The Project Gutenberg eBook of Briefe einer Deutsch-Französin
Title: Briefe einer Deutsch-Französin
Author: Annette Kolb
Release date: August 10, 2014 [eBook #46550]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
Credits: Produced by Jens Sadowski
ANNETTE KOLB:
Briefe
einer Deutsch-Französin
Vierte Auflage
ERICH REISS VERLAG • BERLIN
1917
Alle Rechte — besonders das der Übersetzung — vorbehalten. Fünfundzwanzig Exemplare der ersten Auflage sind auf Japan abgezogen und von der Verfasserin gezeichnet. Preis gebunden 50 Mark.
Präludium
München, September 1914
Ich denke zurück an die paradiesischen Tage dieses Sommers vor Ausbruch des Krieges, da keiner noch an ihn glaubte . . . Nie zuvor, erinnert ihr euch, hing der Sommerhimmel so beschwichtigend und waren unsere Wälder so in sich versunken. Nie sah man die Schwalben so beseligt um die Kirchtürme streichen und unsere Wege und Brücken so versonnen stehen. Und nie standen auch — erinnert ihr euch? so viel schmucke Häuser fertig — Bilder unseres Glückes — und kletterten blumengeschmückt alle Hügel hinauf. Und über sie alle hin, erinnert ihr euch, die Mondsichel, die wie in Verzückung schwebte?
Die Ersten, welche da von der Gefahr dieses Krieges redeten, verhöhnte man . . . Aber dann trieb uns eine plötzliche Angst in unsere schon verwandelten Städte zurück. Und dort wuchs schon wie ein ungeheures Vorspiel jene Unruhe an, die uns alle ins Freie stieß, wie jene Toten, von denen steht, daß es sie aus ihren Gräbern hervortrieb, in den Straßen Jerusalems zu wandeln, als der Vorhang des Tempels zerriß. Denn also schwebte wieder ein Kreuz über unseren Häuptern, und wie jene Toten litt es uns nicht in der Enge unserer Behausungen. Und junge Frauen, die sich aus der stummkreisenden Menge schlichen, wähnend, daß sich in der Verborgenheit der eiserne Ring um ihre Herzen in Tränenströmen lösen würde, traten alsbald steifen Auges wieder vor ihre Tür. Und wie sich dann mit dem Verhängnis die Spannung wie ein Nebel hob und jene todgeweihten Heldenmienen offenbarte, über Nacht zu Antiken gemeißelt! so daß alle Fremden, die noch auf unserem Territorium weilten, uns hingerissen ihre Liebe schwuren, bevor sie flohen. Sie erinnern sich wohl.
Den Zurückgebliebenen aber saßen schon die Augen im Kopfe, mit denen der Gefangene zu dem kleinen Streifen des unendlichen Himmels emporsieht. Wer aber da wieder hinaustrat in die Natur, wem es etwa beifiel, sich auf den Gipfel eines Berges vor der betörten Menschheit zu flüchten, mit ihrem Haß zerfallen und weil er untüchtig ist zu begreifen, daß zur Ergänzung, ja, wie Liebende zur Ergänzung geschaffene Nationen sich hinschlachten sollen; wie ein neuer Philoktet stünde der vor den verklärten Höhen und den friedlichen Herdenglocken, seiner Qual immer neu überwiesen. Wie Philoktet mit der schwärenden Fußwunde jede Betrachtung, die er faßt, was immer er sagt oder vernimmt, mit seinem Schmerzensgeheul unterbricht, so wird ihm jeder Gedanke zerrissen, jeder Schlag seines Herzens durch das Bewußtsein dieses grauenhaften Krieges zerhämmert.
Erster Brief
Oktober 1914
Es ist noch verfrüht (obwohl es weiß Gott nicht unpatriotisch ist), europäische Worte in unseren plombierten Ländern auszusprechen. Aber einer muß doch anfangen. Ich will jedoch niemandem Ungelegenheiten bereiten, ich will auch nicht mißverstanden werden. Und ich will nicht diskutieren. Das ist heute zu viel verlangt.
Du und ich aber, wir waren einer Sinnesart, und du bist tot. Darum richte ich meine Worte an dich und klammere mich an deinen Schatten. Und du, der vielleicht nur mehr Augen für das Unsichtbare hast, du siehst, wie überschwenglich froh ich mein Nichts von Leben hundertmal veratmet hätte, um abzuwenden, was heute in der Welt geschieht. Wir waren wohl zu leicht befunden und unser zu wenige, die wir uns gerne zu Geiseln geschart und den Gorgonen entgegengeworfen hätten, ihre wütenden Schritte und auf ihren Häuptern die entsetzlichen Natterngewinde zu bannen — die nun entfesselten — deren giftige Brut überall nistet. Ja, wo die gütige Erde Saaten und Früchte trug und die friedliche Kornblume sproßte, dort wogen jetzt sie geschäftig über die verwüsteten Acker und würgen die Männer dahin, während ihr Gift, wie fernwirkende Geschosse, die unverschonten Frauen ereilt, die weit weg in den geschützten Städten die Agonie ihrer Männer vernehmen. So ist jetzt die Welt.
Hat nicht ein jeder im Leben Momente gehabt, über die er nicht hätte hinauskommen sollen, und ist es doch; zum deutlichen Beweise, daß etwas im Menschen sein müsse, das alle irdischen Begegnisse überschwebt und also überschweben kann, wenn er sich nicht selbst aufgibt.
Diesen Satz las ich heute. Wer ist man? Und doch gilt es, die Treue an sich selber zu bewahren, auch wenn es alle Gemeinschaft mit den anderen kostet. O verlasse mich nicht! Du siehst, wie jetzt die Leute ihre Fenster schließen. Der Wind, der über die Erde rauscht, ihnen trägt er nichts zu; jeder weiß, wo er hingehört, und scharf und wie geschliffen fällt seine Tür ins Schloß. Nur ich bin heimatlos durch diesen Krieg geworden: Ja — hätte Gott, der den Arm Abrahams (den zur Opferung des Sohnes schon erhobenen) zurückhielt, hätte er dem rückwärtigen Lauf des Höllenrades Einhalt geboten, und angesichts so viel wundervoller Bereitheit zu sterben sich erbarmt, dann würde freilich auch ich mich freuen, das Präludium dieses Krieges erlebt zu haben. Denn wer vergäße je der Gesichter, die er da sah.
