Der Abschnitt eines Jahres hat immer eine gewisse Feierlichkeit, meiner Empfindung nach mehr und ganz anders als ein Geburtstag. Dieser bezieht sich immer nur auf eine Person, und für den, der ihn sonst erlebt, ist er nur ein Abschnitt im Abschnitte des ganzen Jahres. Für alle eine Erneuerung der Epochen ist nur das erneuerte Jahr selbst, und es erregt daher auch eine allgemeine Teilnahme. Das Jahr selbst, das abgeschiedene und das neu eintretende, wird wie eine Person betrachtet, von der man Abschied nimmt und die man begrüßt. Jedes Jahr hat seine eigenen geschichtlichen Ereignisse, die sich in die Reihe der individuellen Schicksale verweben, selbst wenn man gar keinen Teil daran nimmt, da man sich beinahe unwillkürlich daran erinnert, bei diesem oder jenem nur einen selbst betreffenden Vorfall gerade auch von diesem oder jenem öffentlichen Ereignis gehört zu haben. Es ist aber auch keine Einbildung, daß die Jahre glücklich oder unglücklich für die Menschen sind, und daß man es ihnen gleichsam ansieht, wie sie sich in dieser Hinsicht gestalten werden. Ich meine damit nicht große Unglücksfälle, aber so das kleine Mißraten aller Unternehmungen, das Fehlschlagen der frohen Erwartungen, die man sich auf diese oder jene Weise gebildet hatte, in der Art, wie es auch Tage so gibt, wo man z. B. in allem ungeschickt ist, alle Augenblicke etwas fallen läßt, sagt, was man nicht sagen soll, und wie es so oft in Träumen geschieht, niemals zu dem kommt, was man in der Absicht hat. Alles das liegt freilich weniger noch im Schicksal als im Menschen, der sich immer selbst sein Schicksal macht. Es kommt wohl oft von den ersten Eindrücken her, die man beim Beginnen des Jahres bekommt, und die gleich das Vertrauen auf sein Glück schwächen, oder gar Furcht vor Unglück oder wenigstens Besorgnisse erwecken. Bisweilen ist es auch bloß phantastisch. So halte ich viel von der Jahreszahl. Wenn sie viele ungerade Zahlen enthält, hat man bei aller Vernunft eine Art Scheu davor. Wenn dagegen so schöne gerade Zahlen wie in 1828 sind, so flößt das eine gewisse freudige Sicherheit ein. Man schließt sich in das Jahr mit heiterem Mute ein, wie in ein Fahrzeug, das schon durch sein Ansehen verspricht, einen sicher an das Ufer des nächsten Jahres zu bringen. Wenn ich sagte, daß jeder sich selbst sein Schicksal macht, so ist das ein altes Sprichwort, freilich ein heidnisches, das aber auch, christlich genommen, einen richtigen Sinn hat. Es ist nämlich hier von dem inneren Schicksal die Rede, von der Empfindung, mit der man das Äußere aufnimmt, und das hat der Mensch in seiner Gewalt. Er kann immer Ergebung, Fassung, Vertrauen auf wohltätige höhere Macht in sich erhalten, und wenn es ihm noch daran fehlt, in sich hervorbringen. Wenn der Mensch nicht darin allein von sich selbst abhinge, so gäbe es keine Freiheit.
Indem die Vorsehung die Schicksale der Menschen bestimmt, ist auch das innere Wesen des Menschen dabei in Einklang gebracht. Es ist eine solche Harmonie hierin, wie in allen Dingen der Natur, daß man sie auch gegenseitig auseinander ohne höhere Fügung erklären und herleiten könnte. Gerade dies aber beweist um so klarer und sicherer diese höhere Fügung, die jener Harmonie das Dasein gegeben.
In der letzten Hälfte des Märzes werde ich eine größere Reise machen und wohl erst in sechs Monaten zurückkommen. Meine jüngste Tochter ist, wie Sie wissen, an Herrn von Bülow verheiratet, und dieser ist jetzt preußischer Gesandter in London. Er ist schon seit mehreren Monaten dort und meine Tochter will ihm nun mit ihren drei kleinen Mädchen nachgehen. Dahin nun werde ich, meine Frau und meine älteste Tochter sie begleiten. Wir gehen über Paris und halten uns dort einige Wochen auf, dann gehen wir nach London über und bleiben dort etwa anderthalb Monate. Von da reisen wir, ich, meine Frau und älteste Tochter, wieder über Paris und dann über Straßburg und München nach Gastein und brauchen dort die gewöhnliche Badekur. Ende September können wir auf diese Weise wieder hier sein. Ich mache die Reise sehr gern, und das einzige, was mir daran unlieb ist, ist die Notwendigkeit, schon in der Mitte des August wieder in Gastein sein zu müssen. Ich liebe zwar Gastein sehr und bin gern da, aber ich würde diesmal die Zeit lieber länger in London zubringen und dann auch später hierher zurückkommen. So setzt mir das Bad zu bestimmte Grenzen in meinem Aufenthalt. Paris und London sehe ich mit großer Freude wieder. Wenn ich nicht auf dem Lande bin, bin ich am liebsten in den größten Städten. Mitten im Gewühl ist man wieder in der Einsamkeit. Solch eine Reise scheint sehr groß und ist es auch der Meilenzahl nach, aber am Ende ist die Zahl der Tage, die man im Wagen zubringt, doch so groß nicht. Nachts werden wir nie fahren, und so ist es viel weniger unbequem, als es auf den ersten Anblick scheint. Das Wetter kann freilich im März noch kalt und unangenehm sein, doch ist in Deutschland der April gewöhnlich gut, und sollte der Mai Nücken von Rauheit haben wollen, so sind wir dann schon im milderen Frankreich. Meinen Schwiegersohn finden wir in London schon in einem ganz eingerichteten Hause, und so entgehen wir den Unbequemlichkeiten, die man sonst in einer fremden Stadt erfährt. Paris nenne ich nicht fremd. Ich habe es mit meiner Frau und Kindern in