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Briefe einer Deutsch-Französin

Chapter 15: Dreizehnter Brief
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About This Book

A sequence of intimate letters and essays by a woman with ties to two European cultures, recounting the serene summer before a sudden war and then the shock, despair, and moral bewilderment that follows. She describes public enthusiasm turning to hatred, personal exile within familiar landscapes, and the erosion of communal trust, using rural and classical imagery to contrast peace and violence. The pieces combine eyewitness observation, cultural critique of nationalism and political responsibility, and a plea for personal fidelity, conscience, and humane understanding amid devastation.

„Si demain, dans une crise de criminel délire nos deux peuples se heurtaient, ce n’est pas en Allemagne seulement qu’il en faudrait chercher les raisons profondes et les responsabilités.“

Dieses Buch kaufte ich alsbald und verschlang es noch in derselben Nacht.

„Détestons d’abord,“ las ich da, „ces hommes redoutables qui dans leurs mains ingénues et avides portent la menace d’affreux malheurs; ensuite plaignons-les. Plaignons-les d’être à ce point fermés à tous les vastes espoirs qui composent la noblesse de l’homme . . . Tristes et coléreux pangermanistes, frères irrités et injustes de tous les déclamateurs coléreux et tristes, dont les fureurs en toutes les langues, répondent aux nôtres, que vous avez bien tort de tenir pour vos ennemis; pangermanistes de la Sprée et du Main, qui pardessus les frontières recevez le souffle fraternel du panslavisme russe, de l’irredentisme italien, de l’impérialisme anglais, du nationalisme français, que voulez vous? . . .

Les Allemands se rient du pangermaniste. A ses extravagances ils haussent les épaules. Ils le trouvent comique et s’esclaflent à la nouvelle, que les Français puissent lui accorder crédit. Si comique et si haissable que soit le pangermaniste, les Français n’ont pas tout-à-fait tort de prêter l’oreille à ses vociférations. Le pangermaniste a sur la molle opinion allemande la sorte d’action que possède toujours dans l’indécision des foules, l’homme qui s’agite, qui crie, qui fouette, qui infatigablement, répète les mêmes appels, infatigablement va éveiller au fond des âmes incertaines et troubles les égoismes, les instincts, les passions, les appétits, les vanités, les fanatismes, les barbaries . . . c’est un parti de furieux, où s’exaltent, comme dans l’ardeur d’un creuset, tout l’égoisme, tout l’orgueil, toute l’âpreté, toute la cupidité d’un peuple qui, longtemps malheureux et pauvre, ne s’est pas encore habitué à sa force, à sa grandeur, à une richesse trop neuve. Toute l’Allemagne laborieuse et raisonnable le renie; mais pourquoi faut-il qu’elle mette dans son reniement des intermittences, et qu’en certains jours il lui arrive de le reconnaître, de parler son langage? . . . Patrie de Luther, n’est ce donc pas dans sa langue, que le rude réformateur, ayant dépouillé la robe augustine, terrassé le pape et controversé avec le diable, s’écriait: „L’humaine raison est quelque chose de surnaturel, un soleil et une divinité placés dans notre existence pour tout dominer?“ . . .

Da stand es ja längst und ich hatte geglaubt, dir etwas Neues geschrieben zu haben.

Zwölfter Brief

Leute wie du und deines Schlages sind wohl quitt mit dieser Welt — so denke ich mir — hat doch unser bester Ausschuß nur mehr bedingt mit ihr zu schaffen. Das Verwirrende auf Erden ist nur die gemeinsame Benennung, wo so Grundverschiedenes sich ein und derselben Gattung unterschieben darf: Kobolde, Larven, Trolle und Lemuren, Halb- und Viertelmenschen, Vampyre, Schemen, Puppen und Wechselbälge, die alle unter demselben Namen gehen wie der wirkliche Mensch und unfehlbar Unglück und Verwirrung stiften werden, weil die Finsternis ihrer Halbheit oder ihrer Unvernunft sich stets als das stärkere Element in der Familie wie im Staate erweist. Im Staat wie in der Familie.

Warum sage ich das?

Ja, glaubt man etwa an diesem rückständigen Krieg hätten noch unsere Menschen teil? Glaubt man, sie wären so wenig guten Willens gewesen, daß sie sich nicht kinderleicht verständigt hätten? O kinderleicht! Kinderleicht. — Aber nicht so die Ab- und Unterarten, all die vom rein Menschlichen so unheimlich weit abgerückten Halb- und Viertelsleute, an denen sich jene ganz spezifischen nationalen Auswüchse und nationalen Unzulänglichkeiten kristallisieren, welche die führendsten Völker, soferne man sie nur unter dem Gesichtspunkt ihrer Mängel betrachtet, höchst wert erscheinen lassen, daß sie zugrunde gehen. Nur da liegt aber die wahre Lehre dieses Krieges, nur da die wahre Sicherung gegen seine Wiederkehr, daß für die Tage des aufgehobenen Burgfriedens der allmächtige Kampf einsetze um die eigne Läuterung. Aus dem Haß heraus zu hassen, lassen wir das den lächerlichen Lissauern aller Länder. Was ich sagen wollte: es fällt mir natürlich gar nicht ein, daß ich die Engländer hasse, ich habe sie sehr gern.

Eine Eisenbahnepisode in Yorkshire hat sich mir eingeprägt. Ich fuhr mit zwei typischen Anglosachsen in ideal praktischen Sportanzügen, die sich intensiv über Fischfang unterhielten. Beide wunderschön, dachte ich, aber ebenso borniert. Jeder gerade nur so viel im Kopfe, als man fürs Angelwerfen braucht. Echt englisch. Und damit trat ich ans Fenster, an dem sie sich gegenüber saßen, denn meine Station war gekommen. Ich hatte auch schon den Wagenschlag aufgestoßen, da blieb der Zug in voller Fahrt, ich aber, schon halb hinausgebeugt, wäre rettungslos hinausgeflogen, hätten mich da nicht von beiden Seiten — mit jener Flinkheit, die vielen Fischen das Leben kosten mochte, je zwei Arme gefaßt und in den Wagen zurückgerissen. Da saß ich nun wieder auf meinem Platz und hatte meine Lehre weg und konnte mich fragen, was jetzt wohl aus mir wäre ohne die Geistesgegenwart der beiden bornierten Herrn, welche da ohne eine Miene zu verziehen aus ihren kurzen Pfeifen weiterrauchten und ihr Gespräch über Fischfang wieder aufgenommen hatten . . . „Echt englisch“.

Aber weißt du, was mir neulich jemand sagte, der meine Briefe an dich gelesen hatte: „Ja, wozu schreiben Sie denn das alles? Es ist ja nur, was alle vernünftigen Leute denken?“ Welch deprimierende Bemerkung, nicht wahr! und wie bezeichnend für unsere „Vernünftigen“! Unermüdlich wird indessen das Unvernünftige in die Welt hinausgerufen, denn wie regsam sind doch die anderen: die Zersetzer, de Zerstörer, unsere Kobolde, Larven und Trolle, und wie geschlossen marschieren sie! Ist denn kein Korpsgeist in den Guten, daß sie mutlos zurückstehen und geschehen lassen? Es sind ihrer doch Viele, warum sind sie so still?

Heute vor drei Jahren war mein letzter Abschied von Paris. Ich darf nicht daran denken. Und welche Ironie, mein Gott: es war auf der Place de la Concorde in einer blauen Pariser Nacht. „Gestehen Sie,“ sagte mir ein französischer Freund, indem er mit einer Geste die Stadt vom Louvre bis zu den sanft ansteigenden Champs Elysées umschrieb, „gestehen Sie, daß es nichts Ähnliches gibt.“

„Kennen Sie den Spessart?“ fragte ich.

„Le Spessart? was ist das?“

„Es ist ein großer Wald. Die Straßen steigen und fallen dort, als sei die Erde eine Riesenschaukel. So fliegen sie gegen Himmel und wieder hinab, und kaum haben sie eine Höhe erreicht, so sausen sie wieder nach unten. An der abgelegensten Stelle aber strebt der umwachsene Weg senkrecht dem Erdinnern zu wie auf der Flucht vor dem Tag. Und so ist es. Denn am Rande eines kleinen schwarzen Sees blüht hier ein altes Schlößchen, wie aus einem Märchen von Perrault. Die Schweden hatten es an dieser verborgenen Stelle nicht entdeckt, und so steht es noch in der Tiefe, wie es damals schon als ein altes Schlößchen stand. Gehen Sie hin. Finden Sie es. Und sagen Sie mir dann, ob es in Paris ein Stück Architektur von einer edleren und noch verfeinerteren Grazie gibt wie dieses Schlößchen, das einzige im ganzen Umkreis, das nicht zu einem Schutthaufen verheert wurde. Und dann sind auch noch in unsern Städten genug Straßen, Fassaden und Mauerschweifungen verschont geblieben, um zu bezeugen, wie identisch unsere Zivilisation gewesen ist. Es sind da Grabmäler und Brunnen, eine gewisse bemalte Madonna in Würzburg — o wie verschwistert war unsere Kunst! Nur war die unsere inniger und morbider noch, als wisse sie um ihr frühes Grab; ja in ihrer zarten, hellseherischen Lauterkeit lag wie ein Verzicht auf diese mitleidslose Welt, die jenem verfluchten Rechenfehler gemäß verfuhr, daß die Schönheit des eigenen Landes um so glücklicher erstrahlt, je gründlicher die des andern vernichtet liegt. Inmitten einer Zertrümmerung und einer Verarmung so groß, daß sie eine Verwilderung war, mußte unser verdrängter Formensinn im Reich des Unsichtbaren Elysäische Gefilde retten — und im Affekt packte und schüttelte ich seinen Arm. Furchtbar entstellt als ein geblendetes Volk aus unserem vollendeten Elend heraus bereicherten wir die Welt; ein tolles, göttliches Volk,“ rief ich aus, „solche Rache zu üben!“

„Sie vergessen!“ sagte er aufgebracht und machte sich los.

