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Blut: Eine Erzählung

Chapter 6: Fünftes Kapitel.
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About This Book

Die Erzählung schildert das Leben eines jungen Mädchens, das an der Grenze eines Buchenwaldes und einer weiten Heide aufwächst und in der Natur einen festen Bezugspunkt für ihr inneres Empfinden findet. Sie lebt zurückgezogen, empfindet Distanz zu den streng frommen Eltern und ringt mit unausgesprochenen Zweifeln und einer stillen Sehnsucht nach sinnlicherer, eigenständiger Erfahrung. Tagesrhythmen, Gebete und häusliche Erinnerungsstücke prägen ihre Umgebung, während nächtlicher Sternenhimmel ihr Trost bietet. Später verbreiten sich Gerüchte über einen neu zugezogenen jungen Mann, dessen Auftauchen das ruhige Dorfleben verändert und neue soziale Spannungen andeutet.

Fünftes Kapitel.

Sie hatten nun erfahren, Herr Missionar Wendel und Kandidat Friedberg, daß ihre Schlüsse falsch und ihre Besorgnis unnötig gewesen waren, denn die Arbeiten, die drüben am Waldrand nach wenigen Tagen begonnen wurden, unterrichteten sie darüber, daß ein Tennisplatz angelegt wurde. Die Vorbereitungen gingen rasch und sicher vonstatten, bald erhoben sich hohe dünne Drahtstakete vor dem Grün des Waldes, der Boden wurde prächtig geglättet und mit Lehm überstampft, durch schmale eingesenkte Holzleisten in große und kleine Rechtecke eingeteilt, und ein hübscher kleiner Zaun aus gekreuzten Weidenstämmchen und Zweiggeflecht trennte dies Heiligtum irdischer Lust von der schmalen Fahrstraße, die schon ein paar hundert Schritte weiter in einen Feldweg überging. Vierzehn Tage hindurch schnarchten kleine Sägen schon früh bei Sonnenaufgang, Handbeile zersplitterten frisches Gebälk, und Hämmern und Klopfen weckte die Bewohner des ruhigen und verschonten Hauses. Frau Wendel war nicht sehr erbaut durch diese Erscheinungen, aber da der Vater sie mit gutem Humor ertrug und sogar einmal den beiden jungen Leuten die Hoffnung machte, auch für sie möchte sich nun wohl Gelegenheit bieten, einmal mitzuspielen, ließ auch die Mutter beruhigter diesen Dingen ihren Lauf, die in der genußsüchtigen Welt nun einmal nicht zu ändern waren.

Eines Tages klingelte es gegen Mittag unfreundlich und eindringlich. Anne-Dore sah im Wohnzimmer den Freund ihres Blumendiebes im Gespräch mit ihrem Vater, und erfuhr später, daß um die Erlaubnis nachgesucht worden war, das Tennisnetz und die Bälle über Nacht im Hause unterbringen zu dürfen. Herr Missionar Wendel hatte es gern erlaubt, Lotte würde es ihnen stets auf Wunsch aushändigen, und für den Fall einmal alle ausgeflogen wären, würden die Herren ihre Geräte im Gartenhaus verwahrt finden, wohin sie leicht durch das Hinterpförtchen gelangen könnten.

»Es war wirklich ein höflicher und liebenswürdiger junger Mann, der aus gutem Hause sein muß«, erzählte er den andern. »Es ist ja verständlich, daß sie uns bitten, wie umständlich wäre es, das schwere Netz jedesmal hin und her zu schleppen.«

Das wäre nun freilich keine allzu große Mühe gewesen, denn sie kamen bald darauf für gewöhnlich in ihrem kleinen Wagen, bald auch zu Rad, und manchmal fuhren sogar mehrere Droschken vor, ein Luxus, der Herrn Wendel ungebührend und bedauerlich erschien. »So junge Leute ... «, sagte er mit Kopfschütteln.

Nichtsdestoweniger schaute er ihrem bunten Spiel gern und oft zu. Es war ein prächtiger und für Anne-Dore ganz ungewöhnlicher Anblick, der sie an ihre alten Träume von leichtfertiger Daseinslust und großem Leben erinnerte. Dies helle Lachen war verführerisch, wie das Lied der Waldvögel einem gefangenen Sänger im Käfig erscheinen mußte, es lockte heimlich an und überredete das Herz zu neuen Wünschen. Sie sah die geschmeidigen jungen Körper dort drüben wie im Flug ihrer fröhlichen Rufe. Das Lachen klang in den Sonnenschein, wie der Triumph einer Lebensfreude, die unbestechlich war und nie zu überreden. Jugend hieß das große helle Recht, das dort selbstherrlich und ohne Bedacht den Beglückten die Brust weitete, und aus den frohen Blicken leuchtete es wie Licht, wie Glück. Anne-Dore beobachtete alles, sie sah die prächtigen hellen Kleider der jungen Damen, Kostüme, die einzig für dieses Spiel erdacht schienen, das goldene Blondhaar in der Sonne, bestürmt vom seligen Eifer kindlicher Kämpfe, die leichten weißen Anzüge der jungen Herren, ihre feinen bunten Hemden, deren weicher Fall den schlanken Körpern ihr Recht an Luft und Sonnenschein ließ. Wie schwerfällig und müde erschien ihr darüber oft ihr eigener Körper, und ihrer Seele ward oft der Flug so schwer, heim, in das Dämmerland früher Würde und kühler Resignation. —

»Die Damen kreischen, manchmal kreischen sie verletzend und springen zu hoch«, sagte Friedberg, und wußte nicht, daß er Anne-Dore mit diesen Erkenntnissen zu trösten hoffte. Er ereiferte sich für die eigene Welt, für ihre Welt, wie er sie nannte, und ahnte nicht, wie sehr sein Lob ihr den Glanz der himmlischen Güter trübte. Anne-Dore fühlte sein Bedürfnis, in dem er wieder und immer wieder ein Gefühl von Gemeinschaftlichkeit zu betonen suchte, das sie und ihn in ihrem Glauben verband, und empfand es wie einen Mißbrauch, der sie quälte. Sie kämpfte ihre Mißachtung nieder, aber ihr schien, als ehrten ihre heimlichen Siege ihn wenig, und sie wünschte sich ein Zartgefühl bei ihm, das ihr solche Milde erließ.

Sie saßen miteinander im Garten, an einem warmen Nachmittage in diesem schönen Frühling, der nun schon auf den Sommer zuging. Drüben wurde Tennis gespielt, die hellen knappen Zurufe und der lustige Zorn mancher harmlosen Streitigkeit flatterte über den trägen Strom ihrer eintönigen Unterhaltung hin. Anne-Dore dachte daran, wie sie diesen Morgen zu dreien miteinander in die Kirche gegangen waren, feierlich, schwarz und still, gerade als drüben die beiden Freunde mit ihrem Wagen zum Spiel anlangten. Sie hatten gegrüßt, fast ohne sie anzuschauen, und Anne-Dore war rot geworden. Sie hatte es mit Angst und Herzeleid gefühlt. Wie herausfordernd trug Friedberg sein Gesangbuch, so bekenntnisfroh und glaubenssicher. War er zu beneiden? Gewiß nicht. Wie er nun wieder so kränkend zuversichtlich von seiner Innenwelt sprach, in der ihn niemand bedrängte, deren einfältige Kraft sicher in den Beschränkungen ruhte, die seine derben und schlichten Anlagen ihm zogen. Sie mußte an das Wort Christi denken: »Wer da hat, dem wird gegeben«, und fand die Lösung nicht, die angesichts dieses Verschonten ihre Kämpfe und ihr Schmerz erheischten. War ihm nicht alles gegeben, das nur immer ein gläubiger Christ sich wünschen konnte? Aber nun plötzlich wußte sie und ihre Stirn sank ein wenig: die Gaben und ihre Herrlichkeit, von denen hier die Rede war, hatten nichts gemein mit jener selbstgefälligen Genügsamkeit und ihrem Glück. Es bedurfte anderer Reichtümer, denen noch gegeben werden sollte, und diese Gaben waren so bitter und belastet mit zeitlichem Herzeleid, daß über ihnen eine ewige Krone unberührbarer Schönheit in ein künftiges Reich hinüberglänzen sollte. In ein Reich, das nicht verging, in dem wohlverwahrt jedes Leid gekannt wurde, als dürfte es nie verloren gehen, als habe die Erde nichts getragen, das hoheitsvoller gewesen wäre und der göttlichen Liebe vertrauter. Und sie schämte sich ihrer Kämpfe nicht mehr, und kein Kummer schien ihr zu gering, und keine weltliche Freude barg einen Ersatz.

In ihre Gedanken hinein, von denen Friedberg im matten Eifer seiner Beredsamkeit nichts ahnte, und in die durchsonnte Stille des mittäglich schlummernden Gartens flog es da plötzlich mit hellem Rascheln durch die Baumzweige, schlug auf am Wegrand und sprang mit rotem Lachen in das dunkelgrüne Laub des Efeus. Ein Tennisball! Er rollte vor die Laube, besann sich noch ein Weilchen in leichtem Schaukeln und lehnte sich dann beruhigt an Friedbergs Stiefel.

Der Kandidat sprang auf und zog ein Gesicht, als habe man ihn beleidigt. Seine Arme glichen in der Luft irgend etwas aus. Er stellte fest:

»Der ist hier herübergeflogen, der Ball, von drüben offenbar.«

Das war nicht zu bestreiten, Dore mußte über seinen Schreck lachen und hob die rote elastische Kugel auf, wog sie in der Hand und prüfte mit dem Daumen ihre Federung.