den früheren Jahren meiner Heirat einige Jahre hindurch bewohnt. Es sind mir zwei Kinder dort geboren und eins gestorben. Nachher war meine Frau einige Monate ohne mich dort, und ich während des Krieges zweimal ohne sie. Jetzt sind es freilich elf Jahre, daß ich nicht nach Paris gekommen bin, und als ich das letztemal, es war bei Nacht, herausfuhr, dachte ich bei mir, daß ich nie wieder hinkommen würde. Mit demselben Gefühl sah ich die felsigen Ufer von England, als ich es im Jahre 1818 verließ. Das Schicksal hat es sonderbar gefügt, daß ich nun wieder ganz unerwartet dahin komme, und daß mein Schwiegersohn die Stelle bekleidet, die ich damals hatte. Er bleibt vermutlich lange dort, und so wird mir das eine Veranlassung werden, auch öfter hinzureifen. Täte ich es aber je allein, so würde ich nicht den weiten Weg über Paris, sondern gewiß den kurzen über Hamburg nehmen. Man ist alsdann in wenig Tagen in London und kann in drei Wochen hin- und herreisen und beinahe vierzehn Tage in London zubringen. Wie wir es mit unserm Briefwechsel einrichten, will ich Ihnen in meinem nächsten Briefe schreiben. Sein regelmäßiger Gang wird nicht dadurch unterbrochen werden. Natürlich brauchen die Briefe längere Zeit, um anzukommen, aber dies ist vorzüglich nur das erstemal unangenehm und fühlbar. Hernach bleibt, welche die Entfernung sei, der Zwischenraum derselbe. Ich werde es übrigens so einrichten, daß Sie Ihre Briefe ganz wie gewöhnlich hierher schicken. Hier ist ohnehin ein Mensch, der mir die Briefe, wo ich bin, nachsendet. Auch die meinigen werden Sie in der Regel wohl von hier aus bekommen, so wird alles im gewohnten Geleise bleiben. Bei meinem Wiederkommen nach Paris und London fällt mir ein, daß irgendwo sehr hübsch gesagt ist, daß man immer nur die Orte gern besucht, die man schon von früher her kennt. Das ist aus sehr richtiger Beobachtung geschöpft, es ist wirklich so und macht den Empfindungen des Menschen Ehre. Man behandelt Orte wie Menschen und kehrt nur zu den schon bekannten gern zurück. Die Freude, die Sie in Ihrem stillen Leben am Sternhimmel haben, macht mir wiederum Freude, da sie durch die meinige mehr erhöht und vermehrt ist; gern beantworte ich Ihre Fragen, so viel ich es selbst kann. Daß Ihnen früher die Zahllosigkeit der Gestirne, das Unendliche des Weltraums, mit einem Wort, die Unermeßlichkeit der Schöpfung furchtbar erschien, habe ich sonst kaum begreifen können, und es freut mich, daß sich diese Empfindung in Ihnen verloren hat. Die Größe der Natur schon ist eine erhebende, heitere, die ich gerade zu den am meisten beglückenden rechnen möchte. Noch mehr aber ist es die Größe des Schöpfers. Wenn man auch zugeben könnte, daß sie als Größe niederdrückend wäre, so würde sie wieder erhebend und beglückend sein durch die unermeßliche Güte, die sich zugleich für alle Geschöpfe darin ausspricht. Überhaupt ist es doch nur die physische Macht und Größe, welche als gewissermaßen niederdrückend Furcht einflößen kann. So unendliche physische Macht aber auch diejenige ist, welche sich in der Schöpfung und dem Weltall verherrlicht und darstellt, so ist sie doch noch weit mehr eine moralische. Diese aber, das wahrhaft Erhabene, erweitert immer das Innere, macht freier atmen und erscheint allemal in Milde, als Trost, Hilfe und Zuflucht. Man kann mit Wahrheit sagen, daß diese schaffende allmächtige Größe überall sich in gleicher, gleiche Bewunderung auf sich ziehenden Stärke sehen läßt. Aber man kann mit Wahrheit behaupten, daß am Himmel in den Gestirnen sie in einfacheren Verhältnissen erscheint. Sie drängt sich der Phantasie mehr auf, es ist alles nur durch Zahl und Maß zu ergründen, und es flieht doch wieder durch seine Unendlichkeit alle Zahl und alles Maß. Gerade weil man an den Himmelskörpern lauter Verhältnisse findet, die sich auf mathematische zurückbringen lassen, kennt man die Räume des Himmels in einigen Stücken besser als die Erde und ihre Geschöpfe. Schreiben Sie mir, liebe Charlotte, den 26. d. M., und seien Sie überzeugt, daß alles, was Sie mir sagen, großes Interesse für mich hat und mir immer willkommen ist. Leben Sie herzlich wohl und zählen Sie auf meinen unwandelbaren, unveränderlichen Anteil. H.
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Das Leben ist eine Gabe, die immer so viel Schönes für einen selbst, und wenn man es nur will, so viel Nützliches für andere enthält, daß man sich wohl in der Stimmung erhalten kann, es nicht nur in Heiterkeit und innerer Genugtuung fortzuspinnen, sondern daß man auch aus wahrer Pflicht alles tun muß, was von einem selbst abhängt, es zu verschönern und es sich und andern nützlich zu machen.
Der Ernst und selbst der größte des Lebens ist etwas sehr Edles und Großes, aber er muß nicht Hörend in das Wirken im Leben eingreifen. Er bekommt sonst etwas Bitteres, das Leben selbst Verleidendes.
Wenn man auch das Ende des irdischen Daseins garnicht fürchtet, wenn man ihm sogar mit mehr als gewöhnlicher Heiterkeit entgegensieht, muß man dem Gedanken daran doch keinen auf irgendeine Weise störenden Einfluß auf das Leben einräumen.....
Wir reisen nach Paris über Weimar und Frankfurt a. M. Weimar ist die nähere und in Wegen und Wirtshäusern die bessere Straße. Wir bleiben übrigens wegen des Hofes, mit dem wir sehr bekannt sind, einige Tage dort.
