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Blut: Eine Erzählung

Chapter 12: Zwölftes Kapitel.
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About This Book

Die Erzählung schildert das Leben eines jungen Mädchens, das an der Grenze eines Buchenwaldes und einer weiten Heide aufwächst und in der Natur einen festen Bezugspunkt für ihr inneres Empfinden findet. Sie lebt zurückgezogen, empfindet Distanz zu den streng frommen Eltern und ringt mit unausgesprochenen Zweifeln und einer stillen Sehnsucht nach sinnlicherer, eigenständiger Erfahrung. Tagesrhythmen, Gebete und häusliche Erinnerungsstücke prägen ihre Umgebung, während nächtlicher Sternenhimmel ihr Trost bietet. Später verbreiten sich Gerüchte über einen neu zugezogenen jungen Mann, dessen Auftauchen das ruhige Dorfleben verändert und neue soziale Spannungen andeutet.

Zwölftes Kapitel.

Herr Wendel hatte Anne-Dore eines Tages auf sein Zimmer rufen lassen. Es war ihm sehr schwer geworden, dies Gespräch zu beginnen, weniger vielleicht, weil es seiner Art fern lag, als vielmehr weil er sich vor dem Ende fürchtete, das es nehmen möchte. In einer ungewissen und uneingestandenen Furcht, die ihm seine Anforderungen beinahe schwer machte, und die durch kein Pflichtbewußtsein zu überreden war. —

»Vater, bitte mich nicht. Ich vermag es dir nicht zu sagen, wie ich möchte, aber mit dir zum heiligen Abendmahl kann ich nicht gehn.« Anne-Dore war sehr bleich.

Tiefbesorgt schaute Missionar Wendel seiner Tochter ins Gesicht. Gewiß ließ er ihr gern in allen kleinen Dingen den Willen, aber hatte in der letzten Zeit schon manches ihn befremdet, so gab nun diese Weigerung bitter schmerzend den Ausschlag.

»Dore,« sagte er betrübt und eindringlich, »ich habe mich in den verflossenen Wochen oft bemüht, dich recht zu verstehn, habe nichts gesagt, Kind, wenn mir das Herz schwer wurde; höre, willst du dich heute deinem Vater nicht vertraun? Es meint es kein Mensch so aufrichtig gut mit dir. Komm, bitte, setz dich hier neben mich, so, gib deine Hand, schau mich an ... verdient meine Liebe dein Vertrauen nicht?«

Anne-Dore legte ihre Hand in einer ergebenen Müdigkeit in seine beiden, die ein wenig zitterten. In diesem Augenblick hätte sie alles für ihn tun können, alles, nur damit ein Schein von Freude in sein gutes Gesicht kam, in dem so traurig der Wunsch stand, seine Liebe möchte nicht verachtet werden. Aber sie fand keinen Ausweg. Es war ihr nicht schwer gewesen, sich in mancher Lage zu helfen, wenn ihr Herz nicht beteiligt war, aber wo sie empfand, konnte sie nicht lügen. Als er ihr gestern mitgeteilt hatte, er wollte in dieser Woche noch mit ihr und Friedberg in gewohnter Weise zum Tisch des Herrn gehn, war plötzlich ihr Blut erstarrt in einem Graun, wie vor der bösesten Gefahr, die ihr nur immer begegnen konnte. Wie unter einer machtvollen Drohung tauchte es vor ihr auf, aus dem Reich der göttlichen Liebe empor, die sie verraten und verloren hatte.

Nun sprach ihr Vater wieder:

»Drückt dich eine Schuld, mein Kind? Wenn du sie deinem irdischen Vater nicht sagen kannst, so bring sie deinem himmlischen. Sieh, ein erster Anfang ist die große Gefahr für uns alle. Lassen wir nur ein einziges Mal etwas zwischen uns und den Heiland kommen, so ist dem Versucher das Tor unserer Seele geöffnet. Und es gibt keine Schuld, die das Blut unsres Herrn Jesu Christi nicht abwaschen könnte vom Kleid unsrer Seele, die sein Eigentum ist für alle Ewigkeit. Kind, ich habe Sorge um dich. Seit vielen Wochen seh ich dich verändert. Ich weiß gut, daß wir alle bösen Anfechtungen ausgesetzt sind, aber es streitet für uns der rechte Mann, weißt du es nicht, muß ich es dir sagen? Es gab eine Zeit, Dore, da habe ich von dir gelernt. Sieh, ich scheue mich nicht, es dir zu sagen. Aber was ist nun mit dir geschehn? Meinst du, ich, dein Vater, der keine andere Sorge kennt, als die um dich, sähe nicht, wie du verändert bist? Auch bist du oft blaß und es scheint mir, als ob du geweint hast. Sprich zu mir, mein Kind.«

Und als Anne-Dore schwieg, fuhr er fort:

»Ich schließ auch dein Wohl heiß in meine Gebete ein. Gewiß, man soll niemanden zwingen, zum Tisch des Herrn zu gehn, seine Mahnungen und Warnungen sind so ernst, wie seine Verheißungen Seligkeit und Frieden verkünden. Wer unwürdig sein heiliges Blut trinkt und seinen Leib ißt, der ißt und trinkt sich selber das Gericht, sagt uns die Schrift. Aber Kind, das heißt etwas ganz anderes, als wir armen sündigen Menschen oft denken. Wer mit gläubigem Herzen hinzutritt, seine Sünde aufrichtig bereut und fest den Willen hat, sie in Zukunft nicht wieder zu begehen, der nimmt vom heiligen Kelch die Gewißheit mit, daß all seine Sünde vergeben ist, daß Gott versöhnt ist durch dies vergossene Blut seines Sohnes, das er uns gibt. — Was ist dir? Deine Hand zittert. Nicht wahr, meine Worte haben dich neu darin bestärkt, daß wir gemeinsam der höchsten Gabe bedürfen, die uns der Herr zurückgelassen hat?«

Anne-Dore nahm sich gewaltsam zusammen, sie sagte stockend und schwer, den Blick gesenkt und die Stirn von Traurigkeit gebeugt:

»Muß nicht ein jeder selbst wissen, Vater, wann es ihn treibt, zu gehn? Und wenn man zweifelt, ist es nicht besser, zu warten?«

»Nein, Kind, dann ist es Zeit zu eilen.«

Nun erst, da Anne-Dore auf ihrer Weigerung beharrte, empfand ihr Vater das ganze Gewicht seiner Betrübnis. Ihm vermischte sich, ohne daß er es wußte, seine Sorge um ihr irdisches Wohl mit der Furcht um ihr ewiges Heil. Nun war ihm, als sei auch ihr Leib in Gefahr, als gelte es nicht allein, ihre Seele zu retten. Eine jähe Angst befiel ihn und ein schmerzhaftes Gefühl seiner Ohnmacht. Er ließ ihre Hand fahren und schaute sie lange tieftraurig und voll Liebe an.

Als Anne-Dore ihre Blicke hob, sah sie in seinen Augen Tränen, die er zu verbergen trachtete. Sie liefen über seine Wangen in den grauen Bart und auf seine gefalteten Hände.

»Vater,« rief sie, sprang empor und legte ihre Arme um seinen Hals, »ich geh mit dir. Gewiß. Gewiß. Vergib mir, ich habe töricht gezweifelt. Ich weiß, daß keine Sünde zu groß ist, daß ich kommen darf, wie ich bin, daß er barmherzig ist, gut — daß er versteht — vergibt. — Vater, weine doch nicht.«

Sie trocknete ihm die Tränen mit ihrem Tuch und er ließ es geschehen, wie eine Wohltat, die er im Leben noch nie erfahren hatte. Und er sagte und wußte nicht, wie schön seine himmlische Sorge und Liebe in irdischem Licht erglänzte:

»Dich kann ich nicht verlieren, mein liebes Kind.«

Ich habe etwas gegen mein Gewissen getan, empfand Anne-Dore, als sie allein war. Nicht allein ihr Versprechen lag ihr im Sinn, sondern der Gedanke an ihren ohnmächtigen Widerwillen, als sie ihren Vater hatte weinen sehen. Sie erschrak vor der Erkenntnis, daß sie sich hätte abwenden können, von nichts erfaßt, als von einem Mitleid mit seiner Schwäche. Wo lagen die Gründe dafür, daß ihr das Ereignis im Grunde nur peinlich, und nichts als das, gewesen war? Sie fühlte klar und zuversichtlich, daß sie nichts mehr mit ihm und seiner Empfindungswelt zu schaffen hatte, daß sie im Grunde nie sein eigen gewesen war, und daß er sie ganz verloren hatte, wenn auch sein Sinn sich nun in neuer Gewißheit tröstete.

Wem gehören wir an in der Welt? dachte sie. Nur Oberflächliche suchen Halt und finden ihn im Glauben an Gemeinschaft. Jeder ist allein. Es stieg ihr bitter empor: die sich täuschen können, sind glücklich, die nicht beanspruchen, die sich begnügen, die wenig empfinden. Und sie dachte an Mark Enz, den sie mehr liebte als ihr Leben und als ihre Hoffnung, und nie hatte sie so schmerzhaft gewußt wie nun, daß auch er allein war, einsamer vielleicht, als ihr Herz bisher geahnt. Auch meine größte Liebe erhöht den Wert meiner Gaben nicht, die ich ihm darbringe, dachte sie bebend; über allen Wünschen, die uns unsere Liebe bringt, geht der Weg dahin, den Seelen zu ihrer seltenen Gemeinschaft finden. Nur Augenblicke gibt es, Augenblicke ... Sie preßte plötzlich in einem Aufwallen verwundeter Begierde und wie in einem wehen Drang nach Erkenntnis ihre Hände in den Schoß, brach nieder in ihre Knie und stammelte:

»Erlöse mich durch dein Blut von meinem, Herr Jesus.« —

Was war das für ein böses Gebet gewesen, das sie ausgestoßen hatte wie einen Schrei? Taumelnd erhob sie sich. Wie kam ich dazu, was trieb mich, was zerriß mich, welche Sehnsucht riß mich mit sich fort?

