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Briefe an eine Freundin

Chapter 41: Berlin, den 8. März 1825.
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About This Book

The collection gathers intimate letters addressed to a longtime female correspondent, combining personal counsel, reflective philosophy, and literary observation. The writer offers consolation, ethical guidance, and sympathetic attention conveyed with restraint and moral seriousness. Many letters move from passing external events to sustained meditation on inner life, feeling, and conviction, revealing a disciplined rhetoric and a delicate sensibility. Together they form an extended epistolary portrait of friendship, sustained intellectual exchange, and quietly expressed moral thought.

ch bin seit einigen Tagen aus Schlesien wieder hierher zurückgekommen, liebe Charlotte, und eine meiner ersten Beschäftigungen ist, Ihnen zu schreiben. Meinen letzten Brief aus Ottmachau werden Sie bereits empfangen haben. Der Herbst verspricht sehr schön zu werden, und ich habe mich darum doppelt gefreut, wieder hier zu sein, die letzten Monate der scheidenden besseren Jahreszeit zu genießen. Ich liebe bei weitem mehr das Ausgehen als das Beginnen des Jahres. Man blickt dann auf so manches, das man getan oder erlebt hat, zurück, man meint sich sicherer, weil der Raum kleiner ist, in dem noch Unfälle begegnen können. Alles das ist freilich eine Täuschung, ein Augenblick reicht hin zu dem größten. Aber so vieles im Leben, im Glück und im Unglück sogar, ist ja nichts als Täuschung, und so kann man auch dieser stillere Momente verdanken. Ich bin zwar von Besorgnissen für mich sehr frei, nicht gerade, weil ich mich weniger Unfällen ausgesetzt glaubte, oder weil ich mich vor nichts Menschlichem fürchte, sondern schon früh das Gefühl in mir genährt habe, daß man immer vorbereitet sein muß, jedes, wie das Schicksal es gibt, durchzumachen. Man kann sich aber doch nicht entschlagen, das Leben wie ein Gewässer zu betrachten, durch das man sein Schiff mehr oder minder glücklich durchbringt, und da ist es ein natürliches Gefühl, lieber den kürzeren als den längeren Raum vor sich zu haben. Diese Ansicht des Lebens, als eines Ganzen, als einer zu durchmessenden Arbeit, hat mir immer ein mächtiges Mittel geschienen, dem Tode mit Gleichmut entgegen zu gehen. Betrachtet man dagegen das Leben nur stückweise, strebt man nur, einen fröhlichen Tag dem andern beizugesellen, als könne das nun so in alle Ewigkeit fortgehen, so gibt es allerdings nichts Trostloseres, als an der Grenze zu stehen, wo der Faden auf einmal abgebrochen wird.

Das Laub der Bäume fängt schon an, die Buntfarbigkeit anzunehmen, die den Herbst so sehr ziert und gewissermaßen eine Entschädigung für die Frischheit des ersten Grüns ist. Der kleine Ort, den ich hier bewohne, ist vorzüglich gemacht, alle Reize zu zeigen, welche große, schöne und mannigfaltige Bäume durch alle wechselnden Jahreszeiten hindurch gewähren. Um das Haus herum stehen alte und breitschattige, und umziehen es mit einem grünen Fächer. Über das Feld gehen in mehreren Richtungen Alleen, in den Gärten und dem Weinberg stehen einzelne Fruchtbäume, im Park ist ein dichtes und dunkles Gebüsch, und der See ist vom Walde umkränzt, sowie auch alle Inseln darauf mit Bäumen und Büschen eingefaßt. Ich habe eine besondere Liebe zu den Bäumen und lasse nicht gern einen wegnehmen, nicht einmal gern verpflanzen. Es hat so etwas Trauriges, einen armen Baum von der Umgebung, in der er viele Jahre heimisch geworden war, in eine neue und in neuen Boden zu bringen, aus dem er nun, wie unwohl es ihm werden mag, nicht mehr herauskann, sondern langsam schmachtend sein Ausgehen erwarten muß. Überhaupt liegt in den Bäumen ein unglaublicher Charakter der Sehnsucht, wenn sie so fest und beschränkt im Boden stehen und sich mit den Wipfeln, so weit sie können, über die Grenzen der Wurzeln hinausbewegen. Ich kenne nichts in der Natur, was so gemacht wäre, Symbol der Sehnsucht zu sein. Im Grunde geht es dem Menschen mit aller scheinbaren Beweglichkeit aber nicht anders. Er ist, wie weit er herumschweifen möge, doch auch an eine Spanne des Raums gefesselt. Bisweilen kann er sie garnicht verlassen, und das ist oft der Fall der Frauen, derselbe kleine Fleck sieht seine Wiege und sein Grab; oder er entfernt sich, aber es zieht ihn Neigung und Bedürfnis immer von Zeit zu Zeit wieder zurück, oder er bleibt auch fortwährend entfernt, und seine Gedanken und Wünsche sind doch dem ursprünglichen Wohnsitz zugewendet.

Es freut mich, daß Sie, liebe Charlotte, in Ihrem Garten auch in einiger Art wenigstens einen ländlichen Aufenthalt genießen. Ich weiß, wie sehr Sie daran hängen und jede damit verbundene Freude zu schätzen wissen. Für meine Beschäftigungen ist mir das Herannahen des Spätherbstes und Winters sehr unangenehm. Meine Augen sind zwar durch den anhaltenden Gebrauch wirksamer Mittel um vieles besser, sie erfordern indes doch noch viel Schonung, und bei Licht greife ich sie nicht an. Damit zieht sich aber der Tag enge zusammen, und wenn man noch abrechnen muß, was das häusliche Leben, Besuche, Zerstreuungen mancher Art, endlich wirkliche Geschäfte wegnehmen, so bleibt wenig übrig. Und je länger ich fortfahre, ausschließlich meine Zeit den Studien und dem Nachdenken zu widmen, jemehr kann ich sagen, vertiefe ich mich darin und verliere Neigung und Geschmack an allem andern. Die Ereignisse der Welt haben auch nicht das mindeste Interesse für mich. Sie gehen an mir vorüber wie augenblickliche Erscheinungen, die weder dem Geist noch dem Gemüt etwas zu geben vermögen. Den Kreis meiner Bekanntschaften ziehe ich immer enger zusammen; die Männer, mit denen ich früher den anziehendsten Umgang hatte, sind gestorben, und ich habe es immer für Glücksfälle gehalten, die man benutzen, nicht aber Bedürfnisse, die man suchen muß, wenn sich ein solcher Umgang von selbst anknüpfte. Dagegen ist das Feld des Wissens und Forschens unermeßlich und bietet beständig neue Reize dar. Es füllt alle Stunden aus, und man sehnt sich, nur die Zahl dieser vervielfältigen zu können. Ich kann wohl sagen, daß ich in meinem Innern einzig darin lebe, oft Tage lang, ohne diesen Gegenständen mehr als flüchtige Gedanken zu entwenden. Naturwissenschaften haben mich nie angezogen. Es fehlte mir auch der auf die äußeren Gegenstände aufmerksam gerichtete Sinn. Von früh an hat mich das Altertum aber angezogen, und es ist auch eigentlich das, was mein wahres Studium ausmacht. Wo der Mensch noch seinem Entstehen näher war, zeigte sich mehr Größe, mehr Einfachheit, mehr Tiefe und Natur in seinen Gedanken und Gefühlen, wie in dem Ausdrucke, den er beiden lieh. Zu der vollen und reinen Ansicht davon kommt man freilich nur durch mühevolle und oft in mechanischer Beschäftigung zeitraubende Gelehrsamkeit; aber auch das hat seinen Reiz, oder wird wenigstens leicht überwunden, wenn man sich einmal an geduldiges Arbeiten gewöhnt hat. Zu den kraftvollsten, reinsten und schönsten Stimmen, die aus grauem Altertum zu uns herübergekommen sind, gehören die Bücher des Alten Testaments, und man kann es nie genug unserer Sprache verdanken, daß sie, auch in der Übersetzung, so wenig an Wahrheit und Stärke eingebüßt haben. Ich habe oft darüber mit Vergnügen nachgedacht, daß es nicht möglich wäre, etwas so Großes, Reiches und Mannigfaltiges zusammen zu bringen, als die Bibel, die Bücher des Alten und Neuen Testaments, enthalten. Wenn sie auch, wie bei uns, dem Volke gewöhnlich das einzige Buch ist, so hat dieses in ihr ein Ganzes menschlicher Geisteswerke, Geschichte, Dichtung und Philosophie, und alles dies so, daß es schwerlich eine Geistes- oder Gefühlsstimmung geben könnte, die nicht darin einen entsprechenden Anklang fände. Auch ist nur weniges so unverständlich, daß es nicht gemeinem, schlichtem Sinne zugänglich wäre. Der Kenntnisreichere dringt nur tiefer ein, aber keiner geht eigentlich unbefriedigt hinweg.

