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Briefe an Ludwig Tieck (2/4) / Zweiter Band cover

Briefe an Ludwig Tieck (2/4) / Zweiter Band

Chapter 117: I.
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About This Book

A curated volume gathers personal and professional letters received by a prominent literary figure, presenting correspondence from poets, critics, and cultural acquaintances. The letters range from appreciative tributes and recollections to practical exchanges about publications, theatrical productions, health, and travel; they include editorial requests, invitations, and discussions of artistic taste. Organized by correspondent with brief contextual notes, the collection sketches the social and artistic networks around the addressee and provides varied firsthand glimpses into contemporary literary and cultural life.

Lebrün, Karl.

Geb. 1792 in Halberstadt, gestorben 1842 in Hamburg, wo er, nachdem sein Talent und seine Redlichkeit ihm die allgemeine Hochachtung erworben, zehn Jahre lang Mitdirektor des Stadttheaters gewesen und erst einige Jahre vor seinem Tode zurückgetreten ist. In seinem Fache unbedenklich einer der besten deutschen Schauspieler; dabei unterrichtet, fein gebildet, für alles Gute begeistert, an Gemüth wie an Verstande reich, wohlwollend und wohlthätig, das Muster eines Familien-Vaters in fast allen Beziehungen, unterlag er doch einer Schwäche, und wurde dadurch sehr unglücklich. Er, der ordentlichste, bürgerlichste, solideste Mensch, den es je beim Theater gegeben, hatte sich, wie er auf dem Höhepunkt künstlerischen Rufes stand, daneben den Ruf der Trunksucht zugezogen, und es läßt sich nicht leugnen, daß mancherlei Ereignisse dieses traurige Gerücht bestätigten. War es doch schon so weit gediehen, daß er auf offener Scene taumelnd die Darstellung gestört und lauten Unwillen erregt hatte. Der Direktor des Hamburger Stadttheaters, der Kollege eines Schmidt, der Nachfolger Herzfeldt’s — Schroeders!! — Man begehrte für öffentlichen Skandal auch öffentliche Sühne: er sollte von den Brettern Abbitte thun. — Armer Lebrün! Wie muß dein Stolz sich innerlich empört haben gegen diese Demüthigung! — Er unterwarf sich mit männlicher Entsagung. Aber wie er vor dem übervollen Hause erschien, da ließen sie ihn nicht zu Worte kommen; sie ersparten ihm die Buße, und unterbrachen schon bei den ersten Silben den Liebling mit lauten Zeichen des alten Wohlwollens. Die braven Hamburger, die immer das Herz auf dem rechten Flecke haben, sie wußten ja, wie unschuldig Lebrün doch eigentlich an dem sei, was er verschuldet hatte! — Es stand ganz eigen um diesen Mann. Klar, verständig, mäßig, Herr des Wortes wie des Gedankens, anmuthig beredt, belehrend, empfänglich, inneren Werthes bewußt und dennoch bescheiden, — so zeigte er sich einem Jeden, der ihn besuchte, der ihm auf Geschäftswegen begegnete. Eine halbe Stunde nachher traf man ihn zufällig wieder.. und erkannte ihn kaum, denn er mengte mit schwerer Zunge leeres, breites Geschwätz durcheinander. Und was hatte er unterdessen begonnen? Was hatte ihn verwandelt?.... Er hatte sich verlocken lassen, weil es neblicht und kalt war, den sogenannten „Apothekerschnaps“ zu nehmen. Ein kleines Gläschen... und er war nicht mehr er selbst. Dann kehrte er noch zwei- — dreimal ein... immer nur naschend, und für solchen Tag blieb er sich und den Freunden so gut wie verloren.

Als er, krank und schwer leidend seinem Berufe entsagend, an’s Zimmer gefesselt, als die stets bewegliche Regsamkeit gelähmt war, da hat er kein Bedürfniß mehr gefühlt, sich durch Getränke zu stimuliren. In sanfter Würde, heiter bei Schmerzen, hat er die letzten Lebensjahre nur geistiger Thätigkeit gewidmet.

