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Berge Meere und Giganten

Chapter 8: Sechstes Buch. Island
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About This Book

A vast, epoch-spanning vision traces how postwar industrial societies accelerate mechanization and global expansion, extending human control through colossal machines and engineered infrastructures. The narrative moves through phases of technological triumph and colonial exploitation, seaborne projects and biological-engineering ventures, and finally the rise of towering artificial entities whose operations reshape climates, geographies, and communities. It examines the tension between human ambition and impersonal forces, attending to questions of scale, material transformation, ecological consequence, and the fragile persistence of everyday life amid sweeping systemic change.

Sechstes Buch.
Island

Der Plan der Enteisung Grönlands wirkte wie ein Bergsturz erschütternd auf die Städter. Ein an Grausen grenzendes Staunen warf die Gedanken um. Ingenieure Physiker vertieften sich in den Plan. Die Senate nahmen überall vollzählig an den Erörterungen teil. Man hatte das Gefühl vor einer Entscheidung der ganzen Existenz zu stehen. Die Senate spannten sich, waren auf der Hut, wie bei der Freigabe der synthetischen Ernährung.

Die Fachleute hatten vor, die beispiellose Gewalt der schmelzenden Gletscher für sich arbeiten zu lassen. Sie griffen weiter aus; man wollte bei der Enteisung Grönlands nicht stehen bleiben, sondern eine klimatische Änderung der ganzen nördlichen Halbkugel herbeiführen. Man mußte im Verlauf der grönländischen Affäre zu ungewöhnlichen ausgedehnten Heizmaßnahmen greifen; es lag kein Grund vor, sie auf Grönland zu lokalisieren. Man konnte die Attacken ausdehnen auf die Zone der arktischen Länder mit Spitzbergen Nowaja Semlja Baffinland Grantland, den Perryinseln. Delvils physikalischer und hydrographischer Berater, Escoyez, ein aus Spanien gebürtiger Mann mit berberischem Einschlag, ein halbes Wasserwesen, der in selbstkonstruierten Gehäusen abenteuerliche ozeanische Tiefen durchsuchte, schlug eine Änderung im Salzgehalt der atlantischen Gewässer vor. Er hatte die Golfstromdrift an der englischen und skandinavischen Küste studiert. Er meinte: der warme Golfstrom ist reicher an Salz als das Meereswasser, das er durchfließt. Die treibende Kraft der Golfstromdrift selbst ist der Wechsel der Jahreszeiten: die sommerliche Wärme dehnt das Salzwasser aus, schwemmt es, gießt es über das kalte. Das ist alles, das ist die Drift. Salzwasser reißt aber Salzwasser, eine Zähigkeit die andere mit. Man möge die warme Wassermenge, die vom Äquator dem Norden zuströmt, vermehren, indem man das große ozeanische Flußbett selbst mit Salz anreichert und zwar vom Boden aus. Die Meeresböden in der Nachbarschaft der großen Drift werden in weiten Abständen aufgesprengt, das hochgehende Gestein zertrümmert. Der Auslaugungsstoff, Chlornatrium Magnesium Magnesiumsulfat schwefelsaurer Kalk Chlorkalium kohlensaurer Kalk, geht in das Wasser über. Man hat das Bett des Golfstroms durch solche salzspürende Sprengungen systematisch zu erweitern, von den Küsten Kubas Floridas Neufundlands an. Der sommerliche Andrang, die Überschwemmung mit warmem salzreichen Wasser, die Transgression, das benachbarte Salzwasser mitreißend, wird an Umfang verzehnfacht, wird sich weit über die Nordsee und Neufundland erstrecken. Escoyez, das zähe braune Wasserwesen, erklärte: man hätte eigentlich nur nötig, den äquatorialen Kochtopf zu vergrößern. Wenn die Leutchen in Grönland bis jetzt frieren und auf Spitzbergen kalte Nasen hätten, so dürften sie sich darüber nicht wundern. Wer glaubt, die Natur ließe den Menschen gebratene Krammetsvögel in den Mund fliegen, irre sich. Freilich zeuge es im Grunde nur von der fürchterlichen Stupidität des Menschen, daß er sich mit Klima und anderen irdischen Dingen wie mit göttlichen Verordnungen abfinde. Es gibt auch eine göttliche Verordnung, daß man verhungert, wenn man sich sein Brot nicht holt. Es gibt auch eine göttliche Verordnung, daß man seinen Verstand gebraucht. Wie man sich bettet, so liegt man. Der Spottvogel meinte: das gelte auch vom Fluß in seinem Bett. Aber nur bis jetzt. Man kann göttliche Verordnung beim Flußbett des Golfstroms spielen. Der Golfstrom werde nicht schlauer sein als die Menschen. Man streut ihm Salz auf den Schwanz, und dann kommt er schon und macht piep. Hinter den Scherzen Escoyez’ stand kalter Ernst. Man ließ ihn und seine Mitarbeiter Karten entwerfen, Schürfungen vornehmen. Vor allem, man ließ ihn das bezaubernde Gerücht von der Veränderung des nördlichen Klimas verbreiten.

Die Augen anderer Männer hingen an Grönland, an den niedergehenden Gletschern. Ihnen war gleichgültig, was aus dem neuen Erdteil wurde und was von dem ganzen Plan gelang. Sie dachten nur daran, wie sie die entbundenen Gewalten angreifen sollten. Die Gewalten, die sie sich gar nicht ungeheuer genug vorstellen konnten. Sie stellten Rechnungen an über Umfang und Gewicht der niedergehenden Gletscher, der zu Tal steigenden Lawinen, über ihren Inhalt an drängender Wassermasse. Die rasch ins Meer stürzende Menge mußte ein abenteuerliches Gefälle, ein noch unausdenkbares Triebwerk darstellen. Techniker der Kraft warfen sich über Pläne zur Ausnützung der grönländischen Gefälle. Sie erregten den Kreis der Senate leidenschaftlich. Man kannte Lawinen, Lawinenstücke, die niedergehend durch den bloßen Luftdruck starke Wälder umbrachen. Hier sollte im Umfang eines Erdteils, der Australien gleichkam, zu etwa gleicher Zeit ein Lawinenfeld niedergerissen werden, wie es kein Kontinent hatte. Das Gefälle durfte nicht verpuffen; es war absurd, Lawinen und ganze Meere unbezwungen in den Ozean stürzen zu lassen. Sie mußten gefaßt werden, ihre Kräfte hergeben. Es war gleichgültig für welche Zwecke sie sie hergaben. Niemand im Brüsseler Senat, dem der alte phlegmatische Danois aus der Gruppe der Krafttechniker berichtete, fragte danach. Niemand dachte an das Wogen und Träumen der Siedler. Gewiß war, daß man die ungeheuren Gefälle rings um den grönländischen Kontinent bezwingen mußte. Das Pferd durfte nicht aus der Wildnis jagen ohne gebändigt zu werden, mochte man auch Überfluß an Kräften haben.

Ehe noch ein Plan durchgearbeitet war, fühlte man in den Stadtschaften den ängstlichen Drang, alles von sich zu geben und über die benachbarten Völker hinzubreiten. Es war wie eine Sicherung, ein Verlangen sich anzuschließen, ein hinsinkendes Gefühl: wir wollen nicht allein sein. Über die Stadtschaften der nördlichen Kontinente flitzten Agenten der Senate; heftiges immer wiederholendes Erzählen Berichten Ausmalen Hin- und Herhorchen. Überall leuchteten Augen auf. In Algerien lösten sich aus der Landschaft um Konstantin und südlich des Atlasgebirges vom Gestade des Schottdjerid magnetisch gezogene arabische Scharen, zogen nach dem Norden. Aus Sizilien, aus der noch wimmelnden Stadt Raha südlich der saharischen See am Niger stiegen dunkle Gandus auf; mit ihren Flugwagen durchschnitten sie die Luft, ließen sich in London nieder. Ein Zucken ging durch sie, wie sie sich niederließen, genauer hörten, was geplant wurde.

 

Vor der schottischen Nordküste zackten übersprühte wüste Steininseln aus einem tobenden Meer: dort war der Sammelplatz der Schiffe Maschinen Menschen. In London Brüssel zentrierten sich die Ingenieure Mathematiker Physiker Geologen und ihre Gehilfen. Sie wehten immer von neuem Pläne über die Menschen, lockten erregten. Alle sahen die Erscheinung Grönlands, des Erdteils, der hinter Meeresbergen stand. Die Meeresberge waren niederzuwerfen wie Quadern einer Burg. Grönland war eine verwunschene Prinzessin, von Drachen umgeben. Die Berge sanken; etwas Stolzes, ein Fabelbild würde sichtbar werden. Niederbrechen von Eis auf tausenden Quadratmeilen, Auftauchen einer alten verhüllten Erde.

Schon begannen im Frühjahr die ersten vorbereitenden Arbeiten, die auch den letzten Teil des kommenden großen Kampfes bedachten. Sie fingen an, in Talsenken von Wales, im Flachland bei dem belgischen Nivelle Fabriken anzulegen, in denen sie Kraftspeicher bauten für die elektrischen und neustrahligen Kräfte, die aus dem niedergehenden Eisland zu gewinnen waren. Käfige für Vögel, die gefangen werden sollten; Riesennetze; die Schmetterlinge sollten vom Ozean herübergejagt werden; Europa und die Hitze würden über sie kommen. In die lehmige holländische Erde gruben sie Wälle Dünen Betonkanäle, als hätte man vor, für Untiere Fallen zu bereiten. Sprengten an der Irischen See in den Berwynbergen dem Deefluß folgend Gänge Höhlen, kilometerlange unterirdische Läufe in die Felsen zur Aufnahme der Unwesen, die man fesseln wollte. Wie Garben auf dem Felde wuchsen Gebäude in Chester Stafford Dembigh. Zwischen den Siedlungen der Stadtflüchtigen zogen sie sich hin, die sie mit Blättern Steinen geheimnisvollen Sprüchen schmückten. Im Brabanter Tiefland, an der wühlenden Maas, neben dem feuchten Flußbett des breiten wasserwälzenden Rheins wurden versenkte Gewölbe, flache Anlagen errichtet.

Zu einer Hochzeit bereitete man sich. Man warf sich in Plänen. Die lange düster enthaltsame Zeit hatte eine Unmasse Erfindungen reif gemacht. Das Einfache umging man; Kräfte wollten sich zeigen; man machte Proben auf die Dinge, die man vorhatte. In den Stadtschaften erinnerten sie sich des Märchens vom ägyptischen Pharao: sieben Kühe magere Jahre, sieben Kühe fette Jahre. Es galt Vorratshäuser für eine endlose Zeit zu bauen. Neue Kräfte würde man finden. Jetzt würde das menschliche Vermögen entbunden werden, sich unerhört über die Erde tummeln und die Arme wiegen.