„O nein!“ rief ich inbrünstig in die Nacht hinaus; „ich wollte, das Maß unserer Großmut wäre voll.“

Aber da stand er schon auf dem andern Trottoir. „Eh bien non!“ rief er herüber. „Eh bien non! vous êtes par trop Allemande.“ Es war mein letzter Abend in Paris und man schrieb den 3. Januar 1913.

In England aber, besonders als ich von Irland zurückkam, fühlte ich mich noch viel stärker zu ähnlichen Redensarten hingerissen. Wie kalt, wie finster und wie grausam war seine Geschichte! Welche Summe der Verbrechen! Wie wenig Erbarmen!

„We do like her,“ sagten meine dortigen Freunde von mir. „But she really is too german.“

Aber es kam der Krieg. Und jene Tage kamen vormärzlichen Siegesrausches und der großen Verwandlung. Der kranke Sturmwind, von dem ich dir schon sagte, hatte überall die einen über die Grenze gejagt, die andern zusammengewirbelt und mich beiseite gefegt; denn ein Irrsinn des Nichtbegreifens war mir auf den Fersen und trieb mich aus den übervölkerten Städten ins Gebirge. Zu meinen Wahnideen gehörte dabei auch, daß ich glaubte, binnen wenig Tagen würden alle von, dem Taumel erwachen und der Krieg wieder rückgängig werden. Es war ja nicht anders möglich.

Als eines Tages die besonnten Felsen von der im Tale unten einherrauschenden Bahn so friedlich widerhallten, war ich meiner Sache gewiß: die Streitenden hatten sich geeinigt, in der Stadt wußte mans schon und es war alles vorbei. Zurück zu den Menschen! Was tat ich noch fern von ihnen? Und ich rannte den Berg hinab zur Station. Dort hatte der Zug sich gerade in Bewegung gesetzt. Aber ein Blick in die Zeitung genügte, um mich meiner unüberlegten Hoffnung wieder zu berauben, und wie ein verlaufenes Tier, das überall umkehrt, so suchte ich wieder meinen Ausgangspunkt, die verödeten und feierlichen Berge, das vielstimmige Flüßchen auf, an dessen Ufer der kiesige Grund so klar im Wasser schimmerte, wie Glück, wie Menschenglück. Aber laut aufschreiend sah ich Gurkhas an die Kehle eines Weißen gehetzt und feine Franzosenköpfe zerschmettert, und stieß wilde Rufe der Wut, der Schande und des Ekels aus. Und wohl durfte mich auch Ekel vor mir selbst überkommen, denn wie hatte ich dahingelebt? Mit welchen Illusionen denn? Wie der Idiot neben seiner Dorfgemeinde, so hatte ich mit meinen Illusionen neben der Wirklichkeit dahingelebt. Illusionen! Illusionen! Ich dachte an mein Gerede auf der Place de la Concorde. Weil wir so Namenloses erduldeten, hatte ich gesagt, und unsere Geschichte dabei die gutartigste sei, darum stünden wir so hoch.

Bei jeder Schroffheit aber, jeder Härte, jeder Unmenschlichkeit, welche der Krieg nun mit sich brachte, heulte die Welt auf, sowie sie von Deutschen begangen wurde, und verlor kein Wort über die Untaten der anderen. Über das, was in Ostpreußen zum Himmel schrie, war sie ganz still. Was an Deutschen verübt wurde, ahndete sie nicht. Sie waren vogelfrei. Was sie verübten, wurde mit flammendem Griffel vermerkt. Nicht aus Haß allein. Ich glaube das nicht. Es war auch ein Schmerzensgeheul der Enttäuschung und der Verwunderung, jenes Volk, das im höchsten Maße — wenn auch uneingestandenerweise — das Vertrauen der Menschheit besaß, — so vornean in allem, was zu ihrer Entsühnung und Erleuchtung führte — nun auch kopfüber in so vergangene Abgründe stürzen zu sehen, das Volk der Jakobsleiter in die Arena, deren Tore man schon verschüttet glaubte, zurücktreten zu sehen, Teilhaber zu sehen der entsetzlichen Blutschuld. —

Denn wehe! es stand geschrieben, daß Europas künftiger Torwart diese Erfahrung machen würde, ehe es ganz zu sich selber gelangte. Nirgends wird ja die Sturzwelle so reißend zurückschlagen, ein so tiefer Abscheu gegen das Kriegerische einsetzen, als wie in dem geographisch eingepferchten, durch trübe Erfahrungen gewitzigten, allzu gewitzigten Deutschland, das die Gefahren des Besiegten wie die des Schlachtengewinners im Laufe der Jahrhunderte so bis ins letzte erlebte.

Denn der so empörende Gedanke ist es gewesen, daß es wie eine niedrige Beute dem Osten ausgeliefert werden sollte, dieser Plan, diese Parole ist es gewesen, welche die Masse zu einem Kampf elektrisierte, den sie nicht nur als einen Verteidigungskampf, sondern einen Verzweiflungskampf auf sich nahm.

Dies ist die Wahrheit. Für das Volk ist es die ganze Wahrheit gewesen. Mit keinem anderen Glauben als diesem erhob es sich, den Untergang im Auge, wider eine Welt.

Auf diesem Höhepunkt seines Seins aber warfen sich ihm da die inneren Feinde in den Weg und rissen es von seinem Sockel. Mit der Maske des Luzifers traten sie statt seiner vor, Drachenzähne zu säen und es zu verleumden. Und während es — auf Rettung bedacht — sein Blut nach allen Himmelsrichtungen verströmt, lassen diese inneren Feinde (die einzig Unabkömmlichen) nicht ab, von Zerschmettern, Enteignen und Vernichten zu reden. In der Not, welche die Männer an der Front zusammenschweißte, hat sich, wie Funken aus einem Feuerstein, ein vielfach unvergleichlich hohes Niveau gerade der „niederen“ Leute ergeben. Aber nie hat ein Volk so tragisch im Schatten gekämpft.

Dreizehnter Brief

Ich kann dir nur mehr stoßweise einiges sagen.

Es heißt, daß ich die Dinge viel zu tragisch nehme, und es ist wahr, daß ich dazu neige. Von jeher und instinktiv habe ich mich jenen verpflichtet gefühlt, welche durch Spott, Ulk und Gelächter oder auch nur durch einen leichten Ton die latente Maßlosigkeit in mir korrigierten. Nur hat sich leider Gottes herausgestellt, daß wir im Gegenteil die Dinge viel zu leicht, nicht daß wir sie zu tragisch nahmen. Wer hätte sich über die Presse zu sehr alterieren können? „bringt sie Lügen über Greuel, so werden Greuel daraus“, soll man über diese Tatsache hinweg kommen? über die Gedankenlosigkeit der Menschen, sich keine Gedanken zu machen? ist das die höhere Weisheit, ja? es gibt verschiedene Nationen, aber nur eine Presse[5], schreibt Kraus. Aber in der Presse wie überall gibt es anständige Menschen, habe ich gesagt. Nach einer Sezession der Presse habe ich in Dresden gerufen. War das so töricht? — Dabei ist sie in Wirklichkeit längst vorhanden. Es gibt in jeder großen Stadt Deutschlands eine Zeitung oder eine Zeitschrift, welche durch all diese trostlosen Monate hindurch Maß, Humanität und Anständigkeit der Gesinnung bewahrte und ihre Büros jeder Art von Niedertracht hartnäckig geschlossen hielt. Die Macht freilich kristallisierte sich um diese Blätter noch nicht zur Genüge.


Vergangenen Sommer wurde hier der „Parsifal“ sehr oft, immer bei dichtbesetztem Hause, aufgeführt. Aber mein Gott, wie schien er mir doch von uns abgerückt, die Wellen weit hinabgeflossen, und am Rand des Horizonts verblaut. Als im ersten Akt der tote Schwan regiegemäß auf einer Bahre sänftiglich hereingetragen wurde, und Gurnemans mit gewaltigem Pathos von Parsifals mutwilliger Leistung als von einer ungeheuren Tat zu singen anfing, sah ich mich unwillkürlich um. Aber es lachte niemand. Viel eher schien das Publikum der Rührung nahe und sich des kaputten Vogels zu erbarmen . . . .

