, daß ich gesund werde. Sonst schlag ich dich tot.“ Der Zauberer flüsterte an der Erde: „Ich habe den Trank. Ich habe gewußt, daß du krank bist. Ich hab ihn mitgebracht. Hier ist er, an meiner Brust. Vor einer Stunde habe ich ihn im Tempel gemischt.“ „Gib.“ „Ich kann nicht.“ „Gib. Gib her. Ich schlage dir den Kopf ab.“ „Du mußt ihn am Wasser trinken, bei Sonnenaufgang, draußen am Tempel.“ „Gib ihn her. Ich will nicht draußen.“ „Komm“ lockte der Zauberer, der zurückgewichen war, „er wirkt sonst nicht.“ Prustend erhob sich der König, schrie Hilfe nach seinen Weibern. „Du mußt kommen“, flüsterte der im Strohmantel am Boden. „Die Sonne geht bald auf, der Trank verdirbt, du kannst sterben.“ „Warte, warte“ drohte Mansu stehend, fuchtelte vom Thronsitz heruntertorkelnd sein Sichelschwert. Der Zauberer lockte: „Komm, komm. Ich stell dir den Trank hierher. Neben die Tür. Hier. Du kannst ihn sehen.“

Da war Mansu die Stufe des Thronsessels heruntergestolpert. Er raffte sich auf. Die schweren Riemen mit dem Prunkgehänge wollte er sich abreißen. Es gelang ihm nicht. Sein Arm verhäkelte sich in den Massen der Ringe und Ketten. „Hier steht der Trank. Neben der Tür. Beeil’ dich. Die Sonne geht bald auf.“ Der König ächzte, der Gang war zu eng. Die Löwenzähne rissen ihm seinen hohen Hut herunter, schlugen ihm vor den Mund. Er drehte sich zur Seite, er war zu dick, er kam nicht durch. Er brüllte nach dem Zauberer, nach seinen Weibern: „Ich kann nicht durch.“ Der Zauberer war verschwunden. Ganz lustig und leise summten sie hinter den Fellbergen die Hymne; sie klapperten; der König hörte es gern im Halbschlaf. Er rang mit den Massen der Tierfelle und Schwänze, die auf ihn niederrollten. Mit seinem Sichelschwert schlug er auf sie ein. Er focht mit ihnen. Immer neue fielen herunter. Er schob an ihnen. Der Trunk war da, die Tür war nicht weit. Er ließ sein Sichelschwert fallen. Die linke Hand war ihm im Halsgehänge gefangen; er bekam sie nicht ab. Da drang er wütend kreischend, mit den Beinen stampfend nach vorn vor. Mit dem Kopf wollte er sich durch die Berge wühlen. Er drehte sich um sich. Die schwere Masse der Giraffenschwänze rollte knatternd über ihn. Er machte sich frei, taumelte in einen Haufen getrockneter Bananen. Und wie er um sich griff, riß er die Riemen mit den Löwenzähnen und einen starken Elfenbeinzahn von der Decke. Die schlugen drückten auf ihn herunter. Sein Kopf wurde festgepreßt. Die Bananen zerpreßte sein Hals sein schreiendes Gesicht. Das weiche sämige Mehl quoll neben seinen Ohren hoch, rann in seine blasenden Nasenlöcher, stopfte seinen weit aufgerissenen Mund aus. Er schluckte, schluckte dran, spie, spie, wollte es mit den Händen wegräumen; die waren neben den Knien festgeklemmt, er fühlte sie nicht. Den Kopf warf er noch wie ein zappelnder Fisch hin und her. Dann überrieselte ihn das süße Mehl. Seine Kiefer standen still; der Krampf in seinen Augen ließ nach. Er erstickte zwischen den mehligen Früchten, in die seine tretenden Beine sich wie in ein Moor einwühlten. Seine Frauen fanden ihn nach Stunden, wie sie mit Flöten anzogen, völlig vergraben in der weichen zerwühlten Masse. Die Frauen, die Söhne priesen seinen Tod; sie weinten: es sei der Tod eines Königs gewesen.

