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Briefe an Ludwig Tieck (2/4) / Zweiter Band cover

Briefe an Ludwig Tieck (2/4) / Zweiter Band

Chapter 151: V.
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About This Book

A curated volume gathers personal and professional letters received by a prominent literary figure, presenting correspondence from poets, critics, and cultural acquaintances. The letters range from appreciative tributes and recollections to practical exchanges about publications, theatrical productions, health, and travel; they include editorial requests, invitations, and discussions of artistic taste. Organized by correspondent with brief contextual notes, the collection sketches the social and artistic networks around the addressee and provides varied firsthand glimpses into contemporary literary and cultural life.

Malsburg, Ernst Friedrich Georg Otto, Freiherr von.

Geb. den 23. Juni 1786 zu Hanau, gest. den 20. September 1824 auf seinem Schlosse Eschenberg in Hessen. Seine diplomatische Anstellung führte ihn als Geschäftsträger der Kurfürstlichen Regierung nach Dresden.

Gedichte (1817). — Übersetzungen aus Calderon, 6 Bde. (1819 bis 25). — Stern, Scepter, Blume, Übertragung dreier Lope de Vegaschen Schauspiele (1824). — Poetischer Nachlaß und Umrisse aus seinem Leben (1825). — Die Lope de Vega’schen Dichtungen, enthaltend: der Stern von Sevilla — der beste Richter ist der König — das Krugmädchen — bilden den Inhalt jenes Goethe’n zugeeigneten Buches, wovon im zehnten dieser Briefe (dem letzten, den er an Tieck geschrieben, denn sechs Wochen nachher lag er im Grabe) die Rede ist, wie er es in Weimar selbst überreicht habe. Die Meisterschaft dieser Verdeutschung, im Erhabenen gleichwie im Scherz-, ja Possenhaften, vermag am Besten zu würdigen, wer Gelegenheit fand ihren klaren Redefluß durch Recitation zu erproben. Eine solche Reproduktion wiegt manche poetische Produktion auf.

Wenn Malsburg’s Briefe an seinen geliebten Freund unser Herz mit Liebe auch für ihn erfüllen, so erwecken sie doch nicht minder wehmüthige Empfindungen, welche sich in der bedenklichen Frage aussprechen:

Wäre solche ehrfurchtsvolle Anhänglichkeit, solche innige Freundschaft, solch uneigennütziges Zusammenleben, wie es vor vierzig Jahren waltend, hier frühlingblühend an unsere Seele tritt, heut zu Tage noch möglich?

I.

Eschenberg, 2. August 1820.

Mein Herz wird doch wohl nicht ruhig seyn, lieber theurer Freund, bis es Ihnen einmal geschrieben hat. Hoffentlich wissen Sie schon durch die Fama, wie schwer es mir hier überhaupt wird zu schreiben, denn ich mag es Ihnen nicht wiederhohlen; das kann ich Sie aber versichern, daß die Umstände meiner natürlichen Faulheit auf eine Weise zu Hülfe kommen, die sich kaum ausdrücken läßt, und selbst in diesem Augenblick habe ich eine halbstündige Voranstalt treffen müssen, ehe ich dazu kommen konnte, dem Drang meines Herzens Luft zu machen. Dies rührt daher, daß wir gestern von Cassel kamen, wo wir zehn bis zwölf Tage verweilt und ich mir die bewußte Fristerstreckung von vier Wochen gehohlt habe, so daß ich Sie nun erst im nächsten Monat umarmen werde. Sie glauben nicht, wie viel Treppen ich habe auf und ab laufen, wie viel kleine und große Schlösser auf- und zuschließen müssen, bevor ich weiter nichts als Dinte, Papier und Feder zusammen gebracht, und nun ist doch die Dinte dick, das Papier dünn und die Feder mittelmäßig. Überhaupt stelle ich jetzt recht oft wehmüthige Reflexionen über die Unzulänglichkeit alles Schreibens an, wie die Liebe sich davor fürchtet und wenn sie daran ist, doch nie fertig werden kann, und wie gewiß kein Mensch mehr schreiben würde, wenn die Aussicht auf eine eigene oder fremde Freude am Geschriebenen aufhörte. Was für Dinge habe ich Ihnen und so viel Andern nicht oft schriftlich verkünden wollen, wie oft habe ich die Briefe im Geist zusammengesetzt, wo Gedanken, Munterkeit und Rührendes abwechselten, ganze Stellen waren schon mit Wohlgefallen ausgearbeitet, und nun ich daran komme, ist dies und jenes weggeflogen, oder wird ganz anders, und ganz neue Dinge drängen sich hervor, so daß zuletzt vielleicht das Beste vergessen wird. Eine andere Betrachtung ist die, daß ich was meine gewöhnliche Beschäftigung betrifft, nirgends weniger zu Hause bin, als in meiner Heimath, und eine dritte, daß ich mich recht unordentlich angeordnet habe, indem ich die Faulheit mit dem Fleiß gar nicht in Verbindung zu bringen, keinen Tag einzutheilen und keine Stunde zu halten weiß, die edelmüthigsten und solidesten Vorsätze gehen immer in meiner eigenen Schwäche unter, mein Leichtsinn ist so gewaltig, daß mir die Zerstreuungen zuweilen ganz gelegen sind, und ich würde mich über mich selbst todtärgern, wenn ich nicht eben diesen Ärger und diese Schmerzen empfände, die mir die Gewähr einer bessern Natur und einer möglichen Besserung sind. So thut es mir meist wahrhaft weh, wenn ich vorauszusehen glaube, daß ich einmal gar nichts mehr thun werde, wenn ich, wie wahrscheinlich, mich zum Beschließen meiner Tage hier niederlasse und mir die bestimmte Sorgfalt für einen Grund und Boden, für vielerley Menschen auch Thiere meine schönsten und feinsten Gedanken fortnimmt. Inzwischen sey diesem wie ihm wolle, ich freue mich doch, wieder einmal geradezu mit Ihnen zu plaudern, wenn ich gleich das Wesentliche dabey vermisse, daß ich Sie nicht wieder sprechen höre, was mir immer einer der reitzendsten Genüsse war. Die Begebenheiten meiner Reise, tausend kleine Vorfälle, die possierlich genug sind, muß ich mir für die mündliche Erzählung zurückbehalten, damit ich Sie und die lieben Damen lachen sehe; nur das vorläufig, daß Christian einmal auf dem rucio des Sancho Pansa angesprengt kam. Die ersten zehn Tage in Cassel waren wahrhaftig austrocknend, wenn ich irgendwo noch Hörner gehabt habe, müssen sie sämmtlich abgelaufen, wenigstens an die Füße verpflanzt worden seyn. Die ersten zehn Tage hier waren um so schöner und vergiengen in gegenseitiger Freude am Wiederbesitz, Rührung, und Aberzählen des gegenseitig Erlebten; die zweyten zehn Tage fingen mit meinem Geburtstag an, Freundinnen, Verwandte und Nachbarn trafen ein mit schönen Geschenken, sogar ein Sonett, das Herrn von Sydow zum Verfasser hatte, Kanonen und Tanz wechselten anmuthig ab, eine Erleuchtung aber litt der Regen nicht. Die dritte Decade brachte uns den Kurprinzen und mit ihm die Erleuchtung, bey welcher ich Sie unter andern einmal wieder recht lebhaft hierher wünschte. Die vierte Decade verging wieder in der Residenz und zu Hofgeismar und die fünfte, welche jetzt da ist (denn diesen am 2ten angefangenen Brief setze ich erst heut am 12ten August fort) wird übermorgen durch den Geburtstag des guten Onkels verherrlicht, für welchen die schöne Tasse Aus kindlicher Liebe mit einem ebenso schönen Sonett schon bereit steht. Ohne dieses Sonett hätte ich von der Fähigkeit einige Verse zusammenzusetzen auch keine Ahndung mehr gehabt, denn daß muß ich Ihnen leider mit herzlicher Betrübniß gestehen, daß ich von all den vorgesetzten Herrlichkeiten auch nicht Eine gefördert habe. Kein Sonett von Shakspeare, keine Recension des Soden, kein Alcalde, keine blancas manos — alles, alles liegt da, und starrt mich gespensterartig an, — doch nichts mehr davon, ich komme sonst in ein großes wehmüthiges Klagen und damit will ich Sie wenigstens schriftlich verschonen, Sie möchten mich sonst nicht mündlich ausschmälen, was ich doch sehr nöthig für mich erachte. Vielleicht kann ich Sie im Voraus einigermaßen durch die Nachricht versöhnen, daß wir aus der Waldeckschen Auction sammt und sonders für 3 Thlr. 5 ggr. Bücher erhalten haben und Sie mit Ihrem gewöhnlichen Glück davon wieder die meisten und wohlfeilsten, z. B. Bükerstaff 4 Voll. 4 Gr., Etherege 4 Gr., Histoire du Théatre 2 Voll. 4 Gr., Le Grand Théatre 3 Voll. 4 Gr., the british stage 5 Voll. 22 Gr. Wir wollen doch sehen, ob Sie mir ähnliche gute Geschäfte in der Ramsgasse gemacht haben. Zum Vertauschen mögte ich wohl gern manches mitbringen, aber ich fürchte, daß mein Wäglein sich widersetzt. Dieses werde ich in etwa zehn Tagen besteigen, um nach Cassel zu fahren, da vielleicht wieder zehn Tage bleiben und mich dann nach Dresden einschiffen, wo ich, wenn ich alle Zwischenprojekte, wie Jena &c. betrachte, nach nicht viel weniger als zehn Tagen anlangen kann. Empfangen Sie mich dann nur recht herzlich und liebevoll, um mir die verlassene Heimath etwas zu überfärben. Haben Sie einstweilen den innigsten Dank für das liebe Wort Salve, das mich von Kalkreuths Brief gleich so traut und lieblich ansah und mir mit den wohlbekannten Zügen so viel sagte, daß ich mir einen ganzen Brief daraus bilden konnte. Empfehlen Sie mich Ihrer holden weiblichen Whistpartie aufs Innigste und Angelegenste und danken Sie besonders der lieblichen Reyna Micomicona für die Güte, mit welcher sie meinem armen Mohrchen, über das Sie vielleicht ein mit Lachen vermischtes Mitleiden mit mir empfunden haben, das Gastrecht angeboten. Doch war mir vor solcher Pflege zu bang, er wäre mir dann immer und immer wieder weggelaufen. — Vielleicht merken Sie es diesem Briefchen ein wenig an, daß ich im Lesen des Don Quixote eben noch einmal begriffen bin, es ist doch ein herrliches Buch und gewiß für einen Landjunker, davon jedes Exemplar mehr oder weniger etwas Don Quixotenmäßiges an sich hat, eine sehr passende Lectüre. —

