Achtes Kapitel
Es war in der Umgebung und im Hause Wendel nicht verborgen geblieben, daß ein junger Herr Enzheim sich im Forsthause von Hildenrot einquartiert hatte. Ereignisse waren in dieser entlegenen Gegend selten, und das nicht eben gewöhnliche Gebaren des Fremden tat das Seine zu allerlei Gerüchten. Anne-Dore mußte sich von Lotte belehren lassen, und sie hörte ihr stumm und lächelnd zu, wenn sie erfuhr, der junge Herr sei gern gesehen in Hildenrot; nicht weil er reich und freigebig wäre, nein, er sei sozusagen zutraulich und behandelte die Leute, als ob sie seinesgleichen wären. Die Dorfkinder von Hildenrot wären ihm befreundet, aber er hätte auch Umgang mit den vornehmen Herrschaften aus der Stadt, denen der Tennisplatz gehörte, und man müßte fast sagen, wenn er zu ihnen kam, war es, als gehörte alles ihm. Aber von Hochmut wäre keine Spur zu finden.
›Ist jemand in der Welt hochmütiger als du?‹ dachte Anne-Dore, und unter Lottes eifrigen Berichten tauchte Mark Enz' Gesicht vor ihr auf. ›Aber auch dies ist wahr,‹ sann sie, ›was träfe nicht zu bei dir?‹ Sie sah ihn vor Friedberg, dann seinen Freunden gegenüber, und dachte an alle wechselvollen Stunden, die sie mit ihm durchlebt. Es war ihr fast, als formte jede neue Umgebung, jede flüchtige Gemeinschaft ihn neu, und doch blieb er im Grunde derselbe, spröder als alle.
War auch etwas von ihren Beziehungen zu ihm bekannt geworden, oder war es ein Irrtum, sahen nur ihre heißen Befürchtungen in Lottes Gesicht eine lauernde Aufmerksamkeit? Jedenfalls wußte Lotte über Enzheim Bescheid. »Mein Ideal wäre er nicht,« meinte sie, »ihm ist doch nicht zu traun, im Grunde, wissen Sie. So den Tag über, da will ich nichts sagen, aber schon, daß er allein lebt. Alle Menschen, die allein leben, sind falsch. Man sieht es auch an den Augen.«
»So?« fragte Dore, um etwas zu sagen, »was treibt er denn?«
»Was er treibt, das ist die Frage eben. Er malt mit dem Stock Figuren in den Sand und verwischt sie wieder, schreibt in Notizbücher und verliert sie. Manchmal starrt er eine Stunde lang ein paar Enten an, oder Tauben ... wirklich! Sehen Sie hier,« fuhr sie geheimnisvoll fort und holte ein kleines Büchlein aus der Schürzentasche.
»Was ist das?« fragte Anne-Dore schnell und erschrocken, »geben Sie her.«
»Wollen Sie es? Man kann nichts lesen. Er hat es verloren.«
»Woher haben Sie das?«
Lotte war erstaunt darüber, daß Anne-Dore plötzlich ihre Gefühle nicht mehr zu teilen schien. Sie war erregt und sprach beinahe ärgerlich. Lotte sagte:
»Von Christel, die alles erzählt.«
»Vom Milchmädchen?«
Lotte nickte. »Im Wald lag es.«
»Laß es zurückbringen«, sagte Anne-Dore ernst. »Heute noch, gleich. Hast du gehört? Wie kannst du wissen, ob es nicht wichtige Dinge enthält?«
Das erschien Lotte sehr übertrieben. Sie zuckte die Achseln: »Wichtige Dinge.« Schließlich gehorchte sie, wie es sich für sie gehörte.
Auch bei Tisch war einmal von Enzheim die Rede. Friedberg bewies Zartgefühl und unterdrückte das aufkommende Interesse so energisch, daß Missionar Wendel aufmerksam wurde. Anne-Dore empfand einen so heftigen Verdruß darüber, daß der Kandidat glaubte, ihr seine Hilfe anbieten zu dürfen, und dadurch ein Bewußtsein von Gemeinschaftlichkeit mit ihr einzuheimsen hoffte, daß sie ihn zwang zu bekennen:
»Sie tun so, als sei Ihnen Herr Enzheim unbekannt«, sagte sie stolz und herausfordernd, »im Garten haben Sie ihn doch als Freund begrüßt?«
Es wäre sicher besser gewesen, sie hätte geschwiegen. Aber irgend etwas übermannte sie. Jener seltsame Mut, den eine geheime tiefe Traurigkeit geben kann, der wenig mit der Erkenntnis und mit der Besinnung eines Menschen zu tun hat. Ihr Herz war seit dem letzten Abend gewillt, alles preiszugeben. Wer wagte es, ihren Schmerz zu teilen?
Friedberg war fassungslos.
Herr Wendel fragte, ob denn der Fremde im Hause gewesen sei.
Anne-Dore klärte ihn auf, in einer Gelassenheit, die dem Kandidaten Schauer von Entsetzen und Hochachtung einbrachten. Es hätte sich um einen Tennisball gehandelt. — Er wußte nicht, ob er es mit Wahrheitsliebe oder mit höchster Frivolität zu tun hatte. Aber er fühlte sich wie mit Fußtritten zurückgestoßen. Da er den Einfluß des Freundes im Gebaren des jungen Mädchens zu spüren glaubte, stachelten sein Haß und seine Scham ihn auf:
»Wenn Sie einen Grund für meine ablehnende Haltung wissen möchten«, sagte er derb, »so suchen Sie ihn bitte in meiner Abneigung gegen die Denkungsart und gegen den Charakter dieses jungen Herrn.«
Anne-Dore sah ihn ruhig und traurig an, so daß er seine Worte bereute und nicht wußte weshalb. Erst als er wieder mit sich allein war, beschloß er ernstlich, den begonnenen Kampf erneut aufzunehmen und ihn mit aller Kraft zu Ende zu führen, nicht seinetwegen, sondern ihretwegen, die er liebte, und um seines Gottes willen, dem er zu dienen glaubte. —
Für Anne-Dore kam an diesem Nachmittag eine der schwersten Stunden, die sie in ihrem Leben durchkämpft hatte. Nur mit großer Mühe war sie noch eben ihrer Tränen mächtig geworden, als ihr Vater seine Hand auf ihren Kopf legte und sie fragte:
»Du bist doch nicht krank, liebes Kind?«
Nein, nein, sie sei es gewiß nicht, nur ein wenig müde. Und mit einem nachdenklichen Gesicht hatte er sie ziehen lassen müssen. Er war seit einiger Zeit besorgt. Da die Stimmung in einem Haushalt sich selten nach denen richtet, die ihn leiten, sondern für gewöhnlich nach denen, die am meisten geliebt werden, lag es seit einigen Wochen wie ein heimlicher Druck auf den Gemütern, eine leise Beklemmung, die zuweilen einer ganz ungewohnten Heiterkeit weichen konnte. Friedbergs Gebaren trug dazu bei, das Verhältnis der Hausgenossen zueinander befremdlicher zu gestalten; seiner beschaulichen Einfalt stand die düstere Grübelei wenig, in der er sich jetzt häufig gefiel. Und da er es nicht liebte, seinen Kummer allein zu leiden, trug er ihn in Gegenwart der anderen zur Schau, hier Mitleid heischend, dort warnend und anklagend. —
Für Anne-Dore rückte nun der Augenblick heran, an dem Mark Enz sie wieder im Wald erwartete. Als sie ihr Zimmer erreichte, brachen ihre Tränen sich mit ungestümer Gewalt Bahn, als hätte die gute Hand ihres Vaters sie gelöst. Draußen war ein Tag, so reich an Sonne und frohem Glänzen, daß es war, als wagte der Kummer sich nicht aus der Brust der Menschen, und als lastete er nun um so drückender. Ach, hinauseilen zu dürfen unter die Bäume, in die Heide! ›Wo gibt es Heilung in der Welt, wenn nicht in der Natur‹, hatte Mark Enz ihr einmal gesagt. Aber es war ihr jetzt die Stimme des Versuchers, die lockte, die sich jedes Mittels bediente, um sie zu überwinden.
Sie warf sich in ihrem Zimmer auf die Knie und betete unter Tränen. Aber mitten in ihren heißen, flehenden Worten übermannte sie ein Taumel von Ohnmacht. Ihre Gedanken verloren sich in einem leeren Schein, sie sah plötzlich ihre kleine silberne Uhr in ihrer Hand vor den getrübten Blicken, und schluchzte auf in einem so heißen Weh, daß sie glaubte, ihre verstörten Sinne würden sich nie wieder zu ruhiger Harmonie zurückfinden.