»Du bist allein, mein Liebster«, sagte sie leise. »Wer gibt dir deine Kraft? Du bist fröhlicher als die Menschen, die ich kenne, und trauriger, dein Herz führt dich Wege, die nicht einmal du selber kennst. Alles ist fremd an dir, alles liegt miteinander im Streit. Wohin gehst du? Sag es mir, denn ich möchte mit dir. Deine Reichtümer und deine Schulden sind zu schwer für meine Schultern, ich kann sie nicht ertragen. Was bist du für ein Mensch, daß ich dich immer und immer lieben muß und immer nur dich, und bin doch allein bei dir, wie du bei mir. Wenn ich dich betrachte in meinen armen Gedanken, verwirrt sich mein Sinn, aber wenn du zu mir sprichst, ist der Himmel weit und hell geöffnet, als gäbe es keinen Kampf, keinen Zweifel, keine Unrast, als gäbe es nur Harmonie und beständige Seligkeit. Warum hilfst du mir nicht? Ich kann dich nie verlieren, mein Geliebter.«

Sie erschrak. Solch letzte Worte hat auch ihr Vater gesprochen. Eben noch. — War es überall in der Welt dasselbe, sollte nichts gestillt, kein Glück vollkommen sein und keinem Drängen nach Gemeinschaft Erfüllung werden?

»Sprichst auch du solch schmerzhafte Worte, Liebster? Zu wem sprichst du sie?« fragte sie mit großen leeren Augen. »Nicht zu mir. Ach, sprächst du einmal so zu mir, littest du nur einmal um mich, ich würde dies Leid so überglücklich mit allem segnen, was ich habe, ich würde glauben, daß eine Gemeinschaft zwischen uns möglich ist, daß ich dich halten kann.«

»Leb wohl«, sagte sie plötzlich fest und seltsam feierlich. »Ich gehe. Weißt du, wohin ich gehe? Ich will für den da sein, der um mich leidet. Für meinen Vater. Wenigstens einmal noch, und für den anderen, der mich ruft und der auch um mich gelitten hat. Vergib mir, ich komme wieder. Du wirst fühlen, daß du mich nicht mehr heilen kannst. Aber ich gehe, denn ich habe keine Sünde begangen, die nicht vergeben werden könnte, und ich werde künftig keine Sünde mehr tun. Es wird mich niemand strafen für mein Leid um dich, mein Liebster.«


Die Abenddämmerung trug still und warm die Klänge der Kirchenglocken von St. Nikolai über die Stadt und das Land. Es waren die großen Glocken nicht, die riefen, sondern nur kleine, wie sie beim Tode Armer geläutet werden, oder an Sonntagen in der ersten Frühe. — Die Welt umher lebte noch in jenen seltsam wachen und doch verlorenen Lauten, die nach heißen Tagen aufsteigen, wie von der nahenden Kühle getragen. Kinderstimmen, ein langer, fremdartiger Ruf, der Schrei eines müden Lasttiers oder der dumpfe Fall eines schweren Tors. — Die Geräusche flogen alle gesondert auf, wie vereinsamt, sammelten sich nicht mehr wie am Tage zum Geräusch des Treibens der Menschen, sondern ermahnten zur Rast und waren, als ob sie dem sinkenden Licht nacheilen wollten.

In der Nikolaikirche brannten vereinzelte Gasflammen, bei der Orgel, über dem Gestühl des Chors, und den Hauptgang entlang, der zum Hochaltar führte. Nur die Sakristei war erleuchtet, immer drei und drei brannten die leise singenden Flammen. Schlichte, dünne Eisenarme reckten sich an plumpen Leuchtern empor. Am Hochaltar blinkte das Marmorkreuz und der Leib des gekreuzigten Heilands schimmerte leidensbleich über den Prunk der silbernen Geräte hin in das dämmerige Kirchenschiff hinein. Es war kaum noch ein schüchterner Schein vom Tag hinter den hohen bunten Scheiben zu erkennen.

Ebenmäßig, grau und gerade hoben sich die Säulen der Seitengänge empor in die Dämmernacht, die unter der gewölbten Decke herrschte. Die Kanzel ruhte leblos, nur der breite Goldschnitt der Bibel, die dort auf ihrem niedrigen Holzpult lag, blinkte.

Im verengten Kirchenschiff, vor dem Hochaltar, waren rechts und links zwei Stuhlreihen in breiten Kurven aufgestellt. Die ersten Abendmahlsgäste versammelten sich, langsam und schwarz schritten sie bedächtig und bedrückt an ihre Plätze, sie schienen den Widerhall ihrer Schritte zu fürchten, der hohl, laut und wie von weither aus den toten Räumen der Kirche zurückkam. Hoch auf der Galerie bei der Orgel versammelten sich die Chorknaben, das grelle Schurren eines Stuhls und polternde Laute verrieten sie, die Wände schienen das Echo verdoppelt und verschärft zurückzuwerfen, und jeder Laut erhöhte, lang ausgedehnt, die bedrückende Allmacht der feierlichen Stille.

Pastor Jacoby hatte dies Abendmahl angesagt. Die Plätze waren bald besetzt, zur Rechten und zur Linken des Altars zwei mattbewegte schwarze Reihen; es wurden noch Stühle für neue Gäste hinaufgebracht, die Kirchendiener gingen auf den Fußspitzen, mit ernsten und wichtigen Mienen taten sie ihre Pflicht und schienen zu eilen, wenn sie die Sakristei wieder verließen.

Anne-Dore und ihr Vater hatten mit Friedberg schon zu den ersten gehört, die angekommen waren. Das Gesicht des jungen Mädchens war von einer so unbewegten und starren Blässe, daß es auffiel, und manche Blicke besorgt und in bewundernder Andacht darauf ruhten. Friedberg glaubte nie in seinem Leben etwas so Schönes gesehen zu haben, wie diese ruhigen, klaren Züge, deren Linien, wie die Linien des Marmors, unbeweglich und doch lebensvoll erschienen und so von geheimer Trauer verklärt waren, daß es vielen erschien, als ob ihr eigenes Leid gering sei.

Der Kandidat hatte mit großer Spannung darauf gewartet, ob Anne-Dore an dieser Feier teilnehmen würde oder nicht. Nun war ihre stille Hingabe ihm eine Bestätigung seiner liebsten Hoffnung, die ihn mit Glück und neuer Zuversicht füllte. Nun wußte er wieder, welchem Herrn sie im Grunde allein diente, jenem Friedensfürsten, der auch sein Gott war, dem Heiland der Welt, der alle Schuld der Menschen trug. Ein heimlicher Triumph weitete ihm die Seele, durchwärmte seine Andacht bis zu überschwenglicher Hingabe an die Sache dessen, der den Sieg behalten hatte. O, er hätte auf sie zutreten und ihre Hand drücken mögen; wenn doch eine Kraft auf Erden wäre, die ihm ihr Herzeleid aufbürden könnte, gern wäre er zu jedem Opfer willig und zu jeder Tat der Bruderliebe bereit gewesen.

Wie still und kühl war ihr Gesicht, verborgen und scheu suchten seine Blicke darin zu lesen. Er sah ihre geneigte Stirn und ihre gesenkten Augen halb von der Seite. Unter der Krone des überreichen schweren Haars und über dem schwarzen Kleid hob es sich ab, beinahe leuchtend ... Hatte Mark Enz wohl jemals diesen Mund geküßt, diesen Mund, der nun, wie auch der seine, den Leidenskelch des Heilands an seinen Lippen spüren sollte? Nie, nie! Wie konnte es möglich sein. »Maria war nicht reiner als du«, sagte er mit unhörbarem Flüstern und seine Sinne versanken ihm in andächtiger Scheu. —

Hell in die große Stille des Wartens hinein, siegreich und klar, ein himmlischer Glanz, brach hoch wie vom Himmel her der Knabenchor ein. Eine göttliche Erlösung, rein in seiner seligen Feier, beschwingt und erhebend. Er trug die Herzen aus der schwülen Bedrückung ihrer irdischen Niedrigkeit in Gottes Huld empor:

»Aus tiefer Not schrei ich zu dir,
Herr Gott, erhör mein Rufen.«

Klein, vergänglich und arm war nun die Welt mit ihrer Trübsal; den Mühseligen stand der Himmel auf. In einer Gebärde unaussprechlicher Güte hob ein geliebter Engel den Kelch über alle Not, den Kelch, der das Blut des geschlachteten Lammes von Golgatha umschloß, die hohe Bürgschaft eines unvergänglichen Friedens.