Seyn Sie mir noch einmal aus ganzer Seele gegrüßt und umarmt, Sie lieber theurer Freund, und glauben Sie mir, so viel ich hier verlasse, so ist doch Freude und Verlangen im Gedanken an das, was ich wiederfinden werde, sehr groß. Ewig

Ihr

Ernst Malsburg.

II.

Cassel, 21. März 1831.

Mein geliebter theurer Freund!

Die Vorwürfe, die Sie mir Alle so schelmisch gemacht haben, will ich diesesmal nicht hören; wehe Ihnen aber, wenn Sie dieses Opfern meiner Zartheit nicht anerkennen und mich zwingen, Sie vielleicht Jahre hindurch mit meinen Vorwürfen zu plagen. Doch wer weiß, ob sich Ihrem hoffentlich wieder ganz geschmeidigen, des Eisenpanzers entledigten Händchen nicht vielleicht etwas mehr als das mir so wohlthuende Salve entringt, ob Sie nicht denken, ich sey im italienischen Dörfchen, Sie hätten ein Buch nöthig und schrieben mir ein Billet? denn mehr verlange ich ja wirklich nicht. Aber ein Billet, einen noch so kurz aufgeschriebenen Gruß halte ich für ganz unerläßlich; ich lasse Ihnen sonst kein einziges Buch mehr in der Auction.

Ich weiß gar nicht wie es kommt, daß ich auf einmal so ganz launig schreibe. Sie werden mich für sehr fröhlich halten, und ich bin gerade das Gegentheil; ich denke mich aber jetzt so lebhaft zu Ihnen hin, wo Sie alle fünf um das Ölkrüglein von Sarepta sitzen, und da kommt es mir vor, als scherzten wir miteinander. Ich höre Ihren Ton und sehe Ihre Mienen, mit denen Sie mich gern ein wenig ärgern möchten und doch nicht können. Lassen Sie mich immer mich so einträumen, es ist mir ein süßer Genuß, nachdem ich die Brieffaulheit überwunden habe.

