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Berge Meere und Giganten

Chapter 9: Siebentes Buch. Die Enteisung Grönlands
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About This Book

A vast, epoch-spanning vision traces how postwar industrial societies accelerate mechanization and global expansion, extending human control through colossal machines and engineered infrastructures. The narrative moves through phases of technological triumph and colonial exploitation, seaborne projects and biological-engineering ventures, and finally the rise of towering artificial entities whose operations reshape climates, geographies, and communities. It examines the tension between human ambition and impersonal forces, attending to questions of scale, material transformation, ecological consequence, and the fragile persistence of everyday life amid sweeping systemic change.

Siebentes Buch.
Die Enteisung Grönlands

Sehr zögernd lösten sich die Schiffe von Island. Sehr langsam kreuzten sie das starke atlantische Wasser. Das dumpfe abgründige Schollern füllte noch ihre Ohren. Sie hörten es, als wenn eine Muschel auf ihren Ohren läge. Lagen auf dem Meer, das sie vor Monaten, endlos langen Monaten betreten hatten, von den Shetlandinseln her am sechzigsten Breitengrad. Das Meer, mit Steinschotter die Küsten schlagend, Ozean, breites hundertmeiliges Wasser, schwarzes wellenüberlaufenes Wesen, von dünnen Winden geschoben, überflattert von fliegenden pfeifenden Tieren. Sie hatten einmal Mukla Ron und Foul, das Mainland, die zackigen Inseln Yall, Samphyra, Uya, Umst verlassen, Vogelberge waren verschwirrt. Die Sonne sahen sie wieder, mit fremden großen forschenden Augen, Unband von Feuer, einäschernde Hölle alles Kriechenden Fliegenden Hüpfenden, das weiße wallende Flammenmeer, metallene Wolken von sich werfend, die in Schlacken zurückfielen. Zwitschernde Metalle, Gluthauch an Gluthauch, die Urwesen frei blühend, Helium Mangan Kalzium Strontium. Sie gingen hin und her zwischen Deck und Kajüten, spürten dem Aufblasen des kalten Nordostwindes nach, staunten die Wellen an. Unklar erinnerten sie sich, was hinter ihnen lag. Sie waren aus Brüssel London, südlichen Stadtreichen gekommen; man hatte sie gesammelt. Man hatte Brücken über Island geworfen. Die Städte, sie erinnerten sich der Städte. Wie sonderbar die Siedler. Ihretwegen hatte man sie hergeschickt. Das Meer floß unter ihnen. Gut, daß es da lief. Sie wollten nicht in die Städte. Wie merkwürdig alles durchhellt wurde, Senate Stadtschaften Fabriken Apparate. In der Mark hatte Marduk, der große Tyrann, gekämpft; Zimbo kam nach ihm. Die Stadtschaften hatten den Siedlern nachgeben müssen; darum schickte man sie her, nach Island, Grönland. Was für Menschen waren da hinten. Nichts hören. Weiter Meer fahren. Grönland, nach Grönland.

Das arktische Mittelmeer lagerte auf zwei Tiefenmulden. Zwischen Spitzbergen und Grönland sank die Nordmeertiefe fünftausend Meter tief ein. Eine unterseeische Bodenschwelle, die kaum dreihundert Meter unter dem Wasserspiegel verlief, der Thomsonrücken, trennte breit die Nordmeertiefe vom Atlantischen Ozean. Von Ostgrönland lief die Schwelle auf Island. Im Nordosten trennte eine Schwelle die Nordmeertiefe von der Meeressenke um die neusibirischen Inseln. Der grönländischen Ostküste fern folgend fuhren die Schiffe der Stadtschaften über das eisige Meer. Die warme tropische Golfstromdrift, die den Ozean hinter sich hatte, sandte ihr Wasser herüber auf Island, umkreiste die Insel, lief an der Südspitze Grönlands vorbei. Von Norden und Osten schwamm neben ihm, bedeckte ihn, mit Treibholz und Eis beladen, der Ostgrönlandstrom; der eisige Labradorstrom kam von Westen, vereinigte sich mit ihm. Sie fuhren über die schweigenden Untiefen.

Und plötzlich wurden sie der Turmalinschiffe, der schwimmenden Fracht unter sich gewahr. In den Bäuchen der Schiffe ruhten die Schleier, die mit der Glut der Vulkane geladen waren. Im Stoß den rasenden hauchenden Feuerflächen entrissen. Da fuhr mit ihnen das dröhnende geliebte Island. Die achtkuppige Hekla, sprudelnd die Lava von der Thorsar bis zum aufgischenden Meer. Die Schiffe des Myvatngeschwaders fuhren mit ihnen. Sie hatten die Gruppe der Turmalinschiffe nach den Vulkanen benannt, denen ihre Kraft entstammte. Das war die Klasse der Leirhukrschiffe. Der breitschultrige Herdubreid, der schreckliche Dyngja. Die Katla, am Südhang des Vatnagletschers der gigantische Öräfa. Es war, wie die Menschen es bedachten, ein Widerwillen in ihnen nach Grönland zu fahren, diese Schleier, dies Leben und Blut wegzugeben, über das Land zu breiten nach dem Befehl der Stadtschaften. Herdubreid Katla Hekla Myvatn fuhren mit ihnen; sie waren ihrer Obhut übergeben. Kein Führer erriet, daß eine Anzahl der Menschen, die mit ihnen über dem Meer, dem südwärts treibenden Ostgrönlandstrom hingen, im Kopf hatten, die Turmalinschiffe mit ihrer Liebe zu decken. Sie wollten die Frachthallen sprengen. Geschützt von den Menschentransportern fuhren die Turmalinklassen, in langem Zug. Leichte Fahrzeuge bahnten ihnen den Weg durch das Packeis. Vorsichtig zwischen Eisbergen führten sie sie hindurch. Aus allen Schiffen umschwärmten die Turmalingebäude immer Boote; immer waren sie ihnen nahe wie die Hand einer Pflegerin. Da kam, nachdem sie ziellos eine Woche gekreuzt hatten, unerwartet der Befehl, alle Maschinen anzusetzen und sich nach einem Plan um Grönland zu verteilen, vom Melvilleland jenseits des achtzigsten Breitengrades bis zum Kap Farwel unter der sechzigsten Breite. Sie sollten die Dänemarkstraße im Osten durchziehen, im Westen die Baffinbai bis zum Ellesmereland. Es kam auch der Befehl, nur wenige Schutzschiffe für die Turmalinschiffe zu stellen, niemand sollte sich zu dicht den großen Frachtern nähern. Die an die Versenkung der Frachter gedacht hatten, fühlten sich im Augenblick ertappt. Sie erfuhren bald, was die Führer zu der Warnung bewogen hatte.

Ruhig schwammen die Hallen mit der Last der Vulkangluten über dem Wasser. Die Schiffe begannen eine merkwürdige Gesellschaft zu bekommen. Bald hinter Island bemerkten die Menschen der Begleit- und Wachtschiffe die große Zahl von Fischen, die sich um die Flotte sammelte. Sie schoben es auf die besonderen Fahrrinnen, die sie gerade nahmen. Schon nach zwei drei Tagen erkannten sie, daß die Fische hinter den Turmalinfrachtern her waren. Der braune Tang löste sich nicht von dem Schiffskörper. Wellen schlugen ihn nicht ab. Wenn Eisschollen eben einen Teil des Bugs glatt gescheuert hatten, so hingen fast im Augenblick, wie magnetisch gezogen, fast wie aus dem Schiffe sprießend, neue Tangbüschel an seinem schweren Rumpf. Die Turmalinfrachter zogen den Tang wie Barthaare hinter sich. Bei langsamer Fahrt waren die Schiffsleiber von den braunen grünlichen nassen Büscheln ungeheuer umwallt. Die Schrauben schmetterten und schlugen sich ihre Drehflächen frei; aber in den langen Schraubentunnel wucherten die Pflanzen ein, tauchten in den dunklen engen Kanal am Boden der gewaltigen Fahrzeuge, umwanden die schweren glatten rollenden Metallbalken. Die Männer mußten herunter in die eisigen Räume, mit Haken und Messern die bunten Büschel abziehen, die im Begriff waren, das Schiff zu ersticken. Sie brachten zum Erstaunen der Besatzungen den schweren Pflanzenfilz herauf. Es waren nicht die gallertigen Gebilde der zierlichen Algen, die auf den Wellen unter ihnen schaukelten, wiesenartig dicht beieinander, das Meer olivgrün färbend. Sondern armdick quellende Sträucher, vielfach verästelt, mit zollangen scharfgezähnten Blättern; apfelgroße Beeren trieben sie, die ihnen als Schwimmblasen dienten; wie Köpfe erhoben sie sie. Reinigungskommandos traten auf allen Frachtern in Tätigkeit. Mit Besen mußten sie die Algenbüschel von den Treppen herunterstoßen; mit Stöcken schlugen sie sie vom Gestänge ab. Um die Turmalinfrachter, als wären sie durch Signale, durch einen Ton, einen Geruch bezeichnet, schwammen Wale. In wellenförmigem Auf- und Absteigen begleiteten sie die großen Frachter, drängten sich blind durch die Wachschiffe. Man sah sie mit offenem Rachen schwimmen, von den rasch stoßenden Schwanzflossen getrieben. Sensenförmig gebogene lange schmale Zähne standen zu Hunderten honiggelb auf den großen Kiefern; das Wasser quoll zwischen den Zähnen in den Schlund; wurde in Springbrunnen weiß aus den Nasenlöchern auf den schwarzen Scheitel gespritzt. Das Gewimmel der glänzenden dunklen Rücken, die hohen Wasserstrahlen. Die scheuen Tiere fuhren wie verbissen hinter den Transportern her. Als die Begleitschiffe Boote gegen sie aussetzten mit Harpunen, die sie sich zur Unterhaltung anfertigten, wichen die Tiere aus. Wie man ihnen aber den Weg hinter den Frachtern verstellte, gingen sie schwanzschlagend mit Zorn auf die Boote los. Die Lichtanlagen und der Verständigungsdienst von den Frachtern wurde in diesen Tagen schwächer. Die Ingenieure erkannten, daß die Vulkanschiffe die Störung in sich selbst tragen mußten. Keine Hitze strömten die Berge der Steinschleier aus. Man beging die Hallen, durch deren ganze Weite die Schleier ausgespannt waren. Die ölige Isolierung war nirgends durchbrochen. Es waren andere Substanzen, unbekannte, die ausgeströmt wurden. Düster brannten nachts die Vulkanschiffe, hinter einem Nebel fuhren sie; die Lampen zuckten erloschen zu manchen Stunden. Da gaben die Führer, in Unruhe geratend, die Weisung, das ziellose Kreuzen zu beenden, alles bereit zu halten, den Angriff auf Grönland vorzunehmen.

