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Briefe an Ludwig Tieck (2/4) / Zweiter Band cover

Briefe an Ludwig Tieck (2/4) / Zweiter Band

Chapter 144: I.
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About This Book

A curated volume gathers personal and professional letters received by a prominent literary figure, presenting correspondence from poets, critics, and cultural acquaintances. The letters range from appreciative tributes and recollections to practical exchanges about publications, theatrical productions, health, and travel; they include editorial requests, invitations, and discussions of artistic taste. Organized by correspondent with brief contextual notes, the collection sketches the social and artistic networks around the addressee and provides varied firsthand glimpses into contemporary literary and cultural life.

Mahlmann, Siegfr. August.

Geboren am 13. März 1771 in Leipzig; gestorben daselbst am 16. December 1826.

Erzählungen und Mährchen, 2 Bde. (1802). — Marionetten-Theater (1806). — Sämmtliche Gedichte (1825). — Sämmtliche Werke, 8 Bde. (1839–40).

Lange redigirte er mit Umsicht und Geschmack die „Elegante Zeitung“ die wahrlich besser und deutscher war, als ihr zieriger Titel; die auch bedeutenden schönwissenschaftlichen Einfluß übte, denn sie stand damals in ihrer Art fast allein.

Mahlmann ist ein Dichter; dafür gilt er uns heute noch, wenn wir nach seinen Schriften voll Gemüth und Seele greifen. In Wehmuth, Innigkeit und Scherz hat er liebliche Lieder gesungen. Doch unerreichter Meister bleibt er in einer Gattung, die ihrem Wesen nach eigentlich unpoetisch erscheint; die, wenn sie nur persönlich verspotten und verletzen will, zu niedriger Gemeinheit herabsinkt; die, wo sie sich voll gerechten edlen Zornes erhebt, hochpoetisch werden kann: in der Satyre! Sein „Herodes vor Bethlehem“ ist nur eine Parodie... aber was für eine! Sie geißelt nicht allein Kotzebue’s Thränenpresse, die wahrhaft abgeschmackten (mit aller sonstigen Anerkennung Kotzebue’s in Posse und Lustspiel sei’s gesagt!), „Hussiten vor Naumburg.“ Nein, sie trifft mit scharfen Hieben, und mehr noch als Jenen, das Publikum, die Kritik, die ganze Zeit. —

I.

Leipzig, d. 9ten Jan. 1803.

Ihr langes Stillschweigen mein werther Freund setzt mich in nicht geringe Verlegenheit. Kann ich noch auf die Erfüllung Ihres mir in Dresden gethanen Versprechens rechnen? Wird das projectirte Marionetten-Theater noch auf Ostern fertig werden? Wenn Sie sich in meine Lage versetzen, so werden Sie finden, daß mir diese Ungewißheit in mehreren Rücksichten beträchtlich schadet. Das Papier ist gedruckt: Meine Dispositionen zur Ostermeße sind im Vertrauen auf die Erfüllung Ihres Versprechens eingerichtet, und ich habe, weil ich das Geld dazu bestimmt habe, manchen andern Plan von mir weisen müßen, um mich am Ende nicht in Geld-Verlegenheiten zu setzen. Verkennen Sie mich nicht mein werther Freund, ich will Sie weder mahnen noch drücken, nur Gewißheit, nur das Wort eines Mannes verlange ich von Ihnen. Können oder wollen Sie es nicht zu Ostern liefern, ist Ihnen die Lust dazu ganz und gar vergangen, haben Sie etwas anders vor, das Sie gern an die Stelle setzen möchten, so schreiben Sie mir nur darüber. Ich mache dann andre Dispositionen. Ich schmeichle mir, daß Sie mich wenigstens in so weit achten, daß Sie mich nicht mit Versprechungen zum Besten haben werden, und verlaße mich daher auf das Wort, das Sie mir in der Beantwortung dieses Briefs geben werden.

Von Fr. Schlegel habe ich kürzlich wieder Briefe erhalten, er schreibt mir ich würde wohl sein Journal Europa schon in Händen haben. Noch habe ich es nicht gesehen. Man sagt, er habe Aussichten, auf dem linken Rheinufer als Professor angestellt zu werden. Es würde mich sehr freuen, wenn diese Reise nach Paris sein Glück befördern sollte.