»Hübsch sind die«, meinte sie. »Wollen Sie ihn nicht zurückwerfen, Herr Friedberg?«

»Zurückwerfen? Das könnte man. Aber eigentlich sollten sie ihn sich selber holen. Sie tun, als gehörte ihnen die ganze Welt!«

»Das tut sie auch«, sagte das Mädchen und erschrak über ihre eigenen Worte.

Aber Friedberg verstand sie vollkommen: Das war ein Scherz gewesen, der nur seine Meinung bestätigen sollte.

Da krachte das Staket gefährlich, und die Büsche rauschten unter einem heftigen Niedersprung. Ein wenig gebückt, mit raschen Bewegungen, frech über die Blumenbeete und den Rasen hin, schritt hastig und suchend der junge Störenfried ihres einsamen Traums. Er war im gestreiften, weißen Tennisanzug, hatte geflochtene Ledersandalen an und das Racket flog stürmisch und ohne Rücksicht in die Zweige der Büsche und schlug sie zur Seite.

Friedberg war in heller Empörung aus dem Schatten der Laube getreten, und nun begegneten sich die beiden auf dem Weg. Der Kandidat hatte den Ball in der Hand und kniff ihn, so fest er konnte, zusammen, denn irgendwo mußte sein Verdruß sich Luft machen. Einfach so in den Garten zu springen! Er vergaß nicht, »Guten Tag« zu sagen, fügte dann aber gleich hinzu: »Ich hätte Ihnen das Ding da schon zurückgeworfen.«

»Darauf kann ich nicht warten«, sagte der andere frech. »Geben Sie her. Übrigens ist ›das Ding da‹ ein Tennisball.«

Friedberg gehorchte, völlig eingeschüchtert durch diese Anmaßung. Er sah das Lächeln des anderen nicht, der wirklich gern höflich gewesen wäre, aber die Anrede, die ihn empfangen hatte, ließ es nicht zu.

»Danke«, sagte der Fremde kurz und drehte sich um.

Friedbergs geknickter Grimm war auf der Jagd nach Worten jählings durch etwas ganz Außerordentliches unterbrochen worden und hatte einem maßlosen Erstaunen Platz gemacht. Ehe noch der Fremde zwei Schritte gemacht hatte, hörte er hinter sich:

»Mark Enz! Ist es möglich? Dahin ist es also mit dir gekommen!«

Der Angerufene hielt inne, rutschte ein Stückchen auf dem Weg, weil er schon zum Laufen angesetzt hatte, drehte sich um, starrte Friedberg an und brach ohne weiteres in ein schallendes Gelächter aus.

»Der Helferich!« rief er jubelnd. »Gott schickt mir wahrhaftig deine graue Seele noch einmal über den Lebensweg. Gib die Hand, Dicker, laß dich umarmen. Natürlich, wer hätte das auch anders sein können, einem wegen eines Sprungs in den Garten moralisch zu kommen. Was tust du hier in diesem Bethaus?«

»Mäßige dich, Mark«, rief Friedberg entrüstet, lachte aber doch in der Freude dieses Wiedersehens und begrüßte den Kameraden aus der Schule und von der Universität herzlich. Er hielt seine Hand fest, drehte ihn um, und nun stand der Fremde vor Anne-Dore.

Niemals in seinem Leben hat Markus Enzheim den Eindruck vergessen, den dies Bild in seine Seele grub. In der gedämpften Sonnenhelle der Laube hob sich vom dunklen Laubgrund schmal und bleich ein Mädchengesicht, tief überschattet von einer mächtigen Fülle dunkler Haare, deren Nacht die weißen Augenlider in einen matten Schein von silbrigem Schattenblau legte. Tiefschwarz tauchten die langen Wimpern in das bekümmerte Blaß der Wangen. Voll, breit, fast ein wenig zu groß schien ihm dieser schüchterne, schlafende Mund, und das Oval des Gesichts schimmerte, weißlicher Marmor, ohne einen Schatten und ohne eine Linie über dem dunklen Kleid, nie berührt, von keiner Güte und keiner Glut, kindlich und rein, ein Eigentum dessen, der es erschaffen.

Es war nur ein rasches Bild gewesen, aber eindringlich und erhaben, wie ein Zuruf des Lebens selber an die Begnadeten, die es seiner Schönheiten würdigt. Dann hatte ihm Friedberg ihren Namen genannt und ihr den seinen. Mark Enz, das wäre nur eine Abkürzung aus der Jugendzeit, von der Schule her, eigentlich hieße er Markus Enzheim.

Anne-Dore gab ihm die Hand. Darüber und als er sie ergriff, versank ihm das Bild, das ihn überrascht hatte, als wäre plötzlich in einer Kirche ein Vorhang von einer Seitennische gehoben, und als hätte aus dem Glanz der heiligen Geräte im Dämmerlicht der bunten Scheiben Maria selbst ihn angeschaut. Nun war alles wirklich. Es war ihm lieb, daß Friedberg ihn mit Fragen und Einzelheiten überschüttete; die nahmen ihn nicht in Anspruch, aber sie hielten ihn hier fest. Erst trat er noch kurz aus der Laube, schwang den Ball, und mit einem lauten Zuruf schleuderte er ihn in einem weiten Bogen zurück auf den Spielplatz. Es war, als ob seine hellen klaren Worte die rote Kugel mit sich rissen und trugen, wie sie hoch das lichte Blau des Himmels durchschnitt, eintauchte in den grünen Hintergrund der Bäume und sich, nach lautlosem Aufschlag am Boden, bei ihrem Sprung im Drahtnetz verfing. Man sollte für ihn eintreten, er käme sogleich. Fragen kamen zurück, ohne sie zu beantworten, trat er wieder zu den beiden und nahm den Gartenstuhl, den ihm Friedberg über den Tisch hob.

Er saß gegen das Licht. Nun da er mit dem Kandidaten sprach, anfangs immer ein wenig zurückhaltender und kühler als jener, sah Anne-Dore, daß er schlanker und kleiner war, als er beim Schreiten und unter seinen Bewegungen erschien. Gegen den helleren Eingang der Gartenlaube erblickte sie sein Gesicht nur undeutlich, zuweilen aber sein Profil, das ihr weich und vornehm im Schatten erschien, aber herb und fast scharf, wenn bei einer Biegung seines Kopfes ein Lichtschein darüber hinglitt. Sie lauschte auf seine Stimme, fast ohne auf das zu achten, was er sagte. Was konnte es wohl viel sein, da es doch Friedberg galt. Diese Stimme war sonderbar melodisch und veränderbar, wie das Schatten- und Lichtspiel unter dem Laub der Büsche am Boden. Sie fügte sich dem Sinn seiner Worte, als wollte sie jedem seinem Wesen nach ein anderes Gewand geben, und seine Bewegungen, die Wendungen seines Kopfes, die Gebärden seiner Hand schlossen sich diesem feinen Spiel in so vollkommener Harmonie an, daß Anne-Dore eigentlich nur einen Eindruck hatte, den einer lebensvollen, ein wenig bedächtigen und warmen Musik. Manches erschien ihr von großer Anmut, wurde aber wieder und wieder so keck und gleichgültig durch eine abweisende Energie der Bewegung verworfen, daß es ihr niemals weichlich erschien. Hier zeigte sich ihr zum erstenmal ein Wesen, das nicht um die Tugend seiner Gebärden zu ringen schien, sondern das sie zu verbergen trachtete.

Würdigte er denn wirklich Friedberg all dieser Liebenswürdigkeit, dieses feinen Eingehens auf jedes seiner Worte? Auch der Kandidat wühlte befangen im Schatze seiner Erinnerungen. Er kannte Mark Enz nicht wieder. War das der rücksichtslose und spöttische Kamerad, der es nie für der Mühe wert erachtet, ihn ernst zu nehmen, der ihn früher nur gebraucht hatte, um seinen Fehlern zur Lust der andern ihre treffenden Namen zu geben, der in Schweigen verfallen wäre, wenn er mehr gefordert hätte, und der hochmütiger gewesen war, als auch die eifrigste Liebe ertrug?

Friedberg entschloß sich, etwas unsicher, zu der Ansicht, daß Mark Enz sich doch sehr zu seinem Vorteil verändert haben mußte, obgleich er undeutlich empfand, daß jener auch damals schon anders hätte sein können, wenn es nur sein Wille gewesen wäre.

Nun wandte Mark Enz sich an Anne-Dore, und plötzlich, wie er nun in seiner Unterhaltung mit ihr jeden, aber auch jeden Einwand Friedbergs ignorierte, erkannte der Kandidat bestürzt den alten Gefährten wieder, den er gehaßt und geliebt hatte. Undeutlich empfand er, tief verstimmt, die Rolle, die er hier eben hatte spielen müssen, gerade wie einst, diesem geschmeidigen Willen ergeben, der zu seinem Erfolg mißbrauchte, was immer ihm gefiel, und dem jede Anmut, jede Lüge und jede Tugend zu dienen schienen. Alle Liebenswürdigkeit, die da vor ihm aufgeboten worden war, hatte nicht ihm gegolten, wollte nichts von ihm.

›Pfui‹, dachte Friedberg, bitter und erbost. Er beschloß, durch dumpfes Schweigen zur Last zu fallen und keine Frage mehr zu beantworten. Aber es wurde ihm nur für seinen ersten Plan Gelegenheit geboten.