Doch vom Tag an, wo das Sengen und Brennen und Schießen und Erstechen und Niederstoßen und Erwürgen und Bombenwerfen und Minenlegen anging, von dem Tag an, siehst du, bin ich eine Ausgestoßene; von einer solchen Welt bin ich geschieden; wie ein Idiot.
Denn ich verstehe ja nicht. Wie ein Idiot erschrecke ich vor den Menschen und fürchte mich seitdem. Sonst so städtisch, treibt es mich seitdem in schlafende Dörfer, in unbegangene Wälder hinein, als gebe es noch eine Flucht, und als sei die Tatsache dieses Krieges nicht längst ins Weglose eingetragen und brütete nicht über das verlassenste Moor. Selbst die reinen Linien der Berge sind von ihm durchfurcht, von grauenvollem Wissen ist der Mond umhaucht; keine Alm steht mehr in ihrer Unschuld da. Was ihn erst unglaubhaft erscheinen ließ, das gemahnt jetzt alles an ihn. Auf keinen Tisch, keine Türklinke können wir die Hand unvoreingenommen legen, wie eine bittere Hefe ist er in unser Brot gebacken, und selbst im Traume nagt das dumpfe Wissen um ihn. Wie leicht dünkt mir dagegen dein Schlaf! und du selbst wie bevorzugt, wie unaussprechlich vornehm, daß du diesen Zusammenbruch, Europas unsterbliche Blamage, nicht mehr erlebtest.
Zweiter Brief
Komm ich bitte dich! Unterhalten wir uns über die Gedankenlosigkeit der Menschen. Weißt du noch, wie wir einmal den Fluß entlang vor deiner Wohnung auf und nieder gingen? Die Sträucher waren schon aufgeblüht. Wir sprachen über Zeitungen, und du schlugst plötzlich mit deinem Stock auf das Pflaster und riefest: „Die Menschen sind zu borniert! Man möchte sich manchmal schämen, daß man zu ihnen gehört.“
Daß aber die Dummheit solche Triumphe feiern, und ihre Fanfare mit einem solchen Geschmetter dreinfahren würde, nein, das glaubten wir nicht. Auch wenn wir es sagten. — Und dennoch sahen wir die Völker Europas gutwillig in einen Haß ausbrechen, den sie Tags zuvor entrüstet von sich wiesen. Denn ach! es stand geschrieben — und in der Politik wie in allem wird der Nachdenkliche gar bald zum Fatalisten — es stand geschrieben, und in jedem Staate wiederholte sich dasselbe fürchterliche Schauspiel, daß nicht die besten Köpfe bestimmen durften. Und so wurde die Intelligenz Europas von ein paar Leuten unterjocht, welche teils auf diesen Krieg hinarbeiteten, teils ihn nicht zu hindern verstanden und ihn so gemeinsam verschuldeten; sie aber durften sich ruhigen Sinnes auf die Straße begeben, von der Volkswut verschont, welche schon anfing, unschuldige Menschen über die Grenzen zu jagen.
Und alsbald geschah es, daß dort, wie auf einen Wink des Antichristen hin, schwarze Drachenfelsen die sonnenumwobenen Auen verstellten und sich als finstere Kulissen entlang zogen; und daß ein kranker Wind sich erhob und Scharen Unglücklicher wie müde Spreu hinüberwirbelte; sie wußten nicht wie; so schnell! Eben noch als Freunde sich am Halse liegend, mitleidig angestarrt — aber ein neuer Windstoß, und sie waren schon geächtet, und ehe sie die Straße überschritten, ihres Lebens nicht mehr gewiß, verängstet und verflucht.
Und zugleich fing es im ganzen Erdteil wie in einem Bienenkorb zu wimmeln und sich zu regen an von geschäftig sich drängenden, unübersehbaren Schwärmen, aus den verlorensten Tälern aufgeflogen, und alle in ihrem künstlichen Haß zu den künstlichen Felsen hingetrieben, aus deren Schacht nunmehr heißes Blut ächzend hervorbrach, zu Bächen, zu Strömen qualvoll unversiegbar anschwellend, doch stets so, o Gott! daß die Schmerzensrufe der einen mit ihrem weithallenden Echo des Jammers zugleich den Vorteil des anderen bedeuteten.
Dritter Brief
Daß in dieser Zeit, in der die Taten reden müssen, noch so viel zu sagen bleibt, ist niederdrückender als Alles. Wer soll es mit dem Schutt aufnehmen, der sich von neuem häuft? Seit ich denken lernte, nannte ich die Geschichte meiner beiden Vaterländer den Roman, um den das Schicksal unseres Kontinents sich drehe. Wird man mir eher glauben als zuvor?
Wir sind am Ende des ersten Bandes angelangt, wo noch einmal alles verschüttet und zurückgeworfen liegt. Bis man an den zweiten gehen kann, sind wir, die heute keine Kinder mehr sind, ermattet oder dahin. Das Wirrsal ist zu groß. Ich ersticke. Es ist zu spät. Lasciate . . .
Allein die Hand verdiente zu verdorren, die heute zu kämpfen abließe, wenn auch vergebens. Wer denkt, liegt heute erst recht im Graben: aber nur von dem Schritt vor Schritt und unablässig Vorgedachten wird endlich, unter tausend Opfern, und über unsere Leiber hin, die Masse fortbewegt. Doch die Gemüter sind noch so, daß die ruhigen Worte die gewagtesten sind. Niemand trägt heute in Europa freieren Gewissens sein geteiltes und zerhämmertes Herz, und nur allzu billig fiele mir der Beweis, daß meine geteilte Liebe eine verdoppelte und keine verminderte ist. Nie aber glaube ich erging noch die Forderung so gebieterisch an das Gewissen derer, die nicht im Felde stehen, sich auf die Unze genau zu ihrem Blute zu bekennen; nur so behaupten auch sie in ihrer Bedrängnis die ihnen zugedachten Posten. Es wäre gemein zu fordern, daß einer, der seiner Abstammung nach in gleichem Maße zwei Nationen angehört, heute die eine oder die andere verleugne. Heute nicht! Vor all dem vergossenen Blute erhebt sich heute die Stimme des Blutes lauter als alles. Wie es heute in einem Halbfranzosen Deutschlands aussieht, das weiß kein Deutscher und kein Franzose, das kann nur sein Echo finden in der Qual eines Halb-Germanen in Frankreich. Denn wie die eingestürzten Häuser unserer Grenzorte, die, wechselseitig umstritten, von den Kugeln beider Gegner zerschossen liegen, so sind wir in uns selber zusammengestürzt.