„La haine,“ schrieb ein Soldat aus dem Schützengraben an Romain Roland, „la haine, ils en ont fait une vertu civique! — Comme vous le dites, quiconque ne hait pas est suspect . . . Imaginez, monsieur, la torture de vivre dans une telle atmosphère! Devant tant de malheurs sans nom, il devrait n’y avoir plus que des paroles de pitié — tandis que ce ne sont qu’ exhortations à la haine, sanctifiant la vengeance et le meurtre . . . Voilà les paroles qu’on a entendues depuis un an. Et c’est pour cela que les vôtres ont fait tant de bien. Nous ne savons pas haïr, et c’est là notre consolation . . . Puisque vous parlez aux deux pays, dites-leur, monsieur, à ces pauvres Allemands, qui doivent gémir comme nous de tant de maux, qu’il y a des hommes en France, qui n’ont pour eux que de la commisération et que, tout en les combattant, nous les paignons à cause de leurs souffrances pareilles aux nôtres. Nous ne pouvons survivre à tant de tristesse qu’à force d’amour.“


Aber eine süddeutsche Zeitschrift spiegelt ein anderes Frankreich wieder, ein ebenso gedankenloses wortkriegerisches Frankreich und ein ebenso wesenloses wie das Deutschland, das sie erfunden haben.

„Die Völker erwarten reale Garantien, sie erwarten Land, Leute und Besitz. Es ist ein Frevel, schreiben sie, die furchtbare Wahrheit des Krieges mit sanftem Friedensgetön zu verflüchtigen. Unsere Toten sind wirklich tot, unsere Krüppel haben ihre lebendigen Glieder auf dem Schlachtfeld oder im Lazarett gelassen; unsere Witwen und Waisen schreien nach ihrem leibhaftigen Schützer und Ernährer.“

Die süddeutsche Zeitschrift hat gut reden. Es ficht sie nicht an, sie, die weit hinter der Front mit so viel Temperament dem Kriegsgott Blumen streut, es ficht sie nicht an, daß es noch mehr und immer mehr der Krüppel geben soll, die ihre lebendigen Glieder auf dem Schlachtfeld lassen, immer mehr der Witwen und Waisen, die nach ihrem Beschützer schreien. Immer mehr; denn es sind ihrer noch nicht genug. Es sind der Blinden, es sind der Jammergestalten noch nicht genug. Fragt sie, die Soldaten aller Völker, ob ihnen diese Monatshefte nach dem Herzen reden? Fragt sie doch, es kommt ja nur auf eine Rundfrage an; laßt sie doch abstimmen, ob sie Land, Leute und Besitz oder ihre Ruhe ersehnen.

Land, Leute und Besitz in der Tat! Wer da besitzen wird, weiß man nur zu wohl. Wo aber die Leute sein werden, wenn es so weiter geht? und wo das Land, wo die Provinzen, wo der Küstenstrich — mein Gott! wert unseren Erdteil ihretwegen zu verspielen!

„Ihr Süddeutsche,“ sagte mir kürzlich ein Berliner, „seid so debonnair, und bei euch ist der Größenwahn noch Import. Aber wenn ihr ihn hereinlaßt, dann gnad Gott! denn ihr seid dann die weitaus widerwärtigsten von allen.“

Ist dies nicht in viel weiterem Sinne wahr? Der Pangermanismus paßt auf das Volk der Denker wie die Faust aufs Auge. Ein arges Bild! Ist es da nicht folgerichtig, daß von allen gleichwertigen Bestrebungen er es ist, der sich am widerwärtigsten präsentiert? —

Ach! und Süddeutsche gar! ich sah mir neulich Bilder von Spitzweg an. O wie deutsch! Was könnte deutscher sein? und was könnte, weil es so deutsch ist, weniger mit diesem Krieg zu schaffen haben wie dieser Spitzweg, der sich im Mannesalter nach Paris aufmachte, um erst durch den Kontakt, die Verquickung mit französischer Kunst zu jenem echten Spitzweg zu werden, welcher den Schalk, die Wonnen und das versteckte Lachen der Natur beschlich, jenem spitzfindigen Spitzweg, der sich das Spiel der Wolken und die Flöte Pans auf die Palette stahl.

Denn mit deutscher Wesensfülle ist es gar seltsam und kompliziert bestellt. Ohne Pfropfreis und von alleine hat sich noch keiner zu ihr vermocht.


Ich weiß nicht, warum mir vorhin bei dem erschossenen Schwan, über den niemand lachte, der Tiergarten und seine Monumente einfiel, über welche niemand weint. Daß die Berliner sich achselzuckend und mit ein paar Witzen darüber hinwegsetzten, war doch unbedacht. Es hat sich dort meines Wissens kein Komitee gebildet, um zu fordern, daß ein hohes Gitter die Siegesallee mit allem, was sie Tag und Nacht vor aller Welt ausbreitet, umziehe, und ihre Besichtigung keinem Zugereisten gestattet werde. Haben die Alldeutschen sich denn noch nie Gedanken über den Desaster dieser Trophäen gemacht?


Ich bin zu Ende. Der Rest ist Klage. Seelenkonflikte des einzelnen aber, weiß man noch, was das ist? Selbst vor dir würde ich meine Zerrissenheit nicht ausgetragen haben, fiele sie nicht ganz mit dem Elementarsten zusammen: denn Blut ist alles, was in ihm webt, ist nicht des Staubes. Darum wird seine Stimme von keiner Brandung übertönt. Von Staatsangehörigkeit weiß das Unsterbliche nichts. —

Nie hatte ich mich so wenig mit den Franzosen befaßt wie in den letzten Jahren. Mein Umgang mit ihnen war durch ihren Deutschenhaß getrübt, und vollends ihre Zeitungen zu verfolgen besaß ich nicht mehr den Mut. Wozu, dachte ich, sich ewig den Verdruß antun? Alles Vernünftige, hier wie drüben, scheiterte ja doch, wenn nicht böswillig ihrerseits, so doch ganz gewiß plumperdings bei uns. Glücklicherweise, — so dachte ich auch — wird ja nichts so heiß gegessen, wie gekocht, und damit betäubte ich meine Angst, und lebte so dahin. Als ich aber im Frühling vor dem Krieg London verließ, fuhr ich nicht über Paris, nicht einmal das, obwohl es mir von seinem linken Ufer aus betrachtet gerade das letzte Mal im höchsten Grade merkwürdig erschien. Die meisten Deutschen sind ja, was die Franzosen anbelangt, von einer Oberflächlichkeit, die sonst gar nicht in ihrem Charakter liegt; dafür wird im gegebenen Fall die Oberflächlichkeit mit entsprechender Gründlichkeit betrieben, und für die meisten Deutschen resümiert sich Paris als eine Art von Monte Carlo in Restaurants, Vergnügungsanstalten und Kokotten. Die „Femme honnête“ zum Beispiel, dieser in der Heimat der Jeanne d’Arc so entzückend ausgeprägte und so intelligente Typ, blieb in Deutschland ebenso unbeachtet wie die lautlos fast verzehrende Geistigkeit, der fast puritanische Ernst und Eifer der Jeune École; vor lauter Moulins und Folies übersah man die Sorbonne und spürte nicht die immer schärfer werdende Höhenluft in der Gegend des Panthéons und merkte nicht, daß es mit Paris kein Fertigwerden gibt, denn es ist unerschöpflich, und für jede Morschheit, die ihm widerfährt, hält es sich durch neue Triebe, blütenbeladene neue Äste schadlos. Aber so teuer die silberne und immergrüne Stadt mir blieb, so hatte ich dennoch angefangen, sie zu meiden, denn vorwiegend war ich deutsch, und es erbitterte mich, sogar die Schulbücher mit Verleumdungen angefüllt zu finden, und daß man sogar die Kinder in Haß und Lüge unterwies. Und ich wurde den Grimm nicht los, den Geist und die Sprache meines Vaterlandes stetig zurückgedrängt und an Boden verlieren zu sehen. Denn für den deutschen Himmel, ja für ihn ambitionierte ich die ganze Erde: die ganze Erde sollte er decken, denn wessen Auge über ihn hinschweifte, wie möchte der ohne ihn leben? Die Welt schien mir beraubt, wo sie nichts von ihm wußte, und gemein, wo sie seiner entriet.