Ich bleibe diesen und den größten Teil des künftigen Monats hier, ehe ich nach Berlin ziehe, und auch dann bringe ich wohl nur einige Wochen dort zu. Sie können darauf für Ihre Briefe mit Sicherheit rechnen. Im November und Dezember werde ich zwar vermutlich wieder, wie im vorigen Herbst, eine Reise machen, die sich mit einem Aufenthalt von einigen Wochen in Burgörner schließen wird; allein es ist an sich noch nicht gewiß, noch weniger der Zeitpunkt, und ich schreibe es Ihnen vorher. Ich habe immer Neigung zum Bleiben am nämlichen Ort, und zum Aufsuchen eines andern, wie Gewicht und Gegengewicht, in mir. Doch ist das Reisen und der Wechsel des Aufenthalts meist Notwendigkeit, selten ursprüngliche Lust. Leben Sie wohl, liebe Charlotte. Mit den herzlichsten Gefühlen der Ihrige. H.

 

 

Burgörner, den 13. November 1824.

 

n der Vergangenheit ist reichlicher Stoff zur Freude und Wehmut, zur Zufriedenheit mit sich und zur Reue, da hat man mit sich, mit andern, mit dem Geschicke gekämpft, gesiegt und unterlegen; was da gefunden wird, das ist wahrhaft gewesen, das ist, wenn es schmerzlich war, untilgbar wie eine Narbe, und wenn es freudig war, unentreißbar wie ein der Seele eingewachsener Gedanke; es ist ferner rein von der Ängstlichkeit, der Besorgnis der Zukunft....

Ergebung und Genügsamkeit sind es vor allem, die sicher durch das Leben führen. Wer nicht Festigkeit genug hat, zu entbehren und selbst zu leiden, kann sich nie vor schmerzlichen Empfindungen sicherstellen, ja er muß sich sogar selbst, wenigstens die zu rege Empfindung dessen, was ihn ungünstig trifft, zuschreiben....

Es gibt in der moralischen Welt nichts, was nicht gelänge, wenn man den rechten Willen dazu mitbringt. Der Mensch vermag eigentlich über sich alles, und muß über andere nicht zu viel vermögen wollen.

Gegen Menschen und gegen Schicksale ist es nicht bloß die edelste und sich selbst am meisten ehrende, sondern auch die am meisten auf dauernde Ruhe und Heiterkeit berechnete Gemütsstimmung, nicht gegen sie zu streiten, sondern sich, wo und wie es nur immer das Verhältnis erlaubt, zu fügen, was sie geben, als Geschenk anzusehen, aber nicht mehr zu verlangen, und am wenigsten mißmutig über das zu werden, was sie verweigern....

Mit den sogenannten Ahnungen und Vorgefühlen ist es eine sonderbare Sache. Bisweilen trifft so etwas ein, bisweilen schlägt es fehl. Man möchte aber doch keineswegs weder das eine noch das andere als etwas bloß Zufälliges ansehen, und darum, weil diese Vorgefühle oft ohne Erfolg bleiben, sie nicht auch, wenn sie eintreffen, dem Zufall beimessen, und ihnen das Verdienst wahrer Voranzeige der Zukunft nehmen. Es geht mit diesen Dingen wie mit allem, was auf innerem Selbstgefühl beruht. Dies Selbstgefühl kann sich täuschen, man kann für Vorbedeutung halten, was es nicht ist, und kann auch wieder die wahre verkennen. Objektive Sicherheit läßt sich darüber nicht haben. Es kann keine sicheren äußeren Zeichen der Erkennung der Wahrheit geben. Es sind immer oft schwache Andeutungen, sie können in die Seele gelegt, sie können aber auch aus einem unbestimmten, durch Hoffnung oder Furcht irregeleiteten Seelenzustand erzeugt sein. Im ersteren Falle läßt sich auf ihre Zuverlässigkeit bauen, im letzteren Falle nicht. Das Weiseste ist immer, sie auf keine Weise herbeizulocken, bei ihrem Erscheinen sich die Möglichkeit ihrer Falschheit zu denken, und wenn sie ungünstig, auf ihre Wahrheit gefaßt zu sein. H.

 

 

Berlin, den 31. Januar 1825.

 