Du weißt: ich hatte mich von meinen deutschen Landsleuten dadurch vielfach unterschieden, daß ich immer so stolz darauf war, ihnen anzugehören, und daß ich im Ausland mit der aufgezogenen Fahne meines Deutschtums so begeistert herumging. Aber du hast auch gehört, wie unermüdlich ich ihnen zurief: Die Verschmelzung Eurer Wesensart mit der Eurer westlichen Brüder ist für das Heil Europas unerläßlich und die Stunde für eine Anleihe ihrer Qualitäten hat geschlagen. Denn nicht eher seid Ihr die Berufenen. Jawohl! Ich weiß es schon, Ihr seid gründlicher, männlicher, Euer Geist ist weiter ausgebuchtet. Aber Ihr seid die politisch Ungeschulten, die Unpolitischen par excellence. Ihr versteht es nicht, mit den Franzosen auszukommen, was noch alle anderen Nationen fertig brachten. Es ist gar nicht so schwer. Nur sachte! rief ich ihnen voll Besorgnis zu. Nicht so schnell! Um Gottes willen was macht Ihr da! Falsch!
Leute wie ich, die zu ihrer Qual (denn in keinem Lande sind sie ganz daheim) eine Versöhnung der deutschen und französischen Elemente verkörpern, waren sicherlich vor allen anderen befugt, ihre Meinung abzugeben. Die Kluft war ja so groß geworden, daß außer uns, die Mitte Weges standen, nur ganz Wenige sie überschauen konnten. Doch wer achtete unser? — sie wußten es besser, hier wie drüben; und da alles fehlschlug, zog man es vor, die Franzosen für erledigte, die Deutschen für vernichtbare Leute zu halten. Nichts von all dem! — Indessen glauben sie’s noch immer! Ach und mir dünkt, es ist gerade genug für ein Menschenherz, seinen Jammer und seine Sorge um die Not eines Volkes in unseren Tagen zu bewältigen. Aber Leute wie wir werden auch noch am Tage des Sieges sich verkriechen müssen. Denn immer wird es Jerusalem und seine Kinder sein, um die sie weinen werden. Ach wir sind es, die hätten sterben sollen!
Vierter Brief
Wie schwer fällt heute ein Wort, zu leicht entschlüpft, auf uns zurück! In einer Zeit, in der um ein Für und Wider Städte in Brand aufgehen, hat sich jede Art von Leichtsinn verwirkt. Um eines Wortes willen verbringe ich gefolterte Nächte, und merkwürdige Ernüchterungen stellen sich ein, du weißt . . . und mein Herz ist selbst die unbeirrbare, die eifersüchtige und immer schwankende Wage.
Wie neulich: ich hatte mich für den Abend angezogen und Kerzen vor dem Spiegel angesteckt, als sei nichts geschehen: Die Frau, zu der ich dann fuhr, hatte ihren Tisch mit Tulpen geschmückt, und es war wie früher, und als hätten wir vergessen.
Aber später, vorm Kamine, im mattbeleuchteten, schattenvollen Raume kamen wir um so leidenschaftlicher auf den Krieg zurück, als wir zuvor nicht von ihm gesprochen hatten. Und einer von den Herren, ein Chirurg und Sammler, einer jener kontemplativen Süddeutschen, die unüberwindliche romanische Sympathien hegen, äußerte sich da voll Ingrimm über die neue Manier der Franzosen, uns wider jede bessere Einsicht Barbaren zu nennen, nach allem, was gerade wir auf allen geistigen Gebieten leisteten. Konnte das ihr Ernst sein? was ging da nur in ihnen vor? und sich plötzlich an mich wendend: Ob ich das wüßte? fragte er.
Nun hatte ich mir aber fest vorgenommen, nur zuzuhören, wenn solche Themen zur Sprache kommen sollten, denn meine Gesinnung lasse ich mir nicht verdächtigen; es ist aber heute so leicht, mißverstanden zu werden, wenn man nicht ganz genau dasselbe sagt und meint, was der andere sagt und meint. Es lag jedoch im Unterton seiner Frage eine so naive und rührende Besorgtheit, daß ich, meines Vorsatzes vergessend, emporschnellte und ausrief: „Ja, ich weiß es genau!“
Und ob ich es weiß!
Jene überragenden geistigen Leistungen sind es ja gerade, welche zuerst das Mißverständnis verschuldeten. Wie bei einem sehr selbstbewußten Menschen, mag er noch so schüchterne Seiten an sich haben, niemals Schüchternheit als der Grund für seine Handlungsweise angenommen wird, so hatte der anerkannt gedankenvolle Deutsche keinen Kredit auf seine Ungeschicktheit. Kein Wunder! denn am Tage, an dem Deutschland mächtig geworden war und er in Szene trat, an diesem späten Tag zeigte er sich schon so vielfach ausgereift und von einer scheinbar so unbegrenzten Fülle der Gesichtspunkte, daß man sich von dem Neuling irgendwie überflügelt sah und er allsogleich, zu allererst von den Franzosen, sehr ernst genommen wurde. Nachträglich wird ja jetzt sattsam hervorgehoben, daß er des politischen Instinkts ermangle. Es ist kein Kunststück mehr, es zu entdecken! — a priori aber wurde bei Leuten, die noch dazu unverweilt einen Bismarck auszuspielen hatten, auf alles andere eher geraten, und man dachte, dieser Mangel, der vom Kleinsten und Persönlichen ins Allgemeinste und Kolossalische ging, müßte unbedingt etwas anderes sein, als was er ist, nämlich die Achillesferse des Deutschen und das Geheimnis seiner Unbeliebtheit. Als er der Sieger wurde, hätte er sich vor allen Territorien ein paar Qualitäten, die der Besiegte vor ihm voraus hatte, aneignen sollen, um seinem Triumph die dauernde Weihe und Unanfechtbarkeit zu geben. Es wären da solche Dinge zu requirieren gewesen wie das Talent der entgegenkommenden Form, die Ziehharmonika der demi-mots und „l’Art de ne pas froisser“, eine Kunst, die wir verschmähten, weil wir sie nicht meisterten, die aber von größerem Werte für uns gewesen wäre als alle Milliarden, denn sie hätte uns die Franzosen selber erworben. Was half alles Gold unseres Gefühls, da wir es für sie nicht zu münzen verstanden? So ergab sich das ewig selbe Spiel, daß der Deutsche ihrer Eigenliebe nicht schonte und sie dafür mit häßlichem Gekreische sich seinen zu muskulösen Griffen entwanden. So wurde er endlich „der Barbar“, nur weil er nie der Gescheitere war . . .