Mit frohem, spöttischem Lachen hielt ihr Mark Enz die Bibel hin und zeigte ihr Worte darin, die sie verbrannten wie mit Feuer. Seine Hände faßten leicht und gelassen das große Buch, seine Hände, die auch sie gehalten, leicht und froh. Und doch voll Liebe, wie man ein Eigentum hält, das tief und von Ewigkeit her der Seele verbunden ist durch Sehnsucht und durch Blut. So hatte er sie damals gehalten. O sie war sich dessen wohl bewußt geworden, daß sie in jener Nacht in seine Gewalt gegeben war, daß er Macht gehabt hätte, zu nehmen, was immer er nur gewollt hätte. Sie würde damals alles erlitten haben. — Hätte er es getan, dachte sie plötzlich, hätte er mich zerbrochen, dann wüßte ich heute wenigstens, daß er schlecht ist. Er war nicht schlecht. Nie würde sie dulden, daß ein Mensch es sagte. Wie groß, ruhig und einfach erschienen ihr nun plötzlich seine überredenden Worte. Von jenem Verzicht her, in dem er sie geschont hatte, erhielten sie ihr warmes Licht.
Sie empfand klar, daß sie seine Handlungen nicht liebte, weil seine Worte es wollten, sondern daß sie jedes seiner Worte erst durch seine Handlungen recht verstehen gelernt hatte. Er war nicht stark und war nicht schwach, stets schien ihr, als sei er beides zugleich. Und wo ihr Herz blutete im Ringen nach Klarheit, vor den tausend Widersprüchen seines Wesens, da war bei ihm sein freies, zuversichtliches Lächeln. Die ruhige Kraft, in der er dem Augenblick gebot, den er benutzte, die Sicherheit, in der er das Gegenwärtige zum Unabwendbaren umgestaltete, die beinahe kindliche Wahrhaftigkeit, in der er sich auch der kleinsten Regung hingeben konnte, die schienen ihr alle Widersprüche zu jener starken Harmonie zu lösen, der sie wie einer jauchzenden Kraft erlag.
Sie fühlte mit heimlichem Graun: seit seine Stimme sie zum erstenmal erreicht, war ihre Seele wie verwandelt diesem Klang gefolgt. Ihr war, als habe sie sich eingestellt und neu geschickt, um sein Wesen empfangen zu können. Wie einer süßen Gefahr gab sie sich ganz der Erinnerung an seine Worte hin. Sie hatten etwas wie vom Schwung und Blitz sicherer Degenklingen, konnten dennoch warm und liebevoll sein und breiteten ihr Herz vor ihm aus. Überallhin reichten sie, gaben den Dingen ein eigenes neues Licht, schön und kühn erschienen sie ihr, wie sein betörend feiner Mund.
Und nun sah sie ihn traurig und wußte plötzlich, daß er um vieles gefährlicher war, wenn er bekümmert schwieg, und alles erschien so, als warte er auf sie. Als läge es nur an ihr, ihn wieder reich und stark und froh zu machen. Das hatte sie nie gekonnt. Sie hatte nur mit ihm gelitten, denn wenn er traurig war, versank ihr die ganze Welt. Der letzte Halt schien ihr zerbrochen, wenn er bekümmert und ruhlos in seine dunklen Gedanken versank, die sie nicht teilen durfte. Darüber kam ihr in den Sinn, daß er nie über ein Leid gesprochen hatte, das ihn bedrückte. Nur einmal hatte sie ihn gefragt, weil er ihr einsam und verlassen erschien, ob sie ihm nicht Trost geben könnte mit ihrer Freundschaft und Liebe. Sie hatte seine Antwort nicht vergessen, es war sein erstes Geständnis gewesen:
›Die Einsamkeit ist keine Beschaffenheit, die durch Gaben anderer, durch Liebe und Güte, aufgehoben wird, Anne-Dore. Nicht wer keine Liebe findet, ist unter den Menschen einsam, sondern wer nicht lieben kann wie sie.‹
Aber später war sie doch ruhiger geworden. Die Worte konnten ja unmöglich so gemeint sein, als träfen sie auf ihn zu. Mehr wie alle anderen Menschen, die sie kannte, konnte er lieben. Liebte er nicht alles, was ihm begegnete, auf seltsam hingebende Art, die Wälder, den Himmel, ja die kleinsten Pflanzen und Tiere, die man für gewöhnlich kaum beachtete. In ihre neue Beruhigung hatte sich damals wohl ein ferner Zweifel gemischt, als wäre irgendwo ihr Schluß unvollkommen, als habe sie ihn doch nicht verstanden, und endlich, als sei er ihr fremder und unerklärbarer als nur ein Mensch. Aber kein Mißtrauen, kein Grübeln und kein Bewußtsein von Fremdheit taten ihrer Liebe Gewalt an, die emporblühte über seiner Schönheit und Schuld, als bedürfe er auf der Welt nur ihrer noch.
Unvermerkt hatte sie sich angekleidet in einer Hast, die durch ihre letzten Gedanken etwas Frohes empfing. Vor dem Spiegel, als sie ihren Strohhut steckte, fuhr sie zusammen. Aber ehe die Not des alten Kampfes begann, befreite sie ein kurzer Entschluß. Sie wollte zu ihm gehen, um Abschied von ihm zu nehmen. Es wäre unter allen Umständen unschön gewesen, ihn in Unsicherheit und Zweifel zu lassen, er mochte ihr Geständnis anhören. Wie konnten seine Entgegnungen ihr eine Gefahr bedeuten?
Ohne es zu wissen, redete sie laut, sprach sich Mut ein und tröstete sich, zählte auf, was alles für diesen Schritt sprach und wie gewiß Mark Enz sie verstehen und ihre Handlungen billigen würde. Aber ihre Worte gingen in ein Schluchzen über, sie warf sich auf ihr Bett und stöhnte laut.
Da tauchte in ihre verstörten Sinne ein Licht, unaussprechlich wohltätig in seinem Glanz, der sie nicht erschreckte und nicht blendete. Vor ihr erhob sich Christus, hoch und weiß. Ein wenig gebeugt stand er ruhig da, seine Augen und seine Hände suchten sie.
Sie sah die Dornenmarter, seine Kreuzesnot, auf ihre Hände fielen Tropfen von seiner schmerzvollen Stirn. Es war ihr wieder, als spräche dieser göttliche Mund und fragte sie und sagte ihr seine himmlische Liebe, die ihr das Reich einer ewigen Herrlichkeit erschlossen, nicht fern und fremd, sondern heimatlich vertraut und von lauter Frieden hell. Und nun ward seine traurige Mahnung zum Trost: ›Niemand soll dich aus meiner Hand reißen. Mein Vater, der dich mir gegeben hat, ist größer als alles.‹ Sie sah über seinem Haupt den Strahlenkranz des Erwählten Gottes, der überwunden, unter dessen Licht die Ewigkeiten verbrannten wie Minuten und die Zeit nicht mehr war, und Herzeleid und Trübsal nicht mehr waren ... Dann drohten, schaukelnde rote Flammen aus dunklem Rauch, die Verheißungen der Apokalypse am Horizont. Weiß und verklärt, ein fließender Lichtstrom, der den Himmel suchte, zogen die Erwählten des Heils ihrem lieben Herrn entgegen, um bei ihm zu sein für alle Zeit, aber für die Verfluchten begann der Tag der Vergeltung. O keine Marter, die ihr Sinn nur immer erdenken konnte, schreckte sie, alles hätte sie um den Preis ihres irdischen Glücks erduldet, aber daß die Liebe des Herrn Jesu Christi nicht mehr ihr Eigentum sein sollte und nicht mehr ihre Freude, das war schmerzvoller als jede andere Not.
Ohne daß eine Bitterkeit ihre Worte trübte, betete sie leise, als spräche sie zu einem Menschen, dessen Güte sie vertraute:
»Warum quälst du mich so sehr? Gibt es keinen Ausweg für mich? Tu ein Wunder, Herr Jesus.«
War denn in der Welt niemand, der ihr helfen konnte, niemand, bei dem sie Rat und Zuflucht finden würde? — Plötzlich dachte sie an Pastor Jacoby. Sie wollte zu ihm gehen. Wer anders als er würde ihr raten, würde ihr den rechten Weg zeigen und ihr sagen können, was recht und unrecht, was gut und schlecht sei. Sie atmete auf wie erlöst. Da ihr Rettung aus ihrem Plan winkte, betäubte sie jeden Einwand ihres Herzens in einem Aufbruch, der nichts als eine Flucht vor ihrer Einsamkeit und ihren Kämpfen war. Alles würde sie ertragen lernen, nur sollte dieser graunvolle Widerstreit ihrer Seele enden, der sie zerstörte. —
Auf dem Wege in die Stadt stellte sie sich sein Gesicht vor, seine Gebärden, wenn er predigte, seinen tiefen, klaren Ernst, die begnadete Hoheit, die mit seiner Schönheit ausging, als habe der Heiland selber ihn zu seinem Jünger und zum Sachwalter seiner Barmherzigkeit erwählt. — Sie schritt eilig dahin durch die ruhige Straße der kleinen Vorstadt, mit einem ganz eigenen Lächeln auf dem Gesicht und beinahe ein wenig geziert. Wer sie erblickt hätte, dem wäre sicher der Gedanke gekommen: Jugend ist leichtfertig, fröhlich, fähig sich unbedacht einem Glück hinzugeben. —
Anne-Dore nahm sich fest vor, sich nicht auf ihre Worte vorzubereiten. Es sollte alles kommen, wie es nun einmal mußte. Nur eins beschloß sie mit zuversichtlichem Glauben an ihre Kraft dazu, sie wollte Mark Enz nicht preisgeben, ihn weder nennen noch verraten. Sie blieb plötzlich stehen: er wartete bei der Waldlichtung unter Hildenrot, lag sicher wie sonst im Gras am Rand der Heide in dieser Sonne, die auch sie erreichte ... Nun lief sie beinahe. Als sie vor dem Pfarrhause stand, das in einer Nebengasse im Schatten der Nikolaikirche lag, klingelte sie in einer seltsamen Gelassenheit, in einer schläfrigen Bedachtheit, die etwas von den Bewegungen hatte, wie man sie aus Träumen kennt. Sie wartete, daß man ihr öffnen möchte, und wartete im Grunde doch nur auf ein Wunder.