Aber dann kam dieser Krieg, und inmitten des Hasses, der ringsum wie eine kalte Sintflut stieg, und der Wälle, mit denen sich plötzlich die Menschen gegen ihr früheres Denken, Fühlen und Erinnern verschanzten, stürzten mir alle Schranken zusammen. Welchen Halt konnte da gewesene Kritik oder Verdrossenheit noch bieten? Wie Strohhalme war das alles von einem Strom der Liebe, der Zugehörigkeit, des Eingedenkens überrauscht. Die Franzosen waren jetzt nicht minder meine Brüder als die Deutschen, denn sie waren mir nicht minder anverwandt, daß ich sie widereinander heilig hielt, war meine Not, aber meine Heimat lag jetzt zwischen ihnen! Mochte man in Polen immerzu vordringen und als Sühne für Ostpreußen von Rußland an sich reißen so viel man wollte; gerne![6] Aber je tiefer nach Frankreich hinein der Boden von den Schritten der als Feinde vordringenden Deutschen erdröhnte, je fremder, je verbannter fing ich an mich unter ihnen zu fühlen. Und wer vor mir die Franzosen schmähte, dem fuhr ich ins Gesicht, eh ich es wußte; so ganz entglitt ich mir! Wie der Zündstoff, der an die Flamme gerät. Nicht er ist in Frage. Oder wer geböte dem Sturm? daß nicht ich es war, gab die Berechtigung. Der Anprall wars, mit nichten, daß er mich zermalmte. Gesetzt ein Krieg zwischen Christen und Juden wäre entbrannt, und ich eine halbe Jüdin, so würde ich ohne weiteres als eine solche gelten — und es würde niemand von mir verlangen, daß ich mich für eine Vernichtung der Israeliten begeistere. Was aber einer halben Jüdin recht wäre, ist einer halben Französin — so dächte ich — zum mindesten billig. So dächte ich. Daher der Titel dieses Buches. Mein Blut hat die Fanfare nur zu wohl vernommen. Ich preise die andern glücklich, aber ich beneide sie nicht; sie dürfen unterscheiden zwischen Freund und Feind; ich aber darf nicht betäuben und nicht abirren von einer Qual, die vor Gott selbst ein solcher Jammer ist.

Wenn auch kein einziger mir seine Zustimmung gäbe, es beirrte mich nicht; so stark ist der Ruf. Und dann ist ja der heutige Tag nicht so geartet, daß ich ihn zum Richter über mich erhebe. Falls diese Briefe mich überleben, wird man sie nicht wegen ihres Titels verhöhnen. Nur indem ich heute in Deutschland auch die französische Fahne hochhielt, gab ich außerdem die Gewähr, wie unverbrüchlich treu ich heute in Frankreich zu der deutschen stünde.

Denn an zwei Fahnen hat dieser entsetzliche Krieg mich vereidet. Zwei Fahnen, schwesterlich umflort, halten meine Hände umklammert. Ich wärs zufrieden, trüge man sie beide — wo immer ich sterben mag — meinem Sarge voran; auch die Tricolore! so heißgeliebt! —

Und du mein Deutschtum! Angebetetes! Und wolkenumhüllt — als hätte es die Gottheit unseren eigenen Blicken entrückt, unversöhnt, wie einst, da sich der Tag der Griechen nicht erfüllte, eh nicht Orest und mit ihm Pylades, der Gleichwertige, und gleich Gefährdete — eines des andern Retter — an die finsteren Ufer hinverschlagen — gemeinsam die Schwelle des Tempels überschritten, in welchem die freudelose Iphigenie das Bild der einheimischen Göttin in der Verbannung hegte.

Nicht eher, nicht anders wird sich der Tag erfüllen.


[5]  Anmerkung. Wie bezeichnend für ihren Durchschnitt ist das, was Reiche aus der Zeit der Befreiungskriege überliefert hat. „Im ersten Augenblick fand man Napoleons Unternehmen tollkühn und abenteuerlich. Wie er aber dennoch Fortschritte machte und seine Macht mit jedem Tage wuchs, wurden die Stimmen immer kleinlauter und besorglicher, wovon die damaligen französischen Tagesblätter einen deutlichen, dabei komischen Gradmesser abgaben. Sie lauteten:

 „Der Unhold ist aus seiner Verbannung entronnen. Er ist von Elba entwischt. —

 „Der korsische Wolf ist bei Luz-Juan ans Land gestiegen.

 „Der Tiger hat sich zu Gap gezeigt. Truppen sind auf allen Seiten gegen ihn in Bewegung. Er endete damit, als elender Abenteurer in den Gebirgen umherzuirren; entrinnen kann er nicht. —

 „Das Ungeheuer ist wirklich, man weiß nicht durch welche Verräterei, nach Grenoble entkommen.

 „Der Tyrann hat in Lyon verweilt, Entsetzen lähmte alles bei seinem Anblick.

 „Der Usurpator hat es gewagt, sich der Hauptstadt bis auf sechzig Stunden zu nähern.

 „Bonaparte nähert sich mit starken Schritten, aber niemals wird er bis Paris gelangen.

 „Napoleon wird morgen unter den Mauern von Paris sein.

 „Der Kaiser ist in Fontainebleau.

[6]  Es ist ja so groß!

 

Anhang

Die Internationale Rundschau und der Krieg.
Ein unpolitischer Vortrag
gesprochen zu Dresden am 15. Januar 1915.

Am 18. Dezember vorigen Jahres traten in München unter dem Vorsitz Ludo Hartmanns eine Anzahl Wiener Professoren zusammen mit ihren Münchener Kollegen, Rechtsanwälten und Vertretern der Presse. Die Einladung zu dieser Sitzung bestand in einem Aufruf folgenden Inhalts:

„Neben dem Weltkriege mit eisernen Waffen wird ein zweiter Feldzug mit vergifteten Waffen geführt, ein Verleumdungsfeldzug, in dem jedem Volke die unglaublichsten Schändlichkeiten, Hinterhältlichkeiten und Gemeinheiten vorgeworfen werden, und dieser zweite Feldzug, den giftige Federn vom sichern Schreibtisch aus führen, ist fast noch gefährlicher als der andere. Das Ziel des Krieges ist der Friede — das Ziel dieses zweiten Feldzuges jedoch ist der unauslöschliche Haß, der auch nach formellem Frieden jede Versöhnung ausschließt.

Darf die menschliche Ehre ein Angriffsobjekt im Kriege sein, dürfen Schauermärchen hüben und drüben die Bestie im Menschen erwecken, so daß der Glaube an die Menschheit versinkt? Diese ganze Verleumdungsaktion hat geringen unmittelbaren Einfluß auf Sieg oder Niederlage; auf die eigentlichen Kämpfer wirkt sie nur insofern, als sie zu unnötigen Grausamkeiten den Vorwand der Vergeltung bietet; sie ist auch kaum auf die Kämpfenden, weit mehr auf die Zuschauer berechnet, und Zuschauer ist hier nicht nur die zivilisierte, sondern auch die unzivilisierte Menschheit.

Bisher war der beste Schutzwall der weißen Rasse deren sittliche Überlegenheit; die Verleumdung zerstört diesen Nimbus, und rascher als durch kriegerische Selbstzerfleischung sinkt Europa von seiner Höhe herab, wenn die übrige Welt hört und glaubt, welcher Schandtaten Europäer fähig sind.

Kulturnationen! Es ist eine Pflicht gegen uns selbst, diesem selbstmörderischen Treiben ein Ende zu machen und ehrlich zu prüfen, was Lüge, was Wahrheit ist. Sollten sich unter den neutralen, sowie unter den kämpfenden Völkern nicht genug Männer finden, die so hoch über den Sumpf hinausragen, daß sie den Verleumdern, gleichgültig ob Freund oder Feind, die Wahrheit entgegenzuhalten wagen? Es wäre betrübend, wenn sie nicht vorhanden wären oder sich feige verkröchen. An diese Männer ergeht die Aufforderung, auf streng neutralem Boden sich zu finden und durch ein absolut unabhängiges, objektives Organ den Glauben an die Menschheit wieder aufzurichten.

Indem wir der Wahrheit dienen, wollen wir durch Versöhnlichkeit den Frieden vorbereiten, gleichgültig, wann und unter welchen Voraussetzungen er kommen wird — und wir wollen verhindern, daß überflüssigerweise jene Fäden zerrissen werden, welche die kultivierte Menschheit zusammenhalten.

Also wollen wir helfen, einen Frieden vorzubereiten, der den Haß beseitigt und eine Versöhnung anbahnt, damit das Ziel des großen Krieges der große Friede sei.

Ein literarisches Organ dieser Art darf nur auf neutralem Boden geschaffen und von Personen geleitet werden, deren Neutralität über jeden Zweifel erhaben dasteht. Deshalb soll es in der Schweiz entstehen und einen französischen und einen deutschen Schweizer zu Herausgebern haben. Diese Männer werden die Sicherheit bieten gegen die naheliegende Gefahr, es könnte die Zeitschrift aus ihrem objektiven und versöhnlich gedachten Geleise herausgedrängt und unter dem Vorwand der Neutralität einseitigen Zwecken dienstbar gemacht werden.

In dieser Zeitschrift sollen die uns alle bewegenden Probleme des Weltbrandes in der Weise behandelt werden, daß zu den aufgeworfenen Fragen, neben hervorragenden, objektiv denkenden Neutralen gleichmäßig bedeutende Vertreter der kriegführenden Teile das Wort erhalten, die in knapper Form die Ansicht ihrer Volksgenossen frei von Übertreibung und Gehässigkeit zum Ausdruck bringen.