Aber der Arzt schüttelte den Kopf. „Das Mißverständnis liegt doch tiefer,“ meinte er. „Ich bin auf wissenschaftlichen Kongressen des öfteren mit Franzosen zusammengekommen: sie haben eine geniale Art, die Dinge mit Elan aufzugreifen, aber wo es ein wirkliches Einfühlen gilt, nein, da lassen sie aus.“
„Einfühlung?“ rief ich, „nachdem man sich seit vier Jahrzehnten zum beiderseitigen Nachteil systematisch entfremdet hat? Und doch brannte man drüben insgeheim auf diese Einfühlung. Wir hätten es merken sollen: für die Potenz des deutschen Geistes war man von einer hin und wieder deutlich hervorbrechenden Liebe, ja Verliebtheit beseelt gewesen, die endlich in eine ungeheure und ungeheuerliche Enttäuschung umschlug. Wie mag das werden, wenn wir uns in der Folge noch mehr gegeneinander abschließen — sind wir doch schon hier wie dort vielfach über alle Begriffe langweilig geworden: die Franzosen so anämisch, wir so verknöchert! Selbst unsere Musik ist eine Hagestolzmusik geworden. Selbst unsere heutigen Meister schwelgen im schon Erworbenen; neue Quellen flossen ihnen nicht! Wir verarmten, wir alterten beide.“
„Sie hat recht,“ sagte einer.
Aber die anderen fielen unverzüglich über die deutschen Diplomaten her. Das war mir jedoch zu billig. Jetzt, da die Diplomatie mitten im Konkurse steht, ist auch nicht der Moment, mit ihr ins Gericht zu gehen. Die Diplomatien wären bis auf weiteres quitt. Solange es ein Deutschland gibt, so lange wird es außerdem stets eine Auslese staatsmännischer, so gut wie anderer Talente hervorbringen. Nur haben diese eine Not, sich bei uns durchzusetzen, welche aufs engste mit den Fehlern unserer Tugenden zusammenhängt. Sie werden bei uns so lange untergeordnet (was gewiß sehr disziplinarisch ist), bis nur die Allertüchtigsten unter diesen Tüchtigsten am Tage, an dem sie endlich durchdringen, ihre Spannkraft noch nicht verloren haben.
Ach, ich sage dir: es überkam mich ein so ödes Gefühl, während ich sprach, weil doch die Anzeichen fehlen, daß wir die richtige Lehre aus der furchtbaren Prüfung dieses Krieges ziehen: nicht bei jenen Deutschen sicherlich, welche als ein selbstbewußtes und auf seine Rechte eifersüchtiges Volk aus dem heldenhaft bestandenen Kampf zurückkommen werden, wohl aber bei den zu Hause Gebliebenen, die sich vielfach eine merkwürdige Begriffsverwirrung und die krassesten Fehlschlüsse gestatten. So hegten sie noch vorgestern für die Person eines Botschafters gemeinhin eine komisch naive Ehrfürchtigkeit, und wer sich abfällige Meinungen über die Fähigkeiten eines so hochgestellten Herrn gestattete, der wurde als ein ganz unverschämter Niemand zurechtgewiesen.
Weil man indes erleben mußte, daß gewisse ausländische Posten, was das Resultat anging, ebensogut vom Dornröschen hätten besetzt sein können, so möchten sie jetzt am liebsten das Amt eines Botschafters mit dem Botschafter, das Kind mit dem Bade ausschütten. Man sollte es für eine Albernheit halten, gewisse umlaufende Äußerungen aufzugreifen, welche darin gipfeln, unsere Diplomaten würden bei den Friedensverhandlungen überhaupt nicht mitzureden haben. Es sprechen aber so nicht nur ein paar Geheimräte von der Sorte, welche schon Bismarck als hoffnungslos bezeichnete, ein paar Exzellenzen und ihre würdigen Damen, sondern eine ganze all-weise Partei.
In einem solchen, in sich gefestigten, mit der inneren Verwaltung des Reiches aufs engste zusammenhängenden Kreis wohnte ich kürzlich einem großen Gekicher bei, als ein junger Mann, auf Befragen, was er zu werden gedenke, erwiderte: „Diplomat“. Indem man ihn so von vornherein zur Operettenfigur stempelte, glaubte man das Problem spielend gelöst zu haben. Auf solche Weise bescheiden sich aber viele, sehr namhafte Personen, viel zu unschuldsvoll in Dingen der äußeren Politik, um auf die Abwehr gewisser, sehr gefahrvoller Mißstände bedacht zu sein, so daß die den Schein des Rechtes für sich haben, welche behaupten, es seien keine Geschäfte mit uns zu machen. Aber wenn sie die Kraft finden, die Entsetzlichkeit des Krieges über seine welthistorische Bedeutung zu vernachlässigen, muß man von diesen rigorosen Geistern nicht verlangen, daß sie auch imstande seien, die Bürden, die Strapazen und Forderungen von Energie zu begreifen, welche der Frieden auferlegt? Und wenn sie auf die ewige Wiederkehr des Krieges schwören und alles in sich auf ihn vorbereiten, müssen sie sich dann nicht auf die welthistorischen Rechte des Friedens gleichermaßen erziehen, selbst wenn diese Erziehung nur die Bescheidenheit bedeutete, die im Verhandeln und sich Verständigen liegt?