 

Das atlantische Wasser schwemmte zwischen den langgezogenen Küsten Amerikas und denen der östlichen Kontinente. In die ungeheure Spalte zwischen den auseinandergezerrten Erden warf es seine flüssigen Massen. Die Gneisgebirge von Kanada und Labrador jenseits waren gelöst von den schottischen Bergen. Zerfetzt zerbröckelt standen die Inseln an der schottischen Spitze, Shetland und Orkney. Hundert Inseln die Shetlands. Sie stiegen aus dem bleiernen rollenden Wasser auf der unterseeischen Scholle auf, die die irische Erde, das gebirgebestandene englische Hochland, die Ebenen des Südens trug. Nach den Shetlands nahmen die Schiffe der westlichen Stadtreiche ihren Kurs. Am sechzigsten Breitengrad in den Buchten des Mainlandes legten sie an. Immer neue Fahrzeuge liefen ein. Hohe Flut rollte über die spitzen Schären. Die Ebbe entblößte die Tausende schwarzen Klippeninseln, die ihre Zähne, ihr Steingebiß zeigten. Dann begrub sie das anspielende anwankende türmende überkippende überprasselnde Wasser, Gischt über sie wehend. Über den stein- und muschelrollenden Strand, die wilden Felsstapel der Ufer warf sich die Brandung. Es war eine Haarsträhne des Meers, das draußen seine Brust zeigte, sich zur finsteren Erde niederbuckelte. Klirrend schlug das Wasser mit Steinschotter gegen das entblößte Land, wusch rieb knirschte wühlte mahlte. Es zermürbte die Vorsprünge Kanten Ecken Zungen, um draußen im Freien sich huldvoll zu wiegen, hin und her, Ozean, breites hundertmeiliges atlantisches Wasser, schwarzes festverbundenes Wesen, in sich vergittert wellenüberlaufen sich hebend. Am Rand der kleinen Klippen Inseln Festländer nahm es sich hundert Meter Tiefe zum Hinwogen und Wühlen, dann stieg es tausende Meter in das Lichtlose herab, hing an den Rändern der Steinsockel der Erde herunter, gleichmäßiges rieselndes schiebendes Wasser, vom dünnen Wind überzogen gekräuselt gedrängt, von fliegenden pfeifenden Tieren überflattert, von Fahrzeugen geritzt, von Schrauben Rudern Rädern gestreichelt. Menschen über seinem Rücken. Mit der Luft war es im Gespräch. Donner und Heulen um Riffe, Wirbeln um Schiffe. Drohendes Murren Rollen Strudeln Gurgeln Klatschen Schlingen Schlenkern Bersten Zerknattern Zerschellen loderndes Zerknallen unter der wolkenverhüllten Sonne, Plätschern Peitschen Schwingen an der Sonne, Aufheben in die Wärme, Aufdunsten Schmelzen wolkiges Vergehen an der weißen hochstrahlenden Sonne.

An einem Maitage gab Kylin, ein Mann, der an den skandinavischen Fjorden aufgewachsen war, das grüne Lichtzeichen vom Hauptmaste seines hohen Schiffes. Da ließen die zweihundert ersten Fahrzeuge den sechzigsten Meridian, die steilen Abhänge des Simburg Haad. Nach einer Stunde verschwand der Gipfel des Rona auf Mainland. Das Surren und Schwirren der letzten Vogelberge verklang. Hinter ihnen lagen Munkle Roon und Toul, die zackigen Inseln Yell Haskosea Samphyra Fellar Uya Umst.

Eingehüllt waren sie, schwebend auf zweihundert Schiffen, Boden aus Holz und Stahl, in das sanfte Sausen des Windes. Plätschern klang herauf. Murren aus der Ferne.

Eingehüllt, eingerundet waren sie. Oben schoben sich dünne flattrige Wolkenbänke. Die weiße mit Blitzen im Wasserspiegel aufgefangene Sonne. Im Flinkern Glitzen Scheinen schwebten sie.

 

Sechzig Kilometer Sauerstoff-Stickstoffwellen, Meilen Wasserstoff wirbelte der Erdball durch den schwarzen kraftdurchfluteten hauchfeinen Äther. Der höchste Saum der gasigen Masse schlierte, verlor sich wie Dunst einer Fackel. Kein Ohr hörte das Schlürfen Schleifen, das seidig volle Wehen an dem fernen Saum. Geschüttelt wurde die Luft im Rollen und Stürzen der Kugel, die sie mitschleppte. Lag gedreht an der Erde, schmiegte sich gedrückt dem rasenden Körper an, wehte hinter ihm wie ein aufgelöster Zopf.

Der Unband von Feuer, die einäschernde Hölle alles Kriechenden Fliegenden Hüpfenden, die Sonne in abenteuerlicher Ferne durch den eisigen Äther hin. Das weiße wallende Flammenmeer. Durch die Wolkenbänke flimmerte es, wärmte. Das feuertosende weiße Flammenchaos stand wie eine brennende Stadt in der Ferne still, Brand, der nicht ausbrannte. Die Erde zog um das Chaos herum. Gasmassen, sternenweit dunstend, strahlend, warf die kochende Sonne von sich, zog sie wieder an. Eine klirrende Geistererscheinung stand sie, in der Finsternis, die von ihr abwich, geballt andrang. Metalle brannten in ihrem Leib, metallene Wolken fielen auf sie zurück, Zink Eisen Nickel Kobalt, die sich durch die Gesteine der erstarrten Erde zogen, Barium Natrium. In Schlacken fielen sie zurück. Fackeln brunsteten auf; im Wirbel wurden sie aus dem Flammenmeer herausgekehlt, gestoßen in den vibrierenden Äther, glühender Wasserstoff. Siebzigtausend Meilen erhob er sich. Der Sonnenleib spritzte nicht, wenn die Güsse in ihn zurückschossen, wiederschmelzend aufglühend. Wie ein Ährenfeld unter dem Regen beulten sich die empfangenden stehenden Flammen, strafften sich. Kein Donnern ging von den Urgewalten aus. Kein Bergsturz und Orkan bringt solch Geräusch hervor wie die lebend hinziehende Sonne. Das rasende Flammenmeer, gleichmäßig brodelnd und siedend, explodierend und Garben werfend, – bei seiner Annäherung würden die Planeten veraschen und verdunsten, – mit seinem Tönen verschlang es jedes ferne und nahe Geräusch. Dies millionenfach gesteigerte Zischen und Zirpen von Zikaden. Dieses Zwitschern der Metalle. Dazwischen das nie verhallende Klatschen Trommelwirbeln, das sich rasselnd über erdweite Glutmassen fortpflanzte und hinter allem Gebrüll lagerte. Strontium, das hell purpurrote, Magnesium, gequetscht unter den schweren Gebirgen der Erde, Gluthauch neben Gluthauch, frei blühend und lodernd die Urwesen Helium Mangan Kalzium, leuchtend weiß blendend in Lichtern, für die keine Augen sind, unter denen die Farben auslöschen. Strahlend gasend das hunderttönig zwitschernde Feuermeer, die fackelschleudernde Urwelt im Äther.

Fern von den Wallungen Stürzen Strömungen Bränden der Sonne die kleine graue Erde. Wie ein Wiesel über das Feld lief sie. Von Dünsten, nassen Dämpfen war sie umgittert, von einer Schlackenkruste ihre Glut umfaßt, von Meeren Flüssen Eis belagert. Keine Wolken der glühenden Metalle prasselten, von ihrer Wildheit geprescht, auf sie nieder. So wie ein Glaser den Kitt mit Gewalt auf das Holz und das Glas drückt und sie halten fest, wie eine Faust den Schnee ballt, zwischen gekrümmten Fingern und Handteller umschließt, zu einem harten Ball preßt, der Schnee flattert nicht mehr: so war die Erde verglühend, sich hilflos abstrahlend von dem Äthereis angefaßt, gab knirschend nach. Im Innern das Sieden und Glühen; der Leib unter Aschen verfestigt.

Dies ist die Erde. Die leuchtende brennende Urwelt geht über ihr auf und unter. Ein welliger Mantel aus Gesteinen bedeckt ihren Rumpf. Tausend Meter tief und tausend hoch geht das Gestein. Kontinente und Inseln strecken Gebirge Ebenen Steppen Wüsten aus. Das Wasser bricht in Quellen aus den Bergen. Meere überfluten die Talmulden. Schwer schwimmen Gebirge Gneis Schiefer auf der schmelzflüssigen glühheißen Masse, die von Zeit zu Zeit die steinerne Kruste durchbricht, sie mit Stichflammen erweicht und hin und her wiegt.

Breit besetzt der Leib Asiens die nördliche Hälfte der Erde, mit einhundertvierundsechzig Längengraden und siebenundachtzig Breitengraden. Mit Gondwana, Angara, der Scholle Chinas hat es sich über den Spiegel der großen Ozeane erhoben, seine Seen ließ es versickern. Sein Rückgrat ist der Altai, das Massiv des Himalaya vom Chingan nach Pamir, vom Karakorum bis Bhutan und zur Krümmung des Dihung. Die kaspische und uralische Senkung hat das Meer verlassen; sie saugt den Ural und die Wolga an, schlammt sich mit ihnen voll. Gletscher bedecken den Kuenlun. Umrandet von den Schneegebirgen sind die östlichen Sandwüsten, das Tibet der Jaks, die grünen Hügel und Lößflächen Chinas, mandschurische Wiesen. Das steile Gebirge stürzt nach Süden zu den sumpffeuchten Ebenen Hindostans ab, zum warmen bengalischen Boden. Blühende Gestade Indiens, Reisfluren, Felder des Zuckerrohres, Sago und Kokospalmen. Die Sumpfwaldungen, der Sunderban, das Tarai durchlaufen von den bunten Königstigern, langohrigen Elefanten, vierhändigen Gibbons. Flüsse auf Flüsse nach Norden ins Eismeer durch die sibirischen Grasflächen, morastige Tundren frierende Steppen. Bis zur Lena streift der langhaarige Panther von Kaschgar.

Hängend am Massiv der Ostfeste das vielgliedrige kleine Europa. Die jungen aufragenden Alpen, Horste der alten Gebirge in Thrazien Korsika Spanien. Gesteinsdecken in die Höhe gepreßt, von Trümmern überwälzt. Versunkenes Land im Süden; eingestürzt das Mittelmeer in das klaffende Becken.

Von Regengüssen Sonnenhitze wird Afrika belagert. Neunundzwanzig Millionen Quadratkilometer wächst der Boden hin, platt liegt die Tafel des Landes. Reis Durra Kaffee Mais feurige Gewürze schießen aus der Erde. Unverhüllt erheben sich die Massen des alten Granits und Glimmerschiefers, zieht sich eine Sandsteindecke hin. Unter dem Brand der Sonne zerfallen die Gesteine zu Schutt, zersetzen sich in Erde und Lehm, den das Eisen rot färbt. Der Tanganjika- und Njassasee füllen die Gruben des Hochlandes, Vulkanreihen besetzen die Ränder der Spalte. Zehn große Seen speisen den Kongo Niger Sambesi. Savannenflächen treiben ungeheure Hochgräser. Galeriewälder entlang den Ufern. Lemuriden und Affen, das zierliche Zebra, Okapi in den Wäldern. Die baumartige Staude der Banane treibt sechs Meter lange Blätter; scheidenartig umschließen sich die mächtigen Blätter; dicht gedrängt hängen die großen Beerenfrüchte herunter.