Als Anne-Dore aufsah, stand Pastor Jacoby schwarz und stumm hart an der letzten oberen Stufe, die zum Altar führte. Sein schlichter Talar, der fast ganz ohne Falten bis auf seine Füße niedersank, machte seine Gestalt beinahe überschlank; vom gestickten Purpur der Altardecke hob sie sich ruhend und aufrecht ab, in diesem lieblosen Licht der Gasflammen, die den Schein der Altarkerzen verdrängten. Ihr Spiegelglanz warf sich vom Hochaltar auf die geneigten Gesichter der Andächtigen, überbleich erschienen sie, qualvoll entstellt, als wäre kein Opfer groß genug, um der himmlischen Gaben würdig zu werden, die sie erflehten.

Es war Anne-Dore, als sähe sie heute Pastor Jacoby nach langer Trennung zum erstenmal wieder. Unentwegt schaute sie ihn an, sie tauchte ihr Gesicht hinein in den Klang seiner Worte, als er nun sprach, in diesen Klang, der einst ihre Seele zu ihrer ersten Zuversicht erweckt hatte. Aber keine Erinnerung gewann Gestalt, ihre großen, ruhigen Augen suchten sein Gesicht, dies Angesicht, das sie einst bewundert und verehrt hatte, und das ihr nun so eigen vertraut erschien und doch so fern, so traurig weit entrückt, wie ihre versunkene Hoffnung.

Aber seine Stimme war ihr lieb. Unter diesem eindringlichen und traurig hellen Ton war ihr zumute, als schaute sie von einem heißen Weg, den ihr Fuß gehen mußte, zurück in das feierliche Tal ihrer Heimat, die sie verlassen hatte.

Aber zwischen heute und damals lag, wie ein einziges heißes, wildwogendes Chaos, die Zeit ihrer Kämpfe und ihres Wandels. Sie wußte darüber nichts mehr, es war, als ob die schwer geheilten Wunden ihre Seele unempfänglich gemacht hätten. Das alles konnte nie wieder kommen, o, es machte glücklich, das zu fühlen; welch böses Schicksal auch immer nahte, schlimmer konnte auf der Erde nichts mehr werden, als jene Zeit, in der zwei Mächte um sie gerungen hatten. Wie war es zuletzt gewesen? Als ob die Flügel ihrer Seele, die Jesu Blut verklärt hatte, in das rote warme Blut ihrer irdischen Liebesnot niedergetaucht wären.

Nun hörte sie wieder die feierlich flehende Stimme über sich:

»Denn der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm das Brot, dankte, brach's, und sprach: Nehmet, esset, das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird; solches tut zu meinem Gedächtnis. Desselbigen gleichen auch den Kelch nach dem Abendmahl, und sprach: Dieser Kelch ist das Neue Testament in meinem Blut; solches tut, so oft ihr's trinket, zu meinem Gedächtnis.«

Sie lauschte mit Anstrengung, kämpfte matt um den Sinn der Worte, lächelte dann fein und übermüde und schloß die Augen, während der Geistliche seine kurze, ernste Ansprache begann, nach welcher die heilige Handlung vollzogen werden sollte.

Die Kirche schien wie erstorben. Es war so still, daß die Stimme des Predigers wie in einem Grabgewölbe erscholl; nur wenn er die langen Pausen machte, die er liebte, hörte man das Singen der Gasflammen und leise und nah das Atmen seines Nachbarn.

Aus ihrer Erstarrung befreite sich Anne-Dores Sinn noch einmal unter dem Christuswort:

»Welcher nun unwürdig von diesem Brot isset, oder von dem Kelch des Herrn trinket, der ist schuldig an dem Leib und Blut des Herrn — — denn welcher unwürdig isset und trinket, der isset und trinket ihm selber das Gericht ... darum sind auch viel Kranke unter euch und ein guter Teil schlafen.«

»Isset und trinket, isset und trinket ...« klang es ihr nach, wie ein Echo, mit irgendeinem Lächeln, gütig, spöttisch, sehr traurig und wie durch ein Flimmern heißer Luft.

Dann war ihr plötzlich, als sähe sie Mark Enz langsam durch das dämmerige Kirchenschiff kommen. »Was willst du hier?« wollte sie fragen. Nein, er war es nicht. Doch — nun erkannte sie ihn deutlich, nun, da das Licht der Gasflammen ihn empfing und erst nur sein Gesicht, dann langsam seine Gestalt deutlich wurde. »Geh leise«, wollte sie rufen.

Plötzlich sprang er vor, nahm die Marmorstufen zur Sakristei mit einem Satz, vorgebeugt sprang er, die Arme ausgestreckt. Er ergriff die schwere, rote Altardecke mit sehniger Hand, schwang kreisend die Faust, so daß das dunkle Tuch, ein goldgestickter Schlangenleib, sich um seinen Arm wand, und riß den Purpur nieder, daß die heiligen Geräte mit Klingeln auf den Steinfliesen der Sakristei umhertanzten ...

Sie riß die Augen auf.

Die Stuhlreihe vor ihr war leer. Die ersten knieten schon am Altar, auf der niedrigen, gepolsterten Schemelbank, im Halbkreis, gebeugt, stumm, den Schein der Altarkerzen auf den Häuptern. Sie sah, wie Pastor Jacoby eine schlanke Silberkanne neigte und den Kelch mit Wein füllte. »Mit Blut«, dachte Anne-Dore. »Ihr alle dort seid würdig.«

Nun erhob sich ihr Vater. Allzubesorgt, die einfachen Regeln genau zu befolgen, schritt er langsam voran, hinter ihm Friedberg, und nun mußte auch sie aufstehn, um beiden zu folgen.

Friedberg ließ dem jungen Mädchen den Platz neben ihrem Vater, dann kniete er an ihrer Seite nieder, sie spürte seine Schulter an der ihren.

»Wie herzlich lieb hab ich dich gehabt, Herr Jesus«, dachte Anne-Dore. Sie sagte es flüsternd, mit kalten Lippen, neigte den Kopf und lauschte wie mit erstorbenen Sinnen, wartete in einer heißen, süßen Erregung, und war sich nicht klar darüber, worauf. Vielleicht war so der Augenblick, in dem man seinen Tod kommen fühlte. Eine geheime Gewalt begann plötzlich ihre Brust in weher Tiefe fein und grausam zu stoßen. Ihr war, als müßte sie ein aufsteigendes Lachen unterdrücken oder ein eigensinniges Weinen, das grundlos begann.

»Nehmet hin und esset«, hörte sie über sich. Sie sah, wie ihr Vater den Mund öffnete, wie eine welke, große Hand mit dicken Adern ihm eine weißliche Oblate zwischen die Lippen schob. Das war der alte Prediger Bunsen, der beim Abendmahl Hilfsdienste leistete. Dann kam er zu ihr und ihr geschah ein gleiches. — Oben sangen sie ohne Aufhör leise und fern, gedämpfte Stimmen, die wie aus dem Himmel herüberklangen und alles in Güte einhüllten.

Die Oblate blieb ihr am Gaumen kleben. Sie versuchte sie mit der Zunge zu lösen. Es ging nicht. Die alte zittrige Stimme und die unsichere Hand waren bei Friedberg.

Dann hörte sie zu ihrer Linken plötzlich die klaren Worte Pastor Jacobys:

»Nehmet hin und trinket alle daraus.« Oben setzte der Chor neu ein, schwermütig und klar.

Sie sah den silbernen Becher, eine Hand hielt den schlanken Stiel, die andere stützte den Kelch. Als er sich an den Mund ihres Vaters neigte, sah sie, daß er innen golden war. Er blinkte und blendete. Ihr Vater trank. Sein Gesicht war todtraurig und dabei ängstlich besorgt.

Nun stand Pastor Jacoby vor ihr.

»Dieser Kelch ist das Neue Testament in meinem Blut ...«

Der harte, blanke Rand neigte sich gegen ihren Mund. Als sie das kühle Metall spürte, preßte sie plötzlich beide Lippen fest zusammen, fest, und die Zähne auch. Es rann kalt über ihre beiden geschlossenen Lippen, über ihr Kinn ... War denn Mark Enz nicht da, um ihr zu helfen? Sie spitzte fein den Mund ... nun kamen seine Lippen — — — suchten die ihren ...

»Küß mich — — küß mich, Herzliebster!«

In einem wilden feinen Schauern fuhren plötzlich ihre beiden Arme empor. Mit lautem trillerndem Schrei sprang sie auf und zurück, taumelte zwei, drei Schritte rückwärts, so daß es aussah, als flatterte erschreckt und verstört ein riesiger schwarzer Vogel auf, todwund, mit letzter Flügelkraft. Dann sank sie gerade, beinahe steif, hinten herüber und schlug mit einem dumpfen Knall auf die Steinfliesen. Die Kirche hallte noch wider von ihrem hellen Schrei und nun warfen die hohen Hallen einander dunkel das neue Echo zu. Dann wurde es langsam still, als habe der Tod es geboten.

Wie schön das war: gefaßt und ruhig stellte der junge Prediger den Kelch auf den Altar, raffte mit beherrschter Hand den langen schwarzen Talar, schritt die niedrige Steinstufe nieder und hob Anne-Dore in seine Arme. Schwer und mühsam trug er sie ohne ein Wort langsam in das kleine Kämmerchen hinter dem Altar.