Ach! ich rede zu dir, als ob ich die Lebenden nur anrufen könnte, indem ich sie verlasse. Zuerst glaubte ich, daß ich hinüberriefe in dein Reich, und nun rufe ich doch nur in das Leben zurück.
Aber von diesen Dingen spreche ich zu dir ein anderes Mal; heute will ich dir sagen, wie es gekommen ist, daß ich seit jenem Abend nur mehr an dich allein, du Abgeschiedener, meine Worte richten darf, nur dich allein mehr habe, du Entschwundener.
Als wir aufbrachen, war die Nacht tief vorgerückt und die Kohlen im Kamin waren zusammengesunken. Der Arzt begleitete mich nach Hause. Zwar hatte ich einen weiten Weg, aber es litt mich in keinem Wagen, und so gingen wir zu Fuß. Die Luft roch schon nach Schnee. In ihrer Versunkenheit und Stille nahmen die Straßen kein Ende, und die Häuser hatten schon etwas von der Bedrücktheit ihrer Bewohner an sich, besonders die Fenster. Aber wenn auch unfroh, so standen sie doch ungefährdet, nirgends zerklüftet, nirgends zu rohen Trümmerhaufen zusammengestürzt. Ruhig und dumpf schlug die Stunde von den unbedrohten Türmen.
In jedem Feldbrief stand jetzt zu lesen, wie glücklich man sich schätzen müsse, den Krieg nicht im eigenen Lande zu haben, und wohl dem, hieß es unaufhörlich, wohl dem!, der ihn auf dem Boden des Feindes führen dürfe.
Aber ich glaube es schon. Ich vergegenwärtige es mir zu gut! Sie waren mir nur zu lebhaft vor Augen, die Verwüstungen. Mein Blut, in dem Strudel der Dinge mitgerissen, trug ja in sich das Wissen um die Erbitterung derjenigen, welche die sonst so unverletzliche vaterländische Scholle plötzlich von fremden Menschenmassen übertreten, beherrscht und aufgerissen sahen. Es war ja meine Not, daß meine Phantasie sich da zu heftig engagierte.
Ach, ich sage dir, es war die Nacht und ihre Einsamkeit, es war die Stille! Gewiß, es war die Ferne, und sie trug die Schuld, daß mir da nur die liebenswürdigen und nur die schönen und nur die edlen Eigenschaften des verwandten Volkes vorschwebten, so daß ich zu ihm, hingerissen, mit ihm mich über die Verheerungen betrübte, die es auf seinem Boden erduldete. Und meine Liebe zu ihm beteuernd, schrie ich triumphierend in die Nacht hinaus: Paris gehöre den Franzosen, und auch andere Völker hätten ihre Genien.
Aber das Geständnis meines Zwiespaltes hatte keine befreiende, sondern nur eine noch entnervendere Wirkung auf mein Inneres zur Folge, und in die Einsamkeit meiner vier Wände zurückgekehrt, glaubte ich, von dem Ansturm zu verschiedener Empfindungen durchwühlt, nicht mehr, daß der Schlag eines einzigen Herzens ihnen standhalten könne. Und ich fing im Finsteren zu ächzen und laut zu reden an und teilte mir selber angelegentlich die Dinge, die ich dachte, mit, als wüßte ich sie noch nicht, als sei, von mir losgelöst, noch einer, ein Schatten da, der die Einsamkeit des Zimmers noch verschärfte, ein listiges Etwas, das sich seltsam hier angezogen fühlte und neugierig zusah, wie hier ein Lebendiger, seiner eigenen Identität entsetzt, gleich ihm kein Selbst, nur eine abgetrennte Halbheit hatte und, wie von sich selber weggerückt, menschenunwürdig in einer Ecke kauerte. Denn so entrangen sich mir jetzt in abgerissenen Sätzen Klagen, Flüche, Verwünschungen und Selbstbeschuldigungen. Denn trug nicht jeder irgendwie schuld an dem, was sich so widersinnig noch ereignete, da er es noch erlebte?
Zwar meldete sich die Vernunft inmitten des Zusammenbruches, und sie verdammte dies Aufgebot von Leidenschaft. War ich dasselbe Wesen, das stets so überschwenglich Deutschlands geistigen Himmel pries? Es war mein Minnesang gewesen! Und konnte ich leugnen, daß ich in den Pariser Straßen mit derselben Heftigkeit wie vorhin ausgerufen hatte: ohne das Deutschtum stürzte die Welt zusammen? Und jetzt, in der Stunde seiner schwärzesten Bedrängnis und seiner größten Heroismen, wollten die Saiten meiner Leier zerspringen? Trieb ich nur Humbug mit den heiligsten Gefühlen? Doch was sie auch sprach und diktierte, wurde von dem Widerwillen überboten, der mir plötzlich den Turnus des Lebens selbst zum Ekel werden ließ. Dem an die Dunkelheit gewöhnten Auge schienen jetzt, hoch aufgerichtet, die Kissen zu Häupten des Bettes. Aber der Schlaf war nur ein schlechtes und verseuchtes Palliativ geworden, und die Bande rissen beim Erwachen nur um so schlimmer von unserem wunden Bewußtsein los. Frierend, den Mantel zusammengeschlagen, rührte ich mich nicht.
Und wie aufgehaltenes, zum Stocken gebrachtes Blut, das seinen Lauf erzwang, so quollen da jetzt mit der Schwere des Blutes stoßweise jene Tränen hervor, die so anders sind als die um unser persönliches Leid; sie, die einem Frühlingsschauer gleich das Herz erleichtern. Was sind wir Einzelne? Was unser Kummer? Ist nicht selbst unser bißchen Liebesnot noch Glück? Jene anderen Tränen aber, welche stoßweise und mit der Schwere des Blutes hervorbrechen, weil sie mit dem Todesschweiß unzähliger Jünglinge gespensterhaft verklebt sind wie mit der versteckten Qual ganzer Generationen von Frauen und den schon steigenden Schatten ihrer Schwermut, wer sie erfuhr, ja, wer immer sich heute von der Strömung nicht einfach überfluten ließ, der Frevler, der sich umsah nach der Gomorrha unserer Zeit, mußte der nicht versteinern wie die Frau des Lot?
