WeRead Powered by ReaderPub
Blut: Eine Erzählung cover

Blut: Eine Erzählung

Chapter 2: Erstes Kapitel.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

Die Erzählung schildert das Leben eines jungen Mädchens, das an der Grenze eines Buchenwaldes und einer weiten Heide aufwächst und in der Natur einen festen Bezugspunkt für ihr inneres Empfinden findet. Sie lebt zurückgezogen, empfindet Distanz zu den streng frommen Eltern und ringt mit unausgesprochenen Zweifeln und einer stillen Sehnsucht nach sinnlicherer, eigenständiger Erfahrung. Tagesrhythmen, Gebete und häusliche Erinnerungsstücke prägen ihre Umgebung, während nächtlicher Sternenhimmel ihr Trost bietet. Später verbreiten sich Gerüchte über einen neu zugezogenen jungen Mann, dessen Auftauchen das ruhige Dorfleben verändert und neue soziale Spannungen andeutet.

The Project Gutenberg eBook of Blut: Eine Erzählung

This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.

Title: Blut: Eine Erzählung

Author: Waldemar Bonsels

Release date: October 26, 2014 [eBook #47202]
Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Martin Oswald and the
Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BLUT: EINE ERZÄHLUNG ***

Anmerkungen zur Transkription:

Die Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originals wurde weitgehend übernommen, lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Bei der Kapitelzählung wurde im Original das elfte Kapitel übersprungen; diese Zählung wurde in der transkribierten Fassung übernommen. Am Ende des Textes befindet sich eine Liste korrigierter Druckfehler. Das Titelbild für Ebook-Betrachter wurde vom Bearbeiter erzeugt und in die Public Domain eingestellt.

Waldemar Bonsels / Blut


Waldemar Bonsels

Blut

Eine Erzählung

56. bis 58. Tausend
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
Berlin und Leipzig
1923

Die erste Ausgabe ist im Jahre 1909 erschienen
Copyright 1914 by Hesse & Becker Verlag in Leipzig
Druck der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart


Erstes Kapitel.

Anne-Dore sah von ihren Fenstern aus am Rand eines niedrigen Buchenwaldes hin die rote Heide. In leichten Hügeln dehnte sie sich weiter hin, als das Auge reichte, und wenn die Sonne, die von drei Uhr nachmittags ab ihre Zimmer bewohnte, abends hinter die glühenden Schleier sank, die der Atem der Heide aus ihren letzten Strahlen wob, erschien dem Mädchen die Welt unendlich und vollkommen. Die kleinen Kiefern standen schwer und schwarz in rotem Gold, der Wald versank in graue Träume voller Geheimnisse und fremder Graun, nur die rötlichen Felsen fern hinter ihm, niedrig und zerklüftet, wie sie waren, wachten noch eine Zeitlang in den Farben der Abende, deren Stille berückend war, die Schläge der Herzen hörbar machte und die Augen mit großen, kühlen Träumen überschattete.

Seit einigen Jahren war Anne-Dore dies abendliche Bild gewohnt wie eine notwendige Lebenserscheinung, sie hätte sich ihr schlichtes und eintöniges Leben nicht mehr denken können, ohne daß die Weite der breiten Heide mit ihrem wechselnden Wesen, ihren frohen Lichtern und Farben und ihrer grauen Betrübnis, auch ihrem eigenen Wesen sein Gesicht, ihrem Herzen seine Stellung zu allen Dingen der Welt verliehen hätte. Aber auch die Hügel der Heide, ihre Sträucher und Kiefern, ihre armseligen Strohhütten und die Buchen des Waldes, der sie gegen Süden säumte, schienen Anne-Dore zu kennen und sie in der gleichen Treue zu lieben, in der ihnen das Herz des Mädchens gehörte. Geduldig trugen sie ihr weißes, winterliches Kleid, des neuen Frühlings gewiß, in dem sie für Anne-Dore grünen sollten, für Anne-Dore, die schon als ganz kleines Mädchen mit nackten Füßen und fliegendem Kleid durch ihre sommerliche Pracht gestürmt war.

Eigentlich immer allein. Tiefer im Tal, an den Hügeln, die das Landhaus von der Stadt trennten, standen kleine Bauernhäuser, zu klein und arm, um Gehöfte genannt werden zu können, und doch zu wohlgepflegt und säuberlich, als daß man sie mit den dürftigen Anwesen der Tagelöhner aus der Stadt verwechselt hätte. Mit den Kindern, die dort aufwuchsen, hatte Anne-Dore anfänglich wohl zuweilen gespielt, aber als die frühesten Kindertage vorüber waren, empfand sie einen Unterschied zwischen sich und den anderen, einen Drang nach sich selbst und ihrem Wesen, dem sie gehorchte. Man brauchte nur in ihre Augen zu sehen, in die tiefen, versonnenen Augen, deren Blau so schwer von langen Wimpern überschattet war, daß es nur selten in einem unerwarteten Lichtstrahl seine Farbe verriet. Dann glaubte man wohl zu verstehen, daß diesem Wesen darnach verlangte, ruhig auf sich versenkt, die stille Bahn zum eigenen Werden zu suchen, an dessen Entwicklung niemand Anteil zu haben schien.

Soweit Anne-Dore zurückdenken konnte, kannte sie ihre Mutter nicht anders als still, ergeben und schweigsam. Sie sprach leise und schleppend, ein wenig singend und matt, aber ohne jede Inbrunst des Ausdrucks. Man war dabei nie versucht, sie traurig zu nennen, o nein, eine bestimmte und tiefe Traurigkeit hätte ihrem Wesen vielleicht jene sanfte Würde verliehen, die Menschen adelt, die dem Leben gegenüber verzichtet haben und einen großen heimlichen Schmerz tragen. Nein, das war es nicht, viel eher hatte die Art etwas Schleichendes, eine qualvolle Tugendhaftigkeit und eine laue Anklage machten sich darunter breit. Anne-Dore liebte ihre Mutter nicht und ihr Vater war ihr fremd, denn er hatte die Jahre hindurch, in denen sie Kind war, in fremden Ländern zugebracht, in weiten Reisen, auf denen seine Gattin ihn später nicht mehr begleiten konnte, weil ihre Gesundheit es nicht erlaubte. Und etwas, das wie eine unsichtbare Schranke von je zwischen den Eltern und ihrem Kind gestanden hatte, war deren große Frömmigkeit. Es war eine Frömmigkeit von jener anhaltenden Inständigkeit, die wie eine laue Luft jeden ihrer Gedanken und jede ihrer Handlungen einhüllte. In ihr fanden sie Trost und Ersatz für alle Unbillen eines Daseins, dessen Kämpfen und Mühseligkeiten sie nicht gewachsen waren, in ihr barg sich alle Hoffnung auf eine bessere Zukunft in einem leuchtenden Reich steter Heimatlichkeit, das in einem Frieden ohne Angst ihr Leben vollenden sollte.

Nun, da Anne-Dore begann älter zu werden, und ihr bedächtiges Herz die Werte prüfte, die es in seine verschlossene Welt nahm, genügten ihr die verzichtreichen Betrachtungen der Eltern selten, der helle Glanz ihres irdischen Himmels erschien ihr wirklicher und köstlicher, als alle Strahlen aus jener zukünftigen Welt. Wohl nahm sie geduldig an allen Kirchgängen und Bibelstunden teil, die ihre Eltern besuchten, aber sie kehrte ermüdet und unbefriedigt in ihre ruhigen Zimmer zurück und in das Mißtrauen, das sie der stillen Freude ihrer Eltern entgegenbrachte, mischte sich langsam der Unwille einer leisen Verachtung.

Am Abendhimmel glühten ihre einsamen Träume, die seltsam wenig Gestalt gewannen, aber ihre Andacht war sinnenfroh und ohne Schranken. Sie behielt ihre Zweifel im Herzen verschlossen, aber sie überwachte jedes Wort und jede Gebärde ihrer frommen Eltern und schlief oft im Gefühl eines bösen Triumphes ein, wenn es ihr am Tage gelungen war, tiefgeheim die Mängel und Schäden der elterlichen Seelenwelt zu betasten.

Auf ihren bloßen Knien, im armseligen Schein der kleinen Nachtkerze, betete sie wohl immer noch vor ihrem Bett, bevor sie einschlief, aber ihre Augen wichen denen ihres ungeliebten Gottes aus, während sie sorgfältig und in mühsamer Sammlung ihre gewohnten Sätze sprach. Oft schloß sie ihr Gebet mit den Worten: »Du siehst in die Herzen der Menschen, Herr Jesus Christus, du willst keine Gaben und Opfer, die nicht ohne Vorbehalt gegeben werden, mache mit meinem Sinn, was du für gut hältst.«

Dann brachen oft ihre geflüsterten Worte ab und sie dachte unvermerkt: das ist eigentlich das mindeste, was man von Gott verlangen kann, wenn ihm daran liegt, daß man fromm und gerecht bleibt.

Aber solche Gedanken mied sie und schämte sich ihrer in verborgener Furcht. Erst der tiefblaue Nachthimmel mit der Überfülle seiner silbernen Sterne brachte ihr Ruhe und in ihre letzte Müdigkeit schien oft sein ewiges Licht als eine große Erlösung, voll unaussprechlicher Milde.