Vom Kap Murchison bis Kap Horn auf Feuerland die amerikanische Westfeste. Eine hartgefaltete Gebirgsschwelle durchzieht den Kontinent von der Südspitze bis zum Mackenziefluß, eine Flachlandmulde vom Eismeer zum warmen Mexikanischen Golf. Mit fünf großen Seen vertieft sich das nördliche Land. Die Ebene durchwallt nach Süden der starke Mississippi, hinter sich her den Ohio von den Appalachen, den Missouri von den Kordilleren ziehend. Ihre Falten hat die starre Erdhaut im Westen aufgerollt; die Doppelkette der Gebirge begleitet wie eine Mauer im Westen den Ozean. Urwälder umgeben den Amazonenstrom; erst heißt er Tunguragua, dann Marañon. Die Erde gibt ihn aus dem Laurikochasee her; zweihundert Flüsse, schwarz und weiß von Kalk- und Eisenflächen hat er mitgenommen, bis er in den Ozean taucht.

In den Meeren haben sich die Urwesen verfestigt, Wasserstoff und Sauerstoff. Sie überströmen den Ball, arktisches atlantisches pazifisches Gewässer. Wasser, gleichmäßig hinfließendes Gebilde, lastendes schwingendes Wesen, das spritzt dunstet, Wolken bildet, im Schnee weht, zitterndes Wesen vor den Flachküsten, dröhnende schwarz zottige Erscheinung der Orkane und Sturmfluten. Mit Salzen saugt es sich voll, Chlornatrium Magnesium Kalk, macht sich schwer, färbt milchweiß den Golf von Guinea, zimtfarben den Busen von Kalifornien, gelbbraun den Indischen Ozean. Warme und kalte Ströme durchwallen die Ozeane, farbige Bänder; Silbernebel erheben sich über ihnen, wo sie sich mischen.

Die Urwesen hauchen um den Erdball, brennen und fließen in seinem Rumpf, überlasten ihn in festen und beweglichen Massen, sind Spannungen Schwerkraft Hitze Licht, sind Schwefel Chrom Mangan Silizium Phosphor. Sie sind Erde Sand. Sind stumme Kristalle, aufdrängende keimende Blumen, Flechten über dem Boden, Blütenpflanzen, schwimmende Fische, Vögel die pfeifen und sich locken, anschleichende Raubtiere, hämmernde und kämpfende Menschen, Schneckengehäuse an Seeufern, Bakterien Schlingpflanzen erstorbene Bäume, faulende Wurzeln, Würmer, eierlegende Käfer.

Vom sechzigsten Meridian brachen die zweihundert Schiffe Kylins auf, ließen die Shetlandsinseln hinter sich, schwebten über dem Ozean. Sie fuhren in dem warmen Driftstreifen, der Norwegen bespülte, das Eis Finnmarkens schmolz. Unter ihnen zog sich lang durch den Atlantik ein unterseeischer Bergrücken, zog nach Süden, wurde breit bei den Inseln Ascension und Sankt Helena, zweigte eine Kette nach Amerika und Afrika ab. Schweigendes Meer lag über den Tälern und Bergen, ins Schwarze waren sie versenkt. Der Ozean fiel unter den Schiffen dreitausend Meter tief ab. Über dem sausenden Wasser, im Wind schwirrten die Vögel neben den Riesenschiffen, die tierischen Geschlechter, mit Augen Knochen Därmen wie die Menschen. Die Sturmschwalben, die auf zappelnde Fische stießen, Silbermöwen mit gezackten Schwänzen, spitzen Flügeln. Das Wasser, das sich unter den schwebenden Riesenschiffen hob, die schwarzgrüne glasige zerlaufene Masse, quoll von Tieren und Pflanzen, folgte den Schiffen mit jedem Meter. Schleimklümpchen der Urtiere klebten an den Wänden der Schiffe, hingen an den Schrauben, befuhren mit ihnen das Meer, fadenförmige Füßchen ausstreckend. Wie Schmetterlinge stiegen Ruderschnecken aus der nassen Finsternis am Abend auf, die unermeßlichen Scharen der Klio, sanken mit dem Tageslicht herab. Am Meeresboden lauerten und lagen fest mit Saugern die Scheibenbäuche. Zarte Seewalzen, Schwänze wuchsen auf tiefen Riffen, neben Klipprosen. Skelette hingesunkener Tiere kleideten den Meeresboden mit Schlamm aus; kleinäugige Borstenwürmer, schlanke Glyzeriden krochen darauf herum zwischen Tangbüscheln. An der beschienenen Oberfläche zogen Rippenquallen ihren Weg, stumme gefräßige Geschöpfe, Siphonophoren, die wie Blumengirlanden leuchteten, Städte von glasartig durchsichtigen unzähligen Tieren, an einen Faden gereiht, der sie nährte. Lachse schossen unter dem Kiel der Schiffe herum, auf der Haut, an den Kiemen feine Krebse, die sich anklammerten. Das Geschwader übersetzte die unterseeische Schwelle, den stillen Thomsenrücken. Es nahm den zehnten östlichen Meridian.

 

Island war eine Insel unter dem fünfundsechzigsten Breitengrad an dem fünfzehnten östlicher Länge; der Polarkreis schnitt ihre nördlichen Vorsprünge. Zwei Inseln hatten Laven aus Vulkanen werfend diese bergige Platte geschaffen, die ihre zerrissenen Wände, Scheren eines Riesenkrebses, in das neblige brandende Meer streckte. Die Menschen auf den Schiffen näherten sich ihr. Sie hatten vor, die Vulkane der Insel zu zerreißen, ihr Feuer über Grönland zu tragen.

Vergletschert lag der Süden der Insel. Hekla und Skapeterjökul hießen die Berge, die Schwefeldämpfe aus ihren Spalten von sich gaben. Der Mückensee dunstete im Norden mit vierunddreißig schwarzen Lavainseln; an ihm warfen aus weiten Bassins der Krabla und Leirhukr tiefblaue und honiggelbe Massen. Haushoch schossen die, prasselten in den Krater zurück, wälzten sich, gasten über die Abhänge. Meilenweit war die Wüste der Insel; Lavafelder, runzlig erstarrte Steinströme, nackte braune Blöcke, zerborstene Felsen. Verbrannte tote Ebene. In den Klüften der Laven standen spiegelnde Wasser. Springquellen warfen heiße Wassermassen. Am südlichen Rand der Wüste standen der Geysir und Strocker; in ihren weiten Wannen trugen sie helles grünes Wasser, das pulsierte. Von Zeit zu Zeit tosten die Wannen. Blasenwerfend richtete sich das Wasser auf, wölbte sich über den Rand der Krater, warf sich schluchzend zurück.

Als die Kolonne des ruhigen blonden Schweden Kylin an der Spitze des Eyjafjords landete und die Insel überflog, – Wirbelwinde gingen über das Land, die brennenden Berge, die narbigen Felder, – fanden sie Menschenansiedlungen in der Nähe der Küste. Nahe dem Landungsplatz war eine Siedlung; Schafe und kleine Rinder wanderten auf Hügeln. Man mußte, was man vorhatte, ohne sie verrichten. Es war vorauszusehen, daß sie der Expedition feindlich gegenüberstanden. Kylin und seine Begleiter umschwärmten den Krabla am Mückensee. Er war tätig; auf Meilen dröhnte die Insel unter den Schlägen, mit denen das heiße Magma den felsigen Untergrund durchbrach. Die Beben rollten über die Insel. An toten Bergwänden sahen die hochkreisenden Flieger plötzlich Schlünde und lange schwarze Kluftreihen sich auftun. Oft mußten sie sich senken, von dünnen Schwaden eingewickelt, blitzrasch aufzucken unter dem erstickenden Andrang der Schwefelgase. Mit Wonne umflogen sie das stampfende gähnende Untier, das sich da unter ihnen am See hingesetzt hatte, das Land aufwühlte, die Oberfläche des Wassers wiehernd prustend zum Schäumen brachte. In diesen Schlünden wogte die unermeßliche Glut, nach der sie begehrten, die sie herausschaffen mußten. Um sie über Grönland zu werfen, auf den weißen bergetiefen Eispanzer, der trübe anlaufen dampfen zerreißen würde, die Gletscher vom Kap Grival, der Kangardlutsuak, die Aggasinsel. Island brannte. Es mußte stärker brennen. Eine wolkenschleudernde donnerlohende Feueresse war für sie bereitet.

Wie Kylin östlich drehend in abendlichem Dunkel sich der Gegend des Landungsplatzes näherte, flammten und erloschen an der Küste kleine wie wimmernde Warnungszeichen. Zweieinehalbe Stunde sah Kylin mit seinen Gefährten, unruhig fliegend, auf einer Schutthalde landend, wieder hochjagend, die zitternden Signale aus der Nacht. Dann erloschen sie. In langer Kette, langsam, sehr hoch fliegend näherten sich die Kundschafter rauschend den schwarz im Mondlicht ragenden Klippen des Fjords. Die Wellen murrten herauf. Bei den schimmernden Zelthäusern des Landungsplatzes, auf einer sanft geneigten Wiese faßten sie Fuß. Sie liefen in der Helligkeit bergab. Stürzten über weiche Körper. Wie sie sich bückten zugriffen, die Leiber drehten, blickten sie auf dicke unbewegliche fremde Gesichter. Die Zähne waren zum Lachen entblößt, die Zungenspitze vorgestreckt. Losgelassen fielen die Körper zurück, rollten auf den Rücken, die andere Schulter. Eine Gestalt löste sich von einem Zelt, lief auf sie zu, führte sie abwärts. Die Eingeborenen des nahen Dorfes waren zudringlich geworden, hatten nach den Absichten der Expedition gefragt, hatten vier Seefahrer weggeführt als Geiseln, daß nichts geschehe und die Fremden rasch wieder abführen. Da hätten die Seeleute zum Schein die Schiffe bestiegen, die Geiseln zurückgenommen und bei Einbruch der Dunkelheit mit dem balearischen Licht die Küste abgetastet. Das war das Licht, das durch die Haut der Menschen drang, sie wie eine Schellackmasse umgab und abschloß. Von ungeheurem Hunger nach Sauerstoff wurde das Blut erfüllt. Ins Zittern gerieten die Menschen, ihr Herz stürmte, die Atmung vermochte nicht zu folgen. Sich selbst verzehrend, während das Blut aus den Gefäßen trat, hellrot, rosarot aus Mund und Nase, stürzten die Menschen hin in die Blutlachen, die noch am Boden quirlten, Blasen warfen und nicht gerinnen wollten. Am Morgen nach dieser Nacht warf man die fünfhundert Leichen, dazu Kadaver der Rinder und Schafe in den plätschernden Fjord. Finster saß der blonde Kylin vor seinem Zelthaus, den Blick auf den purpurnen Boden, hörte das endlose Traben der Leute, die immer wieder Körper vorbeischleppten, jetzt Säuglinge und Kinder aus dem Dorf, die sie von einer Klippe im Schwung in das aufspritzende Wasser sausen ließen. Als ein Windstoß ihm spitzen Sand ins Gesicht warf, den flachen Hut seitlich hinlegte, stand Kylin auf, rief Begleitung, schlenderte seewärts. Von den Schiffen stiegen neue Menschen herauf. Kylin lief in Zorn und Widerwillen. Der starke Prouvas fing ihn bei den Schultern auf.

