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Nachdem wir betrachtet haben, in welcher Weise Boccaccio von der Liebe, von der Religion, von edlen Taten und vom täglichen Leben aller Stände redet, bleibt übrig, zu einem fröhlichen Schlusse auch noch der Schelmenstücke, Witzworte und Possen des Zehntagebuches zu gedenken. Was diese betrifft, so kann man sagen, dass in den Schwänken des Dekameron der witzige Florentiner Geist sich selber übertroffen habe. Denn wenn schon ohnehin die Florentiner jederzeit Freunde von Schalkspossen als auch wahre Muster im Erzählen derselben und in sonstigen Witzen gewesen sind, so hat Boccaccio diese muntere Kunst wahrhaft unübertrefflich verstanden. Unter denjenigen seiner Nachfolger, welche ihm mit dem grössten Glücke nacheiferten und es ihm in manchem gleichzutun schienen, hat kein einziger in so hohem Masse diese Gabe besessen, komische Dinge in wenigen Worten mit Grazie und feinem Humor vorzutragen.
[pg 69] Auf diesem Gebiete hat es dem Dichter gewiss noch weniger als auf anderen an Stoff gemangelt, denn an Witzbolden, Schelmen, Schalksnarren und ihren Stücklein ist die Stadt Florenz schon von frühen Zeiten her unglaublich reich gewesen, und auch jetzt noch hört man in ganz Italien nirgends so viele drollige oder bissige Scherzworte, Schimpfnamen, Spottreden und Wortspiele wie in Florenz, und es ist gut, dass die Fremden sie nicht alle verstehen. Von zahllosen Beamten, Malern, Gelehrten, Baumeistern, Goldschmieden, Bildhauern und andern hochberühmten Florentinern sind uns aus allen Jahrhunderten eine Menge von Streichen und lustigen Anekdoten überliefert. Man braucht sich nur etwa an Brunelleschi, den Erbauer der Domkuppel, zu erinnern, der die fabelhafte Ulkerei mit dem dicken Tischler anstellte, oder an den grossen Lorenzo dei Medici, genannt il Magnifico, welcher zu seinen Zeiten einer der berühmtesten Fürsten der ganzen Welt gewesen ist und doch noch Zeit und Laune genug hatte, um mit grösster Überlegung dem Arzt Manente [pg 70] einen höchst durchtriebenen und gründlichen Streich zu spielen, wie es uns Herr Antonio Francesco Grazzini, beigenannt il Lasca, erzählt hat.
So gab es auch zu Boccaccios Zeiten manche Streichemacher in seiner Vaterstadt, und unter ihnen standen, neben dem lustigen Witzbold Michele Skalza, obenan die beiden Maler Bruno und Buffalmacco, samt ihrem Freunde Maso del Saggio. Diese haben teils ihrem sehr einfältigen Freunde Calandrino, der gleichfalls ein Maler war, teils dem Arzte Simone, teils anderen, eine Menge Schabernack angetan. Denn kaum hat am achten Tage des Dekameron das Fräulein Elisa ein Stücklein von ihnen erzählt, so fallen sogleich mehreren Zuhörern andere solche Streiche der beiden ein, welche sie unter vielem Gelächter mitteilen. Diesen Kameraden Bruno und Buffalmacco gelang es einst, dem guten Calandrino ein fettes Schwein zu stehlen, ihm weis zu machen, er hätte es sich selber gestohlen, und sich von ihm noch dafür bezahlen zu lassen, dass sie reinen Mund hielten. Damit nicht genug, machten sie ihn ein andermal [pg 71] in eine Dirne verliebt, knöpften ihm Geschenke für dieselbe ab und holten dann, als er endlich sich seiner Liebe erfreuen wollte, im fatalsten Augenblick seine wütende Frau herbei. Was soll man aber dazu sagen, dass sie bei einer anderen Gelegenheit es verstanden, diesem selben Calandrino einzubilden, er sei schwanger, und ihn, nicht ohne ein ordentliches Entgelt dafür zu nehmen, nach einigen Tagen durch eine Schüssel Haferschleim vor der Niederkunft bewahrten?