So kam ein neuer Tag. So dämmerte ein nüchterner und winterlicher Morgen. Wieder ließ mich die Vernunft hart an und verabscheute mein gestriges Verhalten. Zwei Zungen hingen mir ja nicht an, um die zwei Dinge, um die es sich handelte, zugleich zu sagen. So war Lüge, was immer ich sprach.
Ich kann dir die Öde jenes Morgens nicht schildern. Draußen hingen Fahnen übernächtig und durchnäßt von den Dächern herab ob irgendeines Sieges. Da entglitt mir die Treue wieder, die mich doch beseelte, und über das Gefühl für das Nächstliegende gebot ich nicht. Nichts von Vernunft mehr! Nur die fürchterliche Schwüle irrsinnigen Wissens. Es war die Hölle. Ich riß das Fenster auf. Das harte Pflaster der Straße ward da zur einzigen Lockung.
Warum ist es dein Bild gewesen, das mich da umgab und aus dem umdunkelten Zimmer bis hart an meine Knie hinrückte? Ein Ansturm klingender Sphären, ein erhobener Stab, und der beschwingte Schatten deiner Hände über eine bessere Welt. Dies alles umflatterte mich wie Himmelsvögel und entschwand, und es blieb nur der eiserne Vorhang trauernd herabgelassen vor dem Imperium unseres Gedankens und unserer Musik. Aber nur dich allein, dem in der Fülle des Lichts jenseits des eisernen Vorhanges Gebliebenen, ich durfte nur dich und nicht die Menschen, die mit mir leben, zu Vertrauten dessen machen, was ich heute dachte. Es war nicht billig. Ich mußte die eigenen Rückschläge scheuen. Und es ging nicht an, ihnen gegenüber meine Worte immer wieder zurückzunehmen, um dann das Widerrufene neu festzuhalten.
Fünfter Brief
Meine Briefe an dich haben eine lange Unterbrechung erhalten, ich bin inzwischen in Dresden gewesen und habe dort in einem eher spärlich und zumeist mit Damen besetzten Saale einen Vortrag gehalten. Nichts wäre also leichter gewesen, als ihn totzuschweigen. Aber die Journalisten telegraphierten bis nach Istrien, in alle Grenzlande hinein und hinaus zu den Neutralen, was ich gesagt hatte. So wissen es jetzt alle. Kein Wunder, daß ich zufrieden bin.
Dennoch hätte ich nicht gedacht, daß ich eine Genugtuung darin finden würde, von den meisten Zeitungen beschimpft zu werden. Überraschungen, die man sich selber bereitet, sind nie ganz langweilig. Ich hatte mich für bescheidener gehalten.
Aber lasse dir den ganzen Hergang erzählen, bevor ich ihn selbst in allen seinen Zusammenhängen vergesse, ihretwegen lasse sie dir erzählen. Denn ich liebe nichts so sehr an den Dingen, als wenn sie den Charakter der Fügung an sich tragen, der sie ihrer sonstigen Unwichtigkeit enthebt, man kann nicht gleich sagen, wie weit.
Im vorigen Frühjahr, mitten im Frieden, also im goldenen Zeitalter noch, forderte mich die Dresdener Literarische Gesellschaft zu einem Vortrag für den kommenden Winter auf. Gezeichnet Major Nicolai. Eine solche Einladung war mir neu. Aber der Januar 1915 lag ja in so weiter Ferne! Ich sagte also provisorisch zu.
Sehr erfreut war die Antwort. Und welches Thema gedachte ich zu wählen?
Ich nannte Irland, aufs Geratewohl.
Irland war wie eine große, leere Urne, in die man viel hineinlegen konnte, wenn es wirklich dazu kommen sollte. Im übrigen hatte es ja gute Weile.
So kam der Sommer. Es kam der Krieg. Und jene Tage innerster Abkehr und Zerfallenheit, da sich der einzelne einer Abgegrenztheit überwiesen sah, unentrinnbar wie die des Sarges, da er sehen mußte, wie er dem Untergange standhielt und ein imaginärer Halt noch der sicherste schien.
In jenen selben Tagen kam ein Brief, um mich an den vergessenen Vortrag zu erinnern.
Nein.
In Anbetracht der Ereignisse sei ein anderes Thema gewiß vorzuziehen, schrieb der Major Nicolai. Und hatte ich meine Wahl getroffen?
Aber ich hatte keine Ahnung und stellte eine Bedenkfrist, indessen rückte der Major ins Feld. Es war ein anderer Herr, der sich eine Weile später nach meinen Beschlüssen erkundigte. Dieser setzte nach Art der neuen Besen gleich viel geschäftiger ein und bedeutete mir, daß zwar in Anbetracht des Krieges die meisten Vorträge in diesem Winter ausfielen, er aber . . . ich aber . . . mein Vortrag aber . . . und es folgte wieder die ergebenste Frage nach meinem Thema.
Ich hatte mich jetzt besonnen und schrieb zurück, daß es besser wäre, wenn er unterbliebe; denn wenn ich spräche, so könnte ich nur von dem Konflikt derjenigen reden, welche außerstande seien, sich in die Tatsache des gegenwärtigen Krieges zu finden. Sonst hätte ich auf der Welt nichts zu sagen, was von genügendem Interesse wäre.
Jetzt erst kam Tempo in die Unterhandlung.
Wie interessant! schrieb der stellvertretende Herr.
Allerdings müsse er mich darauf aufmerksam machen, daß nicht über Politik geredet werden dürfe. In Dresden schon gar. Überhaupt die Dresdener! . . . Jedoch . . . Jedoch der stellvertretende Herr wollte nicht auf mich verzichten.
Über Politik wollte ich nicht sprechen, jedoch mein Thema eigne sich nicht.
Ihm persönlich sage es außerordentlich zu, versicherte er.
Da wollte ich die Sache noch einmal berufen und verlangte mehr Geld.
In Kriegszeiten! erwiderte er bestürzt . . . Niemand, erhielte da ein höheres Honorar. Wenn ich auf meiner Forderung bestünde, sähe er sich zu seinem größten Bedauern gezwungen — er hoffe, es würde nicht dazu kommen — einen Ersatz zu suchen.