Jedoch die Liebenswürdigkeit und das bezwingende Lächeln des andern waren wie ausgelöscht. Er sprach ernst, fast zögernd, ja beinahe abwesend, schien es nur gezwungen zu tun, und aus Höflichkeit und der Ausdruck seines Gesichts war fast traurig. Gierig verfolgte Friedberg jede Regung, aber er erkannte keine Absichten. Da lächelte er ironisch und überlegen und verschränkte die Arme. Mark Enz sah es und zog mit innerlichem Lächeln einen Schluß daraus.

Da Anne-Dore dem Fremden anfangs nur schüchtern und leise antwortete, ließ er ihr Zeit und erzählte. Erst vom Spiel. Aus seinen Augen lachte die Freude daran, er schien ihm mit Hingabe und Leidenschaft ergeben; dann, ganz von selbst und ohne Stocken, kam er auf andere Dinge, sein Eifer schien kindlich, seine Worte waren bunt. Anne-Dore entstanden Bilder unter diesen raschen biegsamen Sätzen, die, wunderbar geschmeidig und zäh gefügt, allein notwendig in dieser Form und sicher, wie mit heimlichem Zauber, ihr Herz in die Welt seiner Gedanken hoben.

Auch sie begann nun, wie ohne ihre Absicht und doch bereitwillig, zu sprechen. Er kam ihren scheuen Gedanken entgegen, gab ihnen ohne erkennbare Hilfsbereitschaft ihre rechten Namen, und antwortete ihr auf eine Art, die seine Achtung vor jedem ihrer Gefühle verriet. Nur eins konnte er nicht, sie fühlte es rasch und versöhnt mit jeder seiner Gewandtheiten: er konnte keine Zugeständnisse machen. Nie ließ er sich herbei, um ihr in Dingen recht zu geben, die er nicht liebte, wie sie. Wohl erschien es ihr, als wünschte er ihr zu gefallen, aber er setzte mit Selbstbewußtsein voraus, daß dies nur möglich sei, wenn er seine Art betonte und seine Welt heilig sprach. Das war es, was sie ihm heimlich dankte.

Einmal widersprach sie ihm, ja sie unterbrach in einem Eifer, der ihr fremd war, seine Worte und heischte eine Erklärung. Er besann sich, dann meinte er kurz:

»Ich kann sie Ihnen heute nicht geben. Bei Ihrer Jugend darf ich die Erfahrung nicht voraussetzen, die für ihr Verständnis notwendig wäre.«

Sie schwieg. Friedberg war für sie gekränkt. Er mischte sich hinein und sagte mit einem Ton milder, fast väterlicher Überlegenheit in der Stimme:

»Nun, wo da von Erfahrung die Rede ist, lieber Mark, meine ich doch, daß eine menschliche Reife den Ausschlag gibt, und ob wir da nicht auf verschiedenen Wegen zu ganz ähnlichen Höhen gelangen können, ist fraglich. Gerade was die Reife betrifft, weiß ich bei dir nicht recht. Auf welche Wissenschaft stützest du dich, bei deiner Sicherheit, die vielleicht ein wenig ... nun weißt du ... ich will sagen — vorschnell ist ....«

Er hatte bei seinen Worten die Hand erhoben, und Mark betrachtete, während jener sprach, ruhig diesen zahmen weißen Finger, wie er sich warnend und langsam in der Luft hin und her bewegte. Er folgte ihm gelassen mit den Augen, schien Friedberg ganz zu vergessen und unterbrach ihn nicht. Das erstaunte den Kandidaten, er geriet ins Stocken und betrachtete seinen Finger auch. Darauf senkte sich dieses hilfsbereite Glied tölpelhaft und beschämt, machte sich am Knie allerlei zu schaffen, und sein Gebieter wurde langsam rot.

»Wie?« fragte er und sah Mark Enz durch die Brille an.

»Ich habe nichts gesagt«, antwortete jener. Aber er ließ nun den Finger des Kandidaten mit seinen Blicken los und sah in den Garten hinaus, weil ihn die Verlegenheit seines Gegners quälte.

Friedberg lachte. Seine ganze Niederlage lag in diesem Lachen voller Zugeständnisse an den einfachen Sieg seines Gegners, und es gefiel Anne-Dore wohl, daß Enzheim keine Miene machte, seinen Erfolg in kleinlichem Triumph einzustreichen.

Friedberg wurde redselig, ihm lag an einem Ausgleich. Es war, als fühlte er sich nun dem alten Freunde gegenüber wieder am rechten Platz. Und Mark Enz überließ ihm diesen Platz und die Unterhaltung.

Die veränderte Stellung der drei zueinander und Friedbergs Worte nun, wirkten auf Anne-Dore wie eine plötzliche Stille. Sie sah mit Schrecken und Furcht auf den Fremden, der jetzt ein wenig geneigt, und den dunklen Kopf auf die Hand gestützt, schweigend auf seine Schuhe niedersah. Nun da er ihr wieder fremd erschien, fremder als je, verstand sie nicht, mit welchem Recht und dank welcher Kräfte er ihr eben noch nah gestanden hatte, wie ein vertrauter Freund. Als gäbe es Mächte in ihrer Seele, deren Leben zu erwecken nicht in ihrer Kraft stand. Ja es war ihr, als sei jener von einer Gewalt begabt, deren Rechte in seinem Geschlecht und Wesen ruhten und älter waren, als Menschengedanken zurückreichen. Aber dieser Glaube tröstete sie fast. So war nicht seine Willkür allein in ihr verschlossenes Reich gedrungen, sondern ein Wille, höher als seiner und stärker als der ihre, eine Vorsehung, der sie beide ergeben waren. Sie empfand nur unbestimmt, wie dies Wunderbare über sie gekommen war, aber ihre scheuen Regungen, die sie nicht verstand, spielten hinüber zu ihm, der sie erweckt, und ließen über seinem Scheitel einen ersten Dank ihres Herzens, der unschuldiger war, als daß ihn irdische Gedanken ereilen.

Stand er denn auf? Ging er fort? Selbstverständlicherweise und höflich gelassen, als sei nur dies noch nötig? Als er ihre Hand drückte, flog etwas in ihrer Seele auf wie Zorn. Nahm er denn wissenlos und ohne Dank nun alles mit fort? Auf seine Frage, die sie nur undeutlich zu hören glaubte, antwortete sie verwirrt; ja, es wäre ihr lieb, wenn er wiederkäme. — Mußte man das nicht, schon aus Höflichkeit? Er war sicher reich und aus vornehmem Hause, da durfte man nicht undankbar erscheinen, wenn er eine Freundlichkeit anbot. — O wie diese flachen grauen Gedanken plötzlich mit lügnerischem Ernst ihren Sinn beschatteten.

Friedberg begleitete den Freund an die Gartenpforte.

»Höre,« sagte Mark Enz, »du tust das Deine, damit es mir möglich wird, hier hin und wieder vorzusprechen.« Er sprach erregt, sein Atem ging hart. Er schien seine Worte zu bereuen.

»Ich will mich gerne bemühen, Mark, aber was kann ich denn tun? Ich bin in diesem Hause selbst ein Fremdling. Und welchen Sinn hätte es schließlich auch, du und diese Leute.«

Enzheim blieb stehen. Sie waren weit genug von der Laube fort.

»Dicker, sei löblich«, sagte er barsch. »Du denkst natürlich, ich täte dir nun den Gefallen, zu sagen: ›Lieber Helferich, nur du und deine Freundschaft ziehen mich in dieses Haus.‹ Ich gedenke dies nicht zu versichern. Denn erstens wäre es eine Lüge, und zum andren hättest du das bestimmte Gefühl, mich durchschaut zu haben. Ich komme einzig deshalb, weil ich Fräulein Wendel, oder wie sie heißt, näher kennen lernen möchte.«

Friedberg fühlte sich sehr unbehaglich. Er beschloß einen Anlauf zu seiner alten Würde, die er in Jahren der Trennung mühsam errungen hatte, verwarf ihn aber rasch und sagte fast bittend:

»Laß das sein, Enz. Es hat keinen Sinn. Wirklich nicht. Die Gesinnung der Dame macht auch jede Annäherung unmöglich, daß du es weißt.«

»So? Was für eine Gesinnung hast du entdeckt?« fragte Enzheim in einem Spott, der nur in seiner Höflichkeit lag.

»Sie ist eine gläubige Christin und sehr fromm«, sagte Friedberg mutig. Er machte heimlich Fäuste und wartete trotzig auf die Antwort.

Sie kam leise und freundlich:

»Du gottsverfluchter Heuchler von einem Kandidaten. Schiebt der Kerl wahrhaftig die Bibel als Riegel vor sein Jagdgebiet. Gib das auf, Dicker, hast du gehört?«

Friedberg war wütend.

»Ich werde mich keine Minute besinnen, Markus Enzheim, Fräulein Dore Wendel von deinen Worten Mitteilung zu machen. Das ist eine Infamie! Solange ich in diesem Hause wache, betrittst du es nicht wieder.«

»So«, sagte Enzheim, »also du machst dem Mädchen Mitteilung von meinen Absichten und meiner Bitte. Sieh mal, das ist es, was ich wollte.« Er sagte es ruhig und stillvergnügt, und war sicher, daß der andere nun auf Tod und Leben schweigen würde.

An der Pforte lenkte er ein.