„Kylin“ brüllte der lustige Mann, „das ist ein Tag. Ihr seid noch am Leben. Wir glaubten, Ihr seid die ersten, die über den Feuertopf stolpern werden. Noch vor dem schönen Grönland.“ „Prouvas, ich bin nicht lustig.“ „Es scheint. Wärest uns auch beinah in das Licht geflogen.“ Ein noch fetterer ganz in schwarzes Leder gehüllter Mann umarmte Kylin: „Huah. Wind auf Island. Der Boden wackelt erbärmlich. Auf den Schiffen ist es lustiger. Wir freuen uns, daß du lebst.“ Kylin konnte nicht vom Boden aufsehen: „Wie ist das gekommen, Prouvas. Mit dem Licht. Wer hat befohlen, das Licht anzuwenden.“ Prouvas trat erstaunt zurück: „Das Licht? Hat es nicht gewirkt? Sie schleppen schon den ganzen Morgen. Komm rüber.“ Der im schwarzen Leder: „Keine Maus ist davon. Kylin scheint eine kleine Ladung abbekommen zu haben.“ „Ich bin nicht im Bereich des Lichts gewesen, Prouvas und Wollaston. Es sind sehr viele umgekommen. Das ganze Dorf.“ „Allesamt. Tiere mit. Das Licht hat keine Augen, sucht nicht aus.“ Kylin reckte sich, legte beide Arme über das Gesicht, schüttelte sich, spie. Leise gab er von sich: „Pfui. Es ist gut.“ Die beiden anderen schmetterten ihr langes Lachen heraus: „Nun ja, Kylin. Es ist gut.“ „Es war roh.“ Prouvas umfaßte den im Leder: „Da haben wir Marduk den Zweiten. Gründe ein Königreich, mein Sohn, aber nimm die Arme herunter.“

Der ließ sie sinken: „Erst kommt weg. Wieviel werden sie noch herausschleppen.“ Prouvas: „Du hättest es ansehen sollen. Es war mit den Scheinwerfern gut zu sehen. Eine Minute rannten sie, als wenn sie niesen wollten. Dann setzten sie sich ganz ganz langsam, einer wie der andere. Ich glaubte, sie weinten oder das Wasser lief ihnen aus den Augen. Und dann waren sie tot.“ Wollaston: „Sind es fünfzig, die hin sind, sind es fünfzig. Sind es hundert, sind es hundert. Sind sie tot, sind sie tot. Dableiben konnten sie nicht.“ Blinzelnd Kylin aus seinen grünblauen Augen: „Ich habe die Leitung.“ „Freut uns zu hören.“ „Ich habe die Leitung.“ „Es freut uns.“ „Ich habe von Menschenausrottung nichts gesagt.“ Brüllend Wollaston: „Haben wir es uns vorgenommen? Ich? Oder Prouvas? Haben wir Menschen ausgerottet? Die Leute mußten weg. Sie werden die letzten nicht sein. Wenn du schwach wirst, gib die Leitung ab.“ Ruhig Kylin: „Was meinst du, Prouvas?“ „Nicht Wort für Wort wie Wollaston. Aber ich habe die Lichtröhren bedient.“ Der im wattierten Fliegeranzug öffnete die Hände: „Einen halben Tag. Vertretet mich.“

Gegen Abend flog Kylin an das draußen liegende Geschwader. Seine Schwester, die mit der Expedition fuhr, hatte den Tobenden beruhigt, der immer beteuerte, er ekle sich, hätte sich mit Vieh eingelassen; er schließe sich den englischen Siedlern an, gehe zu Zimbo. Auf Stunden war Kylin der Sinn der Expedition entschwunden. Er heulte, es sei Lüge, was sie trieben. Beim ersten Schritt, den sie täten, sei es klar geworden. Wie er vor seinem Flugzeug stand, faßte er sich fragend lächelnd an die Stirn: „Schwester, sie müßten mich in Brüssel sehen. So müßten sie mich sehen. Wie einem in den Knochen steckt, was Marduk und die andern sagen. Treiben wir Unfug?“ Aber die Schwester umfaßte ihn, ihre Augen funkelten: „Es ist vielleicht ein Unfug, Brüderlein. Aber auch noch mehr. In manchen Augenblicken weißt du es auch. Nachher wirst du es wieder wissen. Hörst du die Vulkane? Sieh sie an. Wir werden sie fassen. Denk, Brüderlein, wir werden sie fassen.“ Sie schob ihn auf seinen Sitz, griff nach dem Steuer, lachte: „Gönn mir die Freude zu steuern.“

Die Schiffe umfuhren Island in nordwestlicher Richtung. In der Höhe der stoßenden Krabla und Leirhukr ankerten sie weit in See. Der Anblick labte das Geschwader. Die Küste von Ingolfs-Höfdi bis herauf nach Glettinge Nes strichen die Flieger ab. Ufer Inseln Hinterland waren frei von Menschen, die Lavawüste südlich rauchüberschwemmt. Von den Mutterschiffen jagten die Flieger auf, maskengeschützt, darunter Dutzende Frauen, immer in Gefahr, von dem aufblasenden Feuer verbrannt oder gesengt zu werden. Sie nahmen Bilder der furchtbaren Landschaft an der wirbelnden See auf, durchsegelten mit ihren Metallflügeln die Lohe, senkten sich in Pausen herab, schossen davon. Weiter südlich stellten sie neue Schwefeldämpfe Kraterbildungen an Punkten des Mittellandes fest. Springquellen stellten ihre Tätigkeit ein. Statt dessen rieselte schmauchte Gas aus Rissen Klüften; dazu Rumoren, dumpfes hohles Rollen. Kylins Expedition konnte ohne Furcht vor menschlicher Störung angreifen. Es war sicher, der Vulkan stand über einem ungeheuren feurigen Magmaherd. Man brauchte sich nicht drum zu bekümmern, ob die Herde abgekapselt in der harten Erdrinde, in einer Höhle steckten, eine Blase des großen schmelzflüssigen Magmas, oder ob das Erdmagma selbst, der Nickelstahl des Erdleibs das ihn umkrustende, auf ihm schwimmende Siliziummagnesium durchbrach. Man mußte darauf losstoßen.

Und die Erde kam ihnen entgegen; das Geschwür war im Begriff zu platzen. Man verständigte sich mit den nachfolgenden Geschwadern. Unter dem Brüllen des gähnenden Krabla, zischendem Aschenregen fand am Hunafjord in einer Bucht eine Begegnung der Führer der Kolonnen statt. Kylin hielt sich zurück. De Barros vom zweiten Geschwader wies in die Richtung des Krabla: „Da hört euch das Ding an und meine Stimme. Können die beiden gegeneinander aufkommen? Nein. Seht meinen Kopf an oder meine Hand und den Krabla. Oha, der ist groß, der Krabla. Schluckt sechstausend, sechs Millionen Menschen und wird davon nicht dicker. Wir wollen mit dem Goliath reden. Er wird prahlen mit seinem Kopf, mit dem Wanst, wird toben. Indianergeschrei. Eins in die Flanken und er ist hin. Bleibt nichts von ihm wie ein Schutthaufen.“ Der biegsame Kylin, der lange elastische oft finstere Hauptführer der Expedition, hatte sich wieder gefunden. Er war ein stolzes klares Wesen. Er zog, auf den Rauch schielend, die glatte kurze Oberlippe hoch: „Dies wird der Anfang sein. Es ist gut, ja es ist gut, daß wir uns zusammengefunden haben. Schlimm, so weit von den Kontinenten. Aber kein Schade. Wir werden vielleicht selber – wie Vulkane uns über die schlafenden und blödsinnigen Kontinente machen, samt ihrem Inhalt und ihrer Auflagerung.“ Und er träumte: Besinnung, endlich, bei Island.

In der Breite von sechzig Kilometer Luftlinie nahmen die Arbeitsschiffe Stellung an der Nordostküste der Insel. In den Tistillfjord fuhr eine östliche Gruppe. Vor der Halbinsel Rifstangi angesichts des kahlen Svalbardberges ankerten Kylins Mannschaftsschiffe. Bis zum Eyjafjord unter den Schneestürzen des Rimar dehnte sich die westliche Gruppe. Der Sturm peitschte unablässig das Meer. Die Schiffe waren Kolosse von der Höhe eines Berges. Rückwärts und getrennt von ihnen schwankten flachere runde kleinere: hier lagerten Maschinen Apparate Vorräte Erden Sprengmaterialien Metalle; dies waren die technischen Beischiffe. Die Geschwader entnahmen ihre Antriebskräfte den gewaltigen Kabeln, die die Arbeitsschiffe selbst auf ihrem Weg hinter sich herzogen und von Skandinavien über den Schelf des Festlandes, den Abgrund der Tiefsee, die arktisch-schottische Bodenschwelle gespannt hatten. Die Kabel, in Isolatoren gebettet, trugen von Strecke zu Strecke Entnahmewülste. Der Draht, der von oben nach ihm suchte, das Kabel abtastete, in der Flachsee von Booten geführt, hakte und haftete mit seinem Kopf in dem Wulst fest. Wühler und Reiniger liefen dem Ladedraht vorauf, schoben die Sandmassen vor dem Draht beiseite, glitten anhebend an dem Kabel entlang. Ein Ladestrom vom Ort eröffnete den Wulst. Und schon schwollen die Energien der fernen Länder, die Gewalt der Katarakte in dem erzitternden Kabel hoch, warfen sich über die aufschmetternden Maschinen, tosten durch die Schiffe.

Nördlich vom schwarzen aschenbestreuten Myvatn, dem Mückensee, raste und fauchte unsichtbar der Krabla. Und neben ihm Leirhukr. Jubelnd blickte Prouvas von der Höhe des Svalbard über die Schnellen und Wirbel des klippenversenkten Jakutsa zu dem Vulkan herüber. Zur selben Zeit lachte zehn Meilen von ihm am Rimar, auf der Höhe des stummen staubbesäten Myrkarrgletschers der breite Wollaston. Er trampelte auf dem Boden, bis das Weiß des Schnees hervorkam. Stieß mit seinem Stock in den Schutt: „Daß du herauskommst, Gletscher! Myrkarr, großer Myrkarr! Daß du uns ansiehst. Es gibt ein Spektakel. Seitdem du auf den Beinen bist, hast du so eins nicht gesehen. Der Krabla spuckt noch. Bald ist es kein Spucken mehr. Er streckt die Zunge aus dem Hals. Hat sich ausgejagt.“ Er erstickte fast im Qualm: „Bald sieht keiner was von euch, Krabla und Leirhukr.“

Als das mittlere Geschwader zum Brückenbau schritt, hatte der Sturm aufgehört, Windstille mit Regen war gekommen. Die Insel rollte wie sonst. Der Qualm zog hoch nach Osten ab. Die Feuersäulen leuchteten durch die Nacht. Sie schlugen Brücken von Axarfjord herauf zur Höhe des Burfell, von der Spitze der Rimarhalbinsel über die Hügel weg auf den Gipfel des Rimar, von der Rifstangihalbinsel am Tistillfjord auf den Svalbard. Die Brücken stiegen schräg auf aus der Meeresbrandung, dann schwangen sich die weiten lichten Fluchten der Viadukte ins Land, über Bäche die von Bergen schäumten, über Geröllhalden Moore tote Laven, durch die nebeldurchzogene regenverhangene kühle Luft zum hohen Svalbard, zum großen Myrkarrgletscher, zum zackigen Rimargipfel.