Berlin, den 21. März 1828.
Es freut mich, Ihnen, liebe Charlotte, sagen zu können, daß sich unser Reiseplan so geändert hat, daß wir über Kassel gehen werden. Unser Plan ist, am 31. von hier abzureisen, und hiernach können wir am 2. April in Kassel sein. Eine Nacht bleiben wir dort auf jeden Fall, ob den folgenden Tag und also zwei Nächte, weiß ich noch nicht. Überhaupt ist kein Plan gewiß, wenn man mit mehreren reist.
Ich freue mich sehr, Sie zu sehen. Es wird freilich nur auf eine oder zwei Stunden sein können, aber es ist immer schön, sich wiederzusehen. Komme ich früh genug an, so komme ich noch denselben Abend zu Ihnen; ist es zu spät, so komme ich den folgenden Tag, wenn es auch vielleicht erst am Abend sein sollte; komme ich früh genug und bleibe doch den folgenden Tag, so sehe ich Sie beide Tage, Ich glaube nicht, daß mich eine Antwort auf diesen Brief noch hier finden kann, sonst wäre es mir sehr lieb, wenn Sie mir noch einige Zeilen herschrieben.
Leben Sie herzlich wohl!
Unterwegs.
Ich glaubte gestern noch bis 5 Uhr noch einmal zu Ihnen zu kommen, aber es kam mir etwas dazwischen. Hätten Sie näher gewohnt, hätte ich Sie dennoch, auf eine halbe Stunde gesehen. So war es unmöglich. Sie in Ihrem Hause gesehen zu haben, hat mir große Freude gemacht und hat mir einen sehr angenehmen Eindruck hinterlassen. Ich schreibe Ihnen, liebe Charlotte, gewiß bald aus Paris und hoffe auch dort einen Brief von Ihnen zu finden.
Paris, den 23. April 1828.
Ich habe bei meiner Ankunft hier, liebe Charlotte, Ihren Brief vom 26. v. M. gefunden und darin Ihre Sorgfalt erkannt, mir Ihre Wohnung zu bezeichnen. Noch lebhafter als für diese Sorgfalt aber danke ich Ihnen für den lebendigen Ausdruck der Freude, der in Ihrem Briefe herrscht. Ich bin hernach Zeuge dieser Freude selbst gewesen, und Ihre Freude, die dieser Brief ausdrückt, hat mir dieselbe noch lebhafter zurückgerufen. Sie ist mir ein neuer, sehr angenehmer Beweis Ihrer Gesinnungen gewesen, oder vielmehr ich habe, da mir bisher nur immer Ihre Briefe diese Gesinnungen aussprachen, sie nun in ihrer lebendigen, noch unendlich mehr erfreuenden Äußerung gesehen. Es ist mir sehr viel wert, selbst bei Ihnen gewesen zu sein, es hat mir einen anschaulichen Begriff Ihres Lebens gegeben, noch außer der Freude, Sie wiedergesehen zu haben. Das Leben, wie Sie es sich dort eingerichtet haben, ist sehr hübsch und spricht für den Geist und die Weise, die Sie hineinlegen. Sie genießen einer freundlichen und heiteren Einsamkeit, und alles in Ihrem kleinen Hause, aber garnicht so kleinen Garten, spricht einen gleich beim Hereinkommen so an, daß einem wohl darin wird. Und doch habe ich beides nur bei rauhem Wetter und ohne Frühlings- und Sommerschmuck gesehen. Wie viel muß der Garten durch beides gewinnen, wo Sie dann im vollen, dichten Grün wohnen. Ich kann mir Sie jetzt in allen Momenten denken, da ich alle die Plage gesehen habe, worin Sie Ihr Leben zubringen, und ich finde es eine sehr hübsche Einrichtung, daß Sie das geräumige und freundliche Zimmer unten, in dem wir waren, von Ihrer Arbeit abgesondert halten und es nur besuchen, wenn Sie mit jemand sind oder frei allein sein wollen. Eine Stube nimmt immer für den, der sie bewohnt, die Farbe dessen an, was gewöhnlich darin vorgeht, und man sollte mehr darauf denken, sich einen Ort aufzubewahren, der einen bloß an das erinnern kann, was man frei von anderer Beschäftigung oder Zerstreuung darin gedacht oder empfunden hat. Wie man dann nur die Wände erblickt, erscheinen dieselben Gedanken und Empfindungen wieder, an die sich andere anreihen. Es ist ebenso auf dem Lande mit Spaziergängen. Mir wenigstens geht es immer so, daß ich nach kurzem Aufenthalt in einer Gegend sie mir zu verschiedenen Gedanken und Gefühlen bestimme, und je länger man sie in dieser Bestimmung braucht, desto mehr erwachen diese Gefühle und Gedanken mit ihnen. Aber auch oben, wo Sie arbeiten, sind ihre Zimmer hübsch und bequem, wenn auch klein. Diese Kleinheit kann auch nichts Drückendes da haben, wo man gleich in einen freien und großen Garten hinaus kann. In der Stadt wäre das viel anders. Ihre ganze Einrichtung, in der sichtbar so viel Verstand, Ordnung und Genügsamkeit herrscht, hinterläßt darum einen noch viel angenehmeren und erfreulicheren Eindruck, weil es sichtbar ist, daß Sie sich dieses Dasein selbst geschaffen haben und es erhalten; ich hoffe auch gewiß, daß Ihre besonnenen Einrichtungen ferner von glücklichem Erfolg sein werden, ob zugleich die Idee immer bei mir wiederkehrt, daß Sie ein weniger angestrengtes Leben bei Ihnen zusagender größeren Muße genießen möchten. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, welchen lebhaften und aufrichtigen Anteil ich an der Erfüllung dieses Wunsches nehmen würde. – – – –