ie werden sich wundern, liebe Charlotte, schon vor der Zeit, wo Sie gewohnt sind, meine Briefe zu erwarten, einen von mir zu empfangen. Aber ich bin krank, habe ziemlich starkes Schnupfenfieber und Zahnweh, und beides hindert mich am Arbeiten. Da suche ich gern im Briefwechsei, und am liebsten in dem mit Ihnen, eine ruhig-erheiternde und die Seele stimmende Beschäftigung. Ich gehöre zu den geduldigsten Kranken, ja ich kann mich oft nicht entschließen, das Kranksein ein Übel zu nennen. Sie werden sagen, daß das nur beweist, daß ich nie oder selten ernsthaft krank war, und darin haben Sie ganz recht. Aber es gibt genug Leute, die auch schon bei kleinen Übeln und bloß belästigenden Unpäßlichkeiten klagen. Mir bringt das Kranksein immer eine gewisse Ruhe und Sanftheit in die Seele. Es ist nicht, daß ich gesund sehr das Gegenteil wäre. Aber das gesunde Streben hat, vorzüglich im Manne, doch einen Eifer und eine Lebendigkeit, die immer mehr oder weniger anspannen. Das fällt in Krankheit weg, man fühlt seine Tätigkeit; gelähmt und erwartet, bis es besser geht, keine Erfolge. Übrigens beunruhigen Sie sich ja nicht über mein Unwohlsein. Es ist durchaus unbedeutend und geht gewiß in wenig Tagen vorüber. Es ist bloß die Folge einer Erkältung, der ich nicht vermeiden konnte mich auszusetzen; ich fühlte gleich auf der Stelle das Entstehen des Übels. Meine Augen – Sie denken oft liebevoll daran – haben sich sehr gebessert. Ich leide garnicht in diesem Winter daran. Ich schreibe es doch der großen Schonung und selbst den lateinischen Buchstaben zu. Für Ihren letzten Brief habe ich Ihnen schon meinen herzlichsten Dank gesagt; ich habe ihn seitdem oft wieder gelesen, jedes Wort darin macht mir große und herzliche Freude, für die ich Ihnen schon im Stillen viel gedankt habe! Es ist Ihnen eine seltene und natürliche Gabe eigen, Ihre Empfindungen einfach und wahr auszudrücken, darin liegt die große Wirkung, die Ihre Worte haben. Ich wünschte immer, ja ich wußte, daß, wenn Sie mich erst näher kennen lernten, sich die Überzeugung mehr und mehr in Ihnen befestigen werde, wie herzlich mein Anteil an Ihnen und wie unwandelbar meine Gesinnungen gegen Sie sind. Dies hoffe ich jetzt erreicht zu haben. Es ist mir auch eine Angelegenheit, es Ihnen bestimmt zu sagen. Beim Schluß des Jahres drängen sich ganz natürlich die Empfindungen zusammen für diejenigen, die uns besonders wert sind, und wir fassen Sie enger zusammen. Ich halte überhaupt sehr viel auf die Zeitabschnitte auch im gewöhnlichen Leben, und der Anfang einer neuen Epoche ist mir kein gewöhnlicher Tag. Ich passe alles, was ich tue, genau in die Zeit ein, und lasse sie über mich herrschen.

Daß die Zeit hingehe und geistig erfüllt werde, ist das Große und Wichtige im Menschenleben. Durchdringt man sich recht von dieser Idee, so wird man gegen Glück und Unglück, gegen Freude und Schmerz sehr gleichgültig. Was sind Glück und Unglück, Freude und Schmerz anders, als ein Hinfliegen der Zeit, von der nichts übrig bleibt, als was sich davon geistig gesammelt hat? Die Zeit ist das Wichtige im menschlichen Leben; denn was ist die Freude nach dem Verfliegen der Zeit? und das Tröstliche, denn der Schmerz ist ebenso nichts nach ihrem Verfließen, sie ist das Gleis, in dem wir der letzten Zeit entgegenwallen, die dann zum Unbegreiflichen führt. Mit diesem Fortschreiten verbindet sich eine reifende Kraft, und sie reift mehr und wohltätiger, wenn man auf sie achtet, ihr gehorcht, sie nicht verschwendet, sie als das größte Endliche ansieht, in der alles Endliche sich wieder auflöst.

Ihre Tätigkeit achte ich sehr hoch, sie macht Ihnen viel Ehre und belohnt sich in der selbständigen Unabhängigkeit, die Sie sich nach großen und ehrenvollen Verlusten wieder geschaffen haben. Darum interessiert mich auch alles aufs höchste, was Sie mir über Ihre schon an sich interessante Beschäftigung sagen.

Ich liebe überall die Arbeitsamkeit, sie ist mir besonders an Frauen sehr schätzenswert. Diejenigen Arbeiten, welche Frauen vorzunehmen pflegen, haben noch das Einladende und Reizende, daß sie erlauben, dabei viel mehr in Empfindungen und Ideen zu leben. Ich leite daher die wirklich feinere und schönere, oft selbst tiefere Bildung her, welche auch solche Frauen, die keine vorzügliche Erziehung genossen haben, meistenteils vor den Männern voraushaben, welchen sie sonst in Kenntnissen nachstehen. Zum Teil freilich rührt aber eben daher auch die bei Frauen häufigere Schwermut und Verletzbarkeit. Wie die Seele mehr, öfter, tiefer und abgeschiedener in sich gekehrt ist, so berührt alles Äußere sie rauher. Indes ist das ein leicht zu verschmerzender Nachteil. Es hat immer einen unendlichen Nutzen, sich so zu gewöhnen, daß man sich selbst zu einem beständigen Gegenstand seines Nachdenkens macht. Man kann zwar auch, und mit gleicher Wahrheit, sagen, daß der Mensch wieder gerade sich garnicht kennt, oder doch wenigstens nie recht. Beides ist wahr. Er weiß nämlich von niemanden so viel, er kennt bei niemanden so den geheimen Zusammenhang des Denkens und Wollens, die Entstehungsart jeder Neigung und jedes Entschlusses, und in dieser Art kennt er nur sich. Aber auf der andern Seite kann er, wie er es auch wollen möge, nie unparteiisch gegen sich sein; denn der, den er beurteilt, mit dem beurteilt er auch. Er ist also in Einseitigkeit befangen, und ich habe daher nichts lieber, als wenn die, mit denen ich lebe, mich auf das Allerfreieste und ohne allen Rückhalt beurteilen; man wird dadurch belehrt, man hört etwas, das man sich selbst so nun einmal nicht sagt, und auf irgend eine Weise, wenn es nicht mit Absicht verdreht wird, hat es doch Grund. – Leben Sie jetzt recht herzlich wohl, und lassen Sie sich, ich wiederhole es, durch meine Unpäßlichkeit nicht beunruhigen. Ganz mit den alten und sich nie ändernden Gesinnungen Ihr Humboldt.

 

 

Berlin, den 12. Februar 1825.

 

eine Gesundheit ist ganz wieder hergestellt, und ich bin wieder im gewöhnlichen Zuge meiner Arbeiten. Es ist mir dies vorzüglich lieb, da ich mit Recht sagen kann, daß das mein Leben ist. Es sind lauter selbstgewählte Beschäftigungen und immer mit Ideen allgemeinerer Art. Da ich diese Beschäftigungen einen großen Teil meines Lebens hindurch geführt habe, so haben sie meinem Wesen auch die Richtung zum Ernst und zum Halten an Ideen und Gedanken gegeben, die es offenbar hat. Ich habe alles, was mich umgibt und womit ich in Berührung komme, in ein gewisses System gebracht. Ich behaupte darum garnicht, daß dies System immer richtig ist. Vielmehr ist nichts darin, was ich nicht von Zeit zu Zeit von neuem überdenke und in Betrachtung ziehe, und immer findet sich auch irgendwo ein Irrtum zu verbessern. Allein so lange ich das, was ich meine, für wahr halte, kann ich nicht leiden, daß um mich her, soweit ich Einfluß darauf habe, anders gehandelt wird. Ich kann alsdann die Grundsätze jedes Handelns aufweisen, und somit ist doch eine Grundlage vorhanden, auf die man fußen kann. Denn nichts ist mir so zuwider, als das bloße launige Wechseln der Ideen, oder das blinde Herumtappen. Es ist allerdings nicht immer möglich, jede Sache in ihrer Wahrheit zu ergründen, jeden Entschluß immer so zu nehmen, wie es am weisesten wäre. Aber man kann dem doch nahe kommen, und alles, auch das Unbedeutende in Regel und Norm zu pressen, nicht der wechselnden Lust oder Unlust zu diesem oder jenem zu folgen, sondern sich selbst zur Befolgung dieser Regel zu nötigen, ist eine heilsame Weise für den äußeren Erfolg und für den inneren Charakter. Es ist auch garnicht richtig, daß eine solche Art des Seins den Aufschwung des Geistes hindern sollte, oder dem Erguß der Empfindung Schranken setze. Der Geist bewegt sich vielmehr zuverlässiger in einem ihm gegebenen Gleise, in dem er eine feste Richtung und den gehörigen Anhalt findet, und die Empfindung erlangt mehr Stärke, wenn sie aus ganz geläuterten und berichtigten Ideen hervorgeht.