Die Pfeiler und Widerlager rammten sie nicht in den Boden. Metallflieger stiegen auf, ließen sich zu zwanzig dreißig auf den Klippen, an den Abhängen nieder. Sie schlugen grob Schutt und Steine beiseite, wühlten mit Spitzhacken und Hämmern, brannten flache Löcher in dem Felsen frei. Da hinein legten sie die dünnen Platten, die, unscheinbare blaugrüne leichte Scheiben handgroß viereckig, kleine Schilder, vor ihrem Brustleder hingen. Die Scheiben schlossen sie zum Laden an den Zweig des Kabeldrahtes an, den sie mit sich führten. Und schon, wenn es in den Platten knackte, ließen sie sie los, auf das flache Loch fallen, schwirrten davon. Die Platten, aufeinander gepreßte Blätter, glühten. Das oberste geladene Blatt strahlte schmolz. Und wie sich seine Masse mit der des zweiten Blattes mischte, stieg ihre Hitze. Die brünstig ineinander brennenden ersten und zweiten rissen das starre dritte in den Brand. Knisternd spaltete sich das, tropfte seitlich und an der Bruchstelle, um plötzlich erweichend mit einem Schrei sich in das Feuer zu geben, das weiß niedrig immer bläulich durchsichtiger wurde. Und wie die pfeifenden keuchenden streng und starr sengenden saugenden sich rund rollten, bog sich das letzte Blatt, streckte sich wie in einem Krampf, schlug sich um, gezogen gespannt zu einem haarfeinen Glas, einer schillernden Haut um die singenden drei. Die Kugel wuchs hoch, weiß, blauweiß, hellblau, dehnte sich, dehnte sich. Schmelzend zersprang sie und im Augenblick war jede Farbe aus dem armhohen Brand verschwunden. War nichts da als ein strenger starrer befehlender Hauch, ein Röcheln. Und schon war alles weggerutscht von der Felsplatte, abwärts gesunken in den Fels hinein, metertief gestürzt. Sein Leben im Brand von sich gebend verdampfte verstöhnte es in der Tiefe, während über ihm gallertig der geschmolzene Fels auslief.

Die kreisenden Flieger stießen auf die schmelzenden wieder gerinnenden Felsen herunter. Rammwagen fuhren an die gischenden Öffnungen, bohrten hochausholend Pfeiler in die schmorende Masse, hielten sie, bis das Zittern der Luft nachließ, der Felsbrei glasartig die Pfeilerfüße umklammerte.

Pfeiler auf Pfeiler wurden über das Land im Gestein gegründet. Eine Pfeilerreihe vom Lager Kylins überquerte den Jakutsa. Eine Reihe stieg vom Axarfjord über den Burfell. Eine Reihe wuchs gewaltig vom Rimar her, griff über den Myrkarrgletscher, stieß zum Skjalfanda; auf dem qualmschweren Odadablachfeld machte sie halt. Es war ein breites steingegossenes Wesen, das hier wuchs; Nachbarstück berührte Nachbarstück. Über dem Fundament waren aufgepflanzt ringförmige Trommelträger, die Rollenlager trugen. Von Strecke zu Strecke konnte das bewegliche Tragwerk, eine Pfeilergruppe bedeckend, auf seinem Drehtisch hereingeschwenkt herumgeworfen werden, das Fahrgut gerettet, die Pfeiler entblößt werden. Mit mächtiger Lichtweite übersetzten die fliegenden Brücken das Gebiet von dem tosenden Meer bis zum schwarzen Myvatn, dem See. Unter ihnen lagen tief im Rauchschwall die gespaltenen graublauen Gletscher, die Geröllebenen, Täler mit schmaler Sohle und felsig abstürzender Lehne. Furchtlos rannten die Pfeiler vor gegen das speiende Plateau der Vulkane.

Es war keine Woche um, da sausten die ersten Wagen auf Schienen, die sie selbst um sich warfen, über die glatte Fahrbahntafel. Überrollt war der Zug und unterrollt von dem bogenförmig langgespannten, hoch vor- und zurückgedehnten Paar Schienen, die als langgezogenes Oval die Wagenreihen zu Häupten und Füßen überrundeten. Zwei Ringe umsauste sie der Zug, der die stählernen um sich drehte, immer neu überrannte, von oben her zu seinen tretenden Füßen herabriß. So überdonnerten sie die Brücken, blendende Lichter vor sich werfend, bei Tag und in der völligen Finsternis des Rauchs und der Nacht, den magnetisch in die Brückentafel eingetragenen Spuren folgend. Unter den frisch einsetzenden Böen wurden aus den Schiffsbäuchen der drei Geschwader geschleppt, auf Wagen geschoben und montiert die Maschinen, vor denen vergehen sollten der Krabla, der gurgelnde Vulkan, und der Leirhukr, das dampfende bergezerreißende gasende Unwesen.

Kylin hatte in die Maschinen neue Kräfte eingespannt. Er war aus Marduks Schule. Wie Marduk die Bäume auftrieb, ihr Leben in furchtbarster Weise reizte, so zu tosendem Wuchs und Überwuchs zwang, so hatte der schwedische Schüler die Gesteine und Kristalle bewältigt. Er hatte das Futter gefunden, mit dem man Gesteine speist. In hingerissenen Stunden hatte er das Sprießen und Sichfügen der Kristalle geschaut. Das Wachsen der Schneenadeln der Eisblumen auf der Glasscheibe aus dem hauchenden Atem war sein erstes Wunder gewesen. Und wie er den langen großen Marduk, den Botaniker, mit trockenem Samen Keimlingen langhaarigen Wurzeln Reisern abgeschnittenen Laubblättern arbeiten sah, – unter dem Anhauch der Nährgase und Reizlösungen streckten sich in den Stengeln die Gewebsstränge, Siebe und Gefäße, die Vegetationskegel der blassen Tannennadel trieben ihre Wülste aus, Zellhaut legte sich über Zellhaut, – überfiel Kylin der Wunsch, auch mit seinen Steinen und Kristallen so zu spielen. Es war etwas Üppiges Freches Niedriges in dem Wunsch, aber es zog ihn dahin; das hitzig trübe Gefühl lag über ihm. Ja, er fühlte sich, vor den Schwemmkästen und Heizröhren liegend, in die er seine Kristalle eingespannt hatte, herausgefordert; sie gediehen nicht wie er wollte; er mußte Herr werden. Mußte sie wie Tiere jagen können; ist ein Stein mehr als ein Pferd? Hitze, wechselnde Lösungen, elektromagnetische Kräfte verhängte er über sie. Bis hier und da etwas anfing in ihnen biegsam zu werden. Dann tastete er sie mit Strahlen ab, die von ihnen abprallten, die sie durchließen, sie kalt ließen, zum Erhitzen brachten. Er erkannte, daß diese Steine empfindlich waren und sich auswählen ließen von Hitze Druck und Strahlen wie Tierrassen von einem Blutserum. Es kam nicht auf die zufällige Kristallgestalt an, sondern auf die kleinsten Teile, auf die Urwesen, die sich in den Kristallen gefesselt hatten, auf die Art, wie sie sich verschränkt, gelagert, gebunden hatten. So konnte man sie auftreiben, ihre Verwandlung durchspüren, wie man wollte.

Auf den rundlaufenden, brummend anziehenden, höher und höher singenden Schienen jagten an einem Nebelmorgen die schlanken Maschinen über die weitgespannten Brücken. Kaum zwei Meter hoch waren die Maschinen, flach und lang wie die Wagen, auf denen sie montiert waren. Sie hatten am Kopf Durchbohrungen, Augenlöcher, die sich mit dem Kopf zur Seite, nach oben und unten wenden konnten. An fünfzig erwählte Männer und Frauen lagen an jeder Maschine. Die Luft war von schwirrenden Fliegern erfüllt, die weder der Aschenregen noch die Furcht vor dem Kommenden zurückhielt. Der Jökulsafluß mit seinen Schnellen brauste in seinem sandigen Bett. Weither von einem Laufgletscher kam er, schmutziggrau wälzte er sein Wasser an dem tobenden Krabla vorüber. Wenn sich der Rauch vom Myvatn, dem See, hob, wurde die Linie des dunklen Lachsflusses sichtbar, der wie ein gepeitschter schreiender geifernder Dämon aus dem See fuhr, hochgebäumt, von Lavabomben überschüttet. Er überrannte zertrat sie, ließ sie seitwärts fallen. Man hörte bis zur Höhe das kehlige Röcheln des rüttelnden Wassers, sah die ingrimmige Gischt über die Blöcke spritzen. Schwarz und still lagen hinter ihnen die Spitzen der Fiski-Ebene. Die Berge ruhten um die Vulkane.

Da kam, während sie eben noch ruhten, ein sonderbares Leben über sie. Als zuckten sie leicht mit den Wimpern, schlossen die Lider, zuckten wieder mit den Wimpern. Der Krabla begann. Und bald fing der Leirhukr an. Ihre Ostwand Nordwand Westwand verschob sich, ihre Lasten ruckten, ruckten höher, als jucke sie etwas. Ihre schweren Wände, den zierlichen Brückenpfeilern zugewandt, wurden überrieselt von einem Steinsturz, der nicht nachließ, der die Wände mit einem Nebel umhüllte. Der Nebel nahm zu. Und während er sich im Kreis ausdehnte, von den Bergen wegwuchs, hörten sie auf den Brücken ein Krachen, das über alles irdische Ausmaß war. Ein unendliches Schurren Grollen Dröhnen, das mit seinem gleichmäßigen Anwachsen das Schnattern und Prasseln des Vulkans überscholl überstieg, so überstieg, daß niemand wußte, wie es zum Himmel aufwuchs, aus welcher Richtung es kam. Es brummte und brüllte aus Süden Westen Osten Norden, und doch brüllte es nur von den Wänden der Vulkane, die hinter den Steinstürzen langsam in die Höhe stiegen, als höben sie sich, von einem Beben gehoben, aus dem weichen Boden empor. So wuchsen die Wände, wie wenn einer langsam den Finger hebt. Wie ein Schlafender sich aufrichtet, langsam den Rücken gerade biegt, die Arme aufstemmt, den Blick noch nach unten, träumend; die Zunge drückt er an den Gaumen und schmatzt.