Leben Sie wohl mein werther Freund, empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin und haben Sie die Güte mir baldigst und recht offen über unsre Angelegenheiten zu schreiben. Meine Frau empfiehlt sich.

Ihr

ergebenster

A. Mahlmann.

II.

(Ohne Datum.)

Liebster Freund!

Ich habe mich den ganzen Sommer über so wenig um die Handlung bekümmert, daß die Verabredung mit Herrn Schulze über das Marionetten-Theater, welche eigentlich durch Spazier zwischen Voß und Schulze zu Stande gekommen ist, mir nicht eher bekannt wurde, als wie Schulze hier in Leipzig war und darüber mit Voß sprach. Es ist mir vielleicht unangenehmer wie Ihnen, daß eine Idee, die zuerst in uns Beiden lebendig wurde, und von der ich Voß nur obenhin sagte, von ihm an einen andern übertragen worden ist, der — so wenig ich auch an seinen Talenten zweifle — doch vielleicht nicht daßelbe darunter versteht, was wir damals wollten. Da ich keinen Antheil an der Voßischen Handlung habe, und überdieß Willens bin, auf künftiges Jahr, das unter uns bestehende Verhältniß ganz aufzuheben, so habe ich bey diesen Affairen nur eine Rath gebende, aber nicht entscheidende Stimme, welches ich gern allen meinen Freunden sagen möchte, die vielleicht das, was Voß druckt, für das halten, was mir gefällt. Sie sehen also liebster Tieck, daß ich an der Verabredung mit Schulzen keinen Antheil habe, und Schulze wird Ihnen daßelbe bestätigen, wenn Sie ihn darüber befragen. Ihr Musenalmanach hat mir einige herrliche Stunden gegeben, Ihr Gedicht Sanftmuth scheint mir das vollendetste, und das Sonet von Fr. Schlegel „wir können nicht heraus aus unserm Leibe, und Einer kann etc.,“ ist das tollste. Ich wollte dieser Brief wäre nicht an Sie, damit ich desto freyer davon sprechen könnte, wie lieb ich alles habe was von Ihnen kommt. Ihre Gedichte sind alle Melodien einer reinen edeln und stillen Seele, die nicht so wohl gespielt werden als selbst spielen, fromme Töne aus einem frommen Gemüthe. Daher verdrießt es mich, wenn ich sehe, daß Sie von andern nachgeahmt werden, die sich ein dichterisches heiliges Gemüth anraisonniren wollen. Nicht jedes O! und ach! ist ein Gebet, und wenn man spricht wie ein Kind, ist man deshalb noch nicht kindlich.

Sie sehen ich bin offen, aber ich bin es gegen Sie und damit bin ich ruhig.

Erlauben Sie mir wegen Ihres Octavianus mit einigen hiesigen Buchhändlern zu sprechen, denn bei Voß ist eben eine breite Mathematik für den Landmann angekommen, die das kleine Plätzchen, das allenfalls zur Ostermeße noch übrig geblieben wäre, ganz besetzt hat. Ich will mir aber — wenn Sie noch keinen Verleger haben sollten — Mühe geben, es Ihren Wünschen gemäß unterzubringen, und zwar, außer dem Wunsch Ihnen gefällig zu seyn, aus dem Intereße ein Manuscript von Ihnen zu erhalten und es im Kreise meiner Freunde zu lesen.

Ich bin Ihrer Meinung, daß die Streitereien mit Merkel überflüssig sind, aber es ist ganz Spaziers Sache, und ich habe an der Zeitung weder direct noch indirect den mindesten Antheil. Wenn man diesem Menschen einen Kampf anbietet, so thut man ihm einen großen Gefallen, denn er lebt von seiner Gallenblase.

Kommen Sie bald nach Leipzig, damit ich Ihnen in meiner Wohnung bei einem Glase alten Rheinwein sagen kann, daß ich Sie hochschätze und liebe. Meine Frau grüßt Sie, und erwünscht auch, daß Sie bald zu uns kommen möchten, aber Ihre Frau müßen Sie mitbringen. Wo bleibt denn Ihr poetisches Journal? Hat Schillers Jungfrau nicht Ihre Meinung über Schiller geändert? Was sagen Sie zu den Eumeniden? Doch ich frage soviel untereinander, und Sie werden nicht Lust haben meine Fragen zu beantworten.

Leben Sie wohl, und bleiben Sie mein Freund.

Ihr

A. Mahlmann.