Die Vulkanschiffe aber, schwer sich durch die Eiswüste wälzend, waren von einem Zauber berührt. Sie fuhren, als wollten sie im Eis versinken. Eine Nacht langsamer Fahrt genügte, um die Schiffe wie mit Tauen an das Meer zu fesseln. Der schwimmende abgerissene sterbende Tang wuchs auf, trieb neue Stiele und Blätter. Die Kanten der Eisschollen waren mit den Algenvölkern überzogen, die sich an die Schiffsleiber mit langen Stengeln, palmblattartigen Organen hefteten und die Schiffe mit dem Eis verklammerten. Mit Brennen und Sprengen wurden die Frachter freigemacht. Die Menschen auf den Schiffen selbst und in ihrer Nähe wurden eigentümlich mitgenommen. Nur für wenige Tage konnten Menschen zu den Turmalinfrachtern abkommandiert werden. Nach kaum einem Tag gingen sie in einer Müdigkeit herum, die zwangsartig war und die sie vergeblich durch Bewegungen Waschen von sich entfernten. Wie Opiumraucher setzten sie sich hierhin, dorthin, taten mühselig ihre Arbeit. Es wurde ihnen schwer das Gesicht zu bewegen. Mit diesem maskenartigen Ausdruck brach der Zustand aus. Dabei war ihr Inneres süß bewegt; sie blickten oft zwischen den Leitern Türen hindurch die Wände Decken, den Himmel an, sahen Landschaften, in denen sich Bäume überpurzelten, die Wolken sich lang auszogen, warm heruntertropften, ihnen auf die Brust, die Lippen; sie leckten, schluckten. Ein heftiges bald unbezwingbares Liebesempfinden durchlief sie. Die Männer zitterten im Frost der Erregung, die Frauen schüttelten sich, gingen zuckend langsam. Jedes Glied an ihnen war mit Wollust geladen, jede Bewegung brachte sie dem ausbrechenden Taumel näher. Sie umschlangen sich, und wenn sie ihre Leiber vermischt hatten und voneinander ließen, waren sie ungesättigt. Sie küßten und umarmten Seile, rieben und schlugen Arme und Beine, den Rumpf an Treppenstufen. Über Bord ragten die mächtigen Algenstiele; die zogen sie her, zu denen fühlten sie Verlangen. Das wonnige Wimmern, das ratlose Seufzen, angstvolle Stöhnen der Nichtzuberuhigenden. Dann lachten sie wieder, ließen sich und die Dinge los, taten dämmernd eine Arbeit. Aber der Speichel lief ihnen aus dem Mund, es drehte so weich hinter ihren Stirnen; sie warfen die Köpfe in den Nacken. Man mußte beim Fortgang der Eisfahrt schon am Ende des zweiten Tages die Menschen von Bord reißen. Alle entbehrlichen Kräfte wurden von den Vulkanschiffen genommen. Die Flotten stürmten durch den Ozean ihren Bestimmungsorten zu.

Jetzt sah man schon nachts mit bloßen Augen, was in den Riesengebäuden der Vulkanfrachter lag. Wenn die Sonne versank, Lichter auf den andern Schiffen aufflammten, fuhren die Hekla Leirhukr Dyngja Katla Myvatn, als wären sie, auf denen keine Lampe brannte, in ein dünnes Licht gehüllt. Man konnte die Schiffe im schwarzen Wasser im ganzen Umfang bis zum Kiel herab erkennen; Schrauben Masten Seile, die andrängenden Pflanzenmassen zitterten ein feines weißes Licht. Von Stunde zu Stunde wuchs die Intensität des Hauches. Im Finstern sah man, daß das Wasser viele Meter um die Schiffe leuchtete. Weiter und weiter entfernten sich die Menschentransporte und Begleitschiffe von den schwimmenden Speichern; nur für Stunden wagten sich kleine Mannschaften herüber. Ein Schrecken hatte alle befallen. Sie lagen zerknirscht auf den Schiffen herum. Was sollten sie tun? Was sollte man tun mit den schrecklichen Vulkanhallen, die man hinter sich herzog, die wie Ungeheuer über sie herwuchsen. Keiner dachte mehr an Sprengung. Die Führer wurden angefleht, die Turmalinhallen in das hohe Eis hinaufzuführen und dann zu fliehen. Aber was würde geschehen mit den Schleiern. Die Speicher konnten lostauen, ins Meer nach Süden getrieben werden, ihre Isolierung konnte zerbrechen; sie konnten als furchtbare Flammen- und Strahlenwesen gegen die Kontinente vorgehen. Man mußte sich ihrer entledigen, aber man konnte nicht fliehen. Nach Grönland. Und die Führer und Besatzungen zitterten, was geschehen würde, wie es verlaufen würde. Man fuhr. Metallisch blitzten im Wasser die Scharen der Fische auf. Die Lachse blaugrau mit dunklen wedelnden Flossen. Der Schwarm der scheuen Makrelenhechte gefolgt von Thunen und aufspringenden jagenden Boniten. Es war, als wenn sich die Pflanzenwiesen vom Meeresboden hochhoben losrissen, an die Schiffskörper hingen. Mit ihrem lebenden Gewichte beschwerten sie die riesigen Turmalinfrachter. Die schienen nichts davon zu fühlen. Ihr Bug hob sich von Stunde zu Stunde höher aus dem spritzenden Ozeanwasser. In den Nächten liefen sie wie glühende Wesen über dem Wasser. Das Mittschiff folgte, das Achterschiff. Die Schiffe schienen sich bereit zu machen über den Ozean zu fliegen. In nicht ausdenkbarer Weise, ein Graus der begleitenden Menschenflotte, überragten die Vulkanklassen die anderen Schiffe. Mit Bug und Steven, entblößter Außenhaut, liefen sie ohne zu schwanken auf der Meeresoberfläche wie auf Schienen. Bald mußte der Kiel die Wasserlinie erreicht haben, die Schiffsschrauben leer in die Luft schlagen. Und wie sie bergig hoch über den andern in den Geschwadern rollten, begannen ihre Rümpfe zu torkeln. Wild und brünstig hoben sich die Schiffe an. Toben und Klatschen war um sie; die Maschinen in ihren Leibern arbeiteten; eine todesmutige alle Angst verbeißende Besatzung, stündlich wechselnd, hielt sie in Gang. Die seilartigen Stiele der Pflanzen, die sich über die Planken und Masten legten, rissen die fahrenden Schiffe entzwei. Die Eismassen, die sich an ihre Leiber schmiegten, sich mit ihnen verlöteten, schüttelten sie von sich. Kilometerweit um die Frachter stießen Vögel auf sie zu; sie fielen über die Gebäude her, setzten sich auf die kriechenden Algen, auf Stengeln Blättern an der Außenverschalung krabbelten sie pfeifend zwitschernd schreiend herum. Tausende von Eistauchern, hell schreiend, flatterten auf Drähten Tauen, durch die Luken Deckfenster, bedeckten mit ihren zuckenden befiederten Leibern die Außenbordstreppen, unbehilflich springend, hielten sich dicht über dem Kiel am Schiffsrumpf angeklammert. Andrängende aufschnellende Fische jagten sie hoch, der starke Strahl der Wale wirbelte sie betäubend in die Luft. Über das Eis von Grönland kamen Vögel herübergeweht.

Es waren keine Schiffe mehr. Es waren Berge Wiesen. Und die Schiffe klangen. Sie klangen mit demselben hohen Ton, den die Schleier von sich gegeben hatten, als die Fluggeschwader sie von den Feuerseen Islands abzogen. Durch das Flügelschlagen Krächzen Zwitschern drang unheimlich der helle gleichmäßige Ton, der leise sanft aufsurrte, wie der Dampf aus den Düsen einer Turbine.

Das Land, das die Seefahrer zwischen dem dreißigsten und vierzigsten Längengrad suchten, war nicht zu sehen. Eine starke Eisbarriere hatte es um sich gelegt. Aus der Richtung, in der es lag, schwoll scharfe Kälte und immer neues weißes Eis. Das helle glasige Eis schob sich über die ozeanische Fläche in Blöcken Schollen Bergen. Je mehr sich die Geschwader auf der östlichen und westlichen Seite dem grönländischen Erdteil näherten, um so höhere Berge hatten sie zu umwandeln. Von Küsten, die man nicht sah, segelten die weißen und bläulichen Massen an. Eisschollen flogen vor dem Nordsturm her, mit Höckern und Zacken, drehten sich, knirschten und krachten gegeneinandergeschoben, eine auf die andere getürmt, kippten überlastet um, schwappten im offenen Wasser auf und ab. Burgen und Zinnen näherten sich, übereinander gerammte hohe Stockwerke der Schollen. Durch die Nächte schimmerten sie. Das Wasser, aus dem sie entstanden waren, spülte an ihnen hoch, troff von ihnen herunter. Es fiel im Schwall über sie, nagte Spalten in sie hinein. Sie zogen durch die dämmrigen Nächte wie Fabelwesen, armlange Zapfen hingen an ihren Balkons, gläsern klirrten sie; mit einem Schlag fielen die zerbrechlichen Galerien auf die treibenden Schollen.

Die Seefahrer suchten Grönland. Sie waren, wie sie hinter den sprengenden und rammenden Hilfsschiffen fuhren, schon im Bereich des Landes; das waren die Vorboten der Gletscher. Wie ein reicher alter Baum wachsend Jahr um Jahr seine Früchte trägt, die Äpfel, die immer neu aus diesem Boden steigen, von demselben Stamm, demselben Wesen gebildet und geboren werden, so lag Grönland jenseits in der Dämmerung, Millionen Meter breit, trächtig, auf dem schwarzen Meer; Eis wuchs auf ihm, das Land schüttelte sich nicht. Schweigend, aus der Überfülle glitten die Massen ins Meer.

Im Osten hinter der breiten Eisbarre trat die Küste, wildes Alpenland hervor. Dunkle Wasserspiegel der Fjords, schwarze Berggipfel. Von allen Bergstufen stiegen Gletscher in die Tiefe der Felsgassen. Über die Gebirgskämme schoben sich Eispyramiden. Die Talfurchen von den weißen Trümmern gefüllt. In Gaal Hanikas Bai am vierundsiebzigsten Breitengrad fuhr ein Geschwader ein, in panischer Furcht vor den Turmalinfrachtern, die sie eskortierten. Sie hatten nur das rasende Gefühl, vor diesen Schiffen fliehen zu müssen. Sich der Turmaline um jeden Preis entledigen. Insel Clavering lag in der Bai, gebirgig vergletschert wie das Land. In den Felsboden der Küste brannten diese Menschen, ihrer Sinne nicht mächtig, hohe leichte Stangen und Pfeiler ein. Auf Klippen des flachen Wassers nahe der Küste setzten sie Hilfsträger. Über Pfeiler Stangen Träger warfen sie die Kristallschleier ihrer Schiffe, verbrannten augenblicklich die Frachter, die sie entleert hatten. Sie waren wie Menschen, die Blut an den Fingern nach einem Mord haben und sich keinen Rat wissen, als sich rasch die Finger abzuhacken. Unter die Schleier breiteten sie fiebernd die Platten zur Aufnahme der elektrischen Spannung; zweigten, sich überstürzend, Drähte von dem großen Kabel ab, das die Expedition hinter sich zog. In einer Nacht fuhr der Strom aus dem Kabel über die Platten. Die Isolierung der Schleier schmolz. Weißrote Grelle. Erderschütterndes Donnern. Die Insel warf weiße Wolken hoch, Dampf rot von unten angeglüht; er schoß wild in unablässigem Sprudeln auf. Die Anlage zerstört, Pfeiler und Hilfsträger geschmolzen. Der Schleier quer wirr auf dem Gletscher, fraß sich in ihn ein. Der hielt nicht still, riß Spalten auf, der Schleier senkte sich in die Schluchten. Der Gletscher stürzte über den Schleier; das Eis verdampfte. Dann aber wogten zwei Berghäupter gegen den Schleier an, der von den angeglühten niedergehenden Gletscherblöcken eingerissen war. Und wie sie über den lohenden surrenden Kristallen, in das Wolkengebrodel klafterten und sich breit schleudernd über das Gewebe senkten, wie ein Ringkämpfer über die Brust des niedergeworfenen Gegners, zersprangen verbrausten die Kristalle. Die Bergmassen rutschend begannen sich zu bewegen, als wäre etwas Lebendiges unter ihnen. Sie drückten die knisternden Schleiertrümmer herunter, rollten überschoben sich fielen zusammen. Krachend öffneten sie sich über dem begrabenen erloschenen Gewebe; wie aus einem Schlot gischten Dämpfe aus ihnen. Stundenlang gischten die weißen und schwarzen Schmelzdünste über der Insel in hohen auf- und abschwellenden Strahlen. Die besinnungslose nahe Mannschaft des Geschwaders war mit ihren Schiffen über die Bai geworfen, auf die Klippen, zwischen die Schollen gestaucht.