Unter den Blicken von Kylins Maschinen wuchsen sie, von ihnen gesteigert gebläht. Hinter den wallenden immer tieferen Steinschleiern, an den hebenden Wänden stürzten die toten Lavablöcke, die die Blicke nicht anfaßten, rannen abgeschüttet die gefalteten krustigen Lavaströme, zerbrechend, wie Schiefer polternd, knirschend, sich an sich selbst zerreibend. Die Wände dehnten sich hoch und hoben sich von einem unsichtbaren Kern ab wie Blasen.

Der Krabla, der träge, bekam Beine. Sein Steinmantel überrieselte schon den schmutzigen Jakutse, der von dem Askjagletscher abschmolz und heranfloß. Die Steine und Laven, die schwarzen porösen Auswürflinge tanzten noch eben über die Wasserfläche, wühlten die sprühende Fläche auf, und schon hatten sie den Fluß in Kilometerbreite überlaufen, ihn bedeckt, schon wulsteten die Steinmassen aus dem Flutendrang empor, war der Fluß verschüttet, verbarrikadiert, vom Meer abgeschnitten. Im Norden und Westen umging der Steinschleier die Bergwände. Westlich des Krabla rauchten die Wände des Leirhukr. Die Löcher in den alten Schuttfeldern stopfte der Steinregen aus, drückte und trümmerte nieder die mannshohen Tuffhöhlen.

Da knickte die Spitze des Krabla, stürzte ab. Keinen Laut hörte man davon unter dem gleichmäßigen Brüllen und Rollen der sich dehnenden Berge. Und zugleich erlosch der steile Feuerstrahl des Krabla. Schwarzer Qualm wirbelte an seiner Stelle, der sich heftiger und heftiger ballte, in rauschenden Stößen hochschnellte, meilenhoch den erstickten Krabla überlagerte. Da waren zugleich die Wände des Vulkans, die wachsenden, immer höher sich hebenden, von neuem abstürzenden, hinter den Steinschleiern schattenschwarz in ein Wiegen und Rollen gekommen, wie ein Laken, an das der Wind schlägt. Diese Berge wandernd waren keine Berge mehr. Wuchsen in die Höhe, rückten in das Land, über die splitternden Lavafelder, an die Ufer des Myvatn. Dampften und flammten. Flämmchen, bläulich und grün, erschienen zauberhaft verstreut auf ihnen. Das blitzte wie Bergmannslampen auf, erlosch, blitzte wieder. Darunter wogte rollte die Wand des Vulkans, des wolkenhohen Riesenschiffs, das in das schwarze Land einbrach. Häufiger, massenhaft, während die Berge sich dehnten, züngelten die Flämmchen; oben neigte sich von neuem die aufgetriebene aufgetürmte Bergmasse, stürzte in den Krater, den qualmbrodelnden, lautlos ab.

Urplötzlich mischte sich in das ungeheure Dröhnen und Murren ein tiefurtiefes abgrundtiefes bodenentstandenes Schnauben Hauchen. Ein Schmauchen Blasen wie aus einem Kessel. Langsam ließ es nach, lähmend schwoll es an. Dabei flammten ununterbrochen die grünblauen Lichter auf den schreitenden Bergwänden. Gelbe Flammen brachen zwischen den grünen hervor, zuckten stachen geradeaus, drehten sich um sich selbst. Ungeheuer schwarz wirbelte der Rauch über den verschütteten Vulkanen.

Da Riß Schlag Schlag Knall.

Zerschleudert die Bergmasse, zerstäubt Krabla und Leirhukr.

Glühendes erdweites Auflohen, feuriges Anblaffen des Himmels.

Fliegende Basalt- und Granitblöcke, auf- und abschießende Lavabomben. Unter Tosen Absinken der Bergmassen.

Es war niemand mehr von den Menschen in der Nähe. Die Züge zurückgerasselt, die Brücken abgeschwenkt. Der Krabla und Leirhukr waren noch eben zwei Vulkane; der Erdboden zwischen ihnen war verschwunden. Ein Feuersee lag zutage. Ein Spalt war in der Erdhaut. Der Feuersee lief in den Myvatn, ihn auszudörren. Aus dem Riß der Erde ergossen sich Glutströme, geschmolzenes Gestein aus dem Erdinnern, dazu der brennende Leib der zerrissenen Vulkane. Brüllend nahmen die Flammenströme ihren Weg ins Land. Im Süden standen noch schwankende angestrahlte Wände der Vulkane, zerklüftet verstümmelt. Sie bröckelten stürzten über, legten sich in das heiße saugende Bett. Nach Süden überrannte der Feuerstrom das Land bis zum Fuß des mächtigen Blaffjal. In den schwarzen Myvatn wälzte sich der Feuerstrom; drang in das Wasser bis auf die Tiefe des Sees, die er entlang kroch, ohne zu erlöschen. Das Wasser faßte er mit seinen Zähnen an, verschluckte es. Es siedete und verdampfte auf seinem Rücken. Er sprang am Boden des Sees herum. Zerschleuderte zerfaserte zerpaffte sengte, was ihm in den Weg kam. Blutrot sein langer Schlangenleib. Er raste durch die ganze Seenbreite an das südliche Ufer.

Während an dem verfinsterten Himmel der Glutschein sich ausbreitete, weißer und weißer wurde, sammelten sich die Führer auf dem Schiffe De Barros’ an der Nordküste im Axarfjord. De Barros grunzte vor Freude, umarmte Kylin, den blonden schweigenden: „Kylin, die Welt wird von dir reden. Die Erde redet schon von dir. Hör diesen Dialekt. Bist du noch traurig über die Weiblein und Kindlein?“ Das harte glatte Gesicht des Schweden: „Ich bin nicht traurig, De Barros.“ De Barros tanzte mit dem dicken Prouvas: „Kylin, was ist mehr: ein Mensch oder ein Berg? Ein Mensch oder ein Vulkan? Ist ein Vulkan nichts? Wir klagen dich an des Mordes! Haha! Des Mordes an zwei Vulkanen. Alsdann an einem niedlichen schwarzen See, ferner an einem ausgewachsenen Fluß.“

„Laß das, De Barros.“ „Ich bin für Ordnung und Gerechtigkeit. Und wieviel Tiere hast du geröstet erstickt erdrückt verstümmelt und läßt sie unbeerdigt und bringst ihnen keine Hilfe. Da sind die Spinnen, die in den Bergritzen saßen, eine halbe Million an der Zahl. Sechsunddreißigtausend junge und erwachsene Fliegen, nebst ihrer noch lebendigen Vor- und Nachkommenschaft. Familien, Mütter. Hingemordet, erloschen. Wie konntest du das, wer konnte das! Und in den Flüssen die Lachse, die Mücken auf dem See, und der Farn, Moos, das Gras auf dem Boden: vorbei. Ruchlosigkeit, Ruchlosigkeit. Haha! Kylin, vor dem Gott der Mücken wirst du einst erscheinen, vor dem Gott der Lachse der Fliegen der Spinnen.“ „Ich lach’ ja gar nicht, De Barros“, Kylins Schwester blickte glückselig auf den flammenden Himmel, nach rückwärts sich überbiegend. Sie lachte, ohne Kylin anzusehen, stolz: „Ja, was ist mehr, ein Vulkan oder ein Mensch?“ „Ein Vulkan.“

Den Tag über quollen die weißen heißen Massen aus dem Leib der Erde in Bächen und überschwappenden Katarakten. In wütendem Rasseln übergossen sie die alten starren Lavafelder am Skalfandafluß. Die kurze fauchende Nacht verging. Das fahle Sonnenlicht war wieder am Rand der schwarzen und braunroten Wolken. Durch die rote und schwarze Finsternis der Insel schlugen die brennenden Aschen, rieselten durch die heiße schwefel- und ammoniakgeschwängerte Luft. In den Eyjafjord versteckten sich die menschlichen Angreifer. Von den Felswänden begannen Lawinen zu rutschen, das Meer aufzupeitschen. In die Luft mit Masken aufsteigend warfen die Angreifer Böen vor sich, unter sich gegen die verstümmelte heulende Erde. Weggerissen wurden die trägen Rauchwolken vom Boden; sie sahen und maßen die Weite der nackten Feuerschlote unten, der zackigen Riesenschlünde, die senkrecht in die Tiefe des geborstenen Bodens führten.

Die Insel zitterte, schüttelte sich angstvoll, gepeinigt. Zwischen dem ausgedörrten Myvatn und dem atemlos hintosenden von Schmelzwasser überladenen Skalfanda tat sich, während sie flogen, plötzlich ein meilenlanger, das alte Seebett durchquerender Spalt auf, neben dem niedrige Kegel in Reihen hochstiegen, wie von einer Faust aufgetrieben. Braunen Schlamm und Dampf keuchten sie. Das Wogen Stoßen des Bodens ließ nicht nach. Knarren und Knistern rollte die Spaltenränder entlang. Sie sanken wie schmollende Lippen ein. Die Kegel gaben minutenlang keinen Atem von sich. Und während die Spalte sich wurmartig warf, wuchs geräuschlos an ihr ein Kegel auf, breit, breiter, nahm an seinen steigenden Wänden die anderen mit, überstieg mit seinem Fuß die ausgefüllte Spalte. Das Land zog der unaufhörlich getriebene Kegel rechts vom Ufer des Salmflusses mit. Und hundert Meter, tausend Meter ansteigend, schwefeldampfumhellt, zerriß die Spitze des neuen Vulkans, wie ein Kanonenrohr zerreißt. Der Himmel heulte, gelb und schwarz, mit einem viertelstundenlangen Schrei, von Laven- und Feuerauswurf in mächtigen senkrechten Strahlen angespritzt. Der Salmfluß verdampfte in den Lavaströmen, wie der Jökulsa östlich vom Myvatn verdampfte. Der gewaltige Skalfandafluß, von den ewigen Gletschern des Trölladyngja genährt, warf seine breiten eisigen Massen gegen die neuen Feuerläufe: auflohte der Strom zu weißem Dampf. Das Feuer lief sein Bett entlang; sie fuhren dem gewaltigen Strom in den Rachen und machten ihn hin. Er staute sich, vom Meer abgesperrt, nicht auf zu einem See. Als Luft jagte er in die Höhe; die unauslöschliche Hitze trieb ihn, er mochte stürzen wie er wollte, kilometerhoch über sich; der eisige Sturm oben trug ihn nach Westen an die ungeheure See.

Island war verschwunden vom Jökulsa bis zum Skalfanda. Vor den beiden tobsüchtig anzüngelnden Strömen aber war das heiße Erdinnere hochgestiegen. Hatte wie ein Riese erst einen Fuß auf die Treppe gesetzt; die tastende Hand war sichtbar, er war im Begriff höher zu steigen, durch die Luke zu treten, sich sprengend nach allen Seiten Platz zu machen.