Nun leben Sie wohl, liebe Charlotte, und seien Sie überzeugt, daß ich sehr oft und immer mit herzlichster Teilnahme Ihrer gedenke. Auf Ihr Befinden, denke ich, hat der gelinde Winter, den wir haben, einen wohltätigen Einfluß ausgeübt. Je älter man wird, desto mehr wird man dem plötzlichen Wechsel und den Extremen der Witterung gram. Mit den alten, sich nie ändernden Gesinnungen der Ihrige. H.

 

 

Berlin, den 8. März 1825.

 

ie Beschreibung Ihres Lebens und Ihres häuslichen Daseins vom Jahre 1786 hat mir, liebe Charlotte, eine viel größere Freude gemacht, als ich Ihnen sagen kann. Es ist auch dieser Lebensabschnitt in Ihrer Jugend, wie natürlich, ohne gerade wichtige Ereignisse vorübergegangen, aber es ist Ihnen eine ganz besondere Gabe eigen, die inneren Seelenzustände zu schildern. Immer aber sind es doch nur diese, welche die Begebenheiten selbst erst anziehend machen, sie mögen dieselben nun vorbereiten, begleiten, oder aus ihnen entstehen. Nichts aber ist gleich reizend, als der Zustand eines aufblühenden Mädchens in dem Alter, worin Sie damals gewesen sein müssen. Ich war damals neunzehn Jahre und auch noch nicht aus dem mütterlichen Hause gekommen. Meinen Vater habe ich schon früher in meinem zwölften Jahre an einer Krankheit verloren, die bloß zufällig war, da er seinem sonstigen Gesundheitszustande nach noch lange hätte leben können. Sie müssen ungefähr vier Jahre jünger sein als ich. Ich erinnere mich aber hier, daß ich Ihr Geburtsjahr nicht genau weiß. Schreiben Sie es mir doch einmal. Mir ist es immer wichtig, ganz genau zu wissen, wie alt die sind, die ich gern habe, vorzüglich bei Frauen. Ich habe meine eigenen Gedanken über das weibliche Alter und ziehe ein weiter fortgerücktes eigentlich einem jüngeren vor. Sogar der bloße körperliche Reiz erhält sich meiner Meinung nach viel länger, als man gewöhnlich annimmt, und was in dem Innern einer Frau vorzüglich fesselt, gewinnt offenbar bei fortgeschrittenen Jahren. Ich hätte auch in keinem Alter meines Lebens gern in engem Verhältnis mit einem Mädchen oder einer Frau stehen mögen, die viel jünger als ich gewesen wäre, am wenigsten hätte ich eine solche heiraten mögen. Ich bin auch in mir überzeugt, daß solche Heiraten im ganzen nicht gut sind. Sie führen meistenteils dahin, daß die Männer die Frauen wie Unmündige und Kinder behandeln, und es kann bei einer solchen Altersverschiedenheit unmöglich der freie, gegenseitig erhebende und beglückende Umgang, das volle und reine überströmen der Gedanken und Empfindungen aus einem Gemüt in das andere stattfinden, die in dem Umgange beider Geschlechter eigentlich das Beseligende ausmachen. Gleichheit in allen inneren Bedingungen ist da unentbehrlich notwendig, und der Mann kann nur daran große Freude finden, daß sich ihm die in jeder Art in Empfindungen und Denken, nach Maßgabe der Verschiedenheit der Geschlechter, in ihrer Art Gleiche, in der mit erlangter Reife vollen Selbständigkeit ihres Wesens hingibt und seinen Willen als den ihrigen erkennt.

Ich bin aber von Ihrer Lebenserzählung abgekommen. Es ist eine sehr eigentümliche, aber in der Unschuld eines aufkeimenden, noch vor sich selbst gar nicht entfalteten Gemüts, natürliche und liebenswürdige Richtung in Ihrem Herzen, in jener Zeit, daß Sie sich nur nach einer Freundin sehnten, und jede andere Sehnsucht Ihnen fremd war. Man erkennt darin recht, was Freundschaft und Liebe unterscheidet. Beide teilen miteinander das innere Seelenleben, worin zwei Wesen einander entgegenkommen, und indem sie, jeder seine Art zu sein in dem andern aufzugeben scheinen, dieselbe reiner und klarer zurückempfangen. Der Mensch muß etwas außer sich gewinnen, an das er sich anschließen, auf das er mit allen vereinten Kräften seines Daseins wirken könne. Allein wenn auch diese Neigung allgemein ist, so ist der Hang und die Sehnsucht nach wahrer Freundschaft und Liebe doch nur ein Vorrecht zarter und innerlich gebildeter Seelen. Weniger zarte oder durch die Außenwelt betäubte Gemüter heften sich wechselnd und vorübergehend an und erreichen niemals den wahren Frieden, einer in dem andern. Unter sich aber sind Liebe und Freundschaft doch immer und unter allen Umständen in der Art verschieden, daß die erste immer zugleich eine sinnliche Farbe an sich trägt. Man tut dadurch ihrer Reinheit keinen Eintrag, denn auch die sinnliche Neigung kann die größte Reinheit in sich schließen, diese stammt aus der Seele selbst und verwandelt alles in ihren unbefleckten Glanz. Bei jungen weiblichen Gemütern, die noch gar nicht bis zum Gefühl, oder vielmehr bis zum Bewußtsein der Liebe gekommen sind, ist es doch aber eigentlich diese, die das Gewand der Freundschaft annimmt. Die Gefühle sind da noch nicht so bestimmt und klar geschieden, aber die beginnende weibliche Reife spielt doch alles, ohne es zu wissen, in die Liebe hinüber. Die Freundschaft selbst von einem Geschlecht zu einer Person desselben wird dann lebendiger, leidenschaftlicher, hingebender, aufopfernder; wenn sie auch in späteren Jahren alles dasselbe der Tat nach leistet, so ist in der früheren doch die Art anders, die Farbe der Empfindung glühender, die Seele heftiger davon ergriffen und gleichsam wärmer und heller davon durchstrahlt. So ist es gewiß auch Ihnen, liebe Charlotte, damals mit Ihrer Freundin gegangen. Ich wünsche sehr, daß Sie Ihre Lebenserzählung fortsetzen. – Nun leben Sie herzlich wohl und gedenken Sie meiner, der Ihnen immer mit gleicher Teilnahme zugetan bleibt. H.

 

 

Berlin, den 22. März 1825.