Cassel ist wie ein großes weites Grab; alle die schwarzbeflorten Männer, die langschleyerigen Frauen scheinen nur zerstreute Bestandtheile eines Leichenzuges, und kein Gespräch wird geführt, das nicht Tod und Beerdigung und alle Folgen davon zur Basis oder zum Resultat hätte. Für mich und die Meinigen ist dies Alles in doppeltem Maße schwermüthig; die natürliche Theilnahme, die wir überall finden, die mitfühlende Art, womit Jeder, den wir sehen, die Landestrauer mit unsrer Familientrauer verbindet, thut indessen auch wieder wohl. Überall muß ich es auch anerkennen und bewundern, wie Gott jedem zu trüben Eindruck irgend eine Linderung oder Zerstreuung beygesellt; ich fühle es deutlich, daß der unbeschäftigte Schmerz aufreibend seyn würde. Meine Furcht vor dem ersten Eintritt in unser hiesiges Haus, an dessen Schwelle ich meinem theuern Todten zum letztenmal die Hand geküßt habe, wurde zum großen Theil durch das liebevolle Entgegenkommen meines Vaters, meines Bruders und aller Hausgenossen vergütet; die Wehmuth als mein zu behandeln, was mir immer noch würdigeren Händen zu gehören scheint, wird oft durch eine Reihe kleiner nothwendiger Beschäftigungen unterbrochen, die bis jetzt nur aus der Pflicht, nicht aus der Freude der Erhaltung hervorgehen. In drey Tagen fahre ich nach Escheberg, wohin mein Bruder voraus ist und den 26ten Montags, wird das Testament publicirt, das mir eine erschütternde Urkunde einer mehr als väterlichen und zwiefach väterlichen Liebe seyn wird. Drey Tage vor seinem Tode hat mein seliger Onkel meinem Vater eröffnet, daß er meinen Bruder und mich zu Universal-Erben nicht nur des Allodiums, sondern auch der Lehne einzusetzen wünsche, und den Vater deshalb bitte, uns seine Rechte auf letztere gleich zu überlassen. Mein Vater, der uns so zärtlich liebt und sich erst in hohem Alter zur Übernahme mancher Sorgen ohnehin nicht entschließen wollte, hat darein gegen eine Apanage mit Freuden gewilligt, und wir gelangen so vor der Hand zu einem Besitz, der unsrer brüderlichen Auseinandersetzung überlassen ist. Vor dieser ist mir nicht eben bange, da wir Brüder uns von jeher so sehr geliebt haben, aber doch habe ich zum Himmel gefleht, daß er keine Wolke in ein Verhältniß kommen lassen möge, das so ungetrübt war, so lange wir nichts hatten; ich habe solche Entschlüsse gefaßt, mich durch kleine Neigungen, Vorlieben u. dgl. nicht übereilen zu lassen, und mein Bruder ist in manchem Betracht noch viel besser als ich, daß es gewiß gut gehen wird. Ich fürchte nur den Schmerz und die Last des Besitzes und deswegen thut mir nichts so weh, als wenn mir auch hier manche Gemeinheit entgegentritt, die es nicht begreifen will, daß ich das Leben meines Onkels mit Allem was ich habe zurückkaufen möchte. Meine nächsten Freunde und mein Bruder theilen hingegen ganz mein Gefühl, und es war mir eine meiner schönsten Nächte, als mein Bruder vor meinem Bette saß und mir bis drey Uhr Morgens die ganze Geschichte der letzten Lebenstage unsers väterlichen Freundes erzählte und wir Beyde dabey abwechselnd und zusammen weinten.

Ich unterhalte Sie wohl recht lang mit diesen Dingen, mein geliebter Freund, aber sie sind mir eben das Nächste und ich konnte von nichts Anderem schreiben. Einmal ausgesprochen, werde ich sie in meinen übrigen Briefen nicht wiederhohlen und unsern nächsten Freunden, Loeben und Kalkreuth und Schütz, theilen Sie ja ohnehin wohl diese Blätter mit; ausser unserm kleinen Liederkreise braucht Niemand etwas davon zu wissen.

Wie geht es denn in diesem lieben Kreislein? vermissen Sie nicht den Übersetzer (Ihre a. d. Winkell) ein wenig? Die geistlichen Lieder, die ich Ihnen vorlesen wollte und bey meiner Rückkunft werde, sind durch Eines auf der Reise vermehrt worden; sagen Sie doch das Ihrer lieben Frau, die mir einmal etwas so Niedliches darüber gesagt hat.

Von weiteren Bestimmungen für mich ist für jetzt keine Rede; auch das engländische Gerücht, mit dem man mich hier zur Langenweile verfolgt, kommt nicht von oben herab. Die von den lieben Damen gewünschte Ungnade existirt inzwischen auch nicht, denn die Herrschaften sind sehr gnädig gegen mich und scheinen mich durch die Gleichheit unsers Schicksals noch als genähert anzusehen. Mein liebster Wunsch ist Sie bald wiederzusehen, wann aber, kann ich noch gar nicht sagen.

Leben Sie wohl unterdessen, Sie theures Fünfblatt, und reißen Sie sich (ich bitte darum inständigst) bald ein Blättlein ab um es mir zuzuschicken, sonst schreibe ich Ihnen von Escheberg aus nicht, wenn es nicht ohne meinen Willen früher schon geschehen seyn sollte. Bleiben Sie nur Alle recht von Herzen gut

Ihrem Freunde

Ernst Malsburg.

III.

Escheberg, d. 7ten Junius 1821.

Mein hochgeliebter Freund.

Wie viel tausendmal habe ich Sie im Geist über mich schmälen hören, daß ich so lang säumen konnte, Ihnen für Ihre unaussprechlich lieben Briefe zu danken, aber wenn Sie mich auch im Geiste gesehen hätten, Sie würden Mitleid mit mir gehabt haben. Es war für den May eine Familien-Conferenz bestimmt, wobey, wie ich wußte, in Allem was Geschäftssachen betraf, vorzüglich auf mich gerechnet wurde. Denken Sie sich nun, daß ich früher in all diesen Dingen unbewandert, ein halbes Archiv durchlesen mußte, um nur nicht meinen hohen Ruf zu schmälern und ganz einfältig zu erscheinen, oder gar mich und meinen Bruder, der an Sitz- und Papierscheu leidet, von den Häusern Malsburg und Elmarshausen übervortheilen zu lassen. Diese Studien lagen mir mit ihrer Angst und Langenweile schwer und drückend auf dem Herzen, und je mehr ich bald hier bald dort hinausschob, desto mehr wuchs dieser Druck, und ich hätte in Angst und Faulheit vergehen können, wenn ich mich nicht endlich durchgearbeitet und zuletzt in den trockensten Dingen einen sonderbaren und pedantischen Genuß gefunden hätte. Zum Glück verschob sich diese Zusammenkunft durch Krankheit eines jungen und Tod eines alten Verwandten von Zeit zu Zeit und gewann ich dadurch Raum, bald dies bald jenes, was mir immer das Allernothwendigste schien, noch zu erschöpfen. Das Gefühl, daß ich allen meinen lieben fernen Freunden so stumpf und undankbar scheinen mußte, war mir dabey nicht das mindeste Trübe und nur die Hoffnung, daß Sie allem was ich sage einen unbeschränkten Glauben beymessen, daß Sie meine Unschuld empfinden und mich nicht entgelten lassen werden, kann mich trösten. Fräulein Calenberg, die sich Ihnen herzlichst empfiehlt, und einige andre Damen waren abwechselnd hier; hätte ich doch von diesen ein schriftliches Zeugniß gefordert, daß ich nach dem Frühstück bis zu Tisch, nach Tisch bis zum Abend beständig in den Acten saß und Galanterie und Unterhaltung vollkommen im Stich lassen mußte; es war eine rechte Noth, in den wenigen Momenten des Luftschnappens gehörig lustig und anständig zu bleiben. Noch jetzt, wo Vettern und Alles fort ist, und ich für einen Moment ganz einsam bin, fühle ich eine solche Ausdörrung, daß ich kaum zu schreiben weiß, und nichts thun, als Sie umarmen und weinen möchte, damit Sie mir Unschuldigen wieder gut würden. Ich kann Ihnen nur sagen, daß ich Sie ganz unendlich lieb habe, daß Ihre Briefe wie Lichtstrahlen in meine Finsterniß gefallen sind und daß ich Sie seitdem noch lieber habe. Ihr Vermissen hat mich gefreut, Ihr Leiden betrübt, Ihr Arbeiten entzückt. O Sie lieber, herrlicher Freund, welche frohe, genußreiche Stunden werden Sie dadurch Ihren Freunden und der Welt bereiten! Arbeiten Sie, arbeiten Sie fort, so wie Sie arbeiten ja doch niemand wieder. Ihre Attrappe mit der Aprilsnovelle hat mich gar nicht geärgert, wenn Sie nur thätig sind, bey Ihrer ungeheuern Schnelligkeit wird doch alles fertig, und hinter dieser Schalksnovelle sehe ich schon den Shakspeare hervorlauschen.