Sie wurde in ein kleines nüchternes Besuchszimmer geführt, das für alle bestimmt schien; nebenan hörte sie sprechen und lachen. Da sie dem Dienstmädchen ihren Namen genannt hatte, begrüßte Pastor Jacoby sie herzlich und ohne Fragen, weil er die geachtete Familie ihres Vaters kannte.
»Ich möchte Sie in einer wichtigen Sache um Ihren Rat bitten,« sagte Anne-Dore.
Er nickte. In seinem Arbeitszimmer spielte sein kleines blondes Töchterchen, und er wandte sich in gleichgültigen Fragen bald an Anne-Dore, bald an sein Kind. Vielleicht hatte er erkannt, daß das junge Mädchen erregt und schüchtern war, und er hoffte so, ihr Gelegenheit zur Sammlung zu geben und die Möglichkeit, sich ein wenig mit der Umgebung und mit den Erscheinungen abzufinden. Er sprach von ihrem Vater, erkundigte sich nach dem Befinden ihrer Mutter, ohne zu ahnen, was in diesen Augenblicken in der Seele Anne-Dores vorging.
War dieser bewegliche und gesprächige Mann mit den etwas zärtlichen, sympathischen Zügen Pastor Jacoby, der Geistliche, der ihr Wesen verändert und ihr Herz so oft in Gluten von Liebe und Andacht getaucht? Sie traute ihren Sinnen nicht mehr und starrte ihn an, als habe er sie tödlich beleidigt. Sie wollte nicht acht haben auf diese Äußerlichkeiten, die ihn ihr in so völlig anderem Lichte zeigten, aber sie drängten sich ihr auf, mit qualvoller nüchterner Deutlichkeit. Jedesmal wenn er mit seiner wohlklingenden Stimme einen Satz gesagt hatte, umglitten seine kleinen weißen Hände einander, als müßte sein großes Wohlgefallen an allen irdischen Dingen, die nun verklärt vom Licht des versöhnten Himmels waren, irgendwie einen Ausdruck finden. Dabei räusperte er sich häufig ganz leise und andächtig tief im Hals mit kurzen Tönchen, die etwa vermittelten: Es gibt auch noch allerlei andere Freuden, die den Gläubigen vom Herrn erlaubt sind. Wir wollen sie gern genießen.
In einem Zorn der Enttäuschung, der ihr fast Tränen in die Augen trieb, stand sie schwer und todmüde auf, wandte sich ab und stellte sich an das Fenster vor die hellen bunten Blumen, die dort in der Sonne blühten. Pastor Jacoby spielte mit seinem Kind.
Ihre Hände suchten sich. Was hatte dieses vergnügte Männlein mit ihrem Herzeleid zu schaffen? Flimmernde Schleier sanken ihr brennend vor die starren Augen. Ich bin allein, dachte sie, die Menschen sind anders. Mir kann niemand helfen.
Da tauchte es schmal aus dem feuchten Glanz vor ihren Blicken, und sie keuchte, jählings gestrafft in einer heldenhaften Traurigkeit:
»Mark Enz, dein Gesicht!« Sie sah es vor sich, bitter von Sehnsucht, von Kämpfen bleich, mit einem Lächeln, als mache Einsamkeit reich, und verzehrt wie von gesühnter Schuld. Und in einem plötzlichen heißen Taumel, der ihr jedes Bewußtsein für Zeit und Ort raubte, wie in der Wut eines stummen singenden Geschreis, fuhr es empor in ihr und riß sie mit:
»Dich, dich lieb ich allein in der Welt! Nie werde ich einsam in deiner Nähe sein. Deine Sünde lieb ich, deine Sünde gehört mir. Deine Schuld und dein Schicksal sind auch meine Schuld, und ich will kein Schicksal für mich, nur deins. Meine einzige Bestimmung in der Welt ist, dein Eigentum zu sein.«
Ihr schwindelte. »Deine Sünde,« sagte sie noch einmal, als läge in dem, was sie so bei ihm genannt, ihr ganzes Heil. Rettung suchend streckte sie die Arme aus wie in einem Traum, der Boden schaukelte wild, das Licht kreiste.
Da hörte sie eine lachende Kinderstimme und die neckischen Zurufe des Pastor Jacoby, der sie unbeachtet gelassen hatte, um ihr Zeit zu lassen. Wie unter einem Stoß kam sie zu sich und tief aufatmend gewann sie Sicherheit.
›Ich will keinen Halt, nur mein glühendes Herz,‹ hatte ihr Mark einmal gesagt.
In hellem Triumph erhob sich ihr neuer Stolz, einsam und fest. Im Glückstaumel eines, der alles verlor und der nun alles zu gewinnen hat, fühlte sie sich unaussprechlich jung und zu jedem Schicksal bereit. Als wären mit allen Gütern, die ihr versunken waren, auch alle Kämpfe um sie für immer dahin.
Da sie sich umgewandt hatte, glaubte Pastor Jacoby, der Augenblick der erbetenen Unterredung sei gekommen. Er nahm sein Töchterchen bei der Hand und führte es aus dem Zimmer. Draußen begann es ein jämmerliches Weinen und er beruhigte es noch durch die Türspalte.
Ernst, mit kleinen festen Schritten, kam er nun auf Anne-Dore zu, reichte ihr erneut die Hand und war jetzt, ihr gegenüber auf einem Sessel ein wenig vorgebeugt, ganz hilfsbereite Aufmerksamkeit. Sein Lächeln war verschwunden und kam nicht wieder, nur spärlich und als Führer einer warmen Güte. Seine Züge nahmen etwas von jenem Ausdruck an, den sie von der Kanzel her bei ihm kannte; dies prophetenhaft Entrückte und jene schmerzhafte Versunkenheit; nicht mehr das Kleine seiner menschlichen Befangenheit und Armut herrschte, sondern die sichere Gegenwärtigkeit und die fast hoheitsvolle Demut dessen, der würdig war, ein Stellvertreter Jesu Christi auf der Erde zu sein. Und unter seinem Angesicht gewannen die Jesusworte plötzlich wieder ihr furchtbar ernstes Leben, das Blut des Heilands rann unter der Dornenkrone nieder über sein Leidensangesicht, dies Blut, das vergossen war auch für sie, ja das vergossen worden wäre nur für sie, so über alles wichtig war dem Vater im Himmel ihr Kindesrecht an sein ewiges Reich. Und ehe ein Wort fiel, empfand Anne-Dore, daß ihre Kämpfe niemals ruhen würden. Eine unaussprechliche Traurigkeit senkte ihr das hilflose Haupt, und sie sagte leise mit strengen Lippen und ohne Willen, ganz in der Gewalt ihrer alten schwermütigen Sehnsucht das Wort des Jüngers, flüsternd, mit toten Lauten und verstörtem Blick:
»Ich habe Lust zu scheiden, um bei Christo zu sein, welches auch viel besser wäre.«
Hatte sie es wahrhaftig gesprochen? Keine Miene des Geistlichen verriet es, auch schaute sie nicht mehr in sein Gesicht. Ein einziger Begriff hielt sie in seinem Bann, breitete sich aus in düsteren Nebeln, rot wie die Sonne am Abend, glühend und allgewaltig: Blut war für sie geflossen, Blut warb um sie. Und nun plötzlich taten ihre Lippen ihr wieder seltsam Gewalt an, preßten einander süß und spitz wie zu einem Kuß. Sie atmete tief auf in schwerem Stoßen ihrer Brust, bis ein einziger Schauer, der kein Glied ihres Körpers verschonte, sie zu einem Gefühl unfaßbar seliger und tödlich wollüstiger Schmerzen befreite.