»Also auf Wiedersehen, Dicker. Lerne Scherz ertragen. Und Grüße an die junge Dame.«

Er ging leicht und rasch über den Weg und schien alles vergessen zu haben. Friedberg spürte noch den festen Druck seiner Hand. Der Freund erschien ihm sicher, gelassen und unvorsichtig zugleich. Als wären seine angewandten Kräfte des Gegenstandes nicht wert, oder der Gegenstand ihrer flüchtigen Unterhaltung seiner Kräfte nicht. Aber er hatte immer schon zu zwecklosen Betrachtungen herausgefordert, voller Widersprüche, wie er war. Und was hatte er da vorhin nicht über die Bibel gesagt?! Friedberg erkannte aufs neue, daß dieses Buch den Gottlosen ein Dorn im Auge war, und daß jeder, der sich zu ihm bekannte, Anfechtungen und Bedrängnisse erdulden mußte.

Drüben brachen die anderen auf, und da er gerade am Pförtchen stand, nahm er einem der jungen Herren das graue zusammengelegte Tennisnetz ab, zog höflich seinen Hut, verbeugte sich, als habe man ihn beschenkt, und ging nachdenklich in die Laube zurück, fest entschlossen, durch kein übereiltes Wort das heraufziehende Unheil zu verschlimmern.

Anne-Dore war fort.


Sechstes Kapitel.

In den kommenden Tagen malte sich Friedberg ohne Ermüden heimlich die Niederlagen aus, die Mark Enz bei seinen Annäherungsversuchen erleben würde. Er sah, wie jener unter Anne-Dores Blick und Wort zusammenschrak, plötzlich verstummte, wie vor der Hoheit eines Heiligenbildes, wie er beschämt und betroffen den Rückzug antrat und auch einmal die Kraft an der eigenen Seele spürte, die von denen ausgeht, die wahrhaftig dem Reiche Gottes angehören. Seine Phantasie arbeitete froh und angestrengt, ganz über ihr gewohntes Vermögen. Er sah Bilder, lebendig im Pathos des Erhabenen, das sie darstellen. Anne-Dores erhobener Arm wies mit kriegerischer Milde den Eindringling ab, er knickte scheu nach hinten zusammen unter dem ruhigen Glanz ihrer Augen, und fern, in einem Nebel aus Licht, erhob sich hinter ihr das Kreuz und strahlte. Er hatte einmal ein ähnliches Bild gesehen, die Erinnerung half gefällig nach, Mark Enz verdarb und ward nicht mehr gesehen.

Er redete solche Bilder laut vor sich hin, berauschte sich an ihrer Hoheit und ihr Trost beruhigte ihn. Aber hinter ihnen wohnten Gedanken, furchtbarer und martervoller, als daß er ihnen anfänglich Gestalt zu geben wagte. Furchtsam empfand er bald, daß diese Gedanken es waren, die, tief unter den anderen, seine trostvollen Visionen nötig machten, ja erschufen, als liebten sie hämisch die Täuschung, als spielten sie spöttisch mit ihrer dämonischen Gewalt, als wollten sie sein armes Herz verhöhnen mit falschem Trost. Er geriet außer sich, wenn nur ein geringes Anzeichen, grau wie eine Ahnung, ihr dunkles Wirken verriet. Und doch verschlang im Lauf der kommenden Zeit und unter ihren Ereignissen dieser finstere Abgrund alle hellen Bilder. Er wußte nun seine Todesangst um Anne-Dore und nannte sie bebend bei Namen. Seine Zuflucht wurde das Gebet. Nie in seinem Leben hat Helferich Friedberg mit solcher Inbrunst seinen Gott angerufen, wie in dieser Zeit.

Als er einmal auf eine Art, die er unauffällig nannte, bei Anne-Dore das Gespräch auf Markus Enzheim brachte, wies ihr Gesicht ihn ab. Der Zug darin setzte ihn anfänglich in große Verlegenheit und trug ihm ein Schuldbewußtsein ein, später quälte er ihn hart. Denn dieses Ablenken, mit dem ihn das Mädchen in seiner Sorge allein ließ, hatte nichts von jener liebevollen Nachsicht gehabt, die er für gewöhnlich ihre Freundlichkeit nannte. Ich bin ein armer Tölpel, dachte er, und schalt auf Enzheim, der ihm sein schönes Selbstbewußtsein für lange erschüttert hatte, und fragte sich wieder und wieder, was beide nur auszeichnen möchte, jenen und Anne-Dore, daß er sich ihnen gegenüber fremd, benachteiligt und armselig fühlte. Und da seine eigene Innenwelt im Grunde keinen Namen trug, fand er nirgends Zuflucht und Trost gegen dies Gefühl, und auch kein Bewußtsein von stolzem Verzicht öffnete ihm das Reich der Einsamkeit, in dessen Frieden niemand einzieht, dessen Seele nicht reich von Geburt ist.

Es wunderte ihn, daß Enzheim nicht kam. Er erwartete ihn täglich, hatte sich jede Antwort zurechtgelegt und alle Aussagen formuliert, die er Anne-Dores Eltern über diesen gefahrvollen Menschen machen wollte. Ohne Aufhör forschte er im Gesicht des Mädchens, dessen Züge, verschlossen und fest, ihm nichts verrieten. Ihm schien, als sei sie bleicher als je. Er sah ihre Augen erschrecken, wenn ein Vorfall sie hob, der außergewöhnlich war oder unerwartet kam. Seine erste große Beteiligtheit am Leben machte ihn empfindsam und klarsichtig, er litt sein erstes Leid unvorbereitet und hilflos. Zu allem brachten seine religiösen Urteile ihm die Pein eines bösen Gewissens. Er vergaß sich so weit, daß er nachts an ihrer Tür lauschte, aber unter dem qualvollen Pochen des eigenen Herzens und dem Beben seines Körpers hörten seine Ohren die ganze Welt sausen, und er schlich fort auf seinen grauen Socken, bis sein gesunder Schlaf ihn befreite.

Aber dieser Zustand der Ungewißheit nahm im Laufe der Wochen so schmerzhaft überhand, daß er es im ersten Augenblick beinahe wie eine Erlösung empfand, als er eines Abends spät das junge Mädchen im Gartenhaus mit Mark Enz überraschte.

Da er anfangs nur Anne-Dore sah, die das weiße Gesicht im Halbdunkel über ihre Hände neigte, die auf dem Tisch ruhten, erschrak er furchtbar, als er plötzlich im Hintergrund der Laube den roten Feuerpunkt einer Zigarette gewahrte, der aufglühte und ihm im Bereich seiner rauchenden Seele für eine Sekunde das verhaßte Gesicht zeigte.

»Ich störe wohl — —«, stotterte er fassungslos.

»Ja«, sagte die Stimme mit dem gelassenen Klang und der infamen Lieblosigkeit. Sonst nichts. — Er konnte doch nun so nicht fortgehen. Es schmerzte ihn schneidend, daß Anne-Dore nicht sprach, daß sie das duldete, daß er, kalt und lieblos bei einer höflichen Frage genommen, fortgeschickt werden sollte wie ein Schuljunge. Sein Herz überströmte von einem schmerzhaften Mut.

»Fräulein Wendel ....«, sagte er flehentlich.

Sie antwortete nicht. Da sah er, als wieder kurz und tückisch von drüben die Zigarette in das Schweigen einbrannte, ganz flüchtig, aber mit grausamer Deutlichkeit, daß sie weinte, daß sie mit dem Schluchzen kämpfte, um ihm antworten zu können. Ihn schwindelte. Da fühlte er ihre Hand an seinem Arm. Unsagbar zart und liebevoll war die kaum spürbare Entschiedenheit, in der sie ihn fortschob. Als hätte sie ihr Leben lang nichts erlitten, als nur den Schmerz, zurückgewiesen zu werden, und wüßte, wie keiner auf der Welt, wie weh das tut. —

Diese Nacht schlief Friedberg nicht. Er hatte sich zum Essen entschuldigen lassen und schrak gegen Mitternacht heftig zusammen, als ein leises Pochen an der Tür ihn an seinem Schreibtisch emporriß. In einem richtigen Instinkt für die Bedeutung dieses außergewöhnlichen Vorfalls schwieg er und schlich rasch und bedachtsam auf den Zehen an die Tür, die er leise öffnete. Es wurde ihm vorsichtig von außen geholfen, er fühlte den Druck einer Hand an der Klinke, die zögernd und schwer jedes Geräusch des Schlosses zu hindern trachtete. Dann sah er Anne-Dore im Rahmen der Tür stehen, in weichen Hausschuhen und ohne die dunkle Krone ihres Haares. Er ließ sie zitternd ein, putzte sein Licht und zog sprachlos und leise das Fenster zu. Nun sah er, daß ihr Haar in zwei Zöpfen niederhing, gestrafft an den Schläfen, sank es glänzend und schlicht vom Scheitel nieder. Wie das ihr Gesicht veränderte. Er glaubte an einen Traum und fand keine Fassung. Sie winkte ihn traurig lächelnd aber gelassen auf seinen Stuhl und ließ sich auf seinem Bettrand nieder.

Ihr Kommen begründete sie in keiner Vorrede und entschuldigte es nicht. Er solle versuchen, ruhig zu sein und sie anzuhören.

»Was soll ich tun?« fragte er mit verstörtem Gesicht. »Sind Sie es wirklich, Anne-Dore?«

Sie beachtete nicht, daß er sie bei ihrem Vornamen nannte. Sie schien auf nichts acht zu haben, war ganz im Bann ihres Plans, den sie auszuführen schien, ohne zuvor die Kraft zu einer Überlegung gefunden zu haben. Friedberg entsann sich später deutlich des Eindrucks, den sie anfänglich auf ihn machte, er hatte die bestimmte Vorstellung, sie wandelte in einem Traum, dessen schläfriges Feuer sie langsam verzehrte.

