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Bergrichters Erdenwallen

Chapter 23: XIX.
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About This Book

A rural community confronts a mysterious theft of a large sum from a securely locked chest; the owner insists no outsider entered, so household members become suspects. A gendarme calls an investigating judge who conducts a methodical inquiry, measuring window grilles, inspecting the yard, and questioning villagers. Noting that the farm dog did not sound an alarm, the judge traces unusual footprints in the moor that lead toward the house, lifts distinctive impressions for evidence, and pursues a careful reconstruction of events that reveals local tensions and the contrast between folk suspicion and professional investigation.

XVII.

Es kam fast nie vor, daß Herr Ehrenstraßer in seinem Hauswesen sich in die Küche verirrte, meist verbrachte er die wenige freie Zeit in seiner Studierstube oder im Wohnzimmer bei Gattin und Kindern, aus welch letzterem ihn freilich der Lärm seiner Mädels bald wieder verjagte. Eines Abends kehrte der Richter aus der Kanzlei nach Hause zurück, und im Korridor seiner Wohnung vernahm er ein lebhaftes Gespräch, das ihn veranlaßte, in die Küche zu treten. Frau Bianca dankte in ihrer südländischen Lebhaftigkeit eben einer Bäuerin für überbrachte Butter und einen mächtigen Topf Honig, worauf die Gebirglerin bat, es möge die gnädige Frau Richterin ein gutes Wort beim Bezirksrichter einlegen, auf daß er die Sache nicht so scharf nehme mit ihrem Sohne.

Ehrenstraßer stieg alles Blut zu Kopf beim Anhören dieser Worte, hastig trat er vollends ein und in flammender Entrüstung wies er jegliche Gabe zurück. Die auf den Tod erschrockene Bäuerin mußte augenblicklich ihre Sachen an sich nehmen und das Haus verlassen.

„Ma, prego carissimo!“ vermochte die überraschte Gattin noch zu rufen, dann verschlug es ihr die Rede, denn Ehrenstraßer nahm seine Frau am Arm und zog sie in seine Studierstube, um der Gemahlin den Standpunkt darüber klar zu machen, was es für einen Richter heißt, unbestechlich und unantastbar in seinem Privatleben zu sein.

Bianca stand betäubt, wie erstarrt; in solcher Entrüstung, so zornig hat sie den Gatten noch nicht gesehen. Was er alles gesagt, verstand sie nicht, aber sie fühlte es, daß der Gemahl ihr Verhalten aufs höchste tadelnswert findet, daß er nichts weniger denn höflich ist. Der Stolz bäumte sich in ihr auf und im Stolzgefühl fand sie auch die Sprache wieder, um mit welscher Verve zu protestieren, daß wegen einer solchen Bagatelle ein solcher Spektakel aufgeschlagen werde.

„Tace!“ schrie Ehrenstraßer, „schweig!“ Die Ehre ischt des Richters höchstes Gut, das kostbarste Juwel seine Unbestechlichkeit! Der Richter muß tadellos, unantastbar vor der Welt und in seiner Gemeinde stehen! Wenn du dieses Gebot nicht verstehst und fühlst, dann muß es dir begreiflich gemacht werden und zwar in einer Weise, daß du diese Stunde fürs ganze Leben nicht mehr vergißt!

Nicht die mindeste Kleinigkeit darf ohne Bezahlung angenommen werden! Die Entgegennahme auch nur einer winzigen Bagatelle schändet des Richters Ehre, macht ihn unwürdig seines heiligen Amtes! Ich beklage es tief, daß mein eigenes Weib sich herabwürdigt, Geschenke anzunehmen, den Versuch einer Bestechung zu dulden. Ich verbiete das auf das schärfste und erkläre dir, daß eine Wiederholung dieser häßlichen Handlung mich zwingen würde, die Konsequenzen in der schärfsten Art zu ziehen!“

„Sangue della Madonna!“ rief Bianca. „Das sein annuncio della divorzio, du wollen dich lassen scheiden!“ In einer Redeflut begann die lebhafte Frau ihren Gedanken Ausdruck zu geben, daß es unerhört sei, wegen solcher Bagatellsachen eine solche Scene zu machen und die eigene Frau zu mißhandeln. Und im Zorn regnete es Vorwürfe über das Jammerleben an der Seite eines Mannes, der nichts anderes kenne als sein Amt und die „Verfolgung armer Leute“. Das sei kein Leben mehr, wenn man selbst für Geld schier nichts bekomme, wenn man keinen Mann zum Spazierengehen und Vergnügen habe und gezwungen sei, jahraus und jahrein hinter den Mauern einer durchaus ungenügenden Wohnung zu vertrauern. Dazu habe sie nicht geheiratet! Und andere Leute seien froh, wenn ihnen von den Bauern etwas Nützliches ins Haus gebracht werde! Das Ehrgefühl dürfe nicht übertrieben werden, ein Happen Butter, für welches sie der Bäuerin ein abgelegtes Kinderkleidchen schenken wollte, verdiene nicht so ein Aufhebens. Überhaupt habe sie das Leben in der kleinen Stadt satt, schon lange satt. Die Mädels brauchen eine bessere Schule, die hiesige genüge keineswegs, und sie selbst in ihren besten Jahren sei nicht gewillt, in diesem langweiligen Neste zu verbauern und zu versauern. Wolle der Herr Gemahl in seinem übertriebenen Ehrgefühl weiter drangsalieren, gut, den Antrag auf Scheidung könne sie selbst stellen, doch werde sie diese Angelegenheit von einem welschen Gericht entscheiden lassen, ein deutsches Gericht sei hierin zu befangen. Und die Mädels werde sie selbst mitnehmen und dafür sorgen, daß sie in der Heimat der Mutter erzogen und der Muttersprache erhalten bleiben. Mit der thränenreichen Behauptung, daß diese Tedeschi immer Barbaren seien und bleiben, schloß die heftige Erörterung, auf welche Ehrenstraßer lediglich erwiderte, daß seine Kinder deutsch zu bleiben haben und seine Anordnungen auf das strengste beachtet werden müssen.

Der Eintritt Emmys gab der aufgeregten Frau sofort Anlaß, mit einer neuen Anklage vorzugehen, die in der Behauptung gipfelte, daß Ehrenstraßer seine Liebe den Kindern zweiter Ehe vorenthalte und ausschließlich Emmy zuwende, was beweise, daß er eben seine erste verstorbene Frau noch immer liebe und die zweite Frau gröblich vernachlässige, aus ihr lediglich einen Dienstboten machen wolle.

Erschrocken rief Emmy: „Aber, Mama! Bist du von Sinnen?“ Die Taktik ändernd, ging Frau Bianca sofort zum Angriff gegen die Stieftochter über, wissend, daß sie den Gatten in Emmy am schärfsten treffen könne. Und gleich der erste Hieb brachte die Stieftochter zum schmerzlichen Aufschreien, indem Bianca behauptete, das Heiratsprojekt habe den alten Ratschiller in den Tod getrieben.

„Kein Wort weiter!“ gebot Ehrenstraßer, dem die Adern schwollen. Der Anblick des Gatten mochte Bianca doch einschüchtern, sie schwieg und rauschte hinaus.

Weinend warf sich Emmy an des Vaters Brust und auch Ehrenstraßer zerdrückte eine Thräne im Auge. Langsam begann er dann zu sprechen, der Tochter zu schildern, was er gelitten während der Untersuchung im Falle Ratschiller, wie gräßlich es war, der Familie durch Aufdeckung des Selbstmordes solch' bitteren Schmerz und pekuniären Schaden bereiten zu müssen, und auch dem eigenen Kinde.

„Sprich nicht von mir, teurer Vater! Ich habe es überwunden!“

„Die Zeit wird den Schmerz lindern, vielleicht fügt der allmächtige Gott doch noch euch zusammen! Ich will gerne bei Gelegenheit sehen, wie sich bei Franz die Verhältnisse entwickelt haben!“

Ein inniger Kuß drückte den Dank und wohl auch eine stille Hoffnung aus. Emmy verließ den herzensguten Vater.

Im Richterhause verblieb eine Schwüle zwischen den Ehegatten, die einen schweren Sturm anzukündigen schien. Bianca brachte es fertig, zu schweigen, sich kühl zu verhalten, und die Mädels empfanden die Spannung so sehr, daß sie fast stumm umherschlichen und jeglichen Lärm unterließen. Dagegen schrieb die Richterin viel und trug ihre Briefe der Sicherheit halber selbst zur Post.