Die Morgensonne fand sie selten betrübt. Mit dem anbrechenden Tag war ihr Herz froh und von Licht erfüllt wie alle Dinge im Garten und im Hause. Sie tat ihre einfache Arbeit gern und liebevoll gegen jedermann, ertrug die bedächtige und lange Morgenandacht ohne Groll wie eine unvermeidliche Gewohnheit und blinzelte mit ihren Augen den Widerschein vom Goldschnitt der großen Bibel zu sich hinüber. Das Gesicht ihres Vaters war überladen von Andacht, und die gute Mutter neigte den Kopf in unverstandener Wehmut wie unter einer freundlichen Last. Die Gegenstände im Wohnzimmer waren alle mit ihr befreundet. Es waren prächtige alte Stücke darunter, die Frau Berta Wendel einst als Mädchen ihrem Gatten aus den Schätzen des eigenen Vaterhauses mitgebracht hatte. Braune Kommoden, blank und schwer beschlagen, an deren geschnitzten Ecken schon die jungen Blondköpfe mancher Generation sich gestoßen und deren dunkle, fast unergründliche Tiefen alle Geheimnisse geborgen hatten, die nur immer ihre kindlichen Herzen ahnen mochten. Die alte, hohe Uhr in der Ecke zwischen den niedrigen Fenstern war wohl der ehrwürdigste Besitz der Familie Wendel, sie zeigte nicht allein Stunden und Minuten, nein, auch die Tages- und Monatszahlen, hatte wandelnde Apostel, die zur Mittagsstunde herzutraten, einen blinkenden Sternhimmel und ein so volltöniges, tiefgoldenes Glockenwerk, daß Fremden unwillkürlich das Wort im Mund erstarb, wenn diese feierliche Stimme in ihre Rede fiel. Auf den niedrigen Wandschränken tanzten, in hellbunten Glasspitzen, mit süßem Lächeln und gespreizter Grazie feine Porzellanfigürchen; in ihrer eintönigen Lieblichkeit boten sie sich trüben Stunden oder hellen Blicken der Sonne dar.

Etwas, das Anne-Dore stets störte in dieser Harmonie von Tradition und Ehrwürde, waren die neumodischen Bibelsprüche, die in aufdringlichem Bunt oder in ihren Begräbnisfarben von Silber und Schwarz überall an den Wänden hingen, wo sie die Blicke einfingen und ihren Segen in die Gemüter zu leiten versuchten. Den Eintretenden grüßte der apostolische Segen, dem Platze des Gastes am Speisetisch gegenüber wurde der Herr Jesus eingeladen, die Mahlzeiten zu segnen, über dem schmalen und hochlehnigen Sofa, das wie eine hagere Jungfer jede Behaglichkeit mit energisch gespreizten Lehnen und Beinen von sich abwies, war der Spruch angebracht: »In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.« Ein kleines leichtfertiges Hausmädchen, das längst entlassen war, hatte früher einmal zu Anne-Dore gesagt, daß dieser Spruch sehr gut über das harte Sofa passe, das einen bösen Charakter hätte und jedem Wesen Angst einflößte. Anne-Dore mußte oft daran denken, wenn sie in gemächlichem Frohsinn des Morgens den Staub aus den polierten Verschnörkelungen der hartgepolsterten Lehnen wischte. Der runde Spiegel mit verblichenem Goldrahmen war sehr hoch und derart angebracht, daß niemand hineinschauen konnte. Frau Berta Wendel hatte gemeint, ein Spiegel verführe zu müßigem Aufenthalt, nur weil man ihn hätte, sollte er seinen Platz im Zimmer haben. Sie war in solchen Dingen von einer schleppenden Entschiedenheit und setzte ihre Meinungen durch. Hoch über ihm, schräg gegen die dunkle Tapete, hing in silbernen Buchstaben, die von rosigen Blümchen durchwunden waren, das Wort des Apostels Paulus: »Wir sehen jetzt in einem Spiegel in einem dunklen Wort, dann aber von Angesicht zu Angesicht.«

Nein, diese Fülle bereitwilliger Gaben aus der Glaubenswelt ihrer Eltern hatte Anne-Dore nie recht behagt. Die Sprüche hatten im Laufe der Jahre durch die Gewöhnung längst ihren Geist und Sinn für sie verloren, doch sie empfand etwas wie eine Widrigkeit gegen das Wesen des würdigen, schönen Wohnzimmers. Aber ihre zaghaften Einwände wurden vom Vater mit der Begründung widerlegt, daß ein Herz, das recht zu seinem Heiland stünde, von solchen Kleinigkeiten nicht berührt werden dürfe.

Sein eigenes Zimmer war grau und nüchtern. Die Wände waren durch hohe schlichte Bücherregale verdeckt, deren Bände von grünlich-grauen und mürben Vorhängen verhüllt waren. Sein großer Schreibtisch nahm fast die ganze Schmalwand ein, in der das Fenster den Blick in den blühenden Garten führte, der Sessel war praktisch und hart. Der segnende Christus von Thorwaldsen sah auf die mühsame und zwecklose Geistesarbeit dieses braven Mannes nieder, der für sein Leben gern die Kräfte und die Gaben besessen hätte, seinem Herrn und Heiland in Amt und Würden zu dienen. Die Verhältnisse seines Vaterhauses hatten ihm jedoch sein Studium nicht erlaubt, und so war er früh mit einer dürftigen Bildung und einem opferfrohen Sinn als Missionar unter die Heiden gezogen. Sein Inspektor hatte ihm dann nach Jahren auf seine Bitte hin eine Frau ausgesucht und zur Gattin hinausgesandt. Berta Behneke hieß sie, mehr wußte er nicht von ihr. Dieser Name stand in einem Brief, der ihm die Abreise seiner zukünftigen Frau ankündigte, und er nahm sie hin, im Vertrauen auf seinen Inspektor und auf seinen Gott, dessen Willen er diese Führung zuschrieb. Anne-Dore war ihr einziges Kind geblieben, denn seine Frau erkrankte kurz nach der Geburt der Kleinen, da sie das tropische Klima nicht ertrug und er mußte um ihretwillen seinem Berufe bald entsagen. Es ergab sich nach dem Tode seiner Schwiegereltern, der kurz darauf erfolgte, daß ein kleines Vermögen vorhanden war, von dem das Häuschen erbaut werden konnte, das sie nun bewohnten. Auch blieb außer einer geringen Pension der Missionsgesellschaft noch genug übrig, um sie vor drängenden Sorgen zu schützen und die Verwaltung eines Waisenhauses, sowie mancherlei andere Arbeiten im Weinberge des Herrn sicherten Herrn Wendel und seiner kleinen Familie ein bescheidenes Auskommen.


Zweites Kapitel.

Vielleicht waren es die beschränkten Mittel, vielleicht auch eine übertriebene Besorgnis den Gefahren der fremden, großen Welt gegenüber, daß Herr und Frau Wendel sich nicht entschließen konnten, Anne-Dore für einige Zeit aus dem Hause zu geben. Es boten sich mancherlei Gelegenheiten, aber über zögernden Erwägungen wurden sie verpaßt, und Anne-Dore drängte eigentlich ihre Eltern nicht, da sie keine Abwechslungen begehrte und ihre Heimat liebte. Wohl träumte sie zuweilen von einem andern Leben voller Farben, Glanz und irdischer Freuden, aber ihre durch geduldige Gewohnheiten tiefbegründeten Anschauungen ließen ihr solche Begierden als unziemend und anmaßend erscheinen. Sie hatte kürzlich die Erlaubnis erhalten, einem Vortrag beizuwohnen, der durch eine Fülle von Lichtbildern aus dem Süden Italiens, von den Inseln Capri und Sizilien bereichert wurde. Sie sah dieses üppige und glanzvolle Leben an sich vorüberziehen, die strahlenden Toiletten der beglückten Frauen und Mädchen, für die es solche Herrlichkeiten auf Erden gab, und ihre Gedanken führten sie zuweilen in dieses Land hinüber, an der Seite eines geliebten Mannes, sorglos, frei, ganz in Sonne gehüllt, und dem Grau des Elternhauses für alle Zeit entrückt. Aber diese Sehnsucht schmerzte nicht, sie vertrieb die Zeit und lockte in die Zukunft, im Grunde waren es andere Dinge, die ihr Innenleben ganz in Anspruch nahmen und ihre Stirn in gestaltlose Träume senkten. Aber sie verbarg das Weh ihrer heimlichen Erfahrungen und all ihren Drang nach neuen Klarheiten und Erkenntnissen lange tief in ihrem eigenen Herzen, in einer fruchtbaren und ernsten Geduld, aus der ihre schwerblütigen Hoffnungen lichtlos emporblühten.

Oft, in einer schmerzhaften Ratlosigkeit suchten ihre Blicke im Angesicht des Heilands, aber unberührt und still schaute sein Leidensantlitz über ihre einsamen Kämpfe hin. Und sie fühlte dann wohl, daß die nächtlichen Geheimnisse ihres jungen Körpers und alle drängenden Erwartungen, die sie mit sich brachten, dies heilige Bild befleckten. Sie weinte und verstand ihre Tränen nicht, bis sie sich endlich nach einem verzweifelten Kampf gegen ihren brennenden Stolz in großen Ängsten ihrer Mutter vertraute. Das milde, überlegene Lächeln voll lauer Güte, das ihr dankte, empörte sie bis auf den Grund ihrer Seele. Sie wünschte sich inbrünstig, alles in frechen Lügen widerrufen zu können, aber die Mutter kam ihr umständlich zuvor und klärte sie darüber auf, daß dies eine Strafe sei, mit der Gott alle Mädchen und Frauen züchtige und daß ein geduldiges Ertragen dieser Heimsuchung den Herrn versöhnen würde, dessen heiliges Blut die Menschen von allen Sünden reinwüsche.

Von diesem Tage an haßte Anne-Dore ihre Mutter. Sie verteidigte ihr Herz eigensinnig gegen die Bitternis dieses Gefühls, das brennend emporstieg, aber sie verschloß sich mehr als je und es kränkte sie hart, daß nichts dies geschenkte Vertrauen rückgängig machen konnte.