Und die braunen Spieler holten den Erstickten aus seinem gelbweißen Sarg, stäubten ihn ab, stellten ihn auf seine Beine. Er stülpte sich seinen Riesenhut auf. Sie tanzten zusammen um den Hüttenbau herum, bliesen das Mehl fort. Der König war in einem Lachen, wie er auf seinen Fettbeinen tanzte.

 

Auf den waldigen Hügeln im Südteil der Stadtschaft London, bei Guildford am Wayriver, und bei Tunbadge, östlich davon, spielten sie. Viele kamen zu ihnen heraus. Bald zogen sie südlicher, ganz außerhalb der Stadtschaft. Im Westen der Stadt machten sich die kleinen von vielen geliebten Bühnen auf. Sie trugen die Possenstreiche des Hubeane vor.

Das waren Szenenreihen, bei denen die Spieler improvisierten. Der Knabe Hubeane zeigte seine Wunderlichkeit. Seine Mutter geht über ein Feld, den Krug auf dem Kopf. Da schläft in den Schoten eine Antilope, das kleine Tier. Sie nimmt einen Stein, erschlägt das Tierchen. Singend schlendert Hubeane an, schießt mit Schotenkörnern nach der Mutter. Sie schimpft. Er solle die Erbsen wenigstens essen, wenn er so junge Schoten abbreche. Da meint er erstaunt, deswegen schieße er ja nach der Mutter; er traue sich nicht Dinge zu essen, die nicht bei der Mutter gewesen sind. Sie gab ihm ihren Tragkorb, zeigte ihm die junge Antilope: „Hubeane, mein Kind, hilf mir die Antilope in den Korb legen. Und hole Schoten, damit wir sie ganz zudecken können.“ Er brachte einen Berg von Schoten, und ob man einem jungen Tier wirklich so viel Schoten geben solle. Die Mutter sagte, sie wollten das Wild damit bedecken. Sonst sähen es die Leute und nähmen es ihnen weg. „Trag die Antilope nach Hause. Und wenn du Leuten begegnest, die dich fragen, was du trägst, so sage: Ich trage meiner Mutter Schoten. Aber in deinem Herzen ist es eine Puti-Antilope.“ Hubeane nahm den Korb, wanderte los. Es kamen Leute, die fragten, was er trage. Er guckte einen nach dem andern an, lachte, lachte immer heftiger. Sie fragten, warum er lache. „Ihr habt wohl meine Mutter getroffen. Euch hat meine Mutter geschickt.“

„Deine Mutter ist mit einem Krug über das Feld zum Wasserholen.“ „Euch hat meine Mutter geschickt. Sie hat mir gleich gesagt, daß ich Leute treffen werde, die mich fragen, was ich in dem Korb trage.“ Und er schüttelte ihnen die Hände, freute sich über die Klugheit seiner Mutter. Die Leute gingen ihm aufmerksam nach: „Was trägst du in dem Korb.“ „Ich trage meiner Mutter Schoten. Aber in meinem Herzen ist es eine Puti-Antilope.“ Die Leute lachten; was der Junge für Zeug rede. Dann strichen einige Böse hinter ihm her, deckten die Schoten ab, sahen das junge Wild, wollten es ihm aus dem Korb nehmen. Er ließ es aber nicht zu. „Ich muß sie nach Haus tragen.“ „Trag sie doch zu uns nach Haus.“ Das wollte er gern. „So, jetzt habe ich die Puti-Antilope nach Haus gebracht“ seufzte er beruhigt und zufrieden, als er den Korb bei ihnen absetzte. Sie taten das Wild an den Spieß. Er durfte ein Stück mitessen, dankte oft. Eine Banane gaben sie ihm in die Hand. Seiner Mutter ging er entgegen: „Mutter, diese halbe Banane ist für dich, weil du so klug bist und alles vorausgewußt hast. Vielleicht, ja vielleicht gibst du sie mir aber wieder, damit ich sie den Leuten bringe. Sie ließen mich ja auch von der Puti-Antilope mitessen. Unsere Schoten, sagten sie höflich, schmeckten so schön.“