Das Entsetzen der Abendmahlsgäste hatte sich in eine sinnlose Verwirrung aufgelöst. Der alte Pastor Bunsen rang ratlos die Hände und hob sie zum Kruzifix empor. Die Kirchendiener waren herangestolpert, aus den Gruppen der versprengten Andächtigen klang hier und da ein krampfhaftes bitterliches Schluchzen. Friedberg stützte mühsam den völlig fassungslosen alten Herrn Wendel, der kläglich entstellt und mit tastenden Armen hinter den Altar wankte.

Pastor Jacoby schickte den Kandidaten nach einem Wagen, er selber schritt nach kurzen Worten der Beruhigung an den Vater zurück zu der wartenden Schar. Er bat sie leise und traurig gefaßt, mit ihm zu beten. Die meisten knieten nieder, mehr aus Ergriffenheit und Schwäche als aus Andacht. Er entließ sie mit dem apostolischen Segen. Und während die Worte seines flehenden und doch zuversichtlichen Gebets die Herzen notdürftig beschwichtigten, kniete Missionar Wendel mit tränenlosem Schluchzen neben seinem Kind, völlig verstört, ohne einen einzigen Gedanken fassen zu können, nur immer wieder stammelnd:

»Stirb nicht, mein Kind! Gott, Gott im Himmel, hilf meinem Kind ...«

Anne-Dore lag bleich und gerade auf den Steinfliesen der kleinen Kammer, in der unsicher eine schaukelnde Gasflamme, durch leisen Zugwind bewegt, lautlose Schatten warf. Das Mädchen sah aus, als ruhte sie im Tode. Um ihren leicht geöffneten Mund war ein Lächeln von einer grauenhaften Seligkeit, süß und traurig, wie aus einem Bereich des Glücks und der Pein, das die Erde nicht kennt.

Unter ihren Kopf hatten sie ein Bündel silbergestickter Altarbezüge geschoben, über deren matten Glanz ihr schwarzes Haar halb gelöst dahinfloß, ein dunkler, ruhender Strom.

Als Pastor Jacoby zurückkam, richtete er den zitternden alten Mann fest und liebevoll auf, schob ihm einen Stuhl unter die bebenden Knie und tröstete ihn. Es sei nichts Ungewöhnliches, nur eine Ohnmacht, von der sie bald genesen würde.

»Aber man schreit doch nicht, wenn man in eine Ohnmacht sinkt«, sagte Missionar Wendel stotternd und rauh, häßlich im Gesicht vor Angst. »Helfen Sie doch, beten Sie ... ich bitte Sie so sehr ich kann, Sie haben doch gewiß Einfluß droben beim Herrn ...«

Er wußte nicht mehr, was er sagte. Er rutschte wieder von seinem Stuhl, kroch auf den Knien bis zu Anne-Dore heran und stöhnte in seine Hände:

»Ich trage alle Schuld, ich, allein ich.«

Friedbergs derbe Schritte klangen. Als er Anne-Dore sah, prallte er zurück.

»Tot?« keuchte er schaukelnd.

Pastor Jacoby beruhigte ihn. Die Kirchendiener brachten Tücher und einen Mantel, aus zwei langen Fußbänken hatten sie eine Tragbahre hergestellt. Draußen wartete der Wagen.


Dreizehntes Kapitel.

Am andern Morgen in aller Frühe eilte der Kandidat Friedberg ruhlos und immer noch verstört und mit völlig ungeordneten Gedanken über den Berg in die Stadt, um Sanitätsrat Claußen aufzusuchen. Die steile vornehme Villenstraße, die von der Berghöhe in die städtischen Anlagen niederführte, legte er laufend zurück. War es auch sicher nicht so über alles eilig, so betäubte diese Anstrengung doch die bohrenden Gedanken, in die kein klärendes Licht fallen wollte. Er rannte an den Gittern der kleinen wohlgepflegten Vorgärten vorbei, sah die Rosen im Morgentau stehn, in diesem halben Frühsonnenschein und in dieser wartenden Stille. Unten wurde die Straße gesprengt, es roch nach Staub und schwüler Feuchtigkeit und es erschien ihm, als würden vergessene Dinge des alten Tages neu aufgestört.

Alle Beklemmung nach einer schlaflosen Nacht, die frostige Öde hinter der Stirn und die ruckweise Fahrlässigkeit seiner Schlüsse beherrschten ihn wie ein schales Fieber.

Was war das für eine böse Nacht, die zurücklag, er entsann sich kaum einer schlimmeren in seinem Leben. Gerade schienen alle ein wenig ruhiger geworden zu sein, man war still zu Bett gegangen, wie auch Anne-Dore, die wohl noch blaß und seltsam abwesend gewesen war, aber man hatte doch wieder ein Lächeln gewagt, mit ein wenig Trost im Herzen. Da hatte es gegen zwei Uhr begonnen. Türen schlugen, Lotte lief treppauf, treppab, und die Stimme Missionar Wendels klang gedämpft und erregt. Friedberg hatte sich geängstigt und sich langsam angekleidet, aber doch keine Einmischung gewagt. Erst gegen Morgen wurde an seine Tür geklopft. Er möchte doch gleich aufstehn und zum Arzt eilen. Anne-Dore läge im Fieber.

Es war Herr Wendel, der ihn bat. Er schien kaum überrascht, den Kandidaten schon in den Kleidern zu finden.

»Lotte hat Kaffee gemacht, trinken Sie bitte erst einen Schluck, ehe Sie gehn«, sagte er zu dem jungen Mann. Draußen wurde es hell.

Er schritt hinter ihm her die Treppe hinunter, und unten hatte er sein Angebot schon vergessen. Er hakte dem Kandidaten den Mantel vom Ständer, den jener ablehnte und wieder forthing, gab ihm seinen Hut und schloß mit zitternden Händen die Haustür auf. Aber dann hielt er ihn noch einmal fest und beschrieb ihm umständlich die Lage des ärztlichen Hauses. Übrigens könne er ja auch fragen, es seien sicher schon Leute auf, Straßenkehrer oder Bäckerjungen. Claußen hieße er, Sanitätsrat Claußen.

Friedberg fragte:

»Ist das Fieber arg?«

»Ich habe plötzlich nachts ihre Stimme gehört, dann hab ich an der Tür gelauscht und endlich bin ich hineingegangen. Sie gab mir keine klaren Antworten. Wäre nur die Mutter da ...«

Er schwieg einen Augenblick und schien mit sich zu kämpfen:

»Herr Friedberg, wer ist denn Mark Enz?«

»Mein Gott ...« sagte der Kandidat.

»Erschrecken Sie? Warum erschrecken Sie? Bitte, unterrichten Sie mich doch. Ist es nicht der junge Mann, von dem einmal bei Tisch die Rede war?«

»Ja, ich glaube,« stotterte Friedberg und eh eine neue Frage kam, fügte er rasch hinzu:

»Sie kann ihn doch nur flüchtig kennen, glaube ich, hoffe ich ... ein Tennisball flog in unsern Garten ...«

Missionar Wendel schien beschwichtigt.

»Gleichgültige Dinge gewinnen oft im Fieber ein merkwürdiges Gewicht,« meinte er erklärend und zur eigenen Beruhigung. Er schien seine Frage zu bereun und doch um Mut zu einer neuen zu ringen. Aber dann sagte er nur noch abbrechend:

»Nun gehn Sie, bitte, gehn Sie gleich.« —

Am Eingang zu den städtischen Anlagen, die er nun durchqueren mußte, hielt Friedberg einen Augenblick inne und schöpfte Atem. Die bestaubten Blätter der Büsche am Straßenrand hingen ermüdet und mattfarbig nieder. Die bunten Zierbeete auf den wohlgepflegten Rasenplätzen sahen unecht und albern aus in diesem einsamen Morgenwind. Auf einer Bank unter Fliederbüschen schlief ein Arbeiter, seine Stiefel waren zerrissen und sein Hut lag am Boden. Friedberg entdeckte darüber plötzlich, daß er wieder seinen guten Anzug angezogen hatte, den langen schwarzen Rock von der gestrigen Feier und die Manschetten und den schwarzen Bindeschlips ... Es war Sommer. Eventuell konnte man draußen schlafen. Es war nachts nur kurze Zeit dunkel. Wie schön war es im Sommer ... Man wird denken, ich käme erst jetzt von einer Festlichkeit heim, ging ihm durch den Kopf. Ein Gefühl der Scham ließ ihn sich umschauen, aber dann verwarf er seine Befürchtungen unwirsch.

»Daran denke ich nun, wo so wichtige Dinge vorgehen sollten,« schalt er sich.

Wäre nur jener Name nicht gefallen, eben, als er fortgeeilt war. Dieser Name, den er angstvoll in den schlaflosen Stunden dieser Nacht mit den schaurigen Vorfällen in Zusammenhang gebracht hatte, die gestern geschehn waren.

»O dich kenn ich!« rief er grimmig und ballte die Fäuste. »Aber auch meine Stunde kommt. Wehe dir! Wehe dir!« Er glaubte seiner Drohung alle Macht, verschärfte sie böse und vergaß Anne-Dore fast völlig im Rausch seines Zorns. Aber alle heimlichen Schmähungen, die er aneinanderreihte, verwarf er, lenkte ein, verdoppelte sie wieder hämisch und suchte alle seine Erlebnisse mit Mark Enz herbei, um sie zu belegen. Aber schließlich stand er im heißen Widerstreit seiner Erkenntnisse vor einem bösen Nichts. Er blieb stehn und sagte laut:

»Das ist es alles nicht. Anne-Dore hat dich lieb. Wer bist du?«

Und unter dieser heißen Gewißheit, die wie eine unerkennbare, schleppende Krankheit schmerzte, sah er plötzlich das verhaßte Angesicht in einen Schein von Hoheit gelegt, in einer heldenhaften Feier über sein eigenes, armes Vermögen erhoben, und aller Liebe würdig. — Sein Haß schien ihn zu necken, aber er erlag dieser neuen Regung, sah sich selber traurig und arm, weit abgestellt, ein verschmähter Diener.