Pastor Jacoby, der anfangs ruhig gewartet hatte, war aufgesprungen. Ganz gegen seine Gewohnheit eilfertig und befangen und hatte die Magd um Wasser angerufen. Nun reichte er dem Mädchen, das schwer gegen die Lehne des Sessels hing, ein kühles Glas an die Lippen, und sie trank, gierig und stumm.
»Es geht Ihnen schlecht, liebes Kind«, sagte er eindringlich und gütig. »Ich glaube, ich werde Ihnen jetzt wenig bedeuten können. Wollen Sie mir erlauben, Sie heute abend zu besuchen? Sagen Sie es Ihrem Vater, er wird mich willkommen heißen.«
Anne-Dore schüttelte den Kopf. — Wie war nur dieses Fremdartige so rasch gekommen und möglich gewesen? Was war es? Ihr war wohl und nüchtern zumute. Sie antwortete klar und einfach, sie würde morgen kommen, es täte ihr herzlich leid, ihn erschreckt zu haben, auch eile ihre Angelegenheit nicht, und wenn er es erlaube, so käme sie lieber ein andermal.
Besorgt sah er in ihr blasses Gesicht, das ihm wunderschön erschien und wie zum Ruhm des Leids erschaffen, als ahnte er etwas von den geheimen Vorgängen und ihrer Not. Aber er wagte es nicht, in sie zu dringen. Vielleicht war es bei ihm ein Verständnis dafür, daß Blut und Seele einander auf verschlungenen Wegen begegnen, vielleicht hinderte ihn nur die Zurückhaltung eines, der weiß, daß kein schweres Geständnis sich erbitten läßt. Jedenfalls ließ er ihr den Willen, geleitete sie liebevoll und ohne ein flaches Trostwort an die Haustür und reichte ihr väterlich die Hand zum Abschied.
Anne-Dore begriff nicht, wie wohl und leicht ihr zumute war, als sie langsam und ohne daß schwere Gedanken ihre Schatten sandten, müde und froh durch die lebhaften Straßen schritt im Schein der warmen Nachmittagssonne. Unter den alten Kastanien des Kirchplatzes spielten Kinder mit lustigem Geschrei und ausgelassenem Lachen. Sie blieb stehen und schaute ihnen zu. Die Farben der hohen Kirchenfenster der Nikolaikirche erschienen von außen dumpf und erloschen, sie erkannte die Figuren nur undeutlich und betrachtete sie prüfend. Seltsam gelassen erschien ihr alles, das früher so überreich an Beziehungen und Erinnerungen gewesen war. Alle Dinge schienen weit fern, von ihrer Innenwelt getrennt, schön, gut zu betrachten und bereit, ihr auf freundliche Art zu gefallen. Selbst das christliche Vereinshaus, in dem die Bibelstunden stattfanden, war ein Gebäude geworden wie alle anderen, eigentlich war es grau und unfreundlich, wie gut hätte man Pflanzen und Blumen in diesem kleinen Vorgärtchen pflegen können, das kahl und verstaubt, nur ein wenig Rasengrün bot. Wie üppig und fruchtbar war der feuchte durchsonnte Schatten ihres heimatlichen Waldes, wie warm und unberührt, wie wild und dennoch milde die rote Heide. Hoch und grün waren die Buchen von Hildenrot.
Dorthin würde sie nun gehen.
Sie beschleunigte ihre Schritte, faltete plötzlich im Schreiten zitternd vor Glück und Hoffnung die Hände, preßte sie an ihre Brust und sagte:
»Ich komm zu dir. Ich komm zu dir.«
Neuntes Kapitel.
Das Forsthaus von Hildenrot war in die Ruine einer alten Burg eingebaut, die auf einem bewaldeten Hügel dicht vor dem Dorfe lag und die dem Gutssitz und der kleinen Ortschaft ihren Namen gegeben hatte. Der hohe, zackige und begrünte Mauerwinkel, den zwei noch wohlerhaltene Wände der Burg bildeten, war zum Bau des Forsthauses verwandt worden. Ein dunkler, riesenhafter Efeustamm verband nun schon lange mit tausend grünen Armen die neuen Wände mit den alten Mauern und diese mit dem rötlichen Fels, den seine jüngsten Sprossen erkletterten, über die wirren, zerbröckelten Zinnen hin.
Der Förster bot zuweilen Sommergästen Aufenthalt in seinem Hause. In diesem Jahre war Markus Enzheim sein einziger Gast. Die beiden rechteckigen und niedrigen Fensterchen seines Zimmers, das zur ebenen Erde lag, ließen den Blicken die weite Heide über eine hügelige Waldlichtung hin, die grüne Fülle der hohen Buchen gegen Süden und die blühende Pracht eines weitausgebauten und dichten Stakets von verwilderten Rosen. Wenn man sich ein wenig vorbeugte, sah man in den verschwiegenen steinernen Hof, der in tiefem Schatten ruhte und dessen bewachsene Mauern ihn erschlossen wie ein Gemach. Durch ein verwittertes Tor hin, das im Frühling ganz eingehüllt war in den lichtfarbigen lila Schaum blühender Glyzinien, verlor sich der Blick durch diesen klaren Bogen, in der Wirrnis des Waldes.
Versteckt im Dämmergrund der dichten Holundersträuche, sprang an der Hofmauer ein Quell aus einem steinernen Löwenmaul in eine bemooste Holzrinne. Mit fröhlich wechselnden Lauten und in unveränderbarem, immer gleichem Klang rann das Wasser in sein dunkles Brunnenbecken, das geheimnisvoll verborgen, ein lieber Freund des Mondes, die Flut in den Wald leitete.
Mark Enz hatte Anne-Dore an diesem Nachmittag vergeblich erwartet, und er schritt nun langsam unter den sommerlichen Bäumen hin, tief in Gedanken, die keine Gestalt gewinnen wollten, die bald wie Licht und bald wie Wolken, bald wie ein Lied zerflatterten, haltlos und in milder Müdigkeit.
Im Wald sangen Kinder, er sah sie nicht. Ihre Stimmen klangen zärtlich und verschwommen, kein Wind zerteilte sie, nur die Wärme des nachmittäglichen Sonnenscheins nahm ihre Seligkeit in seinen Glanz und der Himmel, den sie lobten. Nun verstand er und lauschte:
»Des Sommers goldner Segen
liegt auf den Feldern still und heiß,
wir finden Mohn und Ehrenpreis
auf unsern lieben Wegen.«
Kam schon der Sommer, die große reiche Zeit der warmen Ruhe, in der der Wandel der Natur sich seiner Unschuld freut, wehmütig und seiner Treue froh? Wo es den Herzen der Menschen erscheinen mag als fragte die Welt: Wohin geht ihr? Seid ihr des einen Glücks eures Lebens gewiß, dieses Glücks, in dem ich erfüllt bin und das mich heiligt, weil ich unter ewige Liebe gebeugt der letzten Mahnung gefolgt bin?
Diese Wege war er oft mit Anne-Dore geschritten. Alles erinnert ihn an sie, nun um so mehr, da es erscheinen mochte, als gedächte sie seiner weniger. Und er sprach zu ihr, als schritte sie neben ihm, Worte, die er nicht gefunden hätte, wenn sie an seiner Seite gewesen wäre. Worte, die im Grunde ihn selber meinten, seine Hoffnung und seine Zukunft, die seiner Liebe Gestalt schufen und doch ihm selber galten.
Nach einer Weile blieb er stehen und sah den Waldweg entlang, der still im Spiel der rötlichen Sonne und im Blätterschatten ruhte, braun, und grün überdacht. In der Weite verlief alles in einem goldbläulichen Hauch von Sonne, Grün und Ferne. Anne-Dore kam nicht mehr. —
Nun war es Nacht geworden über Hildenrot. Er hatte noch spät in der langsamen Dämmerung mit dem Förster im Hof gesessen, über dies und jenes geplaudert, wie man es wohl tun mag, fast nur um sich der nahenden Ruhe gewiß zu bleiben, gedankenlos und bedächtig. Als er gegen Mitternacht sein Licht löschen wollte, klopfte es leise an sein Fenster. In einer seligen und wehen Ahnung, in der noch kein Schein von Freude war, öffnete er die Scheiben ganz langsam und so heftig zitternd, daß das lose Glas des Fensterflügels leise klirrte wie er es weit geöffnet hielt und sich am Rahmen stützte und Anne-Dore draußen erkannte im reinen Mond, gegen die schlafenden Rosen, schwarz und still und mit tiefgeneigtem Haupt, ganz nah, ganz nah. Keinen Gruß auf den Lippen und keine Hand für seine suchenden Hände. Die Nachtstimmen der Bäume hatte sie um ihr Haupt und das Murmeln des Brunnens und das Silber des Himmels, dessen Sterne leuchteten, und den Duft der Walderde. Alles warb um sie und schien für sie zu bitten, überredete sie dennoch, und war um ihr Wesen, wie das Weinen ihres Herzens.