Man gab Hubeane Schafe. Er sollte immer an einem Stein sitzen, sie hüten. Einmal lag auf dem Wiesenplan ein totes Zebra. Am Abend trieb er die Schafe heim. Die Männer fragten ihn, wo er gehütet habe. Er dachte nach: „Heute – hab’ ich bei einem Stein gehütet, der lauter bunte Streifen hat.“ Die Leute lachten; einen buntstreifigen Stein gab es in der Nachbarschaft nicht. Am nächsten Morgen zog Hubeane wieder auf die Weide, setzte sich zu dem toten Zebra. Das war inzwischen angefault. Hyänen sprangen um den Kadaver. Und als der Junge abends nach Hause kam, sagte er, heute habe er am Hyänenstein gehütet. Die Männer wunderten sich, wie er spreche: gestern vom buntstreifigen Stein, heute vom Hyänenstein. Sie gingen mit ihm aufs Feld, fanden das faulende Zebra. Die Hyänen sprangen davon. Sie schüttelten den Kopf: „Was tust du, Hubeane. Das ist ein Wild, das gut schmeckt. Wenn du es liegen siehst, und es ist gefallen, so mußt du rasch Zweige abhauen, damit es keiner wegnimmt, damit es der Geier und die Hyänen nicht holen. Und dann lauf rasch nach Haus und schreie. Schreie. Wir kommen dann und holen es.“ Der Junge spitzte den Mund pfiff dankte. Und wie ein kleiner lahmer Vogel vor seinen Füßen sprang auf der Weide, setzte sich Hubeane auf ein Schaf, den schweren Stecken in der Hand, trieb es mit Gejohl auf das Vögelchen, Motantasana genannt, zu. Das Wild wollte er erlegen. Aber das Schaf wollte nicht rennen. Da trat ihm Hubeane in die Weiche, sprang ab, warf eine kleine Grube auf, versteckte sich hinter Laubwerk, das er abgebrochen hatte, und drang brüllend vor auf das lahme Vögelchen, das in die Grube hüpfte. Hubeane stieß ein Triumphgebrüll aus. Er stand schreiend vor der Grube, schlug blind hinein, schaufelte Erde mit den Händen in das Loch, warf seine Zweige hin, lief nach Hause. Aus vollem Halse johlte er: „Das Wild! Das Wild! Ich hab das Wild getötet. Mit eigener Hand getötet. Kommt. Tragen! Bringt. Tragen!“ Die Männer liefen mit Messern an, die Frauen schleppten Körbe, liefen auf den Wiesenplan hinter dem stolz hüpfenden Hubeane. „Hier ist es. Hier liegt es. Unter den Zweigen. Da!“ Die Männer arbeiteten, Zweig auf Zweig räumten sie weg. Die Frauen standen mit Tragkörben, warteten freudig. Hubeane johlte, kommandierte: „Alle Zweige weg! Und die Erde müßt ihr wegraffen. Ich habe das Wild in die Grube gescheucht. Es hat mich nicht gesehen. Hinter dem Laub war ich versteckt. In die Grube hab ichs gehetzt, hab es erschlagen und erstickt.“ Und von der Erde, die sie wegräumten, fielen Steine um Steine. Hubeane haschte nach jedem Stein: „Das ist es nicht. Das ist es nicht.“ Das Vögelchen fiel. Er juchzte tanzte: „Da, es zuckt. Da ist es. Es lebt noch. Nehmt die Messer! Schlagt es tot.“ Die Männer ließen die Hände sinken. Sahen ihn an, wie er mit seinem Stecken sprang focht. Sahen sich an. Betrübt schlenderten sie zurück. Die Mutter nahm ihn beiseite: „Kind. Das ist ein Vögelchen. Das ist ja kein Wild. Wenn man ein Vögelchen fängt oder man hat es getötet, so sagt man gar nichts, ruft gar nicht. Man bringt es ganz still abends nach Haus.“ Er stand mit gespitzten Ohren: „Ich will es tun, Mutter.“