Unsere Reise ist zwar recht glücklich gewesen, insofern als sich kein sonderlich unangenehmer Zufall beigemischt hat. Aber wir sind von Kassel aus viel langsamer gereist als bis dahin. Worüber wir uns sehr zu beklagen gehabt haben, war das Wetter. Unterwegs, namentlich zwischen Kassel und Frankfurt, war es wahrhaft winterhaft. Auf einer langen Reise mit Frauen und Kindern ist das beschwerlich. In Frankfurt hielten wir uns drei Tage auf, diese Verzögerung war aber nicht willkürlich diesmal, sondern nötig. Teils war es meiner Frau und den Kindern notwendig auszuruhen, teils waren Reparaturen am Wagen vorzunehmen. Der längere Aufenthalt in Frankfurt war mir verdrießlich, weil er immer so viele Tage dem hiesigen entriß, sonst hatte ich ihn nicht ungern, denn ich habe Frankfurt immer geliebt, und es gibt wirklich nur sehr wenige Städte in Deutschland, welche die Vergleichung damit ertragen können. Es zeichnet sich hauptsächlich durch zwei Vorzüge aus. Einmal hat es so äußerst hübsche Umgebungen. Ich rede hier nicht bloß von den schön angelegten Pflanzungen, die die Stadt umgeben, sondern von der Gegend selbst. Das Taunus-Gebirge gewährt von mehreren Punkten einen höchst reizenden Anblick, und der Fluß kommt dazu. Ich bin immer mit großer Freude dort spazieren gegangen. Dann aber bringt auch die Stadt den Eindruck hervor, daß die Bewohner fast im allgemeinen eines großen oder wenigstens hinreichenden Wohlstandes genießen. Der wahre, große Reichtum, der sich daselbst befindet, ist nicht so, wie oft an andern größeren Orten, von Armut und schreiendem Elend begleitet. Das gehört aber sehr dazu, wenn einem an einem Orte wohl werden soll. Man fühlt an jedem immer, bis auf einen gewissen Punkt, mit der ganzen Volkszahl, und es ist einem nicht behaglich, wenn man in dieser Not und Armut in zu großem Kontrast mit dem Wohlstande antrifft.
Von Frankfurt bis Saarbrück aus haben wir wieder größere Strecken Weges zurückgelegt und sind am vierten Tage noch vor der hier gewöhnlichen Stunde des Mittagessens, die allgemein sechs Uhr ist, angekommen. Das Reisen durch Frankreich ist nicht mit großen Annehmlichkeiten verbunden. Die Wege sind jetzt zum Teil schlecht und sehr schlecht, im ganzen mittelmäßig und nirgends recht gut. Gute Wirtshäuser findet man nur in den größten Provinzialstädten, wie Lyon usw. Der Anblick des Landes und der Bewohner hat von der Seite, von der wir kamen, garnichts Anziehendes und Fesselndes. Die Gegenden sind vielmehr höchst gewöhnlich und bieten nicht einmal große Fruchtbarkeit oder Stärke der Vegetation dar. Was mir aber immer am meisten in Frankreich mißfallen hat, ist der Anblick der Dörfer gewesen. Sie lassen sich garnicht mit unseren deutschen vergleichen. Sie bestehen entweder aus wenigen Häusern, die auf einmal, ohne daß man es erwartet, an einer, oft an beiden Seiten des Weges einander gegenüberstehen, und die von keinem Baume, von keinem Garten umgeben oder angekündigt sind, oder sie gleichen unseren kleinen Marktflecken und haben nicht das mindeste Ländliche. Die Bewohner sind nicht anders. Sie haben entweder ein sehr ärmliches oder städtisches Ansehen. Vorzüglich sind die Frauen und Mädchen garnicht hübsch und anziehend. Allerdings trägt aber auch ihr Anzug dazu bei, sie weniger anmutig erscheinen zu lassen, vor allem die schweren und ungeschickten Holzschuhe. Dieser wenig reizende Anblick des Landvolkes und seiner Wohnungen nimmt der Annehmlichkeit des Reisens in Frankreich sehr viel, und wird von allen Reisenden bemerkt.
Hier in Paris hingegen befinde ich mich sehr wohl. Ich führe hier ein meinem gewöhnlichen ganz entgegengesetztes Leben. Ich gehe den ganzen Tag herum oder fahre, und bin im eigentlichsten Verstande nur eine Stunde nach dem Aufstehen, einige vor dem Schlafengehen und bisweilen, obgleich auch selten, den Mittag zu Hause. Da ich so verschiedene Male, zum erstenmal schon 1789, hier war, so habe ich sehr viele Bekanntschaften, und es fehlt nicht, daß sich nicht immer neue dazu gesellen. Dann sind auch eine Menge Dinge zu besehen, und so vergeht der Tag, wie lang er scheinen mag. Es wird Ihnen wunderbar vorkommen, daß mir ein Leben nicht eher zuwider ist, von dem ich zu Hause aus Wahl gerade das Gegenteil führe, allein ich habe in den verschiedenen Perioden meines Alters so verschieden gelebt, daß ich das jetzige Leben nicht weniger neu nennen kann. Es ist auch überhaupt nicht meine Art, so an einer Weise zu hängen. Mir ist ziemlich jede lieb, in die ich geworfen werde oder selbst übergehe, und ich befinde mich immer körperlich und geistig gleich wohl dabei.
Paris hat sich in den dreizehn Jahren, daß ich es nicht gesehen habe, ungemein verschönert. Es sind viele einzelne schöne neue Gebäude, ja ganze Straßen und Quartiere entstanden. Der Wohlstand, der Luxus, die Volksmenge hat zugenommen, die Bewegung, die schon immer so groß war, ist dadurch größer geworden. Auch in Wissenschaften und Künsten ist das Leben und alles Interessante gestiegen. Eine solche Stadt ist mit keiner bei uns zu vergleichen. Auch die größten deutschen haben dagegen etwas Kleinstädtisches. Wenn man einmal nicht auf dem Lande wohnt, ist allerdings eine solche Stadt jeder anderen vorzuziehen.
Ich hoffe jetzt, bald einen Brief von Ihnen, liebe Charlotte, zu bekommen. Mit der innigsten und aufrichtigsten Teilnahme Ihr H.
London, den 20. Mai 1828.