Um die Zeit des Vorgehens dieser Schiffe schien eine Panik sich bei allen Flotten auszubreiten. Man drängte trotz des schweren Ausgangs der Affäre in Gaal Hanikas Bai auf zahlreichen Schiffen zu ähnlichen gewaltsamen Akten. Rückwärtsbewegung einzelner Flottenteile, zersprengtes Vordringen auf das Festland wurde gemeldet. Steinern blieben De Barros Kylin Wollaston; sie erschienen unter den Besatzungen, die nach einem Halt suchten. Beschwörend bezaubernd gingen Frauen mit ihnen über die Flotte; griffen die Verwirrten an: „Denkt an den Myvatn, an den Herdubreid. Denkt, was ihr schon verrichtet und bewältigt habt, was hinter euch liegt. Wir geben nicht nach. Niemand von uns wird nachgeben. Wir erliegen nicht. Ihr vergeßt nicht, wer ihr seid.“ Die keuchenden Menschen schluckten bissen die Zähne zusammen. Eine entsetzliche Zeit verlief bis zur Ankunft der Ölwolkenschiffe.

 

An dem europäischen Sammelplatz der Geschwader, den Shetlandinseln und Färöer, wurde der Gedanke gefaßt, der die Fortführung der Expedition und die Ausbreitung der Turmalinschleier erst ermöglichte. Hier arbeiteten auf den technischen Schiffen, in ihren Laboratorien, Männer, die den Gedanken der märkischen Angela Castel nachgingen, der Erfinderin der kriegerischen Rauchbläser. Sie hatte zuerst im großen die trägen Wolken hergestellt, die sie zur Einhüllung und Fesselung von Heeresmassen brauchte. Diese schwarzen schweren und violetten Rauchmassen der Castel waren ohne Zähigkeit; sie zerflossen nach einiger Zeit; Tragkraft besaßen sie nicht; die Castel hatte sich sehr bemüht, aber vergeblich, die Massen so kompakt zu machen, daß sie die eingehüllten und gefangenen Heeresteile zugleich erstickten. In diesen Wochen nun, während die westlichen Physiker Biologen Chemiker schon schlaff herumgingen unter den schweren Ereignissen auf Island, unter den gefährlichen Nachrichten von der Flotte, wurde die Sache des trägen Rauches durch den Londoner Holyhead, der bald verscholl, weit vorwärts getrieben. Er kam durch besondere Antriebe dazu, das eigentümliche Gemisch zu finden, das luftähnlich gasartig sich in der Luft bewegte, sehr zäh zusammenhing wie eine Gallerte, und mit eigener spezifischer Spannung den Raum erfüllte, in einer bestimmten Lufthöhe verblieb, ein Zwischending von Gas und Flüssigkeit.

Ein Syrier Bou Jeloud war auf die erregende Nachricht von dem Plan dieser Expedition mit Leuten seiner Sippe in den Bereich der nördlichen Stadtschaften geflogen. Er kam aus der Steppe südlich von Damaskus. Die Wüsten Il Horra, Il Ledscha und Diret il Filul hatten ihn getragen. Über die flachen Kegel, schwarzen Blöcke der trockenen heißen Landschaft war er mit den Anaze, seinem Stamme, dessen Reste sich erhoben hatten, im Sommer wie ein Vogel geschossen. Im Winter ritten sie durch die Steppe nach Arabien, die Ortschaften zu brandschatzen. Er war nur einmal an ein Wasser gekommen, an das Tote Meer. Nur Pferde und Kamele hatte er bestiegen. Die braungelben Männer, sehnig, mit spärlichen schwarzen Bärten, fuhren mit Entzücken über das sturmbestrichene Meer nach dem Sammelort, den nördlichen Shetlands. Sie zeigten sich die Wellen am Bug ihres Schiffes, die Streifen an den Seiten, die Gischt am Ruder. Es war die Wüste, eine andere Wüste. Nicht satt zu sehen an diesem Rieseln Überschaukeln Sichdurchkreuzen Schwingen. Dünen, die der Wind schnob und ebnete. Sie verstanden sie gut, die Wellen. Dann tauchten Quallen im Wasser auf, braunschwarze vielarmige Kopffüßler, Fischschwärme zickzackten. Sie hatten keinen Wunsch, dies zu ändern. Auf den Schiffdecks stehen gefiel ihnen, und die Sucht unten zu sein, auf dem Wasser selbst, das der Wind strich.

Gäbe es ein Pferd, ein Kamel, das darauf reiten könnte, über das Wasser weg. Und die braungelben Männer, wie sie sich im weißen Burnus über das Eisengeländer legten, kniffen die Augen, lächelten: „Die schwarzen Steppen von Diret il Filul. Ah, die Luft ist hier kalt. Ei, es wäre schön, schön, über das Wasser zu reiten in einer langen Linie.“ Sie summten unter sich.

Holyhead, ein stiller Londoner Ingenieur, lächelte Bou Jeloud an: „Ich mache dir Eis. Dann kannst du über dem Wasser reiten, soweit du willst.“ „Weißt du, was ich will?“ „Ich blase dir Sand unter die Füße. Ich streue Sand auf das gefrorene Wasser. Ihr könnt, wenn ihr wollt, zu Fuß oder reitend nach Grönland.“

„Du machst mir Mondlandschaften vor. Hah! Was seid ihr für Krämer. Will ich Theater! Ich glaube schon, daß ihr alles könnt. Aber mir liegt nichts an dem, was ihr könnt. Nicht soviel.“

Holyhead lächelte ernst und freundlich, als die Gelbbraunen feierlich davongegangen waren. In seinem Innern aber schwieg etwas. Er hatte den Wunsch, dem schlanken Bou Jeloud wohlzutun. Welche kindlichen schönen Wesen sie waren. Er wollte ihnen gewähren schenken, was er konnte. Sie sollten ihn wieder anlächeln. Holyhead, der plumpe schwarzbärtige melancholisch über sich hängende Mann, war schon gelähmt wie viele auf den Schiffen, die sich ansammelten. Das Schweigen der Senate über den Verlauf der Expedition täuschte ihn nicht. Die furchtbaren Vorgänge auf Island, das menschenverschlingende geheimnisvolle Geschehen erschütterte, schwächte ihn, machte ihn müde. Was war noch das Leben. Er fuhr auf sein Arbeitsschiff. Bou Jeloud sollte lächeln.

Er traf eines Morgens die Beduinen in ihrer gewohnten Haltung, neugierig freundlich zärtlich an dem Geländer ihres Schiffes liegen. Das Wasser flutete unten, Wind floß um sie. Eisschollen von Norden angetrieben. Bou Jeloud schob die Hände unter seinen Gürtel: „Nicht auf dem Schiff sein. Wir warten noch eine Woche, vielleicht zwei, bis unsere Flotte zusammen ist. Das soll ich ertragen. Und dann die Seefahrt.“ Der ältere breite El Irak: „Wir werden Geduld haben.“ „Wozu, El Irak? Niemand zwingt uns Geduld zu haben.“ „Was meinst du?“ „Es ist nicht meine Sache. El Irak, ich bin ein Gefangener. Ich steh am Gitter und blicke herunter. Ich mag ein Schiff nicht.“ „Nun, Jeloud.“ „Ich bleibe nicht lange hier.“ Sie flüsterten finster zusammen. Plötzlich war der auflachende El Irak verschwunden. Und wie sich der weiße Holyhead dem jungen Jeloud näherte, starrte der schlanke Mann im Burnus gespannt auf das Wasser, schrie, warf die Arme hoch: „Seht! Da! Da Irak! El Irak! El Irak!“ Das Geländer umsäumt von gurrenden schwatzenden Menschen. Unten ein leeres Boot. Auf einer Eisscholle gebückt der breite Irak, Wasser schöpfend; er spritzte es hoch um sich. Er spazierte lachend am Rand, der Scholle entlang. Glücklich kreischend winkten sie ihm von oben, traten mit den Füßen. Die Scholle fuhr, umfuhr eine Klippe. Rasch entfernte sie sich seitwärts. Sie streckten die Hälse. Da wurde wieder Irak auf der Scholle sichtbar; er war gestürzt, kletterte hoch. Mit dem abgerissenen Burnus winkte er nach dem Schiff herüber angstvoll. Die Beduinen schrien. Auf dem Hinterdeck machte sich ein Flieger los. Da hatte sich auf dem freien Wasser der Scholle Iraks eine möwenbesetzte zweite Scholle genähert, eine kantige bergartige. Iraks überflutete Eisplatte krachte gegen den trägen weißen Berg, schob sich splitternd an ihm hoch; die Möwen schossen pfeifend auf. Unter den gläsernen Trümmern El Irak verschwunden. Flieger Boote im Wasser. Schollenlager und Eisbröckel segelten feierlich im Meer. Die Möwen senkten sich, liefen die Randlinien des Blocks ab.

Holyhead verbarg sich die nächsten Tage vor den Syriern, die stundenlang auf einem umzäunten Deckteil Gebete verrichteten. Eine Frau mit vollen braunen Armen stand bei dem finsteren Jeloud. „Dir ist nicht wohl bei uns, Djedaida. Du möchtest lieber in Il Horra sein.“ „Ach, Jeloud, ich möchte lieber in Il Horra sein.“ „Ich auch, Djedaida. Wir sind eine Handvoll Esel. Die Stadtschaften wollen einen neuen Erdteil machen. Was geht es mich an.“ Djedaida warf die üppigen Lippen auf: „Der Wind ist schön. Das Wasser könnte so schön sein. Es ist nicht sehr kalt.“ Die Fäuste ballte Jeloud: „Ich geh vom Schiff. Wir wollen von den Schiffen. Ich laß mich nicht verhöhnen und versuchen wie El Irak. Ich fahre nach Hause. Spring ins Wasser. Ich hasse das Schiff. Vielleicht wollen sie uns verführen, daß wir ins Wasser springen. Ich lieg nicht wie ein angebundenes Pferd. Es ist genug, Djedaida.“ Sie machte trübe Augen. Das Meer klatschte rollte schwer, züngelte über Riffe.