Wohl wurden die Mahlzeiten gemeinsam eingenommen, doch das Verweilen am Familientische war peinlich, man schwieg sich aus. Die fatale Situation wurde nicht besser durch eine erhebliche Qualitätsverminderung der Tischgerichte, die von der boshaft gewordenen Gebieterin absichtlich herbeigeführt ward.

Eine Woche ertrug Ehrenstraßer diese Vernachlässigung, eines Tages aber gestattete er sich eine diesbezügliche Bemerkung, auf welche sofort die schnippische Antwort erfolgte, daß um diese Jahreszeit in solchem Nest eben nichts Besseres zu haben sei. Genüge diese Kost dem unantastbaren Herrn Richter nicht, so möge der gnädige Herr auswärts essen.

„Bianca, sei vernünftig!“ mahnte Ehrenstraßer.

„Bin ich! Wird nicht mehr lange dauern!“

„Was soll das heißen?“

Bianca verließ, ohne Antwort zu geben, die Stube.

Ehrenstraßer kämpfte mit sich, die Entrüstung wollte ihn übermannen. Da war es Emmy, die seinen Zorn verscheuchte durch die liebreichen Worte: „Lieber Vater! Es ischt ja meine Mama trotz alledem!“

Diesem Auftritte sollte alsbald eine nicht gerade angenehme Überraschung folgen durch die Ankunft von Biancas Mutter. Frau Zuccatis Einzug in das Richterhaus vollzog sich geräuschvoll, mit echt welschem Lärm, der durch die Aufregung der alten Italienerin und deren Gejammer über die unmenschliche Behandlung, so ihre arme Tochter von dem deutschen Barbaren erlitten, noch gesteigert ward.

Diese Klagen und Verwünschungen fanden bereits auf der Treppe statt, so daß die Parterrebewohner gleich sozusagen aus erster Hand Kenntnis von den neuen Verhältnissen und einer drohenden Katastrophe bei Ehrenstraßer erhielten.

Den dramatischen Höhepunkt erreichten die Lamentationen natürlich in der Wohnung selbst, nachdem die Mädels die mitgebrachten Leckerli in die Mündchen gesteckt erhalten hatten. Dann hielten die welschen Damen Kriegsrat mit größter Zungengeläufigkeit, wobei beide immer gleichzeitig sprachen und keine auf die andere hörte.

Emmy erhielt von der Ankunft der Frau Zuccati durch das Dienstmädchen Kenntnis und im ersten Schrecken darüber flüchtete Emmy aus dem Hause zu Papa, der sich in der Kanzlei befindet und unbedingt verständigt werden muß.

Ehrenstraßer guckte verdutzt auf seine Tochter, das Ereignis wirkt auch auf ihn überraschend und ließ ahnen, daß Bianca mit solcher Verstärkung einen Schlag zu führen beabsichtige.

Der Richter hielt es für gut, sich sogleich ins Treffen zu stellen und damit zu verhindern, daß der unausbleibliche Streit etwa im Gerichtsgebäude zum Austrag kam. Von Emmy begleitet, begab sich Ehrenstraßer nach Hause, und kam eben recht, um einer Tierquälerei ein Ende zu machen, mit welcher seine Mädels eben angelegentlicht beschäftigt waren, indem die Kinder ein Kätzchen, dessen Pfoten sie mit Stricken gebunden hatten, „streckten“ und um so wilder jauchzten, je jämmerlicher das gepeinigte Tier schrie.

Ein paar Hiebe mit der Flachhand um die Ohren genügten zur Beendigung der Tierquälerei und heulend flüchteten die Mädels voraus und hinauf zur Mutter, um deren Schutz zu erflehen. Ehrenstraßer unterdrückte die ihm auf der Zunge liegende Bemerkung über solche Erziehungsresultate, und schritt mit Emmy die Treppe hinauf.

Wie eine Henne ihre Küchlein, so beschützte Frau Bianca ihre Töchterchen und hielt sie umschlungen, während Frau Zuccati sogleich den Kampf eröffnete durch die Mitteilung in gebrochenem Deutsch, daß sie gekommen sei, den unhaltbaren „skandalösen“ Zuständen ein Ende zu machen.

Der Ton dieser Ankündigung veranlaßte den Richter zur ironischen Erwiderung: „Wie's beliebt Frau Zuccati!“

„Come? Was wollen Sie?“

„Zunächst begrüße ich Sie in meinem Hause! Sind Sie zu Besuch Ihrer Tochter, meiner Frau, gekommen, heiße ich Sie willkommen! Wollen Sie aber versuchen, Zwietracht in mein Eheleben zu bringen, so diene Ihnen zur Kenntnis, daß ich nicht gesonnen und Mann genug bin, um jedem derartigen Versuche ein rasches Ende zu machen!“

„Molto bene! Meine Tochter haben mir geschrieben alles! Ich wissen alles und werden machen der misericordia eine finita! Ich Ihnen sagen, daß filia mia nicht mehr bleiben in loco! Ich nehmen meine Tochter und ihre Kinder mit —“

„Was wollen Sie?“ rief erregt Ehrenstraßer.

Bianca erhob sich und mit theatralischer Emphase rauschte sie auf den Gatten zu. „Si! Meine Mutter sprechen die verità! Ich werde gehen mit ihr! Ich habe das Leben hier satt!“

„Bianca!“ rief Ehrenstraßer in schmerzlicher Überraschung.

„Si! Gehen oder du kompetierst um Versetzung an ein Giudizio distretturale im Trento!“

Frau Zuccati unterstützte dieses Ultimatum mit vollster Lungenkraft und suchte die Forderung zu begründen durch den Hinweis, daß Bianca gemäß ihrer Nationalität ein Recht besitze, in einem Lande zu leben, dessen Sprache die ihrige sei.

„Ah! Der Nationalitätenstreit nun gar in die Ehe verpflanzt! Es wird ja immer schöner! Warum hat denn Bianca meine Werbung um ihre Hand nicht gleich in der ersten Stunde aus Nationalitätsgründen abgelehnt?“

Frau Zuccati sprudelte heraus. „Weil sie wollte kommen unter Hauben!“

„Sic! Also erstickte dieses Streben das Nationalitätsgefühl! Bravo! Ich bin Ihnen dankbar für dieses Geständnis! Aber die Ehe ischt ein festes Band! Den Wohnsitz zu ändern steht nicht in meiner Macht, ganz abgesehen davon, daß ich keine Lust verspüre, als deutscher Beamter im Welschland zu domizilieren. Auch beherrsche ich die italienische Sprache nicht, um ein Gericht in diesem Idiom zu leiten! Übrigens ischt alles Gerede hierüber völlig zwecklos! Bianca ischt mein Eheweib, hat am Altar gelobt, in Leid und Freud' mit mir durchs Leben zu gehen, ihr Platz ischt an meiner Seite und dabei bleibt es!“

„No, no!“ zeterte die Richterin. „Ich bleibe nicht mehr in diesem Nest! Ich werde gehen! Wenn schon nicht nach dem Süden, so gehe ich mit den Kindern in größere Stadt! Ich wollen nicht versauern und verbauern in loco!“

Frau Zuccati wollte wieder eine Rede loslassen, da machte Ehrenstraßer der Scene ein Ende durch die Eröffnung, daß er kraft seiner Würde und Macht als Familienoberhaupt sich jede Einmischung verbitte und hiermit Frau Zuccati ernstlich auffordere, binnen 24 Stunden das Haus zu verlassen.

Ehrenstraßer ging und ließ die welschen Damen in Verblüffung zurück.


XVIII.

Die trüben Gedanken Ehrenstraßers wurden zurückgedrängt durch einen Besuch in der Kanzlei. Ein Bauer, namens Maldoner, dessen Gehöft in nächster Nähe des Städtchens liegt, stolperte unbeholfen und verlegen in die Amtsstube, drehte den Hut im Kreise und blieb vor dem Richter stehen.