Wir sind gestern nachmittag hier angekommen, liebe Charlotte, und sind alle vollkommen wohl. Ich hoffe, Sie haben meinen Brief vom 23. April aus Paris richtig empfangen; ich habe seitdem den Ihrigen, am 8. geschlossenen erhalten und danke Ihnen herzlich dafür.
Seit ich Ihnen aus Paris schrieb, ist es uns recht gut ergangen. Wir haben Paris den 15. d. M. verlassen und sind am 19. von Calais gerade nach London übergeschifft. Man macht die Überfahrt jetzt in Dampfbooten, es gibt selbst für Reisende keine anderen mehr. Es ist auch eine sehr bequeme Manier. Die Schiffe sind groß, haben außer der Anstalt für den Dampf auch Segel, die sie, wenn der Wind günstig ist, auch gebrauchen, und man kommt meistenteils, wie es unser Fall war, in weniger als zwölf Stunden von Calais bis London über. Es war das schönste Wetter, was man denken kann. Die ersten Stunden war die See, da der Wind lebhaft ging, ziemlich hoch, und das Schiff schwankte sehr. Die meisten Personen wurden krank, und viele legten sich zu Bett. Ich habe nie eine unangenehme Empfindung auf dem Wasser, sondern bin immer auf dem Verdeck geblieben und habe mich des wundervoll schönen Anblicks des Meeres erfreut. Vorzüglich groß und schön war der Sonnenaufgang, der mich umsomehr anzog, als ich ihn wirklich noch nie auf dem Meere gesehen hatte. Wir segelten nämlich schon um drei Uhr morgens ab. Hier wohnen wir bei meinem Schwiegersohn und sind also sehr angenehm im Schoße unserer Familie. London überrascht immer aufs neue durch seine Größe, seine Volkszahl und die daraus entstehende merkwürdige Bewegung. Es hat weniger schöne freie Ansichten als Paris, das durch die großen öffentlichen und vielen Privatgärten hier und da ein ordentlich ländliches Ansehen hat. Aber es erregt als Stadt, als an einem Orte zusammengeflossene und sich in beständiger Mannigfaltigkeit und doch im höchsten Wohlsein regende Volksmasse, eine größere Bewunderung.
Wir werden nahe an zwei Monate hier bleiben und dann unsere Rückreise antreten. Allerdings war es und ist es eine große, und unter den Umständen, wie wir sie machten, anstrengende Reise. Aber den Hauptzweck haben wir erfüllt, meine Tochter mit den Kindern an den Ort ihrer Bestimmung gebracht. Das übrige wird ja auch gut gehen.
Es tut mir leid, daß Sie diesen Brief mit einiger Verspätung erhalten werden. Ich kann ihn nicht anders als über Berlin gehen lassen, es ist zu weitläufig, Ihnen das zu erklären, es ist aber so. Schreiben Sie mir auf die gewöhnliche Weise. Ihr H.
London, Juni 1828.
Zu Ihrer gänzlichen Beruhigung noch etwas über meinen Gesundheitszustand. Ich begreife nicht recht, was Sie, liebe Charlotte, deshalb besorgt gemacht hat. Daß ich älter geworden bin, seit wir uns in Frankfurt sahen, liegt in der Natur und dürfte Sie nicht wundern. Ich bin bis auf diesen Tag auf der ganzen Reise durch meinen Körper an nichts gehindert worden. Mein Körper fügt sich ohne irgendeine Unbequemlichkeit in alle abweichenden Lebensweisen. Man ißt hier nie vor halb acht Uhr zu Mittag, es wird aber oft auch acht und bisweilen neun Uhr. Ich frühstücke, da man hier im Hause spät aufsteht, um halb zehn Uhr, und nur Kaffee, ohne dazu zu essen, und dazwischen und dem Mittagessen nehme ich nichts. Sie brauchen also gewiß nicht besorgt meinetwegen zu sein.
Unser Aufenthalt hier nähert sich seinem Ende. Wir schiffen uns zwischen dem 10. und 15. Juli wieder ein. Es tut mir sehr leid, nicht länger bleiben zu können, aber mehrere zusammentreffende Umstände, vor allem unsere Badereise und die Notwendigkeit, den 15. August in Gastein zu sein, erlauben es nicht. Sonst fehlt es hier nicht an interessanten Gegenständen, um eine viel längere Zeit sich angenehm zu beschäftigen. Es gibt eine große Menge der schönsten und merkwürdigsten Kunstsachen hier, ein unglaublicher Reichtum von Statuen und Gemälden, auch in Privathäusern, die einzeln auszusuchen viel Zeit fordern. In Paris ist das viel leichter, da man alles an wenig Orten beisammen findet. Außerdem ist auch sehr viel für Wissenschaften und Sprachen zu tun, vorzüglich für die letzteren, da hier aus allen Weltteilen Menschen zusammenkommen. Endlich ist jetzt gerade die Zeit der meisten Gesellschaften, so daß man ohne Ende mittags und abends ausgebeten ist.
Den 16. Juli.
Ich reise übermorgen von hier ab und gehe wieder über Paris, wo ich mich aber nur acht Tage aufhalten werde. Dann gehe ich nach Gastein und mache vielleicht nur noch einen Aufenthalt in München, wenn der König gerade dort sein sollte, da ich diesen wieder zu sehen wünsche. Ich bin mit meinem Aufenthalte hier sehr zufrieden und nehme wenigstens die Beruhigung mit hinweg, liebe Charlotte, ihn so gut benutzt zu haben, wie es unter den Umständen nur immer möglich war. Ich habe keine Sache ganz versäumt, und diejenigen, welche ein besonderes Interesse für mich hatten, habe ich vollkommen erschöpft. Auch sind wir alle vollkommen wohl. Die Gesundheit meiner Frau hat sich sogar verbessert. Sie ist garnicht in Gesellschaft gegangen, da man hier immer erst um halb acht Uhr und oft später zu Mittag ißt und also die Abend-Gesellschaften nicht vor elf Uhr angehen. Aber sie hat alles gesehen, was Interesse für sie hatte. Das Parlament geht jetzt zu Ende, und die Leute fangen schon an, aufs Land zu gehen, wo sie nun bis zum März künftigen Jahres bleiben. Denn man richtet sich hier nicht nach der Jahreszeit, sondern einzig nach den öffentlichen Geschäften. Auch macht die Jagd, daß jeder gern den ganzen späten Herbst über auf dem Lande bleibt. London wird dann sehr leer, und es gibt dann fast keine Gesellschaften mehr. Die keine Landsitze haben, schämen sich dessen ordentlich und verhängen wohl gar ihre Fenster gegen die Straße, um die Leute glauben zu machen, daß sie auf dem Lande sind. Das Landleben ist aber größtenteils nur ein Verpflanzen der Gesellschaft von der Stadt aufs Land. Dort hat jeder Besitzer eine Menge von Besuchen und macht Einladungen auf mehrere Tage. Auch sind die Engländer auf dem Lande offener und mitteilender als im Getümmel der Geschäfte und den Zerstreuungen der Stadt.