„Ich will ihn zum Lächeln bringen“, dachte der schwarzbärtige Holyhead. Djedaida von Damaskus, in ihrem gelben Kleid, das feine gelbe Gesicht blickte ihn verächtlich an; sie zog den Schleier über den Mund. „Auch sie ist lieblich, diese Djedaida. Sie trauern. Oh, wenn sie nicht weggehen. Wieviel schöner ist es, ihnen wohlzutun, als an Grönland zu denken.“

Der weiße Ingenieur berührte den Arm Bou Jelouds, der sich ihm zudrehte. „Ich habe dich seit dem Unglück El Iraks nicht gesehen, Jeloud. Gehst du mir aus dem Wege?“ „Dir? Wer bist du?“ „Es macht dir keine Freude, sagtest du, wenn ich dir Sand unter die Füße blase, auf dem gefrorenen Wasser. Daran liegt dir nicht, sagtest du.“ Bou Jeloud legte den Arm um den Hals Djedaidas: „Sieh diesen Mann an, Djedaida. Er wird Grönland enteisen. Mit mir will er spaßen.“ Die Frau den Blick zu Boden: „Komm. Wir gehen von Deck.“ Auch der Weiße blickte zu Boden: „Ich konnte El Irak nicht retten, Jeloud. Aber ich möchte dich fragen, ob du Geduld haben willst. Willst du Geduld haben, Jeloud, und du, Djedaida?“ Der gelbbraune Syrier, die Augen gelangweilt schließend: „Was will der gelehrte Mann aus London?“ Holyhead hob den Blick; er freute sich über den Schmerz Jelouds: „Komm auf mein Arbeitsschiff, Bou Jeloud. Ich will dir etwas zeigen.“ Djedaida hielt zuckend Jelouds Arm: „Geh nicht.“ „Ich komme nicht, Holyhead. Du willst mich verführen, ins Wasser zu springen, wie Irak.“ „Ich bin euch wohlgesinnt, dir und deiner Frau Djedaida. Mir liegt nicht viel an Grönland. Die Sache der großen Stadtschaften, wem ist sie noch etwas. Komm, und wenn du willst, du auch, Djedaida. Wir wollen etwas tun, damit ihr eure Sehnsucht nach der Wüste El Horra verliert. Das Meer ist auch schön. Ihr werdet froher sein.“ „Ich will dir etwas sagen, Holyhead, weißer schlauer Ingenieur. Du glaubst, ich bin ein brauner Tölpel und mit zehn Worten zu verwirren. Ich werde auf dein Schiff kommen. Ich fürchte mich nicht.“ Djedaida ließ seinen Arm los. „Ja, ich werde auf dein Schiff kommen. Ich fürchte dich nicht. Ich fürchte mich nicht vor ihm, Djedaida. Er hält mich für den und jenen. Ich komme mit, Holyhead.“ Djedaida war zurückgetreten. Sie hielt den Kopf gesenkt, den Arm über der Brust gekreuzt. Flüsterte: „Versprich mir, Holyhead, daß ihm nichts geschieht.“ Der schwarzbärtige Ingenieur: „Komm doch mit, Djedaida.“ „Versprich mir, daß ihm nichts geschieht.“

Mit dem beglückten im Innersten erzitternden Weißen ging Bou Jeloud. Seine Stammesgenossen sahen ihn ganze Tage nicht. Er warf sich eines Abends vor Djedaida, grub seinen Kopf in ihren Schoß. Drückte seinen Mund gegen ihre Brust, rieb sein Gesicht an ihren kalten Wangen, stöhnte. Es ging ihm gut. „Süße Heimat. Liebe Wüste. Lieber Felsen. Lieber Sand. Wir kommen, Djedaida, auf die Wellen, die Wellen, denk dir, die Wellen. Es wird geschehen.“ Sie sah zu ihm herunter: „Was hat er aus ihm gemacht.“ Aber Bou Jeloud zog sie in seine Kammer, umarmte sie, bis sie schmolz. Er schlief stundenlang in der Kammer bei ihr, fest wie nie seit sie auf dem Schiffe waren.

Sie ließ ihn, wie er schlief, liegen, huschte zu Holyhead: „Was ist mit Jeloud?“ „Sag du, Djedaida.“ „Er stöhnt. Er ist wild. Er liegt in seiner Kammer.“ „Er war froh. Er klagt mich nicht an.“ „Du hast mir versprochen, es soll nichts mit ihm geschehen. Ich – freue mich nicht über ihn.“ Sie ging in die Kammer zurück, wo er noch schlief, legte sich zögernd neben ihn. Als sie seine Atmung belauscht hatte, drückte sie sich an ihn. „Djedaida“, flüsterte er träumend in der Finsternis, „ich werde über das Wasser reiten. Das Wasser treten wir mit den Hufen. Wir können es. Das Wasser. Wir werden nach Grönland reiten.“ Sie wand sich.

Bou Jeloud lag nur noch im Schiff des Ingenieurs. Einmal schlich die Frau herüber, ihn zu beobachten. Da stand dünner Rauch vor einer Tür. Der Rauch war zerflossen wie ein Spinngewebe, aber er verschob Djedaidas Schleier über dem Scheitel. Sie faßte hinein. Er war wie Gummi, widerstrebend, ließ sich hochdrängen, stellte sich nachgiebig wieder her. Der schwarzbärtige weiße Holyhead trat im Arbeitsmantel vor die Tür, sah, die Lippen verziehend, der Frau zu. Er faßte, die Frau anblickend, mit zwei Bewegungen hinauf, zog den Rauch, als wäre es ein sanfter tierischer Körper, zu sich herunter an die Brust, wo er ihn wie eine Katze drückte und verwahrte. Kleine Fetzen hatten sich bei dem raschen Zugriff gelöst, die zog seine linke hohle Hand sanft nach, schob sie gegen seine Brust. „Komm, Djedaida. Jeloud ist hier. Wir freuen uns, dich zu sehen. Wir verbergen dir nichts.“ Sie blieb unsicher vor der Tür, die er offen hielt, blickte in die Luft, an Holyheads Brust: „Was war das? Der Rauch. Was war das?“ „Komm, Djedaida, wir bitten dich zu uns. Bleibe nicht vor der Tür.“ „Was ist der Rauch? Was machst du damit? Du hast ihn an der Brust.“ Der Weiße lächelte: „Ja, siehst du. Das ist der Rauch, und das ist kein Rauch. Wir haben es gemacht. Jeloud und ich. Es ist schön, nicht wahr? Aber komm herein zu uns.“ Die gelbbraune, schmalschultrige Frau stand da, bekam den Blick nicht frei von seiner Brust, die Stirne hochgezogen. Tonlos stieß sie hervor: „Ich danke. Ich will gehen. Ich kam ja nur für einen Augenblick.“ Und als Jelouds Stimme aus dem brodelnden Raum sang, drehte sie sich rasch um, rannte die Treppe hinauf, neben einem Rauchballen, vor dem sie schreiend abwich. Zwei Seeleute machten Jagd auf diesen Ballen. Sie haschten ihn. Er schwebte plötzlich unbeweglich über einer Stufe. Die lachenden Männer suchten ihn zu zertreten, höher zu pressen. Mit den Schultern drängten, schoben sie an ihm. Djedaida, stehengeblieben in einem unbezwinglichen Drang, angstbeklommen, einer Verwirrung nahe, sah ihnen von oben zu, beide Hände an dem verschleierten Hals, sah, wie sie spaßend mit einem Brecheisen auf den Rauchballen schlugen, das Eisen von unten in die weiche Masse stießen, die Stange gegen die Treppenstufe stemmten. Wie ein Pendel bewegte sich das Eisen ohne Stütze mit den Schwankungen des Schiffes. Vor Lachen schütteten sich die Männer aus, auf die Knie gebückt, winkten der Frau herunter. Sie hastete über das Deck.

Jeloud, der junge stolze Beduine, ihr Mann, fragte nicht nach ihr, sah sie wenig. Glühend prahlend stand er unter den anderen Beduinen. Wild freudig, mit schweifenden Augen wie ein Betrunkener lief er manchmal der Frau nach, suchte sie zu fangen, die sich ganz verschleiert hatte. Sie rang von ihm ab, bat hinterhältig leise: er möchte sich doch nicht seinem Werk entziehen, er möchte sich doch nicht unwürdigen Zerstreuungen hingeben. Jeloud klatschte in die Hände: „Habt ihr gehört? Mein Werk hat Djedaida gesagt. Ja, es ist mein Werk und Holyheads auch. Du bist süß, meine Frau Djedaida. Bald werden alle alle sehen, was wir geleistet haben.“ „Wer sind ‚wir‘?“ „Holyhead, mein Freund Holyhead und ich. O, er kann viel. Wir werden etwas Wunderwunderbares schaffen.“ Sie hauchte: „Ja, ich bin stolz auf dich.“ Ihre Zähne knirschten. „Wir werden über das Meer reiten, Djedaida. Das wird geschehen. Was meinst du. Ich füttere schon mein Pferd unten im Schiff mit doppelter, dreifacher Ration. Es soll sich mit mir freuen auf die große Stunde. Da, sieh das Wasser an.“ „Ich sah es schon, Jeloud.“ „Nimm den Schleier herunter. Du kannst durch den Schleier nicht sehen.“ „Ich kann durch den Schleier sehen.“ „Nein, nicht genug. Gib doch, gib doch. Siehst du, da ist er. Nun wirst du sehen. Sieh da, Djedaida, meine süße Frau, mein Honig, mein Labsal, dies sind die Wellen. Das sind sie. Die grauen und grünen und weißen. Sie sind noch schöner als unser Sand in Il Horra. Da werde ich eines Tages heruntersteigen, mein Pferd mit mir. Denk dir, das wird geschehen. Wie El Irak werde ich heruntersteigen, aber nicht stürzen. Ich nicht. Bei Allah, ich nicht. Auf meinen Braunen werde ich springen, auf meinem Sattel werde ich sitzen, wie damals, Djedaida, als ich dich holte. – Aber warum weinst du?“ „Ich weine? Gib mir meinen Schleier wieder.“

„Du meinst, ich stürze, Djedaida? Ich stürze, es geht mir wie El Irak! Oha! Keine Furcht, du Süße. Ich werde nicht stürzen. Wie schön du bist. Weine doch nicht. Wir erproben alles gut, Holyhead und ich.“ „Gib mir meinen Schleier!“ sie schrie, „gib mir meinen Schleier. Du bist mein Mann. Du kannst mir meinen Schleier nicht verweigern.“ „Was ist, Djedaida?“ „Meinen Schleier. Ich bitte dich.“ „Da. Da ist er. Da hast du ihn. Ich wollte dir das Meer zeigen. Nun habe ich dich gekränkt? Was habe ich getan? Jetzt seh ich dein Gesicht nicht. Jetzt muß ich träumen, wie lieblich du bist.“ Sie ließ ihm ihre Hand. Ihre Schultern zitterten heftig. Er aber warf, als sie ging, selig die Arme hoch: „Sie trauert! Sie hat Furcht um mich! Und ich werde es doch können!“

Ein neuer Menschentransport nach Grönland war abgegangen. Holyheads Versuchsschiffe blieben zurück. An dem Sammelplatz wurde bekannt, daß Holyhead, dem Engländer, etwas Besonderes Unerhörtes geglückt sei, ein Syrier sei sein Gehilfe gewesen. Eines Nachmittags ordneten sich Boote vor Holyheads Arbeitsschiff von allen Fahrzeugen. Die Luken von Holyheads Sitz wurden mittschiffs geöffnet, dicht über der Wasserlinie weite schornsteinartige Röhren aus den Luken geschoben. Aus ihren trichterartigen Mündern quollen in breiten vollen Lagen weiße Dampfmassen, die sich, wie sie die Trichter verließen, senkten, auseinandergingen, über dem Wasser sich ausbreiteten, die Wasseroberfläche überzogen. Flach und dicht legte sich der Dampf auf das Wasser, an das Wasser. Mit den Schlägen des Meeres hob er sich. Nach den Seiten quoll und flatterte die schwebende Watte, der Nebel in Fetzen auseinander; die Boote in der Nähe schob der Dunst unwiderstehlich beiseite. Sie schlugen mit Rudern gegen ihn; als wenn sie auf starken Kautschuk oder Kork schlügen, prallten die Hölzer von dem weißen andrängenden Hauch ab.

Eine schräge Holzbahn wurde auf das Wasser geworfen. Ein Pferd heruntergejagt, stand angstvoll wiehernd, im Kreis um sich springend, auf der nicht weichenden, sich dellenden Nebellage. Ein gelbbrauner Mann im Burnus mit bunten Bändern am Gürtel stolzierte winkend die Holzbahn herunter. Streichelte das scheue Tier, das sich hinwarf, zog es auf, bestieg es, ritt einen Kreis auf der Nebellage. Jubelndes Pfeifen, Sirenenschreie von den Schiffen.