„Nun, Maldoner, was bringt Ihr oder was wollt Ihr von mir?“

„Herr Stadtrichter! Ich hätt' eine große Bitt'!“

„So sprecht nur frei von der Leber weg!“

„Schon! Aber es ischt eine heikle Sach'! Wissen S', Herr Stadtrichter: Ich hunn öppas (etwas) Ruben (Rüben) an'baut, schöne Möhren sind's worden, aber fechsen kann ich selle nit!“

„Warum denn nicht?“

„Gleich nit zum glauben! Selle Möhren werden alleweil weniger und decht hun ich selle nit geholt!“

„Ihr meint also, daß sie Euch gestohlen werden?“

„Könnt' schon sein! Ich hätt's auch nit gedenkt, daß es möglich wär' vom Nachbar!“

„Wer ischt Euer Nachbar?“

„Der Widschwenter Michel war' es, wenn Euer Gnaden nix dagegen hätten!“

„Ihr glaubt also, dieser Widschwenter stiehlt Eure Rüben! Wenn ich nicht irre, ischt besagter Widschwenter ein gutsituierter Mann, von dem ich nicht glauben kann, daß er Rüben stiehlt!“

„Gesehen hun ich ihn freilich nit beim Stehlen! Wenn ich aber mein Rubenfeld anschaue, kann's decht nit anders sein, als daß die Möhren gestohlen werden!“

„Kann der Diebstahl nicht von anderer Seite verübt werden?“

„Ich glaub' nit!“

„Warum nicht?“

„Weil ein anderer Dieb decht zu weit zu gehen hätt'!“

„Habt Ihr sonst keinen Verdacht?“

„Gleich nur auf den Widschwenter!“

„Warum soll dieser anständige Mann just ein Möhrendieb sein?“

„Weil seine Rosse gar so viel gut ausschauen!“

Ehrenstraßer blickte den Bauer verwundert an; solche Folgerung überrascht den alten Richter, dessen weitere Fragen und Folgerungen jedoch keinen Erfolg haben.

Maldoner bleibt bei seiner Mutmaßung und seine Äußerungen drehen sich im gleichbleibenden Kreise.

Der Richter notiert sich den Fall und belehrt den Bauer dahin, daß alle Vorbereitungen getroffen werden sollen, um den Dieb in flagranti abzufassen. Einige Nächte werde Maldoner doch wohl opfern können und aufpassen. Gelingt es, den Dieb zu erwischen, so solle sogleich Anzeige erstattet werden. Damit war Maldoner entlassen.

Den Richter beschäftigte die seltsame Äußerung Maldoners, das sonderbare Motiv eines Rübendiebstahles zu recherchieren und eine oder mehrere Nachtpatrouillen in der Weise einzuleiten, daß jene zwei Gehöfte überwacht werden.

„Herr Bezirksrichter! Haben S' das Unglück schon gehört?“ Mit diesen Worden stürzte Perathoner, der dicke Amtsdiener in die Kanzlei und fuchtelte erregt mit den Armen in der Luft.

„Was ischt geschehen?“

„Grad hab' ich's gehört! Das Drahtseil der Luftbahn soll gerissen sein, oder sonst ein Unglück und die Frau von Bauerntanz ischt aus einem Luftwägele herabgefallen!“

„Nicht möglich! Tot?“

„Ich weiß sonst nichts Näheres!“

Eine Flut von Gedanken stürmte auf den betroffenen Richter ein, welcher zum Gendarmerielokal eilte, um Näheres über die Unglücksstelle zu erfahren. Wie kam die Doktorin in einen Luftbahnwagen? Welches Motiv liegt da zu Grunde? Ist es ein Unglücksfall? Oder ist ein Verbrechen verübt worden? Im Gendarmerielokal erfuhr Ehrenstraßer von der Wachtmeisterin lediglich, daß ihr Mann bereits zur Fabrik geeilt, Sittl jedoch auf Patrouille sei. So blieb dem Richter nichts anderes übrig, als zu Ratschiller zu gehen und dort Erkundigungen zu erheben. Aber im Komptoir wußte man nichts. Ratschiller jun. ist nicht anwesend, von der Fabrik keine Meldung da.

Ehrenstraßer ließ einen Komptoiristen telephonisch in der Fabrik anfragen, doch erfolgte keinerlei Antwort. Somit entschloß sich der Richter sogleich, über den Sattel bergeinwärts zu gehen, schickte aber vorsichtshalber zum Bezirksamt und ließ Träger requirieren.

Ein Stündchen später langte Ehrenstraßer schier atemlos in der Cementfabrik an, deren Arbeiter zum Teil anwesend, zum anderen Teil auf den Stadtberg zur Hilfeleistung geeilt sind. Genaues wußte niemand anzugeben, und Hundertpfund, der Fabrikleiter, ist nicht da. Es hieß lediglich, daß die Frau von Bauerntanz von einem Arbeiter blutüberströmt unweit des Verankerungsgebäudes am Stadtberg aufgefunden wurde. Ein Streckenarbeiter sei mit dieser Meldung zur Fabrik gelaufen, der andere Arbeiter hingegen zur Stadt gelaufen, um den Wachtmeister zu verständigen.

Von Bruch des Drahtseiles könne keine Rede sein, denn die Luftbahn funktioniere tadellos und sei ununterbrochen im Betriebe.

Auf dem Wege zum Stadtberg kam dem Richter der Transport entgegen: Arbeiter trugen die arme Frau auf einer aus Fichtenstämmchen hergestellten Bahre, und an der Spitze des Zuges schritt Hundertpfund, ersichtlich verstört, an der Seite des Wachtmeisters.

„Um Gotteswillen, was ischt geschehen?“ rief ihm Ehrenstraßer entgegen.

„Herr Bezirksrichter! Ein tiefbedauerliches Unglück!“ stammelte der Fabrikleiter und trat zur Seite, um die Arbeiter mit der Tragbahre vorbeischreiten zu lassen. Hintendrein folgte nun Hundertpfund mit Ehrenstraßer, der Mühe hatte, seiner Erregung Herr zu werden.

„Wie kam die Doktorin auf die verrückte Idee, in einem Luftwagen spazieren zu fahren?“ forschte der Richter.

Hundertpfund erwiderte befangen und bebenden Tones: „Ich zeigte der Frau von Bauerntanz, die sich für unsere Luftbahn lebhaft interessierte, die Hauptverankerung auf der Schneide des Stadtberges und animierte sie, die an sich bei ruhigem Verhalten im Wagen gefahrlose Fahrt vom Stadtberg hinunter zur Fabrik mit mir zu unternehmen!“

„Sie sind aber nicht herabgestürzt?“

„Ich fuhr ja nicht mit!“

„Warum nicht?“

„Wir standen im Durchlaufsraum des Verankerungsgebäudes. Frau von Bauerntanz empfand Vergnügen an der Sache und hüpfte plötzlich in einen durchlaufenden Wagen, der im normal raschen Laufe mit ihr davonrollte, ehe ich mich hineinschwingen konnte. Lachend fuhr die Dame durch die Luft im Rollwagen davon.“

„Und was thaten Sie nun?“

„Ich empfand nun doch Angst, verließ das Verankerungsgebäude und lief dem Luftwagen nach, soweit das bestockte und bergige Terrain dies erlaubte. Ein gellender Schrei belehrte mich, daß ein Unglück geschehen sein mußte; ich eilte dem Gehör nach in der Richtung der Seilbahn und fand die Dame abgestürzt am Waldboden liegen.“

„Wie erklären Sie sich diesen Sturz?“

„Mutmaßlich ein Schwindelanfall oder ein unvorsichtiges Hinausbeugen, wodurch der Wagen umkippte!“

Ehrenstraßer fühlte sich durch diese Angaben nicht befriedigt, seine Gedanken kehrten immer wieder zu der Frage zurück. Wie kommt die Dame allein mit dem Fabrikleiter in jene einsame, entlegene Gegend und auf den Gedanken, eine so waghalsige Fahrt durch die Luft zu unternehmen?

Da der Zug eben in der Fabrik anlangte, konnte Ehrenstraßer nicht weitere Fragen an Hundertpfund richten; die bewußtlose Dame wurde in die Dienstwohnung des Fabrikleiters gebracht und dieser selbst verlangte telephonisch ärztliche Hilfe und Leute aus dem Krankenhause. Unterdessen traf aber schon Dr. von Bauerntanz selbst ein, der in größter Bestürzung an die Lagerstätte seiner Gattin trat und sich von Ehrenstraßer eine kurze Schilderung des Thatbestandes erbat. Hundertpfund hatte sich still entfernt.

Der ärztliche Befund ergab zunächst Arm- und Beinbruch; wahrscheinlich auch eine Gehirnerschütterung; starke Quetschwunden am Kopf. Der Bezirksarzt bemühte sich um seine Gattin und ein bald erschienener Stadtarzt unterstützte ihn dabei. Ehrenstraßer besprach den Fall mit dem Wachtmeister, welcher nur rapportieren konnte, daß er in dem Augenblick zur Unglücksstelle gekommen sei, als der Fabrikleiter die Dame auf die Bahre legte.