Ihre Gedichte habe ich erst in der Hamburger Zeitung gelesen, ich hoffe, Hilscher schickt sie mir bald; und wie vergnügt werden Sie seyn, daß der Kleist fertig ist, schenken Sie mir ihn nur je eher je lieber und geben Sie ihn an Hilscher zum Mitschicken. Ums Himmelswillen schreiben Sie mir nun auf ein Zettelchen, was alles noch fertig ist und fertig wird, wenn Sie mir auch sonst böse sind und nichts mehr mit mir zu thun haben wollen. Mit dem Edmund geht es mir ja auch, wie mit Manchen, wenn sie fern sind; was mich verdrossen hat, sehe ich nicht mehr, und mich rührt nur, was ich liebte, zur innigern Theilnahme und Liebe. Jetzt mag er Camisard seyn und wüthen wie er will, ich liebe ihn doch, ja ich glaube ihn und Sie mit nun erst zu begreifen, seit er ein Camisard geworden ist, denn nun bleibt er es nicht und wird noch viel lieber als zuvor. Habe ich Recht? schmunzeln Sie? —

Daß ich an dem schönen 31ten May weder selbst gekommen bin, noch ein Briefchen, noch ein Liedchen geschickt habe, werden Sie ganz erbärmlich gefunden haben, wenn Sie gleich ohne Zweifel mit einiger Angst aus Ihrer Bibliothek getreten sind, ich möchte Sie wieder aus den Blumen herauserschrecken. Sie können denken, wie es mir gieng, da meine kleine Gabe längst vorbereitet und eingepackt war, auch schon längst abgereist ist, und Fräul. Winkell in Schrecken und Ungewißheit gesetzt haben wird, und ich doch nicht dazu kommen konnte, Ihnen aufs Neue meine Liebe und meine Wünsche zu sagen. Sehen Sie die kleine Gabe an, weil ich in dem gelben unter Bäumen versteckten Häuschen wohne und Ihnen jetzt schreibe, und oben zu dem Dachfenster nach Ihnen hinausschaue. Der lange Weg im Garten ist recht für Sie zum Gehen gemacht, und denken Sie! auf die Seite des Wassers nach Ihnen zu, baue ich mir jetzt ein eigenes Häuschen, weil das alte für zwey Haushaltungen zu klein ist. Wie hübsch und behaglich will ich alles einrichten und auf Ihr Stübchen soll besonders gedacht werden, daß weder Thür noch Fenster darin und aller Zug unmöglich sey; ich habe dann die Aussicht, die Sie auf die Tasse haben. In der Schale ist das Grabmal meiner seligen Tante, einer schönen und lieben Frau, aber was da herausströmt, ist kein Fluß, sondern ein Weg.

Ich danke Ihnen tausendmal für die Einkäufe auf der Auction; ich habe das Geld auf Fräul. Winkell, die noch andere Auslagen für mich hatte, angewiesen, ein Begriff, was eigentlich die Nummern in sich verbergen, fehlt mir gänzlich. Könnten Sie mir vielleicht ein Listchen darüber schicken? Ist denn das theatr. Europaeum vollständig? Den Burnet hat man freylich zu arg getrieben, aber was ist denn das wohlfeile Fischchen, das Sie mir weggefangen haben? wenn es fett und schimmernd ist, müssen Sie mir es durchaus wieder herausgeben, oder etwas anderes Erkleckliches aus Ihren Büchern dafür, z. B. die mir fehlenden Bände des Gozzi, oder den Montengor, oder sonst etwas. Meine ererbte Bibliothek ist nicht sehr groß, aber ausgezeichnet hübsch gebunden und lacht mich aus zierlichen weißen Wandglasschränken rings um mich her an, in der Mitte des holden Zimmers steht ein platter Schreibtisch mit Verzierungen und schönen Gefächern, alles von Ebenholz, und an diesem schreibe ich Ihnen. Das Wichtigste sind weitläuftige historische und geographische Werke, meist französisch, unter denen auch Burnet französisch mit schönen Kupfern. Auch habe ich meine Freude an einer Kupferbibel in 3 Bänden von Scheuchzer (was ist sie wohl werth?) und an einigen prächtigen Atlas historiques. Über Theater ist wenig da, aber die délices des Pays bas, die mir so oft in der Auction entgingen. Eine Menge mathematischer medicinischer und militärischer Bücher habe ich nebst einer franz. Clarissa Harlowa mit Chodowieckyschen Kupfern zum Verkaufen zurückgestellt; die Letztere wäre für Sie vielleicht ein herrlicher Austauschgegenstand.

Jetzt, da ich nun wieder Athem zu schöpfen anfange, denke ich auch etwas an meine lieberen Beschäftigungen kommen zu können. Vor allen Dingen quält mich die Vorrede zum 4ten Thl. Calderon, Brockhaus schreibt, er erwarte sie unverzüglich, und es ist auch nicht eine Zeile daran geschrieben. Der Brockhaus!! daß er nicht die ganze Urania mit Ihnen füllt und alles andere herauswirft, ja meine Sachen mit, die Sie noch etwas verändert finden werden! Ihr Bild kommt doch hinein? Es ist nicht anders möglich, er muß gefürchtet haben, Sie ließen ihn sitzen. Wie ist es denn mit dem spanischen Theaterbuch? Escribais, escribais!

Sagen Sie Ihren lieben Damen alles Schöne, was nur zu sagen ist, denn wenn Sie mir auch schon jetzt wieder gut sind, wie schwer wird es seyn, diese göttlichen Gemüther zu versöhnen, — wie oft werde ich sie noch schmälen hören müssen. Meine erste Absicht war, Ihnen das runde Schächtelchen durch die liebe Gräfin überreichen zu lassen, ich wollte ihr dabey schreiben, den 31ten May sollte alles schon dort seyn! Weh, weh!

Danken Sie Ihrem trefflichen Kinde für das liebe Briefchen aufs Innigste, das sie in Gefahr ähnlicher Versuche bringt. Grüßen Sie auch Schütz, wenn er wieder kommt; ich habe seinen Brief erhalten, und erwarte ihn nun mit oder ohne meinen lieben armen Loeben bestimmt, aber je eher je lieber, denn ob ich gleich noch gar nicht weiß, wann ich nach Dresden zurückkomme, so scheint mir Ende August oder Anfang September der äusserste Termin meines Hierseyns. Sie sehen also, Theaterdirektor werde ich nicht, aber wenn ich es würde, Sie müßten mir gleich herbey, wenn wir es gleich schwerlich Beyde Recht machen dürften.