Draußen blühte die Welt. Anne-Dore flüchtete in dieser Zeit häufiger und oft für viele Stunden in die ruhige Pracht der heimatlichen Heide. Auf verlassenen Wegen, die niemand kannte, ließ sie sich mit einem Buch am Waldesrand nieder, versank im Summen der Bienen in tiefe, warme Gedanken und überließ sich ganz dem goldenen Willen der Sonne. Oft konnte sie lange Zeit dem bedächtigen Gang eines Käfers durch die Sträucher des Heidekrauts folgen, befriedigt und beglückt, aber zuweilen überfielen sie seltsame und fremdartige Gelüste, wie mit einem heidnischen Lachen und doch in einem tiefen Zusammenhang mit allem Drängen und Werden in der Natur, das um sie her glühte. Anfangs widerstand sie furchtsam und gequält, aber je mehr sie empfand, daß kein Sonnenstrahl darüber seine Herzlichkeit, kein Schmetterling seine leichte, selige Farbenpracht verlor, um so mehr folgte sie sorgloser und sorgloser ihren Wünschen. Sie entkleidete sich und legte sich nackt in die Sonne, lachte fröhlich, wenn ein Schmetterling sich ihre kleine, weiße Brust zur Rast ersah und überließ dem Wind und dem Spiel der Gräser und Heidezweiglein ihren jungen Körper. Eine Herzensscheu von unaussprechlicher Keuschheit ließ seine Geheimnisse ruhn, ihr erschien gut und rein, was sie erkannte und sie ergab sich demütig und begierig der blühenden Vollendung, die ihm geschah.


Um diese Zeit war es, als eines Morgens Herr Wendel seine Tochter mit einem vielsagenden Lächeln beim Morgenkaffee begrüßte. Anne-Dore verhielt sich seinen neckischen Scherzchen gegenüber meist in etwas abwartender Reserviertheit, diesmal hatte sie aber sogleich den Eindruck, daß es sich um etwas Besonderes handeln müsse. Sie nahmen das Frühstück an den warmen Frühlingstagen, die es schon gab, des Morgens auf der kleinen Veranda ein, in die man vom Wohnzimmer aus gelangte und deren Seiten hellgrüne, durchsichtige Wände aus Efeu und Wein bildeten. Eine schmale Holztreppe führte in den Garten.

Dore setzte sich erwartungsvoll, die Mutter fehlte noch, wie meistens, denn sie schlief häufig des Nachts nicht und versäumte dann selten, die verlorene Ruhe den Morgen hindurch nachzuholen. Es war klarer Frühsonnenschein, die Sperlinge schrien am Dach und Hähne krähten in der blühenden Ferne. Es kam kühl, ein wenig taufeucht und duftend vom Walde herüber zu den beiden.

»Nun?« fragte Dore und goß ihren Kaffee ein.

Die milde weiße Hand des Vaters lag gewichtig auf einem geöffneten Brief, dessen Ecken unter seinen Fingern hervorschauten.

»Wir erhalten Besuch,« sagte er.

»Tante Helene?« fragte Dore enttäuscht.

»Nein, Kind, hör einmal zu.« Und dann begann der Vater umständlich zu berichten, er und die Mutter hätten sich immer schon gesagt, daß das schöne Fremdenzimmer gar nicht so recht zu seiner verdienten Geltung komme, und da sich nun gerade durch die Empfehlung einer lieben und befreundeten Familie Gelegenheit geboten, hätten sie ein Anerbieten angenommen und würden für die kommenden Monate einem jungen Kandidaten der Theologie ihr Haus öffnen.

»Was will der hier?« fragte Dore.

»Kind,« beschwichtigte der Vater die leise Herausforderung, die er in der Stimme seiner Tochter zu finden glaubte, »du weißt, wir müssen ein wenig rechnen und wie die Dinge nun einmal liegen, nicht daß ich unzufrieden wäre, aber der Mutter käme die kleine Pension, die solche jungen Herren zahlen, recht zustatten. Er will sich hier in ländlicher Ruhe auf sein Examen vorbereiten und ich hörte, er sei ein braver und charakterfester Jüngling.«

»Wie heißt er denn?« fragte Dore, etwas versöhnlicher gestimmt.

»Helferich Friedberg ist sein Name. Ich glaube wenigstens ... wenn ich mich nicht irre ...« Und er blätterte das Schreiben hin und her, bis er bestätigen konnte: »Helferich Friedberg, ja.«

Dore rührte ihren Kaffee um, schwieg eine Weile und meinte dann gelassen, wie sie fast immer war: »Helferich? Was ist das für ein Name?«

»Kind, der Name tut doch nichts zur Sache, wie? Ich habe ihn zwar auch noch nicht gehört, aber ...« Das lächelnde Kinn des Vaters neigte sich schräg über seinen Teller nieder und er meinte mit einem milden Handschlag auf die Tischdecke: »Mir scheint, für einen jungen Seelenhirten ist er ganz geeignet.« Er stellte sein Lächeln etwas befangen ein, da Anne-Dore es nicht teilte. »Und Friedberg?« meinte er dann ein wenig unsicher.

»Friedberg geht an«, urteilte Dore.

»Nun, siehst du, mein Töchterchen, und ich hoffe, du wirst dich in die kleine Veränderung fügen, die unserem Hause geschieht. Ich hege die zuversichtliche Hoffnung, daß es beiden Parteien zum Segen ausschlagen wird.«

Dore wollte noch allerlei fragen, aber sie unterließ es, sie klingelte dem Mädchen zur Morgenandacht, und als die drei über dem Bibelkapitel, das für diesen Tag bestimmt war, still um den Kaffeetisch herumsaßen, stieg draußen aus der glitzernden Heide eine Lerche in den sonnigen Himmel empor.

Und während Dores Gedanken dem neuen Gast des Hauses mißtrauisch entgegengingen, hörte sie die Stimme ihres Vaters lesen:

»Aber Gott ist treu, der euch nicht lässet versuchen über euer Vermögen, sondern macht, daß die Versuchung so ein Ende gewinne, daß ihr's könnt ertragen.«


Eines Mittags, als Anne-Dore von ihrem gewohnten Heidegang zurückkehrte und den Feldweg an den letzten Büschen ihres Gartens entlangschritt, sah sie durch die Zweige einen großen, schwarzgekleideten jungen Mann auf der Veranda ihres Vaterhauses sitzen. Sie blieb stehen, bog die Äste vorsichtig zur Seite und beobachtete, ob er ihr Kommen bemerkt hätte. Es schien nicht. Er saß ruhig da und schaute in den Garten. Anne-Dore betrachtete ihn neugierig. Sie sah ein sehr großes, weißliches und volles Gesicht mit einem mächtigen Kinn, das ganz unvernünftig weit nach unten ausholte und die kurze dicke Nase und die freundlichen blauen Augen in ihren Rechten zu beeinträchtigen drohte. Ein ganz schmaler, kaum sichtbarer Kragen machte sich unsicher am Halse zu schaffen und suchte mühsam eine Verbindung mit dem dicken schwarzen Gehrock, der nach allen Richtungen hin vom Körper abstrebte. Nur auf den breiten Schultern ruhte er gelassen, offenbar gewann er mit ihrer Hilfe seinen einzigen Halt. Am erstauntesten aber betrachtete das Mädchen die Beine dieses fremden Mannes, von denen eine so redliche Bescheidenheit ausging, daß sie gerührt ihr Köpfchen schütteln mußte. Es kam vielleicht nur durch diese verletzend unschuldige Haltung seiner beiden Füße, deren Spitzen sich derb und gesund näherten, während die beiden Fersen feindselig auseinanderwichen. Dabei berührten sich die Knie zutraulich und boten seinen breiten roten Händen bereitwillig eine Ruhestatt.

Das ist Helferich Friedberg, schloß Anne-Dore.

Nichts sprach gegen sein gutes Herz, aber sie freute sich doch darüber, daß ihr ein Zufall Zeit gelassen hatte, sich an den Anblick des neuen Hausfreundes zu gewöhnen. Wenn er so ganz plötzlich dagestanden wäre ..., dachte sie. Dann ging sie durch die Haustür hinein und wurde im Korridor vom Vater empfangen.

»Unser junger Freund ist gekommen«, sagte er ein wenig verlegen und ein wenig erregt. »Wenn du ihn begrüßen willst? Oder ...« Er sah über Annes Kleid hin, über ihre Figur, mit einem heimlichen Stolz, den er nicht wußte, und seine Blicke blieben an ihren Haaren haften. »Wie unordentlich du aussiehst«, sagte er.

»Ich ziehe mich zum Essen um«, meinte sie.

An der Treppe hielt er sie noch einmal an: »Höre doch, Kind, ich habe es dir immer schon sagen wollen, habe auch mit der Mutter darüber gesprochen, deine beiden Zöpfe kannst du jetzt nicht mehr gut tragen. Du mußt dir die Haare künftig aufstecken. Mutter meinte, auch schon wegen der hellen Sommerbluse wäre es praktischer. Wie?«

Anne-Dore blieb stehen.

»Heute kann ich es nicht mehr gut«, meinte sie zögernd und etwas betrübt. »Ich müßte erst Nadeln und Kämme kaufen.«

»Es eilt auch nicht so«, entschied der Vater, froh darüber, daß sie scheinbar so leichten Herzens von ihrer gewohnten Haartracht ließ. Eigentlich war es ihm selbst ein kleiner Kummer, denn Anne-Dores dunkles Haar war wunderschön und die beiden schweren Zöpfe reichten weit über die Hüften nieder und waren ihr kostbarer Schmuck.


Es war in der Tat Helferich Friedberg, der junge Kandidat der Theologie aus Pommern, der auf der Veranda des Wendelschen Hauses Platz genommen hatte und dort auf die Mittagsmahlzeit wartete. Er war einen Tag zu früh erschienen und eigentlich ohne genaue Anmeldung; es lag daran, daß seine gute Mutter daheim das Zimmer, das er bewohnt hatte, einen Tag früher brauchte, und in Missionar Wendels Zusagebrief hatte auch gestanden: »Sie sind uns täglich willkommen, junger Freund.« Er hatte seine Handkoffer selbst gleich mitgebracht, eine Kiste mit Wäsche und Büchern war auf der Bahn unterwegs. Gegen zehn Uhr fand er sich ein und wurde vom Hausherrn in sein kleines Zimmer gebracht, das gottlob schon hergerichtet war. Von dort hatte er sich nach flüchtiger Toilette ins Wohnzimmer begeben und die beiden Herren waren einander in längerem Gespräch nähergetreten. Herr Wendel nahm die Familieneinzelheiten mit Interesse entgegen, in allen Berichten hatte er eine schlichte und rechte Gesinnung zu finden geglaubt, und auch über die innerliche Stellung des Jünglings zu seinem Gott war er schon unterrichtet. Es hatte sich bei einer Gelegenheit, als der Gast vom Tode seines Vaters sprach, so gemacht, daß man das Gespräch unaufdringlich auch auf diesen Gegenstand bringen konnte, und Herr Wendel war in allen Stücken beruhigt und befriedigt. Er teilte dies auch erfreuten Herzens seiner Frau mit. »Man will doch gern wissen, mit wem man unter einem Dache schläft«, meinte er, und sie nickte mit einem weinerlichen Geräusch ihrer belegten Stimme und bekundete damit ihre Übereinstimmung.