So hoffen wir in ehrlicher Kulturabsicht und mit allen Kautelen gegen Mißbrauch ein Organ zu schaffen, welches der Wahrheit und der Menschlichkeit dienen und neben den schrecklichen Seiten des Krieges auch eine allen guten und edlen Menschen erfreuliche Frucht zeitigen soll.“

Für solche Dinge, werden Sie sagen, ist es entweder zu spät oder zu früh. Dies sagten sich auch diejenigen, welche nach reiflicher Überlegung sich dennoch zu dem Unternehmen bekannten. Vielleicht interessiert es Sie zu hören, wie es entstand.

Professor Brockhausen in Wien schilderte in jener Sitzung, wie ihm die fortgesetzten Zeitungsberichte von den Greueltaten der serbischen Soldaten keine Ruhe ließen. Es ist ja sicherlich beschämend genug für den Gebildeten, was ihm heute, in einem Zeitalter, das wir für ein zivilisiertes hielten, noch zugemutet wird, was er lesen, was er aussprechen, womit er sich noch befassen soll.

Nun also! In Österreich hieß es allgemein, die serbischen Soldaten besäßen eine wahre Vorliebe, den österreichischen Verwundeten die Augen auszustechen. Der Professor wohnte in nächster Nähe eines Lazaretts, wo neuerdings solche beklagenswerte Opfer in Pflege lagen, und er erachtete es als seine Pflicht, sich davon zu überzeugen. Fürs erste aber überraschte er seine Frau durch ein Gesuch um fünfzig Kronen. Sie meinte, er brauchte sie doch nur selber zu nehmen. Aber er bestand auf seiner Bitte und begab sich dann mit der Summe ins Lazarett. Dort äußerte er den Wunsch, zu einem von Serben in besagter Weise zugerichteten Österreicher geführt zu werden, weil er ihm fünfzig Kronen zu überbringen habe. Es läßt sich denken, daß man ihm sogleich willfahrte, mit dem Bemerken allerdings, daß der Betreffende zwar das Augenlicht verloren habe, jedoch durch einen Schuß.

Der Professor ging daraufhin keinen Schritt weiter und berief sich auf sein Mandat, das ganz ausdrücklich nur einem Verwundeten galt, der von serbischen Soldaten verstümmelt worden sei. Da gäbe es ja leider Gottes Lazarette genug, wurde ihm versichert, wo er solche Opfer serbischer Grausamkeiten antreffen könnte. Er machte sich nun anheischig, von einem zum andern zu wandern; überall führte er sich auf dieselbe Weise ein, ziemlich überall fanden sich Soldaten mit schweren oder unheilbaren Augenverletzungen, aber an keinen dieser Unglücklichen brachte er seine Gabe an, denn immer waren Kopfschüsse die Ursache der Erblindung gewesen.

Professor B. wollte hiermit in keiner Weise bestreiten, daß die genannten Greueltaten vorgekommen seien; er wollte nur wahrheitsgetreu berichten, daß er selbst nach allen Wiener Lazaretten gewandert sei, die fünfzig Kronen aber noch heutigen Tages besitze.

Das Ergebnis dieser erfolglosen Nachforschungen aber war, daß er zur Überzeugung gelangte, hier müsse etwas geschehen; und er fuhr in die Schweiz, um sich mit seinen dortigen Kollegen über einen Plan zu besprechen, den er mittlerweile gefaßt hatte. Es sollte durch ein internationales Organ der systematischen oder gedankenlosen Verhetzung entgegengetreten werden. Dabei stieß er auf die Bedenken und den Widerstand, den er erwartet hatte, fuhr aber unverdrossen bis nach Genf, wo er es unter anderen auf Romain Rolland abgesehen hatte, welcher die Zweckmäßigkeit, ja Unerläßlichkeit des Vorhabens würdigte und seine Bereitwilligkeit, sich daran zu beteiligen erklärte; unter der Bedingung, daß die strengste Neutralität gewährleistet würde und Verwaltung wie Herausgabe in neutralen Händen verblieben. Mittlerweile hatten sich auch die Berner und Züricher Freunde die Sache überlegt, und der Professor fand sie auf seinem Rückweg nicht mehr so abgeneigt, wenn auch ebenso skeptisch. Aber auch sie glaubten angesichts der heillos verschütteten und, wie es schien, nicht mehr freizumachenden Wege, daß sie es mit ihrem Gewissen nicht mehr vereinbaren könnten, wenn sie untätig blieben, auch, wenn sie an dem Erfolg ihrer Arbeit zweifelten.

Sowohl in der deutschen, wie in der französischen Schweiz fand sich der Herausgeber für die Zeitschrift; es wurden die finanziellen Mittel aufgeboten, sie ins Leben zu rufen, und es kam dann noch zu jener Sitzung, die ich zu Anfang erwähnte.

Es war eine Einladung an mich ergangen, derselben beizuwohnen, und ich muß Ihnen gestehen, von der absoluten Notwendigkeit des Unternehmens, von der sich die verantwortlichen Leiter nur widerstrebend und nach langem Erwägen aller Für und Wider überzeugten, war ich gleich so durchdrungen, daß ich mich bei den sachlichen Bedenken keinen Augenblick aufhielt, vielmehr die eigene Unsachlichkeit so weit trieb, daß ich mich sofort verbürgte, zehntausend Franken für die Förderung einer so verdienstvollen Sache aufzubringen. Ein Mann hätte sich zuvor besonnen, ob er denn Aussichten hätte, die Summe zusammenzubringen. Aber so sind die Frauen. Ich muß jetzt sehen, wie ich sie auftreibe. Aber was geht mich diese Sache an, werden Sie vielleicht fragen. Warum mische ich mich da hinein? Nun, ich kann Ihnen beweisen, daß ich nur recht tue, wenn ich seit jenem Tage nichts anderes mehr im Sinn habe als die Propaganda dieses so problematischen Unternehmens. Und wenn ich nicht davor zurückschreckte, in die Öffentlichkeit zu treten, vor der ich zum ersten Male spreche, so geschieht es, weil auch ich es vor meinem Gewissen nicht verantworten könnte, wenn ich auch nur eine einzige Möglichkeit unbenützt ließe, in diesem Sinne wirksam zu sein.

Warum ich diese Propaganda nicht lieber Geschulteren und Redegewandteren überlasse? Weil es niemanden geben kann, dem das Ziel solcher Bestrebungen mehr am Herzen läge, und weil es so eng mit dem zusammenhängt, was ich fühle, daß ich sogar eine Entschuldigung für die voreiligen Versprechungen habe, zu denen ich mich hinreißen ließ.

Sie, verehrte Anwesende, haben gewiß schon viele Dinge gedacht! Ich aber immer nur eins. Aber dieses Eine hat durch die Ereignisse eine solche Stärkung erfahren, daß ich alle persönlichen Rücksichten aufgeben und es verfechten muß. Und was kommt schließlich auf den einzelnen an? Kann sich doch der Schalste und Eingebildetste von uns nicht mehr wichtig nehmen. Daß er ganz und gar nur auf Ersatz da ist, wußte jeder nie so gut. Aber gerade deshalb ist noch nie die Forderung so streng an ihn ergangen, sich auf sich selbst zu besinnen. Denn wir sind nicht mehr die Zeitgenossen des vergangenen Sommers, die noch leichtsinnig und glücklich waren, und die noch Illusionen hatten; die Leute der achtziger oder neunziger Jahre oder der Jahrhundertwende; wir sind heute die Überlebenden, wir sind alt! Mag für die Amerikaner das Sterben noch ein Unfug sein, wir Europäer sind so von ihm eingeschlossen, daß es längst von unserem Bewußtsein Besitz ergriffen hat. Erinnern Sie sich noch des Widerhalles, den die Katastrophe der „Titanic“ in uns allen weckte? Damals stand der Tod noch außerhalb. Heute haben wir uns an ihn gewöhnt. Verluste, die sich auf Hunderttausende beziffern, werden fast ohne Kommentar verzeichnet, und unser Leben ist es, das außer Kurs geraten scheint. Unsere Zeit aber ist dafür um so kostbarer geworden. Es ist die Zeit der Rechenschaft, in der auch Gedanken nicht mehr zollfrei sind. Man hat nicht mehr die Wahl, sie zu unterdrücken, etwa weil sie zu harte Anforderungen an uns stellen oder aus Entmutigung.

Ihnen steht es frei, alle internationalen Bemühungen im Augenblick für unstatthaft zu halten, mir nicht. Ihrem Empfinden dürfen sie fremd bleiben. Dem meinen nicht. Sie dürfen sogar meinen, daß eine Berührung zwischen den geistigen Führern der feindlichen Nationen auf dem Boden einer internationalen Zeitschrift überflüssig, daß er sogar schädlich sei. Ich darf nicht so denken.