»Friedberg,« sagte sie, »Sie müssen mir versprechen, zu schweigen. Begreifen Sie, es ist nötig, daß Sie schweigen ...«

Es wurde still. Er wollte, seinem Herzen gehorsam, in dem es warm emporwallte, ihr seine eifrigsten Versicherungen geben, denn ihm schien allein darin eine rasche Hilfe für sie zu liegen, aber seltsam und unzertrennbar miteinander verbunden, überwältigten ihn seine Selbstsucht und seine religiösen Vorstellungen. War ihm hier nicht, wunderbar vom Herrn gefügt, eine ganz andere Aufgabe gesetzt, als die, einen falschen und gefährlichen Dienst zuzusagen? Kam Anne-Dore nicht zu ihm, wie von einer höheren Macht getrieben, die sich seiner bediente, um die Verirrte auf den rechten Weg zurückzuweisen? Seine Erregung verdarb seinen Zweifeln alle Kraft, er ließ sich treiben in diesem dumpfen Drang, und als er dem Mädchen antwortete, mochte seine haltlose Angst in ihrem Fieber wohl wirken wie das Beben einer inneren Ergriffenheit.

»Anne-Dore, was fordern Sie von mir? Wollen Sie mich zum Mitschuldner an Handlungen machen, die Sie in Abgründe reißen? So wahr mir Gott helfen wird, werde ich nichts unversucht lassen, um Ihr betörtes Herz auf den rechten Weg zurückzuweisen.«

»Sprechen Sie leise«, sagte das Mädchen. »Wenn Sie noch ein lautes Wort sagen, lasse ich Sie allein.«

Friedberg mäßigte sich.

»Ja ich will leise reden,« sagte er, mehr und mehr im Bann seines geplanten Rettungswerkes, »aber Sie müssen mich bis zu Ende anhören. Wollen Sie? Ja, ich sehe, Sie wollen. Ich fühle, daß Sie des Zuspruchs bedürfen und danke Gott, der mich ausersehen hat, meine schwache Kraft in den Dienst seiner Sache zu stellen. Um Ihretwillen Anne-Dore. Wie herrlich ist das für mich. — Ich kann keine großen Worte machen, aber er, Anne-Dore, unser Heiland, hat sie für mich gemacht und ihrer Kraft wollen wir uns vertrauen. O, er wird helfen. Er, der gesagt hat: Der Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer denn alles, und niemand kann sie aus meines Vaters Hand reißen.«

Das Mädchen sprang auf, als habe der Mann vor ihr sie mit Feuer bespien. Sie floh an die Tür, wie von einem Sturm erfaßt, mit einem Schreckensangesicht, in dem auch die Lippen bleich waren, wie im Tode. Beschwörend riß sie die Arme gegen ihn empor und ihr Mund stieß keuchende Laute aus, die Worte bedeuten sollten.

In einem Taumel von Siegesbewußtsein und Todesangst wußte Friedberg im ersten Augenblick nur eins: eine Welt von Kämpfen und Schmerz in der Seele des Mädchens lag zwischen jenem ersten Tag im Garten und dieser Nacht. Und im Mittelpunkt aller Not stand der verhaßte Spötter mit seiner geschmeidigen Würde und seiner ruchlosen Sicherheit. Der Kandidat preßte die Fäuste gegen die Augen und fühlte den Namen, wie er sich einbrannte in das flimmernde Dunkel vor ihm. »Teufel,« stöhnte er, »Teufel! Wer hat dich ausgerüstet?« Dann riß ihm ein wütender Mut die Hände vom Gesicht. Er sah Anne-Dores Arme hinter ihr an der Tür Halt suchen, sprang herzu und stützte sie.

»Ruhe, Ruhe,« bat er, »beruhigen Sie sich. Es ist nichts verloren. Es wird alles gut. Ich habe es nicht so gemeint, wie konnte ich auch wissen ...«

Er führte sie an das Bett, sie ließ sich schwer nieder und schien nun erst zu empfinden, daß er sie berührt und geleitet hatte. Ihre Schultern schüttelten die Erinnerung an seine plumpen Hände ab, sie gewann Sicherheit, weil sie seine Hilflosigkeit sah, besann sich mit einem Lächeln, das ausgleichen sollte, aber schmerzlich war, wie vom ewigen Heimweh erschaffen.

»Lassen Sie gut sein«, sagte sie und winkte ihm die begonnenen Worte von den Lippen. Er brach ab und starrte sie an. »Ich wollte nicht das, hören Sie mich«, fuhr sie fort. »Glauben Sie, ich sei gekommen, um mir einen Rat bei Ihnen zu holen? Ich wollte Ihnen nur den Rat geben zu schweigen. Und Sie werden es tun. Greifen Sie nicht in Dinge ein, die ihren Gang haben wollen. Wenn ich durch meine Eltern gehindert würde, meinen Weg zu gehen, gäbe es ein größeres Unglück, als sonst geschehen kann. Sprechen Sie jetzt nicht, seien Sie still. Meine Eltern werden mich nicht hindern können. Es würde ein furchtbarer Schmerz in ihr armes Leben kommen. Begreifen Sie doch, nicht meinetwegen komme ich, auch nicht seinetwegen, am wenigsten Ihretwegen, Herr Friedberg. Ich komme meiner Eltern wegen. Ich bin gekommen, um für ihre Ruhe zu sorgen, denn was leistete mir Gewähr, daß Sie nicht eine Dummheit machen würden, ich meine, daß eine unüberlegte Güte von Ihnen, eine voreilige Hilfsbereitschaft alles zerstörte. — Es wäre nachher nichts mehr gutzumachen.«

Er hatte sie niemals so anhaltend, so sicher und bewußt sprechen hören. Während sie redete, konnte er keinen Gedanken fassen und nun, da sie schwieg, mit einem Ausdruck drohender Entschlossenheit, erst recht nicht.

»Anne-Dore,« sagte er und bedeckte sein Gesicht mit den Händen.

Sie schwieg, gequält durch diesen Flehenden, der eben noch so streitbar vor ihr gestanden, gequält durch den Gedanken an ihre Niederlage und daß sie sich ihm hatte verraten müssen unter jenem Wort, das in ihre geheimen Kämpfe geleuchtet hatte. Nein, ihr waren keine Gaben verliehen, den Brutalitäten des Daseins geschmeidig zu begegnen. Kein Sieg ihrer Jugend verlieh ihrem Gefühl Festigkeit und ihrem Innenleben Stete, das erst um seinen Namen rang, und ihr waren keine Kräfte geblieben, um sich nach außen hin Rettung zu schaffen. Wachten nicht Engel über dem blutigen Streit eines hilflosen Herzens, es wäre traurig um jenen Ruhm bestellt, den der Himmel denen verheißt, die überwinden.

Anne-Dore wußte, daß etwas geschehen mußte, um ihre Stellung zu Friedberg auch für die künftige Zeit zu sichern. Wie leicht wäre es ihr geworden, wenn sie hätte lügen können, jene feinen, liebevollen und barmherzigen Lügen, die oft so viel schöner scheinen als die Wahrheit, und jedes Schicksal um sein Recht betrügen möchten. Sie konnte es nicht. So sagte sie nur:

»Ich muß allein sein, Friedberg, sehen Sie, mit allem, muß mich abfinden. Ich glaube Ihnen, daß Sie mir helfen möchten. Wollen wir nicht Freunde sein? Bin ich Ihnen um so viel Glück voraus, daß Sie nicht können?«

Seine Angst um sie und sein Haß gegen Enzheim siegten über seine Verwirrung. Er raffte sich zusammen und ballte die Fäuste ...

»Leise, leise,« flüsterte das Mädchen, als sie sein Gesicht sah.

»Freunde?« keuchte er, »haben Sie Freunde gesagt? O, wie wäre ich wert, Ihr Freund zu sein, wenn ich schwiege! Ich habe Sie reden lassen, jetzt will ich reden. Wissen Sie, wer dieser Mann ist, dem Sie vertrauen, dessen Einfluß Sie zu erliegen drohen? Ihr unschuldiger Sinn, der in der argen Welt nicht erfahren hat, irrt und fehlt, ist verwirrt worden. Glauben Sie, ich wüßte das nicht? Ich kenne Mark Enz. Wieviel Unschuld seiner bösen Verstellungskunst schon erlag, ahnen Sie nicht. Ich weiß es. Ich habe mit ihm gelebt, habe gesehen, wie er Tränen verlachte, Schmerzen verspottete und gewissenlos auch das Heiligste betastete. Er, der alles bejahen und verneinen kann, der keinen Gott kennt, und dem kein Gewissen in der Brust schlägt, lebt schamlos und ruchlos nur seinem Genuß. O, er kann alle Register ziehen und geht zu Werk im Kleid jeder Tugend. Unschuldig kann er tun wie ein Knabe, gefühlvoll wie ein schüchternes junges Mädchen, männlich wie der Charaktervollste, der je für hohe Sitte und edlen Kampf verantwortlich war. Nichts an ihm ist arglos oder rein, er ist berechnend und kalt in jeder Bewegung. In jeder! Er kann sogar rot werden, wenn er will ...«

Was war das? — Anne-Dore lachte.