Als man sich am Mittagstisch zusammenfand, wurde Anne-Dore vom Vater Herrn Friedberg vorgestellt. Er machte eine tiefe Verbeugung, die über die ganze Länge zweier niederhängender Arme unterrichtete, und die Manschetten sanken ihm auf die Handknöchel. Während des Tischgebets versuchte er sie wieder in die Ärmel einzuschachteln, was Frau Wendel mißfiel. Als dann alle saßen, füllte die Hausfrau die Suppenteller, und mit einem freundlichen: »Nehmen Sie vorlieb«, reichte sie dem Gast zuerst. Er wollte ihn an Anne-Dore weitergeben, aber leider hatte sein Daumen sich zu tief in den Teller gewagt, und er zog ihn deshalb der jungen Dame wieder fort und sagte: »Pardon«. Herr Wendel hoffte mit einem gefälligen Räuspern über diese kleine Unannehmlichkeit fortzuhelfen, was ihm sicher auch gelungen wäre, wenn nur Herr Friedberg gewußt hätte, ob er seinen benetzten Daumen in den Mund oder in die Serviette schieben sollte. Er entschloß sich für den Mund, da das blendende Weiß des frischen Leinens ihn abschreckte, lächelte befangen und schaute Anne-Dore an. Sie erwiderte sein Lächeln, um ihm zu helfen, und weil er ihr leid tat in seinem Ungeschick.

Was für ein freundliches Mädchen, dachte Helferich Friedberg und schaute von nun ab nur noch in das Gesicht des Hausherrn, der ihn in ein Gespräch zog. Es handelte sich um einen für die Gemeinde der Neustadt sehr wichtigen Fall, um die Besetzung der vakanten Pfarrstelle in der Nikolaikirche. Wendels rechneten sich dieser Gemeinde zu, und Herr Friedberg erfuhr, daß schon zwei Herren ihre Probepredigt gehalten, beide eigentlich ohne daß sie ein rechtes Wohlwollen gefunden hatten. Morgen war nun der Sonntag des dritten Bewerbers, eines noch jungen Pfarrers Jacoby, der sich von einer Kreisstadt aus hierher wählen lassen wollte.

Als der Name fiel, kam ein unerwartetes Leben in den Kandidaten.

»Jacoby sagten Sie? Sagten Sie nicht Jacoby?«

Missionar Wendel bestätigte es.

»Ich kenne ihn«, rief Friedberg und schwenkte die Hand. »Ich kenne ihn bestimmt. Oder«, fügte er hinzu, »es müßte ein anderer Pfarrer Jacoby sein.«

Die nächsten Einzelheiten ergaben, daß es in der Tat ein Bekannter war, nicht ein persönlicher Freund, aber er hatte ihn predigen hören. Herr Friedberg begeisterte sich ganz über Gebühr für diesen Mann. »Sie müssen ihn hören«, rief er immer wieder. »Es wäre ein großer Segen für unsere Gemeinde, wenn er erwählt würde.« Sonst wußte er wenig bezeichnende Eigenarten zu nennen, aber es war klar, daß diese Bekanntschaft großen Eindruck auf sein Gemüt gemacht haben mußte. »Ich verdanke ihm viel — alles sozusagen«, versicherte er zum Schluß.

Über der Abmachung, daß alle morgen zusammen den Gottesdienst besuchen wollten, ging man auf ein anderes Thema über. Anne-Dore sprach von den Schönheiten der Gegend, aber sie verriet keine besondere Liebe, sondern rühmte ihre rote Heide unbewußt nur soweit, als sie annahm, daß das gute Herz des neuen Hausfreundes sie würdigen könnte.

Sie ging an diesem Abend mißvergnügt und traurig in ihr Zimmer und wußte keine Erklärung für ihre tiefe Verstimmung. Nachmittags war sie mit dem Kandidaten im Wald gewesen, hatte ihr ruhiges Land und seine Wege preisgegeben, und während sie an dies und jenes dachte, hatte die etwas schnarchende, grobe Stimme des großen jungen Mannes sie ohne Aufhör in ihre matten Töne gehüllt. In der Abendsonne sangen Rotkehlchen und Finken, es glühte von rotem Gold hinter dem jungen Grün und auf den Zinnen ihrer lieben Berge. Ihr silberner Bach dämpfte im Wald die frische Stimme über der braunen Erde und den welken Blättern, frei und lieblich lud die Natur alle Herzen zu sich ein, aber Helferich Friedbergs derbe Schuhe benutzten ungefüge und breit die Wege, die durch sie hindurch führten, und er sprach immer nur von Pastor Jacoby und seiner Wirksamkeit. Ach, wie gern glaubte ihm das Mädchen alles, aber gab es nicht mehr, nicht tausend andere Dinge in der großen Welt, aus der er kam? Ihre Augen suchten in seinem ausdruckslosen und gutmütigen Gesicht, das immer »Pastor Jacoby« sagte. Nein, bei ihm gab es auch nur dies eine, das nun so lange schon ihre Welt bedrängte, und sie empfand etwas, das ihre jugendlichen Hoffnungen tötete, einen feinen Gram und die bitterliche Erkenntnis, daß noch für lange Zeit ihr nichts die stille und graue Welt verdrängen sollte, in der ihre Seele herangewachsen war.

Sie waren dann bald zur Ruhe gegangen, der Herr Kandidat nach manchem schlecht unterdrückten Gähnen, der Vater und die Mutter genau auf die Art, wie sie es schon seit vielen, vielen Jahren taten. Vorher wurde die Uhr aufgezogen, deren Stimme sich auch niemals änderte, und sogar der Schlüssel der Verandatür kreischte geduldig seinen alten Ton im etwas rostigen Schloß.

Nun war es Nacht. Anne-Dore hatte beide Flügel ihrer Fenster weit geöffnet und hörte auf den Wind. Unter den Sternen her kam er über die Heide, ließ ihrem klaren Glanz die ewige Stille und bewegte die Zweige der Bäume, so daß sie flüsterten und sich neigten. Hin und wieder fielen Blüten aus dem Kirschbaum lautlos und langsam auf den dunklen Rasen.


Drittes Kapitel.

Die Morgensonne weckte Anne-Dore und der goldene Gesang eines Waldhorns hoch im Buchenwald der grünen Berge. Sie erwachte jäh und ohne Besinnen, richtete sich fast erschrocken auf, geblendet vom Glanz des Sonnenlichts und wie im Jubel eines großen unverstandenen Glücks. Wie schön war die hohe, warme, goldene Welt, — was gab es nur, was war geschehn? Langsam stiegen die Bilder des vergangenen Tages vor ihrer Seele empor. Nein, sie wollte sie nicht. Sie wollte allein dem angehören, was hier im Licht und im Gesang der Vögel in ihr Zimmer drängte. Sie hatte ein unendlich frohes Gefühl tiefer Zugehörigkeit an dies Neue und Frische, das der heraufsteigende Tag verkündete. Noch hatte keine Pflicht und kein Recht ihres nützlichen Tages die jugendliche Andacht dieses Herzens überredet. Sie warf die Haare heftig und in lachendem Zorn ihres Kraftbewußtseins in den Nacken zurück, sprang aus dem Bett und stellte sich in das Licht der Fenster. Sie sah die Sonnenstrahlen schräg auf das Dach der Veranda fallen, im Garten ruhten sie im Blühn, und unter den Bäumen auf den feuchten Wegen schritt schwarz und feierlich Helferich Friedberg, den Hut in der Hand und die Nase in einem kleinen, dicken Buch.

Wie das ernüchterte. Sie trat vorsichtig so weit zurück, daß nur sie ihn erblicken konnte, und erkannte mit leisem Schreck, daß er eine Brille trug. Ach Gott, dachte sie, auch das noch. Weniger froh kleidete sie sich langsam an, hatte aber doch das Gefühl, diesem guten Menschen etwas abbitten zu müssen. In diesen Dingen war ihr Vater groß. Er hatte für alles ein Einsehen, für jedes eine Entschuldigung, und nichts war seiner Güte zu gering. Immer bemühte er sich, bei den Menschen nur das Gute zu sehen und Schwächen in Liebe zu verdecken oder zu verzeihen.

Sie sah sich im Spiegel und zog langsam den Kamm durch die dunkle Fülle ihres schweren Haars. Sie lächelte sich im Spiegel an. Ihre Augen waren unnatürlich blau in diesem Reichtum von Licht.

Vielleicht hat er geringe Ansprüche, schloß sie zögernd weiter und sah in Gedanken das milde Lächeln ihres Vaters. Wie es quälte, solchen Gedanken folgen zu müssen, zu deren letztem Schluß sie weder den Mut noch die Erfahrung hatte. Ihr Herz drängte heiß nach Sicherheit und Erkenntnis, aber sie fühlte, schneidend und voll bittrer Angst, wie man Fesseln fühlt, daß ihr Blut in einen seltsamen Bann gesprochen war. Jedesmal nach solchen Stunden des Grübelns und Sehnens stieg eine Bitterkeit gegen ihre Eltern in ihr auf, die sie geflissentlich unterdrückte, und sie bemühte sich dann oft selbstquälerisch und voll Eifer in verdoppelter Liebe gegen sie gutzumachen, was ihr Herz an Schuld zu tragen glaubte.