Und nun leben Sie wohl, theurer vielgeliebter Freund! betrachten Sie diesen Brief nur als einen Anfang, antworten Sie mir auch gar nicht bis ich wieder schreibe (aber dann müssen Sie ohne Barmherzigkeit antworten!) lassen Sie mir nur sagen, daß Sie mich noch lieben, wie Sie ewig und ewig lieben wird

Ihr

E. Malsburg.

Frl. Indianerin ist durch Cassel nach Hanau geeilt; da ich aber hier war, habe ich sie verfehlt.

Kalkreuth ist fort; sonst umarmen Sie ihn von mir.

IV.

Escheberg, 2. Octob. 1821.

Es hat zwar etwas Rührendes, mein lieber theurer Freund, daß Sie meine Bitte, mir nicht zu schreiben, eh’ ich zum zweitenmal geschrieben, so gewissenhaft erfüllen, aber es hat auch etwas Trauriges, weil ich darüber so ganz nichts von Ihnen höre. Es ist als wäre Ihr Geburtstag der Todestag unsers Briefwechsels gewesen, der ein so rüstiger Bursche zu werden versprach, und wenn ich ihm selbst durch meine Albernheit den Hals umgedreht haben sollte, so kann ich mir nicht Vorwürfe genug machen. So lang es Sommer war, obgleich ein so kalter widerspenstiger Sommer, fühlte ich mich, der ich nie geistig bey Ihnen zu seyn aufgehört habe, ganz ruhig, ich sah Sie vergnügt, munter, jeden Sonnenschein benutzend, um sich darin zu ergehen und durchbähen zu lassen, jetzt aber, wo die grünen Blätter abfallen, heut vollends, wo das erste Stubenfeuer in meinem Ofen flackert, fühlen sich meine Herzblätter zu mächtig nach Ihnen hinbewegt und das Liebesfeuer treibt mich, einige Papier- aber nicht papierne Blätter zu Ihnen hinwehen zu lassen. Wie geht es Ihnen, Sie Lieber, Guter, Herrlicher, von dem ich nicht weiß, ob ich ihn lieber liebe oder bewundere, von dem geliebt zu seyn mir aber eine Seligkeit ist? Die Gicht quält Sie doch nicht, die Hand ist doch nicht dick, die liebe Hand, die nur von all dem Trefflichen geschwollen seyn sollte, auf das wir Heißhungrigen noch warten? Der Gedanke quält und peinigt mich auf einmal recht, daß Sie nicht wohl seyn könnten, und ich beschwöre Sie, behandeln Sie diesen Brief wie einen Wechsel auf Sicht, den Sie in drey Tagen auszahlen müßten, und antworten Sie mir mit umgehender Post, oder wenn Sie nicht selbst schreiben können, tragen Sie es jemandem zu schreiben auf, daß und wie gut es Ihnen geht? Diese Nacht, wo ich nicht schlafen konnte, weil die Aequinoctialstürme sich um unser Haus balgten und sich verschiedene alte unbefestigte Schaltern an die Köpfe warfen, war ich sehr lebhaft bey Ihnen und eine so unbezwingliche Sehnsucht trieb mich zu wissen, wie es so ganz eigentlich mit Ihnen stehe und aussehe, daß ich mich wenig gewundert hätte, wenn ich auf einmal durch die Luft zu Ihnen geschritten wäre, mich jetzt vielmehr darüber wundere, daß ich Ihnen nur dies Blatt als Beglaubigungsschein überschicken kann, das Sie aber gewiß als ein Creditiv meines Herzens an das Ihrige aufnehmen werden. Glauben Sie aber nicht, daß es wieder etwa ein begütigender Vorläufer meiner eigenen Person seyn solle, wie Sie dafür (aber völlig mit Unrecht) meinen vorjährigen Brief immer ausgaben; vielmehr hat mich der Gedanke schon geängstigt, daß ich diese Tücke wieder werde erfahren müssen, so sehr, daß ich darüber bald gar nicht geschrieben hätte. Im Gegentheil, bilden Sie sich nur recht fest ein, daß ich gewiß noch vier Wochen ausbleibe und daß also darin noch Raum für manchen Hin- und Her-Gruß liegt, wiewohl ich die traurige Bemerkung machen muß, daß meine Briefe mehrentheils so unleidlich und unbegreiflich lang reisen, eine Bemerkung, die mich auch heut ganz niederschlagen würde, wenn mich die Hoffnung, ein günstiger Wind werde in die Segel dieses Schiffchens blasen, nicht aufrecht erhielte. Suchen Sie nur ja nicht in jener Bemerkung einen Vorwand, mein heißes Verlangen ungesäumt und rasch von Ihnen zu erfahren, unbefriedigt zu lassen, denn die Briefe von Dresden sind regelmäßig den vierten oder fünften Tag bey mir, und wie gesagt, vier Wochen dauert es gewiß noch mit meinem Hierseyn. Erst muß Graf Bose kommen, dann muß ich mit den Hauptsachen hier in Ordnung seyn, dann nimmt auch der Abschied in Cassel immer seine Zeit hinweg. Dann aber und bestimmt sehen wir uns wieder.