„Wie hat er sich dabei benommen?“

„Sehr aufgeregt!“

„Haben Sie etwa wahrgenommen, daß ihn Ihr Erscheinen erschreckte?“

„Mir ischt nichts Diesbezügliches aufgefallen.“

„Halten Sie es für angezeigt, daß eine Dame solche gefährliche Luftfahrt allein unternimmt?“

„Nein, Herr Bezirksrichter!“

Ehrenstraßer begab sich, vom Wachtmeister begleitet, abermals hinauf zum Verankerungsgebäude, um die Situation zu studieren. Regelmäßig kamen auf dem einen Drahtseil die mit Cementfässern beladenen Wagen herauf, liefen durch das Holzgebäude durch und rollten weiter zur großen Spannung, die zum Bahnhofmagazin führt; auf dem anderen Seil bewegten sich in fixierten Abständen die Wagen mit Grieskohle, wovon jedoch auch viele leer zur Fabrik liefen. Das Durchlaufen durch das Verankerungsgebäude vollzieht sich in kaum einer Minute. Diese Spanne Zeit würde aber vollständig genügen, um einer Person, die bereits im Wägelchen sich befand, das Herausspringen im allerletzten Augenblick zu gestatten, falls diese Person eben nicht mitfahren wollte.

Hundertpfund — so kalkulierte der Richter — konnte also im durchlaufenden Wagen gewesen sein, gleichsam um durch seine Mitfahrt die Dame zu beruhigen, er konnte aber ebensogut auf die Rampe herausgesprungen sein, bevor dieser Luftwagen die Station verließ.

Welches Motiv konnte er zu solchem Verhalten gehabt haben? Weshalb ließ er die Dame die grausige Fahrt allein machen? Welchen Gewinn konnte er erhoffen, wenn der Dame beispielsweise der Sturz das Leben kostete?

Ehrenstraßer stellte sich in Gedanken diese Fragen, doch fand er keine Antwort darauf es hapert in der Prämisse.

Man kehrte in die Fabrik zurück; die noch immer bewußtlose Doktorin wurde nun in die Stadt getragen. Es fiel dem Richter auf, daß sich Hundertpfund ferne hielt; der Mann weicht also aus, doch wem gilt dies? Will der Fabrikleiter mit dem Gatten der Doktorin nicht in Berührung kommen oder weicht er dem Richter aus? Gesetzt den Fall, er scheut die Begegnung mit dem Gatten, so fragt sich, weshalb er mit diesem nicht zusammenkommen will?

Ein jäher Gedanke schoß Ehrenstraßer durch den Kopf und dieser Gedanke läßt sich ausspinnen, an ihn reiht sich logisch die Situation im einsamen Berge, im Verankerungsgebäude, doch reißt der Faden im Moment, da der Richter sich fragt, weshalb der Mann die Dame allein die Fahrt antreten ließ. Ist das Zufall oder Absicht gewesen?

Hierüber muß Klarheit geschaffen werden, wenn nicht augenblicklich, so später.

Schon wollte Ehrenstraßer den Rückmarsch antreten, da erschien Hundertpfund arg verstaubt an einem der Brennöfen. Die Bitte um eine kurze Begleitung konnte der Fabrikleiter nicht gut abschlagen und so ging Hundertpfund an der Seite des Richters ein Stück Weges mit.

„Wenn nur der unglückselige Sturz keine anderen Folgen als Knochenbrüche haben wird!“ meinte im Gespräch Ehrenstraßer.

„Gott gebe es! Ich kann Ihnen nicht sagen, welche Vorwürfe mich quälen!“

„Interessierte sich die Doktorin denn so sehr für die Luftbahn?“

„Gewiß! Schon seit längerer Zeit! Indes war es bisher nicht zu einem Ausflug auf den Stadtberg gekommen. Und gerade die heutige erste Besichtigung mußte ein solches Ende finden!“

„Sie haben wohl die Doktorin am Fuße des Berges erwartet?“

„Ich bitte, Herr Bezirksrichter, wollen Sie mich verhören?“

„Geben Sie rückhaltslos Antwort auf meine Fragen, so wird der Fall am ehesten zum Abschluß gebracht werden können!“

„Sie glauben doch nicht an eine Absicht meinerseits?“

„Glauben heißt hier nichts wissen! Ich kann nicht wissen, wie sich die Sache abgespielt hat, weil ich ja nicht dabei war. Es ischt aber meine Pflicht Klarheit zu schaffen.“

„Großer Gott! Sie halten mich doch nicht für einen Verbrecher!“

„Wo trafen Sie die Doktorin?“

„Am Fuße des Stadtberges!“

„Zufällig?“

Hundertpfund zögerte mit der Antwort.

„Ich halte eine zufällige Begegnung nicht wahrscheinlich!“ bemerke der Richter. „Nehmen wir also Verabredung an. Eine Verabredung setzt eine Korrespondenz oder ein früheres Rendezvous voraus. Sie verkehrten häufig im Doktorhause?“

„Ja, früher! Dann erfolgte eine Unterbrechung.“

Ehrenstraßer erinnerte sich jetzt an jenes seltsame Verhalten der Doktorin und ihren jähen Abgang aus der Gesellschaft bei Ratschiller, und forschte weiter: „Weshalb wurde der Verkehr abgebrochen?“

„Bitte, Herr Bezirksrichter, erlassen Sie mir die Antwort aus Gründen privater Natur!“

„Gut! Wann nahmen Sie den Verkehr wieder auf?“

„Zur Zeit der Ratschiller-Katastrophe infolge einer zufälligen Begegnung.“

„Haben Sie nicht die Empfindung, daß der Aufenthalt einer verheirateten Dame oben auf dem Stadtberge, im Gebäude in Gegenwart eines ledigen Herrn etwas sonderbar ischt?“

Hundertpfund bat jetzt, aus dienstlichen Gründen in die Fabrik zurückkehren zu dürfen und diesem Ansuchen willfahrte Ehrenstraßer, der nun auf dem Wege zur Stadt sich ganz in diesen Fall vertiefen konnte.

Der Marsch hatte Hunger und Durst erzeugt, weshalb der Richter im „Ochsen“ zusprach und sich eine „Jause“ gönnte. In gleicher Absicht fand sich kurz darauf der Bezirkskommissär im Gasthause ein, wiewohl dieser Beamte auf den Richter wegen des damaligen Ausdruckes „Rabulistik“ eine Art Privathäßle hegte. Der Kommissar gönnte sich daher ein Spottwort, indem er auf die Anwesenheit der Ehrenstraßerschen Schwiegermutter anspielte und beifügte, daß die welsche Gnädige wohl eine Leidenschaft für Spazierfahrten hege.

„Wieso?“ fragte Ehrenstraßer.

„Na, vor einer Stunde ist ja Ihr ganzer Harem, Fräulein Emmy ausgenommen, zu Wagen fort!“

„Ja, ja, ich weiß!“ log Ehrenstraßer, den ein unbehagliches Gefühl beschlich, dann trank er das Glas aus, zahlte und entfernte sich unter höflichem Gruß.

Jetzt langsam nach Hause zu gehen, mußte sich der Richter zwingen, er weiß, daß ihn die neugierigen Augen jenes Beamten verfolgen und will jeden Anschein vermeiden, als ob jene Anspielung auf die Spazierfahrt ihm flinke Beine machen würde.

Endlich aber im Hause angekommen, macht Ehrenstraßer die Stufen doppelt und stürmte hinauf. Welche Bescheerung!

Emmy steht in höchster Bestürzung vor geleerten Kasten, es ist kein Zweifel möglich, daß die Stiefmutter Bianca mit den Kindern und mit Sack und Pack das Haus verlassen hat.

„Vater! Alle sind fort! Es ischt schrecklich!“

Ehrenstraßer fand im ersten Augenblick kein Wort, sein Atem ging hastig, die seelische Erschütterung ist zu groß. Sein Weib hat ihn verlassen ohne ein Abschiedswort. Emmy umschlang mit den Armen den armen Vater und flüsterte: „Nun hast du nur noch mich und ich bleibe bei dir, lieber, guter, armer Vater!“

„Ja, du bischt ein braves Kind, das einzige Wesen, das bei mir aushält! Daß es so kommen mußte!“ —


XIX.