„Es hat sich in diesem Kriege gezeigt,“ schrieb mir kürzlich jemand, der seine Ablehnung gegenüber den Bestrebungen, die ich vertrete, begründen wollte, „es hat sich bei allen Nationen gezeigt, daß die Liebe zum Vaterlande die größte und heiligste Empfindung ist, eine stärkere als die Liebe zu Frau und Kind, stärker als Liebe und Glaube an die Menschheit; sie fühlt sich eins mit der Liebe zu Gott, sie ist Religion geworden. Für eine andere Empfindung können das deutsche Volk und seine geistigen Führer heute keinen Sinn haben. Solange Deutschland um sein Leben kämpft, hat es kein Bedürfnis nach geistigen Berührungspunkten mit den feindlichen Nationen. Primum vivere, deinde philosophari.“

Ich weiß solche Anschauungen zu würdigen, wenn ich auch nicht in der Lage bin, sie zu teilen; wenn ich mich auch nicht darüber hinwegtäuschen darf, daß ich heute abseits stehe, vom engeren Ringe einer Gemeinschaft mit Ihnen ausgeschlossen, des intimeren Heimatrechtes beraubt. Wenn Sie wüßten, wie sehr ich Sie darum beneide! Ihre Gedanken sind ausschließlich auf Ihre Männer, Ihre Söhne, Ihre Brüder gestellt, und es wäre ein Frevel, das Ziel Ihrer Sorgen weiter hinauszustecken. Es gibt kein besseres in der Welt! Nach wie vor sind es die Mannen des Hagen, die es in Ewigkeit nicht anders wissen werden, als in der Stunde der Not ihr friedliches Tagewerk zu lassen und hinzustürmen, wohin die Gefahr sie ruft; ohne Neugierde, zu wenig neugierig fast. Es ist ihnen genug, die Tore des Reichs bedroht zu wissen. Die Wächter des Rheins werden noch als die Wächter Europas aufstehen, wenn erst die gemeinsame Not es zusammenschloß. Dann werden diese heute noch Unausgeglichenen in der Mittagstunde ihrer Reife stehen, uns aber, wer sagt uns, daß wir es noch erleben werden, sie nicht mehr gehaßt zu sehen? Indessen scheint man es bis auf weiteres auch mit diesem Haß aufnehmen zu wollen. Nur ich kann mich nicht darein finden! Denn als Halbromane hege ich für das Deutschtum eine Liebe, die nicht wie die Ihrige auf reiner Zugehörigkeit beruht, unvermischt und fraglos mit ihrem Gegenstand identisch ist. So liebt man seine Nächststehenden, den Mann, oder die Frau, mit einem von Eifersucht und Verliebtheit vielleicht nicht freien, zugleich aber viel deutlicheren Gefühl, als sich selbst. Und wer dürfte behaupten, daß man sie deshalb weniger liebt?

Infolge einer solchen Abgerücktheit nun trug ich im Ausland nichts von der manchmal zu großen Bescheidenheit meiner Landsleute zur Schau, sondern berief mich auf mein Deutschtum mit einem fast prahlerischen Enthusiasmus. Auch dies Bewußtsein gibt mir den Mut, Ihnen zu sagen, daß ich nicht in der Lage bin, dieselben Dinge zu denken und zu empfinden wie Sie. Aber welchen Sinn hätte es dann, daß ich hier stehe? Ist nicht der einzig mögliche Zweck meiner Worte der, daß ich etwas anderes zu sagen habe? Zwar wurde mir seit Anfang des Krieges des öfteren nahegelegt, ich sollte mich bis auf weiteres ganz abstrakten, den gegenwärtigen Ereignissen möglichst fernen Dingen zuwenden. Aber wer von uns könnte das? Zu anderen Zeiten, in anderen Kriegen wohl. Aber heute ist es ein unmögliches Ansinnen geworden. Keiner kann sich abseits halten; selbst die Friedfertigsten und Zurückgezogensten von uns haben so wenig die Wahl, etwas anderes als Streitende zu sein, als die jungen Philologen, die jungen Privatdozenten und Musiker, die Liebhaber der Künste und Wissenschaften, die Träumer, die Verliebten, die auch mit der Waffe in der Hand nichts anderes mehr im Sinne haben als die Ehre und Existenz ihres Landes. Geben wir uns keinen Illusionen hin. Es ist der Krieg gekommen, der keine innere Flucht zuläßt. Er ist jedermanns Sache, ja, mehr noch: Jeder muß heran. Denn noch ein anderes Ringen spielt sich ab. Ich sehe ein geistiges Schlachtfeld. Auch dort ist das Getümmel und die Not. Es sind die beiderseitigen Verschanzungen, das Sich-in-Schach-halten; die erbitterte Defensive. Und es ist ein Kampf, der sich ins Endlose auszudehnen droht, der unrühmlich und unblutig im Dunkeln vor sich geht und gleicherweise der Kundschafter, wie der notwendigen Vorposten entbehrt.

Und hier nun behaupte ich, weil ich es beweisen kann, daß ich zu den paar Leuten gehöre, welche Patrouillendienste verrichten und inmitten des Wirrsals als Aufklärer taugen könnten. Ich meine uns, die Halbgermanen Frankreichs, die Halbromanen Deutschlands — eine Zahl, so gering, daß es sich lohnt, uns anzuhören, bevor wir ganz aus der Welt verschwunden sind. Denn wir stehen mitten auf einem Laufbrett über dem Graben, der sich seit vierundvierzig Jahren so sehr erweitert hat, daß wir allein, von unseren weit hinausgestellten Posten aus, zwei Lager übersehen können, die sich gänzlich aus den Augen verloren haben. Unsere Einsamkeit ist dort eine so verzweifelte geworden, daß ich mich sogar an Ihr Mitgefühl wenden würde, wären die Zeiten minder hart. So aber rufe ich nur Ihren Gerechtigkeitssinn an, und auch das nur, weil unser verschwindendes Häuflein allen Ernstes Ihre Aufmerksamkeit verdient; weil wir naturgemäß Dinge überschauen, die Sie nicht sehen können.

*

Durch jenes stete Abrücken zwischen den beiden Völkern sind die Rassengegensätze, die wir in uns vereinigen, so erstarkt, daß sie selbst in Friedenszeiten eine Tragik für sich bedeuteten. Heute nun, wo vor dem vergossenen Blut das Blut lauter in uns spricht als je zuvor, heute wird von dem Halbgermanen Frankreichs — reden wir von ihm — heute wird von ihm verlangt, daß er sich jeder Sympathie für uns entäußere. Seiner inneren Zerrissenheit darf keinen Augenblick Rechnung getragen werden. Ihr widerfährt keine Schonung. Es wird von ihm verlangt, daß er sich seines besseren Wissens um uns begebe und sich als loyaler Staatsbürger für unsere Vernichtung begeistere. Und er wird sich Gewalt antun, dem Gebote Folge zu leisten. Aber wenn er kein Knecht ist, wird er in dem verzweifelten Kampf, den er äußerlich bestehen wird, vor sich selber unterliegen . . . Das Blut seiner Väter wird in einen solchen Tumult geraten und sich zu solcher Brandung erheben, daß die paar Bretter seiner äußeren Zuständigkeit daran zerschellen. Die Bedrängnis ist überall zu ungeheuer! Die Bereitheit zu sterben ist überall zu groß! Aus ihr steigen die Genien der Nationen, die heute wie in der Ilias die Heere widereinander schirmen — mit Begeisterung und List! — Ihr doppeltes Walten aber findet nur in seinem Inneren einen Widerhall: die ihm als Brüder zugewiesenen Franzosen erkennt er dort als seine Halbbrüder wieder, und Sie wissen nicht, ich aber weiß, mit welcher Spannung, welchem Entsetzen er, der vielleicht im Felde steht, seines inneren Jubels inne ward, als er auf dieser bedrängten, ihm so teuren französischen Erde, die er doch mit allem Ingrimm des Patrioten wider die verhaßte Invasion verteidigt, die Kunde vernahm, daß ein aus allen Adern blutendes Volk heroischer als einst die Griechen für sich und für Europa die Befreiung erkämpfte, indem es die unerhörte Übermacht Rußlands zurückwarf. Ein höherer Genius als der des Krieges hat es gewollt, daß da bis tief ins Abendland hinein die Glocken läuteten. Er aber, von dem ich hier rede und der so unvergolten an uns leidet, er wird den Aufruhr seines Innern, der doch in Wahrheit seine Treue ist, verbergen und eine Maske tragen müssen wie ein Verräter. So mag er an der Spitze eines Sturmangriffs wider uns fallen, aber fragt mich nicht, mit welchem Herzen.