Glücklich hielt am Abend der ernste Holyhead die Hand des Syriers. Jeloud umarmte ihn. Es war fast mehr, als der Weiße ertrug. Sie feierten die Nacht durch. Jeloud wollte am Morgen von Schiffen begleitet seinen Plan ausführen: über das Meer reiten; wenn es ging, wenn es ging bis an das arktische Wasser.

Am Morgen dieses Tages verließ Djedaida, die sich eingeschlossen hatte, ihre Kammer. Suchte Holyhead, der noch von der Nacht schlief. Sie wartete geduldig auf dem Deck seines Schiffes. Um Mittag sah sie ihn, zog ihn, im Gang beiseite: „Wie lange denkst du noch zu leben, Holyhead? Schwarzbärtiger Teufel, was hast du noch vor? Du hast keine Furcht vor mir.“

„Djedaida, ich kann nicht hinter deinen Schleier sehen, ob du ernst bist.“ „Ich mache solchen Spaß mit dir, wie du mit mir gemacht hast.“ „Djedaida.“ „Der Name ist nicht für dich bestimmt. Der ist nicht für dich.“ Wortlos betrachtete Holyhead die Zitternde. Heiser, sich an die Brust fassend: „Komm auf meine Kammer. Steh nicht hier.“ Sie schlich hinter ihm, schloß die Tür, warf tief atmend den Schleier über die Schulter ab, an der Wand stehend. Er kauerte auf einem Schemel: „Was habe ich getan? Habe ich dich gekränkt? Indem ich Jeloud diese Freude bereitete?“

„Du bist ein Teufel, dem ich keine Antwort schuldig bin. Man sollte dich zurückjagen in deine Stadtschaft. Aber jetzt hast du dich verfangen. Jetzt ist es vorbei.“ Holyhead betrachtete sie, betrachtete seine Hände, seufzte: „Oh bin ich traurig.“ „Sprich nichts. Deine verfluchte sanfte Stimme. Du Heuchler. Hinterlistiger Bösewicht. Verführer, Menschenverderber, wie die Weißen alle.“ „Frau des Jeloud, wenn ich dich bitten könnte, mir zu verzeihen.“ „Höhne, höhne nur, Holyhead. Ich ertrag es. Bereuen wirst du, bereuen, bei Allah.“

Er hob den bärtigen Kopf, seine Hände fielen neben die Knie: „Was soll geschehen?“ Sie glühte aus dem Winkel: „Ich betrachte dich noch. Hab Geduld.“ Durch die Kammer lief sie, der Schleier fiel hinter ihr. Sie suchte mit den Händen auf dem Tisch; in dem Wandschrank: „Was hast du hier? Du hast doch eine Waffe. Womit du mich vergiften oder verwirren oder verführen oder erschlagen willst. Zeig. Wo hast du sie?“ Sie lief auf ihn zu, zerrte ihn hoch: „Du hast sie auf der Brust. Mach auf. Nimm das Leder weg. Da.“ Sie griff die revolverartige Waffe, drehte sie. Er hielt die Augen geschlossen. Sie wartete. Er öffnete sie nicht. Sie schüttelte sich verächtlich: „Was hattest du gegen mich vor?“ Die Waffe fiel vor seine Füße. Da sank Holyhead noch tiefer zusammen, öffnete seine ganz fernen nicht sehenden Augen, die in die äußeren Außenwinkel auseinanderwichen, bückte sich nach der Waffe: „Ich werde mich auslöschen.“ Ihre Hände krampften sich: „Tu’s. Du verdienst es.“ Er stand, hauchte, das Metall in der Hand: „Ich verdiene es. Wer weiß etwas davon? Im Leben vom Tode umschlungen. Ich weiß nicht, ob ich den Tod verdiene. Nun habe ich auch mit dir eine Berührung gehabt.“ Sie irrte durch seinen Raum: „Was hat er hier? Was hat er hier? Maschinen zum Verführen, zum Verzaubern. Zeig sie mir. Mach mir die Schränke auf, ich will alles sehen. So. Das hat Jeloud gesehen. Muß ich jetzt ins Wasser springen? Das hast du alles gemacht. Laß dich ansehen.“ Sie stierte ihn an, suchte in das fremde Gesicht einzudringen: „Allah. Ein Weißer mit einem langen Bart. Ich muß zu Jeloud.“ Sie ächzte, lehnte matt an einem Schrank, wimmerte: „Ich bin verloren. Was soll ich tun?“ Und winselte eine Zeitlang, bis sie plötzlich innehielt, ihr Gesicht leer wurde; gedankenlos lächelte sie: „Was tu ich. Es ist ja schon gut.“ Und wiederholte: „Es ist schon gut. Gut. Ja, es ist schon gut.“ Unter einem öden Gefühl, einer aufsteigenden Finsterheit, einer Furcht, – was für einer Furcht –, bewegte sie den heißen Kopf. Holyhead stand an der Tür. „Ich will dir sagen, Holyhead, was jetzt geschehen wird. Du hast ihn verführt. Warum hast du das getan? Warum hast du ihn von unserem Schiff geholt?“ „Er sollte mich anlächeln.“ „Und ich?“ „Was?“ „Ich war seine Frau.“ „Ich habe dir nichts genommen. Bin ich ein Weib?“

„Gut!“ schrie sie, „das hast du gut gesagt. Hast du ihn gesehen? Hast du Jeloud nicht gesehen? Ein stolzer Beduine, ein Anaze, ha! Glühend, tanzend; auf Wolken reitend! Hast du gesehen, bist du selbst verzaubert? Das war mein Mann. Ich bin auch kein Weib. Gut hast du gesprochen. Ich hasse, hasse ihn. Morgen wird er mit seinem Pferd unten reiten. Er füttert es selbst. Wenn es ihm vorher krepiert. Wenn das Brett bricht, auf dem sie herunterlaufen. Wenn deine Nebel nichts taugen und er verschlungen wird mit dem Pferd und weg ist.“

Sie hielt sich den Schleier vor das Gesicht. Holyhead atmete heftig, stützte sich am Tisch: „Ich will gehen. Oh ich mag nicht mehr. Ich will gehen, Djedaida.“

Sie schluchzte krümmte sich über dem Boden, zerriß sich die Haare: „Ich kann nicht leben.“ „Oh. Ich gehe schon.“ Sie hielt ihn an den Händen, zog sich an ihm hoch, winselte stöhnte: „Warte einen Augenblick, sanfter Tiger. Ich sehe dich noch an, sanfter Tiger. Lauf mir nicht weg. Du hast mich arm gemacht. Du bist mir von ihm zurückgeblieben. Bereu, was du getan hast.“ „Ich kann nicht bereuen. Ich kann jetzt nicht lügen. Er war mir ein Glück. Eine süße Freude.“ „Siehst du. Das sagst du mir noch. Wirst du tun, was ich will?“ „Ja, Djedaida.“ „Alles?“

„Alles.“ „Willst du den Jeloud umbringen?“ „Du bist irrsinnig.“ „Den Jeloud umbringen.“ „Nein.“ „Tu es“, sie keuchte, „ja tu es.“ „Ich tu es nicht.“

„Für mich, Holyhead, bring ihn um. Ich bitte dich drum. Du kannst alles. Du hast die Wolken gemacht. Bring ihn um, mach ihn weg. Für mich.“ „Ich tue es nicht.“ Erst brach ihr Schluchzen hemmungslos auf. „Für mich. Für mich.“ Dann griff sie ihm an den Bart. Haßstarre Züge, leere nicht sehende Augen. Sie preßte seine Hände: „Du mußt, – du mußt mit, mit mir. Es bleibt nichts übrig. Dann mußt du mit mir. Dann laß ich dich nicht los. Dann kommst du mit. Was – sagst du?“ „Du verlangst, ich soll mit dir.“ „Ja du kommst mit. Wir fahren heute. Oder morgen. In meine Heimat. Du wirst Jeloud nicht mehr sehen.“

Und am Abend verabschiedete sich Holyhead von seinen Ingenieuren Technikern Physikern. Die Shetlandinseln bekämen ihm nicht gut. Er ginge sich erholen. Nicht mehr brachte er hervor. Verfallen, wie vergiftet sah er aus; vielleicht hatte er zuviel mit den neuen Stoffen gearbeitet. Als am Vormittag Bou Jeloud, der Syrier, von Booten und Schiffen begleitet, den ersten Ritt über dem Meere antrat, – nach allen Stadtschaften der Kontinente wurden die stolzen erschütternden Bilder geleitet, – flogen Djedaida und Holyhead schon über die deutsche Tiefebene. Nach Süden und Osten flogen sie. Die Menschenansammlungen und Riesenstädte wurden seltener. Das blaue warme Meer kam, kleine Inseln. Die Küsten eines neuen Landes tauchten auf, gelbe Berge, weite leere Sandflächen. Bei Damaskus bestiegen sie Pferde. Während der ganzen Fahrt hatte der Weiße nicht das Gesicht Djedaidas gesehen. Als ein Trupp schwärmender Beduinen sie auf der steinigen Hochebene anhielt, Djedaida sich nannte, wurde der Weiße von ihr getrennt, zwischen die Männer genommen. Anaze mit Djedaidas Sippe lagerten bei Ed Daba.

Die Frau bestellte ein Gericht, erklärte vor dem Scheich: „Bou Jeloud, meinen Mann, wollt ihr sehen. Ich hab’ ihn nicht. Er hat sich mit Wolken beschäftigt, auf denen er reiten will. Er hält nicht mehr zu uns. Ist kein Anaze.“ „Wo ist er jetzt?“ „Ich hoffe, er ist tot. Er wollte nach Island reiten, wo die Städte die Erde zerreißen. Ich hoffe, er ertrinkt mit seinem Pferd oder er verbrennt.“ „Du haßt ihn sehr.“ „Ich war seine Frau. Er hat mich verraten.“ Der Richter blickte Holyhead an: „Berühr den Sand mit der Stirn, bevor du sprichst. Wer ist der Mann?“ „Der Jeloud verführt hat. Ein Wesen –“ sie brach in leidenschaftliches Weinen aus – „ich wünschte, das Meer hätte ihn verschlungen, bevor wir ihm begegneten. Wir hatten nichts als die Reise vor, Jeloud war neugierig, ich konnte ihn nicht zähmen. Der Mann hat sich Jelouds bemächtigt und sich alles Schlechten in Jeloud bedient. Bis er nicht mehr mein Mann war, sondern sein Diener, dieses Affen Diener, dieses Affen, der Spiegel für sein häßliches ziegenbärtiges Gesicht. Du Hund, sag belle, warum ich dich hergebracht habe. Bring es heraus, wenn du es fertig kriegst. Da steht der Richter.“

Holyhead, die Hände auf den Rücken gebunden, zwischen zwei Lanzenträgern, betrachtete aus leeren braunen Augen die Frau. Sprach nichts. Sie warf sich auf den Boden: „Gib ihn mir. Ich will mich rächen. Muß ich mich nicht schämen, an diesen habe ich Jeloud verloren. Seinetwegen hat er mich verlassen. Gebt ihn mir.“ Der Richter flüsterte lange mit den Männern: „Djedaida. Es tut uns leid, daß du ohne Bou Jeloud zurückgekehrt bist und uns nicht berichten kannst, wie lächerlich sich die Städter benehmen. Und wie die große Expedition nach Grönland, von der sie solch Aufhebens machen, verläuft. Deine Brüder sagen, es würde dich trösten, wenn du diesen Mann umbringst. Wir wollen ihn gar nicht ausfragen. Es lohnt nicht zu hören, was ein Ungläubiger sagt. Nimm ihn. Was du willst, tu mit ihm.“

Darauf stellten die Brüder der Djedaida zwei Mann, die ritten und Trommeln an ihren Sätteln hatten. Auf einen Klepper hoben und banden sie Holyhead. Mit ihm ritten sie durch die Wüste und Hochebene, nach Südosten in der Richtung auf Beni-Sochr, trommelten durch die Ansiedlung und Lagerplätze.