Nichts hätte ihm seine ganze Ohnmacht deutlicher vor Augen führen können. Zwar besann sie sich gleich, glich aus mit einem freundlichen Zugeständnis. Es wäre ihr verständlich, daß Enzheim manchen so erscheinen müßte, die ihn nicht kennten, aber er dürfe darüber nicht vergessen, daß es Menschen geben könnte, die sich hinter mancherlei Gebärden versteckten, weil sie sich den Tag hindurch ihrer Umgebung nicht preisgeben wollten ...

Ach, sie glaubte ihren seichten Worten selber nicht. Aber ihre Verachtung für diese plumpe Erkenntnis des erbosten jungen Mannes vor ihr war zu groß, als daß sie ihm auch nur noch einen Schatten ihrer eigenen Angst hätte verraten können. Und ohne daß sie recht wußte, wie es geschah, gelang es ihr, ihn zu beruhigen. Ihr Herz brannte ihr unter den eigenen Worten, die lau und flach alles auf ein träges Mittelmaß stellen mußten, um diesen Einfältigen zu beschwichtigen. Was sollte sie tun? Das Unheil war einmal geschehen. Sie sah in seiner Entdeckung beides, eine Warnung und eine Gefahr. O, es war kein Zufall gewesen, daß dieser Verschonte, der für sein Tun nicht zur Verantwortung gezogen werden konnte, ihr mit jenem Bibelwort entgegentreten mußte.

Gepeinigt durch die schale und unsinnige Lage, in der sie sich befand, stand sie auf und reichte ihm widerstrebend ihre Hand hin.

»Morgen,« winkte sie ab, als er reden wollte.

»Ich bin auch nur ein Mensch,« stotterte er. »Fühle ... leide — ach, entschuldigen Sie.«

Sie nickte ihm zu, hilfloser als er.

»Der liebe Gott behüte Sie,« sagte er traurig.


Siebentes Kapitel

Mit ihnen schritt ein Dritter durch die Nacht. —

»Hast du mich lieb?« fragte Mark Enz.

Anne-Dore schwieg, weiß wie das Tuch, das ihre Hände preßten. Seine Worte sanken in die blutige Dämmerung ihrer Seelenqual, in ihrer Kühnheit erlösend wie Licht und schmerzhafter als der bittere Tod. Nun war ihr, als habe sie all ihre Zweifel und all ihre Not geliebt, grausamer und allgewaltiger als sie, erschien ihr, was nun kommen sollte. Und als er seine Frage wiederholte, traurig, wie nur er fragen konnte, eindringlich, als hinge sein ganzes Heil von ihrer Antwort ab, stöhnte sie auf, wie ein gemartertes Kind und flüsterte klanglos:

»Hilf mir.«

Wen bat sie? Sie wußte es nicht mehr.

Sie waren des Nachts miteinander im Wald. Nachdem sie in der Laube entdeckt worden waren, hatte Anne-Dore gebeten, er möchte dorthin nicht mehr kommen, und er hatte ihr gesagt, er würde am Waldrand auf sie warten, spät, wenn das Haus schlief. Nun schritten sie miteinander im Mondlicht dahin. Hellgraues Silber legte, geheimnisvoll bewegt, die schmalen Waldwege in lichte Nebel. Wenn sie hinaustraten in die Lichtungen der Waldwiesen, wurden ihre Stiefel naß, es war dort kühler und das Gras duftete, feucht und ein wenig nach verwehtem Rauch. Unter den Bäumen war es noch warm vom Tage, sie schliefen tief in ihren grünen Kleidern, die der Sommer noch nicht gedunkelt hatte.

Er blieb stehen, legte seinen Arm um ihren Hals und um ihre schweren Zöpfe, die kühl und schwarz waren wie Erde; so blieb auch sie stehen, suchte Halt in ihrer heißen Bedrängnis, bis ihre Stirn seine Schulter fand.

Er wußte viel mehr als sie ahnen konnte, sie, die nie zu ihm gesprochen hatte. Wie oft hatte sie erschrocken gelauscht und selig gezweifelt: Woher kannte er sie und den scheuen Weg ihres geteilten Herzens? War ihre Welt ihm nicht fremd?

Er hörte ihren Hilferuf und wußte wohl, was sie verschwieg und um was sie bat.

»Anne-Dore,« sagte er langsam, »ich liebe dich. Mich verlangt nach dir. Du bist Ruhe, Heimkehr, Halt für mich. Du bittest mich um Hilfe und hast gefühlt, wie sehr ich ihrer bedarf. Wenn du deine Liebe nicht schenken kannst, sei gütig. Mein Herz ist zerrissen und meine Hoffnung bei dir, Anne-Dore.«

Er wußte wohl, welcher Worte sie bedurfte, er empfand, wie viel zu schwer sie litt, als daß sie Leiden ungestillt lassen konnte. Und als er sich nun niederbeugte über ihr regloses Gesicht, empfingen ihre Lippen, bleich und kalt, seinen heißen Mund.

»Vertraue mir,« bat er. »Sieh deinen Trost in meiner Heilung. Was soll ich tun, daß du nur einmal lächelst? Kind, sprich, glaubst du, ich wäre nicht bei dir? Die Welt, in der du glücklich warst, kann niemals meine werden. Nie. Aber ich kann uns einen neuen Himmel schenken für den, den ich dir geraubt habe.«

Sie zitterte und machte sich los.

»Nichts hast du mir geraubt,« flüsterte sie angstvoll. »Sprich nicht so. Ich kann nicht dein eigen sein, wenn ich ... ach, versteh mich, Mark. Bin ich ein Kind, sag, bin ich? Ich weiß, wofür ich einstehe, und meine Liebe zu Ihm ist stark durch Seine Kraft. Du bist ihm fremd und feind. Du hast es mir oft gesagt. O, es ist schön, daß du wahr bist, wie lieb hab ich dich darum ...«

Wieder fühlte er, wie oft zuvor, seinen Fehler, sie in diesen Dingen zu ernst genommen zu haben. Aber sein empfindsames Wesen erlag ihrer unschuldigen Wahrhaftigkeit und der Schönheit ihres kindlichen Ernstes. Leicht tat er jedem Hindernis Gewalt an, aber jede Schönheit, die ihm begegnete, war stärker als er. Er hatte im Leben zu viel empfangen, als daß die schale Lust einer blinden Gabe ihm begehrenswert erschien. Was ihm die Seele in Gluten hob, war der Kampf mit jener fernen, lichten Kraft, die es für ihn erst wahrhaftig gab, seit dieses Kinderherz ihrer bedurfte und sie empfing. Ihm war, als gelte es einen Zweifel der eigenen Brust zu überwinden.

So war ihm in heimlichem Grauen und wie in einer Liebe zu unbekannter, neuer Gefahr, als schritte ein Dritter mit ihnen durch den nächtlichen Wald. Ein Spiel mit Schuld und unsichtbaren Waffen glitt wie ein heißes, schmerzendes Feuer durch sein drängendes Blut.

Und wieder wußte Anne-Dore, erbebend, was der geliebte Mann sie gefragt hatte. Wie aufgescheucht floh ihre Seele vor der Antwort, die ihr Blut ahnte und die ihr Mund verschwieg. Sie hätte ihre beiden Hände auf seine Lippen pressen mögen, um seine Worte zu hindern, die sie ersehnte und fürchtete. Und was sie fürchtete und ersehnte, sagte er.

»Anne-Dore, wie klein ist der Himmel deiner Liebe, wenn er meine große Sehnsucht nach dir zurückstößt. Ich weiß, was mich zu dir drängt und ist dein Reichtum so gering, daß du Angst vor dem hast, was du meine Armut nennst?«

»Schweig,« stieß sie hervor. »Du lügst.«

Wie ruhig er blieb.

»Ich kenne mein Herz,« sagte er fest. »Ich lüge nicht, wenn ich seiner Glut die Tore öffne mit jedem Mittel. Aber du — du schwankst und bist nicht kalt noch warm. Dir ist die Gefahr verhaßt, weil du fühlst, wie schwach die Herrlichkeit deiner Heiligtümer ist, die dem Zorn meiner Liebe in dir erliegen. Du hast auf meine Frage nicht geantwortet. Willst du, daß ich dir die Antwort erlaß für alle Zeit und dir deine selbstsüchtige Seligkeit lasse, die über meiner Not triumphiert? Keine Sünde ist größer in der Welt, als der Ungehorsam gegen ein starkes Gefühl. Und dein Gefühl, Anne-Dore, an dem du dich versündigst, gehört mir.«

»Du bist kalt«, sagte sie schwach von Zweifeln.

»Ich verstehe dich nicht«, antwortete er ihr hart und heftig. »Heißt das, ich teilte deine himmlische Liebe nicht, heißt es, ich sei nicht fromm, nicht gläubig wie du? Nein, ich bin es nicht wie du, und werde es nie sein. Sei stolz auf deine lieblose Liebe, wenn du es kannst. Mein Herz ist vielleicht schwächer wie dein's, aber größer und reicher.«

Er trat von ihr zurück und mit veränderter Stimme sagte er aus dem Schatten:

»So geh. Der Friede, den dir dein Gott verschafft, wird dich trösten. Meinen nimmst du für immer mit.«

»Was willst du von mir?« stöhnte sie in Todesangst.

»Dich«, sagte er. Ihre Schultern schmerzten, so fest griff er zu. Aber sie fühlte, daß seine Hände zitterten.