Doch, doch, das mußte jeder Neid dem andern lassen, er war stark, selbständig und eigenwillig. Was er wollte, erreichte er. Aber unwürdig war er doch, ein schlechter Sachwalter seiner Gaben, deren Reichtum er nicht verdiente, ein lässiger Verweser der Geschenke, mit denen ein unvernünftiges Schicksal ihn betraut hatte. Er hielt nichts auf sich, das war es. Und Friedberg wußte, beinahe beruhigt, eine Reihe von Ereignissen, die ihm seine Erkenntnis bekräftigten. Und keinen Stolz hat er, das soll man nicht vergessen. Wer etwas auf sich hält, kann sich nicht so rasch herbeilassen, folgt nicht so unbedacht jeder Regung des Herzens.

Und Friedberg langte eigen erhoben und neu gefestigt am Hause des Arztes an: er hält nichts auf sich. Er ist keiner Liebe wert. Ein reiches und großes Herz beugt sich dankbar unter die Gunst des Lebens und kann Empfangenes bewahren und achten.

Stärker als je wuchs der Wille in ihm empor, all seine Kräfte einzig in den Dienst nur einer Sache zu stellen: Anne-Dore aus diesen unwürdigen Händen zu reißen. Noch erschien es ihm nicht zu spät, und ein neues Geschick schien sich ihm grausam und doch liebevoll zu verbinden. — Aber seltsam gelassen schaute es ihn aus den Drohungen heraus an, die die bösen Begebenheiten enthielten, mit kalten, hellen Augen, die hart lächelten und verschwiegen triumphierten. Es kommt alles anders, wußte er plötzlich in einem Gefühl widerwärtiger und ruchloser Begierde, die die Zähne aufeinanderpressen ließ und das Blut peinvoll fühlbar machte, giftig und süß. —


Herr Sanitätsrat Claußen folgte dem Ruf erst gegen zehn Uhr am Vormittag. Das Vorfahren seines Wagens wirkte wie eine Lösung auf alle Wartenden. Lotte war inzwischen noch einmal geschickt worden, kehrte aber unverrichteter Sache heim, da der Arzt seine Wohnung schon verlassen hatte. Nun mußte man sich gedulden. Herr Missionar Wendel hatte still und eifrig mit kalten Umschlägen die heiße Stirn seiner Tochter gekühlt, ihre Hände gehalten, die sich nicht wehrten, und flehende Gebete vor den Thron seines Gottes geschickt, dessen Walten ihm in diesen unverständlichen Vorfällen unergründbar erschien.

Als der Wagen vor dem Garten hielt, eilte Herr Wendel selbst an die Haustür, um zu öffnen. Und nun, da der Arzt ohne viel Fragen, in einschüchternder Sachlichkeit und scheinbar grausam anteillos sich in Anne-Dores Zimmer hatte führen lassen, schritt er stumm, mit geneigtem Kopf und ruhlos besorgt in seinem kleinen Garten auf und ab.

Die Luft wartete auf Regen, es war nicht warm und nicht kalt und kein Wind bewegte die Zweige der Bäume, an denen die Früchte zu reifen begannen und die mit dem Land auf Regen zu hoffen schienen, geduldig und gut. Die Rosen neigten sich an ihren hohen, wohlgepflegten Stöcken, senkten die vollen Kelche und trugen Tautropfen, die kühl vom Wind der hellen Nacht waren.

Wie quälte die stille Geduld der Pflanzen und das graue Zögern des Himmels. Es überredete die Seele, aber vergeblich erhoben die großen Mahnungen der heilenden Natur sich vor der Qual dieses zitternden Herzens. Der alte Mann starrte mit schmerzvollem Gesicht in den Morgen hinaus. — Ein großäugiger Engel schien zögernd in den Frieden seines Heimes eingekehrt, herrschsüchtig und still. Er verriet der fragenden Seele nicht, ob sein Wesen Huld oder Strenge, Licht oder Finsternis barg, wie ein schweigender Bote eines nahenden Schicksals, der wider Willen verkündete, wer ihn gesandt hatte. Seine lautlose Gegenwart erinnerte das schwache Herz jählings daran, daß die Welt keine Zuflucht bietet, wenn ein Leid hereinbricht, und daß keine Macht im Himmel und auf der Erde den dunklen Zug der Schmerzen hindern kann, die die Seele eines Menschen erwählt haben.

Lange nach allen Ereignissen, spät und im Schatten seines Lebensabends, gedachte Herr Wendel dieser Stunden und alles Kommenden, in jener bösen und beinahe unversöhnbaren Deutlichkeit, die die einzigen und schwersten Ereignisse des ganzen Lebens behalten können. Und immer blieb in der Erinnerung etwas von jenem Schwindel, in die grausame und harte Schicksale ein Herz bringen können. Alle wilde Klarheit, die diese Geschehnisse aus der Welt seiner Vorstellungen und Erlebnisse rückte, ließ doch die seltsam bedrückende Angst im Herzen zurück, als wären seine Augen verbunden gewesen und als hätten die Sinne in einem schrecklichen, wachen Schlaf gelegen. Wie demütigte diese Huld einer fremden Güte tief, die mit den Menschen umging, als seien sie törichte Kinder, und die sie zugleich bewahrte, als seien sie törichte Kinder. —

»Mach mein Herz demütig«, betete er im stillen, als er ins Wohnzimmer eintrat, in das der Arzt ihn nun hatte bitten lassen, und in dem er erfahren sollte, wie es um sein Glück stand und um alle Freude seines Lebens.

Das Gesicht, in das er forschend schaute, verriet ihm nichts. Der Herr Sanitätsrat rückte ihm einen Stuhl hin. Es war ganz augenscheinlich, er kokettierte ein wenig mit der Macht, die ihm für kurz die Umstände einräumten, dieser Herr, der sich in seiner Gelassenheit wichtig fühlte und gefiel, und dem die bangende Hoffnung schmeichelte, die jetzt von seinem Ausspruch ihr Heil oder ihren Untergang erwartete.

Er wies Herrn Wendel mit sehr beherrschter und höflicher Gebärde auf den Stuhl, auf den jener sich sinken ließ, ohne recht zu wissen, daß er es tat, und immer die Blicke im Gesicht des andern. Seine hastige Frage schien jener zu überhören, er ordnete irgendein blinkendes, fremdartiges Instrument in ein Taschenetui ein und sagte:

»Sprechen wir mit viel Ruhe miteinander, lieber Herr Missionar, das ist in jedem ernsten Fall das erste Gebot Einsichtiger, die helfen möchten.«

Herr Wendel stand auf:

»Sagen Sie mir, ob meine Tochter in Gefahr ist oder nicht.«

»Bitte, beruhigen Sie sich. Ich müßte Ihnen die bedeutsamsten Einzelheiten vorenthalten, wenn ich Ihrer Gelassenheit kein Vertrauen schenken dürfte. Und in diesem Fall hängt viel von einer sachkundigen und besonnenen Behandlung ab. Zunächst bedarf es der Pflege einer geschulten Kraft, ich lasse Ihnen noch heute mittag eine barmherzige Schwester aus dem Ursula-Spital senden, unter den protestantischen Schwestern wird kaum eine abkömmlich sein. Es wird Ihnen nichts ausmachen, denke ich ...«

Er kritzelte, kurzsichtig vorgeneigt, auf seinem Rezeptblock. Eigentlich war genug gesagt. Herr Wendel zitterte so heftig, daß er nicht sprechen konnte, seine Hände flogen. Er preßte sie auf die Knie und wartete in heißer Angst.

»Der junge Herr, den Sie im Hause haben, hat mich über die Geschehnisse in Kenntnis gesetzt, die zurückliegen, und denen wir diesen bösen Fall verdanken. Es liegt eine so schwere Gehirnerschütterung zugrunde, daß beim Stand des heutigen Fiebers wohl kaum so bald auf eine Wiederkehr des Bewußtseins gerechnet werden kann.«

»Lieber, lieber Gott«, stöhnte Herr Wendel auf.

»Es liegt kein Grund vor, alle Hoffnung fahren zu lassen, aber ich halte es für meine Pflicht, Sie zu unterrichten. Wir Ärzte machen in der Regel die übelsten Erfahrungen mit jedem falschen Trost, den wir gewähren ...«

Herr Wendel war aufgesprungen und taumelte im Zimmer umher, so daß der Arzt ihn stützen mußte, beinah erstaunt über soviel Mangel an Selbstbeherrschung, wo es doch galt, die Kräfte für ernste Hilfsbereitschaft zu sparen.

»Es ist nicht dies allein«, sagte er nachdenklich und scheinbar unentschlossen, während er, die Hände auf dem Rücken und die Stirn in strenge Falten gelegt, im Zimmer auf und ab schritt, immer an Herrn Wendel vorbei, der schwer und wie gebrochen, wortlos auf seinen Stuhl gesunken war. Nun war er auf dem Fußboden und man hörte seine wichtig knarrenden Stiefel, nun dämpfte der Teppich seinen Schritt. Nun war es umgekehrt.