Wie klar der Brunnen rauschte, lauter als je zuvor, und wie hoch schien diese weite Nacht. Ihm war plötzlich, als überblickte er die ganze Erde, als eine Stimme sein Ohr traf und er die Worte hörte:
»Hilf mir.«
Ihr leiser Ruf befreite ihn, denn er hatte vergessen, daß es ihn und sein Glück galt. Er hatte vergessen, daß er mehr tun sollte, als in Andacht schauen und fühlen, wie schön das Leben der großen Erde ist. Aber doch war ihm nun zumute, als sei er tief hinabgesunken von einer hocherhöhten Warte, nun, da er seine zitternden Arme um ihren Nacken legte und ihr Gesicht an seine Brust preßte und seine Lippen in ihr Haar.
»All meine Hoffnung ruht auf dir,« sagte er so leise, daß sie es nicht verstand, »o erlöse mich, führ mich zurück zu einem einfachen Menschenglück, in die Armut deiner blinden Schönheit, zu der reinen Hingabe, die ich gehabt habe, als ich ein Kind war. Laß mich vergessen, mach mich arm, damit ich wieder reich werde.«
»Komm«, sagte er, hilflos vor Freude. Er umschlang sie mit beiden Armen, hob sie ein wenig, und sie stieg gebückt und leise zu ihm ein. Es war nicht ganz leicht, denn das Fenster war niedrig und der Efeu sponn es ein, und sie lächelten beide über ihr bebendes Ungeschick, dies heiße, traurige Lächeln, das nur in unendlichem Jauchzen Erlösung findet, oder im Tode. —
Die Nacht gab ihrem Schlummer Kühle, und die Düfte der blühenden Pflanzen erschufen ihre Träume, und alle Sehnsucht über ihnen spielte hell und langsam das große Lied ihres ewigen Triumphes.
Als der erste fahle Schein der erwachenden Dämmerung über das Land zog, brachte Mark Enz Anne-Dore über die Heide hin und durch den Wald zurück in das Haus ihrer Eltern. Sie gingen langsam und schweigend, eng umschlungen und aneinander gepreßt. Nun brauchte das Mädchen nur noch über den schmalen Fahrweg, und die Gartenbäume ihres Vaterhauses boten ihr Schutz. Als sie am Tennisplatz anlangten, der beinahe traurig in seiner leeren Verlassenheit ruhte, immer noch etwas zu bunt und neu, um sich unauffällig in die Natur einzufügen, mußten beide lächeln. Ein vergessener Ball lag im Gras am Rand des Drahtstakets, naß und leblos.
Vorsichtig öffnete Dore die Gartenpforte im blauen Morgenlicht, die eiserne Klinke war kühl und naß vom Tau der Nacht. Sie zog sie sacht hinter sich zu und sah zum Fenster ihres elterlichen Schlafzimmers hinauf. Es ruhte blaß und stumm mit seinen weißen Vorhängen, im Schmuck des grünen Weins. Dann verklang dem horchenden Mark ihr lieber Schritt hinter der Hausecke. Er glaubte die Verandatür noch zu hören ...
Wie still es war. Noch schliefen alle Vögel, es regte sich nichts im Walde. Ihm war zumute, als störte er und er trat unwillkürlich leise auf. Aber dann übermannte ihn plötzlich ein Gefühl unaussprechlichen Lebenstriumphes, weitete ihm hell und stürmisch die Brust und ließ ihn alle Müdigkeit vergessen. Er schritt ihren gemeinsamen nächtlichen Weg zurück, obgleich ein anderer ihn früher nach Hildenrot gebracht hätte. Was lag an Zeit und Schlaf, was an Ordnung und Ruhe. Ein langsamer Schauer von seligem Kraftbewußtsein durchschüttelte ihm alle Glieder und straffte sie. Welch ernste Augen alle große Freude hat, dachte er, jugendlich ergriffen und stolz vor Glück. Die goldene Glut der Erde war seinem Blut verwandt und heiligte es in dieser schönen Stunde zu aller Unschuld.
Freundlich nahm ihn die rote Heide in ihre erste Feierstunde auf und darauf wieder der nachdenkliche Wald. Das Dach, unter dem nun Anne-Dore schlafen mochte, war längst hinter Grün und Hügeln versunken. Vielleicht wacht sie und begleitet mich, dachte er, faltete die Hände und preßte sie an die Stirn. —
Lieblich verwirrt und so fein wie Licht stand über seinem Weg und über seinen Gedanken ihr scheues Lächeln, verriet und verschwieg zugleich, gab und dankte. Er schritt einher im freien Leuchten ihrer Gunst, nun, da auch das Licht des Tages begann und die Pflanzen erwachten und der Tau fiel.
Mark Enz blieb stehn und starrte in die silbergraue schläfrige Morgenruhe der dämmrigen Heide hinaus. Er wußte nicht, zu wem er sprach und was ihn zu seinen Worten überredete, die aus seiner fessellosen und durch Lust erlösten Seele brachen:
»Von wieviel Täuschung machst du mich gesund. Du lehrst mich neu, daß unser Herz im Grunde allen Prunk verachtet und den tönenden Rausch. Das Herz des Menschen ist einfach, arbeitsam um der Schönheit willen und ohne Liebe zum Schein, wie deins, Anne-Dore. Es lauscht hinüber auf den Widerhall aus der Ewigkeit ...«
Nun lag ein roter Glanz über den wogenden Kornfeldern, die Sonne ging auf, am Waldrand blühte Mohn, von Tau gebeugt. Meisen zirpten und Buchfinken riefen. Es war Tag geworden über der Erde der Menschen.
Zehntes Kapitel.
Anne-Dore war am anderen Tage mit schweren Sinnen, müde und hilflos zu Mark Enz in den Wald gegangen, in die Heidelichtung, wo er sie erwartete. Ihr war gewesen, als seien ihre Seele und ihr Leib bedeckt mit schmerzenden Wunden, sie hatte geglaubt, ihn still und ernst zu finden, und nun lag er da neben ihr in der Heide, auf dem Rücken, die Knie hochgezogen, lustig und gesprächig, ja beinahe ausgelassen, wie sie ihn nie gesehen hatte, und tat, als sei nichts geschehen als beiden eine große Freude. Ihre tiefe Melancholie und all ihre Traurigkeit verflogen rasch in dieser Heiterkeit, die er ihr durch sein Wesen gab, wie das köstlichste Heilmittel, das nur ein Mensch ersinnen konnte. Sein Lachen flog über sie hin wie Sonnenschein, in dem ihre schweren Gedanken sich langsam zerteilten zu jener seligen Lebenswichtigkeit, die Genesende beglückt.
O, wie dies Lachen heilte. —
Es erschien ihr fast unmöglich, daß er so dalag, ein wenig spöttisch gegen die Mitwelt gestimmt, zu jeder Torheit ausgelegt und unbedacht, wie ein großes Kind. Wie der Inbegriff aller Lebenskraft und aller Daseinsfreude erschien ihr dies wandelbare, immer sichere Wesen, das Schmerz und Freude aufnehmen konnte, als seien beide allein herrlich und nichts als das. Sie dachte an sein Gesicht in der verflossenen Nacht und glaubte es nicht wiederzuerkennen. Ihre Welt, die in tausend Vorurteile eingeschränkt gewesen war, versank ihr arm und klein im Lachen seiner Augen, die keine Grenzen schauten, die frohlockten und trauerten auf gleiche Art, wie es die unschuldige Erde tat mit ihren Schönheiten, ihren Gefahren und ihren reinen Schicksalen.
Jubelnd gab ihr ganzes Sein sich dieser freien Kraft seiner Seele hin. Sie fühlte ihre Liebe zum erstenmal als ein Glück ohne Schranken und ohne einen anderen Halt, als seine junge unbedachte Kraft.
Daß man lachen durfte, laut und fröhlich lachen über all die Dinge, die man sonst zunächst einmal verzeihen, dann verstehen und endlich bedächtig ablehnen mußte.
»Höre du,« sagte er plötzlich sehr ernst, »ihr bedenkt mich gar zu reich aus eurer Friedensgemeinschaft. Neulich hat man mir aus eurer Behausung ein Notizbuch gesandt, das wahrscheinlich eurem Glaubensgenossen Friedberg angehört.«
Anne-Dore lachte und bekannte sich schuldig.
»Außen geht es an,« fuhr Mark fort, »aber innen enthält es einen Entwurf zu einer Bußpredigt, scheint mir. Gott sei Dank ist sie zum größten Teil stenographiert. Sie bemüht sich um eine Auslegung von Lukas 12, Vers 25: ›Welcher ist unter euch, ob er schon darum sorget, der da könnte eine Elle seiner Länge zusetzen.‹ — Dieser lange Kerl paßt unter kein Kanzeldach und wählt sich wahrhaftig diesen Predigttext. Er ist ganz von Gott verlassen.«
Die großen ruhigen Bäume mit ihrer Geduld und ihrer Würde schauten auf Anne-Dore nieder, die sie schon lange kannten, die sie schon seit Jahren gesehn, als ein kleines Mädchen, und später als sinnendes Jungfräulein, viel zu ernst und viel zu allein. Aber sie wunderten sich nicht über das helle glückliche Lachen, das sie verbergen mußten. Denn der Wind der Erde und der Wald und das Meer und die Berge sind über den Schicksalen der Menschen alt geworden und jung darüber geblieben, so daß sie nie erstaunen.