Plötzlich durchfuhr sie, wie ein rotes Licht, grell die Erkenntnis dessen, was seine Ansprüche sein möchten. Wie geblendet, mit blinden Händen, die ihr Ziel verfehlten, suchte sie ihn zurückzustoßen. Die ganze dunkle und drohende Macht der Sünde erschien ihr verkörpert in ihm. Aber gleichzeitig, und wunderbar verschmolzen mit ihrer Todesangst, weckte die Kraft seiner kühnen Hände ein neues Leben in ihrem Blute auf, schwermütig, süß und brennend begann sein singendes Licht. Sie schloß die Augen und stöhnte. Gebrochen hing sie in seinem Arm.

Aber es war ein Dritter mit ihnen im Wald, gleich nah beiden, als liebte er keinen geringer. Mark Enz hob sie auf, zärtlich, liebevoll und fest. Er küßte ihre bleiche Stirn, die schon der Mond vor ihm geküßt, zurückhaltend in jeder Bewegung, stützte er sie auf eine Art, in der sie seine Arme als gut und brüderlich empfand und führte sie zurück zum Haus ihrer Eltern. Wunschlos und wie befreit empfand er nichts als seine Pflicht sie zu schützen, auch vor sich selbst. Kein Zug seines Herzens verwünschte die schöne Schwäche, in der er nicht zu nehmen vermochte, was nicht bewußt gegeben wurde.

Es schoß ihm heiß in die Augen, als sie an der Gartentür bebend fragte:

»Du kommst doch wieder?«

Er nickte nur.

Der Mond tauchte nieder in den Dunst der Heide, versank in ihrem Atem und gab sein Reich den letzten Sternen hin, in deren blassem Glanz der schlafende Wald den neuen Tag erwartete.


Herr Missionar Wendel kränkelte in diesem Frühjahr ein wenig. Auch seine Gattin lebte schweigsamer und zurückgezogener als je. Oft schritt er langsam und in Gedanken versunken gebeugt und müde die Wege seines Gartens entlang, den er angelegt, unter den Bäumen hin, die er gepflanzt hatte, und der Ausdruck seines Gesichts stimmte zu seinem grauen Haupt. Gegen Anne-Dore war er zärtlicher als je und so nachsichtig, wie sie ihn noch nie gekannt hatte. Er zeigte sich besorgt um kleine Einzelheiten, die ihr fehlen mochten, einmal fragte er sie sogar, ob es ihr wohl gefallen würde, eine kleine Reise zu machen, das Nötige ließe sich erübrigen, und er lächelte sein gutmütiges Lächeln, etwas herablassend, bedeutungsvoll und doch ein wenig unsicher. Sie lehnte es ab. Er dankte ihr innerlich für ihren bescheidenen Sinn, ohne zu ahnen, welch schwere Bedeutung sein Kind diesem harmlosen Vorschlage beilegte, in dem ihr geängstigtes Herz einen Ausweg zu sehen glaubte, den ihr barmherzig der Himmel erschloß.

Oft sah sie in kleinen Zeichen einen Wink der Vorsehung, in nichtigen Dingen eine verhaltene Drohung. Es kam dazu, daß Friedberg, der trübsinnig und schweigsam seine Tage lebte, die Abendandachten mit ihren Bibeltexten zu offenkundigen Anspielungen mißbrauchte. Als sie nach jener Nacht mit Mark Enz spät aus dem Walde heimkehrte, sah sie Licht in seinem Zimmer; er mußte die Treppe unter ihren zaghaften Füßen gehört haben, es war kein Zweifel, so laut wie sie knackte, in diesen unsagbar stillen Nächten. Am andern Morgen las er mit wehmütiger Überwindung seines Stolzes den Spruch ihrer gemeinsamen Nacht und Anne-Dore hörte es den ganzen Tag: »Niemand wird sie aus meiner Hand reißen.«

Ruhiger Hoheit und fester Güte voll strömte es mit der Feier dieser göttlichen Zuversicht in ihre Seele. Sie konnte sich der überwindenden Gewalt dieses Heilandwortes nicht entziehen, wie in ein Licht sah ihre Seele in den reinen Trost dieser starken Worte empor. —

Eines Abends an einem Wochentage, an dem Pastor Jacoby eine Bibelstunde angekündigt hatte, schritt sie durch die Frühlingsdämmerung mit Friedberg über die Berge in die Stadt. Sie waren es gewohnt, diese Stunden und die mehr persönlich gefärbten als allgemein gedachten Auslegungen des geliebten Predigers miteinander anzuhören, ja, sie hatten bestimmte Plätze, an denen sie niemals fehlten. —

Aus den großen blassen Farben des sinkenden Abends traten sie miteinander in den geräumigen flachen Saal des christlichen Vereinshauses, in dem die Versammlungen abgehalten wurden, die die eifrigsten Gemeindemitglieder vereinigten. Das gelbe, schale Licht der singenden Gasflammen kämpfte an der Flucht der niedrigen Scheiben mit der letzten Sonnenkraft und legte sich unfreundlich und hart in die stillen und bedachten Gesichter der Wartenden. Der Saal war wie gewöhnlich überfüllt, denn Pastor Jacoby war in diesen Wochen bei der Auslegung der Apokalypse angelangt und seine Worte galten auch heute jenen geheimnisvollen und prophetenhaften Visionen des Apostels Johannes. Die Stimmung war gedrückt, in allen Zügen stand ein qualvolles Bewußtsein für den Ernst dieser drohenden Verheißungen, die die Plagen voraussagten, mit denen das Reich des Antichristen heimgesucht werden sollte, vor der Wiederkunft des Herrn Jesu Christi.

Finstere Gestalten, in funkelndes Erz und in die Farben des Feuers getaucht, sprengten dahin wie die Vorzeichen endloser Plagen nach gerechtem Gericht, Sinnbilder einer leuchtenden Macht, der auch der Tod erlag, triumphierende Boten einer ewigen Herrlichkeit.

Anne-Dore hatte die Augen geschlossen und wartete. Neben ihr kritzelte Friedberg in sein Notizbuch. Er schrieb sich alles auf, um es wohl zu behalten. An ihren Augen zogen gigantisch und in umrauchten Farben die Bilder vorüber, die sich aus den letzten Stunden wie für alle Zeit in ihre Seele gegraben hatten.

›Und also sah ich die Rosse im Gesichte, und die darauf saßen, daß sie hatten feurige und bläuliche und schwefellichte Panzer; und die Häupter der Rosse waren wie die Häupter der Löwen; und aus ihrem Munde ging Feuer und Rauch und Schwefel.‹

Dies geschah zu einer künftigen Zeit, in der vier Engel zu ihren Taten gelöst werden sollten, Engel, von denen es hieß, daß sie den dritten Teil aller Menschen töten würden.

Sie hatte nicht verstanden, was diese düsteren Symbole besagen wollten. Konnte je ein Mensch es wissen? Aber die gigantischen Figuren und Gestalten, funkelnd aus Nebel von Flammen, Rauch und Blut, hatten sich ihr unauslöschlich eingeprägt. Ihm, dem Antichristen, dem großen Verführer und dem allmächtigen Feind des geschlachteten Lammes, des himmlischen Erlösers, galt dieser furchtbar gerüstete Zug unüberwindlicher Streiter, ihm und seinen verfluchten Gesellen. Und es galt das Erlösungswerk vollkommen zu machen, das Licht für alle Zeit von jeder Finsternis zu scheiden und denen, die überwunden hatten, von Ewigkeit zu Ewigkeit den leuchtenden Himmel ihres Heils zu bereiten. Den Erwählten, von denen es hieß. ›Und ich sah ein gläsern Meer, mit Feuer gemenget, und die den Sieg behalten hatten, stunden an dem gläsernen Meer und hatten Harfen Gottes.‹

Sie, die erlöst von aller Pein der Erde eingehen sollten in das befreite Reich des Lichtes, in jenes Land, das zwölf Tore hatte wie zwölf Perlen, und dessen Gassen von lauter Gold waren, klar wie durchscheinendes Glas. Kein Tempel war darinnen, und es bedurfte der Sonne nicht und nicht des Mondes, die Herrlichkeit Gottes, verklärt im Blut des Gekreuzigten, durchleuchtete seinen unaussprechlich hohen Frieden. —

Ein Schauer holdseliger Verzückung hob tief und hell die Brust des Mädchens, in ihren Träumen versank die kleine Welt ihrer zeitlichen Kämpfe. Wer auch wollte ihr die Herrlichkeit rauben, die für sie bereitet war, in die ihre Liebe sie hob und die Liebe dessen, der für sie gelitten?

Die Geräusche des Saals dämpften sich, eine Stille der Erwartung trat ein. Als sie aufschaute, stand Pastor Jacoby schon hinter dem kleinen Rednerpult, das auf einem Podium am Ende des Saals unter einem schimmernden Kruzifix errichtet worden war. Er hatte in diesen Stunden seine Amtstracht niemals angelegt, sondern kam in einem schlichten dunklen Rock, der anfänglich seine ganze Erscheinung menschlich näher zu rücken schien, der ihn nahbarer machte und erbittlicher. Auch sprach er für gewöhnlich rascher, ohne jenes eindringliche Pathos, das seinen Kanzelreden die mitreißende Gewalt verlieh, er sprach persönlicher und im Tone eines, der irren konnte, wie alle Menschen. Um so stürmischer aber überwältigte es, wenn mitten im Gang einer wohlgesetzten Rede plötzlich sein heiliger Eifer alle Schranken zerbrach, wenn er plötzlich, hingerissen durch die Glut der Visionen, die seine verzückte Seele schaute, seiner entfesselten Inbrunst allen Sturm ließ. Es schien, als zersprengte sein Wille mitzuteilen und einzuwirken die geschlossene Menge zu seinen Füßen, es war, als redete er nur noch zu einem Menschen, und jeder im Saal hatte erbebend den Glauben, er, er allein, sei jener einzige, den diese Stimme meinte.