Ewig unvergesslich und lächerlich aber ist des famosen Dioneus Historie von Bruder Zippolla, die er am sechsten Tag erzählt. Dies Stücklein spielt in Certaldo, der Heimat des Hauses Boccaccio. Der Bruder Zippolla ist, um die guten Einwohner wieder einmal ordentlich zu schröpfen, zum Almosensammeln nach Certaldo gekommen und hat den Bauern versprochen, er werde ihnen in der Kirche eine wunderbare Reliquie zeigen, nämlich eine Feder des Engels Gabriel. Indes er aber die Messe liest, entwenden ihm einige Spassvögel die mitgebrachte Papageienfeder und [pg 72] legen statt derselben ein paar Kohlen in sein Kästchen. Alsdann hält er eine herrliche Predigt zum Preise des Engels Gabriel, wie er aber die Feder nehmen und vorzeigen will, findet er sein Reliquienkästchen voller Kohlen. Sogleich beginnt er eine neue Rede, worin er eine schwindelhafte Reise durch allerlei Schlaraffenländer erzählt, wobei er bis zum Patriarchen von Jerusalem gelangt. Dann fährt er fort:
„Der Patriarch zeigte mir so viele heilige Reliquien, dass ich sie unmöglich alle herzählen kann. Doch um Euch nicht ganz trostlos zu lassen, will ich wenigstens von einigen sagen. Er zeigte mir zuerst die Zehe des heiligen Geistes, so ganz und unversehrt, wie sie nur je gewesen ist, und den Haarbüschel des Seraph, der dem heiligen Franziskus erschien, und einen der Fingernägel der Cherubim, und eine der Rippen des beiläufig zu Fleisch gewordenen Verbum, und etliche der Kleider des allein selig machenden Glaubens, und einige von den Strahlen des Sternes, der den drei Weisen aus Morgenland erschien, und ein Fläschlein voll Schweiss [pg 73] von dem heiligen Michael, als er mit dem Teufel stritt, und noch anderes mehr. Und weil ich ihm einen Gefallen tat, schenkte er mir einen von den Zähnen des heiligen Kreuzes, und in einer kleinen Flasche etwas von dem Tone der Glocken im Tempel Salomonis, die Feder des Engels Gabriel, ausserdem aber gab er mir noch einige Kohlen von denen, auf welchen der allerheiligste Märtyrer Sankt Laurentius gebraten wurde.“
Und so noch lange weiter. Dann zeigt er den ergriffenen Landleuten statt der Papageienfeder die Kohlen und erntet reiche Gaben. Die Leute drängen sich inbrünstig gegen den Altar, um die Reliquie nahe zu sehen, und Bruder Zippolla malt jedem ein grosses, fettes Kohlenkreuz aufs schöne Sonntagskleid.
Weltberühmt ist ja auch der Einfall jenes Kochs, welcher in der Küche das eine Bein eines gebratenen Kranichs wegnimmt, was sein Herr bei Tische mit Zorn bemerkt. Der Koch in seiner Angst behauptet, es sei eine Eigenschaft der Kraniche, dass sie nur ein Bein hätten. Nachher geht der Herr mit ihm ins Freie, wo sie bald einige Kraniche [pg 74] erblicken, die alle auf einem Beine stehen. „Seht Ihr wohl?“ sagt der Koch freudig. Da klatscht der Herr in die Hände, so dass die Vögel flüchten und dabei ihre beiden Beine zeigen. „Schau, dass Du gelogen hast!“ ruft er zornig und will den Koch züchtigen. Der sagt jedoch: „Herr, es ist Euer Fehler. Hättet Ihr vorher bei Tische auch so geklatscht, gewiss hätte dann auch jener Kranich ein zweites Bein herausgestreckt.“ Der Herr muss lachen und kann nicht umhin, ihm zu verzeihen.