Mark Enz drehte Zigaretten.
»Willst du?« fragte er und hielt ihr eine hin.
Sie versuchte. Es ging nicht.
»Was bist du für ein Barbar«, sagte er traurig.
»Übrigens Friedberg«, fuhr er fort. »Ich kenne nicht allein seine Jugendgeschichte, sondern auch die Einzelheiten seiner Abstammung. Die muß man wissen. Das Licht vom Scheitel seiner Väter erleuchtet dies verstauchte Kandidatengehirn bis tief hinein in seine Weltanschauung, in der der Verfall aller Naturgesetze triumphiert. Du hast nicht genug Überblick, Dore, aber du mußt es mir glauben. Höre zu: Sein Vater war Missionar, er verehelichte sich in Jahren unbedachten Gottvertrauens und zog in die Südsee, nach Samoa, um die Kaffern zu bekehren, die dort so viel ich weiß in den Wüstenprovinzen ihr schwarzes Unwesen treiben. Ich bin nicht genau über ihre Eigenart unterrichtet, aber sie fressen Menschen. Also der alte Friedberg reckte über ihre Ansiedlungen und über ihren sündhaften Appetit seine Missionsbibel, mißverstand sie freudig und legte sie in Demut aus. Sie wollten sich aber nicht bekehren. Sie fingen an einem sonnigen, warmen Sonntag die Frau dieses Missionars Friedberg, brieten sie und fraßen den geprüften Mann ledig.
Aber vorher hatte die legitime Verbindung eine Frucht gezeitigt: den Helferich. Der alte Friedberg drückte den Säugling an sein Herz und bestieg ein Schiff zur Heimreise, weil er eine neue Mutter für sein Kind finden wollte. Dies gelang ihm nicht. Darüber starb er. Helferich wurde eine Missionswaise. Dieser Umstand hat ihm die Mittel zu seinem Studium verschafft. — Hier ist übrigens sein Buch, gib es ihm zurück. Solche Predigt schreibt man nur einmal im Leben.«
Anne-Dore küßte ihn stürmisch. Ungewußt empfand sie seinen befreienden Spott als eine Rache an aller Unterdrückung, die ihre Natur, ihre Entwicklung und ihr Urteil beeinträchtigt hatte. Etwas wie Seligkeit an Sünde, das verzehrend süße Bewußtsein eines bösen Gewissens und ihr Wille, dem Geliebten alle alten Güter darzubringen wie ein einziges großes Opfer, erhöhte ihr neues Lebensgefühl zu heißem Glück.
Woche für Woche, Nacht für Nacht lief Anne-Dore durch den Buchenwald nach Hildenrot. Die Stimme des Brunnens empfing sie im Schweigen der Nacht. Sie fand den Weg in dunklen stürmischen Nächten, und oft auf dem Heimweg schlich sie sich früh durch das Hinterpförtchen des Gartens, erst wenn schon das Morgengrauen sein stählernes Lächeln, bläulich und frei wie ein Schein der Ewigkeit, am Horizont erhob. —
Wie rasch alle Bedenken der seligen Gewißheit dieser einen Pflicht wichen. Sie spürte weder Müdigkeit am Tage, noch senkte ein Bewußtsein von Schuld ihr die Blicke. Im roten Sturm ihres erwachten schweren Bluts hob ihre junge Jugend alle verschonte Kraft zugleich in einem Übermaß von Lebenstriumph und Glut.
Wie sie die dunklen Bäume ihrer Nächte liebte, die ihre Hoffnung und ihr Bangen kannten. Auf dem Heimweg war ihr oft, als hätte der schwere duftende Schatten, der das Licht erwartete, auch ihrer geharrt; mit geöffneten Kleidern und losem Haar lief sie durch die versinkende Nacht unter den verglimmenden Sternen dahin und vertraute der reinen Kühle umher den letzten Rausch ihres singenden Bluts an.
Niemals begegnete ihr hier ein Mensch, auch hatte sie in Dickicht und Heidegrund ihre eigenen Wege. Sie wich den Orten vorsichtig aus, die ihr Gefahr bringen konnten, viel weniger aus Furcht vor einer Entdeckung, als vielmehr um dieser Einsamkeit willen, in der die Natur, unter dem Abschied ihrer funkelnden Nacht, die pochende Sehnsucht ihres Körpers heilte, ihr Glück forttrug und bis zu neuen Erfüllungen barg.
Es war ihr in ihrem veränderten Leben oft so, als begegneten alle Erscheinungen ihres Alltags ihr nur im Traum, die Wirklichkeit begann für sie erst, wenn sie in den Armen und am Herzen ihres Geliebten erwachte. Es kam dazu, daß der heimatliche Haushalt durch die Abreise ihrer leidenden Mutter Veränderungen erfahren hatte, die ihr manche Pflicht erließen und andere erleichterten. Die kränkelnde Frau nahm in der Regel ohne Aufhör die Dienste der Hausgenossen in jener leicht erregbaren Empfindlichkeit in Anspruch, die oft bei Kranken auftritt, deren Zustand niemals ganz schlecht und auch niemals ganz befriedigend wird. Seit sie fort war, waren alle sich auf ganz neue Art selbst überlassen, und besonders Anne-Dore atmete auf, denn das im Grunde selbstsüchtige und unausgesetzt nörgelnde Interesse, das ihre Mutter ihr zu zeigen pflegte, war ihr nie so qualvoll erschienen, als in der letzten Zeit, in der sie wieder und wieder genötigt war, Fragen mit Lügen zu beantworten. Ihr Vater war anders in diesen Einzelheiten, er ließ ihr den Willen in allen kleinen Dingen; vielleicht hätte er einem Sohn weniger Freiheiten eingeräumt, aber Anne-Dore gehörte neben seiner Liebe auch seine heimliche Bewunderung, und ihre Angelegenheiten waren ihm fremdartig und heilig, wie ihr Geschlecht es ihm in seinem ereignisarmen Leben im Grunde nun einmal geblieben war.
Friedberg schien ganz in seine Arbeit vertieft, er führte seine Denkerstirn mit schweren Kummerfalten durch das Gartengrün, und nur hin und wieder ließ er sich in kurze Gespräche mit Missionar Wendel ein, die in der Regel den Ernst des Lebens betonten und die Vergänglichkeit alles Irdischen.
Anne-Dore hatte fast ausnahmslos eine völlig humorlose Abneigung gegen diese gewaltsamen Unaufrichtigkeiten ihres jungen Hausgenossen bekommen. Er erschien ihr armselig und feige, und alle Entschuldigungen, die sie früher lächelnd für ihn gefunden hatte, verwarf sie jetzt als schwach und falsch. Überhaupt mied sie in verborgenem Haß alles, was auch nur ein leises Zugeständnis an ihre versunkene Innenwelt enthalten konnte. Zwar nahm sie ihrem Vater zulieb an allen Hausandachten teil und besuchte wie früher die Gottesdienste mit ihm, aber sie träumte dort in einem Halbschlummer ohne Anteilnahme ihre eigenen Träume, die stets begannen mit einem goldenen Sonnenjubel weit über warmes, sommerliches Land hin und über Seligkeit und Schmerzen fort in einem wilden, uferlosen Meer von Blut versanken.
Die erhabene Kraft dieser glühenden Vereinsamung in einer einzigen Leidenschaft gab ihrem Wesen nun früh eine stolze Sicherheit des Gefühls und ein klares Urteil über alle Dinge, die sie allein danach einschätzte, wie sie ihrem Glück förderlich oder hindernd sein möchten. Sie lernte leicht und rasch verwerfen, was ihrer einen Sehnsucht nicht Genüge tat, und lebte ihre Tage und Nächte allein um der Stunden willen, die ihr junges neues Recht in tausend Gluten und seliger Not bestätigten.
»Ich habe nur noch dich,« sagte sie Mark an einem späten Abend im Wald. Sie sprach es aus, als fragte sie ihn etwas.
»So wie ich kannst du dich nie verlieren,« fuhr sie leise und ohne Vorwurf fort, und plötzlich übermannte es sie und sie küßte ihn heiß und rief: »Ich bin darum viel reicher als du.«
»Schöner bist du,« sagte er innig. »Deine Welt ist vollkommen und du in ihr. Deine Hände sind schwach, aber sie tragen deine ganze Welt, dein Auge reicht so weit, als ihre Höhen und Tiefen gehn; dein Herz ist wie der Heiland deiner Welt, es kann sie ganz erlösen und wird sie gerecht richten. Du bist schön.«
Er merkte, daß sie ihn nicht ganz verstanden hatte.