Niemals hatte Anne-Dore ihn so gesehen wie heute. Oft blieben seine Arme minutenlang, halb erhoben, in beschwörender Haltung. Bleich und entstellt von Ergriffenheit, ereiferte sich zwischen ihnen sein bewegliches Gesicht, ein erregter Widerschein dessen, was seine Seele erglühen machte. Von den Sünden der Menschheit, die den Zorn Gottes entluden, war er in seiner Rede auf jene eine Sünde gekommen, die nach dem Ausspruch Christi nicht vergeben werden konnte: auf die Sünde gegen den Heiligen Geist.

Seltsam, mitten aus dem Fieber ihrer höchsten Spannung und Hingabe sank die Aufmerksamkeit Anne-Dores plötzlich herab in die Gelassenheit einer völligen Apathie. War es, daß ihre verstörten Sinne nicht mehr die Kraft besaßen zu folgen, oder setzte bei ihr ein Wille ein, der stärker als sie war, sie wußte es nicht, aber die Worte des Geistlichen klangen plötzlich inhaltlos und hohl über sie hin, hatten allen Sinn verloren und wiegten sie nur ein, wie eine erregte, ungeordnete Musik, die aus der Ferne her die Sinne halb verwundet, halb betäubt. Und wie graue Gewitterwolken über hellgrünem, beschienenem Frühlingsland, zogen die dunklen Bilder und ihre Schrecken dahin und verschwammen und ließen ihr Raum für andere Erscheinungen, für die Erlebnisse ihrer letzten Wochen mit Mark Enz.

In einer seligen Ermüdung, von tausend Kämpfen geheilt, gab sie sich ganz dem holden lichten Spiel hin, das für sie kam. Sie sah den geliebten Mann wieder vor sich stehen in der blühenden Heide am Waldrand, sah, wie sie miteinander über die Felder schritten, durch den Wald, bis Hildenrot, wo er wohnte. Er hatte sich dort im Forsthaus ein Zimmer gemietet, und als sie ihn erstaunt fragte, wie denn das käme, und warum er sich gerade dort niedergelassen habe, sagte er einfach: ›Ihretwegen‹. Er hatte sie wiedersehen wollen, denn seit der ersten Begegnung war ihm gewesen, als dürfte er sich nie mehr von ihr trennen, als sei sie für ihn und nur für ihn in der Welt. In der grünen Welt, die er liebte. Welches Glück hatte es für sie bedeutet, mit ihm die Herrlichkeit ihrer schönen Wälder zu teilen. Er liebte sie auf gleiche Art. Ihm war jede Schönheit vertraut, als sei sie sein Eigentum und er das ihre. Niemals hatte sie für möglich gehalten, daß ein Mensch mit so schlichter, wahrhaftiger und warmer Inbrunst die Wälder, die Heide und den Himmel lieben könnte. Freilich ihren Himmel nicht, aber mit wieviel Feingefühl ließ er ihrem Glauben sein Recht, damals, wie ging er vornehm und liebevoll auf alle Regungen ein, die ihr Herz von Anfang kannte, wie achtete er ihre Welt, so fremd sie seiner war. — Aber dann versanken ihr jene ersten Stunden, in denen sie gelernt hatte, ihm zu vertrauen. Gern folgte sie seinem Wunsch, daß sie einander häufig im Wald treffen möchten. Auf wie seltsam selbstverständliche Art wurden aus einzelnen Spaziergängen regelmäßige Zusammenkünfte, Stunden, deren Unterbrechung sie nicht ertrug. Erst als er einmal zur verabredeten Zeit nicht kam, fühlte sie mit Furcht und Schrecken, wie nötig ihr Herz seine Art hatte, die reich und liebevoll und ihrem Wesen verwandt, wie eine ganz neue, selige Offenbarung von Menschengemeinschaft beglückte. — Aber dann hatte sein Verhalten sich langsam verändert und mit ihm sein Gesicht. Dies Gesicht, das ihr schöner erschien als alles, was sie in der Welt kannte, das in edler Nahbarkeit ihr täglich mehr anvertraute, als sein beredter Mund es je gekonnt hatte. Es kam nun oft ein harter, fester Zug hinein, etwas, das war, als fordere er ihren Dank, als wappne er sich zu Taten, die durch alles Vergangene erst eingeleitet worden waren.

Eine bittere Scheu zog in ihre Seele ein, aber mit Zittern fühlte sie, daß er ihr um dieser Kraft willen lieber wurde, die sich wie eine verborgene Drohung ankündigte. — Nun waren sie in der Gartenlaube des Elternhauses. Er beugte sich über sie und küßte ihren Mund. Ein heißer Schreck lähmte sie, bis Tränen sie erlösten. — Der Weg erklang. Friedberg stand im Eingang der Laube. Das war wieder Marks Stimme: ›Ich kann niemandem etwas ersparen, der sich in Liebe zu mir stellt.‹ — Nun zogen wieder Wolken, die Sonnenhelle ihrer Bilder versank. Graue Tage und böse Nächte ohne Schlaf, ausgefüllt mit Zweifeln, Kämpfen und heimlichstem Leid, zogen vorüber, bis jene Nacht kam, deren Ereignisse im Walde grelle Deutlichkeit, unbarmherziges Licht in allen Widerstreit ihrer Seele warfen. Zwei Ufer tauchten auf, ein dunkler Strom riß sie dahin, sie fühlte, daß es unerbittlich galt, sich zu entscheiden, daß es lau war in der Mitte, voller Gefahr zu versinken, falsch und trüb. Ihr einziger vager Trost war, daß in dem dumpfen Rauschen des Stroms, der sie fortriß, etwas erklang wie ein Heimweh nach dem Unendlichen.

Friedberg kritzelte neben ihr in dieser Bibelstunde, in der sie träumte. Einmal, als er flüchtig und vorsichtig zu Anne-Dore hinüberschielte, um sich der Wirkung einer drohenden Verkündigung zu vergewissern, sah er sie lächeln, versunken und glücklich.

›Mein Gott‹, dachte er und machte sich bemerkbar. Aber das junge Mädchen rückte nur ein wenig beiseite.

Plötzlich hörte sie, und die Gasflammen tauchten auf, die Köpfe der Andächtigen, das Kruzifix zu Häupten des Pastor Jacoby:

»Wer aber den Heiligen Geist lästert, der hat keine Vergebung ewiglich, sondern ist schuldig des ewigen Gerichts.«

Emporgerissen erbebte sie und lauschte angestrengt. Wie legte er diese Worte aus, deren Sinn unter dieser Deutung klar wurde wie eine erlebte Wahrheit? Wer die Kräfte des zukünftigen Reichs im eigenen Herzen erfahren hatte, wer alle Herrlichkeit und die göttliche Herkunft Jesu Christi geschmeckt hatte in unantastbaren Gewißheiten und wie von Angesicht zu Angesicht, und wer dennoch abfiel vom Glauben, im vollen Bewußtsein dessen, was er tat, wer in wissendem Frevel zum zweitenmal den Heiland der Welt kreuzigte, in dessen Liebe er geborgen war, der beging jene Sünde, die nicht vergeben werden konnte. Nein, wer sich fragte: ›Tat ich es?‹ in Zweifeln und Sorge, der war ihrer nicht schuldig. Wer sie begangen hatte, der wußte es, klar, ohne Einwand, graunvoll gewiß, teuflisch sicher und ohne einen Schein von Reue. Seine Stirn zeichnete grell, als ein ewiger Haß ohne Rast, der Stempel einer untilgbaren Feindschaft. Wer der Gemeinde der Heiligen angehört hatte auf der Erde, als ein Sachwalter und Verweser des vergossenen Blutes Christi, der konnte sie begehen, kein Ungläubiger, kein Zweifler und Heuchler, kein beliebiger Sünder, nur wer schon versiegelt war zur heiligsten Gemeinschaft und wurde dennoch ein Kind des Satans, des in Ewigkeit Verfluchten. —

Anne-Dore wußte plötzlich, daß sie Markus Enzheim nie wiedersehen durfte.

›Ich bin nicht fromm wie du und werde es nie sein.‹ Sie glaubte seine Stimme zu hören. Und was er geheim von ihr forderte, war Sünde, sie fühlte es erschauernd und bleich von Traurigkeit. Er gehörte jener Schar der Ungläubigen an, aus deren Bereich es für sie keine Wiederkehr mehr gegeben hätte. Und lockte sein drängender Ernst nicht ohne Aufhör ihre Seele in die gelassene Lust seiner Welt? Nie hätte sie halb und unwahr, nie im Segen ihres himmlischen Guts sein Eigen werden können. Erst jetzt erkannte sie die dunkle Gefahr, die ihr gedroht hatte. —

Auf dem Heimwege empfand sie einen so starken Widerwillen gegen den Kandidaten Friedberg, daß es sie fast wie ein körperliches Unwohlsein berührte. Ohne Aufhör zog ihr wieder und wieder der Ruf des Paulus durch den Sinn:

›Ich habe Lust zu scheiden, um bei Christo zu sein, welches auch viel besser wäre.‹