 

ch setze mich mit recht eigentlicher Freude hin, Ihnen zu schreiben, liebe Charlotte, und wünsche von ganzem Herzen, daß Sie dies Blatt körperlich recht wohl und heiter gestimmt finden möge. Bei dieser wunderbaren Witterung, wo der Winter es sich recht aufgespart hat, zum Frühjahr zu kommen, kann es selbst festen Gesundheiten leicht anders ergehen. Die meinige hat Gottlob! bis jetzt keinen Anstoß erlitten, und ich denke, wenn nicht zum Osterfest, doch gleich nachher, nach Tegel zu gehen. Wenn man auch dies Jahr lange auf das Grünwerden der Bäume wird warten müssen, so ist es eine süße Erwartung, wie die alles Guten, das unfehlbar ist, weil es aus einer sich immer gleichbleibenden Güte quillt. Alle Freuden an dem Wechsel der Naturerscheinungen haben das, daß sie zugleich moralische sind für das sie dankbar empfindende Herz. Diese Zuverlässigkeit, die in der Natur liegt und sich schon in ihrer Regelmäßigkeit ausspricht, durch die die gewöhnlichsten Begebenheiten, ja selbst der tägliche Sonnen-Auf- und -Niedergang etwas Großes und Wunderbares erhalten, diese Zuverlässigkeit, sage ich, verbunden mit der Wohltätigkeit alles dessen, was aus der Natur auf den Menschen herabfließt, erteilt allen Empfindungen, die sich auf sie beziehen, eine erhebend beruhigende Fülle der Sanftheit. In unserm rauhen Norden müssen wir freilich den Übergang zum Frühjahr mit bittern Winterempfindungen erkaufen und das Bessere langsam erwarten. Aber dieser große Wechsel hat doch auch seine Vorzüge. Er schafft mehr und etwas Tieferes in dem Menschen, wenn er nach der Düsterheit, die doch immer den Winter begleitet, in die Milde heiterer Frühlingssonne übergeht. Man empfindet das recht, wenn man einige Jahre in südlichen Ländern zubringt. Der Winter ist da eigentlich Frühjahr, und man kann fast nur drei Jahreszeiten unterscheiden, die der großen Hitze, den Sommer, die der Früchte, den Herbst, und die übrigen Monate des Jahres, wo man auch nicht Kälte oder unangenehme Witterung leidet, das Gras auf Angern und Wiesen frisch und schön, und bei vielen immer grünen Bäumen selbst wenige laublos dastehen. So kommt man in den Winter und Frühling, ohne eigentlich eine Veränderung zu bemerken, aber man entbehrt auch des ganzen, bei uns wahrhaft himmlischen Eindrucks, den diese Veränderung auf das Gemüt immer unfehlbar hervorbringt. Die Natur ist es aber auch allein, an der mir der Wechsel der Jahreszeiten bemerkbar wird. Die Menschen pflegen ihn sonst auch noch in ihrer veränderten Lebensweise zu spüren. Das ist nun bei mir nicht der Fall. Ich lebe, einigen Wechsel des Aufenthalts abgerechnet, ziemlich jeden Monat im Jahr auf die gleiche Weise. Es ist dies eine natürliche Folge meines wenigen Ausgehens im Winter und meines ununterbrochenen Arbeitens. Denn wenn Sie die Stunden von 3 bis 5 und von 8 bis 10 des Tages und die Nacht ausnehmen, können Sie sich mich, liebe Charlotte, immer in meiner Stube, und da immer an meinem Schreibtische sitzend, denken. Da die wenigen Gesellschaften, die ich besuche, auch noch meistenteils in die eben bezeichneten Stunden fallen, so gibt es kaum Ausnahmen. Je tiefer man in höhere Jahre tritt, je mehr reizt, wenn man dessen einmal fähig ist, der Ernst der Gedanken. Man kann sogar ohne Übertreibung sagen, daß das das Einzige ist, was uns dann noch reizt. Und dieser Reiz steigt mit der Beschäftigung selbst. Es entspringt eines aus dem andern, es entspinnt sich neu zu Denkendes aus bisher Halbgedachtem, oder nur Geahntem. Man wird dadurch, von dieser Seite will ich zwar diese Art des einsamen Denkens nicht unbedingt loben, man wird dadurch nicht anziehender für andere, man grenzt sich vielmehr mehr ab, man weist gewisse Dinge zurück, man hat überhaupt eine Neigung und ein Bedürfnis, sich und seine Ansicht herrschend zu machen, und zieht sich leicht, wenn es auch nicht zu billigen wäre, zurück, wo man sieht, daß sie keinen Eingang findet, man fühlt gewissermaßen, daß man nur noch in einem gewissen Gleise fortgehen kann, und verlangt daher, daß die, welche einen noch begleiten wollen, sich demselben fügen. Alles das mag seine Unbequemlichkeiten haben, allein alles Menschliche ist damit verbunden, und jenes beschauliche Leben in sich selbst, das sich seinen Kreis schließt und diesen Kreis nie wieder verläßt, hat und gewählt einen solchen Ersatz, daß man sich doch darum nicht davon trennen würde. Ja, wenn es recht die Weise erreicht, mit der sich ein sonst gut geartetes und tieferes Gemüt wahrhaft beruhigt, so darf man sich sogar aus Pflicht nicht davon trennen. Denn aus diesem nach eigenen Entschlüssen und eigener Wahl begonnenen Verfolgen von Ideen entsteht immer etwas, das weiter und wichtig wirkt, und ohne die Selbständigkeit des Mannes ist eine freie Anwendung seiner Tätigkeit nicht zu denken.

 

 

Tegel, den 1. Mai 1825.

 

ch habe eine große Freude daran, in der Vergangenheit zu leben. Von dem Kleinsten, was mir begegnet ist, habe ich wenig vergessen, und ich verweile vor allem gern in Gedanken bei den Menschen, mit denen ich näher zusammen trat. Gerade in den Jahren, wo wir uns sahen, hatte ich eine Art von Leidenschaft, interessanten Menschen nahe zu kommen, viele zu sehen und diese genau, und mir in der Seele ein Bild ihrer Art und Weise zu machen. Ich hatte mir dadurch früh eine Menschenkenntnis verschafft, die andern sonst wohl viel später fehlt. Die Hauptsache lag mir an der Kenntnis. Ich benutze sie zu allgemeinen Ideen, klassifizierte mir die Menschen, verglich sie, studierte ihre Physiognomien, kurz machte daraus, so viel es gehen wollte, ein eigenes Studium. Indes hat es mir auch für die Behandlung der Menschen im Leben sehr viel geholfen. Ich habe gelernt, jeden zu nehmen, wie er nach seiner Sinnesart genommen werden muß, und was mir recht und dem Verhältnis gemäß scheint, mit jedem durchzusetzen. Was ich als junger Mensch zur Übung versuchte, hat mir im männlichen Alter oft sichtbar genutzt. Jetzt kommt es mir längst nicht mehr vor, in dieser Art eine Wirkung auf einen Menschen zu bezwecken. Wenn man meine Jahre erlangt hat, kann man sich teils nicht mehr so in andere Verschiedenheiten finden, teils muß man es nicht wollen. Man muß seine Individualität frei gewähren lassen, mit denen fortwandeln, die sich ihr anpassen und sich nach ihr richten wollen, und die andern nur mit allgemeinem Wohlwollen begleiten. – – –

Sie sind also auch von der schnellen, wunderartig plötzlichen Erscheinung des Frühjahrs in diesem Jahr so betroffen gewesen? Ich meine, ich hätte es noch nie so erlebt. In einer einzigen Nacht stand ein großer alter Kirschbaum hier, der den Tag vorher noch nichts als nackte Reiser hatte, mit Blüten bedeckt da.