Djedaida in Witwentracht ritt neben ihnen. Der gebundene Weiße stöhnte. Einen Mundschleier trug er, fast nie öffnete er die Augen. Verlangte nichts zu trinken und zu essen. Schräg nach vorn abgesunken saß er, die Beine mußte man ihm unten zusammenbinden, das Pferd schaukelte ihn hin und her, kippte ihn fast um. Man flößte ihm abends Wasser und breiige Datteln ein. Er schlief nicht. Kniete halbe Nächte, verfluchte sich, Holyhead, sein Schicksal, die Städte, in denen er gelebt hatte, seine Eltern, seinen Leib und seine Seele. Der schwarze Bart wuchs ihm lang, die Backen fielen ihm ein. Wenn er sich zerrissen hatte, strömten ihm Tränen über das Gesicht. Bei Tag rüttelte ihn Djedaida wach, betrachtete ihn. Er sah nicht, daß sie manchmal von ihm weglief, sich versteckte, Gesicht und Brust schlug, sich in die Finger biß und nicht zum Weinen kam. Wenn er sich wie einen Klotz rütteln ließ und torkelnd dastand, zischte sie: „So will ich dich nicht. Was ist mit dir? Bist du ein Mann? Ha, du. Wir reiten weiter. Sieh mich an.“ Aber er sah sie nicht an. Man trieb ihn auf den Klepper. Die Frau ritt neben dem zerlumpten hängenden Weißen. Kinder auf den Lagerplätzen warfen Sand und Hölzer nach ihm. Der Haß der Beduinenfrauen war groß, sie ohrfeigten ihn, hetzten ihn aufzuhängen, bespritzten ihn mit Pferdejauche. Wie sein Schatten Djedaida neben ihm. Bewachte jede Bewegung, die an ihm geschah. Mißtrauisch, die Lider senkend, drohend still.

Die Männer von Beni-Sochr, als sie das hängende stumme Menschengerüst auf dem Klepper sahen, wollten ein Ende machen, die unersättlich rachsüchtige Frau von ihm unter einem Vorwand entfernen und ihn beseitigen. Djedaida fiel das Flüstern und Abseitsstehen auf. Sie hockte mit einem Hund in der Nacht vor dem Zelt, in dem der Weiße lag. Da wagten sich die Männer nicht an sie heran, wurden erbittert. Sie hielten sie durch falsche Wegangaben einige Tage in ihrer Nähe. Durch einen Trommler erfuhr die Frau, man hatte sich verabredet, den Weißen bei Tal Reinah zu erschießen. „Erschießen. Von weitem erschießen. Das glaub ich. Die Räuber.“ Wie es finster war, weckte sie die Trommler, sie sollten die Pferde rüsten. Sie tastete sich im Dunkeln zu Holyheads Lager, schüttelte ihn. Er stammelte: „Wer schüttelt mich. Ich bin ja wach.“ „Holyhead. Ich bins, – Djedaida. Steh auf. Wir müssen weg.“ „Was ist?“ „Auf. Wir müssen weg. Sie wollen dir ans Leben.“ „Wer bist du?“ „Djedaida. Oh Allah. So hör doch. Mach dich auf. Wir sind in einem Räubernest.“ „Sie wollen mich töten? Sie wollen mich töten?“ „Die Minute, die Minute, komm rasch Holyhead, wir können nicht warten. Wer weiß, was dir geschieht.“ „Sie wollen mich töten? Oh guter Ort! Oh liebreicher Ort. Meine Segensstunde. Meine selige Nacht.“ Er kniete in dem Sand. Sie packte seine Hand, griff an seine Schulter, faßte über seinen Mund! „Ich will nicht. Oh Allah. Erheb dich. Schrei nur nicht, Holyhead. Nur nicht. Nur nicht. Du wirst nicht schreien. Sie horchen. Du bist im Fieber, du weißt nicht, was ist und was du sprichst. Du wolltest nie essen; jetzt bist du so schwach. Sie wollen dich erschießen, es sind Anaze, aber Räuber, von fernher erschießen. Ich weiß nicht warum und wann. Vielleicht weil du ein Weißer bist. Sie sind schlecht. Mach dich auf.“ „Ich will nicht! Ich will nicht. Ich werde nicht.“ „Komm.“ „Ich will nicht.“ „Warum willst du nicht? Allah, Allah, was soll ich tun?“ Sie lag auf dem Boden im Finstern, warf Sand über sich. Er tastete mit den gefesselten Händen nach ihr, die Haare hingen ihr verklebt vor dem Gesicht. Er stammelte, seine Stimme gebrochen, er lallte fast: „Das Spiel ist aus. Soll ich jetzt lachen? Jetzt läßt du mich los. Jetzt ist es zu Ende. Sie werden mich erschießen. Und ich soll dir helfen, daß alles weiter geht. Du bist süß, bist süß, Djedaida. Jetzt mußt du mich loslassen. Sie werden mich erschießen. Du kannst es nicht verhindern. Da fühl mich an. Ich bin es noch: Holyhead aus London, das ist er, Ingenieur Physiker, der die Ölwolken gemacht hat. Bald liegt er, war nichts, wie seine glänzenden Städte. Aber ich freue mich doch. Ich kann befehlen. Wenn ich schreie: Eins zwei drei, – bin – ich erschossen.“ Er tastete nach der Zeltwand, stellte sich ganz auf die Beine: „Und du – bist gesättigt, meine Djedaida?“

Sie ließ sich von ihm hochziehen, murmelte zitterte: „Schreckliches hat Allah über mich verhängt. Ich kann nicht von dir lassen. Ich kann nicht. Ich kann nicht. Du mußt leben. Ich muß dich bei mir behalten. Schreckliches hat Allah mit mir vor.“ Er schwankte stöhnte: „Was ist das, mein Gott. Ich sagte, es ist aus. Du willst mich nicht loslassen.“ Und er zog an der Zeltdecke, riß den Mund auf, mit gräßlich überschlagender Stimme gröhlte er: „Ich – will – nicht.“

Da war die Raserei durch die Frau gezuckt, aus dem Herzen in ihre Arme und Beine gestürzt. Ächzend schnellte sie sich hoch, gegen den schaukelnden Rumpf des Mannes, rang stieß riß ihn um, zappelte winselnd an ihm: „Schrei nicht. Du kommst mit mir. Ich kann dich nicht lassen. Und wenn ich dich ersticke.“ Sie stopfte ihren Schleier in seinen Mund, während sie ihn preßte: sie weinte streichelte küßte: „Allah, hilf mir. Verzeih mir, was ich tue. Allah, hilf. Komm mit, komm mit, sag ja. Du bist ja meine Seele. Du bist es. Schlag mich nicht. Ich will dich nicht töten. Allah, hilf.“

Den Trommler holte sie, auf ein Pferd trugen sie den gebundenen Mann. Die Pferdehufe umwickelte sie. Durch die Nacht wehten sie davon.

Zwei Tage irrten sie auf der Steinebene herum. Bis sie den El Habis hinter sich hatten, die Häuser von Damaskus auftauchten.

Und so verängstigt war die Frau, in Furcht vor den Anaze, die ihr den Mann rauben konnten, daß sie noch lange in dem mächtigen Stadtreich herumzog, das Quartier wechselte, bis sie der Trommler zu dem Freund ihres Bruders führte.

Einen Halbtoten hatte sie von Beni-Sochr nach Damaskus gebracht. Er lag verwirrt auf dem Zimmer, das sie ihm bereitete. Amulette von ihr aus blauen Perlen, Zauberfische Zauberschwerter um den Hals. Sie durfte sich ihm nicht nähern, der Trommler pflegte ihn. Sein Gebrüll, wenn sie eintrat: „Da kommt sie, da kommt sie.“

Als er stehen, klar blicken konnte, wandte er eines Morgens das geisternde Gesicht auf sie, wie sie an der Türspalte erschien: „Djedaida! Djedaida! Komm herein. Bin ich gefangen? Hältst du mich gefangen?“ Sie, eintretend, sich verneigend, murmelte, hell erblassend: „Du kannst gehen, wohin du willst.“ „Ich kann. Ist das wahr?“ Und schleppte sich, mit Stöcken stampfend, an ihr vorbei, die Stufen herunter, ohne ein Wort. Wild weinend knirschend winselnd lag sie zertreten auf der Schwelle.

Wie er nach Tagen anklopfte, hatte sie den breiten Kragen ihres dunklen Mantels über den Kopf geschlagen, begrüßte ihn demütig. Stumm nahm er es an, saß am Fenster. Er war versteinert. Sie zaghaft bettelnd hängte sich an ihn, trieb ihn zum Leben zurück. Riß an ihm. Eine Wonne, fast von Art eines Schreckens, dämmerte in ihm auf. Wie sie den schwarzbärtigen braungebrannten Mann in seinem Stuhl betrachtete, zitterte durch sie – sie mußte den Kopf senken – das Bild des Lagers der Anaze und wie er auf den Klepper gebunden war, bei den Tieren lag, wie er geschrien hatte, sterben wollte in der Nacht. Und das durch sie. Was war sie? Sie konnte den qualvoll süßen Gedanken nicht abweisen. Und Bou Jeloud selber kam herauf, der schöne stolze Anaze, den dieser Mann geliebt hatte. Kam er nicht über das Meer, war er das nicht? Wie schwoll es über ihr Herz. Jeloud, der junge kindliche, über dem Wasser. Er ritt zu ihr, er kam: sie war bei ihm, sie waren verbunden, Jeloud und sie, ritten in eins, umschlungen verschmolzen nach Damaskus, wo etwas Dunkles, gewalttätig Wonniges saß, sie erwartete, das Ungetüm von Freude, das sie verschlang.

An den Hüften des langbärtigen Weißen hing sie: „Lieb mich, Holyhead. Wie du Jeloud geliebt hast. So lieb mich auch. Ich will dir geben, was er dir gegeben hat. Ich will dir sein, was er dir gewesen ist. Lieb mich, wie du ihn geliebt hast. Geradeso. Umarme mich!“

Und während er sie umfaßte, stöhnte sie selig: „Gut. Gut. Das erleiden wir von dir. Wie gut du lieben kannst. Wie süß du uns bestrafst.“

Mit Beben nahm der Mann aus den großen westlichen Stadtschaften ihre Zärtlichkeiten an, vertiefte sich in ihr Gesicht, tastete ihre schmale Gestalt ab: „Zwei Arme, zwei Brüste, zwei Schenkel. Wessen Arme, wessen Brüste? Eines Menschen. Zwei Arme, ein Hals, nichts als dies. Und das ist Sättigung bei den Menschen.“

Und dann ging sie auf den Straßen herum, seine Sklavin. Eine spitze vergoldete Kappe hatte er ihr geschenkt, über die sie einen weißen Schal zog. Eine farbige Jacke trug sie über dem weißen Musselinhemd. Die Messingwalze zwischen sanften dunklen Augen. Sie blickte auf ihre feinen Sandalen, kniete neben die Nachbarn hin, zeigte lächelnd ihre blitzenden Zahnreihen, atmete tief: „Ach Bahdudah, ich bleibe hier, ich wandere nicht mehr. Schenk mir noch ein Pferdehaar, daß mir nichts geschieht. Ach, Bahdudah, es ist nichts Süßeres, als einem Mann dienen zu können.“

 

Grönland, das Massiv aus Gneis und Granit, schob sich, ein Keil, vom Pol in das atlantische Wasser. Zwei Millionen Quadratkilometer Fläche bedeckte es. Das Urgebirge seines Körpers hatten der Wind, strömende Wasser, Kälte, schauernde Gletscher verstrichen. Die mächtigen Falten waren abgetragen eingeebnet. Weiter rissen die Elemente an dem starken Rumpf. Einen Eisschild von tausend Fuß Dicke trug das Land. Seinen Ostrand umzog ein hoher Bergkamm, Eisdrift versperrte die Küste; Bäche stürzten über die Talboden die Gehänge. Im Westen stand ein Bergland mit scharfen Gipfeln und Graten. Ungeheure Gletscher drangen über die Berge an die Küsten. Durch Talkrümmungen wanden sie sich herunter, stiegen zerklüftet über Steilstufen. Wulstig wellenförmig ihre Oberfläche. Aus den Firnmulden flossen sie ab, langsam wie Schnecken bewegten sie sich zum Meer, brachen in die Fjorde ein, verstopften die Buchten.