»Du kannst dich hingeben, ganz, ohne Einwand und ohne Bedacht, darum bist du schön,« fuhr er fort. »Dich überredet keine Zukunft, wenn es gilt, der Gegenwart zu gehorchen, du bist dir treu.«
Über ihnen leuchtete der Himmel in nächtlichem Blau, erfüllt von Sternen, über ihnen waren die Zweige der schlafenden Waldbäume und der Friede ihrer Nächte, den sie um seiner schweigsamen Güte willen liebten, die ihrer Eintracht günstig war. Mark richtete sich ein wenig auf, legte ihren Kopf auf den weichen Waldboden, auf dem sie ruhten, mit beiden Händen strich er ihre dunklen Haare aus der schimmernden Stirn und senkte seine Blicke in ihre großen suchenden Augen, als fände er darin den Himmel wieder, der über ihnen war, die Waldbäume und auch den Frieden ihrer Nacht.
»Mein Dank für deine Liebe ist meine Sehnsucht,« sagte er.
Sie verstand ihn, weil sie seine geliebten Hände an ihren Schläfen fühlte, sie verstand ihn, weil seine Blicke in ihren Ruhe fanden und weil seine Gedanken ihr Herz riefen. Sie schloß die Augen in einem tiefen Schauer von Glück, das ihr nicht mehr so erschien, als sei es allein ihr eigen, sondern ihr war, als habe die Nacht daran teil, die reiche Natur, die sie umgab, das Licht des Himmels und die unendliche Weite der großen Welt, in der sie erwacht war zu ihrer jungen Liebe. Diese fremde Kraft, die ihr Geliebter seine Sehnsucht nannte, gewann im Suchen ihrer seligen Traurigkeit Gestalt, und sie sah sie als einen Engel, der sein Haupt beschirmte, und der ihn in seine Zukunft führte, die weiter reichen und schöner sein sollte, als ihre Gedanken und als ihr Tun. Und sie faltete ihre Hände, die wie alles an ihrem Leibe und an ihrer Seele nicht mehr ihr Eigentum waren, und schaute zu dem Engel auf: »Ich bin nicht dein Ziel,« sagte sie zu ihm, »aber schlag auch für kurz deine beiden hellen Flügel um mich.«
Wie veränderbar sein Wesen war. Wie herb er sich ihr oft verschloß, obgleich nichts ihn hinderte, gelassen seine Ansprüche vor ihr zu erheben. Oft hatte er sie tiefernst, traurig und grüblerisch verlassen, fast bitter und ohne einen Schein von Glück in den Augen. Dann legte sie sich mühevoll und heiß besorgt die Worte zurecht, prüfte ihre kindlichen Hände, wie sie ihn trösten möchten, und empfing ihn ernst und zu jedem Opfer bereit. Aber dann flog ihr oft sein leichtsinniges Lachen unerwartet und jugendlich entgegen, über all ihre Sorge hin. Seine Stirn schien dann niemals gebeugt und sein Mund nicht schmerzvoll gewesen zu sein.
Aber keine seiner Stimmungen hielt an, sie verflogen wie Licht und Schatten an stürmischen Wolkentagen, um die der Sonnenschein kämpft. Sie wechselten zuweilen sogar in einer kurzen Stunde ihres heimlichen Beisammenseins, nur wenn er scheinbar allen Erlebnissen seines Tages fern, seine Gedanken mitbrachte, die ihn beschäftigten, war er beständig und immer liebevoll. Aber sie empfand dann so, als sei er entfernt, auch noch, wenn seine heißen Worte, in denen er ihr seine Welt enthüllte, nur ihr zu gelten schienen. Sie fühlte sich dann oft wunderbar beglückt und zugleich mißbraucht. Aber nur er kannte sie, das bedeutete ihr mehr als jede Tugend.
Ihr kindliches und unerfahrenes Herz empörte sich niemals. Nur einmal, als sie mit ihm darüber sprach, lächelnd, und bereit, ihm jeden Einwand zu verzeihen, erschreckte sie seine Antwort, die er in einem seltsamen Leichtsinn aussprach, in einer Aufrichtigkeit, die schwermütig und unvorsichtig war, die er sicher vermieden haben würde, wenn ihn die eigene Gewißheit nicht auf neue Art überwunden hätte:
»Wenn mir einmal die Liebe einer Frau begegnet,« sagte er, »die so beschaffen ist, daß ich mich ganz an sie verlieren könnte, so würde ich sie und mein Glück zerstören. Sicherlich, ich würde es tun. Ja, wenn ich in die tiefste Schmach flüchten müßte ...«
Er besann sich plötzlich und brach ab. Betroffen sah er ihr bekümmertes Gesicht, und nun erst schien ihm klar zu werden, vor wem er gesprochen hatte.
Aber er machte keinen Versuch, etwas gutzumachen, obgleich es ihm vielleicht gelungen wäre. Aus ihren gequälten Zügen sah sein Schicksal ihn an und lächelte barmherzig.
»Vergib mir,« sagte er ruhig, »ich habe dich nicht kränken wollen.«
»Wie hast du es gemeint,« fragte sie traurig, »bin ich dir so wenig?«
Er sagte nur:
»Ich erscheine dir undankbar.«
»Kannst du niemand recht lieb haben?« fragte sie, und nun sah er, daß sie weinte, denn sie konnte ihre Tränen nicht mehr verbergen.
Er schwieg.
»Ach, antworte mir doch,« bat sie heftig und schluchzte. »Laß mich nicht allein.«
Gedemütigt durch ihren Schmerz, der ihn zugleich beglückte, sagte er und suchte die Worte mühsam:
»Vielleicht ist in meinem Herzen mehr Liebe als in vielen anderen, aber ich kann sie nicht auf einen Menschen ausschütten wie ein einziges Geschenk. Mich bewahrt eine Kraft, deren Sinn und Ziel ich noch nicht kenne, der ich mich ganz vertrauen muß.«
Ohne Hoffnung, mit einem Mut der Verzweiflung, sagte sie fast zornig:
»Ich versteh dich nicht.«
Mochte er darauf in sein stolzes Schweigen verfallen, die Achseln zucken und sich ein wenig mitleidig abwenden. Ja, mochte er gehn, wenn er wollte. Ihr blieb doch die bittere Genugtuung, daß ihre Schmerzen größer waren als sein Stolz.
Aber nichts von alledem geschah. Er kniete neben ihr nieder, suchte ihre Hände, legte sein Gesicht hinein und vergrub es in ihrem Schoß. Ihre Lippen sanken in sein Haar und ihr Herz brannte vor Beschämung und Glück. Bebend und heiß verwirrt dachte sie nur immer wieder: Was ist es denn, das ihn so plötzlich überredet hat? Gab er ihr nun nicht mehr, als er je mit Worten würde geben können? Und sie fühlte, wie unberechenbar und ohne Halt und Willen sein Herz schien, das doch in Kräften über ihrem Dasein schlug, die stark wie das Leben waren und stark wie der Tod.
Morgens wenn die Frühsonne den besprengten Garten trocknete, duftete die Welt warm im leisen Summen der Bienen nach dem Sommer. Die Tage zogen strahlend hell und wunderbar still herauf, der gewohnte Weg, den die Sonne durch das Haus nahm, war grün und dicht bekränzt an offenen Fenstern, sommerlich hell im ruhigen Haus und in den Herzen der Menschen von großäugigen Träumen umlächelt.
Anne-Dore wachte oft des Morgens auf, ehe die Sonne da war; noch befangen von der Güte der tiefen Nacht, trat sie ins blaue Licht der Dämmerung ans Fenster, schaute über die Hügel ihrer Heide, wie sie es einst als Kind getan, und wie ein kühles neues Wunder tauchte ihr aus den versinkenden Fesseln ihres Schlafs die Gewißheit empor, daß sie ein Mensch auf dieser Erde war.
Die Bäume im Garten, die sie kannten, grüßten sie in der Stimme des ersten Windes, der flüsternd mit dem Licht erwachte, und sie fühlte in seiner reinen Kühle ihren jungen Körper, den sie liebte, weil er den geliebten Mann beglückte, dem sie ihn ganz zu eigen gab. Einmal überwältigten ihre sehnsüchtigen Gedanken sie, sie kleidete sich hastig an in dieser seligen Dämmerung der stillen Welt und eilte über die versteckten Waldwege hin nach Hildenrot. Aber dicht vor dem Forsthaus kehrte sie erschrocken um, angstvoll besorgt, die Leute im Haus möchten sie sehn und ihr Geheimnis entdecken.