Die wehmütige Empfindung, gerade in dem Aufleben der Natur, ist sehr begreiflich, und ist wohl allen Menschen eigen, die tiefer empfinden und genauer auf sich achten. Sie hindert darum das frühe Teilnehmen an der erwachenden Natur garnicht. Sie sprießt vielmehr aus der Tiefe dieser Empfindungen selbst, denn jede wahrhaft tiefe Empfindung im Menschen wird von selbst wehmütig. Sehr natürlich. Der Mensch fühlt seine Schwäche, sein dem Wechsel und der Vergänglichkeit unterworfenes Dasein; und indem er nun in diesem, ihn scheinbar nur mit Unglück und Widerwärtigkeiten bedrohenden Dasein eine unendliche, ihn rund umgebende Güte erblickt, da die ganze Natur, gerade in diesem ersten Aufkeimen, überzuquellen scheint, um ihn mit Genüssen aller Art zu bereichern, so ist er darüber in seiner innersten Tiefe gerührt, was sich nur in wehmütiger Freude aussprechen kann. Eine andere Art der Wehmut, und eine schmerzlichere, kann auch, nach Beschaffenheit der verschiedenen Stimmungen, daher entstehen, daß man den Eintritt einer so großen Menge, wenn auch nicht nach menschlicher Art lebender Wesen, in erneuertes Dasein oder erneuerte Regsamkeit nicht ansehen kann, ohne zugleich an ihre Rückkehr in Winterschlaf und Tod zu denken, die ebenso plötzlich eintreten wird. Daß alles Leben nur ein der scheinbaren Vernichtung Entgegengehen ist, wird einem nie so klar, als in dem regelmäßigen Wechsel der Jahreszeiten. Die ganze Pflanzenwelt nun mit so harmlos zuversichtlicher Freude ins Leben treten zu sehen, als ahnte sie garnicht das winterliche Ersterben, hat ebenso etwas tief Rührendes, wie das Leben eines noch keine Gefahren ahnenden Kindes.

Leben Sie herzlich wohl. Unwandelbar mit der herzlichsten, unveränderlichsten Zuneigung Ihr H.

 

 

Tegel, den 15. Mai 1825.

 

o sehr ich auch die Natur liebe und gern in ihr weile, bin ich doch, seit ich hier bin, nicht sehr viel ins Freie gekommen. Wenn nicht Besuch kommt, was bei diesen kalten und regnichten Tagen nicht so häufig der Fall ist, pflege ich von sechs bis acht Uhr abends draußen zu sein. Ich ziehe den Abend dem Morgen besonders wegen des Sonnenuntergangs vor. Nicht leicht versäume ich diesen an irgend einem Tage zu sehen. Ich habe ihn immer werter gehalten als den Aufgang, obgleich das vielleicht nur daher kommt, daß man am Abend, nach vollendeten Geschäften, ruhiger und besser gestimmt ist, sich Natureindrücken zu überlassen. Den ganzen Tag über arbeite ich in meiner Stube, die aber nach der Mittags- und Abendseite die unmittelbare Aussicht nach dem Garten und hohen Bäumen hat. Dies Arbeiten in selbstgewählten Studien, unabhängigem Denken (denn meine eigentlichen Geschäfte kosten mir verhältnismäßig sehr wenig Zeit) kann ich eigentlich als mein Leben ansehen. Meine Ideen, und dies in Büchern, in Anschauungen, in Erfahrungen, wodurch sie genährt werden, beschäftigen mich eigentlich allein und ausschließend; und ich kann mit Recht sagen, daß ich mein sehr heiteres und glückliches Dasein, wenn nicht allein, doch größtenteils ihnen verdanke. Hat man sich einmal an dies Leben in Ideen gewöhnt, so verlieren Kummer und Unglücksfälle ihre Stachel. Man ist wohl wehmütig und traurig, aber nie ungeduldig noch ratlos. Ich knüpfe, weil ich einmal diese Gewohnheit gefaßt habe, dies Nachdenken immer an gelehrte Beschäftigungen, aber ich suche mich immer und an jedem Punkte darin zu freien Ideen zu erheben, die sich dann an alles, was nicht wirklich, und an alles, was in der Wirklichkeit echten und wesenhaften Glanz, Gehalt und Reiz hat, knüpfen. In dieser höheren Region werden die Ideen, die als gelehrte Beschäftigungen nur für wenige bestimmt scheinen, wieder sehr einfach und knüpfen sich an alles allgemein Menschliche an.

Ich freue mich zu denken, daß Sie diesen Brief, wie Sie es immer freut, zum Pfingstfest bekommen. Mit unwandelbaren Gesinnungen der Ihrige. H.

 

 

Tegel, den 16. Juli 1825.

 

ies ruhige, schöne, meinem Alter und Neigungen angemessene Verhältnis können wir ungestört so lange fortsetzen, als wir miteinander im Leben fortwandeln; es ist von meiner Seite nichts da, was es unterbrechen könnte, und ich weiß nichts, was es von Ihrer Seite hindern könnte. Genügt Ihnen, wie ich denn sicher überzeugt bin, daß es Ihnen genügt, dies, so ist unser Verhältnis so klar und rein, wie es nur immer gedacht werden kann. Sie brauchen auch garnicht zu denken, daß Sie darin bloß die Empfangende sind; ich habe Ihnen oft gesagt, daß mir Ihre Briefe, Ihre natürlichen, weiblichen Äußerungen Ihrer Ergebenheit, Ihre Lebensbeschreibung recht große Freude machen und gemacht haben. Glaube ich, daß Sie mir eine besondere machen könnten, so haben Sie ja gesehen, daß ich es Ihnen frei und natürlich geäußert habe. Sagt das Ihnen nicht zu, so trete ich davon zurück, und gewiß ohne Erbitterung, ohne Klage, ohne, wie ich Ihnen sagte, irgend eine Empfindung, die Ihnen unangenehm sein könnte, bloß in dem Gefühle, daß nicht zwei Menschen ganz gleich denken können. Also auch so etwas müssen Sie, liebe Charlotte, nicht schwer aufnehmen. Es gibt schon sehr vieles, was auch das glücklichste Leben schwer machen kann, daß man es nicht willkürlich vermehren muß. Willkürlich ist nun zwar eine solche Mißstimmung nicht, aber man kann doch gegen sie arbeiten. Das erfordert freilich Selbstbeherrschung, aber darauf muß ich auch zurückkommen, daß die allen Menschen nötig ist. So glaube ich, liebe Charlotte, mich so rein ausgesprochen zu haben, daß Ihnen wenigstens in mir nichts dunkel und rätselhaft bleiben kann. Nun muß ich noch eine Stelle Ihres Briefes berichtigen, wo Sie mich ganz mißverstanden haben, indem Sie sagen, daß ich nichts zu meinem Glück bedürfe als mich. Es ist das allerdings wahr. Aber das kann ich, wie streng ich mich untersuche, nicht tadeln, es ist vielmehr in mir die Frucht eines langen und darauf gerichteten Lebens gewesen. Ich lebe nämlich in Gefühlen, Studien, Ideen; diese sind es eigentlich, die machen, daß ich nichts Fremdes bedarf, und sie sind auf unvergängliche Dinge gerichtet, sie lassen mich nicht sinken, wenn mir Erwartungen fehlschlagen, wie ich es oft, wenn mir Unglücksfälle zustießen, erlebt habe. Nur wenn man in diesem Sinne nichts bedarf, kann man möglichst frei von Egoismus sein, denn da man für sich nichts fordert, kann man andern hilfreicher sein. Man genießt auch dann jede Freude mehr, gerade weil sie kein Bedürfnis ist, sondern eine reine, schöne Zugabe zum Dasein. Alles, was dem Bedürfnis ähnlich ist, hat die Eigentümlichkeit, daß man es viel weniger genießt, wenn man es hat, als es schmerzt, wenn man es entbehrt. Darum aber fühle ich (ich habe es ja mehr als einmal erfahren) den Verlust geliebter Personen wohl eher tiefer als andere, wenn auch mit mehr Fassung und Ruhe. Nur die Wehmut setze ich nicht dem Glücke entgegen, sondern teile das Glück in wehmütiges und heiteres, und setze jenes nicht gegen dieses zurück. So meinte ich das, was Sie anders verstanden, und wenn Sie den Inhalt meiner Briefe im ganzen durchgehen, werden Sie immer dies darin ausgesprochen finden. Dafür, daß einzelne Stellen anders erscheinen könnten, möchte ich nicht einstehen, da man nicht jedesmal alles begrenzen kann, doch glaube ich es kaum. Leben Sie nun herzlich wohl, rechnen Sie fest auf die Unveränderlichkeit meiner Gesinnungen, verscheuchen Sie vor allem jede unnütze Besorgnis, erheitern Sie sich. Denken Sie, daß Sie mir Freude damit machen, das tun Sie ja so gerne. Von Herzen Ihr H.