Dem Gottesdienste habe ich hier mit meiner Frau einigemal beigewohnt, er ist mir aber weniger erbaulich erschienen als bei uns. Es werden wohl zwei volle Stunden, ehe die Predigt angeht, mit Ablesen von Stücken aus der Bibel, Hersagen des Glaubens usw. zugebracht. Bei diesem Ablesen wiederholen diejenigen, welche dem Altar am nächsten sind, vorzüglich die Kinder, welche in der Religion unterrichtet werden, die letzten Worte jedes Verses. Dieses hat natürlich etwas sehr Einförmiges und ist auf die Länge wahrhaft ermüdend. Gesang der Gemeinde ist sehr wenig und ebensowenig Orgelspiel, nur kurz und bald wieder abbrechend fallen Gesang und Orgel ein. Die Predigt ist ebenfalls kurz, etwa eine halbe Stunde. Die wir hörten, war äußerst kalt und durchaus nicht, was man erbaulich nennen kann. Wie man mir sagt, ist dies der Ton und die Art der meisten Prediger hier. Dann hat noch das Äußere etwas sehr Störendes. Nur eine Reihe Bänke, etwa der vierte Teil der Kirche, ist für jedermann frei. Die anderen sind verschlossen, gehören aber nicht einzelnen Personen, wie bei uns eigentümlich, wenigstens nicht alle. Nun stehen, wenigstens bis die Predigt angeht, zwei Frauen mitten in der Kirche, mit dem Gesicht gegen die Tür gewandt. Diese weisen jedem, der kommt und es wünscht, einen Platz in verschlossenen Bänken an und empfangen dann, wenn sie die Leute wieder herauslassen, ein kleines Geschenk. Ob sie dies ganz behalten oder etwas davon abgeben, weiß ich nicht. Immer aber ist es widrig, den größten Teil des Gottesdienstes über zwei Personen ohne alle Aufmerksamkeit darauf und mit etwas ganz Weltlichem beschäftigt zu sehen. Freilich ist das Herumgehen mit dem Klingelbeutel bei uns etwas noch mehr Störendes. Indes ist es auch in mehreren Kirchen, wenigstens im Preußischen, abgeschafft.
Etwas ganz Neues für mich waren die Zusammenkünfte der Quäker. Ich hatte, wie ich sonst hier war, sie zu sehen versäumt. Jetzt bin ich in einer gewesen. Der Saal war vor einigen Jahren angebaut, sehr bequem und reinlich, aber ohne alle, auch die geringste Verzierung oder Ausschmückung. Das Licht fiel von oben ein, und weiter hatte der Saal keine Fenster. Die Versammlung war sehr zahlreich, die Männer auf einer Seite, die Frauen auf der anderen. Die Quäker haben, wie Sie gewiß wissen, keine Prediger. Wer Mut und inneren Beruf in sich fühlt zu reden, der steht auf und tut es. Sonst herrscht in der Versammlung eine Totenstille. Wer spricht, tut das entweder von der Stelle aus, wo er ist, oder geht auf einen etwas erhöhten Platz, auf dem aber mehrere zugleich stehen können und der garnicht einer Kanzel gleicht. Als wir darin waren, war es die zwei Stunden, die die Versammlung dauerte, fast ohne alle Unterbrechung still. Indes sprach doch ein Mann und zwei Frauen. Sie sagten nur einzelne, aber selbst, und wie es schien, im Augenblick gemachte Gebete, von ganz kurzen Betrachtungen begleitet. Was sie aber sprachen, war in sich sehr gut, von vielen Sprüchen aus der Bibel begleitet und mit großer Innigkeit und Herzlichkeit vorgetragen. Erst am Ende meines Briefes sage ich Ihnen, liebe Charlotte, meinen herzlichsten Dank für den Ihrigen, den ich zu seiner Zeit richtig empfangen habe, und der wie alle so viel Freundschaftliches, Gutes und Liebes enthält. Sie können unausgesetzt fest überzeugt sein, daß diese Gesinnungen für mich den größten Wert haben und immer behalten werden.
Leben Sie nun herzlich wohl und erhalten mir Ihre liebevollen Gesinnungen, ich verbleibe mit denselben Ihnen wohlbekannten unveränderlich Ihr H.
Salzburg, den 14. August 1828.
Ich schreibe Ihnen wieder aus Deutschland, liebe Charlotte, und aus der Gegend, die man wohl die schönste von Deutschland nennen kann. Wenigstens kenne ich keine, die man als schöner rühmen könnte. Die Lage ist wirklich prachtvoll, eine lachende, fruchtbare Ebene, von der man überall die Ansicht majestätischer Gebirge hat und in der selbst einige wie hingeschleuderte Felsenpartien liegen. Diese sind wirklich merkwürdig, und ich sah nirgends sonst ähnliche dieser Art. Es sind nicht einzelne Felsstücke bloß, noch weniger einzelne gipfelige Berge, sondern hohe, lange und verhältnismäßig schmale Felsmassen, die auf ihrer Oberfläche eine mit fruchtbarer Erde bedeckte, mit Gärten und Häusern geschmückte Ebene bilden.