Es nimmt kein Ende. Da ist die wunderliche Geschichte von der Priesterhose (Tag IX, Nov. 2), des Skalza Witz von den „Baranci“ (Tag VI, Nov. 6), die tolle Nachtherberge im Mugnone-Tal (Tag IX, Nov. 6) und eine Menge anderer. Wenn man sie liest und sein unendliches Vergnügen daran hat, könnte man wohl zuweilen meinen, es passierten heutzutage niemals mehr so drollige und gepfefferte Geschichten. Aber dem ist freilich nicht so, sondern diese Sorte von Abenteuern ist unsterblich, und ich selber könnte Euch mancherlei von dieser Art, was ich selber [pg 75] erlebt und gesehen habe, erzählen, wenn ich von der herrlichen Kunst und Gabe des grossen Giovanni Boccaccio auch nur den zehnten Teil besässe.
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Neue, vollständige Taschenausgabe in drei Bänden unter Zugrundelegung der Schaumschen Übertragung von 1823; durchgesehen und vielfach ergänzt von D. Carl Mehring. Zweifarbiger Titelrahmen und Einbandzeichnung von Walter Tiemann. Gewöhnliche Ausgabe auf feinem dünnem englischen Papier. Preis brosch. M. 10.—, in drei braune Lederbände gebunden M. 15.—.
Diese, von berufenster Hand durchgesehene und vielfach ergänzte neue Ausgabe ist die einzig vollständige im Handel befindliche. Äusserlich wird dieselbe in handlichster und bequemster Form eine Freude sein für jeden, der ein Bücherherz hat.
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Bd. I. Der grosse Schröder von Prf. B. LitzmannBd. II. Bayreuth von Prf. W. GoltherBd. III. Josef Kainz von Ferd. GregoriBd. IV. Albert Niemann von Prf. R. SternfeldBd. V. Das Burgtheater von Dr. Rud. LotharBd. VI. Adalbert Matkowsky von Philipp Stein
Wilhelmine Schröder-Devrient von Dr. C. HagemannGoethe als Theaterleiter von Philipp SteinLudwig Barnay von Dr. Heinr. StümckeLessing als Dramaturg von Prf. B. LitzmannDas Cabaret von Dr. Hanns H. EwersDie Devrients von Dr. H. H. HoubenIffland von Dr. E. A. RegenerLaube und Dingelstedt von Dr. C. HagemannDas Théatre français von A. Moeller-BruckDie Meininger von Karl Grube
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Band I-VI und VIII sind von Franz Hermann Meissner, Band VII von Jarno Jessen
Herrosé & Ziemsen, Wittenberg.
Anmerkungen zur Transkription
Das aus dem Dekameron (aus der Einführung zur neunten Novelle des ersten Tages) stammende Zitat am Anfang des hier vorliegenden Werkes ist ungenau: conciossiecosachè sollte gewöhnlichen Ausgaben zufolge con ciò sia cosa che zitiert werden. (Der wesentlich Fehler liegt in der Buchstabenfolge sie in der Mitte des Wortes.) Im selbigen Zitat fügte Hesse das aus dem vorangehenden, nicht zitierten Satzteil stammende Wort novelle zur Herstellung des Kontextes ein.
Hesses Schreibweise einiger Namen von Figuren des Dekameron weicht vom italienischen Original ab und ist hier wie von Hesse gewählt belassen worden. In der folgenden Liste wird die italienische Originalschreibweise in Klammern aufgeführt: Michele Skalza [Scalza], Bruder Zippolla [frate Cipolla], Baranci [Baronci].
Der folgende Druckfehler wurde korrigiert:
Seite 38, Zeile 12: schon frühe des öfteren ——> schon früher des öfteren
*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BOCCACCIO ***