Sie werden nicht beanstanden, nicht wahr, Sie begreifen vielmehr, daß sein besseres Wissen um uns so tief in ihm gründet. Aber keiner von Ihnen hat noch seiner gedacht. Nur wir, die paar romanischen Deutschen, die es zur Zeit noch gibt, wissen genau, was uneingestanden in ihm vorgeht. Denn er ist unser engerer Landsmann, und wir fühlen wie er. Für uns spreche ich heute, denn wir leiden am meisten. Für alle anderen ist sie groß, diese Zeit, nur wir begreifen sie nicht; nur wir sind überall die Verbannten und die Außenstehenden. Glauben Sie ja nicht, daß der französische Germane kein guter Franzose sei. Sein bedrohtes Land ist es ihm tausendfach wert, daß er sich dafür opfere. Und glauben Sie nicht, daß ich weniger deutsch fühle als Sie. Infolge meiner teilweisen Abgerücktheit liebe ich Deutschland eifersüchtigeren und geschärften Sinnes vielleicht, als Sie sich selber lieben können. Nicht um ein Minus handelt es sich bei uns, sondern in den Zusätzen liegen unsere Konflikte. Wir sind heute die anderen: Halbdeutsche oder Halbfranzosen, wie Sie wollen, aber keine Deutschen wie Sie, keine Franzosen wie die drüben; von einer doppelten Liebe beseelt, jeder nur durch ihren Hader von den Seinen geschieden. Unsere Sonderstellung in der Welt ist es, für die ich eintrete, denn unser ist ein zu edles Erbteil, als daß wir es preisgäben! Zwar sind wir die zur Unzeit Geborenen; wir haben eine Mission und schleichen den Häusern entlang; wir haben eine kostbare doppelte Mitgift, und wir sind die Kreditlosen und die Enterbten, und wir sahen in ein gelobtes Land, nur, um es doppelt zu verlieren. Wir, die selbst die Versöhnung entgegengesetzter Elemente darstellen, wir sind heute selber der Krieg, und in uns selbst wütet der Kampf um die entrissenen und wieder gehißten Fahnen. Wir haben nichts gemein mit den Flaumachern, den Alarmisten und Schwarzsehern, noch mit den Neutralen und ihrer, neben der unseren gehalten, so spielerischen Parteinahme, ihrem kalten, unbeteiligten Eifer. Aber es wäre nicht der Mühe wert, von uns zu reden, wenn wir nicht auch die Unbeeinflußbaren wären, die nichts auf der Welt von ihrer schmalen Bahn hinunterstößt, und wenn wir nicht ein Recht auf unsere Zerrissenheit und unser inneres Gesetz besäßen. Von der Natur auf unsere heute verlorenen Posten hinausgewiesen, sind uns dort Dinge übersichtlich, ich sagte es schon, die sich Ihren Blicken entziehen. Es ist keine Besserwisserei bei uns im Spiel. Der Weise aus der Ebene wird sich nichts vergeben, wenn er den Toren fragt, was er von seiner Anhöhe aus sieht . . .

Aber ich mache Sie nur ungeduldig, indem ich praktische Dinge verspreche, die für jeden gelten sollen, und fortfahre, einen persönlichen Zufall zu erörtern, wie dies Halbgermanentum inmitten äußerster nationaler Gegensätze.

Es ist aber ein Zufall, der mir das Recht innerer Erfahrungen gibt, die im einzelnen zu zerlegen nicht der Moment sein mag, die mir aber den unerschütterlichen Glauben geben, daß das letzte Urteil über Gemeinsamkeit oder Feindschaft zwischen den Nationen nicht aus dem gegenwärtigen Krieg erwachsen darf. Und es ist nachgerade, als ob hierüber nichtdie Waffen, sondern die täglichen Stimmerheber zu entscheiden hätten, die aus dem ewigen Unwert der menschlichen Gesellschaft Folgerungen auf ihre Werte ziehen und ihre Einheit zerstören. Niemand gerät in Friedenszeiten auf den Gedanken, die Verbrecherstatistiken anzurufen, um den Geist einer Nation zu beschreiben. Heute sollen nun mit einem Male solche Verwechslungen richtig, erlaubt, erwünscht sein! Wir müssen das Bleibende im Charakter einer Nation vor so niedrigen Urteilen verteidigen. Und hier muß auch gegen gewisse Ausartungen Protest erhoben werden.

Daß zu Anfang des Krieges Selbstzufriedenheit und ein gewisses Selbstlob überall herrschten, war wohl unerläßlich. Aber inzwischen hat sich die Luft Europas durch dies Verfahren bedeutend verschlechtert. Man redet voneinander, als gedächte man nie wieder miteinander auszukommen, und dies ist nicht die Lehre, die wir aus der furchtbaren Prüfung dieses Krieges ziehen sollen, noch liegt hierin Pietät für die Gefallenen. Wenn diese Lebensfrohen sich alle so willig opferten, so geschah es, um einen Streit auszutragen, der sich auf keine andere Schlichtung mehr besann. Umsonst wären sie erschlagen, die nichts mehr wissen von unserem Hader und gemeinsam das Schattenreich bevölkern, wenn sie den Haß nur besiegelten. Wie anders ist die Haltung der Offiziere, die aus dem Felde zurückkehren! Nichts ist ihnen peinlicher als der Gedanke, man könnte annehmen, sie hätten keine ehrenhaften Feinde! Und der Takt so manches Pfahlbürgers hat schon durch eifriges Forschen nach den Ungesetzlichkeiten und Greueltaten der Gegner peinlichen Schiffbruch erlitten.

Wenn wir es billigen, daß Lüge und Hetzerei verbreitet werden, obwohl wir sie durchschauen, so ist es, weil wir meinen, es sei gut, des anderen wegen. Aber wir sind im Irrtum, wenn wir glauben, daß diese Methode eine ungefährliche sei, und wir vergessen dabei, daß wir für die Jugend verantwortlich sind, die dies alles nicht für eine fromme Lüge hält.

Hören Sie, was jener Gegner einer Internationalen Rundschau mir noch geschrieben hat:

„Nur der Friede,“ schrieb er, „kann der Boden für einen erneuten Kontakt zwischen den Völkern sein. Glauben Sie mir, er ist dann im Augenblick wiederhergestellt und es geht an geistigen Gütern keiner Nation etwas verloren. Im Gegenteil, der Krieg und der Frieden wird allen Nationen eine geistige Wiedergeburt bringen und einen geistigen Kontakt auf einer höheren Grundlage.“

Ich muß sagen, daß mir für mein Teil noch keine größere Utopie begegnet ist. Viel eher könnte es sein, daß dann diese Grundlage, wenn wir sie nicht zum Gegenstand unserer Sorge machen, verschwunden wäre. Wahrscheinlicher ist, daß die einst so vertrauten Wege sich als zu weithin, zu tief verwüstet erweisen, als daß sie wieder begangen werden könnten. Viel eher könnte es sein, daß an Stelle ihrer verwehten Spuren der Turm Babel der Verwirrung herrschte.

„Was ist das Heilige? Das ist’s, was viele Seelen zusammenbindet. Bände es auch nur leicht wie die Binse den Kranz.“

Dieses leichte Band ist nun zerrissen. Aber Goethe fährt mit vermehrtem und prophetischem Nachdruck fort:

„Was ist das Heiligste?

Was heute und ewig die Geister tiefer und tiefer gefühlt immer nur einiger macht.“

Warum sind diese Worte so unendlich deutsch? Nur durch die so weit übergreifende Erkenntnis, die aus ihnen atmet.

Und hier ist die Stelle, verehrte Anwesende, wo ich Sie an das erinnern muß, was ich von uns, dem verschwindenden Häuflein der französischen Germanen und der romanischen Deutschen sagte; denn hier ist die Bresche, die wir behaupten. Sie fassen festeren Griffes das Nächstliegende auf; wir können das Gesamtbild nie aus den Augen verlieren. Unser Wille ist dabei nicht in Frage. Vielmehr hegen wir eine mit Neid untermischte Sehnsucht nach allem, was glücklich umgrenzt, nicht zugleich ins andere hinüberspielt, während es das eine ist. Wir müssen teuer bezahlen für alles, was wir sehen. Und wir sehen, daß sich deutsche Wesensfülle seit vierundvierzig Jahren nicht näher geklärt hat. Die Krankheitssymptome des uns immer mehr entfremdeten Frankreichs hat keiner drastischer geschildert als Romain Rolland in seinem Jean Christophe, einem Buch, das uns andere unbeschreiblich irritiert, weil die Dinge, die es enthält und die längst Gemeinplätze sein sollten, noch so gänzlich neu sind. Erinnern Sie sich des Wortes Burckhardts in seiner Kultur der Renaissance: „Das scheinbar kränkste Volk kann der Gesundheit nahe sein, und ein scheinbar gesundes kann einen mächtig entwickelten Todeskeim in sich bergen, den erst die Gefahr an den Tag bringt.“ Sehen Sie, Sätze solcher Art sind es, an denen wir nie vorüberhören. Immer wieder wird das Bild von den männlichen und den weiblichen Nationen hingeworfen: warum macht sich keiner daran, es auszumalen? Sie wundern sich über den Haß der Franzosen, die Sie doch selber nicht eigentlich hassen. Aber wird der Groll der Verschmähten nicht viel erbitterter sein, als der des ungeschickten oder zaudernden Freiers, der die Gelegenheit nicht wahrnahm oder die richtigen Worte zur Werbung nicht fand?