Unsere Reise von London bis hierher war sehr glücklich, nur hat das Wetter uns garnicht begünstigt. Bloß einzelne heitere und sonnige Tage, sonst meistenteils Sturm und Regen. Kam ein schöner Tag, so war er gleich von so schwüler Hitze und so stechender Sonne, daß sich ein Gewitter zusammenzog und wieder Kühle und Regen herbeiführte. In London, Paris und Deutschland war dasselbe unerfreuliche Wetter. Indes ist das nun vorüber, und meine Wünsche gehen nur dahin, daß es besser mit dem Wetter während des Gasteiner Badeaufenthalts sei. In der Mitte hoher Gebirge und auf einem so hohen Standpunkte, wo das Haus, in dem man wohnt, wenigstens so hoch als der Gipfel des Brocken liegt, sind milde Sonne und liebliche warme Luft mehr als bloß angenehme Zugaben zum Dasein. Unsere Überfahrt von London nach Calais war wieder sehr glücklich, nur ging die See sehr hoch, und so machte das Schwanken des Schiffs viele Kranke. Ich litt keinen Augenblick, sondern ergötzte mich eher am Schaukeln. In Paris verlebte ich noch eine sehr angenehme Woche. Ich würde recht gern einmal ein ganzes Jahr dort zubringen, und da meine Frau den Aufenthalt dort auch liebt, so richte ich es vielleicht einmal so ein. Der Weg durch das südliche Deutschland über Straßburg ist sehr schön und bequem, und wenn wir fortfahren, Gastein zu besuchen, so ließe es sich sehr gut machen, nach dem geendigten Badeaufenthalte eines Jahres nach Paris zu gehen und zu dem des folgenden Jahres von da zurückzukehren. Doch kommt zwischen solche Pläne leicht vieles – und so ist es bis jetzt mehr Idee als Plan. In Straßburg ist eine sehr hübsche Mischung von französischer und deutscher Art. Die Natur ist deutsch in Gegend und Menschen. Das wird man gewahr, wie man den Elsaß von dem schönen Bergrücken von Zabern übersieht. Es ist einer der schönsten Anblicke, die man haben kann. Lieblich geformte Hügel und Berge, schön mit Gebüsch und Wald bekränzt, und auf den Gipfeln mehrere Gemäuer alter Burgen, ganz wie man sie so oft in Deutschland sieht, wie sie aber Frankreich gänzlich fremd sind. Die Physiognomien bieten auch ganz deutsche Gesichtszüge dar, und ebenso ist auch das Benehmen der Menschen im ganzen. Damit ist nun das französische Wesen verbunden und gleichsam darauf gepfropft. Ich finde diese Mischung interessant und angenehm zugleich. Von einer anderen Seite betrachtet, könnte man auch vielleicht anders darüber urteilen, und gerade über die Vermischung das Verdammungsurteil aussprechen. Denn es ist freilich nun weder echte Deutschheit, noch wahres französisches Wesen in ihnen. Das fühlt sich am meisten in der Sprache. Sie sind wohl aus dem einen heraus, aber nicht völlig ins andere hinein gekommen. Nach dem Elsaß und wohl noch mehr ist Schwaben ein liebliches Land, in den Gegenden wie den Menschen. Wenn die Schwaben wie zu einem Sprichwort in Deutschland geworden sind, so ist das einer Art Naivetät zuzuschreiben, die der spöttisch Urteilende leicht von einer lächerlichen Seite als Einfalt darstellen kann. Mehr und bös ist's auch wohl mit dem Spottnamen nicht gemeint. An sich sind die Schwaben vielleicht die lebhafteste, leicht beweglichste und phantasiereichste unter den deutschen Völkerschaften.
Es freut mich, daß Sie sich fortwährend gern mit dem Sternenhimmel beschäftigen, wie ich es beklage, daß mein Auge nicht mehr dafür ausreicht. Ich gebe sehr ungern einen Genuß auf, der mich so oft gestärkt und erhoben hat, und eines Glases bediene ich mich nicht gern. Schreiben Sie mir, liebe Charlotte, den 2. September nach Bad Gastein über Salzburg, nachher nach Berlin.
Leben Sie recht wohl, mit dem lebhaftesten Anteil der Ihrige. H.
Bad Gastein, den 14. September.
Ein einfach ruhig zufriedenes Stilleben, wie Sie es genießen und sich nach Ihrer Neigung geschaffen haben, ist eigentlich das Höchste, was der Mensch besitzen kann. Es ist meiner innersten Empfindung nach nicht nur dem nach außenhin mannigfach bewegten Leben vorzuziehen, sondern auch wirklicher innerer, aber nur augenblicklich erscheinender Freude wenigstens gleichzusetzen. Die Stille und Ruhe gönnen dem inneren Sein eine tiefere Macht und ein freieres Walten, und es ist immer, meiner aus langer Erfahrung geschöpften Überzeugung nach, besser, wenn das Innere nach außen, als wenn umgekehrt das Äußere nach innen strömt. Es scheint zwar wohl, als könnte sich das Innere nur von außenher bereichern und befruchten; allein dies ist ein trügerischer Schein. Was nicht im Menschen ist, kommt auch nicht von außen in ihn hinein; was von außen in ihn eingeht, ist nichts als ein zufälliger Anhalt, an dem sich das Innere, aber immer aus seiner nur ihm angehörenden eigentümlichen Fülle entwickelt. So wie ein tiefer und reicher Gehalt inwendig vorhanden ist, so kommt es niemals so viel auf den äußeren Anlaß der Entwicklung an. Jeder, auch der kleinste, ist hinreichend, da hingegen bei mangelndem inneren Gehalt auch der reichlichste äußere Zufluß wenig oder nichts hervorbringen würde. Ich habe dies oft in Absicht von wissenschaftlichen Kunstkenntnissen gesehen. Bei Männern ist weniger zu bemerken, da sie diese Kenntnisse sehr oft wieder nur zu äußeren Zwecken anwenden und man weiter nun nichts gewahr wird, oder danach fragt, wie dieselben auf ihr Inneres gewirkt haben. Aber bei Frauen ist das anders, und da sind mir mehrere vorgekommen, die wirklich recht viele und in gewisser Art sogar gelehrte Kenntnisse hatten, aber in ihrem Geist und Gemüte, also in ihrem ganzen Innern darum nicht mehr gebildet, wenigstens nicht mehr bereichert waren, als wenn ihnen das alles gefehlt hätte. So sehr kommt es darauf an, daß das Innere dem äußeren Objekt, welches es in sich aufnimmt, auch selbständig entgegenwirke....