Die fluchtartige Abreise der Richterin erregte im kleinen Städtchen Sensation, die stärker wirkte, als die Verunglückung der Doktorin. An Gesprächsstoff hatten die männlichen und weiblichen Klatschbasen sonach keinen Mangel, nur wußten sie die Reise nicht recht zu deuten. Begehrte Auskunftspersonen wurden daher die Dienstboten Ehrenstraßers, denen auf Schritt und Tritt aufgelauert wurde und von welchen zu erkunden war, daß Frau Bianca mit Kindern und Mutter wahrscheinlich für immer abgereist sei, weil sie in dem Nest nicht mehr bleiben wollte. Diese Mitteilung mußte den Lokalpatriotismus verletzen, sie bewirkte einen Umschwung der öffentlichen Meinung zu gunsten des allgemein verehrten, nun treulos verlassenen Richters. Ehrenstraßer litt schwer, doch ließ er sich durch den Schmerz nicht beugen, er suchte und fand Trost bei seiner wackeren Tochter und in treuer Pflichterfüllung. Lebte und arbeitete er gerne im Städtchen, das ihm zur zweiten Heimat geworden, so liebte er das traute Bergdomizil jetzt erst recht innig samt den damit verbundenen Entbehrungen. Eine wehmutsvolle Liebe! Verließ ihn doch die Gattin, weil sie zu wenig Vergnügen hatte im Städtchen.

Am Benehmen der Ortsbewohner konnte Ehrenstraßer erkennen, daß ihm eine gesteigerte Verehrung entgegengebracht wird, eine Art Dankbarkeit, daß doch er aushält im Städtchen, das seine genußsüchtige Frau geringschätzte und verließ. Ein kleiner Trost freilich, aber doch ein Trost. Der Dienst drängte die schmerzlichen Gedanken bald zurück, es giebt im Amt keine Ruhezeiten, für einen Untersuchungsrichter schon gar nicht, so dieser seinen Dienst genau nimmt und weiß, wie schwierig dieses Amt ist. Pflegte doch Ehrenstraßer jüngeren Kräften stets zu versichern, daß vom Gerichtsbeamten immer Kraft und frischester Eifer, ausdauernde Gesundheit, umfangreiches, stets gegenwärtiges juridisches Wissen in strafrechtlichem wie civilrechtlichem Fache, Menschenkenntnis, gewandtes Benehmen, offener Sinn und Energie, Takt und Mut verlangt werden, und daß erforderlichen Falles Gesundheit und Leben im Dienst eingesetzt werden müssen.

Nach solchen Grundsätzen arbeitete Ehrenstraßer und ward dadurch seinen unterstellten Beamten ein leuchtend Beispiel zur Nachahmung im schweren Amte.

Der Richter war längst im gewohnten Dienstgeleise, da im Städtchen die Wogen der Disputation noch hoch gingen, und ruhig amtierte er einen Fall nach dem anderen. Maldoner fand sich wieder ein, um zu berichten, daß er zwar den Dieb noch nicht abgefangen, dagegen einen seltsamen Fund gemacht habe und zwar steckten in einer Scheunenecke zwei Säcke mit Korn, gezeichnet M.W.

Ehrenstraßer horchte einigermaßen verwundert auf.

„Ich mein' decht, das Korn hat mir der Widschwenter Michel heimlicherweise in die Scheune gesteckt, aber die Möhren hat er mir decht gestohlen!“

„Dann sollten die zwei Säcke Korn wohl eine Entschädigung für die gestohlenen Rüben sein?“

„Sell könnt' schon möglich sein!“

„Entspricht der Wert des Kornes dem Verlust an Rüben?“

„Wohl, wohl!“

„Beharrt Ihr dann noch auf der Diebstahlsanzeige?“

„Na, na! Aber wissen möcht' ich decht, ob es der Widschwenter ischt!“

„Für mich ischt der Fall nun abgethan. Ihr könnt dem Widschwenter jedoch sagen, daß er zu mir kommen soll, ich hätte mit ihm zu reden!“

Bald nach Abgang Maldoners wurde die Post gebracht, amtliche Schriftstücke, unter welchen Ehrenstraßer auch einen an ihn gerichteten Privatbrief fand. Die leise Hoffnung, daß das Brieflein von Bianca sein könnte, zerstörte sofort die ungelenke Handschrift auf der Adresse. Und ebenso ungelenk war der Brief geschrieben, im Sinn wie in der Schrift folgenden Inhalts.

„Gehorsamster Herr Strafrichter! So leid es mir thuet, das Sie von Ihrer Frau verlasen worden sind, muß ich doch so freindlich sein und anfragen, ob Sie nicht vielleicht Kleider zum Ausbessern haben. Ohne Frau reißen oft leichter Knöpfe und Hosen. Ich bin Ihnen zwar nicht persönlich bekannt, aber dennoch Schneider von Profession, habe mich aber nebenbei immer mit dem Kriminal befaßt. Ich habe mir dadurch geistig zu sehr angestrengt und bin etwas nerviös geworden, im übrigen besitze ich einen guten Humor ohne Socialdemokrat zu sein. Nun aber die Abreise, was nicht schön ist von Ihrer Frau und meine Arbeitslosigkeit, von der Bauernschneiderei wird man niemals nicht fett, macht mir so viel Sorgen, bin erst 22 Jahre alt und besitze trotzdem eine tadellose Vergangenheit. Sie werden vielleicht denken, ich könnte beim Schneidermeister in hiesiger Stadt Arbeit finden, dem muß ich Ihnen entgegnen, ich bin im Kriminal gebildet, und möchte zur Heilung das Kneip'sche Verfahren anwänden, bin deswegen in die Nähe vom stedtischen Schwimmbad gezogen. Wenn Sie etwas Arbeit in Ihrer Einsamkeit für mich haben, so bite ich nochmals darum, lasen Sie mir dieselbe zukommen, vielleicht kann ich später einmal es vergelten. Für meinen erfüllten Wunsch im Voraus dankend zeignet Hochachtend Cyprian Tschiggfrei. Wenn Sie so gut sind, schicken Sie mir aber keinen Schandarmen, die wenn ich sehe, werde ich immer nerviös. Nochmals mit gehorsamster Hochachtung der Obige.“

„Den Brief heb' ich mir auf!“ flüsterte Ehrenstraßer. Eine Stunde mochte verflossen sein, da meldete der Amtsdiener den Bauer Michael Widschwenter.

„Soll hereinkommen!“

Durch die Thüre wand sich die hagere Gestalt Widschwenters, der in der rechten Hand ein Taschentuch hielt und sich beim ersten Schritt in die Amtsstube mit feierlicher Umständlichkeit das Gesicht damit abwischte. Ehrenstraßer stutzte; die Temperatur ist nicht danach, daß sich jemand Schweiß vom Gesicht abwischen könnte. Unwillkürlich mußte der Richter an Aberglauben denken, der bekanntlich mancherlei Variationen speziell vor Gericht aufweist und in dieser Erwägung achtete Ehrenstraßer scharf auf das Verhalten dieses Bauers. Widschwenter richtete sich nach dem Abwischen des Gesichtes etwas auf und knüpfte dann sofort einen Knoten in das Tuch, den er fest in der Hand hielt.[12] Jetzt erst wagte es der Bauer, den Blick auf den Richter zu lenken, und zaghaft klangen die Worte: „Herr Stadtrichter! Ös habt's mich holen lassen!“

„Ganz richtig, Widschwenter! Ich möchte mit Euch etwas besprechen und zwar möchte ich von Euch erfahren, warum Eure Ross' so prächtig ausschauen!“

Der Bauer stand wie ein lebloser Holzklotz starr und blickte den Richter an, als ob dieser in einer fremden Sprache geredet hätte.

Ehrenstraßer wiederholte den Satz, der Bauer gab kein Zeichen eines Verständnisses. Sollte der Mann taub sein?

Der Satz wurde nun geschrieen, Widschwenter stand regungslos. Nun machte der Richter die Probe auf Simulation der Schwerhörigkeit, indem er den eisernen Briefbeschwerer in die Hand nahm, in scheinbarer Absicht zur Thüre ging und im Rücken Widschwenters das schwere Eisenstück zu Boden fallen ließ.

Der Bauer rührte sich nicht, zweifellos ist er also Simulant. Denn ein wirklich Schwerhöriger hört solchen Lärm durch die Schallleitung des Bodens und Körpers doch oder fühlt wenigstens die Erschütterung, der Simulant aber glaubt, daß er dies auch nicht hören dürfe und wendet sich daher nicht um.

Ehrenstraßer hob den Briefbeschwerer vom Boden auf und begab sich wieder an den Schreibtisch.

Ersichtlich drückte der Bauer den Knoten im Taschentuch und richtete einen fragenden Blick auf den Gerichtschef.

„Also der Widschwenter will heute nicht gut hören! Da müssen wir ihn schon auf etliche Tage einsperren, vielleicht bessert sich dann das Gehör!“ sprach der Richter absichtlich leise.

