Köchy, Karl.
Es ist eine poetisch-jugendliche, für aufstrebende Talente hoffnungsreiche Zeit gewesen, da noch wenig Verkehr von einem Ort zum andern auf schlechten Straßen existirte; da auch in größeren Städten Wandertruppen wechselten; da der Mangel an Manuscripten reisende Unternehmer veranlaßte, sogenannte „Theater-Dichter“ anzustellen, welche ihr Repertoir mit neuen, oder umgearbeiteten älteren Stücken versahen, und zugleich den Platz eines dramaturgischen Berathers ausfüllten. Damals fanden junge Männer von Geist, Wissen, Erziehung, deren Seele theaterkrank war, ohne daß sie für ihre Person den Trieb gefühlt hätten selbst als Darsteller aufzutreten, immer noch, wo sie ihr Haupt auf ein Weilchen niederlegen mochten, und brauchten darum nicht dem Wesen und resp. Unwesen der Coulissenwelt mit Haut und Haar zu verfallen. — Man denke nur an Zschokke: an Abällino, Zaubrerin Sidonia — an dessen spätere Werke! Mit Chausseen, guten Postverbindungen, stehenden Bühnen, Gastrollen, kurz mit Allem was die neuere Zeit an Verbesserungen und Verschlimmerungen (erstere für’s Leben, letztere für die Kunst) gefördert, verflachten sich poetische Träume in reale Prosa. Das haben diejenigen empfunden, deren Sehnsucht sie um ein halbes Jahrhundert zu spät auf Lessings Spuren trieb. Auch Köchy hat es in Mainz (siehe den 2. Brief) empfinden und erfahren müssen. Glücklich genug, daß ihm in Braunschweig eine sichere Anstellung als Intendanturrath des Hoftheaters zu Theil wurde. — Tieck schätzte in ihm den feinen, liebenswerthen Menschen, den ursprünglichen Poeten; wie seine (Tiecks) Dresdener Gönnerin und Freundin par excellence sich in einem französischen Schreiben an eine in Berlin lebende Jugendgenossin äußerte: „il en fait grand cas.“ Und das mit vollem Rechte. Karl Köchy ist ein wahrer Dichter; er ist es für Jeden, der ihn und seine Dichtungen kennt. Daß dieser Kreis nicht größer wurde, mag wohl an ungünstigen Umständen liegen; doch liegt es auch an und in ihm. Er ließ es von jeher an sich kommen. Er verschmähte in vornehmer Bequemlichkeit jenes „Klimpern,“ welches heutigen Tages nicht allein „zum Handwerk“ gehört, sondern leider auch zu der Kunst.
Eine der lieblichsten Blüthen neuerer Lyrik hat Köchy gespendet in dem Büchlein: Garten, Flur und Wald (Berlin 1854).
I.
Braunschweig, d. 15ten Dec. 1827.
Verehrtester Herr,
Unsere Correspondenz ist sehr früh und auf lange Zeit unterbrochen worden; die Geschäfte, die mir mein bürgerliches Amt giebt, und zum Überfluß Krankheit führten mich bald nachdem ich Ihre gütige Antwort erhalten hatte, von Literatur und Poesie ab. Vielleicht mußte auch manches in mir erst zur Auflösung und Entwicklung kommen, damit ich die Heiterkeit wieder gewönne, ohne die uns die Kunst den Eintritt in ihr Geheimniß zu versagen scheint. Das, hoffe ich, wird mich bei Ihnen entschuldigen, wird mich rechtfertigen, als ob ich Ihre Freundlichkeit nicht in ihrem ganzen Werth empfunden hätte. Ich habe in diesem Jahre einige neue Theaterstücke, ein Schauspiel und zwei Lustspiele, ein Paar Novellen u. a. m. geschrieben. So sehr ich mich dieser Fruchtbarkeit freuen kann, und eine gewisse Munterkeit meiner Geisteskräfte alles in mir schnell emportreibt, so bin ich doch mit diesen Arbeiten nichts weniger als zufrieden. Sie erhalten sie wohl ein ander Mal zur Durchsicht, wenn Sie nicht gleichgültig geworden, und das Vertrauen zu meinem Talent verloren haben. Ich überweise Ihnen einstweilen nur die ersten Nummern der Horen, einer Zeitschrift, die ich von 1828 an redigiren werde. Finden Sie den Geist und das Streben, die sich in der Vorrede und den wenigen bis jetzt gedruckten und noch nicht beschlossenen Mittheilungen ankündigen, Ihrer Achtung werth, so bitte ich Sie recht herzlich, die Unternehmung durch Ihren Ruf und Ihre große Bekanntschaft zu fördern. Das Schicksal der Zeitschrift hängt von ihrer ersten Aufnahme ab, und schon muß ich von einem Angriff Müllner’s hören, der sie in der Geburt sogleich tödten soll. Es wird mir aber eine Quelle des Muths und der Begeisterung werden, wenn ich die edleren Männer der Nation mir gewogen weiß, und wenn ich die Überzeugung habe, daß ich meine Kräfte nicht an einen bloßem Versuch verliere.