Noch war nicht ein Tag vergangen, seit die kleinen fleischernen Angreifer die Berge Krabla und Leirhukr zusammengestürzt hatten. Da lohte Island auf Meilen im Geviert aus zwei strahlenden Riesenbecken, östlich und westlich des Skalfanda.

 

Das Odadahraun, das Lavafeld der Missetaten, lag zwischen den strahlenden Becken. Es war hundert Quadratmeilen groß, zog sich im Süden des schwarzen Myvatn zwischen dem Skalfanda und Jökulsa hin. Kohlschwarze Lava war sein Boden. Schwarzer vulkanischer Sand überflog ihn. Die Brandschlacken waren wie Eisschollen übereinander verschoben. Stumm standen in seinem Süden die Krater des Dyngjafjölls und das weite Gebirgstal Askja mit einem dunkelgrünen See. Die Krater des Dyngjafjölls murrten schon längst; das Tal Askja hatte seinen See verschluckt. Dafür war Feuer aus seinem Boden getreten, der Schein erlosch manchmal, in das wüste Odadahraun zischten dünne Aschen herunter.

Die Geschwader verließen die Nordküste, gingen von Osten die Vulkane des Odadahraun an, in das die Feuerströme der geborstenen Krabla und Leirhukr sich entleerten. Der Vopnafjord schnitt tief ins Land; aus dem Vopnafjord warfen sich die ersten Brückenreihen vor. Die Brücken hatten einen ungeheuren Weg zu durchlaufen. Von Süden kamen andere hervor, aus dem Mjosifjord, aus dem Reidarfjord. Die Menschen drangen, während die Insel unter dem Schlagen der Vulkane erzitterte, über die Gletscher der Ostküste, deren Höhen von Aschen bestreut waren. Vulkan neben Vulkan zog sich in nördlich-nordöstlicher Richtung nach dem lebenden Lavafeld der Missetaten. Erwacht waren der große Dyngja Herdubreid Tögl. Der große Dyngja hatte einen Krater von sechzehnhundert Meter im Durchmesser, den sein eigenes Geröll verstopfte. Er brannte aus einem Schlot in der Mitte. Freistehend mit steilen dunklen Wänden der breitschultrige Herdubreid. Mit einem Schneedach war der Bergriese belegt; Flüsse rannten daraus hervor. Der uralte Skjaldbreidur; sein Krater schachtelförmig, maß zweihundert Fuß im Durchmesser; er war seit einem Erdzeitalter erloschen; Eis hatte sich über ihn gelegt, von dem waren Wasserfluten zu Tal gefahren. Der Berg schnob und gurgelte. Er hatte die Lava hergegeben, aus dem das schwarze gewaltige unheimliche Odadahraun geschaffen war. Er zischte, aus Rissen seiner östlichen Wände kamen lange Rauchfäden. Er rollte und stieß.

Die Angriffszüge überrollten die eisigen aschendurchwehten östlichen Bergketten. Die Brücken waren untereinander verbunden; alle Züge konnten, wenn Brücken hinter ihnen zerrissen oder verschüttet wurden, Nachbargleise suchen. Die Angreifer hatten einen Schutz der Wagen und kostbaren Maschinen vor den heißen Auswürflingen geplant. Aber man sah, daß auf dem wogenden flammenbergenden Boden weder Pfeiler noch Wagen ernsthaft zu schützen waren. Die Schiffe zentrierten sich nach Ablassen der Zerstörerzüge südlich des Vopnafjords hinter Gebirgsvorlagerungen in der Heraldsbucht. In diese Bucht wälzte sich schmutziggrau herunter der Brückenfluß. Aus drei Gletscherquellen gespeist zwang er sich durch die Klüfte; Bäche stürzten von rechts her in sein Bett, Sand häufte er neben sich auf; sandig glatt waren seine Ufer, wo er sich dem Meer im Osten näherte. Neben ihm lief der Lagarfluß, aus einem viertausend Meter hohen Gletscher quoll sein milchig weißes Wasser. In Katarakten ergoß er sich, seenbreit erweiterte er sich, schüttete, wie er in die Heraldsbucht trat, Gletscherkies und Lehm von sich. Vor die weiten Mündungen der beiden Flüsse legten sich die Schiffe der Geschwader, warfen nicht Anker; ihre Antriebsmaschinen blieben in voller Arbeit. Der Wind ging scharf vom Land her. Der feine Aschenstaub flog über das Gebirge an das Wasser.

Weit hinten in See dämmerte der Morgen. Mit Ruck und Stoß betraten die Wagen ihren gezeichneten Weg auf den Brückentafeln. Krachend zogen sie an, schmetterten Pfeiler auf Pfeiler ab. Die Schiffe in der finsteren Heraldsbucht steuerten langsam ostwärts in See hinaus.

 

Das Gestein der Berge jenseits der Küstengletscher, im Süden des schwarzen zitternden Odadahrauns, trank noch gierig die Säfte, die ihm der Schnee eingab, der mit Tonnengewichten auf ihm lag. Die Quellen der Ströme ließen sie über sich herlaufen; die Kraft, die aus der Erde kam, schüttelte an ihnen, tot lagen sie, verwitterten; unendlich lange Zeit hatten sie, dünne Dämpfe ringelten zwischen ihren Körpern hoch. Da war den Steinen, als wäre jeder von ihnen bei seinem Namen aufgerufen.

Basalt war die mächtige Decke, die über dem Boden des Atlantischen Meeres erstarrt war. Sie bedeckte fünfhunderttausend Quadratkilometer. Schottland Island Grönland erhoben sich auf ihr, tausend Meter war sie dick. In Treppen und Bänken lagerte sie hin, mit verkittetem zertrümmertem Tuff bestreut. Sturm und Wasser verwitterten ihre Oberfläche zu brauner gelber Wacke. Auf Island, der Insel des fünfundsechzigsten Breitengrades, hatte sie die Kegel und Kuppen der Berge gebildet, Gjaus, die Spalten gezogen, die von Süden nach Nordosten strichen, der steilwandige Spalt am Myrdalsjökull, die Lakispalten mit hundert Kratern. So standen die Berge da, Gemenge geknetet mit Gemenge wie eine Wiese, über die ein Sämann hundert Keime von hundert Arten wirft, die aufschießen, sich verfilzen. Die Gesteine waren zusammengeknirscht, zusammengeschauert, nachdem das Feuer sie losgelassen hatte. Nichts wuchs in dem wüsten Gemenge; sie wucherten noch unmerklich leise, das langsam lösende Wasser tat mit ihnen, Hitze und Kälte, der Druck der Schwere über ihnen, um sie. Chalcedon und Zeolith lag in den Blasenräumen des Basaltes. Seine dunklen Massen, meterdicke Kugeln Platten Fächer hielten fest die zerdrückten grünschwarzen Olivine, das Titaneisenerz, den eingewühlten Augit, Plagioklas. In den Bändern der tiefen Gesteinsgänge verschränkten sie sich glasig ineinander.

Jetzt kam über die geronnenen Wesen etwas, das von Art der Flamme war. Wie wenn ein Mensch, der jahrzehntelang in der Fremde herumgeworfen wurde, um die bittere Notdurft des Lebens Tag um Tag rang und nichts als das Ringen Rudern Schlagen unter den Fremden mehr kennt, eines Mittags einem unbekannten Mann begegnet. Der übergibt ihm einen Brief von Hause, spricht ihn in der heimatlichen Sprache an und fragt ihn, was er so lange getrieben habe, er möge doch wiederkommen.

Oder wie eine ungeliebt verheiratete Frau, die lange Zeit neben dem widerspenstigen rohen Mann lebt, ihm Kinder auf Kinder trägt, schon selber stumpf und gehässig ist, wie wenn sie sich plötzlich in einer Krankheit eines Jugendfreundes besinnt. Und er kommt, – es ist einer da, oh Wunder, der ihr die Bettdecke zurechtrückt, der ihr die Schnabeltasse an den Mund hält, während er mit der rechten Hand den schwachen Rücken stützt. Sie atmet stürmisch, und wie sie gesund wird, ist eine Stunde da, wo sie inmitten der kleinen Kinder in der Stube sich dem fremden Onkel an die Brust drückt, ihn küßt, ruhig küßt, und er führt sie mit den Kindern aus der Tür hinaus.

Wie ein Volk, das vor Jahrhunderten besiegt und zerschlagen wurde, dessen Männer und Frauen sich zerstreuten, die Sprache wurde verboten, der Volksstamm verhöhnt, seine Sitten lächerlich gemacht; als Sklaven gingen die Männer in fremde Dienste, ließen sich in fremde Kriege führen. Und eine Anzahl fiel ab, glänzte in den fremden Völkern, die sie verachteten. Wie in einem solchen Volk heimlich junge Männer und Frauen auftreten, halbe Kinder; die treten zornig leidenschaftlich den Alten ihres Volkes unter die Augen in geheimen Zimmern und sagen: sie hätten genug von ihrer Feigheit, von den Beschwichtigungen, womit man sie füttere, von dem Beschimpftsein und Getretensein. Sie würden ihr Leben gegen die Schande einsetzen. Und sie wandern herum, verteilen Blätter, reden heimlich. Ein Rauschen geht durch das Volk, durch alle kleinen Familien, durch die Mädchen, die fremde Stuben sauber machen müssen und den fremden Männern zum Opfer fallen. Und eines Tages ist ein Krieg da. Und eines Tages sind die Straßen frei. Und eines Tages weht eine Fahne von den Dächern, eine neue Fahne. Und durch die Straßen jubeln Züge in einer Sprache, – in welcher Sprache, – in der verspotteten siegreichen Sprache. Und alles weint hinter den Fenstern und auf den Straßen. Dies ist eine Stunde, wo die Toten der vergangenen Jahrhunderte ein Zittern befällt. Und sie flattern zu den Lebenden aus ihren wüsten unbezeichneten Gräbern in ungeheuren Scharen und sie ziehen mit in dem singenden Zug. Tausende, Tausende singen mit, fliegen den Fahnen voran und halten die Fahnenbänder und küssen den jungen Marschierenden die schmutzigen Stiefel und die Mützen.

Wie diese, Männer und Frauen und Volk, wurden die Felsen Bergkämme Krater Höhenzüge die todesstummen eisbedeckten riesigen Häupter ergriffen. Wurden angefaßt wie das Schloß von dem Schlüssel und mußten gehorchen. Folgten summend und alles wurde im Bersten licht um sie.

Erweicht wurden der große Dyngja Herdubreid Tögl Skjaldbreidur.

Und wie murrend der Einsturz der Berge begann, die Angreiferzüge die Berge losließen, Brückenweite auf Brückenweite überflogen, war es auch schon zu spät. Die Luft, noch schwarz und eisig hauchend, wurde rot aufgespalten. Glut und Blockauswürfe. Finsternis von tiefster Schwärze legte sich über die Hochflächen. Rütteln Rollen Wallen der Erde. In der Schwärze unter sich sahen die fliehenden Züge noch die braun überschütteten Schneefelder vor dem Senorfjall sich heben und senken, von Wasser schäumen wie einen schlammigen See. Dann zerriß die Insel vom Fuß des Herdubreid nach Osten bis zur Heraldsbucht. Das Sandtal zwischen Brücken- und Lagarfluß sank. Das Meer durchsetzte die meilenweite Fläche von der Heraldsbucht bis zum Kyarkfjöll vor dem Angesicht des gewaltigen Vatnagletschers, begrub sie in einem einzigen Schwall. Verschlungen die Züge, die von den Kyarkfjöll und Askja die Heraldsbucht erreichen wollten. Mit Brücken Pfeilern Trommelträgern Fahrbahntafeln ins Meer gefahren.