Zwölf Kilometer breit, sechzig lang, stieß der Frederikshaabgletscher in den Ozean; seine Schuttfläche warf er breit vor sich auf.

Der Store Karajak. Er hatte eine Geschwindigkeit von zwölf Metern am Tag.

Unter dem siebzigsten Grad der Jakobshavngletscher, der Uparmwick unter dem dreiundsiebzigsten, Ullaksoak unter dem achtundsiebzigsten.

Der Torsukatak Assatak Tuarparsuk Tasarmiant Umartorsik Kangardluksuak Itliarsuak Alangordlak.

Die Erde schoben sie in Dämmen vor sich, warfen den Abbruch der Berge, Schutt ihres Grundes, in Moränen um sich auf, schliffen Felsen ab. Unter ihnen kamen weiße Flüsse zum Vorschein, ließen Lehm und Kies auf die Böden der Fjorde sinken.

Mit dieser Aufschwellung der Erde am Nordpol hatte sich das Wasser vermählt; es hatte das Land nicht wie die andern Kontinente losgelassen und sich zur Meeresfläche zurückgezogen. Es wühlte hämmerte riß an dem uralten Gestein. Fiel wirbelnd unaufhörlich aus der dunklen und erhellten Luft, Schnee, Milliarden flimmernder sechsstrahliger Kristalle Sternchen Stäubchen, überschütteten erdrückten lautlos weich die riesigen starren Kuppen Zacken Mulden. Und wie sie sinterten und gefroren, geronnen sie, wurden zusammenzementiert zu dem grünlichen glasigen Eis, das die alte Eisdecke überschichtete. Und durch seine Spalten floß neues Wasser, gefror weiter in der Tiefe. Das Eisgebirge wuchs. Überall wuchs still Eis auf dem großen öden Land. Eiswüsten breiteten sich über das Inland hin. Schwarze Berggipfel, die Nunataks, ragten aus dem gefrorenen großen Wasser auf. Das stieg an und gedieh in den Firnen, auf den Hochflächen, zog nach den Fjorden, gletscherschiebend, ab. Nach Norden buckelte sich die Ebene des Eises hoch. Wellig unermeßlich zog sie sich hin vom sechzigsten bis über den achtzigsten Breitengrad, zwischen der zwanzigsten und sechzigsten Länge. Sie überdeckten Schneebreiflächen, trockene Schneewüsten, auf Höhenzügen das Höckereis. Wassergefüllte Senken waren in sie eingetragen, im Kreis von Haufen des wilden tiefen Schnees umgeben. In ihre Seen entleerten sich Gletscherbäche und tosten über Rissen des Eises in bodenlose Klüfte Brunnen, deren blaue Wände senkrecht abfielen.

Weißblau der Himmel über diesem Kontinent. Der glühende Gasball der Sonne belichtete wärmte hier nur wenige Monate. In einer Dämmerung lag das Land, durch die der stumme Mond und die fernen zuckenden Sterne blickten, in der märchenhaft das wechselnde Nordlicht tanzte. Winde wurden über Gebirge Ebenen Gletscher des Landes geworfen, Föhne mit Wärme, Nordweststürme, die den Schnee zu Wolken peitschten, ihn wie einen Vorhang vor sich trieben. Der fegende Sturm schmolz Kehlen in die Firne und Gletscher, modellierte die Eismassen, zog Dünen in sie ein mit flachen Böschungen. Den gefrorenen Boden hobelte er zu einer Platte glatt.

Tiere und Pflanzen wagten sich in die Einöde vor. Tangwälder wuchsen in den Tiefen des polaren Meeres. Der bellende Eisfuchs, wandernde Renntiere, braun im Sommer, Eisbären, die auf den Inseln nach Vogeleiern suchten, Lemminge Eulen der zottige Moschusochse Robben Alken Lumme.

Als Rasen krochen Moose an windfreien Abhängen über den Boden. Graue Flechten hingen an den Felsen. Den Schnee, die Sternchen Stäbchen des Wassers, überzogen Völker einzelliger Algen; grau braun rosa violett färbten sie den Boden.

Von Europa kamen, von der belgischen und britischen Küste in nicht endendem Zug die Meeresstraßen herauf die schwarz beteerten Arbeitsschiffe, die schwimmenden Fabriken, Ölwolkenschiffe, stampften durch den Ozean. Eisbrecher ihnen zur Seite und voraus. Schweigend schoren sie das Wasser. Sie verteilten sich, das brennende Island passierend, nach Norden und Süden, umringten Grönland. Und wie das Eis Grönland mit einer Barriere umzog, umzogen sie es mit ihren schwarzen tiefeintauchenden Gebäuden. Immer neue quollen nach. Sie bliesen, wie sie an ihren Standorten hielten, empfangen von der schweigenden Besatzung der Islandflotte, aus ihren Luken den schweren Rauch von sich, den Ölhauch Holyheads, in dem sich mit einer weißen Masse grünliche blaue rote Schwaden vermischten. Die Schiffe setzten versuchend bald von dieser, bald von jener Schwadenart zu. Langsam und kaum vom Wind zur Seite getrieben erhob sich der Rauch, dem immer neuer nachquoll, verstärkte sich, blieb, als wenn er ein Tier wäre, das vor seinem Stall ist, gleichmäßig in einer Höhe stehen. Die farbigen Gasmassen stiegen senkrecht auf, verlangsamten mit zunehmender Höhe ihre Bewegung, dann bei einer bestimmten Höhe war ihr Auftrieb erlahmt. Sie sammelten sich an, breiteten sich wagerecht allmählich aus, als wären sie Öl auf einer Wasserschicht.

Am Scoresbysund der Ostküste, an der Südspitze, an der Diskobai im Westen wurden Proben für die Höhe der Ölwolken bestimmter Zusammensetzung gemacht. Sie sollten die höchsten Gletscher überragen, annähernd gleichmäßig den ganzen Kontinent bedecken. Als das Gemisch der Gase bestimmt war, begann der um Grönland versammelte Ring der Schiffe seine Arbeit. Ohne auf Föhne und kalte Stürme Rücksicht zu nehmen, stießen sie die dunkelfarbigen Dämpfe aus, die sich in der ungeheuren Höhe ansammelten, von den nachfolgenden über das Land hingetrieben wurden. Die seewärts drängenden Wolken dirigierten Fliegerreihen mit Böenbomben. Die zusammengeschleuderten Gasballen hingen zähklebig aneinander. Flächig plattenartig lagerten sich immer dunklere Massen hin, wurden fester, je dichter sie sich anhäuften. Sie waren ein unnachgiebiges den Raum erfüllendes Zwischending von Gas und starrem Körper. Regen, der über sie fiel, konnte die starken aufwachsenden Wolkenbänke nicht durchdringen. Wasser Schnee lagerte sich in Buchten des Gases, stürzte in der randlichen Schiffsgegend herab, vermochte aber das Gas nicht herunterzudrücken. Das seitliche Ausweichen blieb die größte Gefahr. Scharen von Fliegern und Frachtluftschiffen wurden in der grausigen Höhe stationiert, die immer in Gefahr waren, von den aufrollenden Wolken erfaßt zu werden, zu kentern und abzustürzen. Eine ganze ununterbrochene Barre von Explosionen mußte man um die Gaszone legen, das Verschwimmen Zerkrümeln Verbröckeln der Dämpfe aufzuhalten. Die Furcht der Ingenieure, die Auftriebskraft der Gase könnte in der Höhe allmählich nachlassen, die Wolkenmasse sich langsam senken, bestätigte sich nicht. Die dunkle gewaltige Luftbank über Grönland blieb in ihrer Höhe; man konnte ihr vertrauen, Flöße wie auf ein Meer auf sie werfen.

Mit ihrer finsteren stummen Entschlossenheit gingen die Islandfahrer an diese Arbeit in der Luft. Von dem Grauen der leuchtenden Turmalinschiffe sahen sie weg; keiner rührte mit einem Wort daran. Die Schiffe lagen fest. Die Neuanfahrenden hielten die Ungetüme nicht für Schiffe, wie sie überwuchert waren von baumartigen bunten Algengewächsen, von Vogelscharen belagert. Dicht beieinander hatte man an den Standorten die Turmalinfrachten geschoben, abseits von dem übrigen Geschwader, als wären sie verseucht. Die ruhenden Gebäude waren längst zusammengewachsen: die Gewächse hatten Brücken zwischen ihnen geschlagen, die nur selten von segelnden Eisblöcken zerrissen wurden. Vögel spazierten und nisteten auf den grauen roten Brücken, in denen sich Mollusken und Fische fingen, spielten und verendeten. Wie besäte Hügel wuchsen die ruhenden Schiffe in der eisigen Luft auf. Wie sie nebeneinander lagerten in den Buchten, am Eingang der Fjorde, schienen sie steile und bucklige Inseln zu sein. Man sah manchmal die grauen und roten Massen zucken und schaukeln.

Die Islandfahrer warfen Planken von riesiger Breite auf die Ölwolken herab. Und wie sie sie bestiegen, zogen sie benachbarte heran, richteten sie auf, nieteten sie zusammen. Bisweilen schwankten die Flöße, auf die sie sprangen, sanken schräg abwärts in ein Wolkenloch, stellten sich hoch, kenterten. Im grauen rosa violetten Rauch zappelten die abgerutschten Menschen. Sie suchten sich aus dem gallertartigen schwammigen morastigen Gewebe hochzuarbeiten, schlugen um sich, hangelten, unfähig sich abzustoßen, nach den Brettern. Neue Gasmassen, von seitwärts anschwebend, schoben sich um sie, über sie. Sie wurden eingebettet verkittet, griffen sich nach Brust Nase Mund, aus denen Blut schoß; wurden japsend den Kopf zur Seite legend, erdrückt. Dort oben stolperten im Beginn viele, lagen schräg mit hängenden Armen über dem prallen Gas. Das dunkle Quellen schob an ihren Leibern, klemmte hier ein Glied fest, riß es vom Körper; dehnte, wie die Hände zugriffen, die Füße tretend eingetrieben waren, die Leiber mit sich, länger, länger. An den Grenzen zog sich das Gewebe auseinander; da fiel ein erstickter Flieger, schwarzgesichtig, ein abgerissener abgedrehter Körperteil auf das Eis oder in das Wasser. Sie liefen oben, warfen Planken neben Planken.