Mit wahrhafter Hochachtung
Ihr
ergebenster
K. Köchy.
II.
Mainz, d. 30sten Mai 1831.
Verehrter Herr Hofrath!
Die wenigen, aber schönen und bedeutenden Stunden, die ich vor einem Jahre in Ihrem Umgang und in Ihrem Hause gelebt habe, werden niemals aus meinem Gedächtniß kommen. Ich wünschte, daß auch Sie sich zuweilen an mich erinnerten, aber ich hoffe es nicht. Das Gedicht, das ich Ihnen eben zurücklassen konnte, mag wenig dazu geeignet sein, mir eine solche Theilnahme bei Ihnen zu gewinnen, und was könnte ich in unsern Gesprächen Ihnen gezeigt haben, als Enthusiasmus und Empfindung, die doch erst die Bedingungen sind, unter denen ein Mensch etwas werden und leisten kann.
Seit dem Anfang des Winters lebe ich in Mainz, und in einer Verbindung mit dem hiesigen Theater. Ein Freund, der Schauspieler Haake, ein liebenswürdiger Künstler und Mensch, dirigirt dasselbe, und hat mich auf jede Weise hier festzuhalten gesucht, weil er glaubt, ich könne mich dem Institute nützlich machen, und zugleich das, was von theatralischem Dichtertalent in mir sein mag, nur so, im Umgang mit der realen Schaubühne, und aller andern Geschäfte und Lebenssorgen entledigt, zur glücklichen Ausbildung bringen. In dem einen Stücke setzt er wohl zu viel Vertrauen auf mich. Ich habe jedoch angefangen, dramaturgische Blätter zu schreiben, von denen ich mir Ihnen eine Probe zu senden erlaube, und einige ältere gute Theaterstücke neu zu bearbeiten. Im nächsten Sommer, den ich auch meiner Gesundheit wegen, und um die Heiterkeit meines Gemüths ganz wiederherzustellen, in Wiesbaden zubringen will, hoffe ich nun auch eine Tragödie „Rochester“ zu vollenden, wozu der Plan während des Winters so ziemlich reif in mir geworden ist. Da wird es sich denn zeigen, was die Kunst und ich von mir zu erwarten haben. Ihnen theile ich das Werk zuerst mit, und bitte Sie im Voraus herzlich, mir freimüthig und streng Ihr Urtheil zu sagen. Einige Lustspiele, die ich mit schneller Hand in einer Anwandlung von komischer Laune zu Stande gebracht habe, getrauen sich nicht zu Ihren Augen, und mögen auch nur wie Kinder unserer Sünden, wenn auch nicht weniger geliebt, im Dunklen bleiben. Wollen Sie mir jetzt schon einen wichtigen Dienst erweisen, und zugleich dem hiesigen Theater, so nennen Sie mir gefälligst Einiges von der älteren deutschen Schaubühne, oder der ausländischen, was der Wiedererweckung würdig ist; ich hatte selbst Lust, das Spanische noch zu lernen, (das Italienische lese ich, wie das Englische ziemlich fertig) könnte ich mir von dem in Deutschland noch ungekannten Lope de Vega Ausbeute versprechen. Werke, mit deren Aufführung wir uns jetzt beschäftigen, sind außer dem Wallenstein, der an drei aufeinanderfolgenden Abenden, unverkürzt, gespielt werden soll, Ihr Blaubart, der Sturm, Richard II., Calderon’s Richter von Zalamea, und Arnim’s Befreiung von Wesel. Im nächsten Jahre kann ein Mehreres geschehen; Haake denkt mit seinem Theater eine Schauspielerschule zu verbinden, worüber Sie das Nähere in meinen Blättern erfahren sollen.
Herr von Wehlmann, der Ihnen diese Zeilen bringt, ist im Begriff abzureisen, und ich kann nichts weiter hinzufügen, als meine Wünsche, daß Sie mich zu lieben und mit dem freundlichen Sinn eines Lehrers und Meisters auf mich zu wirken fortfahren mögen. Empfehlen Sie mich Ihrem verehrten Hause, und glauben Sie mir, wenn ich sage, ich bin mit der innigsten Verehrung und Dankbarkeit
Ihr
ergebener
K. Köchy.
N. S. Ich wünschte, Sie hätten eine Reihe Romanzen von mir gelesen, die im Januarheft des diesjährigen Gesellschafters erschienen sind; auf diese Dichtungen lege ich selbst einigen Werth.
III.
Braunschweig, den 7ten Februar 1834.