Nun hörte sie die Glocken hinter den Hügeln, die ihr heimatliches Tal von der Stadt trennten. Ein undeutlicher, schwerer, summender Morgengesang. Die Dorfglocken von Hildenrot antworteten hell und harmlos. Sie dachte an das Forsthaus dort am Waldrand, sah aus dem Fenster über die Heide hin nach den Bergen und wünschte sich, dorthin zu dürfen, statt in die graue Stadtkirche mit ihren hundert fremden frommen Menschen.

Sie hörte dann die Stimme ihres Vaters im Garten, als sie die helle Bluse mühsam hinten zuknöpfte, sie zupfte sie über der Brust zurecht und wurde vor dem Spiegel ein wenig unsicher, als sie ihre Figur prüfte. Sie faltete die Hände an den Fingerspitzen, preßte sie auf ihre Brust und zog sie fest an den Körper, die weißen Zähne auf der Lippe. Es half nichts. Ich werde eine große Frau, dachte sie, gab ihrem Kopf eine gezierte und steife Würde der Haltung und blickte hochfahrend und ernst auf ihr Gesicht im Spiegel. Es ist wahr, dachte sie dann und senkte den Kopf nach hinten, die Zöpfe kann ich nicht mehr tragen. Sie wickelte sie leicht und prüfend um den Kopf, eine schwere dunkle Krone von mächtiger Fülle ruhten sie um ihre Schläfen, machten ihr Gesicht bleicher und kleiner und senkten feine blausilberne Schatten auf die bedächtigen Lider der reinen Augen.

Schnell ließ sie sie fallen und eilte zum Kaffee hinunter.

Sie hatten schon begonnen, als sie eintrat. Die Bibel für die Morgenandacht lag bereits neben dem Platz des Vaters. Helferich Friedberg erhob sich, als sie eintrat, kaute angestrengt und heimlich, während sie ihren Vater küßte, versuchte zu schlucken und mußte dann doch mit vollem Mund sein »Guten Morgen, gnädiges Fräulein« sagen.

»O o,« meinte der Vater, »wir lassen es besser bei einem einfachen Fräulein Wendel.« Und er schaute ein klein wenig strafend auf den Kandidaten, als wäre da mit ihm ein ganz falscher Ton in die Gemeinschaft ihres schlichten Familienlebens gedrungen.

Schade, dachte Dore, und wußte nicht recht, warum sie diese Änderung bedauerte. Er wird sonst am Ende zu weltmännisch, schloß sie ihren Gedanken, und ein ganz feines Lächeln, das niemand sah, huschte zu kurzer ungewohnter Rast über ihren kindlichen Mund. Sie mußte sich etwas beeilen und trank flüchtig ihren Kaffee, Herr Wendel schob dem Gast die Bibel in freundlichem Ernst neben den Teller und bat ihn, diese liebe Pflicht für heute zu erfüllen. Es lag wohl etwas Respekt vor dem studierten Manne in seiner Aufforderung und doch auch die Herablassung eines, der aus Brüderlichkeit und Bescheidenheit gern auf ein Vorrecht Verzicht leistet.

Herr Friedberg kämpfte in diesem besonderen Fall seine Befangenheit mit Erfolg nieder. Hier spielte etwas in seinen Beruf hinüber und streifte den Gang seiner heiligsten Pflichten. Er forschte bescheiden:

»Ich weiß nicht, wie Sie es in Ihrem Hause zu halten pflegen, Herr Missionar.«

»Folgen Sie ganz Ihrem Herzen«, sagte Herr Wendel und lächelte und nickte ermutigend. »In diesen Dingen gibt es kein Gesetz, und wir wollen dankbar sein, wenn Sie uns eine neue Art zeigen, in der wir vor den Herrn treten können.«

Anne-Dore wurde dunkelrot. Ihr Zorn, als sie es fühlte, änderte diese verräterische Erscheinung nicht zugunsten. Niemand sah es. Herrn Friedbergs breite Finger suchten am Goldschnitt, er besann sich, schlug dann kurz entschlossen im Neuen Testament eine beliebige Stelle auf und suchte seine Brille.

»Wollen Sie das Losungsbuch?« fragte Herr Wendel.

Friedberg schüttelte nur den Kopf, denn er war schon im Bann seiner Pflicht, deren Erfüllung ihn ganz erheischte. Er las ein Kapitel des Apostel Paulus an die Römer, in dem er einer langen Reihe von Gemeindemitgliedern Grüße bestellen ließ. Anne-Dore hörte all die fremdartigen und sonderbaren Namen, die sie wenig erbauten. Der junge Mann las mit tiefem Ernst und einer singenden Eindringlichkeit, als wäre jede Zeile von großer Wichtigkeit und voll tiefer Weisheit. Dann betete er das Vaterunser, und als er Amen gesagt hatte, schaute er Anne-Dore an. Er klappte die Bibel zu, ohne seine Erleichterung zu verraten, und der Brille wurden ihre beiden Nickelflügel über den gläsernen Leib gelegt, so daß sie in das Etui paßte, das nicht mehr ganz neu und innen mit hellblauem Papier beklebt war.

Es war spät geworden, und man mußte sich für den Kirchgang beeilen. Frau Wendel war nicht erschienen, und so zogen die drei anderen miteinander über den niedrigen Berg in die Stadt, durch den Morgensonnenschein und durch den Gesang der Vögel. Es war eine gute halbe Stunde Wegs, und man fürchtete, daß die Kirche sehr voll sein würde, bei einer so wichtigen Gelegenheit, wie es eine Probepredigt war. Anne-Dore ging zwischen den beiden Herren, hin und wieder trat der Kandidat zurück und ließ ihr auf dem schmalen Weg den Vortritt, aber für gewöhnlich sah sie neben sich diese dunklen, dicken, steigenden Beine und den melancholischen Fall der langen, schwarzen Sonntagsröcke. Man sprach wenig. Anne-Dores Empfindungen waren matt und geteilt, keine sonderliche Erwartung hielt sie im Bann, es würde sein wie immer. Vielleicht war die Predigt wirklich ein wenig unterhaltender, vielleicht blieb der Herr Pfarrer auch in seiner Rede stecken. Aber nein, das war wohl nicht anzunehmen, obgleich sie es oft gefürchtet hatte und manchmal sogar heimlich gewünscht, nur damit ein wenig Leben in die alten Wahrheiten der Kanzel käme, die so gar nichts Neues in ihr Dasein bringen konnten.

Sie hielt erschrocken in ihren Gedanken inne. Der Versucher geht dicht neben mir und raubt mir die Andacht und die rechte Stellung des Herzens, fürchtete sie. Dann stellte sie sich vor, der Satan habe die Gestalt des Herrn Helferich Friedberg angenommen, sie wußte, daß er in vielerlei Gestalt die Herzen versuchte, aber als die Füße ihres Nachbarn wieder neben ihr auftauchten, stellte sie heimlich fest, daß solche Stiefel, wie er sie trug, stets den rechten Weg gingen. —

Die Kirche war überfüllt, und es war kein Gedanke daran, einen Platz zu finden. Zwar forschte Herr Friedberg eifrig hier und dort, um wenigstens für Anne-Dore ein Plätzchen ausfindig zu machen. Er tat es mit der Sicherheit eines, der im eigenen Hause schaltet, aber seine selbstlosen Bemühungen erregten nur Unwillen und störten. So stellten sie sich denn nebeneinander an eine breite Säule dicht am Ausgang, das junge Mädchen mit dem Rücken gegen die getünchten Steine, die ihr ein wenig Halt boten. Gerade in den bunten Farbwegen standen sie, die das Sonnenlicht durch die hohen Fenster nahm, rote, blaue und goldene Kreise malten sich in Anne-Dores Kleid. Sie neigte den Kopf und schloß die Augen, bis ihr Friedberg die Nummer des Liedes zuraunte, das gesungen wurde. Herr Wendel flüsterte seinem Gast ins Ohr, sie hätten sonst hier eigene und feste Plätze, aber die Bänke seien heute für die Kirchenältesten reserviert, die über die Wahl des neuen Pfarrers entscheiden sollten. Dann setzte die Orgel ein, milde und als wollte sie die Bewegung und die dämmerigen Geräusche beschwichtigen, die stets von einer feierlich versammelten Menge ausgehen, wie der Odem einer gedämpften Erwartung.

Nun brauste das Lied voll befreiender Inbrunst durch das breite Schiff der alten Kirche:

Steil und dornig ist der Pfad,
Der uns zur Vollendung leitet.
Selig ist, wer ihn betrat
Und im Namen Jesu streitet.

Die ernste Feierlichkeit nahm auch Anne-Dore in ihren Bann. Neben ihr behauptete sich Friedbergs Stimme. Er verschwand für sie in dieser bewegten Menge, wurde das unpersönliche Glied in einer Gemeinschaft Gläubiger und verlor für sie darüber seine armselige Körperlichkeit. Ihm dagegen, der heimlich auf sie hinschaute, erschien das Mädchen seltsam verschönt und verklärt. Er empfand eine Gemeinschaft und eine Übereinstimmung mit ihr, die sie einander geschwisterlich näherte. Das schöne farbige Licht auf ihrem geneigten Scheitel und ihrem weißen Kleid tat dazu das Seine, und er fühlte sich eigenartig beglückt und wundervoll geborgen unter den Menschen.

Es war das zweite Lied. Der Altardienst war schon beendet, die Predigt stand bevor, und vom dritten Vers ab wandte die Aufmerksamkeit der Andächtigen sich der kleinen Tür in der Sakristei zu, durch die Pastor Jacoby kommen sollte. Anne-Dore konnte dorthin nicht sehen, sie erblickte den Pfarrer erst, als er langsam und scheinbar tief in Gedanken die offene Treppe zur Kanzel emporstieg. Dort sah sie ihn nur kurz und undeutlich, denn er kniete sogleich nieder, um zu beten und sie sah nur seinen Scheitel, der dunkelblond und schlicht über dem schweren Samt der großen Bibeldecke lange still und unbeweglich im matten Licht der Kirche ruhte. Als er sich aufrichtete, sang die Gemeinde den letzten Vers, und Anne-Dore hatte Muße, das Gesicht des Geistlichen zu betrachten. Seine Augen lagen im Schatten der sehr bleichen Stirn, und ein dunkler Bart verdeckte klein und weich den Mund und das Kinn. Die gerade Nase war von vornehmem und fast zartem Schnitt. Seine Blicke glitten ruhig über die Versammlung hin, verweilten hier ein wenig, dort einen Augenblick, gelassen und klug, in einem Prüfen, das fast etwas Trauriges hatte. Anne-Dore fand dies Gesicht sehr schön.

»Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von des Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen.«

Was war das für eine Stimme? Anne-Dores Herz erzitterte vor der Inbrunst und Eindringlichkeit, die diese Worte mit unendlich klarer Selbstverständlichkeit in die Halle der Kirche sandten. Der Pfarrer hatte sie ohne Ankündigung und ohne die Stelle zu nennen, in der sie in der Bibel standen, plötzlich in die große Stille der Wartenden hineingerufen. Mit heller, fast leidender Stimme und doch mit so ehernem Nachdruck, als hinge Leben und Tod von ihrer Wahrheit ab.

Alles war ungewöhnlich, das Niederknien auf der Kanzel, der unvermittelte Text und dies Warten nun. Dies Warten, das kein Ende nehmen wollte. Anne-Dore schlug in heißer Angst die Augen nieder. Er weiß den Anfang nicht, dachte sie und zitterte. Die Unruhe aller Herzen wuchs, wurde qualvoll, man hörte die Stille des gefüllten Gotteshauses wie ein Sausen. Anne-Dore schaute hinauf, und als sie nun sein Gesicht sah, wußte sie plötzlich, tief ergriffen, und still bis auf den Grund der Seele: Er weiß den Anfang.

Und nun begann er, fast zu leise und sagte nur die Worte: »Herr Jesus, sei mitten unter uns.« So begann er sein Gebet. Anne-Dore konnte keinen Blick von ihm wenden, während er sprach. Sie hatte nie ein Gesicht gesehen, so zermartert von Sehnsucht und Gram, so entstellt von Inbrunst. Seine Hände krampften sich so ineinander, daß sie weiß wurden, sie schaukelten hin und her und auf und nieder, als rängen sie miteinander, als wollten sie nicht ein Tröpflein Blut mehr in sich dulden. Es war, als schaute er voll hinein in das Angesicht des Heilands, als sähe er das Blut unter der Dornenkrone des Gekreuzigten niederrinnen, als habe er Macht, den Geist seines auferstandenen Gottes in dies Haus zu beschwören, als hoffe er auf eine Antwort, als er rief: »Herr, höre mich, wie ich dich zu uns rufe.« Nach dem Amen sank seine hochaufgereckte Gestalt mit einem tiefen Seufzer der schwachen Brust zusammen. Er legte beide Hände um die Bibel und begann seine erste Predigt an die Gemeinde der Nikolaikirche.

Die Menge war wie in einen Bann gesprochen. Anne-Dore zitterte und stützte sich an ihren Vater, der seinen grauen Kopf schüttelte in tiefem Erstaunen, in Abwehr und Zweifel, ja fast wie in Besorgnis. Niemand rührte sich. Es war, als wäre nach diesem Gebet die Person des Heilands gegenwärtig, jeder glaubte heimlich ihn neben sich zu wissen. Man wartete wie auf ein Wunder, auch die Gleichgültigsten harrten beklommen. Was waren das für neue allmächtige Worte? Wer war die Gemeinde der Heiligen, von der es dort oben hieß, sie würden mit Christus herrschen tausend Jahre? Seit wann war es notwendig, seinen Gott von Angesicht zu Angesicht zu kennen, zu wissen, ob man seiner Gnade teilhaftig war oder nicht? Wie Flammen sengten diese Worte sich in die erschrockenen Herzen, Anne-Dore hatte niemals geglaubt, daß eine so leuchtende Gewalt der Sprache auf der Menschenerde möglich sei. Die Worte Jesu Christi gewannen durch diese bleichen Lippen, durch die verzehrende Inbrunst dieser Glaubenszuversicht ein ganz neues Leben. Welch tiefen Sinn von zerschneidendem Ernst und edler Hoheit bekamen plötzlich die Worte der Apokalypse: »Ach, daß du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist, und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.« — Wie ein Triumph ewiger Wahrheiten leuchtete es von dieser schmerzvollen Stirn.

Es wurde still. Dann klang das Amen leise und menschlich einfach, die Orgel setzte ein. Immer noch lag dort oben der Mann auf den Knien, als schon die ersten Verse zaghaft und bedrückt, in ganz neuer Scheu, und wie veränderten Sinnes erklangen. —


Auf dem Heimwege war Kandidat Friedberg in jeder seiner Bewegungen und im Gehabe all seiner gewaltsam bescheidenen Sätze nur die eine herausfordernde und rechtsfrohe Äußerung: Was habe ich gesagt? Habe ich es nicht gesagt?

Missionar Wendel hatte seine Brauen vorsichtig gelichtet, mit festgeschlossenem Mund und beruhigten Blicken, die nicht wanderten, meinte er nur: »Der Mann ist noch sehr jung. Ich kenne diesen Erweckungseifer und kann meine Sorgen nicht ganz von der Hand weisen. Aber Gott wird zulassen, daß alles nur zum Segen ausschlägt. Er wird wohl gewählt werden.«

Anne-Dore ging still und tief ergriffen zwischen beiden. Bei den Worten ihres Vaters hatte sie den bestimmten Eindruck, als redete er von einem ganz anderen Gott als jener Mann auf der Kanzel, der den Heiland der Menschen im eigenen Herzen erlitten, der ihn liebte und für ihn ein Streiter ohne Furcht und Zögern war. Ihr guter Vater sprach von seinem alten braven Hausgott, der ganz grau geworden war von lauter verbrauchter Güte, die man täglich soweit annahm, als man sie gerade nötig hatte; aber die Worte dessen, der ihr Herz in Feier hielt, kamen aus einer Seele, tief geneigt und geheiligt durch den Martertod des Herrn Jesu Christi. »O, daß du warm wärest oder kalt«, klang es in ihr nach, und ihr Herz glühte. Mit einem feinen schmerzlichen Lächeln voll geheimer Seligkeit verloren ihre Blicke sich im Sonnenschein und im warmen Wind. Sie fühlte sich zu neuen Kämpfen, zu neuem Wesen wunderbar bestimmt, bereit und allein. Ihr war zumut, als habe sie im Halbschlaf auf den Tag geharrt und auf ein neues Licht. »Ströme lebendigen Wassers«, sagte sie ganz leise nur mit den Lippen.

Neben ihr sprach Friedberg, und über sie hin, mit ihrem Vater. »Ich versuche mir in diesen Fragen einen offenen Sinn zu bewahren«, meinte er, »Prüfet alles und behaltet das Beste. Solange man wie ich in einer Zeit des Lernens und Werdens steht, ist einem jede Abart der Auffassung willkommen, und ich bin unbesorgt, es wird alles zu meiner Erziehung dienen.« Er betrachtete Dore, während er sprach, besorgt, daß sie ihm zuhörte.

Missionar Wendel schien durch diese Worte beruhigt. Er sprach lauter und scheinbar fröhlicher. Nur hin und wieder glitten seine Augen über die Züge seines Kindes, und er wußte nicht, daß etwas wie eine ganz feine, leise Eifersucht in seinem alten Gesicht stand, das immer gütig und fast ein wenig traurig erschien, wenn Anne-Dores Angelegenheiten ihn besorgt machten.

Die häuslichen Pflichten ernüchterten das junge Mädchen seltsam. Am liebsten hätte sie sich in ihr Zimmer zurückgezogen, wäre jedem ausgewichen, um sich ganz, rasch und auf einmal mit allem abzufinden, das ihr Innerstes bestürmte. In ihr war von je ein seltsam bestimmtes Bedürfnis, im Haushalte ihrer Seele Ordnung zu wahren, Unsicherheit und ein halbes Bewußtsein waren ihr qualvoll. Sie konnte sich krank fühlen bis zu einem Hang ins Schwermütige, wenn ihrem Suchen eine Klarheit versagt blieb. Sie war den Tag hindurch wie auf der Flucht. Die Fragen ihrer Mutter machten sie zornig. Ihr Wunsch, freien Herzens das Empfangene weiterzugeben, selbstlos, froh und schwesterlich, rang heiß mit ihrem Stolz und ihrem Bedürfnis, Empfundenes im Herzen zu bewahren. Sie weinte sich abends in Schlaf. —

Im Traum stand Friedberg vor ihr, suchte mit den dicken, weißen Fingern am Goldschnitt der Bibel und las endlich mit seiner geruhsamen Stimme, die immer etwas mit Heiserkeit kämpfte:

»Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.« —

Es war kein Zweifel, durch wen die Pfarrstelle der Nikolaikirche besetzt wurde.


Viertes Kapitel.