Erschrocken platzte der Simulant heraus. „Ich bitt', Herr Stadtrichter, nur nit einsperren, ich hör' bloß auf einem Ohr nit b'sonders!“

„So, so! Also hörst jetzt doch besser, das ischt recht! Nun sag' mir, Widschwenter, wie ischt es mit deine Ross'? Selle fressen halt gestohlene Rüben gerne, nicht?“

„Wohl, wohl! Das ischt eine alte Sach'. Das Gras vom Nachbar macht die Küh' viel Milch und seine Rüben die Ross' stark und gerund!“

„Also hast du dem Maldoner die Möhren genommen?“

„I hun ihm dafür zwei Sack Korn 'geben, also hat er decht keinen Schaden!“

„Also Diebstahl aus Aberglauben! Na, der Maldoner hat die Anzeige zurückgenommen, du hast Ersatz geleistet, bleibst aber ein Dummkopf, weil du solche Sachen glaubst!“

„Kann schon sein, gnä' Herr! Aber helfen thuan selle Sachen decht und das ischt die Hauptsach'! Werd' ich jötzund nit eing'sperrt?“

„Nein! Aber wenn du noch eine einzige Möhre stiehlst, holt dich der Gendarm, merk' dir das, Widschwenter!“

„Saggra! Hätt's nit 'glaubt, daß selles Todtentüchel so wenig nutzt! Muß decht ein Tropf g'wesen sein, seller Todter!“

Ehrenstraßer entließ schmunzelnd diesen Originalmenschen, der hastig davontrollte, und wandte sich dann zur Erledigung der Aktenstücke.

Nachmittags sprach der Richter im Hause des Bezirksarztes Bauerntanz vor, um sich nach dem Zustand der Doktorin zu erkundigen. Der Bezirksarzt konnte mitteilen, die Brüche sind eingerichtet, Gipsverbände angelegt, die Patientin ist bei Sinnen, die Gehirnerschütterung nicht so schwer, als anfangs befürchtet wurde, doch dürfe niemand vorgelassen werden.

„So besteht Hoffnung auf Wiederherstellung?“

„Möglich ischt es ja; das Gedächtnis ischt völlig verschwunden, meine Frau vermag sich an nichts zu erinnern, ich quäle sie selbstverständlich nicht mit weiteren Fragen. Wissen möchte ich aber, wie meine Frau auf den absurden Gedanken verfallen konnte, auf der Luftbahn eine Fahrt zu machen. Ob da nicht der Fabrikleiter dahintersteckt?“

„Zweifellos hat er die Gnädige dazu animiert.“

„Werde mir den Mann gelegentlich vorfangen!“

Weiter wollte Ehrenstraßer auf dieses Thema nicht eingehen, er empfahl sich unter Wünschen auf baldige Genesung der Doktorin. Der Sache auf den Grund zu gehen, ist der Richter fest entschlossen, er wittert etwas und vermag an einen Zufall nicht zu glauben. So kam es denn zu einer abermaligen Vernehmung; Hundertpfund wurde vorgeladen und erschien pünktlich, wenn auch in gedrückter Stimmung, in der Kanzlei des Gerichtsvorstandes. Ehrenstraßer, dem der Aktuar zur Protokollführung an der Seite saß, begann das Verhör ruhig — ernst mit der Frage, weshalb Hundertpfund die Dame zur Fahrt bewogen habe. Im verzweiflungsvollen Tone erwiderte der Fabrikleiter. „Verzeihen Herr Bezirksrichter: Ich kann diese Frage nicht beantworten!“

„Weshalb nicht?“

„Aus Gründen diskreter Natur!“

„Damit kommen wir nicht vom Fleck. Verweigern Sie die Antwort, so kann ich nicht an den von Ihnen behaupteten unglücklichen Zufall glauben!“

„Um Gotteswillen! Sie werden mich doch nicht für einen Verbrecher halten?“

„Um meine persönliche Meinung handelt es sich nicht! So lange nicht aufgeklärt ischt, ob die Möglichkeit der Absicht zur Herbeiführung des Sturzes besteht, ebensolange ischt der Verdacht gerechtfertigt!“

„O Gott, ich soll verdächtig sein!“ jammerte Hundertpfund.

„Es thut mir leid, doch kann ich es nicht ändern. Für das Gericht liegt der Fall zur Stunde ohne Ihre Aufklärung folgendermaßen: Sie unterhielten Beziehungen zur Dame, Sie lockten Sie hinauf, als Sie mutmaßlich des Verhältnisses überdrüssig geworden, —“

„Halten Sie ein! Ich kann dies nicht anhören! Nein, tausendmal nein! Sie verirren sich in Mutmaßungen!“

„So klären Sie die Sache auf! Oder ischt es Ihnen lieber, wenn ich nach erfolgter Gesundung die Dame vernehme?“

„Das wäre noch schrecklicher!“

„Ich muß aber klar sehen und erfahren, ob dem Falle Absicht zu Grunde liegt!“

„Sie wollen mich zu einer Indiskretion der Dame gegenüber zwingen!“

„Der Untersuchungsrichter darf übertriebene Rücksicht nicht üben!“

„Aber um Himmelswillen, ich kann doch nicht zugeben, daß öffentlich bekannt wird, was geheim bleiben muß.“

„Von einer öffentlichen Bekanntgabe ischt zunächst überhaupt nicht die Rede, es wird die Untersuchung durchgeführt. Ergiebt sich, daß der Verdacht hinfällig wird, so wird die Untersuchung geschlossen, und niemand erhält Kenntnis von den Aussagen der Vernommenen.“

Hundertpfund atmete auf. „So würde es ein Geheimnis bleiben, was unter vier Augen gesprochen wurde?“

„Unter sechs Augen! Der Aktuar muß die Aussage zu Papier bringen!“

„Dann bedaure ich, nichts aussagen zu können!“

„Die Folgen haben nur Sie selbst zu tragen!“

„Und welche würden dies sein?“

„Ihre Verhaftung und die Vernehmung der Dame nach ihrer Wiederherstellung!“

„Großer Gott! Wenn Sie nur glauben wollten, daß nur ein unglücklicher Zufall vorliegt. Unter vier Augen will ich Ihre Frage ja beantworten, um die Vernehmung der Dame unnötig zu machen!“

Ehrenstraßer gewährte diese Bitte und schickte den Aktuar auf kurze Zeit hinaus.

Nach Verlauf einer Viertelstunde war Hundertpfund entlassen, und der Richter teilte dem herbeigerufenen Aktuar mit, daß das angefangene Vernehmungsprotokoll vernichtet werden könne.

Verwundert blickte der Aktuar auf seinen Chef.

„Ja, ich habe mich geirrt! Seit vielen Jahren wieder einmal! Unfehlbar ischt kein Untersuchungsrichter und mir soll dieser Fall selbst im Alter eine Witzigung sein. Man muß nicht immer Verbrechen wittern wollen! Besorgen Sie die Vernichtung durch Verbrennen des Protokolls in meinem Ofen hier!“

Das geschah rasch, die Flamme verzehrte gierig den Papierbogen. Bei dieser Gelegenheit geriet der Aktuar in unsanfte Berührung mit den zersprungenen Kacheln des wackeligen, alten Ofens, und krachend stürzte dieser ein.

„Gott sei Dank!“ rief Ehrenstraßer. „Wie oft habe ich um Bewilligung eines neuen Ofens petitioniert und immer vergeblich. Die Rauchqualen werden nun für immer ein Ende haben. Schreiben Sie einen Bericht an das Obergerichtspräsidium, daß mein Ofen eingestürzt ischt! So hat denn alles auch eine gute Seite, damit auch mein Irrtum!“


XX.

Der Weihnachtsabend war gekommen mit strenger Kälte und viel Schnee, in welchem das Amtsstädtchen schier erstickte. Kaum die nötigsten Steige waren eingeschaufelt, wer die Straße überqueren wollte, mußte waten. Das bißchen Leben auf den erstarrten Straßen erstarb völlig, bis auf Schneeballen werfende Jungens und wenige Gebirglerfuhrwerke zeigte sich niemand im Freien; das Schneetreiben war zu arg.

Still ging es im Hause des Richters zu; Emmy waltete ihres Amtes als Haushälterin, die nur ein Mädchen zur Verrichtung der groben Arbeit hielt. Verstummt der einstige Kinderlärm, es ist still geworden wie in einem Kloster.