 

 

Burgörner, den 18. August 1825.

 

ch bin seit einigen Tagen hier und habe mich schon sehr an dem Gefühle erfreut, das den Aufenthalt in der Provinz und in einer Gegend, wo man ganz und gar von größern Städten entfernt ist, begleitet. Ich finde mich immer sehr leicht darein und habe daran ein vorzügliches Gefallen. Es wandelt mich auch nicht die leiseste Neugierde an, und ich kann sehr gut selbst die Zeitungen entbehren. Ich pflege alsdann auch meine Beschäftigungen fast ganz einförmig einzurichten und so viel als möglich bei einem Ideengange zu bleiben. Ich habe von jeher eine große Neigung gehabt, mich in eine Sache zu vertiefen, und habe oft Gelegenheit gehabt, die Vorteile und Nachteile davon an mir selbst zu erfahren. Denn daß diese Vorliebe für eine und dieselbe oft wiederholte Beschäftigung, dies Grübeln über eine Idee auch seine beschränkenden und daher schädlichen Eigenschaften hat, läßt sich nicht leugnen. Die Vertiefung bringt im Grunde dieselbe Wirkung hervor als die Zerstreuung, sie läßt vieles nicht bemerken, manches ungeschickt betreiben. Der Unterschied ist nur freilich, daß der zerstreute Mensch sich in nichts zersplittert, und nichts findet, noch besitzt, an dem er zu haften vermöchte, daß aber der Vertiefte immer eins hat, was ihn für die Vernachlässigung des übrigen entschädigt. Am nachteiligsten empfinde ich diesen Hang, sich einer Sache, die dann meistenteils eine innere Idee ist, hinzugeben dann, wenn ich mich in der freien Natur befinde. Ich liebe sie unendlich, und der Genuß oft selbst einer einfachen Gegend, geschweige denn einer schönen, hat für mich mehr Reiz als fast alles übrige sonst. Aber auch der Eindruck, den die Natur macht, schließt sich immer wieder an den mich innerlich beschäftigenden Gedanken an, und verwandelt sich selbst in eine allgemeine Empfindung; dagegen entgehen mir eine ganze Menge Einzelheiten. Ich würde nie zum Naturbeobachter darum getaugt haben, und hätte sicherlich mitten unter Pflanzen und Steinen sehr vieles unbemerkt vorübergehen lassen, was ich zu anderer Zeit mit Bedauern inne geworden sein würde. Indes möchte ich darum diesen Hang zur Vertiefung nicht fahren lassen und ihn nicht bloß nicht mit dem entgegengesetzten Extrem vertauschen, sondern mich nicht einmal gern mit der Mittelstraße zwischen beiden Extremen, die man sonst wohl als die weisere zu preisen pflegt, begnügen. Man lernt doch das, dem man sich so ganz, so ausschließend, so in fester Beharrlichkeit widmet, besser kennen, und je länger man dabei verweilt, desto mehr scheint an ihm in der Betrachtung hervorzutreten. Man kann in der Tat nicht sagen, daß die Dinge der Welt dasjenige, was an ihnen zu sehen ist, offen daliegen haben. Der eine sieht, was dem andern entgeht, und es ist, als wenn der Blick, wenn er durch gehörige Vertiefung geschärft wird, erst selbst den Gegenstand erschlösse. Die einfachsten Sachen können darum denjenigen, der einmal diesen Hang hat, sehr lange Zeit, und nicht auf eine leere, nutzlose Weise beschäftigen. Vorzüglich finde ich immer, geht bei dieser anhaltenden Betrachtung, wenn sie nicht bloße Gedanken, sondern Gegenstände der Welt betrifft, dasjenige auf, was die Zeit an ihnen gearbeitet hat, die Spur der Vergangenheit in der Gegenwart, ja oft auch die leise Ahnung der Zukunft, welcher die Gegenwart entgegengeht. Darin liegt auch einer der höchsten Reize. Denn alles, was das Laufen und das ununterbrochene Fließen der Zeit versinnlicht, zieht den Menschen unendlich und unnennbar an. Sehr natürlich, da er selbst das Geschöpf der Zeit ist, da seine Schicksale auf ihr wie auf einem immer wogenden Meere schweben, da er nie weiß, ob er sich der Gegenwart sicher vertrauen darf, und ob nicht eine trügerische Zukunft seiner wartet. Das tiefere Eindringen in die Gegenstände, das man dem Hange zur Vertiefung dankt, wäre aber noch der mindeste Vorteil. Denn Sie könnten mir vielleicht mit Recht einwenden, daß es gar wenig Dinge gibt, die ein solches Eindringen verdienen. Das viel Wichtigere dabei ist der Gewinn, den der Geist in sich, aus diesem Sichsammeln auf einen Punkt, aus dieser Genügsamkeit mit wenigen Gegenständen, auf die er sich vereinzelt, zieht. Es entspringt notwendig daraus eine größere geistige Innigkeit, eine höhere Wärme, eine Liebe, mit der man das umfaßt, mit dem man sich gleichsam allein in der Welt fühlt. Dadurch wird auf den Charakter selbst gewirkt, oder vielmehr, da nichts Äußeres hinzutritt, sondern dieser Hang aus dem Charakter selbst hervorgeht, so entwickelt sich der Charakter dadurch und bildet sich zu einer höheren Würde und gehaltvolleren Schönheit aus. Denn es gibt Ideen, mit denen er gleichsam zusammengewachsen ist, die er nie aufgeben möchte, die ihn wie beständige Leiter, Freunde, Tröster begleiten, und diese Ideen, die so zu ihm treten, sind gerade immer die eigentümlichsten, diejenigen, die ein anderer oft garnicht, oft erst nach Jahren, verstehen und begreifen kann, was garnicht darin liegt, daß sie ihm, wie man es auszudrücken pflegt, zu hoch, zu verwickelt wären, sondern nur darin, daß sie so unzertrennbar mit einem andern Individuum verbunden sind. In Ideen dieser Gattung würde ich nie von dem Allerkleinsten, ohne vollkommene Änderung meiner früheren Überzeugung, zurückgehen; es kann nichts geben, was für dies Zurückgehen Entschädigung gewährte, und welches Opfer auch einer solchen zu tiefer Überzeugung gewordenen Idee gebracht werden müßte, so kann es nie, gegen sie selbst gehalten, zu groß sein. Die Festigkeit aber, die darin sich ausspricht, ist keine eigensinnige, sie entsteht nicht einmal allein aus Verstandesüberlegung. Denn ob sie gleich an sich freilich, wie die Überzeugung, von demjenigen, was von dieser Festigkeit begleitet ist, aus dem Verstande entspringt, so gesellt sich nun in einem Gemüte, das den Hang besitzt, eine Idee und einen sich mit ihr verbindenden Gegenstand ganz und gewissermaßen ausschließend zu umfassen, dazu Wärme, Empfindung und eigentliche Liebe. Das ganze Leben wird durch diese Stimmung innerlicher, und wo sie recht einheimisch geworden ist, dauert sie, wie ich in verschiedenen Perioden meines Lebens erfahren habe, auch in derselben Innerlichkeit mitten unter großen äußeren Bewegungen fort. Sie macht alsdann denjenigen, welcher sie besitzt, von allen Äußerlichkeiten unabhängig, überhaupt wird durch dieselbe das Bedürfnis, sich gerade mit einem äußeren Gegenstande zu verbinden, vermindert. Denn die Liebe, welche die bloße innere Idee erweckt, vertritt schon dessen Stelle. Wo aber etwas Äußeres mit der Idee zusammentrifft, da ist nun auch die Wirkung doppelt stark und dauernd. Die Ideen, welche so durch das Leben begleiten, sind auch natürlich zugleich dann die, welche am besten vorbereiten, das Leben auch entbehren zu können. Denn da das Leben vorzüglich nur durch sie Wert hat, sie aber fest mit den tiefsten Kräften des Gemüts und der Seele vereinigt sind, so kann ich mir wenigstens nicht denken, wie nicht mit ihnen gerade auch das Eigenste, was man besitzt, mit einem hinübergehen sollte. Es ist wohl zu hoffen und mit Vertrauen zu erwarten, daß sie klarer, heller, und in neuer vielfacherer Anwendung den Geist umgeben werden. –