Mit dem Einzug Pastor Jacobys in die Stadt brach eine neue Ära im Geistesleben ihrer Bewohner an. Soweit die beiden alten, schlichten Türme der Nikolaikirche Ort und Land überwachten, vollzog sich in den Herzen aller Beteiligten eine seltsame Wandlung. Aber nicht nur die Gemeinde der Gläubigen wurde von ihr betroffen, sondern die neuen Regungen griffen weit um sich und zogen auch Außenstehende und Unkirchliche in ihr umstrittenes Interessengebiet. Eine ganz neue Bewegung erhob sich, trennte entschieden und schroff die Gemeinde in zwei Parteien, und es schien, als sollten die neuen Glaubensgewißheiten in ihrer Wirkung bis in das intimste Familienleben die Worte Christi seltsam bewahrheiten: »Ihr sollt nicht wähnen, daß ich kommen sei, Frieden zu senden auf die Erde. Ich bin nicht kommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert.« Und als einmal gar nach einer Predigt von einschneidendem Ernste das Bibelwort: »Wer Vater und Mutter mehr liebt, denn mich, der ist mein nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt denn mich, der ist mein nicht wert«, die Herzen entzündete, schien der Verwirrung kein Ende mehr. — Die ersten Wochen hindurch wurde die Kirche gestürmt, die Geistlichen der anderen Gemeinden sprachen vor leeren Bänken, nur alte Leute behaupteten dort noch im Halbschlummer die gewohnten Plätze. Dann räumte eine verständliche Reaktion, die in Haß ausartete, die Nikolaikirche aus. Aber langsam begann sie sich wieder zu füllen, und eine gefestigte und scheinbar unerschütterliche Glaubensgemeinschaft verband die Andächtigen unter dieser Kanzel. Man nannte sie die »Gemeinde der Heiligen«, aber sie ertrugen Spott und Geringachtung mit dem glücklich ergebenen Lächeln Geborgener und Erlöster. Ihr innig und aufrichtig geschlungener Bund und seine Schicksale erinnerte in vielen Erscheinungen an die ersten Gemeinden der Apostel in Rom und Griechenland. Man empfand Grauen und Ehrfurcht, ihre geduldige Heilandsliebe peinigte und forderte rohen Widerspruch heraus. Ja, es kam zu Tätlichkeiten und die Polizei mußte einschreiten. Pastor Jacobys Ruf drang weit über die Grenzen der Provinz ins Land hinein. Es schien, als sei das Bibelwort seiner ersten Predigt zum Wahlspruch und Kampfruf erhoben: »O daß du kalt oder warm wärest. Weil du aber lau bist, und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.«


Wenig Herzen durchlitten alle tiefinnerlichen Wandlungen so inbrünstig, so ganz der neuen Wahrheit ergeben und so aufrichtig wie Anne-Dores. Ihre neue Frömmigkeit hatte nichts mehr gemein mit jener kleinlichen Beschränktheit von Menschen, die ihren Glauben als eine Schranke vor ihrer Dürftigkeit, ihrer Armut und ihrer engherzigen Selbstsucht aufrichten. Das ruhige und feste Glück ihrer reinen Augen wich jedem falschen Schein und aller Knechtschaft einer niedrigen Demut aus. Es ging ein Glanz von großer und freier Liebe mit ihren Schritten aus, ohne Dünkel und kleine Maße, warm, aus Freude und wie aus lauter Licht. Ihr Wesen schien völlig verändert und wollte es weder wissen noch verkünden, es war, als erkämpfte für sie ein neuer Streiter Klarheit und Erkennen in alle Finsternis ihrer suchenden Seele, deren Flügel auftauchten in die verborgenen Seligkeiten und Geheimnisse einer zukünftigen Welt. Ja, es war im Laufe der kommenden Zeit so, als teilte sich ein Schein dieses neuen Glücks, in dem ihr Wesen ruhte, auch ihrem Äußern mit. Ihr Gesicht wurde schmaler und bleicher, ihre Bewegungen von jener leichten Scheu weltfremder Hoheit und von einer Anmut, für die es keinen irdischen Namen gibt.

Handlungen und Lebensgewohnheiten, die sonst allein durch den tiefbegründeten und eingeborenen Geschmack eines reichen Herzens ihren Adel gewinnen, stellten sich bei ihr ein, als schlüge ein neues Herz in ihrer Brust. Als habe eine neue Kraft, voll unergründlicher Schönheit, sie eng und wie an Kindes Statt in den edlen Gang ihres Waltens gezogen, sie ganz für sich genommen und herrlich bereitet für eine glückselige Zukunft.

Herr und Frau Wendel sahen die Veränderung nur in ihrer Wirkung, die bis in die kleinsten Einzelheiten der nüchternen Tage reichte. Ihre anfängliche Besorgnis wich einer frohen Bewunderung. Die neue und stille Freude, die das Wesen ihres Kindes verklärte, warf ihren Schein auch über ihre Stunden, beglückt und zuversichtlich dankten sie ihrem Gott. Da Anne-Dore niemals über ihre inneren Erlebnisse und über die Seelenvorgänge sprach, die sie bewegten, niemals einen Versuch machte, jemanden anders als durch ihr Tun von der Schönheit dessen zu überzeugen, dem sie diente, blieb ihre Welt unangetastet wie ein Heiligtum.

Einen tiefen Eindruck hinterließen diese Erscheinungen, die sich durch Wochen hindurch vollzogen, auch bei Helferich Friedberg. Anfänglich gab er dem unklaren Drang seiner geteilten Gefühle Anne-Dore gegenüber Ausdruck. Er meinte einmal, als sie miteinander von einem Kirchgang heimkehrten, es wäre eigentlich Christenpflicht, sich nicht so einseitig beeinflussen zu lassen, ob sie nicht einmal zu einem anderen Prediger gehen wollten und nicht immer zu Pastor Jacoby, der übrigens auch anfinge sich zu wiederholen.

Dore schüttelte den Kopf. Sie ginge zu Pastor Jacoby, solange sich ihr Gelegenheit böte. Er würde wohl kaum lange bei dieser Gemeinde bleiben. Aber er, Friedberg, tue sicher recht daran, diesem Gefühl zu folgen, wenn er es ehrlich glaube.

Er sprach wieder, dachte aber nicht an seine Sätze, sondern an ihre letzte Bemerkung, und darüber ertappte er sich bei der Erkenntnis, daß sein Vorschlag nicht ganz selbstlos und ehrlich gewesen war. Er schwieg dann, um ungehindert seinen Gedanken folgen zu können. War es wirklich so, daß ihn davor bangte, Anne-Dore möchte allzu tief und allzu menschlich im Bann dieses Mannes stehn, den er bewunderte mit heimlichem Neid? Ja, er hatte wahrhaftig den Wunsch, Anne-Dore möchte auch ihn ein wenig anders beachten, als nur auf jene freundlich gelassene Art, in der sie ihm hin und wieder flüchtig gehörte. Meistens nur dann, wenn er über Pastor Jacoby und dessen Auslegungen sprach, wenn er sie mit anderen Auffassungen verglich und dem Mädchen bestätigen konnte, daß keine feinsinniger und tiefer erfaßt waren als die seinen. Und unbewußt war ihm Pastor Jacoby beinahe um dieses einen Umstandes willen lieb geworden.

Nun, da er so neben ihr hinschritt, schämte er sich plötzlich dieser Wahrheit, und tief in seinem Herzen tauchte ein neues Bewußtsein auf, das ihn eigen und wehmütig erregte. Wie nun, wenn er die Führung seines Gottes darin erkennen durfte, daß er gerade in dieses Haus und an die Seite dieses Mädchens gekommen war? Daß ihm der Herr in seiner unergründlichen Freundlichkeit hier einen Fingerzeig für sein künftiges Leben gab und eine Bestimmung sie zusammengeführt hatte und einst ganz vereinen wollte?

Er erschrak und wies den Gedanken von sich. Er lag ihm anfänglich doch zu nah bei seiner Bewunderung für ihre Frömmigkeit. Ihm war, als betaste er mit solchen Wünschen ein Eigentum des Erlösers, als versündige er sich gegen ein erwähltes Kind des Himmels. Aber der Gedanke kehrte wieder und immer wieder und überwand ihn. Er war neben einen Schatz von viel Schönheit und Tugend gestellt worden, und gewiß nicht ohne eine Fügung des Himmels. Und unter Gebeten und wohlverborgen allen Menschen, beschloß er diesen Schatz zu heben.

Alle Ideale eines vollkommenen Christentums und alle Vorstellungen von einer untadeligen Gattin vereinigten sich ihm mehr und mehr in der Person Anne-Dores, und machten ihm bald das Herz warm in Form von langen inbrünstigen Gebeten und bald in einer sehnsüchtigen Schwärmerei. Und beide Formen flossen wehmütig ineinander über, und ihn verlangte bald nicht mehr sonderlich heiß nach ihrer klaren Trennung.


Es war in diesen Wochen gewesen, als eines Mittags ein kleiner hoher, zweirädriger Wagen von bestechender Eleganz und fast zerbrechlicher Leichtigkeit in der Nähe des Wendelschen Wohnhauses auf dem schmalen Fahrweg hielt. Anne-Dore stellte ihre Arbeit im Garten ein, wo es am Weinstaket der Veranda zu tun gab, und schaute neugierig hinüber, angezogen durch helle, feste Stimmen und frohes Lachen. Sie sah zwei junge Herren in englischen Anzügen, fein und knapp gekleidet, wie sie vom Wagen sprangen, der eigentlich in federnder Schwebe zwischen den hohen Rädern nur ein einziges Sitzbrett hatte. Der Jüngere von ihnen warf die Zügel um eine kleine Kiefer am Wegrand, wobei er das Bäumchen nicht gerade sonderlich schonte, und dann schritten die beiden über das unbebaute Stückchen Heideland, das schmal und verwildert Wendels Garten vom Wald trennte. Dieser Landstrich gehörte der Stadt, soviel Anne-Dore wußte, sie pflegte dort ihre Wäsche zu trocknen und zu bleichen. Die Herren schienen etwas zu vermessen, sie gingen auf und ab, zählten die Schritte, schauten nach dem Stand der Sonne und prüften den Boden. Hin und wieder verstand das Mädchen ein lauteres Wort, konnte aber die Absichten der beiden nicht erraten. Der Ältere zeichnete in sein Notizbuch, steckte Stöckchen in den Boden und schien mit seinen Erfahrungen zufrieden. Der andere langweilte sich scheinbar bald dabei, er hieb nachlässig mit seinem Stock in die jungen Huflattichblätter am Wegrand, klopfte dem Pferd den schlanken glänzenden Hals und sah hin und wieder zu ihr in den Garten hinüber. Er konnte sie nicht erblicken, nur das Haus schien ihm zu gefallen, er ging ein paar Schritte am Garten entlang und schaute zu den umgrünten Fenstern hinauf.

»Mark,« rief da der andere von oben, »schreibe auf: zehn Schritte vom Waldrand und zwanzig vom Weg. Es geht ausgezeichnet!«

Der Angeredete winkte ab.

»Kind,« gab er zurück, »wozu hast du dein Notizbuch!« Und er fing an, am Zaun des Wendelschen Gartens Heckenrosen abzuschneiden. »Verflucht«, hörte sie dann plötzlich und gleich darauf das zwitschernde Geräusch von saugenden Lippen an seinem Finger.