Ich habe in den vergangenen Wochen nicht nur mit Ihnen gelebt, sondern Sie selbst mitgelebt, als ich den reichen Seelengarten Ihrer Liebe nicht durchwanderte, sondern mich in seinen Rosengebüschen hier ruhte, dort aus seinen Quellen trank, unter seinen Nachtigallentönen schwelgte und träumte. Dies sind nicht Redensarten, Sie Geliebter, in denen ich mir etwa selbst gefalle, sie sind wahrhaft was ich empfunden habe, und was man bey einem Dichter, wie Sie sind, soll, und wenn ich mit innerer Herzenslust an den wohlbekannten Gebüschen und Blumen flatterte und sog, so gelangte ich gewiß immer mit entzückter Überraschung an die mir neuen anmuthigen, von ewiger Liebes- und Frühlingssonne durchleuchteten Plätze. So haben die Sonette an Anna den zugleich tiefsten, sehnsüchtigsten und lieblichsten Eindruck auf mich gemacht, den ich mir seit langer Zeit erinnere, und ich sterbe sowohl vor Zorn, daß Sie sie mir nicht früher mitgetheilt hatten, als vor Verlangen, das Lieben selbst kennen zu lernen, das alle Töne, die in der Liebe zusammen klingen, auf eine nahmenlos wonnige Weise umfassen muß. Lassen Sie dieses ja einen der ersten Gegenstände Ihrer Beschenkung unsers kleinen Liederkreises seyn, den hoffentlich der Winter eben so wieder verbinden soll, wie ihn der Sommer auseinanderflattern ließ. Für mein Theil werde ich übrigens mit der tiefsten Beschämung der Armseligkeit darin auftreten, und ich bitte mir zum Voraus die Erlaubniß zu geben, den ganzen Winter nur als zuhörender Singvogel figuriren zu dürfen, den erst der Gesang der Übrigen wieder belebt, oder als welke Pflanze, die durch den Thau, der von den benachbarten Blumen abträuft, neue Belebung erhält. Es wird an sich viel Zeit brauchen, eh’ ich den ganzen Schwall von Prosa, den ich wie ein Schwamm in mich gesogen habe und durch den ich auch ganz unbildlich so kalt und schwer wie ein Schwamm geworden bin, der seine leeren Fächer sämmtlich mit Wasser erfüllt sieht, unter Ihren Händen wieder ausgerungen fühle. Sie werden ja nicht mit Wein und Geist karg seyn dürfen, um dann die leeren Schwammkammern und Höhlen wieder so auszustaffiren, daß auch einmal ein Frühlingsgeruch oder ein Tropfen, der wie Thau und Perle aussieht, ihm entquellen könne. Diese bleyerne und unabgesetzte Beschäftigungsweise hält zwar meine Thätigkeit selbst in Thätigkeit, zuweilen lähmt sie mir aber alle Fittige, und dann denke ich, ob es nicht gar besser wäre, ich würfe alles hin und würde wieder wie sonst durch Armuth reicher, wenn nicht Eigen- und Bruderliebe und die Aussicht wieder ruhen zu können, sobald ich mich aus dem Vorgestrüpp herausgewunden, mich zurückhielte. Meine einzige, aber auch große und wahrhafte Erquickung besteht in dem Wohlwollen, das ich in dem Herzen meines Bruders immer fester begründe, in der Aufheiterung, die mir öfters durch die Anwesenheit meiner lieben und trefflichen Freundin Calenberg wird, und in den Stunden, die ich dem Lesen guter oder gescheiter Bücher widmen kann. Im letztern Betracht gereicht es mir jedoch zum wahren Verdruß, daß ich noch immer nicht Ihren Kleist habe erlangen können, indem Krieger sein herkömmlich einziges Exemplar sofort abgesetzt und noch ein neues nicht geschafft hat. Nun weiß ich zwar, daß Sie mir das Buch, sobald ich nach Dresden komme, schenken, es fällt mir aber unmöglich, so lang zu warten, eh’ ich die gewiß herrliche Vorrede kennen lerne. Wäre es möglicherweise erlaubt, nach einer Vorrede von Ihnen eine von mir auch nur zu nennen, so würde ich Ihnen vertrauen, daß die zum 4ten Calderon das Einzige ist, was ich hier von allem Vorgesetzten habe durchwinden können, und demnach fürchte ich auch ernstlich, daß ausser einigen Episoden von Schütz und Kalkreuth nicht viel daran ist. Es ist etwas Widerwärtiges und muß mit meiner Natur und meinem Nahmen zusammenhängen, daß alles unter meinen Fingern dicker und ernsthafter hervorgeht, als ich es will; dabey ist Brockhaus auf dem Wege, Vorgedachtes dem ersten Aushängebogen nach auch durch Druckfehler vollends albern zu machen, wovon ich Ihnen nur Graciose statt Gracioso angeben will. Ich habe ihn beschworen umzudrucken, zu cartoniren und sonst alle Verlagsgriffe anzuwenden, um mein gepreßtes Herz durch die Presse zu beruhigen. Ohnehin bin ich noch zwiefach wüthend auf ihn, einmal, daß er in der Urania statt einiges dummen Zeuges nicht alles, was Sie ihm geben wollten, mit vollen Händen ergriffen, dann, daß er auch mein Montemayor-Novellchen nicht hineingenommen hat, auf das ich mich in der That freute, und mit dem mir nun ein Pandin[7] (pantin) mit einer Versudelung durch die dritte Hand, nach Malaspina, halb und halb zuvorgekommen ist. Ihr Bild in der Urania befriedigt mich auch ganz und gar nicht, und facht nur meine Sehnsucht, ein Bild von Ihnen zu besitzen, neu und stärker an; dennoch gestehe ich, daß ihm die Entfernung einigen Werth giebt, und daß ich öfters mit wahrer Lust diesen oder jenen Zug, diesen oder jenen Blick von Ihnen daraus hervorspinne.

Ich bin begierig, Ihre Urtheile über die verschiedenen Wanderjahre zu hören. Die ächten, worin gerade nur die fatalen Personen aus den Lehrjahren vorkommen, gefallen mir mit ihrem kuriosen Entsagungs-Einfall, ihren Erziehungs-Anstalten und drey Ehrfurchten &c. gar nicht und doch ist in einer der darin verstreuten niedlichen Novellchen wieder mehr Geist und Poesie, als in dem Doppelgänger; dieser scheint mir dagegen Wahrheit für sich zu haben, wenn auch nicht als Muse und zuweilen eben so einseitig als im Umgekehrten Schubart das Luftbild, das er als Wahrheit angezogen hat, und ich finde den Einfall, seine Polemik gerade so einzukleiden, eben so gescheit als boshaft, weshalb es mich für den doch auch etwas empfindlichen alten Herrn in der Seele dauert, daß er dies noch bey seinem Leben erfahren muß. Er könnte darüber hinsehen in jeder Hinsicht, aber er hat es sich dadurch schwerer gemacht, daß es den unstreitig noch schwächeren Schubart präconisirte. Am mattherzigsten scheint es übrigens bey dem Unbekannten mit der Kritik bestellt zu seyn; seine Urtheile über diesen und jenen sind kaum zu lesen, er scheint zu den zusammenraffenden Milden zu gehören, die ich überall nicht leiden kann. Fräul. Calenberg glaubt, Jakobs habe das Buch geschrieben, wissen Sie nichts davon? — Mit viel größerem Gefallen habe ich übrigens den Schweinichen gelesen, mit minderm lese ich jetzt den Nikolaus Marggraf, bey dem ich fortgesetzt sagen muß, daß der alte Jean Paul nicht mehr der alte ist. Gries Semiramis gefällt mir so zu lesen sehr gut, vergleichen konnte ich nicht, weil mir das Original fehlt, aber ich wollte wetten, daß die Übersetzung viel besser ist als die mislungene des Tetrarchen.

Doch, mein vielgeliebter Freund, Liebe und Vertrauen arten in Geschwätzigkeit aus, das merke ich an diesem Briefe, und höre es an den Seufzern, die Sie über seine Länge ausstoßen. Lassen sie mich nur noch einmal sagen, wie meine Gedanken Sie tausendmal umarmen, wie ich mich darauf freue, Sie wiederzusehen, wieder zu hören, Worte, Scherze, Gefühle, Betrachtungen und Ansichten wieder mit Ihnen auszutauschen. Ja auch handeln, jüdeln müssen wir wieder; es ist noch so manches unter Ihren Büchern, was ich haben muß, und ich werde alle Belagerungs-Maschinen gegen Ihren Geiz in Bewegung setzen. Könnte ich darunter nur auch Einiges mitbringen, aber es will mir hier nichts recht dazu passen.