»Sie peinigen mich«, sagte Herr Wendel leise. »Bitte, sprechen Sie ausführlich, sagen Sie mir alles, ich muß es ja tragen, wie es nun kommen soll.«

Er fuhr mit den Händen durch seinen grauen Bart, rang mühsam um Fassung und suchte sich den Anschein zu geben, als sei er wohl beherrscht und stark. Aber seine Gebärden waren beinahe drollig in ihrer Hilflosigkeit. Niemand führte sie und niemand verstand, was sie bekundeten.

»Es kommt noch etwas hinzu,« fuhr der Arzt in einem Tone fort, der nicht an die Bitte des andern anschloß, sondern nur seine Nachdenklichkeit verriet und sein Bewußtsein für den Ernst seines Berufs, »es kommt zu ungeeigneter Zeit und ist ein böses Zusammentreffen. Aber darüber spreche ich wohl besser mit der Mutter.«

Herr Wendel hob den Kopf.

»Meine Frau ist verreist .. sagen Sie es zu mir.«

»Sie wollen, daß ich es Ihnen sage? — Nun, es ist wohl auch meine Schuldigkeit: Ihre Tochter ist im dritten Monat schwanger.«

Er bereute es sofort, der Sanitätsrat, eigentlich schon, bevor er ausgeredet hatte. Man hätte, so gefahrvoll die Dinge nun einmal lagen, auch warten können. Aber nun war es mitgeteilt, nun mußte es ertragen werden.

»Was?« fragte der Mann vor ihm mit einem so trostlosen Ausdruck von Schreck und Angst in den Augen, daß der Arzt um seinen Verstand zu fürchten begann. Und noch einmal: »Was?« Aber er hatte verstanden.

Er erhob sich schaukelnd mit einem beinahe kindischen Lachen, winkte mit der Hand hoch in die Luft, als gäbe er jemanden den Rat, sich fern zu halten, und stotterte:

»Sie irren sich, mein Herr! Ärzte irren zuweilen ... es ist vorgekommen, daß Ärzte Irrtümer begangen haben. Was Sie sagen, ist ganz unmöglich, merken Sie es sich ...«

Aber er wußte schon selber, daß hier eine Wahrheit ausgesprochen worden war. Er wußte es plötzlich mit dem klaren Instinkt eines Liebenden, der lange in qualvollen Zweifeln gelitten hat, und der nun die furchtbare Wahrheit glauben muß, weil er mit allem Schmerz zugleich auch ihr Erlösendes fühlt, ihre befreiende Kraft von der schweren Finsternis einsamer Zweifel. Aber dann übermannte ihn doch jählings die ganze Bitternis dieser schrecklichen Wirklichkeit; mit trockenem, ruckweisem Schluchzen trat er vor, seine schwachen, zitternden Fäuste geballt, und blieb so vor dem Arzt stehn und mit bebenden Lippen schrie er lallend:

»Warum — haben Sie mir — das gesagt? — Nein, nein, nein, das durften Sie mir nicht sagen, das nicht. O später — wenn wir einmal vor Gott stehn, vor dem Thron Gottes, wir beide, dann sollen Sie mir Rede stehn, warum Sie mir das gesagt haben ...«

Die Ergriffenheit und die Verlegenheit des Arztes schlugen in Zorn um, weil er merkte, daß er nicht mehr gutmachen konnte, was er voreilig angerichtet hatte. Wie kam man ihm hier aber auch entgegen, ihm, dem Sanitätsrat Claußen! Ich bin ein Opfer meines schweren Berufs, dachte er und schritt aufgeregt im Zimmer umher. Hatte er etwa seine Pflicht vernachlässigt?

Erst als er sah, daß Herr Wendel still und gebrochen in seine Hände weinte, ohne den alten, drohenden Zorn und ohne Anklage, gewann er seine gelassene Ruhe wieder, versuchte zu trösten und zu erklären. Es wäre nun einmal so in der argen Welt und die Jungen machten es nicht besser, als früher die Alten es gemacht hätten. Aber alles sei menschlich und sähe sich nur anfangs so schlimm an. Ach, er glaube ja gar nicht, an wie vielerlei die Menschen sich gewöhnen könnten.

Nein, gegen dies ratlose Weinen kam niemand an. So gab denn der Arzt Herrn Friedberg und dem Dienstmädchen die nötigsten Anweisungen, versprach, die barmherzige Schwester selbst sofort zu bestellen und zu unterweisen, und sagte seinen erneuten Besuch für den Abend zu.


Vierzehntes Kapitel.

Dann kam jener klare kühle Sommermorgen, der strahlend und hell über Hildenrot heraufzog, den Mark Enz wie einen Blitz erkannte, als er jählings erwachte. Farbenreich, grün, rot und hoch und jubelnd vor Frische, eingetaucht in die blausilberne Seide der sinkenden Dämmerung, lag vor seinen weit offenen Fenstern die Welt.

Aber was war es, das ihn so wild emporgerissen hatte? Nun wieder: ein dumpfes Poltern, dann rief eine Stimme rauh, häßlich und heiser seinen Namen. Es wurde roh und stürmisch an seine Tür geschlagen, und als er emporsprang und sie aufriß, schaukelte derb und schwarz der Kandidat Friedberg ins Zimmer, rang mit lautem Keuchen nach Atem, fuchtelte mit den Armen durch die Luft und wies hinter sich:

»Anne-Dore stirbt!« schrie er.

Und nun half er Mark Enz beim Ankleiden, überhastig und völlig verstört, eher hinderlich als fördernd. Er trug ihm die Stiefel herbei und suchte seinen Rock, gab ihm den Hut und zog ihn förmlich mit sich heraus.

»Du mußt kommen, rasch, rasch! Sie will es«, keuchte er, als sie über die Waldwege liefen. »Sie hat mich gebeten, mich hat sie gebeten, dich zu holen. Ich habe es getan, nun .. das siehst du ja —. Aber bitte, versteh mich .... nur rasch, rasch!«

Er war völlig erschöpft und wie von Sinnen.

»Warum bist du nicht eher gekommen?« fragte Enzheim.

Da brach Friedberg mitten auf dem Wege zusammen und stöhnte wild. Er umklammerte die Knie des andern, der ihn aufrichten wollte, und wand sich wie ein Besessener.

»Vergib mir!« schrie er, »vergib! Auch dir wird man vergeben müssen, auch dir. Sei barmherzig, ich habe nicht gekonnt. Ich habe geglaubt, es meinem Gott schuldig zu sein, daß ich dich fernhielt. Ich weiß alles ... man hat mich beschuldigt, daher weiß ich, daß du ..., daß Anne-Dore Mutter wird. Höre mich zu Ende: Ich habe geschwiegen — sie — hat mich — schon vor — drei Tagen gebeten, auch nachts, dich zu holen, aber ich habe — sie belogen.«

Mark Enz wurde totenblaß. Er riß die Hände des Wimmernden von seinem Körper und sprang zurück, als fürchte er, sich an ihm zu vergreifen.

»Dein Gott mag dein Richter sein,« stotterte er in einem Grauen, das ihn schmerzte. Dann wandte er sich ab, kurz, hart, die Schultern flogen, und stürmte den Waldweg hinunter, wie auf der Jagd um sein Leben. —

Der unschuldige Wald ward wieder morgendlich still und voll heimlicher Feier, als habe er alles wohl vergessen, was Menschen in ihn hineingetragen. Helle Vogelstimmen in kurzen jubilierenden Lauten, die kein Lied mehr wurden, tönten aus dem niedrigen Buschwerk und hoch aus den feinbewegten Kronen. Langsam stieg die goldene Sonne höher, ihr Licht wurde weißer und alles verhieß einen langen, heißen Tag. — Quer über den schmalen, grauen Fußweg, das Gesicht und die Hände im Laub, lag dunkel und schwer ein großer junger Mensch, schwarz und still, als sei er tot. Nur die stoßende Brust verriet sein Leben, und ein wenig weiter, auf Missionar Wendels Landhaus zu, lag am Wegrand ein Hut im Gras.

Alle im Hause Wendel schienen vorbereitet, als nun Mark Enz es betrat. Er begegnete niemandem, als dem Dienstmädchen, das ihm weinend und stumm den Weg wies. Im Halbdunkel des Schlafzimmers sah er, wie schwarz, mit einer schimmernden weißen Haube, eine Krankenschwester sich wortlos erhob, dann Anne-Dore vorsichtig und schonend etwas zuflüsterte, die Tür hinter ihm zuzog und ihn mit dem Mädchen allein ließ. Auch die Schwester schien eingeweiht und mit den andern dem Schicksal ergeben, das dieser Mann über dies Haus heraufbeschworen hatte. Ja, sie war es gewesen, die Missionar Wendel überredet hatte, seinem sterbenskranken Kinde den Willen zu tun. Sie, die an manchem Bett gesessen, dessen Leidende sich ihr vertraut, sagte schluchzend zu dem alten Mann: »Sie versündigen sich, wenn Sie Ihrem Kinde nicht diesen Wunsch erfüllen, den letzten vielleicht. Sie bittet nicht mehr, das ist das Schreckliche. Aber ihre Augen, ihr Herz, ihre Hände — — Gott, es ist wahrhaftig so, als bluteten sie vor Verlangen.«

Da hatte Herr Wendel genickt, mit einem Gesicht, als sei ihm für immer seine Welt in einer neuen fremden versunken, in der sich sein Kopf nicht mehr zurechtfinden konnte, und noch weniger sein verarmtes Herz. —

Mark Enz hörte seinen Namen, ein Stöhnen, das ihn bedeuten sollte. Schmal und weiß tauchten zwei fiebernde Arme aus dem Dämmern empor und suchten ihn. Er beugte sich unter ihrem matten Liebesgruß und kniete an ihrem Bett.