Der Kampf gegen die Winde begann. Der Nordoststurm, mit Nebel und dichtwirbelndem Schnee, riß an den Außenseiten der wachsenden Wolkenbänke, jagte Fetzen. Kleine Scharen und Einzelne segelten mit den Abrissen über das abgrundtief liegende Land, verkamen. Auf den Platten standen sie, taumelten; es war schlimmer als auf der See. Schwankten mit den Brettern meterweit auf und nieder, hin und her. Es hieß in furchtbarer Eile Platte neben Platte auf den dampfenden ins Land wachsenden Boden werfen. Besinnungslos standen sie oft oben, warfen sich hin, erbrachen, geschaukelt zerwirbelt, von den flutenden rollenden Brettern getragen, die manchmal wie ein Spiel sich voneinander entfernten, von einem Wolkenknäuel übereinandergehoben und aufeinandergeklatscht wurden. Sie hingen an den Rändern über dem unermeßlichen Eisland. Dunkel lagen die Wasserspiegel der Fjorde unter ihnen, im Osten stiegen die Gipfel todesstarr bis dicht unter sie, die Kämme der Gebirge berührten sie fast. Der Eishauch der Firne wehte zu ihnen auf. Die blauweißen Gletscher bewegten sich träge nach unten in die weiße Ebene, durch die eingerissenen Felsgassen. Ihre Trümmer und Lawinen hingen über Bergstufen quer wie Riesenleichname. Wie sie auf Island Brücken von der Küste warfen am Myvatn Krabla Leirhukr, an der Eyafsbucht, von der unglücklichen Heraldsbucht her, auf den schmetternden Brücken in der ascheschwirrenden Luft schwebten, über dem Jökulsa, an der Fiski-Ebene, über den Gletschern des Ostens, wie sie den gewaltigen Vatna erklommen, bevor sie von den himmelzerreißenden auflohenden Vulkanen verbrannt und zerblasen wurden, so stiegen sie jetzt über das stumme Land. Die Winde tobten über dem Eis. Das Land ruhte, wie ein Blinder, über den ein Geschick heraufzieht. Von allen Küsten schwollen sich sehnsüchtig die Wolkenschichten entgegen. Die Menschen wollten die wogenden Massen bis auf eine inselartige Lücke gegeneinander vortreiben.

An der Diskobucht, über dem Onemokfjord erschienen unter den finsteren Bänken der Ölgase bläuliche ovale Wolken, die ein Föhn vor sich trieb. Die auffahrenden Frachtflieger sahen sie. Die Luft wurde still und warm. Die Gasmassen senkten sich, erst langsam, dann im Sturz. Wie auf Kähnen, die in einer wilden Strömung fahren, die Schiffer mit langen Stangen stehen, sich von den gefährlichen Ufern abstoßen, sich unten abstemmen, hin und her springen, so warfen sich die himmelhoch schwebenden Arbeiter auf die Planken, hielten sich mit Balken frei, preßten die Nachbarplatten zur Seite. Auf und ab stiegen die Gasmassen, auf und ab taumelten rollten die Menschen. Die Schichten noch nicht schwer und dicht genug, beulten sich. Die Menschen hin- und hergerissen schlugen sich mit den Planken. Auf dem Boden tief unter ihnen bewegte es sich. Der dicke ballige Schnee geriet ins Laufen, er wich dem blasenden Föhn aus. An der Eisfläche arbeitete etwas mit großer wachsender Gewalt, schrubberte die Fläche Stoß auf Stoß, Schub auf Schub. In kleinen großen unregelmäßigen Würfen flog der Schnee. Die Schnee-Ebene brandete. Dampfartig stieg es vom Boden auf und zerwehte. Wie sie sich oben verklammerten. Wie von den Arbeitsschiffen an der Küste der träge Qualm herblies, hilflos langsam, herüberblies, abgebogen wurde in der trommelnden Luft, sich spiralig um sich selbst drehte und abgeknickt wurde. Am Rand oben wurden zersprengt die himmelhoch schwebenden Wolkenballen, über den Himmel im Föhn schossen sie hin wie kleine Lämmerwolken, wurden rettungslos geschleudert. Der Föhn hetzte die dünnen sich verflüchtigenden Gasschichten auf das Meer. Die Platten, lose aufgeworfen, abgehoben wirbelten wie Papier im Sturm. Menschen Balken Bretter trieb der Sturm geradewegs vor sich, trug sie auf dem zergehenden Gas kilometerweit wie ein Löwe im Maul mit sich fort, ließ sie dann unter sich fallen in das tosende schwarze Wasser, auf die jagenden Eisschollen. Flieger zuckten hinterher, raketenartig stiegen sie auf, wurden vom Wind zur Seite gestoßen. In dem Tosen hob sich noch aus den Arbeitsschiffen der armselige Rauch, den der Sturm brach. Die Schiffe selbst wurden gerüttelt gehoben ergriffen gedrängt. Krochen erzitternd um sich, stellten sich hin, wehrten sich, während oben der bleierne Himmel sichtbar wurde, in dessen Leere rote und blauschwarze Wolken, bunte Fetzen blitzten und sich auflösten. Zerblasen die Wolkenbank der Diskobucht, im Süden Norden; die Bänke bis tief ins Land aufgeschlitzt. Draußen torkelten die Menschen, glitten ab, wurden an Beinen schlagenden Armen kneifenden Augen züngelnden beißenden spuckenden Mündern von dem Gas überzogen. Wie eine Haut streiften stießen sie es weg. In der Luft, im heulenden Föhn, balgten sie sich mit dem Gas herum, waren eingewickelt darin, rund wie ein Igel zusammengebogen. Sie sausten abwärts, auf Eis, legten sich langsam, vom Eis entlassen, hin.

Von den Färöer und Shetlands stampften neue Ölwolkenschiffe herüber, zogen einen zweiten Ring um das grönländische Massiv. Meterdick lag über dem Land schon die schillernde Wolkenmasse, leicht auf und ab pendelnd, in sich verbacken. Die Stürme pfiffen wie an Steinmauern dagegen. Über der Bank ging wie seit Jahrtausenden für wenige Stunden die Sonne auf. Ihr Licht drang nicht mehr durch. Der Kontinent war von dem alten weißen Himmel, dem stummen Mond, dem sprühenden Nordlicht, den kleinen funkelnden Gestirnen abgeschnitten. Die Wasserdämpfe des Landes sammelten sich an der Unterfläche der Wolkenbank, zerstreuten sich sehr langsam, entleerten sich im Schneegestöber, in Schlammregen. Sie konnten nicht abziehen; mit schwerem Wasserdunst bedeckte sich das Land, die Temperatur stieg. Zugleich wuchs die Finsternis. Der Tiere bemächtigte sich eine Unruhe. Renntiere zogen in Scharen über das Eis, ihre Weideplätze verließen sie, sie irrten umher. Die Scharen fanden keine Führung, Rudel trieben zusammen, ängstlich hielten sie auf den Küsteninseln. Die Bären und Füchse wurden aus ihren Höhlen gejagt. Ihnen war beklommen, sie liefen und schnupperten, fanden nichts verändert, waren nicht beruhigt. Das ängstliche Schreien der Raben. Glatte Robben tauchten auf, zogen sich über das Eis, suchten neues Wasser. Die Tiere wurden wachsamer eins auf das andere, griffen sich, wo sie sich befeindeten, gereizter an. Über den Gebirgen und Eiswüsten schwamm von Osten Süden Westen Wolkenschicht auf Wolkenschicht zu. Fetzen von der Gegenseite flatterten schon an. Auf losgelösten Wolken fuhren einzelne verunglückte Plankenwerfer über das Land, kamen unbeschädigt auf der Bank jenseits an. Als die aber auf den Platten im Westen und Osten sich mit bloßen Augen sahen, schrien sie nicht auf, winkten nicht. Manche sanken schlaff hin.

Die Gasschiffe verstärkten die Wolken. Gegen Ende August zogen sie sich zurück. Die menschenverlassenen Turmalinschiffe mußten angefaßt werden. Es machte keine Schwierigkeiten, von allen Geschwadern Menschen zu ihnen zu kommandieren; straff, wie unter einer Blendung, taten die Grönlandfahrer alles was nötig war, ohne Befehl.

Aber das überstürzende Grauen, wie sie sich auf kleinen Schiffen den bunten schwirrenden Inseln näherten. Keine Umrisse von Schiffen waren zu erkennen. Wale erschwerten die Annäherung an die Inseln. Man mußte Sprengstoffe gegen sie werfen; das Wasser rötete sich gräßlich; die dunklen Leiber schwammen eine Weile auf dem Wasser. Wie das Fangnetz eines Schleppers hingen Tangmassen um die Inseln. Man mußte sich schneidend hauend brennend durch sie arbeiten. Boote zogen die abgelösten Stiele und Geflechte ins offene Meer. Schritt für Schritt rissen sie das wuchernde Kraut los; Schicht auf Schicht mußten sie abtragen. Die Boote wechselten stundenweise; es gab immer wieder Menschen, die den Trieb nicht überwanden sich hinzugeben und mit Gewalt zurückgeführt werden mußten. Man drang schließlich, nach Sprengung der Algenbrücken und Reinigung des Wassers, an die Schiffsrümpfe heran. Wie sonderbar sie verändert waren. Die Außenhaut der Frachter legte man oben bloß; man sah schon, wie die Brücken und schwersten Tangmassen beseitigt waren, daß die Frachter wie befreit heftig zuckten, sich langsam von der Stelle bewegten, ruckweise zerrende Bewegungen nach oben machten. Schon glitten die Schiffe leicht, die Boote hinterher; man mußte fürchten, daß sie sich über das Wasser, aus dem Wasser herausheben würden. Oben am Bordrand waren alle Bleche gelöst, die Verschalungen geborsten. Von außen, von innen trieben Sprossen Äste dünne Balken durch die Schiffswand. Die wenigen Kabinen des Oberdecks waren von einem Dampf erfüllt; aber das schien nur so, als man die Türe öffnete. Sie waren ausgefüllt von einer Art Spinngewebe. An ihrem Rand, den Aufhängseln der grauweißen Gewebe hatten sich die wuchernden Hölzer der Wände, die Äste der Türen Luken selbst beteiligt, mit einem Flechtwerk von Fasern. Man sah aber keine Spinnen in den Räumen. Und wie man das dünne Gewebe mit der Hand und Stöcken zerriß, erkannte man es als feinste haarartige grasartige Austreibung der gequollenen Blätter, Röhren Stränge der Hölzer der Spinde der Decken des Bodens. Außerhalb der Hölzer und weit von ihnen entfernt hatten die Pflanzen mauerartige Organe gebildet. Jede Kabine war hauchdünn wie Mark aufgelockerter Stämme; in längerer Zeit mußte der Raum zuquellen verholzen. Man ging auf schaukelnden Lagen. Wie man den Boden aufschlug, um in die Speicher zu kommen, schlugen stickige Gase heraus. Schwammartig erweicht und verwoben waren die Decken. Aus den tiefen Knorren der Masten sprangen frische wulstige Äste hervor, die sonderbar behaarte samtene Blätter trugen; sie schlossen sich oft dicht blütenartig zusammen. Wimmelnde Käfer und Ameisen. Man brauchte nicht nach den Speichern suchen. Von ihnen aus den Tiefen der Schiffe ging das intensive ruckweise sich verstärkende Leuchten aus, das oft blendende Aufglimmen, das in der allgemeinen gleichmäßigen Dunkelheit das Kabellicht überflüssig machte. Die Decke zu den Hallen schlugen sie ein, mit Beilen Sägen Feuer brachen sie durch; seitlich rissen sie die Wände des ganz verfilzten Gebäudes ein. Ins Wasser wurden Balken und Bleche geworfen, die Fische schwammen hinter den Hölzern her, bewegten sie mit den Mäulern vorwärts, kauten an ihnen, trugen sie auf ihren Rücken in See.