WeRead Powered by ReaderPub
Briefe an Ludwig Tieck (2/4) / Zweiter Band cover

Briefe an Ludwig Tieck (2/4) / Zweiter Band

Chapter 99: I.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A curated volume gathers personal and professional letters received by a prominent literary figure, presenting correspondence from poets, critics, and cultural acquaintances. The letters range from appreciative tributes and recollections to practical exchanges about publications, theatrical productions, health, and travel; they include editorial requests, invitations, and discussions of artistic taste. Organized by correspondent with brief contextual notes, the collection sketches the social and artistic networks around the addressee and provides varied firsthand glimpses into contemporary literary and cultural life.

Körner, Christ. Gottfr.

Geb. zu Leipzig 1756, gest. zu Berlin am 13ten Mai 1831. — Der würdige Mann steht uns nahe; denn seine hohen Eigenschaften sind uns vollkommen bekannt worden durch den „Briefwechsel mit Schiller,“ 4 Bde. (1847).

Mögen diese drei Blätter, an Tieck gerichtet, sich auch in den Kranz verschlingen, der ein Haupt ziert, welches uns an und für sich schon theuer seyn müßte, wäre der von der größten deutschen Dichter inniger Freundschaft und Achtung Ausgezeichnete nicht zugleich Theodor Körners Vater.

Befremdend scheint es, daß in dem zweiten Schreiben (von 1814) Theodor’s mit keiner Sylbe gedacht ist.

I.

Dresden, am 9. Oct. 1807.

Über das Aussenbleiben des Manuscripts habe ich von Zeit zu Zeit den Bibliothekar Daßdorf beruhigt, weil ich die Ursache vermuthen konnte, warum Sie es nicht abschickten. Ihr Herr Schwager kam erst vor Kurzem und Daßdorf hat keinen Groll auf Sie. Die Abschrift des Rosengartens hat er aber entweder vergessen, oder er hat hier niemand, den er zum Abschreiben eines solchen Manuscripts gebrauchen könnte. Aber er bot sich an, Ihnen das Original zu schicken, wenn Sie in einer Zeit von etwa Vier Wochen es zurückschicken könnten. Sie möchten ihn daher nur wissen lassen, wenn Sie gerade sich mit diesem Werke beschäftigen wollten. Ich erwarte hierüber Ihre Erklärung.

Das Manuscript wollte ich gern bald an die Behörde abliefern und hatte nur Zeit, die Bilder anzusehn. Als eine piquante Situation gefiel mir besonders, wie ein Riese den Kopf eines Mädchens im Rachen hat, während er mit einem Ritter — vermuthlich ihrem Liebhaber ficht. Wird er besiegt, so braucht er nur zuzubeißen.

Ihr Herr Schwager sagte mir, daß er nicht über Ziebingen zurückgehen würde; ich konnte ihm also das verlangte Buch nicht mitgeben. Es fragt sich, ob ich es Ihnen auf der Post zuschicken soll. Eigentlich hätte ich keine Lust dazu, damit Sie einen Antrieb mehr hätten, bald hieher zu kommen, wozu Sie uns Hoffnung machten.

Von Oehlenschlägern weiß ich unmittelbar gar nichts. Aber daß er in Paris wenigstens gewesen ist, lese ich in öffentlichen Blättern. Ob er noch dort, oder vielleicht jetzt in Italien ist, habe ich nicht erfahren können. In Italien wird er schwerlich lange bleiben. Er hatte eine Art von Abneigung dafür und schien eine Furcht zu haben, daß ihm das Clima nicht bekommen würde. Seinen Aladdin erwarte ich sehnlichst und begreife nicht, warum er nicht erscheint.

Ich habe jetzt den Calderon zu lesen angefangen. Die Autos Sacramentales waren unter meiner Erwartung. Ich fand schöne Verse, eine gewisse Pracht in der Ausführung, viel Beachtbares für Musik, aber wenig Phantasie. Nach ein Paar Proben gieng ich zu den Comedias über, die mich mehr anziehen. Vorjetzt hat mich besonders ein Stück interessirt: Das Leben ist ein Traum. Ein kraftvoller junger Mann, durch üble Behandlung verwildert, wird durch die grellsten Contraste zwischen Thron und Gefängniß dahin gebracht, daß er nicht mehr weiß, ob er wacht oder träumt. Dieß wird bey ihm ein daurender Zustand, er handelt in diesem Glauben und wird dadurch gemildert. Vielleicht hätte diese Idee in der Ausführung noch mehr benutzt werden können. Überhaupt finde ich in den Comedias oft eine gewisse Flüchtigkeit der Behandlung, aber die Kühnheit der Ideen hat einen großen Reitz. Shakespear scheint mehr mit Liebe gedichtet zu haben, und bey Calderon mehr die Kraft zu prävaliren. Er trotzt allen Forderungen von Wahrscheinlichkeit und schaltet unumschränkt in seiner Welt.