Das Beben lief über die Heraldsbucht hinaus. Lief, eine mauerhohe meilenweite Flutwelle hochbäumend, einen Orkan vor sich drängend, über die springende eiskäuende See. Zwanzig Längengrade lief es nach Osten, drang in die aufdonnernden skandinavischen Fjorde ein. Das Wasser stürmte schwarz in Bänken mit ungeheurer Geschwindigkeit. Lautlos versanken in dem Schäumen und Rasen Teile der Fär Öer. Die häuserhohe Flutwelle schlug an die schottische und irische Küste, brüllte gegen Dänemark, staute in den Kanal laufend die Elbe auf. Sie rollte um Jütland durch das Kattegatt. Die flache Ostsee schwankte bis in die Finnische Bucht. Der schrille aschenwerfende Wirbelwind strandete vor den skandinavischen Bergen.

Über Island aber war die Finsternis vergangen. Der Feuerstrahl, der aus den Herzen der Dyngja Herdubreid Askja fuhr, ließ es sich nicht genug sein, das weite nördlich hingedehnte dem Skalfanda angelagerte Odadahraun zu verbrennen. Die westlichen Gletscher des Hofjoküll und des Langjoküll hauchte er an. Und wie ihr Eis zu Tal fuhr, riß, durch Dämpfe gelockert, der schwere Basalt über ihnen. Sie lohten wie der Krabla und Leirhukr. Ihre schwer wankenden Köpfe stürzten ab in die vom Meer aufberstende Spalte.

 

In der Stunde, wo die Insel vom Fuß des Vatnagletschers bis zur Heraldsbucht aufriß, wußten die Männer und Frauen auf dem europäischen Kontinent, daß etwas Ungeheures Vernichtendes geschehen war. In dieser Stunde liefen plötzlich die Maschinen, die Kraft in die untermeerischen Kabel warfen, leer. Die Kabel, die die Expedition versorgten, zerbröckelten auf Kilometer unter dem aufkommenden Tiefengestein der See, von untermeerischen Lavamassen zerrieben. Wie ein Stier mit aufgeschnittener Kehle, mit peitschendem Schwanz daliegt und noch fürchterlich röchelt, so hauchten die Kräfte aus den Kabeln über die kantigen Steine und das Wasser. Milchig quoll vom Boden das Wasser hoch. Pflanzen Quallen Fische lähmte der Strahl. Es röchelte in der Tiefe aus dem Kabel, beruhigte sich nicht.

Einen Tag war Totenstille in den festländischen Stadtschaften. Da wurden in Höhe Kopenhagens die ersten Flieger gesichtet. Sie kamen, schwarz von dem vulkanischen Staub, der in großer Höhe über Europa getragen wurde, forderten neue Schiffe Flugzeuge Menschen. Angst hatte sich der Senate und städtischen Völker bemächtigt, wie das See- und Erdbeben anlief, der finstere Staub unablässig aus großen Höhen herabrieselte und es nicht Tag werden wollte. Die Boten schlugen die Furcht nieder. Kaum berichteten sie von den Vorgängen. Sie sprachen für Kylin De Barros Prouvas, die alle drei noch lebten. Die Senatoren waren verblüfft von der strengen verschlossenen Art der Boten. Sie waren selbst kampfgierig; der kalte Ernst der Boten beunruhigte sie leise.

Ein neues Geschwader verließ die Shetlandsinseln. Das schlackenschwemmende Meer überfahrend, in die Schwefeldünste einlaufend längs der Ostküste Islands, – eine dampfende, grün und gelb zuckende Masse im Ozean, – gerieten sie in eigentümliche neue Strömungen und Strudel. In der Höhe des fünfundsechzigsten Breitengrades, bei der zwölften Länge wurde das Wasser flach, Riffe Klippen ragten über den Spiegel. Sie bogen östlich aus. Heiße Luftströme schlugen in die gleichmäßige Meereskühle ein. Meilenweit bogen sie aus, nach Norden dringend, schwankten unter ständigem Sandregen vorsichtig westlich, umfuhren eine unbekannte breite Bodenwelle, die ihnen bankartig den Weg sperrte. Mühsam tasteten sie sich nordwestlich vor. Der Sockel der Insel hatte sich unregelmäßig gehoben, dabei dünenartig ins Meer verbreitert. Nördlich der unglücklichen Heraldsbucht trieben sie. Vergeblich hielten sie Umschau nach Trümmern des letzten Angriffsgeschwaders. Der finsterrote Brand durchbrach den schweren Qualm, leuchtete ihnen die Nächte, die immer länger wurden. Obwohl der Mond schien, von dem die mitfahrenden Boten sagten, er leuchte auf Island fast so hell wie Sonnenlicht, war eine zum Schneiden dicke Finsternis um sie ohne die Vulkanfackel. Dünste zogen ohne Nachlaß von der Insel ab über das Meer.

Sie wollten von dem Vorgebirge Langanes, der nordöstlichen Ecke der Insel mit einem schwachen Kabel, das sie hinter sich zogen, Funkzeichen und Worte nach dem Festland geben. Da merkten sie, daß das Entsenden der Sprachzeichen durch die veränderte Luft nicht gelang. Antwortzeichen trafen nicht ein; schon bei Proben auf wenige Kilometer verstanden sie sich selbst nicht. Die Luft war nahe den heißen Ascheausbrüchen, den vulkanischen Feuerstürzen von Strahlen durchwirbelt. Sie mußten Flieger aussenden aufs offene Meer, die viele Meilen ostwärts flogen, ehe sie die rings die Insel umflutende Spannungszone durchbrachen und Standorte für Meldungen nach dem Kontinent ermittelten. Die Schiffe suchten die gebrochenen großen Energiekabel ab. Jenseits des Ozeans ließen die Menschen Kraft in die Kabel einlaufen. Langsam mußten von Süden die Sucherschiffe das Kabel abtasten; sie stießen, im Norden es ergreifend, auf die Sandbank, die sie umfahren hatten. Ohne Zeichen verströmte die eingeworfene Kraft jetzt in die Bodenwelle. Eingeklemmt gewürgt gebrochen lag das große Kabel zwischen den Tiefengesteinen, glühte zerfraß den Sand. Die Sucherschiffe, von Süden vordringend, brannten mit eigener Kraft das Kabel aus dem Gestein, daß das hochsteigende Wasser sie von der Bruchstelle abtrieb. Zogen dann in weiten Bogen um die Insel, das Kabel verlängernd, bis sie westlicher des Langanesvorsprungs in den ruhigen Thistillfjord kamen, wo De Barros den Rest des Geschwaders massiert hatte.

Die neuen Schiffe hatten erwartet, man würde ihnen entgegenfahren. Einsilbig fanden sie Führer und Mannschaften bei der Ausbesserung von Schiffen und Maschinen, bei der Zählung der Vorräte; sachliche Worte wurden gewechselt. Die Gesichter dieser Islandfahrer waren völlig schwarz, verschwollen. Das kleine pulverförmige Steinpigment, das die Vulkane von sich gaben, hatte sich in die bloßliegende Haut der Arme Hände Gesichter wie Tusche an tätowierenden Nadeln eingebohrt. Heftige Entzündungen waren davon ausgegangen. Am furchtbarsten waren die betroffen, die in den ersten Angriffstagen ungeschützt durch den Staub geflogen waren. Sie lagen und standen in den Schiffsbäuchen, stöhnend im Finstern; Backen Stirnen Lippen wulstig dick, Augenlider zugeschwollen. Und wo einige die Lider offen hatten, war die Hornhaut schwarz wie das Gesicht; die Bindehaut mit dem Steinstaub gespickt. Sie wagten nicht zu zwinkern, rissen sich mit dem Lidschlag das Innere der Lider wund; in den Augenwinkeln standen ihnen Blutstropfen.

Das zweite Geschwader erfuhr, daß die Insel in ostwestlicher Richtung von der Heraldsbucht bis zum Kyarkfjöll, dann in südwestlicher von der Vopnabucht bis an das Vulkanfeld des Dyngja aufgerissen war. Das dazwischenliegende keilförmige Stück war überflutet. Die Vulkane hatten im Zentrum der Insel um das Odadahraun herum das Grundgebirge durchbrochen, mit Spalten Sprengtrichtern Explosionsgräben ihre Schlote riesenhaft erweitert. Die alten Krater waren eingeebnet. Neue Lavenkegel entstanden und versanken unaufhörlich. Die Kundschafter des alten Geschwaders hatten festgestellt, daß schon dickere Lavakrusten sich über das bloßgelegte Feuer breiteten. Wie Blut aus spritzenden Gefäßen gerann das Feuer. Aber aus der Tiefe der Insel und dem benachbarten Meer wurden immer wieder brennende losbrechende Massen ausgeschleudert.

Die Geschwader teilten sich. Gruppen der alten und neuen Islandfahrer wurden unter neu gegliederte Züge gemischt. Eine Möglichkeit das zentrale Inselfeuer nach Westen zu erweitern bestand nicht. Der im Thistillfjord zurückbleibende Schiffstrupp übernahm die Aufgabe, die stärkere Verkrustung des ausgeworfenen Magmas zu verhüten, durch Aufsprengung das Feuerfeld zugänglich zu machen, das flammende Land zu überwachen zwischen Myvatn Odadahraun und Vatnagletscher.

Anfang Juni verließ das Südgeschwader, geführt von dem strengen Kylin, den ruhigen Thistillfjord, ostwärts, dann südlich umbiegend. Hart und stumm war der blonde Kylin wie die andern. Hätte man ihn nach seinen Worten und Klagen bei der Beseitigung der Eingeborenen gefragt, er hätte sich nicht darauf besonnen. Die Wimpel, bunten Kostüme, mit denen die neuen angefahren kamen, waren abgelagert. Still waren die Transporter. Auf den technischen Schiffen fauchten die Maschinen. Maskierte rußbedeckte Menschen gingen herum auf dem ruhenden und fahrenden Geschwader. In Schlamm verwandelte sich das Wasser, das sie im Freien trinken wollten. Wenn einer ein Stück Brot im Freien in den Mund steckte, war es mit den spitzen Nadeln der Vulkane besetzt. Sie spien beim Essen. Aus den Schiffsbäuchen wimmerte es; die Blinden Hautkranken, dann die, die von den Schwefeldämpfen und der Einatmung des Staubes erkrankt waren, sich schmerzvoll die Brust faßten, husteten, husteten, Blut unter Räuspern und Winden aus sich warfen. Niemand sprach vom Kontinent. Man hielt stumm, sich verhärtend zusammen.