Aber da wurde ich nicht ohne Schrecken inne welche Strecke ich mittlerweile gelaufen und wie entschlossen, wie erpicht ich schon war, den Vortrag zu wagen.
Es sei ja nicht des Geldes wegen, schrieb ich postwendend, und vom Moment an, wo keine Zurücksetzung vorläge . . . Kurz, ich nahm, wie man sagt, meine Truppen etwas zurück.
Noch am selben Tage fuhr ich ins Gebirge.
Es verweilte dort die Sonne über einem noch unbeschneiten Berg, dessen braune Hänge etwas von den Reflexen und dem warmen Hauch des Sommers zurückhielten, und das Auge vergaß hier des Winters ganz und gar. Sommerlich lockte da auch die beschienene Bank auf der Höhe, die ich bestieg.
Tief unten, zu meiner Linken, lag jetzt im kalten Schatten das Dorf.
Also in Gottes Namen! dachte ich und zog ein kleines Heft und einen Bleistift hervor.
Allein es war, als hätte ein unsichtbarer Regisseur auf diesen Augenblick gepaßt, um ein Signal zu geben. Denn gleichzeitig und wie auf ein Stichwort hin wurde da unten ein großes Scheunentor aufgestoßen, und wie aus einer Kulisse brach ein Rudel zufriedener Schafe ins Freie hervor, ergoß seine wolligen Massen schnell über die Straße, die Brücke hin, und fing an, den sonnigen Berg zu erklettern.
Auf dieser Sommerstation arbeitete ich nun darauf los, apostrophierte die einsame Landschaft und baute, so gut ich es wußte, langsam und hartnäckig meine Worte auf. In dem altväterischen Gasthaus unten waren zwei ostpreußische Offiziere mit schlecht verheilten Wunden zur Nachkur angekommen. Der eine hatte Jaurès sprechen gehört, der andere hatte selbst Vorträge halten müssen; beide wählte ich eines Abends zu meinem Auditorium und las ihnen den meinen vor; sie fanden ihn unmöglich in allen Punkten und sagten es unverblümt. Es gelang ihnen sogar unverweilt eine Parodie desselben; die Gelegenheit schien einer Sonderbestellung von Kaffee und Kuchen durchaus würdig, es wurde viel gelacht; ich nahm an allem teil, aber in mir war das kalte Dorf. Denn los ließ ich jetzt nimmer, fuhr am nächsten Morgen in die Stadt zurück und machte die ganze Arbeit von vorn.
Die Zeit drängte, die Mühe war verzweifelt; ich ruderte darauf los, war auch schon wieder über die Hälfte Weges gelangt, als der „tote Punkt“ sich auftat und das unbemannte Boot an einer Sandbank festfuhr. Meine Kräfte genügten nicht, es wieder flott zu machen. Anfang und Ende lagen wie zwei geborstene Stücke und schlossen sich nicht an, alle Energie war vergebens. Es fehlte das Vermögen. Angestrengt und ausgelöscht zugleich starrte ich vor mich hin, als sich die Türe öffnete und ein von Begriffen schneller Freund, der mir lange kein Lebenszeichen gegeben hatte, unvermutet, wie auf höherem Geheiß, wie der Engel vor Tobias, unvermutet vor mir stand.
Ariel! rief ich aus, nahm nicht Zeit zu wissen, woher er des Weges sei, noch wie es ihm ging, sondern bestürmte ihn alsbald, mir zu helfen. Er war gleich orientiert, es bedurfte nicht vieler Erklärungen: wenn ich nicht zu bewegen war, von der Expedition zu lassen, dann war mir nicht anders zu helfen, als indem man mir half — und er machte sich im Augenblick daran, zu den paar kräftigen Rucken auszuholen, zu welchen mir der Atem ausgegangen war. Hei! Wie lustig schaukelte jetzt das gelichtete Boot die Wellen weiter.
Und war es im übrigen nicht durch seine Gesinnung verankert?
Schnell fuhr ich jetzt noch einmal in die Berge zurück und überraschte die beiden Ostpreußen durch meine Wiederkehr. Diesmal war auch eine Freundin zugegen. Es wiederholte sich jener Abend, nur daß nicht mehr gelacht wurde.
„Ich bin ja mit jedem ihrer Worte einverstanden,“ sagte der ältere Offizier, „aber was glauben Sie, was Ihnen alles an den Kopf fliegen wird, wenn Sie den Leuten das sagen?“
„Sie haben tausendmal recht!“ sagte der andere, „aber Sie werden nichts erreichen.
Es ist vergebens.
Es ist zu früh.“
Meine Freundin erbot sich, für den Kontraktbruch aufzukommen, wenn ich nur diesen Vortrag nicht hielt. Außerdem schiene ich krank. Der Arzt würde nicht anstehen, mich für reiseunfähig zu erklären. Und wie schön sei es hier in dem verschneiten gemütlichen Gasthaus. Nein, ich dürfe nicht gehen; — sie fuhren mich im Schlitten einen Paß empor. Dort sah man in der Tat die Herrlichkeiten der Welt wie von der Zinne eines Tempels; und man war ihr abgewandt, der wahnsinnig grinsenden Todesfratze des Krieges; ferne den genarrten Menschen war man dem Leben nah.
„Sie werden sich selbst nur schaden, ohne zu nützen,“ redete mir hier einer der Herren noch einmal zu. „Es ist zu spät.“
Doch wie hätte ich — auf ihre Zustimmung hin — ihrer Warnungen achten dürfen? „Tausendmal recht“ und „mit jedem Worte einverstanden,“ waren dies nicht ihre Worte gewesen? Was blieb da übrig, als daß ich den Berg Tabor wieder herunterging, um dem gelben Winternebel entgegenzufahren, welcher die Stadt mit ihren elektrischen Bahnen und ihren Zeitungsplakaten umhing?
Dort hatte ich jetzt einige Not mit meinen Bekannten: sie taten sich durch eine recht empfindliche Neugierde hervor und machten dabei ihr Interesse für mich geltend, sowie ihre Erfahrungen, oder die Ratschläge, die sie mir geben konnten. Doch wer immer den Vortrag hören wollte, der hörte nur von den zwei ostpreußischen Offizieren und ihrer Begeisterung. Der Eifer meiner Bekannten wuchs; sie meinten es gut, aber ich wußte es besser. Endlich setzten sie über meinen Kopf hinweg eine Generalprobe fest, bei der ich fehlte.