Emmy richtete die wenigen Geschenke für den Vater zurecht, auf daß doch ein klein wenig Weihnachten gefeiert werde. Die reichsdeutsche Weihnachtsfeier mit Kerzenschimmer im Tannenbäumchen und all dem wonnigen Zauber kannte man in Ehrenstraßers Familie nicht. Und für die diesmaligen Weihnachten ist ja gar keine besondere Veranlassung zu einer besonderen Feier gegeben. Der Vater einsam und verlassen wie die Tochter, ferne die Gattin und die Kinder.

Ehrenstraßer kam früher am Nachmittag nach Hause als sonst, es war ihm am heiligen Abend denn doch zu kahl in der Amtsstube, zu öde und einsam bei seinen Akten. Die Geschenke für Emmy hatte er in der Kanzlei verwahrt und trug selbe jetzt ins Haus.

„Stille Weihnachten heuer!“ meinte der Richter mit wehmütigem Lächeln und legte die Paketchen auf den Tisch der Wohnstube.

„Verzage nicht, Vater! Es geschieht alles nach Gottes heiligem Willen und Gott legt dem Menschen nicht mehr auf, als der Sterbliche tragen kann!“

„Ja, ja! Muß schon so sein! Wie ischt's, Emmy, soll ich dir dein Weihnachten jetzt gleich oder beim Lampenschein übergeben?“

„Bitte, lieber Vater! Es ischt traulicher beim Lampenschein!“

„Dann sorge aber, daß wir heute Punsch bekommen! Hat der Fischer den gewünschten Karpfen geliefert?“

„Nein! Er ließ sagen, bei dieser Kälte könne er überhaupt keinen Fisch liefern!“

„Macht auch nichts! In der Großstadt sind wir ja nicht und der Mensch muß sich bescheiden. Aber ein Fläschchen Punsch haben wir doch?“

„Ja, ein einziges vermochte ich aufzutreiben, es war glücklich das letzte beim Krämer!“

„Es geht nichts über eine weise Verproviantierung! Eigentlich leben wir doch in einem richtigen Landnest!“

„Willst du fort von hier, Vater?“

„Wie kommst du auf diesen Gedanken?“

„Weil Väterchen auf unser Städtchen zu schelten beginnt, genau wie —.“

Emmy brach plötzlich ab.

„Genau wie — ja, ich weiß, was du sagen wolltest! Nein, nein, ich empfinde keine Sehnsucht, von hier wegzukommen!“

Mehr für sich flüsterte Ehrenstraßer: „Die ersten Weihnachten seit der Trennung! Wie es ihnen wohl ergehen mag drunten im Süden?! Außer den Anwaltsbriefen kein Lebenszeichen! Wer hätte solchen Starrsinn für möglich gehalten?“

Emmy näherte sich dem Vater und bat schmeichelnd, es möge Papa keine trüben Gedanken aufkommen lassen am heiligen Abend. Noch seien ja Vater und Tochter beisammen!

„Du bischt ein gutes Kind, Emmy! Aber versauern sollst du nicht in unserer Einsamkeit, ich kann das nicht verantworten!“

Lächelnd erwiderte Emmy: „Vaterle will mich doch nicht gewaltsam fortschicken?“

Die Korridorschelle begann zu klingeln, sie mußte energisch von Männerhand gezogen worden sein.

„Doch nicht Besuch?“ meinte Ehrenstraßer und zündete für alle Fälle die Hängelampe an, während Emmy in den Korridor hinausging, wo das Dienstmädchen bereits die Thür geöffnet hatte und den Besucher einließ.

Trotz des schwachen Scheines des Korridorlämpchens erkannte Emmy sogleich Herrn Ratschiller und bestürzt rief sie aus: „Franz, du?!“

„Ja, ich! Gott zum Gruß, Emmy! Ischt der Vater schon zu Hause?“

„Du willst zum Vater?“

„Ja! Und selbstverständlich auch zu dir!“ lächelte Franz Ratschiller, entledigte sich des Mantels und Hutes, schüttelte die letzten Schneespuren von den Stiefeln und bat munter um gnädigen Einlaß. Verwundert öffnete Emmy die Thüre zum Wohngemach und rief hinein: „Vater! Herr Ratschiller will uns besuchen!“

„Ei der Tausend! Willkommen!“ Dem Besucher entgegenlachend, reichte ihm Ehrenstraßer herzlich die Hand zum Gruße und bat, Platz zu nehmen.

Franz blieb stehen und begann in feierlichem Tone zu sprechen: „Verzeihen Herr Bezirksrichter mein spätes Eindringen! Ich kann den heiligen Abend nicht vorübergehen lassen, ohne Ihnen, Fräulein Emmy, eine innige und herzliche Bitte zu unterbreiten! Ich bitte heute um mein Christkindl, um die Hand Emmys zum zweiten Male!“

Emmy schluchzte, überrascht stand der Vater.

„Ich kenne kein größeres Glück auf Erden als die eheliche Verbindung mit Emmy! Gewähren Sie mir dieses Glück als Weihnachtsgabe! Meine Verhältnisse seit jener Katastrophe kennen Sie zur Genüge, ich kann beifügen, daß das Geschäft besser denn je geht und blüht, daß meine Mutter völlig einverstanden ischt und von meinem Werbegang Kenntnis hat! Ich bitte in dieser weihevollen Stunde inniglichst um Ihr ‚Ja‘, um Ihren Vatersegen!“

Tiefe Rührung hatte sich des alten Mannes bemächtigt, zitternd sprach er: „Ihr wiederholter Antrag ehrt mich, doch wollen Sie bedenken, was inzwischen in meinem Hause sich ereignet hat.“

„Tief beklage ich dieses Ereignis, doch kann dasselbe mich keinen Augenblick beirren, um die Tochter eines Ehrenmannes im edelsten Sinne des Wortes zu bitten!“

„Ich danke Ihnen! Die Antwort selbst soll Emmy Ihnen geben!“

Ratschiller wandte sich an die Tochter, die in Thränen ausbrach.

„Emmy, willst du mich glücklich machen am Weihnachtsabend, glücklich für ein ganzes Leben?“

„Franz! Ich liebe dich wie vordem, aber ich kann dir nicht angehören!“

Ein Wehruf entrang sich der Brust des jungen Mannes und in leidenschaftlicher Aufwallung fragte er: „Emmy! Um Himmelswillen, warum nicht?“

Emmy umarmte den Vater, an seiner Brust liegend, schluchzte sie: „Ich kann doch meinen guten, alten Vater jetzt nicht verlassen! Ich bin ja das einzige Wesen, das ihm in der Einsamkeit verbleibt!“

Ehrenstraßer küßte in tiefer Rührung den Kopf seines Lieblings und sprach: „Nein, nein! Dieses Opfer nehme ich nicht an! Meinetwegen darf mein Kind nicht auf ein Lebensglück verzichten! Ob ich allein bleibe oder nicht, das hat nichts zu sagen. Viel wichtiger ischt mir, meinen Liebling glücklich zu wissen! Herr Ratschiller, ich nehme Ihre Werbung an und gebe meinen Segen!“

Sanft wollte Ehrenstraßer die Umarmung lösen, doch Emmy umschlang den Vater leidenschaftlich: „Ich lasse meinen guten Vater nicht allein!“

„Sei vernünftig, Emmy! Schau, ich verliere ja dich nicht, im Gegenteil, ich bekomme einen Sohn zur Tochter!“

Franz dankte bewegt und fügte bei, daß der Schwiegervater ja nur ins Ratschillerhaus zu ziehen brauche, um nicht allein zu sein.

Da blinzelte Emmy zum Vater empor: „Will Väterchen das thun?“

Was wollte der liebe alte Herr in diesem Augenblick thun: er nickte. Und nun wirbelte Emmy überglücklich zu Franz und gab ihm den Verlobungskuß.

„Na, also! Braucht das Arbeit, bis junge Leute glücklich werden!“ lachte gutmütig spöttelnd der Richter und zerdrückte eine Thräne im Auge.

Nun holte Franz sein Weihnachtsgeschenk für die liebe, schöne Braut aus der Tasche, eine Perlenkette, bei deren Überreichung er bat, auf den Aberglauben, daß Perlen Thränen bedeuten, nichts zu geben.

Auch für Papa Ehrenstraßer hatte Franz eine Gabe, ein Virginieretui aus feinem Leder, doch der Richter lehnte das Geschenk höflich und dabei bestimmt ab unter dem Hinweis, daß seine Stellung ihm nicht gestatte, Geschenke, gleichviel von wem sie kommen, anzunehmen.

„Aber! Ich bin doch Ihr Schwiegersohn!“

„Noch nicht de facto! Sind Sie es, dann kann allenfalls über die Möglichkeit disputiert werden! Heute muß ich dankend ablehnen!“

Die Leutchen wollten nicht streiten und ließen den alten Herrn gewähren.