»Mark, Mark, muß ich sterben?« stöhnte sie in sein Haar.

Durch ihr loses Hemd, über Schultern und Brust hin, hatte er flüchtig ihren Körper gesehn, schnell und mit jähem, furchtbarem Erschrecken. War es möglich, daß in so kurzer Zeit ein Mensch so völlig verändert werden konnte?

In einem Taumel von namenloser Wut und kaltem Entsetzen fühlte er: so kommt der Tod. Nicht wie die jugendlichen Träume unserer Kraft ihn sehn, sondern so, schleichend, allgewaltig, gemein, lieblos. Er konnte seine Opfer klein und erbärmlich machen, bevor er sie in seine ewige Nacht dahinraffte. Er entkleidete sie ihrer Schönheit und Wärme, erbarmungslos zerstörte sein Odem den jugendtrunkenen Glauben an Hoheit und fromme Hingabe an sein Friedensreich.

Mark Enz kämpfte einen harten Kampf gegen sein Mitleid, das stärker zu werden drohte, als jedes andere Gefühl. Es war ein Mitleid, in dem er seine ganze Ohnmacht erkannte, seine Todesangst vor der Macht, die hier wirkte und seinen Haß gegen sie. Erst als sie sprach, war er befreit, denn ihre Stimme war ganz die gleiche geblieben wie früher, nur erreichte sie ihn langsamer und trauriger, aber sie gehörte doch noch dem Leben an, auch seinem Leben, ihr Klang war Hoffnung, und wenn auch nur ein matter Abglanz.

Er hatte ihr nicht geantwortet. Da sagte sie deutlich und leise mit schwerfälligen Lippen:

»Wer bist du, ich kenn dich nicht, Mark. Was hast du von mir gewollt und was hast du aus mir gemacht? Ich habe geglaubt, ich sollte alles finden. Was nur? Mark, sag es. — Willst du es mir nicht sagen? Warst du auch betört wie ich, und hast mich in deine Torheit gezogen? — Sieh, es ist alles halb geblieben und ich bin verloren. Weil du bist, weil du lebst und führst, einhergehst, darum kann ich nicht mehr umkehren. Oft möchte ich, aber ich muß immer auf dich schauen. Warum bist du nicht gekommen? Es ist schon so spät ...«

Er besann sich und faßte sich:

»Hat es dir Friedberg nicht gesagt, mein Liebling?«

»Ja, er hat gesagt, du seist fortgereist.«

»So war es«, antwortete er bebend. »Ich mußte reisen.«

Sie lächelte flüchtig, ein wenig in Gedanken an Friedberg und auch, weil sie von ihrer Furcht befreit war, Mark hätte nicht kommen wollen.

Aber dann sagte sie ernst, ganz versunken in ihre schwermütige Traurigkeit:

»O, du bist nicht groß und stark, wie ich geglaubt habe, du bist haltlos und schwach. An dir ist alles halb, alles wankelmütig, und dein Herz ist ohne Hingabe. Warum hast du mich auf deinen bösen Weg gelockt, der kein Ziel hat? Wohin gehst du? Mein Weg war vielleicht leer und arm — du weißt es nicht, nur ich weiß, wie er war, er war einfach und führte zu meiner Ruhe, er ließ mir mein Wesen und ich wäre vielleicht glücklich erwacht. Du bist fremd ...«

Er richtete sich auf, hielt sie mühsam und sah sie an. Sie beugte sich immer noch gegen ihn, stützte sich schwach und hinfällig an seiner gebeugten Schulter, kniend in ihrem Bett. Es sah aus, als versänke sie weiß und erstorben, wenn nicht ihre beiden kraftlosen Arme, deren Hände sich in seinem Nacken falteten, an seinem Hals Halt gefunden hätten.

Ganz nah vor seinem Gesicht flüsterte sie fort:

»Wenn du mein eigen geworden wärst ... aber du hast mir niemals gehört.«

Sie sah sein Gesicht und in gequälter Hast fuhr sie fort:

»Glaube nicht, ich hätte dich nicht lieb gehabt, Mark. O, ich will dir ja nichts nehmen, du sollst alles behalten. Aber bitte, sag es mir doch heute, nun wird es dir ja nicht mehr Schaden tun: du hast mich nicht sehr lieb gehabt, nicht wahr? Nur ein wenig ...«

Er sah sie an, ohne zu antworten. Die tiefe Trauer in seinem Gesicht schien befleckt wie durch Gedanken. Es war, als könnte er sich auch seinem Schmerz nicht hingeben.

»Muß es denn so unter den Menschen sein, so, und nicht anders?« fragte sie wieder sehr leise. »Ist es nicht möglich auf der Erde, daß durch Liebe Kräfte erstehn, die unsere Armut zu Vollkommenem ergänzen? Daß alles gut ist und die Sehnsucht still wird, daß sie Flügel hat und ihren Weg weiß ...«

Da hörte sie ihn qualvoll aufschluchzen, als würde seine Brust in einer Demut gebeugt, der sie trotzte. Er schlug seine Hände vor das blasse Gesicht und weinte, weinte laut und haltlos und ungestüm, wie ein verstörtes Kind.

»O, o,« rief sie zitternd, »doch, doch?« Sie richtete sich mühevoll auf, aber ganz hell im Gesicht vor Seligkeit und wie von geheiltem Gram. Sie nahm seine Hände von den Augen, zog sie nieder, und küßte die ersten Tränen, die sie je bei ihm gesehn, von seinem Gesicht, mit den letzten Küssen, die sie geben sollte.

Da hob er sie auf und bettete sie stark und gefaßt in ihre Decken, ruhig und so liebevoll, wie nur einer sein kann, dessen ganzer Stolz seine Einsamkeit ist. Es war, als schmiegte sie sich noch einmal in seine Hände. Ein Glanz reicher und ruhiger Freude lag in ihrem Gesicht, als habe aller Widerstreit ihrer Seele Erlösung gefunden, als hätten ihre Augen eine Zukunft geschaut, der auch sie gedient, als wüßte sie nun wohl, warum alles so und nicht anders hatte sein müssen: nun gehe ich gern zu meiner Ruhe, da ich es kann im Glauben an das, was ich geliebt habe.

Ob es eine letzte irdische Gewißheit war, die sie beglückte, oder ein erster Traum aus einem Land, in dessen Frieden alle Sehnsucht heilt; niemand hat auf der Erde ihren Kindersinn darum befragt, auch er nicht, der ihre Hände hielt, bis sie bleich in seinen schliefen, und ihren bebenden Druck nicht mehr erwidern konnten, wie einst den ersten.


Immer standen im Hause die Türen auf, es zog durch die offenen Fenster, eine blasse Ratlosigkeit herrschte überall. Die alltäglichsten Dinge nahmen eine seltsame Würde an und behaupteten sich gewichtig und in einem neuen Licht. Vielleicht lag es daran, daß seit Tagen alle Ordnung und die gewohnte sichere Lebensführung zerstört waren. Lotte fühlte sich tief bedrückt dadurch, daß niemand mehr ihre alten Pflichten von ihr verlangte, nur rasche, unerwartete, aufregende Handlungen forderte man, Dienste, die nicht beachtet wurden. Sie hatte das Bedürfnis, diese offene Tür zu benutzen, um zu flüchten, fort aus diesen Räumen, deren Öde von Verfall sprach. Wäre nur alles erst vorüber, dachte sie, alles.

Denn daß es sich zum besten wenden möchte, daran glaubte niemand mehr, nur der Sanitätsrat sagte es, und die andern wiederholten es. Gott, was ließ sich nicht alles mit Worten wiederholen. — Die Herzen schwiegen und warteten. Irgendwo schlich eine Freude in den Winkeln umher, eine widerwärtige Freude, etwas wie ein hämischer Triumph. Er war hinter einem, gebar lüsterne Gedanken und schuf ein Lebensbewußtsein, das man verachten mußte. Das drohende Etwas im Hause galt Anne-Dore, die andern blieben verschont, konnten in den sonnigen Garten gehn, wenn sie wollten, über die Straße, in die laute Stadt, wohin sie mochten. Und morgen auch noch, o, noch lange. Es kicherte in der Luft, machte das warme Blut des Körpers auf ganz neue Art fühlbar, rückte den großen Schmerz beiseit, wie eine schwere, niederströmende Wolke wurde er, die man in sicherer Behausung vorüberziehen sah. Erst der Gedanke an die Erinnerung, die man an ihm haben mochte, lockte die Tränen.