Wir reisen den 17. d. M. von hier, halten uns aber, wenn nichts dazwischen kommt, noch einige Tage in Franken auf. Es ist daher wahrscheinlich, daß wir erst im Anfang Oktober nach Berlin und Tegel zurückkommen. Schreiben Sie mir nach Berlin wie gewöhnlich. So werden alsdann die sechs Monate abgelaufen sein, wo ich einen so wechselnden Aufenthalt gehabt habe. Leben Sie recht wohl und rechnen Sie fortdauernd mit Gewißheit auf meine unveränderliche Teilnahme. Ganz der Ihrige. H.
Tegel, den 16. Oktober 1828.
Es mag wohl ein Jahr her sein, daß ich Ihnen, liebe Charlotte, nicht von hier aus schrieb. Ich freue mich aber desto mehr, es heute zu tun, und danke Ihnen recht herzlich, daß Sie mich in Ihrem lieben Brief, den ich hier fand, so herzlich beglückwünschen zu der Heimkehr in die schöne, liebliche Heimat. Ja, liebe Charlotte, Sie haben recht, darin eine eigene Freude zu sehen, und es erhöht in der Tat die meinige, daß Sie dieselbe so liebevoll mitempfinden.
Es freut mich sehr, daß fortwährend die Sterne Ihnen eine wohltuende, erheiternde Beschäftigung gewähren, um so mehr, da Sie mir sagen, daß Sie doch oft in einer mehr als wehmütigen Stimmung sich befinden.
Am Himmel werden Sie sich bald orientieren, da Sie einen schönen und weiten Horizont von allen Seiten haben und in Ihren Beobachtungen fortfahren. Außer dem Buche von Bode, das ich Ihnen einmal empfohlen habe, kann ich Ihnen für das Erkennen der Sterne einen Rat geben, der Ihnen gewiß nützlich sein wird. Man muß nämlich den Himmel nach einer gewissen Methode durchgehen und sich große Abteilungen machen. Zuerst müssen Sie suchen, die Sterne recht genau und fest zu erkennen, die bei uns niemals untergehen und nur vor der Helligkeit des Tages verschwinden, sonst aber ihren ganzen täglichen Kreis vor unseren Augen vollenden würden. Sie stehen bekanntlich nur, wie Sie wissen, im Norden und drehen sich um den Polarstern und die beiden Bären herum und sind leicht zu erkennen, da man sie an jedem sternenhellen Abend sieht, und sie zu denselben Stunden in allen Jahreszeiten dieselbe Stelle haben. Zu diesen gehört auch die Capella, deren Sie erwähnen. Zweitens müssen Sie die zwölf Sternbilder des Tierkreises aufsuchen. Man sieht in jeder Jahreszeit immer nur sechs auf einmal am Himmel. Bliebe man eine ganze Nacht auf, so gehen natürlich einige unter und andere kommen herauf. Allein einige werden dann immer vom Tage überholt. Wenn man nur eins recht fest kennt, sind die andern sehr leicht zu finden, da sie wie in einem großen Gürtel um den Himmel herumliegen, man also die Richtung, in der man suchen muß, nicht verfehlen kann, wenn man sich vorher mit der Ordnung und Folgenreihe, vor- und rückwärts, recht bekannt gemacht hat. Die im Winter, im Januar und Dezember, so zwischen sieben und neun Uhr erscheinen, sind schöner als diejenigen, die man zu gleicher Zeit im Sommer sieht. Der Löwe ist ein sehr schönes Gestirn, ist aber jetzt erst in späten Stunden sichtbar. Die Planeten erscheinen immer nur in demselben Gürtel und können diejenigen, die noch nicht recht geübt sind, manchmal sehr irre machen. Allein man lernt sie doch auch bald unterscheiden; kennt man einmal recht fest die nie untergehenden nördlichen Gestirne und die Tierkreiszeichen, so ist es dann leicht, sich für die noch übrigen Gestirne zurechtzufinden. Denn nun macht man sich mit denen bekannt, die zwischen dem Tierkreis und den nie untergehenden Gestirnen, und dann mit denen, die zwischen dem Tierkreis und dem südlichen Horizont auf- und untergehen. Bodes Anleitung zur Kenntnis des gestirnten Himmels hat das Angenehme, daß sie Karten für jeden Monat enthält, auf denen man natürlich die Sterne leichter findet, da jede Karte genau so ist, als der Himmel zu einer dabei angegebenen Stunde an dem Tage, oder wenigstens in dem Monat gerade ist.
Sie sagen sehr richtig, daß das Betrachten des gestirnten Himmels von der Erde abzieht und die Seele mit höheren Ahnungen, Sehnen und Hoffen erfülle, tröste und erhebe. Das tut es im höchsten Grade. Wenn man diese unendliche, unzählige Menge von Gestirnen betrachtet und bedenkt, so scheint es zwar ein ordentlich schaudernder Gedanke, daß eine so ungeheure Menge im Weltall herumschwimmt. Der Mensch fühlt sich darin gleichsam wie erdrückt. Allein die Ordnung und Harmonie, in denen alle Bewegungen vor sich gehen und alle Zeiten hindurch vor sich gegangen sind, ist ein wohltätiges, tröstendes Zeichen einer höheren Macht, einer geistigen Herrschaft, die wieder beruhigt und die Besorgnis tröstend aufhebt. Mit unveränderlicher Teilnahme Ihr H.
Berlin, den 16. November 1828.