Es folgte die gegenseitige Bescherung zwischen Vater und Tochter, dann wurde mit Punsch die Verlobung gefeiert.

Auf die Bitte Franzens, nun die geliebte Braut seiner Familie zur Bescherung zuführen zu dürfen, nickte Ehrenstraßer und bald stapften die Verlobten ins Ratschillerhaus.

Der alte Richter saß nun allein und verlassen zu Hause.


XXI.

Im Hause des Bezirksarztes machte Frau Rosa die ersten Gehversuche auf Krücken gestützt und ihr Gatte half ihr bei diesem Beginnen, wobei er sie tröstete über das unvermeidlich gewordene Ungemach, daß ein Fuß kürzer bleiben werde. „Rosel wird halt hinken fürs weitere Leben!“ meinte Dr. von Bauerntanz. „Ich bin eben ein Pfuscher!“

„Sag' doch das nicht! Mir geschieht ganz recht, das ischt die gerechte Strafe! Ich hab's nicht besser verdient!“

„Wieso denn, Rosel?“

Die Doktorin errötete bis an die Haarwurzeln hinauf und humpelte zum Gatten. Die Krücken fortwerfend, setzte sie sich auf seine Knie, legte das Köpfchen an seine Brust und begann reumütig zu beichten, daß sie zwar sehr leichtsinnig gewesen, mit dem Feuer gespielt hätte, doch nicht gefallen sei.

„Du warst aber doch oben allein mit ihm, Rosel?“

Erglühend gestand die Doktorin: „Ja! Verzeihe mir! Ich habe gefehlt, fast hätte ich dem Drängen nicht widerstanden! Im letzten Augenblick aber riß ich mich los und kaum wissend, was ich that, sprang ich, nur um fortzukommen, in einen der eben durchlaufenden Luftbahnwagen, der mich entführte. In der großen Aufregung vermochte ich nicht ruhig zu sitzen, der Wagen kam ins Schwanken, ich fiel heraus und stürzte in die Tiefe!“

Still ward es in der Stube. Der Doktor kämpfe mit seinen Empfindungen eine Weile und weinend lag sein Weib an seiner Brust.

Dann nahm er Rosas Kopf in die Hände und küßte die Gattin mit einem langen verzeihenden Kuß auf die zitternden Lippen.

„Ich danke dir aus tiefstem Herzen für deine Gnade und Güte!“

„Still, Rosel! Es soll vergeben und vergessen sein! Warst halt ein Gansel! Aber eine Strafe kann ich dir und dem Hansdampf nicht erlassen, das bin ich mir und meiner Mannesehre schuldig!“

„Was verlangst du?“ fragte bestürzt die reuige Gattin.

„Frau Rosel, alias Gansel, setzt sich an ihres ehrsamen Gatten Schreibtisch und kritzelt an jenen faden Gecken eine Epistel des Inhalts, daß die Unterzeichnete ihrem Ehegatten reumütig alles eingestanden und die Überzeugung gewonnen habe, nicht nur sträflich leichtsinnig, sondern auch sehr albern gehandelt zu haben. Von tieferen Gefühlen sei niemals etwas vorhanden gewesen und nur eine dumme Frau konnte an dem faden Gefasel eines Schürzenjägers vorübergehend Gefallen finden. Mit der Ihnen gebührenden Achtung ergebenste Rosa von Bauerntanz!“

„Aber lieber Mann!“ wand Rosa ein.

„So und nicht anders wirst du schreiben. Das sei die Strafe!“

Und der Doktor trug seine Gattin zum Schreibtisch, setzte sie wie ein Kind in den Sessel und richtete Papier und Feder zurecht. Und Frau Rosa schrieb gehorsam die harte Epistel, die natürlich nach Frauenart ein Postskriptum bekam, in welchem die Schreiberin einen spöttischen Glückwunsch zur Verlobung mit Fräulein Josefine aussprach für den Fall, daß der in seinen moralischen Anschauungen federleichte Herr Hundertpfund es nicht vorziehe, vom Schauplatz seiner Thätigkeit baldigst zu verschwinden.

„Echt weiblich!“ spottete der Doktor und trug dann den Brief persönlich zur Post.

Die Wirkung dieses Briefes war am Sylvestertage die schriftliche Kündigung des Dienstverhältnisses an den Chef der Firma Ratschiller auf vier Wochen laut Handelsgesetz. Franz war ob dieser Kündigung nicht eben erfreut und ging mit dem Schreiben zum Schwiegervater in spe, um ihn um Rat zu fragen. Ehrenstraßer lachte bedeutsam und riet, die Kündigung ohne Weiteres anzunehmen. Mehr darüber könne nicht gesagt werden. Je eher der Mann aus der Gegend verschwinde, desto besser sei es.

Und so nahm denn Franz Ratschiller die Kündigung an und schrieb die Stelle eines Fabrikleiters aus, die, weil gut bezahlt, auch bald wieder besetzt werden konnte.

Vier Wochen darauf verschwand Hundertpfund ohne Abschied aus dem Städtchen.


XXII.

Die Hochzeit Emmys mit Franz Ratschiller war schon auf einen Tag im März festgesetzt und alle Vorbereitungen dazu im Gange. Ehrenstraßer hatte als liebender, fürsorglicher Vater das Seinige dazu gethan, die Ausstattung in Innsbruck und Wien bestellt und die kleine Mitgift flüssig gemacht.

Da kam eines Morgens eine Nachricht, welche das ganze Bezirksgericht in Bewegung setzte. Ehrenstraßer erhielt das Dekret, inhaltlich der Ernennung zum k.k. Landesgerichtsrat mit Versetzung in dieser Diensteigenschaft an das Strafgericht in Innsbruck. Vom letzten Gefangenaufseher bis herauf zum Gerichtsadjunkten kam die Beamtenschaft, um dem verehrten Chef zu dieser hochehrenden Auszeichnung die Glückwünsche zu überbringen, und gerührt dankte Ehrenstraßer für diese freundliche Aufmerksamkeit. Zugleich fügte er aber bei, daß er in seiner Diensteseigenschaft im liebgewordenen Städtchen zu verbleiben wünsche und daher auf die Beförderung Verzicht leisten werde. Die Beamtenschaft staunte, doch freute sie sich, daß der allverehrte Vorstand dem Gericht erhalten bleiben würde.

Während sich die Kunde vom Verzicht mit Blitzesschnelle im Städtchen verbreitete, schrieb Ehrenstraßer an das Präsidium die Bitte um Belassung in seiner bisherigen Stellung, in welcher er absterben möchte.

Als einer der ersten Gratulanten aus dem Städtchen erschien Ratschiller, den Ehrenstraßer humorvoll bat, mit einem Schwiegervater, der „nur“ Bezirksrichter zu sein und bleiben wünsche, gütigst zufrieden sein zu wollen.

„Ich tauge nicht mehr in die Stadt und will Bezirksrichter bleiben!“ fügte Ehrenstraßer hinzu.

„Und wir können darob nur glücklich sein!“ versicherte Franz.

Wenige Tage darauf erhielt Ehrenstraßer einen Brief, der ihn unfähig zu jeglicher Arbeit machte. Der alte Richter zitterte schon beim Anblick der Handschrift und die Lektüre machte ihn weinen. Bianca gratulierte zur Beförderung und gestand reumütig ein, schlecht gehandelt zu haben. Der Verzicht auf die Versetzung nach Innsbruck habe ihr die Augen geöffnet, das Herz gerührt und demütig bitte die bisher Verblendete um die Erlaubnis zur Rückkehr an die Seite des Mannes, den sie so schwer gekränkt und nicht verstanden habe. Willig werde sie alles fürder ertragen, auf jegliches Vergnügen verzichten, wenn ihr nur das heißersehnte Glück einer Verzeihung werde, wenn sie zurückkehren dürfe. Eine Stunde später trug der elektrische Funke die Worte nach dem Süden: „Alles verziehen! Kommt sofort! Dein Gatte!“

Glücklich vereint, wurde Hochzeit gehalten, zu der sich auch die hinkende Doktorin mit ihrem Gatten einfand. Ehrenstraßer blieb Bergrichter, bis zum 70. Geburtstage seine Pensionierung unter Verleihung des goldenen Verdienstkreuzes erfolgte. Und von Jung und Alt verehrt, verlebte Ehrenstraßer im kleinen, trauten Städtchen den Abend seines Lebens glücklich und zufrieden, genannt der Bergrichter.