Recht herzlich habe ich mich gefreut, in Ihrem Briefe zu erkennen und ausgedrückt zu finden, daß Sie wieder ruhig und heiter werden und aufs neue erkannt haben, daß ich nur beides zu befördern wünsche. Gewiß habe ich nur diese wohlwollenden Gesinnungen für Sie gehabt, wie ich vor einigen Jahren den Briefwechsel mit Ihnen wieder anfing. Ich glaube mir in meinen Gesinnungen stets gleich geblieben zu sein, und Sie können gewiß ferner darauf rechnen. Die Grundsätze, nach denen ich handle, stammen weder aus Eigensinn, noch sind sie eben so wenig auf eigene Wünsche berechnet. Sehr gefreut hat es mich auch, das volle feste Vertrauen, wie sonst bei Ihnen, zu diesen Ihnen mit liebevollem Anteil geweihten Gesinnungen gefunden zu haben. Halten Sie dies unverbrüchlich fest, liebste Charlotte, und nie wird etwas Störendes in unserem Verhältnis entstehen.

Daß Sie der Konsequenz gram und feind sind, wenn sie nichts als Eigensinn ist, und nur diesen edleren Namen annimmt, darin haben Sie ganz recht. Es ist dies dann nur eine tadelnswerte Scheinheiligkeit. Doch muß man nicht alles Eigensinn nennen, wovon man die Gründe nicht einsieht, oder was auf solchen Gründen beruht, für die man, wenn man sie auch kennt, keinen Sinn hat. Das wäre wieder auf der andern Seite und in einem andern Extreme gefehlt. Noch weniger könnte es Konsequenz genannt werden, wenn man bei Meinungen beharren wollte, die man selbst abgeändert hätte und nicht mehr, wie ehemals, für wahr hält; das wäre nichts als Rechthaberei, oder die Schwäche, nicht vor andern bekennen zu wollen, daß man früher unrecht gehabt hat. Wenn man das selbst fühlt, muß man auch keine Schwierigkeit darin finden, es vor andern einzugestehen. Ich halte garnichts davon, in seinen Grundsätzen, Meinungen und Empfindungen so ein für alle Mal abgeschlossen zu sein und zu denken, daß das nun alles darum so recht wäre, weil man es so lange dafür gehalten hat. Ich prüfe vielmehr immer alles aufs neue und würde es keinen Augenblick Hehl haben, wenn auch das, woran ich sehr gehangen hätte, mir plötzlich anders erschiene. Ich würde dann nicht nur selbst meine vorige Meinung ablegen, sondern es auch ohne allen Anstand bekennen. Gerade aber, wenn man so gestimmt ist, begegnet einem dies bei andern viel weniger, denn man ist dann an sich dem Nachdenken geneigt, und die Grundsätze und Meinungen, die man hat, gründen sich dann auch auf das Nachdenken, solche aber vertauscht man nicht leicht mit andern, wenn man auch sich neuen Prüfungen noch so offen erhält. Sie sagen, daß Sie in den letzten Wochen zu sehr ernsthaftem Nachdenken über sich geführt worden sind und Ihre Blicke sehr in die Tiefe Ihres Innern gerichtet haben. Sie werden dann dabei erfahren haben, wie wohltätig es ist. Mir kehrt aus solchen Selbstbetrachtungen, die ich für die höchste und beste Beschäftigung halte, alle Mal eine große und nicht leicht wieder zu zerstörende Heiterkeit zurück. Man findet entweder, daß der Zustand des Gemüts von der Art ist, wie man nur wünschen kann ihn zu erhalten, und hat nichts nötig gehabt, als ihn nur besser zu entwirren, mehr Licht und Klarheit in ihm zu genießen – und das ist gewiß der Fall bei Ihnen – oder man muß sich selbst anklagen und unzufrieden mit sich sein; dann ändert man seinen Sinn, nötigt das Gemüt zu dem, was es aus Irrtum, oder Schwäche, oder sonst einer Verkehrtheit versagte, und genießt gerade wieder in dem Gefühl, sich auf den rechten Weg zurückgebracht zu haben, einer neuen und nun wahrhaft befestigten Heiterkeit. Leben Sie herzlich wohl, bleiben Sie ruhig und heiter, und rechnen Sie auf die Gleichheit und Unveränderlichkeit meiner Gesinnungen. H.

 

 

Burgörner, den 6. September 1825.