Frau Wendel kam nicht. Lotte mußte an jeden Zug, der sie irgend bringen konnte. Es war noch nicht einmal Nachricht von ihr angekommen, und man fürchtete ernstlich, daß die Botschaft Unheil angerichtet hätte. Aber sie hatte dringend sein müssen, weil sie erst im letzten Augenblick abgegangen war, immer noch war Hoffnung geblieben, die Mutter ganz verschonen zu können. —

Missionar Wendel rang einsam in seinem Zimmer auf den Knien mit seinem Gott. »Erhalte mein Kind,« betete er, »du bist getreu, der uns nicht läßt versuchen über unser Vermögen, sondern macht, daß die Versuchung so ein Ende gewinne, daß wir's können ertragen.« Und er fügte stotternd und im Fieber seiner furchtbaren Angst ein trostreiches Bibelwort an das andere. Aber das in mühseliger Ergebung in so vielen Jahren errichtete Gebäude seiner Glaubenszuversicht stürzte unter dem kalten Angesicht der Todesfurcht zusammen, die ihn schüttelte. Sein gemartertes Herz verwirrte ihm jeden Gedanken und mitten in die zerfahrene Inbrunst eines gestammelten Gebetes hinein schrie der alte Mann laut:

»Anne-Dore, mein Kind, mein einziges Kind, das ich hab. Ich hab sonst nichts.«

Und dann kam ihm plötzlich in den Sinn, daß er ihr einst verboten hatte, ihre Zöpfe noch zu tragen, damals, als Friedberg ins Haus genommen wurde. Das war ihr sicher ein Kummer gewesen, sie hatte gewißlich heimlich Freude daran gehabt und er hatte sie ihr verdorben. Auch hatte sie nie so schöne Kleider besessen wie die vornehmen Damen beim Tennisspiel, und konnte deren Freude niemals teilen. Aber wieviel gab es nicht, das er ihr hätte als Ersatz bieten können, und es war unterblieben; wie unachtsam war seine Liebe gewesen. Diese kleinen Dinge ihres alltäglichen Zusammenlebens! Sie drängten sich vor und marterten ihn; die schweren bösen Ereignisse, seine letzte bittere Erfahrung schienen ihm gering dagegen, nichts als eine Gelegenheit, vergeben zu können. Heimlich dankte er ihr fast für jede Schuld, die sie begangen hatte, als ruhte darin ein Schein von Trost für ihn und seine geringe Liebe. Wenn nur das Schreckliche vorüberzog, das sein Haus bedrohte.

Grausam zertrümmerte ihm das Gespenst des nahenden Todes alle stillen Altäre seines Glaubens, die ihn in gelassener Zeit so oft mit Trost und Segen bedacht hatten. Lautlos zerbarsten sie im Odem der Nacht, die heraufzog, deren Gewalt sein Leben noch nicht in der eigenen Seele erfahren hatte.

Nun wünschte er sich, seine Gattin wäre da. Ihr ruhiges Gottvertrauen, ihre unerschütterliche Kraft, sich dem Willen des Allmächtigen zu fügen, würde auch ihm Halt gegeben haben. Aber dann war ihm plötzlich, als habe er im Grunde nie mit ihr geteilt, auch seine Liebe zu Anne-Dore nicht, als sei sie ganz anders wie er, nicht gläubiger und nicht stärker, sondern armseliger. Es stieg etwas wie eine Verachtung gegen sie in seinem Herzen auf und der Wunsch, seine Schmerzen mit ihr zu teilen, war nicht mehr da. Zerfiel denn alles? Welch eine Kraft war in seinen Wandel eingebrochen? Ihm war, als schaute er auf eine endlose Kette von Täuschungen zurück und er fühlte sich grenzenlos verlassen, bis aus diesem Gram, im kurzen Sonnenschein seiner verlorenen Jugend, das Bild seiner toten Mutter stieg. Er hatte sie längst vergessen, als wäre ihre Treue nie sein Eigentum gewesen, und ganz plötzlich, als ein grimmiger und süßer Kummer, wurde ihm klar: auch du hast keine Mutter gehabt, meine Anne-Dore. Nur mich hast du gehabt, aber was bin ich dir gewesen?

Und ihn, den Fremden, hatte sie gehabt, der sie betrogen und gar verlassen hatte, den mußte sie sehr, o, von Herzen geliebt haben. Er hatte ihren Tod verschuldet und doch rief sie ihn an ihr Leidensbett. Haßte er denn diesen Fremden? Nein, es war kein Haß, es war eine Scheu, ein Graun. Wie konnte ein Mensch den Reichtum solcher Liebe, wie sein Kind sie gab, ertragen, wie konnte er verantworten, ihn zu verachten, wie konnte er ihn missen, diesen Reichtum? War jener stark und reich, segnete ihn dies wunderbare und unverständliche Leben? — Er wußte es nicht. Er empfand nur, daß er selber bitterlich arm war, weil er nie das Vertrauen seines Kindes besessen hatte, nie in ihre Seele geschaut, nie ihr Weh und ihre Lust geteilt hatte. War er denn am Leben vorübergegangen in all seinen langen Jahren? Unter seinen Tränen erstarrten ihm die müden Augen und er sah, wie eine Vision ferner Regionen des Seins, die Gestalt des jungen Fremden sein Haus betreten, bleich und hastig, eine böse Gelassenheit im Gesicht, sicher, als gäbe es kein Recht für ihn, dessen Pflichten er nicht erfüllt hätte. Und dann war er kurz darauf fortgegangen, ohne ein Wort für ihn oder die anderen, ungebeugt, und doch ging eine Traurigkeit von ihm aus, die keine Vernunft fassen konnte. Und er ließ sein Kind liegen und sterben und ging, um sein Leben zu leben....

»Gott, Gott, sei du sein barmherziger Richter«, stöhnte der alte Mann.

Stürme von Hoffnungslosigkeit wechselten mit einer leeren Ruhe, in der kleine, törichte Gedanken kamen und ihn zu verspotten schienen. Da hob der gequälte Mann den segnenden Christus von seinem Wandbrett, umklammerte die tönerne Figur mit seinen großen, zitternden Händen und ließ in verwirrten Gebeten seine Tränen auf diesen unberührbaren Scheitel tropfen. Aber die Hoheit der machtvollen Liebesworte, die dieser Mann der Menschheit gesagt hatte, wurden ihm von Schmerz und Not in dieser Stunde in hohle Phrasen verwandelt. Eine endlose Öde der Bekümmernis gähnte den Betenden aus der Zukunft her an, ein Weg, leer an Liebe und Glück, bis zum Abschluß seines armen Lebens. Da preßte sich aus seinem ringenden Leib, von der schwer atmenden Brust gestoßen, der erste Fluch über seine Lippen, den er im Leben ausgestoßen hatte. Er hob die Faust gegen das Heilandsbild und sank gebrochen und von kaltem Fieber geschüttelt auf den bunten Strohteppich seines Zimmers. Aber keins seiner Gebete und kein Fluch, der seinem Munde entfahren war, bewirkten, daß auch nur ein Schein von Linderung die Züge seines sterbenden Kindes glättete. —

Es war am Mittag desselben Tages, da erlitt Anne-Dore ihren schweren Tod. Niemand war bei ihr, als ihre Nacht heraufzog. Die Stimmen der Ihren an ihrem Bett reichten nicht mehr zu ihr, an die Ufer des finsteren Reichs hinüber, das schweigend seine Schatten um ihr beschlossenes Dasein legte.

Sie starb ohne Bewußtsein, in furchtbarem Ringen um ihre letzten Atemzüge, man mußte sie im Bett halten, und ihre Brust keuchte noch, nachdem schon lange ihre Augen erloschen schienen. Zuletzt wollte sie sich noch einmal aufrichten, es war, als ließe das schwere Haar es nicht zu, so hoben sich nur ihre Arme, und vor ihnen und höher als sie, die schmalen Hände, deren Tasten schwach und schaurig war. Ihre großen leeren Augen suchten über ihr. Man öffnete die Fenster und ließ das volle Tageslicht in den Raum, den Glanz des strahlenden Mittags, der die erfüllte Erde sommerlich beglückte.

Da kam ein schmerzvolles Lächeln in das verlöschende Licht ihrer Züge. Sie schloß die Augen. Es sank rot und schimmernd auf ihren letzten irdischen Traum. Ein gewaltiges Meer von Rosen brauste leuchtend heran, im Klingen eines Lichts, das über die Erde zog. Es überwältigte in betäubend bitterer Allmacht und begrub ihre kurze Jugend und brauste fort.

An ihrem Sterbelager betete ihr Vater, lallend, und von Schluchzen überwunden:

».... denn unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen wichtige Herrlichkeit. Schaff sie meinem Kind, du Heiland der Welt, Herr Jesus Christus.« —


Mark Enz schritt durch den Wald; die Felder nahmen ihn in ihrer reifenden Fülle auf, wieder der Wald und endlich die breite, rote Heide, ein blühendes Meer. Es zog eine Schar Kinder singend mit ihrer Lehrerin dahin, immer zwei und zwei schritten sie und hatten sich bei den Händen gefaßt. Die weißen Kleidchen und die Blondköpfe leuchteten über dem Korn und am grünen Hintergrund der Buchen. Er hörte die hellen Stimmen, die fein und inbrünstig erklangen, der Sonne und dem schönen Tag dankbar, da blieb er stehn und lauschte:

»Des Sommers goldner Segen
liegt auf den Feldern still und heiß.
Wir finden Mohn und Ehrenpreis
auf unsern lieben Wegen.«

Das Lied verklang im Heidegrund, und der Wald nahm die kindlichen Sängerinnen in seinem Schatten auf. Die Welt ward still.

Ende.