Als dramatischer und als dramaturgischer Schriftsteller hat er sich mannichfache Verdienste erworben. Seine Übertragungen und Umarbeitungen zeugen von geläutertem Geschmack, von Kenntniß der Sache, von sinnigem Fleiße. Seine Original-Stücke von ungeziertem, kecken Humor. „Der freiwillige Landsturm“ kann für aristophanisch gelten, und hat ihm, wahrscheinlich eben deshalb, einige Gegnerschaft zugezogen.

Tieck wußte ihn sehr zu würdigen.

I.

Hbrg., am 1. Ostertage 35.

Hochgeehrter Herr Hofrath.

Mein Schwager Waymar, den Sie ja von Carlsruhe her kennen gastirt in Dresden: wem könnte ich ihn besser empfehlen, als Ihnen. Er selber, natürlich, muß seine Sache vor den Lampen verfechten, aber welche Kritik könnte dem redlich aufstrebenden Talente fördersamer sein, als die Ihrige. Gönnen Sie ihm diese.

Wie wehe that es mir, Sie am Tage der Vorstellung des „Prinzen v. Homburg“ nicht mehr in Carlsruhe zu finden: ich hätte bei neurer Belehrung, dafern Sie eine Austauschung der Ideen mir erlaubt hätten, gewinnen können.

Mein guter Meyer als Churfürst hat mir viele Wunden geschlagen, und sicher auch Ihnen. Waymar verfehlte namentlich die Actschlußscene „Mein Vetter Friedrich will den Brutus spielen u. s. w.“ Ihre Ansicht wird ihn aufklären, besser denn die meine. — Der „Hohenzoller“ war absonderlich komisch. Empfehlen Sie mich gefälligst Ihren Damen, die einen Fremdling so liebreich aufnahmen, und streichen Sie nicht aus der Liste Ihres Gedächtnisses

Ihren Verehrer

C. Lebrün.

II.

Hamburg, d. 3t. Dc. 40.

Hochgeehrter Herr Hofrath.

Sie sind schon daran gewöhnt, unreife Producte zugesandt zu erhalten, mithin kommt es Ihnen wohl auf das plus ou moins nicht mehr an. Der Arbeit, die ich Ihrem Wohlwollen empfehle, habe ich mich mit großer Liebe unterzogen, und kann ihr nur in sofern das Wort reden, als ich ihre Nothwendigkeit erkannte. Der einzige, zu einer Fortsetzung der Schütze’schen Geschichte befähigte, unser Schmidt, erliegt fast der Last der Tagesgeschäfte, und Hand mußte einmal angelegt werden. So machte ich mich daran. Ich habe schon in der Vorrede gesagt, wie ich wünsche verbeßert zu werden. Mein Bemühen, die neuere Zeit der älteren gegenüber zu stellen war ein gewagtes, aber ein nothwendiges. Ob meine Ansichten Eingang finden werden und können, muß ich dahin gestellt sein laßen. Mindestens habe ich ehrlich ausgesprochen, wie sich mir das deutsche Theater jetzt darstellt, und von woher ich glaube, daß seine Erkräftigung ausgehen müßte. Kann sein, daß ich irre, dann möge, der guten Absicht wegen, das errare humanum est auch mir zu Gute kommen. Haben Sie, hochgeehrter Herr Hofrath, einmal Zeit und Lust, einen Blick in mein Büchlein zu thun, so danke ich Ihnen im Voraus, und ersuche Sie nur, mir die Zumuthung zu vergeben. Indem ich mich den lieben Ihren und der Frau Gräfin hochachtungsvoll empfehle, verbleibe ich mit unwandelbarer Verehrung

Ihr dankbarer und ergebner

C. Lebrün.