Verehrter Herr Hofrath,
Mit der gestrigen Post habe ich an die Intendantur der Dresdner Hofbühne ein dramatisches Gedicht „Rochester“ eingesandt, welches nun bald auch in Ihre Hände kommen wird. Nehmen Sie es so freundlich auf, wie einst mich selbst und frühere poetische Versuche von mir; was Sie für mich thun mögen, ist an keinen Undankbaren verschwendet, und wird, wenn es anders möglich ist, die Liebe und Verehrung, die ich seit Jahren für Sie als meinen Meister und Gönner empfinde, noch erhöhen. Damit es Sie nicht befremde, neben meinem Namen einen zweiten auf dem Titelblatt zu finden, muß ich bemerken, daß ich mich mit einem Freunde verbunden habe, um dem deutschen Theater rasch genug eine Reihe von ernsten und heiteren Stücken zu liefern, wie das englische sie einst durch Beaumont und Fletscher erhielt. Dürfen unsere Arbeiten auch nicht sich mit dem Besten in einen Rang stellen, so behaupten sie doch gewiß Vorzüge vor den alltäglichen Theatererscheinungen, ja ihr eigentlicher nächster Zweck ist, diese und besonders die Masse von Übersetzungen, die uns jetzt überdrängen, aus der vaterländischen Scene zu entfernen. Die heroische und politische Tragödie ist leider durch widrige Zeitumstände, durch das Mistrauen der Regierungen dem Theaterdichter jetzt völlig verschlossen, aber vielleicht läßt das bürgerliche Trauerspiel sich dadurch, daß eine Seite der ganzen Menschheit in ihm zur Darstellung gebracht wird, durch die Kraft der Charactere und Leidenschaften und durch eine hinzugegebene Ironie an jene höhere Dichtart näher heranführen, so wie auch Sie das gewöhnliche Leben in der Novelle erst zur Poesie erhoben haben. Von diesem Glauben bin ich bei unserem ersten Versuche ausgegangen; mir gehört die Idee und der ganze Plan des Stücks, meinem Freunde diesmal nur die Ausführung einzelner Scenen an. Wenn Sie unserem Unternehmen Beifall und Ermunterung geben, so werden wir bald ein paar Lustspiele folgen lassen; das eine behandelt die Anecdote von Beaumont und Fletscher, wo beide, ein Trauerspiel im Wirthshause erfindend, als Staatsverräther und Mordanstifter ergriffen werden, das andere stellt die Situation aus Ariosts Leben dar, da er unter die Räuber geräth. Es wird uns auch ein leichter Entschluß sein, einmal nach Dresden hinüberzukommen, um unter Ihrer besonderen Leitung einige fertig liegende Entwürfe auszuarbeiten. Später, wenn das Glück gut ist, und unser Muth sich gestärkt hat, können wir uns vielleicht ganz niederlassen in Dresden, wo uns mit allen Vortheilen Ihrer Nähe zugleich ein vortreffliches Theater zur Hand ist. Der Winter, die günstigste Zeit für neue Theaterproductionen, neigt sich schon zu Ende, mit Ihrer Hilfe aber kann Rochester noch immer zur Aufführung kommen; wir hoffen darauf, und sehen mit Ungeduld einem Urtheil von Ihnen entgegen. Mein Freund läßt sich Ihnen unbekannterweise empfehlen, und ich nenne mich, mein theuerster Meister und Lehrer, mit der aufrichtigsten Verehrung Ihren ergebensten
Köchy.
IV.
Braunschweig, den 9ten September 1840.
Verehrtester Herr Hofrath!
Es trifft sich seltsam, daß ich eben jetzt, wo ich in voller Bewunderung Ihres Genius Ihre jüngste Dichtung lese, von einer Freundin, die nach Dresden zu reisen gedenkt, ersucht werde, sie durch einige Zeilen bei Ihnen einzuführen. Dieses Anliegen wie die Lectüre der Vittoria Accorombona erregt mir selbst den leidenschaftlichen Wunsch, nach so manchen Jahren wieder in Ihrer Nähe sein zu können; ich werde ihn befriedigen müssen. Nehmen Sie mich dann gütig wie früher auf, und gönnen Sie jetzt der Dame, die Ihnen meinen Gruß bringt, das beneidenswerthe Glück, Sie von Angesicht zu sehen.
Madame des Marrès gehört nicht allein zu Ihren begeistertsten Verehrerinnen, sie ist auch eine begabte Dichterin, ob sie gleich ihr schönes, bescheidenes Talent vor der Welt verbirgt, und nur im Kreise ihrer vertrautesten Bekannten sichtbar werden läßt. Sie und ihr Gatte, ein Mann voll Sinn und Geschmack, werden Ihnen unendlich verpflichtet sein, wenn Sie ihnen erlauben, einer jener Vorlesungen beizuwohnen, wodurch Sie Ihren Zuhörern einen so einzigen Genuß verschaffen, daß sich ihm nichts, selbst nicht die vollkommenste scenische Darstellung eines Dichterwerks, vergleichen kann.
Wie wohl thut es mir schon, an Sie zu schreiben! Bald hoffe ich, Ihnen gegenüber zu stehen.
Mit unwandelbarer Liebe und Verehrung
Ihr
ergebenster
Köchy.