Und einmal kam ein großer Lämmergeier aus der Luft, warf sich auf ein junges Tier, Hubeane sah freundlich zu unter seinem Baume, wie der Geier das Tierchen packte und davonflog. Er lachte über das schreiende Lämmchen: „Warum schreit das Lämmchen. Jetzt fliegt es mit dem Vögelchen durch die Luft und schreit noch.“ Der Geier kam nachmittags wieder. Strich sehr nahe über Hubeanes Sitz. Da dachte der: „Ich fang ihn.“ Machte seinen Gürtel ab, hielt den dicken Stecken in der Hand, schlug zweimal dreimal auf den herunterstoßenden Geier, schlug ihn nieder. Dann band er ihn an seine Jacke. Der Geier an der Schnur fuhr hackend gegen ihn an, zerbiß ihm die Arme, riß ihm die Kleider entzwei. Hubeane kämpfte den ganzen Nachmittag, erschöpfte sich. Er hatte Mühe abends, mit dem Raubtier springend fallend und es niederdrückend, seine Herde nach Hause zu treiben. Die Hunde liefen bläffend um ihn. Kreischend empfingen ihn, der blutete, die Kleider zerrissen hatte, die Frauen am Eingang des Dorfes. Er, immer schlagend, keuchte stürzte: „Es ist nichts. Es ist nichts. Ein Vögelchen. Man darf nicht schreien. Ich hab es angebunden.“ Und ließ sich auch nachher nicht davon abbringen, als man ihm sagte, daß der Vogel ein Lämmchen davongetragen und ihn fast umgebracht hatte. „Das Vögelchen?“ Hubeane ließ sich staunend verbinden, betrachtete vorwurfsvoll seine Mutter.

Der Vater hatte seine bösen Streiche über, nachdem Hubeane ihn vor der Dorfgemeinde durch Übermittelung falscher Aufträge, durch Berichte von nie stattgehabten Vorfällen lächerlich gemacht hatte. Er suchte sich Hubeanes zu entledigen. Er nahm ihn auf einer Tigerjagd mit, versteckte ihn, als man das Tier umzingelt hatte, in einem ausgehöhlten Termitenhügel, hoffte, der Tiger würde gejagt in den Hügel stürzen und Hubeane zerreißen. Das gereizte Tier wurde gegen den Hügel gedrängt. Der Vater brüllte scheinbar entsetzt: „Hubeane, Hubeane. Der Tiger!“ Hubeane kam nicht. Auch der Tiger war in dem großen Bau verschwunden. Die Männer drangen nach einiger Zeit unter Getrommel gegen den Bau vor. Über und über mit Erde bedeckt zeigte sich da in der Öffnung des Baus Hubeane. „Der Tiger ist nicht drin, ich habe gewartet, daß er hereinkommen würde. Hab ihm auf der anderen Seite ein Loch gegraben. Und wie er hereinstürzte, sah er das Loch. Flitz, schoß er gegen das Loch. War hinaus.“ Er gab dem Vater und den anderen dankend die Hand: „Wie habt ihr schön gebrüllt. Hättet ihr nicht so gebrüllt, so wäre er in der Höhle geblieben und hätte mich gefressen.“

Der Vater ließ nicht nach. Trieb ihn aufs Feld, verkleidete sich als Fuchs, der Hubeane angriff. Aber Hubeane riß aus, lockte, ließ den nachsetzenden Fuchs in eine Mistgrube. Wie der Fuchs drin zappelte, rief Hubeane die Leute zusammen, schlug von oben auf das Tier ein: „Ein Teufel!“ Bis die Männer den halberstickten Mann mit Stangen herauszogen und der Sohn ihn streichelte: „Es war ein Teufel, seine Haut schwimmt da, er hatte dich verschluckt. Nächstes Mal schlage ich ihn ganz tot.“