Mit der heraufsteigenden Glut der Sonne begann ihr träumerischer Tag, der wenig Wirklichkeiten für sie brachte. Sie schritt, ihre leichte Hausarbeit verrichtend, durch die so lange schon bekannten Räume ihres Elternhauses, in dem alles in unerschütterlichem Gleichmaß seinen guten Gang ging. Immer noch tanzten mit süßem Lächeln und gespreizter Grazie die feinen Porzellanfigürchen in hellbunten Glasspitzen ihren Reigen auf dem Wandschrank, sie erschienen ihr wie verblaßte Erinnerungen aus einer fernen toten Zeit. »In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden«, stand immer noch in silberner Schrift über dem altmodischen Sofa, aber der Sinn der Worte war erstorben und sein Leben gehörte einer versunkenen Zeit an.
Oft hielt sie sinnend inne und eine tiefe Verwunderung machte ihr die Augen starr und still: alles blieb beim alten in den Behausungen der Menschen und weit um sie her, mochte ein Herz schlummern, jubeln oder bluten. Das gab eine so eigen wehmütige Gewißheit, als wanderten die Menschen klein und arm und flüchtig nur für kurz durch ihr irdisches Bereich, und nichts umher veränderte sich, wie ihr Sinn und ihre Hoffnung. Was bleibt, fragte sie sich angstvoll und dachte an ihre große Liebe. Dann verstand sie wohl und dachte lange daran, was ihr Mark Enz einmal in einer traurigen Stunde gesagt hatte:
»Glaubtest du, ich würde mich je begnügen? So unmöglich ein Mensch das Vollkommene erreicht, so unmöglich ist die Ruhe meines Herzens auf der Erde.«
Oft glaubte sie, all ihre Liebe gehörte allein seiner Seele, seinem tiefsten Wesen und der Glut seines Gefühls, aber dann wußte sie in ihrer Erinnerung plötzlich, daß es sein Mund war, den sie liebte, seine Hände, sein Haar. Ach, wer war sie, was sollte sie tun und werden, welches Ziel heiligte ihr heißes flüchtiges Tun und seine Inbrunst? Ihr war oft, als wäre ihre Liebe größer, als daß ein Mensch allein sie tragen könnte, als drängte sie über den Geliebten hinaus, weit, weit. Nicht zu einem andern, o nie, das wußte sie gut. Aber ihr war, als wünschte sie sich, leiden zu dürfen.
Von ihm sollte ihr Gewißheit kommen, ihn wollte sie fragen. Ihn, der stets bereit schien, sich zu zerstören, nie aber sich zu vergnügen, und dessen Wesen doch Lebenskräfte umschloß, die über jede Gefahr zu triumphieren schienen. Das betäubte sie in ihren Liebesstunden fast völlig, in ihrer Erinnerung war ihr, als seien sie vom Tode überwacht und vom Schicksal durchtrauert, von einem Schicksal, das sich vor ihr erhob in Gestalt eines bronzenen Engels mit Flügeln, die im Sonnenlicht verströmten, und mit Augen, die über sie, die Ringenden und Ergebenen, fortsahen, weit fortsahen, gelassen am blauen Horizont der Zukunft ruhend. Alle Mächte, an deren Einwirkung und an deren Gewalt sie glaubte, nahmen in ihrer Vorstellung die Gestalt von Engeln an, wie es einst Engel gewesen waren, die früh an ihrer Kinderwiege gewacht und die die Welt ihrer Vorstellungen bevölkert hatten.
Jede Erinnerung an die Stunden ihrer Liebe senkte ihr die Blicke in eine starre Verlorenheit. Fast fürchtete sie sich vor der Zeit, in der sie Kraft und Ernüchterung genug gefunden haben würde, ihrer gelassener zu gedenken, bewußter und erkennender. Aus Furcht davor, ihre alten Kämpfe möchten sich neu erheben, suchte und liebte sie die flimmernde Versunkenheit, in die ihre Träume sie tauchten, wie in ein Meer von rotem Licht und Blut. Erschauernd ging sie in diesen Wirbeln von Furcht und Glück unter, körperlos fast, wie aufgelöst in lauter Lust.
Auch weil ihre Befürchtungen sie nicht eine Stunde verließen, waren ihr solche Erinnerungen unklarer und betäubender Art. Seit einst zum erstenmal Mark Enz ihren Mund geküßt hatte, bis heute, wo er alles genommen, was sie zu geben vermochte, war sie seiner nicht einen Augenblick sicher gewesen. Nichts an ihm schien ihr Gewähr zu bieten, daß er ihr eigen sei, wie sie doch ganz sein Eigentum geworden war. Und irgendwo, unerreichbar durch alle Gedanken, blieb eine Fremdheit zwischen ihnen. Sie nannte sie in glücklichen Augenblicken ihre Achtung, ihren Respekt vor ihm und seiner Überlegenheit, suchte die Gründe in allem, das ihr noch neu, gefährlich und besonders an ihm erschien, aber sie kannte Nächte, in denen dies Bewußtsein sie bitterlich schmerzte. Als habe er sie wohl an sein Herz genommen, aber als bliebe ihr dies Herz verschlossen.
Dies Empfinden verlieh ihrer körperlichen Hingabe mit der Zeit eine so sehnsüchtige und wilde Verlorenheit, daß er erschrak. Aber ihre Hoffnung, deren Drängen sie nur erduldete und nicht erkannte, riß alle Tore ihres Blutes und ihrer Seele vor seinen Wünschen auf. Je mehr ihr Gewißheit darüber wurde, daß er sich ihr verschloß, um so inbrünstiger trachteten ihre Gaben danach, ihn ganz in das Bereich ihrer Liebe zu ziehn.
Und so erlitt sie im Grunde immer noch seine Liebe. Gerade wie am ersten Tage und ohne die triumphierende Zuversicht eines großen Rechts. Nie lachte ihre Lust sinnenfroh und gesunden Blutes unbedacht auf, es war fast, als hätten ihre alten Glaubenssätze und alle Mysterien einer ergebenen Hingabe an ihre Religion ihrer irdischen Liebe den Weg bereitet, den sie nun schreiten mußte, wie im Schatten eines Sündebewußtseins und einer Knechtschaft.
Mark sagte es ihr auch einmal:
»Dein Blut ist in einen seltsamen Bann gesprochen. Meins peitscht ein heidnisches Lachen auf, deins fließt wie unter den Klängen einer Kirchenorgel.«
Er hatte dazu gelächelt und ihren Mund geküßt, als wären seine Worte beiläufig und ohne Belang. Er hatte versucht sie auszugleichen, weil er sie bereute, aber Anne-Dore lauschte mit einem heimlichen Graun, das sie wiedererkannte, auf die Antwort, die ihre Seele wußte und die ihr Mund verschwieg.
War es das, was sie tiefinnerlich zu trennen drohte?
»Könnte ich schlecht sein«, dachte sie und hatte das Gefühl, als verlöre sie sich ganz und für alle Ewigkeit. Aber wollte er denn das? Ihre Angst erpreßte ihr Geständnisse. Sie sagte einmal, als er gegen Mitternacht in Hildenrot in ihrem Arm erwachte und sie fortschicken wollte:
»Ich möchte sein wie du. So frei, so schrankenlos, so einzig dem ergeben, was für den Augenblick dein Glück bedeutet, deinen Genuß. Du bist schön, frei bist du, ganz frei ...«
Er sah an ihren Augen, daß sie gewacht hatte, empfand, wie tief diese Fragen und Wünsche sie beschäftigten, und richtete sich nachdenklich auf, wach und bereit. Er verstand, und kalt und ohne Erbarmen sagte er:
»Laß solche Ansprüche. Was du bei mir schön und frei nennst, das wäre bei dir schlecht, nur schlecht und nichts als das. Ich will dich nicht anders als du bist. Du liebst und ehrst mich in deiner Liebe nur, wenn du sie in ihrer Art heilig sprichst.«
»In ihrer Art ...«, wiederholte sie zögernd.
Er legte ihren Kopf an seine Schulter, liebevoller, als daß auch nur ein Schatten von Schmerz in ihrer Seele blieb, strich über ihren Scheitel, hinunter über ihr loses Haar, unter dem er die Formen ihrer Schultern und ihrer reichen Hüften spürte:
»Du schläfst«, sagte er langsam.
Sie rührte sich nicht. Seine Worte bewegten sie, als würde sie still in barmherzige Nacht gebettet. Sie verstand seine seltsame Ergriffenheit nicht, die so zärtlich seine schnelle Härte abgelöst hatte; sie wußte nur, was er empfand, galt ihr, das war ihr Liebe genug.
»Wenn du erwachst, bist du zu Haus«, sagte er leise.
»Zu Hause?« fragte sie schüchtern. »Ich bin es nur bei dir. Wo sollte ich es sonst sein in der Welt?«
»Bei deinem Kind«, antwortete er, tief in Gedanken.
Sie erschrak nicht und fragte ihn nicht. Es brach ihr hell aus den Augen und lief über seine Brust. Sie hatte ihm nie so vertraut, als nun, da sein Mund diesen neuen Namen genannt hatte, der ihre Heimat werden sollte.