Der neue Meß-Catalog ist einer der magersten selbst für die Michaelismesse. Die Buchhändler scheinen sich fast bloß auf Anecdotenkram und politische Kannegießereyen einlaßen zu wollen.

Bey Herrn von Burgsdorf und seinen unvergeßlichen Nachbarinnen erhalten Sie unser Andenken. Die Meinigen empfehlen sich Ihnen bestens.

Körner.

II.

Dresden, am 23. Jan. 1814.

Die übersendeten Bücher und Musikalien, theuerster Freund, habe ich richtig erhalten. Der Farqhuar ist mir sehr lieb, da ich längst mit ihm genauer bekannt zu werden wünschte, ob er wohl in seiner zügellosen Manier sich eigentlich unter honetten Leuten nicht sehen lassen darf. Ich habe aber jetzt sogar Amtshalber eine wahre Sehnsucht nach dem Ächtkomischen. Man hat mir eine Aufsicht über das hiesige deutsche Theater aufgetragen, und das Geschäft ist nicht undankbar, da ich mehr Eifer bey den Schauspielern und mehr Empfänglichkeit bey dem jetzigen Publikum wahrnehme, als ich erwartete. Mein Wunsch ist nach und nach den „nassen Jammer“ von dem hiesigen Theater zu verdrängen, und das Publikum nach und nach an eigentlichen Kunstgenuß zu gewöhnen. An Tragödien fehlt es uns nicht, aber gute Lustspiele sind äußerst selten. Inmittelst müssen sogenannte Spektakelstücke, Zaubereyen und dergleichen mit aushelfen, die mir immer lieber sind, als Ifflands platte Moral. Vielleicht finde ich jemand, der einen Farqhuar’schen Stoff nach dem Bedürfniß der Zeit behandelt.

Neulich war im Vorschlage, den Sommernachtstraum einzustudiren, und das ganze Feenvolk mit Innbegriff von Oberon und Titania durch Kinder zu besetzen. Die Idee ist gewagt, und ich möchte wissen, was Sie darzu sagten. Wahr ist’s, daß wir jetzt einige sehr brauchbare Kinder bey dem Theater haben.

Andere Stücke von Shakespear habe ich auch für die Zukunft in petto, und gern möchte ich mit Ihnen darüber berathschlagen. Nur kann nicht alles auf einmal geleistet werden, da jetzt noch manche Schwierigkeiten zu heben sind.

Der Gräfin Henriette bitte ich mich bestens zu empfehlen. Mit großer Freude vernehme ich ihre Wiederherstellung. Von meinen Musikalien steht ihr alles zu Diensten, was sie gebrauchen kann.

Die Meinigen lassen Ihnen viel Freundschaftliches sagen. Leider haben wir uns in Berlin seltner gesehen, als ich gewünscht hätte. Bey Burgsdorf bitte ich mein Andenken zu erneuern. Leben Sie recht wohl!

Körner.

III.

Berlin, den 28. May 1816.

Es freut mich, daß ich im Stande gewesen bin Ihren Wunsch, so viel den Waston betrifft, zu erfüllen. Dieß Werk war in der Partheyischen Bibliothek, und ich konnte es Ihnen daher verschaffen. Von den andren Schriften aber, die Sie erwähnen, habe ich keine gefunden. Massingers Werke besaß der Hauptmann von Blankenburg in Leipzig, der die Zusätze zu Sulzers Theorie geliefert hat, aber ich weiß nicht wohin sie nach seinem Tode gekommen sind.

Im Meß-Catalogus finde ich unter den künftig zu erwartenden Schriften ein altdeutsches Theater von Ihnen in sechs Bänden aufgeführt. Sind dieß eigne dramatische Arbeiten oder Bearbeitungen fremder ältern Produkte? Ich erinnere mich aus einem Gespräche mit Ihnen, daß Sie geneigt waren, Stoffe aus der deutschen Geschichte dramatisch zu behandeln. Nur hätte ich geglaubt, daß diese Dramen nach und nach einzeln erscheinen würden.

Hier haben kürzlich Wolff und seine Frau aus Weimar Romeo und Julie nach Göthens Bearbeitung gegeben. In beyden bemerkt man viel Studium und Göthens Schule, der auf das Plastische, die Ruhe und den Totaleindruck der Darstellung den vorzüglichen Werth legt. Ein Theil des hiesigen Publikums kann sich hieran noch nicht gewöhnen, und die ganz Ungebildeten verlangen jüngere Gesichter für diese beyden Rollen. Indessen hatten sie unter den Anwesenden die Mehrheit für sich und wurden herausgerufen.

Meine Frau und Schwägerin sind wohl und lassen Ihnen viel Freundschaftliches sagen. Bey uns allen ist der Wunsch recht wieder rege geworden, einmal wieder von Ihnen etwas aus dem Shakesp. zu hören.

Leben Sie recht wohl!

Körner.