Um die Zeit des Vollmonds kam das Ende. Da stellte der Vater, der sich vor Wut nicht halten konnte, eine Leiter an die Hütte, in der Hubeane schlief, blickte durch ein Loch in den finsteren Raum herunter. Ein gelbes riesiges Mondgesicht hatte sich der Vater vorgebunden, das verhüllte seinen Kopf und die ganze Brust. In den Händen hielt er verborgen ein Bündel Speere. Grimmig war der Vater; mühsam stieg er die Leiter hinauf, noch lahm von den Schlägen des Sohnes. Er murrte drohend: „He! Da unten! Herauf! Herauf! Hubeane!“ Der richtete sich zitternd im Stroh auf: „Wer ist da.“ „Der Mond vom Himmel. Willst du nicht kommen, mich anbeten.“ „Der Mond. Zu mir! Oh ich fürchte mich. Ich will ihn nicht sehen.“ „Komm, daß du mich siehst.“ Und wie Hubeane aus dem Stroh langsam ankroch, sauste die erste Lanze gegen ihn. Er fuhr kreischend zurück. Der Mond dröhnte: „Her zu mir! Willst du mich anbeten! Das sind meine Strahlen. Meine Strahlen. He! Heran. Sonst verschlucke ich dich.“ „Ich fürchte mich nicht vor dir, guter Geist. Gewiß nicht. Ich komme gleich. Ich hole mir nur einen Schirm, weil deine Strahlen so brennen.“ „Sie brennen nicht. Komm heran.“ Der Vater lauerte, lugte herunter, sah den Sohn nicht. Er blies durch ein Horn herunter, drohte: „Auf! Auf! Steh auf, Hubeane!“ Da fühlte er die Leiter unter sich zittern. Sie schwankte. Und wie er sich umdrehte, hielt ihn einer an den Armen fest, umschlang ihm von rückwärts den Brustkorb. Der Vater schrie: „Hilfe! Hilfe!“ „Schrei nicht, lieber Mond. Die Leute bekommen Angst.“ „Hubeane.“ „Du kennst mich bei Namen, lieber Mond. Du siehst alle, kennst alle Menschen aus unserem Dorf, alle Hühner, alle Hunde. Ich hab meinen Schirm nicht finden können. Kann dich nur von hinten betrachten; von vorn brennst du so. Geh solang in meine Hütte, bis ich meinen Schirm habe.“ Und hob den um sich schlagenden Mann auf der Leiter hoch, stürzte ihn durch das Loch in die finstere Hütte, riß ihm im Fall das Lanzenbündel aus der Hand. „Jetzt will ich Licht machen, lieber Mond, damit du meinen Schirm suchen kannst. Du liegst auf dem Gesicht. Ich leuchte.“ Und schleuderte Speer auf Speer senkrecht herunter, raffte Steine, schmetterte sie durch das Loch in die Hütte: „Hier neue Strahlen. Sieh jetzt! Kannst du sehen. Noch nicht. Noch nicht.“

Er holte sich vom Nachbarhaus eine Strohmatte, kehlte ächzte die Leute zusammen: „Der Mond ist in meiner Hütte. Ihr sollt ihn verehren. Nehmt einen Schirm mit. Die Strahlen sind scharf.“ Verwundert liefen sie aus den Häusern, mit Laternen und Fackeln. Hubeane winkte vor der Hütte: „Nehmt einen Schirm mit. Er liegt drin auf dem Gesicht. Der Mond. Durch das Loch ist er vom Himmel in meine Hütte gefallen. Wenn er sich umdreht, brennt er.“

Und wie sie in die Hütte eindrangen, an Hubeanes Possen gewöhnt, doch ängstlich, lag da angespießt, von Steinen zertrümmert auf dem Gesicht ein Mann in einer großen Mondmaske. Sie machten den Blutbegossenen los, wandten ihn um. Der Tote war Hubeanes Vater, die Brust durchbohrt, der Schädel zerbrochen. Hubeane stand stumm, ließ heulend geifernd den Kopf hängen: „Ach, mein Vater.“ Sie faßten ihn: „Du hast ihn totgeschlagen, Hubeane.“ Er zeigte die Zähne, schlug die Leute: „Es war der Mond. Es war nicht mein Vater. Wenn mein Vater lebte, würde er es euch bezeugen. Der Mond hat mich mit Strahlen gebrannt. Er wollte mich verbrennen.“ Die Männer wußten, wie die Sache verlaufen war. Hubeane hockte in der Ecke, zerkratzte sich die Brust: „Was wird meine Mutter sagen. Sie wird mich vor dem Mond schützen.“ Sie taten ihm, der nach ihnen die Fäuste hob, nichts mehr von da ab.

 

Zu Spielen dieser Art, Tänzen, erregter Geselligkeit auf den Wiesen, in den Wäldern, erschienen große Massen aus den Städten. Teile kehrten nicht in ihre Häuser zurück, hielten sich erst tagelang in der Nähe der Spiel- und Unterhaltungsstätten auf, siedelten sich dann an. Hatten die Städte noch im Rücken, aber bewegten sich gefesselt in diesen Landschaften, in denen es Tag und Nacht wurde, von deren dunkelblauem Himmel nachts die wimmelnde Unzahl der Sterne herunterblickte. Sie sahen die früheren Siedler, Zügel in der Hand hinter Pferden und Ochsenwagen fahren, Vieh treiben. Die Felder waren gleichmäßig mit einer Waldung von Ähren bewachsen, aus denen die Menschen sich Brot machten. Immer das flache Land Forsten Seen Wiesen überflogen von dem stoßenden Wind. Regengüsse Wolken in der hohen Luft.