Aber noch einmal bitte ich Sie, daß Sie mir das Wörtchen Ihrer Gegenfreude nicht vorenthalten, daß Sie mir hier in Escheberg noch sagen, wie es Ihnen lieb im Herzen ist, daß wir bald wieder unsern Shakspeare zusammen lesen. Sagen Sie mir dann auch, ob Sie den doch so herzlich lieben Edmund und die Schalksnovelle vom April fertig, ob Sie an den Leonhard, den Sternbald und das Werk über Shakspeare fortschreitend gedacht haben. Ich lasse ein Haus bauen und darin eine nette Buchstube; wehe Ihnen, wenn ich Sie einmal vollständig und persönlich im Zimmer habe und nicht complett in den Schränken! — Leben Sie wohl! wenn nur Loeben auch recht gesund wieder nach Dresden kommt! ich freue mich auch gar innig auf Kalkreuth und Schütz. Fräulein Calenberg will Ihnen herzlichst empfohlen seyn. Leben Sie wohl und gesund, lieben Sie mich, aber sagen Sie es auch

Ihrem

Ihnen so treu ergebenen

E. Malsburg.

V.

Dresden, zweyten Pfingstfeyertag 1822.

Der Jasmintropfen, der graue Staar und der Frierwein hatten Sie ja zum Erbarmen heruntergebracht, zärtlichst geliebter Freund! und zuletzt waren Sie mir gar unter den Händen fortgekommen. Sie sind doch heut wieder wohl? —

Ich werde Sie heut nicht bey Kalkreuth treffen, weil mich Rumigny, zu dem ich schon gebeten war, nicht loslassen will. Fast weiß ich Sie mit Angst bey dem unheimlichen Gast, er wird Sie noch kränker machen, und doch thut es mir wegen einer gewissen dummen Neugier selbst fast leid, nicht dabey zu seyn.

Jean Paul schlug das Diner wegen Müllner aus; der Pudel war mit im Spiel, denn J. P. sagte: er fürchte, Mllnr möge ihm Terpentin ins Ohr gießen.

Heut oder morgen wird meine Recension von Bärmanns casa con dos puertas fertig. Ich möchte Sie gern wegen mancher Stellen zu Rathe ziehen, könnten Sie mir einmal ein halb Stündchen dazu bestimmen? Diesen Abend sehe ich Sie vielleicht ein Augenblickchen, da bereden wir das.

Sind Ihre Reisenden fertig? soll ich denn darauf warten, bis sie gedruckt sind? Lesen Sie sie nicht vorher einmal? — Ich bin ja selbst Reisender.

Den Cain und den spanischen Ortiz geben Sie wohl dem Pagen mit; Jener ist mir abverlangt worden. Allerschönsten guten Morgen.

Ihr

treuer

E. Malsburg.

Zum Lohn, daß mich die Damen nicht überrascht haben, schicke ich ihnen hierbey etwas Zuckerwerk.

VI.

3ten Pfingstfesttag 1822.

Mein lieber herrlicher Freund.

Ihre ausserordentlich prächtige und einzige Geschichte hatte mich so munter gemacht, daß ich noch bis 2 Uhr gearbeitet habe und doch schon nach 6 aufgestanden bin. Ich habe Ihnen auch noch einen Dank zu sagen; vor nichts habe ich mich sonst mehr gefürchtet als davor, toll zu werden, nun Sie mich aber gelehrt haben, wie weise die Narrheit ist und welch ein Glück darin liegt, bin ich ganz darüber getröstet, weil ich eben nicht groß sehe, was ich verliehren würde. Sie schließen da eine neue Welt auf, und bringen Sie bey Allen, Narren und Klugen, eine gleiche Wirkung hervor, so werden Sie ein Wohlthäter des Menschengeschlechts. Schreiben Sie, schreiben Sie, daß es fertig wird.

Ich wollte Ihnen gestern beykommendes Briefchen lesen und vergaß es über meinem innern Jubel; ich schicke es Ihnen. Ich habe dem Lieben geschrieben, er sey dringend zu Ihnen eingeladen, ich habe doch recht gethan? Wenn er auch nur ein Stückchen von der Novelle bekommt, so ist er schon glücklich.

Leben Sie wohl, allerliebstes Männchen! Es ist entsetzlich, daß der Liederkreis nun auch noch ein liederliches Kreislaufen beginnt. Das gäbe eine neue Licht- und Wonnepartie in Ihrem Geschichtchen, wenn Sie nicht etwa eine eigene Novelle daraus machen wollen.

Ihr

E. M.

VII.

Escheberg, d. 9ten Julius 1822.

Mein lieber trefflicher Freund!