Gewiß schlägt die schön beredte Muse d’Annunzios den Rekord der Gedankenarmut; und die heutigen Meister der französischen Sprache sind in dem Maße von einer gewissen Hohlheit zerquält, je gründlicher sie die Verbindung mit uns verloren haben. Wir brauchen nur Flaubert mit Anatole France zu vergleichen. André Gide und Romain Rolland, beide auf ihre Art sehr angedeutschte Geister, werden uns am meisten sagen können.

Aber auch auf unsere Literatur der letzten Jahrzehnte gehört als Motto jener uralte Ausspruch: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.“ Unsere Größten stehen heute ihrer Anlage nach unseren Allergrößten nicht nach; ich denke an Gerhart Hauptmann, und es läßt sich das Schönste über sie sagen, was es gibt, nur nicht, daß sie sich selbst übertrafen, nur nicht, daß sie ihr letztes gaben; nur nicht, daß sie sich vollendeten. Nein, wenn wir jetzt zurückdenken: es ist doch keine Lust gewesen zu leben. Der große Deutsche vor der Zeit der großen Entfremdung war gerade dadurch eine so überbietende Erscheinung, daß er, wie ein großer Komponist implicite ein großer Dirigent sein kann, sich spielend gleichsam auch der romanischen Vorzüge bemächtigte. Nicht ohne sie hielt er Haus. Es war aber gerade sein Deutschtum, das dabei seine glücklichste Entfaltung und seinen mächtigsten Ausdruck fand. Er, und nur er brachte es dann zu jener überragenden Bedeutung, durch die er den großen Romanen den Rang ablief. Wenn ich Goethe im Gegensatz zu Victor Hugo nenne, wird man mich sogleich verstehen. Ich nenne ihn aber auch im Gegensatz zu Hebbel. In seiner Universalität liegt das Geheimnis, warum der rauhere Deutsche im Grunde eine stärkere Beziehung zur Antike hat, als bei allem Formensinn der Franzose. Selbst ein so verrannter Nationalist wie Maurice Barrès fühlte sich über die Goethesche Iphigenie zu dem Geständnis, zu der Huldigung hingerissen: „Jaime la Grècque germanisée.“ Vergleichen wir Racine mit Gluck. Und welcher lateinische Komponist hat auch nur annähernd die Grazie eines Mozart erreicht! Wer allerdings hat sich lateinischeren Einflüssen zugänglicher gezeigt? Vergessen wir auch nicht, daß einer der größten Diplomaten aller Zeiten ein Deutscher war. Wer aber hatte es gelernt, ein größerer Meister dessen zu werden, wofür wir bezeichnenderweise kein gleiches deutsches Wort besitzen: die Nuance?

Hier ließe sich freilich manches weiterspinnen, aber es ist nicht der Ort, noch sind mir Befugnisse erteilt worden, über die Politik zu sprechen — über die es so viel zu sagen gäbe. Aber sicher wird es mir gestattet sein, einen Satz Ernst Moritz Arndts aus der Jahren der Freiheitskriege anzuführen: „Die Zeit, worin wir leben,“ schrieb er 1815, „hat uns Deutschen zugemutet, politische Menschen zu werden. Es hat schwerer Jahre bedurft, daß wir aus dem dämmernden Traum einer Gleichgültigkeit erweckt wurden, die dem deutschen Namen fast mit dem Untergang drohte. Gottlob! uns ist wieder ein Vaterland gezeigt worden, ein Ziel, worauf alle Deutschen als Volk schauen, wofür sie streben und arbeiten sollen. Immer aber gilt noch mit Recht die Klage, daß wir nicht politisch genug sind. Damit wir dies immer mehr werden, dafür muß jeder redliche Deutsche denken und streben und auf seine Weise den Kampf durchkämpfen helfen, der nicht allein auf den Schlachtfeldern entschieden werden kann.“

Ich werde mich streng an meine Weisung halten und in keiner Weise untersuchen, ob wir diese politischen Qualitäten, die Arndt uns so dringend empfahl, innerhalb dieser hundert Jahre erworben haben. Ich möchte nur einen anderen Satz anführen, aus einem Aufsatz Thomas Manns im Dezemberheft der „Neuen Rundschau“. Da steht: „Wir hätten die Kultur als Wort und Begriff dem Worte Zivilisation stets vorgezogen, weil es rein menschlichen Inhaltes ist, während wir beim anderen einen politischen Einschlag und Anschlag spüren, der uns ernüchtert, der es uns zwar als wichtig und ehrenwert, aber nun einmal nicht als ersten Ranges erscheinen läßt — weil dieses innerlichste Volk der Metaphysik, der Pädagogik und der Musik ein nicht politisch, sondern moralisch orientiertes Volk ist.“

Dies hundert Jahre nach Arndt, und nachdem Deutschland inzwischen zu einem geeinigten Reich und einer Großmacht erstarkt war.

Ich werde weiter nichts sagen, als daß ich an diesem Satze Ärgernis nahm. Denn wir, die Herausgestellten, haben einen anderen Ehrgeiz, wir sehen gar keinen Grund, warum wir dieses politische Volk mit einer politischen Sprache nicht ebensogut sein sollten wie andere. Viele meinen ja auch: Jetzt müssen wirs werden, kein einziger scheint sich zu fragen, wie. Ein vorsätzliches Abschließen von den politischeren Nationen ist sicher nicht der richtige Weg. Was sie vor uns voraus haben — nehmen wir ihnen doch nur, indem wir es von ihnen lernen.

Ich will es jedoch anderen überlassen, dies Thema weiter zu erörtern. Ich habe nur noch zwei Dinge zu sagen. Es ist gewiß außerordentlich kindisch, uns unsere großen Männer streitig machen zu wollen oder sie herabzusetzen. Nicht minder weit vom Schusse sind wir aber, wenn wir uns immerzu auf sie berufen, denn große Männer sind noch lange nicht die Nation. Und wir dürfen nicht vergessen: daß sie immerhin als ziemliche Dulder in unserer Mitte lebten, noch auch die scharfe Kritik, die sie an uns übten. Es besteht sogar immer die Möglichkeit, daß große Männer ihrer Nation verloren gehen. Wären allerorts diese Auserwählten eines Volkes auch dessen führende Geister, Europa böte heute ein anderes Bild! Es sind aber ganz im Gegenteil die Zeitungen und unter ihnen nicht die besten, welche diese Rolle übernahmen . . .

Ich sprach von unserer Sonderstellung und den Dingen, die wir besser sehen. Aber vielleicht sind die Dinge, die wir nicht sehen, noch bezeichnender.

So können wir gar nicht verstehen, daß die Völker, die doch schon allesamt ihre Revolutionen hatten oder zu haben versuchten, warum sie sich allesamt ihre hetzerische Presse noch gefallen lassen, warum sie sich die noch nicht verbaten; warum sie noch nicht zusammentraten und gegen die rebellierten? Es unterliegt keinem Zweifel mehr, daß die Greuel der belgischen Bevölkerung infolge verleumderischer und aufreizender Zeitungsartikel als Repressalien entstanden sind. Wann werden die Vertreter der würdigen Blätter dagegen protestieren, daß solche Mörder der Gesellschaft sich ihre Amtsbrüder nennen?

Man hat schon Regierungen davongejagt, aber der Herausgeber eines Hetzblattes thront wie ein Gesalbter des Herrn auf seiner Redaktion. Argwöhnisch wird das Tun und Treiben eines Monarchen verfolgt, wer aber hat es gewagt, gegen den „Matin“ einzuschreiten, der schlimmer als eine russische Knute Wahrheit, Vernunft und Mäßigung unterdrückt?

In jedem Lande aber gibt es Erscheinungen, die dem „Matin“ nacheifern, ohne ihn zu erreichen, es ist unleugbar, daß die öffentliche Meinung sich der extremen Lüge leichter als der Wahrheit ergibt, und deshalb wäre heute nichts notwendiger auf der Welt, als daß eine Sezession innerhalb der Presse entstünde.

Es wird Sie nicht mehr befremden, daß ich mir die Interessen der Internationalen Rundschau zur Gewissenssache machte, auch wenn ich hinzufüge, daß es aus freien Stücken geschah, ohne irgendeinen Auftrag von seiten der Herausgeber. Und erlauben Sie mir, nachdem ich mit so viel Entschiedenheit meine Behauptungen vorzutragen unternahm, daß ich mit einer Vermutung schließe.

Wir versprechen uns so viel von den Erleuchtungen, die uns auf allen Gebieten nach diesem großen Krieg geschenkt werden. Aber ist es nicht wahrscheinlicher, daß, wenigstens in den ersten Friedensjahren, nur diejenigen Ideen Ansehen genießen werden, die schon im Kriege sich einen Platz in den Gemütern errangen und teil hatten an dem heutigen Schwung und der Erhebung der Geister?

Sprechen wir also heute schon von einer Einheit der kämpfenden Nationen durch die letzten Güter der Menschheit. Denn wir müssen sie dieser Feuerprobe der Beurteilung unterwerfen, gerade inmitten der gegenwärtigen äußersten Not und Anspannung.


Gedruckt bei Otto v. Holten, Berlin C.