Anne-Dore hatte schon darüber lachen müssen, daß er diesen großen Menschen da oben mit »Kind« anredete, aber das hätte wahrhaftig auch auf Friedberg gepaßt. Nun, da er sich auch noch gestochen hatte, wurde ihr ordentlich lustig zu Sinn. Das schadete ihm nichts, so frech wie er war. Daß er geflucht hatte, war ihr gar nicht recht ins Bewußtsein gedrungen, sie hätte es sicher nicht verziehen, aber er hatte es mit einer Stimme gesagt, bei deren Klang es so seltsam wie ein natürlicher Schmerzenslaut wirkte, daß es jedenfalls auch ihrem Vater nicht aufgefallen wäre.

Jetzt sah sie sein Gesicht. Er hörte gar nicht auf, ihre Blumen zu stehlen, hatte schon einen ganzen Strauß und schnitt unbesorgt weiter, bog Äste nieder und knickte sie ab, rücksichtslos und erfreut. Dore fand es nett, daß er Blumen mochte, darüber verzieh sie ihm seinen Raub. Und auch, weil sein Gesicht ihr gefiel. Sie gestand es sich nicht zu, aber es zog sie an, schmal und leicht gebräunt wie es war, mit Augen, die ihr grau erschienen, und braunem Haar, das unter der englischen Kappe hervordrängte, weich und voll.

Das Pferd riß sich los. Es warf den Kopf unruhig, scheinbar gequält durch ein Insekt. Dann hob es sich rasch und schmerzvoll mit erregtem Schnauben, schlug und bäumte.

Mit zwei, drei Sprüngen war der Blumendieb beim Wagen.

»Verdammte Canaille!«, rief er hell und fing die flatternden Zügel mit sicherer Hand. »Schmeiß mir die Karre noch kaput, dummes Luder!«

Aber dann sprach er beruhigend und gütig auf das zitternde Tier ein, suchte nach der Ursache seiner Angst, ohne sie zu finden. Wieder stieg es schnaubend empor. Wie fest die schmale, weiße Hand den Zügel hielt. Jetzt wurde es ernst. Der Rosenstrauß flog auf und zerflatterte wild in der Luft und am Boden. Es gab ein zorniges Ringen. Von oben lief der Freund in langen Sprüngen herbei.

Sie bändigten das scheue Tier. Eine Pferdebremse mußte die Ursache gewesen sein. Dann saßen sie rasch und sicher von zwei Seiten wieder nebeneinander oben und das Tier zog mit kräftigem Ruck an, befreit und in weitausholendem Trab.

Da lagen die schönen Rosen im Staub der Straße. Anne-Dore schickte Lotte und ließ sie holen. Es wäre schade um die Blumen gewesen, wenigstens sollten sie nun den Mittagstisch schmücken, rasch verwelkt, wie sie sein würden.

Beim Essen erzählte sie den kleinen Vorfall, der sie seltsam erregt hatte. Sie war ihrem pochenden Herzen mit der Hand zu Hilfe geeilt, als der junge Mensch sich so kühn und mit der Gefahr vertraut um das bäumende Tier bemühte. Und doch war sein Erfolg ihm leicht und selbstverständlich gewesen. Sie schaute freundlich auf die Blumen, die Lotte ins Wasser getaucht hatte, um sie vom Staub zu säubern. Sie strömten nun im Schatten schwach und fein ihren zärtlichen süßen Geruch von Honig und Sonne aus.

Friedberg wußte Bescheid. Es würde wohl gebaut werden. Natürlich. Was denn sonst? Und die beiden Herren waren der Baumeister und der Besitzer gewesen.

Anne-Dore widersprach. So sähe kein Baumeister aus. Sie wußte nicht recht, weshalb, aber einen solchen Mann stellte sie sich viel älter vor, mit einem Vollbart und einer leichten Neigung zu Kopfschmerzen.

Herr Wendel mußte lachen.

»Aber ich glaube auch nicht, daß dort gebaut wird«, meinte er. »Es gibt schönere Orte in der Nähe, auch ist ja hier kaum Platz für einen Garten, den will man doch für gewöhnlich.«

Man einigte sich nicht, obgleich man fast unermüdlich bei diesem Thema blieb, Friedberg, um Anne-Dore zu ehren, die es begonnen hatte, und Herr Wendel, weil ihm ehrlich der Wunsch am Herzen lag, man möchte ihm dort kein Haus zwischen seinen hübschen Besitz und den Wald bauen.

Noch am Abend mußte Anne-Dore immer an den Vorfall denken und an seinen Helden, der Mark hieß. Sie konnte nicht einschlafen, wollte sich zwingen und verlor darüber den Rest ihrer Müdigkeit. Es war schon spät und eine warme Nacht. Der Mond stand in wandernden Wolken, aber man hörte keinen Wind. Sie hatte ihr Licht gelöscht, und im Bann einer ganz fremden Traurigkeit schaute sie ruhig von ihren Kissen aus, wie am Boden bald klar und weiß der helle Schein vom Himmel lag, wie es bald grau und still über ihn hinzog und wie darüber lautlos ihr Zimmer versank. Wenn es dunkel wurde, wünschte sie sich, er käme wieder, der weiße Schein, sie sah dann die Gegenstände im Zimmer, die schliefen, die Sprüche an der Wand, ihren Schreibtisch und die bunten Rücken ihrer Bücher auf dem kleinen Wandbrett. Sie konnte sie alle erkennen, am Tischrand lag aufgeschlagen ein Predigtbuch des Engländers Spurgeon, das Friedberg ihr in einer neuen Übersetzung geschenkt hatte. Was er dazu sagte, hatte ihn verraten. Es war ihm daran gelegen, ein Gegengewicht gegen den Einfluß Pastor Jacobys zu bieten, dessen Wirkungen ihm zu nachhaltig wurden. Sie mußte lächeln. Er war wirklich allzu besorgt, der Brave. Wieder senkte sie Müdigkeit lau in halbe Träume, in Träume, die Gedanken waren, und in Gedanken, die von Träumen überwunden wurden.

Warum erschien es ihr, als betaste die unbedachte, von keinerlei Harm und Milde geschwächte Kraft, die ihr heute so neu und frisch entgegengelacht hatte, die feierliche Schönheit ihrer Seelenwelt? Es lagen vage Sehnsüchte in ihr miteinander im Streit. Irgendwie wurde ihr Glück verhöhnt, nicht frech und mit bewußter Anmaßung, auch nicht mit Groll und Haß, nein, wie mit dem Achselzucken einer jugendlichen Erdensicherheit. Konnte denn solche Kraft bestehen, eine Gewalt, so aller Freude gewiß, so gesund und froh, neben den blutigen Siegen des Erwählten, der die Welt überwunden und der auch ihren Frieden hüten wollte?

Sie ertappte sich darüber bei der seltsamen Vorstellung, die sie bisher von gottlosen Weltmenschen gehabt hatte. Von Weltmenschen, wie ihr guter Vater sie sah und wie ihre Mutter sie fürchtete. Nur durch den Trotz der Sünde waren diese Gestalten erhoben, an ihren Stirnen brannte das Mal der Verfluchten, und sie eilten in einem Rausch falscher Freuden über die Erde, wie von der Unrast eines bösen Gewissens gehetzt und ohne einen Schein wahren Glücks.

Ein Gefühl von tiefer Beschämung beschlich sie. Nein, so hatte sie sich diese Menschen doch nicht ganz gedacht, aber sie merkte nun, daß sie keine klaren Bilder von ihnen und ihrem Wesen kannte. War das nicht ein böser Fehler im Haushalte ihrer Weltbetrachtung? Ihr war, als sei sie plötzlich nur deshalb von einem Feinde überrascht worden, weil sie es nie für gut befunden hatte, seine Art und seine Macht unbefangenen Sinns zu prüfen.

Es wurde wieder hell im Zimmer, ein klarer Glanz siegte, weiß, rasch und doch feierlich. — Nun schritt sie im Mondlicht am Garten entlang, brach mit eigensinnigen Fingern die Knospen der Heckenrosen, die Zweige raschelten, wenn sie zurückschnellten, und die verblühten Rosen entblätterten sich ins Laub. Mit einem Schmerzensruf zog sie die Hand zurück und sah aus ihrem Finger rote Tropfen steigen, einen nach dem andern. Sie legten einen kleinen blutigen Weg um ihren Finger zurück und zersprangen im Staub der Straße. Ratlos schützte sie mit der anderen Hand ihr langes weißes Kleid, das im Mond glänzte, und erschrak furchtbar, als sie erkannte, daß es ihr Hemd war. Da kam über den Weg mit raschen festen Schritten der Fremde vom Mittag, er ergriff ihren Arm, neigte sich über ihre Hand und sie fühlte, wie er die Wunde an ihrem Finger zupreßte.

Mit einem Schauer erwachte sie und mit einem lauten Schrei.

Das Zimmer war tief in Finsternis gehüllt, sie erkannte kaum das Fenster. Man hörte den Wind sausen, die Bäume schüttelten sich, jählings erwacht, und ihr war es, als schlügen Tropfen auf das Verandadach.

»Ich bin traurig«, sagte sie leise und wunderte sich über ihre Worte, die sie nicht hatte sagen wollen.

Was wollte dieser seltsame Traum, der ihre Gedanken überholt hatte, als fände er sie gestaltlos und krank? Hilflos und von einer fremdartigen Angst gequält, die sie nicht kannte, die etwas von den Nächten ihrer ersten einsamen Erfahrungen hatte, stand sie auf und tastete nach dem Licht. Da sie es nicht fand, ließ sie sich im Dunkeln vor ihrem Bett auf die Knie nieder und über ihrem Gebet schlief sie ein, die Schläfe auf den gefalteten Händen und schwer auf den alten Sessel gestützt, auf dem ihre Kleider lagen.

Nun kam wieder der Mond, zögernd, als schiene er durch feine Schleier, dann blendend und klar wie in einem ehrlosen Triumph ohne Neid und Güte.