Es geht schon in die vierte Woche, daß ich den Abschieds-Kuß auf Ihre Lippen drückte, und noch habe ich die Finger nicht krümmen können, um Ihnen zu schreiben, zu danken und zu sagen, wie unendlich lieb ich Sie habe. Wenn ich Ihnen alle die Anregungen erzählen wollte, die ich ausser meiner Liebe hatte, an Sie zu denken, mein Brief würde länger werden als Ihre Langmuth; ganz Berlin kam mir wie ein Boden vor, der nur dadurch so öde, langweilig und sandig geworden sey, weil Sie ihn verlassen hatten, aber Ihr Nahme, Ihre Erinnerung schwebte und hallte überall um mich her und das setzte die Flügel meiner Seele in hinlängliche Bewegung, um den faustdicken Staub abzuschütteln, der dort auf alle Blüthen fällt. Ich hätte so gern Ihren prächtigen Bruder besucht, aber ich lebte wie ein Gefangener in steter Erwartung der befreyenden Audienz und an dem Morgen, wo mich das gute Henselchen, das täglich bey mir war, hinführen wollte, stand ich schon in Luthers erbärmlicher und finstrer Stube zu Wittenberg und statt heiterer Marmorbilder sahen mich zwey hässliche Konterfeye von Luther und Melanchthon (nicht Wellington — nach Casselischer Pfeifenkopf-Nomenclatur —) an, die von zwey sentimentalen Superintendenten-Mamsellen mit moderig duftenden Eichenkränzen umhangen waren. Wahrscheinlich wissen Sie schon, daß ich die Freude hatte, die Mutter der lieben Solger kennen zu lernen und einen Abend bey ihr zu seyn, das wissen Sie aber gewiß nicht, daß sie mir Ähnlichkeit mit Ihnen fand, und daß ich darüber eben so hochmüthig aufschwoll, als ich in diesem Augenblicke Sie dieses Lesenden gedemüthigt zusammenschrumpfen sehe. Frau v. Bardeleben fand ich noch so gut und verständig wie sonst, für Sie noch eben so liebevoll, als Sie es nicht verdienen, im Übrigen fast zu ätherisch mager; der Geyer des Leidens frißt der armen Frau den Leib ab, aber das Herz bleibt dasselbe, wenn es nicht gar noch wächst. Leid war es mir sehr, meine alten Bekannten Savigny und Bettina nicht einmal aufsuchen zu können, das diplomatische Handwerk verschlang das poetische (so daß mir gar Hoffmann unter den Händen gestorben ist) und Hensel hatte ich mir völlig umstellt und eingefangen wie einen edeln Hirsch, als er von Madame Neumanns runden Armen umstrickt (ich meyne das blos phantastisch) aus dem Theater kam. Ich warf ihn dann gleich gewaltsam in meinen Wagen und führte ihn zu Frau Rosalie, die ich so glücklich war in Berlin anzutreffen. War es nicht schön, daß mich am ersten Mittag, als ich bey Leboeuf eintrat, Herr v. Knobelsdorf mit schallender Überraschungsfreude empfieng und noch schöner, daß er von demselben Champagner kommen ließ, der Sie in Dresden beynahe von der Eulenböckischen Ungerechtigkeit geheilt hätte, und auf Ihre Gesundheit mit mir anklang? Derselbe Wollmarkt, der alle Juden und Edelleute der Sandmark so in den Wirthshäusern von Berlin zusammengedrängt hatte, daß ich in Gefahr stand, meinen Wagen mitten auf der Straße einer haus- und speisereichen Stadt zu meinem Nachtquartier und Hungerthurm erwählen zu müssen, derselbe Wollmarkt (sage ich) hatte auch den guten Alten hereingeführt. Eine Zuflucht (wenn Sie diesem meine vorige Periode überspringenden Umstande noch einige Theilnahme schenken) fand ich zuletzt in einer Art Kneipe, die ich eher türkisches als deutsches Ham nennen möchte, und woraus ich am andern Morgen durch meinen Collegen Wilkens erlöst wurde, der mich unter sein amtsbrüderliches Obdach nahm. Von nun an gieng auch alles glücklich und am 20ten Junius, Nachmittags 7 Uhr wären meine Pferde am Reisewagen gewesen, denn nachdem ich beym König in Charlottenburg gespeist hatte, schien mir der Zweck meines Berliner Ephemerirens erfüllt, wenn mich nicht Graf Brühl für seinen Freyschützen förmlich eingegarnt hätte, so daß ich erst um 10 Uhr anschirren ließ. Um 10 Uhr kam aber mein verspäteter Oheim mit seiner Frau aus Oranienburg an, um halb eilf eine schöne Brillanten-Dose von Seiner Majestät und ich empfand nun, daß Graf Brühls Freyschuß (nicht Freybillett) mich gehindert hatte, einige Böcke zu schießen; ich fuhr nun Nachts um 11 Uhr ab. Nie bin ich schneller, stolzer, freudiger und zugleich erbärmlicher gereist; Brillianten in der Wagentasche, aber nichts als Butterbrot und rothen Wein im Magen, Müdigkeit in allen Gliedern, aber keinen Schlaf in den Augen; so kam ich nach einer gerade sechszigstündigen Fahrt am 23ten Junius Mittags um 11 Uhr zu Cassel an. Der Kurfürst war zu Wilhelmshöhe, aber unser theurer lieber Loeben war Tags zuvor in meine Casselischen Hallen eingezogen und mein Tisch mit Ihren und der Ihrigen Liebesgaben bedeckt. Wie soll ich Ihnen nun mit der neugenommenen schwachen Feder genug danken, Sie Alle liebe liebe Männer und Frauen, für die schönen Geschenke und die allzulieben Worte, womit Sie dieselben begleitet hatten? Zuerst rührte es mich tief, daß Sie aus der süßen Gewohnheit, mir an meinem Geburtstage nichts zu schenken, diesesmal herausgetreten waren, dann rührte mich im Detail das zarte Opfer des Kaisers Oktavianus, der nun zum zweytenmal seinen Thron von Sammetblättern in mein Bücherherz baut, dann füllte mich ein innerer Freudenton, wie er von Krystall und Silber nicht anders zu erwarten war. Ihr Silberstift, mein vortreffliches Männchen, liegt nun vor mir und ich sehe es als ein Sinnbild unsrer Liebe an, daß der ewige Kalender auf demselben keinen Anfang und kein Ende hat. Ich fuhr mit unserm Freunde nach Wilhelmshöhe, der Kurfürst war schon an Tafel, um 5 Uhr bekam ich Audienz, um 8 Uhr Abends standen wir an der Grundmauer meines neuen Hauses und sahen von dieser Höhe ganz Escheberg, wie Sie es auf der ersten Tasse haben, aber phantastisch und architektonisch erleuchtet und von fröhlichen Bauern durchschwärmt. Die Freude, als wir kamen, war sehr groß, die Trauung zwar eine Stunde vorher gewesen, aber das meinem verhungerten materiellen Menschen in diesem Augenblicke fast wichtigere Abendessen im laubverzierten Glashause empfieng uns mit lachenden Augen und durch eine seltsame Vermischung und Verwischung in meiner Phantasie schienen mir die dampfenden Gerichte eben so viel hülfreiche Wesen zu seyn, die meine etwas erschöpfte Natur wieder aufzurichten kamen. Ich hatte seit dem 20ten nicht gegessen. Nun war ich aber auch stark genug, ein Feuerwerk am See zu bewundern, einen mir von einem heranschwimmenden Amor (sonst in die Form einer dicken kleinen Pächterstochter gebannt) überreichten Pfeil, trotz der mich umgebenden weiblichen Schönheiten von allem Kaliber, ohne Gefahr in Gnaden hinzunehmen, und zuletzt sogar bis an den hellen Morgen in Suwarow-Stiefeln zu tanzen. Einige Tage nachher reisten wir Alle nach Cassel und hatten die Freude, da Fräulein Calenberg eintreffen zu sehen und mit uns hierher zu nehmen, wo wir nun ein gottselig fröhliches Leben führen, abgesehen von viel tausend trockenen und mechanischen Verdrießlichkeiten, die auf mein Theil und meinen Beutel fallen. Heinrich hat es besser; er kann schreiben und dichten, während ich rechne und trachte, und er benutzt auch die Freyheit redlich, indem er sich nur dann blicken läßt, wann Natur, Musik, Scherz und Nahrung uns zusammenführt. Meine Schwägerin ist ein sehr gutes, sanftes und liebliches Wesen, der ich mir nur Einhalt thun muß zu gut zu werden; ihre Mutter und Schwester thun mir die Liebe, mich ein wenig zu verziehen, mein Bruder liebt mich wie immer, es fehlt also nichts zu meiner Zufriedenheit als vielleicht die Zufriedenheit, doch wo ist denn die so eigentlich zu Hause? Ein Zuwachs anderer Art ist mein Vetter aus England mit einem muntern Söhnchen von 13 Jahren; ein schöner, sanfter und liebevoller Mann, der Gottlob von den Engländern nur die guten Seiten hat, und ungeachtet er nichts als englisch und gallikanisch-welsch oder Galimathias spricht, sehr bequem im Umgange ist und Aller Liebe erwirbt.

Der erste Brief eines Reisenden pflegt äußerst faktisch zu seyn, mein geliebter Freund. Gott gebe, daß die folgenden mehr Gedanken und Empfindungen enthalten. Ich habe leider die Einrichtung treffen müssen, Ihren feind- und freundlichen Genossinnen erst das Nächstemal zu schreiben, weil der Post-Adler schon seine Fange geöffnet hält, aber grk} üssen müssen Sie sie vorläufig viel tausendmal. Auch Kalkreuth bereiten Sie umarmend auf einen Briefkuß vor, sagen Sie Schütz, der Solgerin, Allen die mich lieben Liebes, und lassen Sie sich selbst tausend tausendmal an ein Herz drücken, das ewig für Sie glüht und schlägt.