In der Londoner Stadtlandschaft herrschte während der Neuorganisation des Völkerkreises straffe Arbeitswirtschaft. Neue Fabrikanlagen wurden geschaffen, große Scharen von Arbeitern benötigt, wachsende Mengen von Monat zu Monat. Um diese Zeit war es, wo das Fluten der Menschen an die Peripherie und über die Grenzen hinaus zunahm. Im Londoner Senat wurde festgestellt: es sind nicht genug Menschen für die projektierten Anlagen da. Delvil sprach mit Empörung. Es sei beispiellos, was jetzt geschehe. Man füttere dreiviertel der Bevölkerung. Im Augenblick, wo man ihrer Kraft, nur teilweise ihrer Kraft bedarf, weigern sie sich. Es kam in dieser und den folgenden Beratungen zwischen Delvil, der empfindlich geworden war, und der breitschultrigen White Baker zu ernsthaften Zusammenstößen. Sie hatte, wie man argwöhnte, um die gefährlichen Bewegungen dicht an die Stadt heranzuziehen, ihre eigenen Liegenschaften Siedlungsgruppen zur Verfügung gestellt. Ohne den Senat zu befragen oder ihm Mitteilung zu machen, hatte sie die Förderung von wichtigen Erden und Kalksalzen aus ihren Gruben untersagt und den Mekianstalten Schwierigkeiten gemacht. Sie verteidigte die Untätigen, die durch die lange Muße schlaff geworden wären; man könne sie nicht im Moment umschaffen. Delvil brauste: sie seien nicht schwach, seien erbärmlich, ohne Gefühl für das, was der Gesamtheit nottue.

Und seiner Macht und Kraft gemäß beschloß der Londoner Senat, wie er erklärte, im Bewußtsein seiner Verantwortung für die westliche Menschheit, die an neue Aufgaben heranginge: der Senat fordert die ganze Bevölkerung auf, am Wiederaufbau der durch Krieg und die allgemeine Resignation verfallenen Stadtlandschaft mitzuarbeiten. Man müsse ein Vorbild, ein fortreißendes Beispiel den andern Gliedern des neuen Völkerkreises geben. Hinter den Stadtschaften, die schon aufgerichtet seien, dürfe man nicht zurückstehen. Treulose und Entartete müssen wissen, daß der Senat über Machtmittel verfügt. Der Beschluß wurde von allen Senatoren unterschrieben bis auf die White Baker, die damals zum letztenmal im Senat erschien. Man trauerte nicht hinter der Eigenbrödlerin; nur Delvil war besorgt.

Mit Spott und Grimm wurde die senatorische Verfügung aufgenommen. Agitatoren Priester Landsiedler, in die Stadt eindringend, nahmen höhnend den Beschluß vor: „Was faselt der Senat von Verantwortung an der westlichen Menschheit. An welche Aufgaben soll die westliche Menschheit geführt werden. Man hat vielleicht in den Laboratorien eine Handvoll neuer Erfindungen, die an den Menschen exekutiert werden sollen. Der Uralische Krieg ist ergebnislos verlaufen? Wer das sagt! Er hat ein Ergebnis gehabt! Herrengeschlechter, senatorische Gewalten, Völkerkreise haben ihre Ohnmacht bewiesen. Und sie glauben, man hat es vergessen. Konnten es mit Marduk nicht aufnehmen, obwohl sie Waffen hatten und ihn hätten ausrotten können. Aber wagten es nicht. Hätten die Auswanderer nach Yukon und Alaska zerschmelzen und zerblasen können. Aber haben die Yukon- und Alaskamänner gelassen! Warum? Weil sie im Innersten gelähmt sind. Das Gewitter wird mit Hagelschlag und Donner auf sie fallen. Was können sie als drohen, ihre Angst verbergen!“