Ariel gegenüber beklagte ich mich über diese neue Art, mir zuzusetzen. Die Warnungen der drei Eingeweihten, welche immer lauter in mir nachklangen, je näher meine Abreise rückte, machten mir den Kopf ohnedies schwer.
„Einen Verschworenen müssen Sie aber noch haben,“ meinte er. „Ohne ein paar Vortragsstunden wird es nicht gehen.“ Und er führte mich zu einer Schauspielerin.
Sie erwartete uns. Erst gab sie uns Tee in einem Raum von japanischer Leere und forderte mich dann unvermittelt auf, ihn mit Bewußtsein zu durchschreiten. Dabei stellte sich heraus, daß ich eine so einfache, stets so unbedenklich volltane Sache mit einem Male nicht mehr konnte; Arme und Beine waren mir wie mit Brettern angeschnallt und ich trat über die glatten Fliesen wie durch einen Bach. Als es dann ans Lesen ging, unterbrach sie mich zu Anfang sehr oft, schärfte mir auch ein, den Vortrag auswendig zu lernen, denn die Befangenheit spiele dem Neuling gefährliche Streiche; so könnte es sein, daß im kritischen Augenblick ein wilder Tanz unter den Buchstaben tobte und meine Augen machtlos wären, sie zu unterscheiden. Auch korrigierte sie an meiner Sprechweise und meiner Haltung.
Sie war, obwohl noch sehr jung, die erste Schauspielerin der Stadt. Ihr hellenisches Gesicht war von einer seltenen Klarheit, und ihr Haar schloß sich wie ein geflügelter Helm an ihre Schläfen. Langsam schien sich aber, während ich las, dies helle Bild mit Mißmut, ja fast mit Unwillen wie mit einem Gitter zu umziehen und zu entfernen. War es eine zu offenkundige schauspielerische Unbegabtheit oder waren es meine Worte, die sie verstimmten? — sie ließ mich reden. „Kennen Sie Dresden?“ fragte sie, als ich zu Ende war. „Jedenfalls sind Sie doch auf Widerspruch von seiten des Publikums gefaßt?“
„Aber nein!“ sagte ich. „Warum denn?“
Da fing ich einen raschen Blick auf, den Ariel ihr zuwarf.
„Ausgezeichnet!“ rief sie aus, als sei sie plötzlich im Bilde, und sie behing mich nun mit den wertvollsten Ratschlägen, wie mit Geschmeide: ich sollte mit meiner Kette spielen, während ich sprach, um mir einen Halt zu geben, und vor allen Dingen durch ein selbstbewußtes, sicheres, wenn nicht kommandierendes, wenn nicht gar impertinentes Auftreten jedem Verdacht an mein blutiges Anfängertum vorbeugen. Im übrigen würde ich meine Sache vortrefflich machen. Sie zweifle gar nicht daran.
„Und wenn es losgeht,“ sagte Ariel . . .
„Wenn es losgeht,“ fiel sie voll Eifer ein, „so treten Sie zwei Schritte vor,“ — und sie nahm mir das Heft aus der Hand, und wie zu einer tausendköpfigen Menge gewendet: „Ich bestehe auf meinem Recht, zu Ende zu reden!“ rief sie ihr schneidend und mit stolzer Miene entgegen.
Aber was sollte denn losgehen? Ich verließ sie ganz in Gedanken. „Es war kein Erfolg,“ wollte ich zu Ariel sagen. Aber da war er oben geblieben.
Als ich ein paar Tage später noch einmal zur Probe bei ihr erschien, lobte sie meine Fortschritte und war noch einnehmender und liebenswürdiger als zuletzt, und erst auf der Treppe befiel mich wieder der Zweifel: War es nicht auf Ariels Tun zurückzuführen, daß sie mich nicht entmutigte?
Meine Koffer waren gepackt —, ich stand zur Abreise bereit, als eine Alarmdepesche des stellvertretenden Herrn eintraf, mit der Zumutung, ein zweites Manuskript für alle Fälle mitzubringen, weil das Generalkommando mein Thema vielleicht doch beanstanden würde. Jetzt noch zurücktreten? — Ich dachte nicht daran. Höchstens auf einen zweiten Titel für ein und denselben Vortrag wollte ich mich unterwegs besinnen, kaufte auch schnell ein Heft, um es zwischen München und Dresden mit einer unleserlichen Schrift zu überziehen. Die übrige Zeit lernte ich auswendig, als gelte es mein Leben.
Sechster Brief
Wieder habe ich ausgesetzt. Es fehlte mir der Mut, weiter zu schreiben. — Während der Erdteil sich mit alten Leuten zu füllen scheint, weil sie die zahlreicheren geworden sind, und die Söhne die vom Tode Erlesenen sind, ihre Herzen es sind, die erkalten, inmitten des Feuers, des Wahnsinns, des Taumels der Völker, gebricht der Mut, so winzige Dinge weiter zu erzählen. Ich glaube, wir sprachen einmal davon, als du noch lebtest.
Aber die Hauptsache ist doch der Posten, so sagtest du, gleichviel welcher, und auch wenn es nur ein unbestallter und selbstgeschaffener wäre, und der Uniformierte sei letzten Endes nur ein sinnfälliges Abbild desjenigen Soldatentums, dem keiner entlaufen darf. So bedarf es denn keiner Entschuldigung, vielmehr obliegen mir diese Briefe, auch wenn sie nur die eines freiwilligen Grenzwächters sind, dessen Dienste unbegehrt, dessen verzweifelte Zeichen stets unverstanden blieben.
So höre denn, wie es weiterging.
Als ich vor dem Hotel Bellevue ausstieg, war es Mitternacht, und von der Fahrt in der überhitzten Kohlenluft und dem Auswendiglernen erschöpft, nahm ich das erste beste Staatszimmer; zu Kriegspreisen. Auch zog noch, trotz der späten Stunde, ein aufrechter Pikkolo mit gedeckten Schüsseln schwungvoll auf, und es waren nur mehr so abgelegene und unbeschwerte Bilder wie die des Marquis von Carabas und des gestiefelten Katers, an welchen ich festhielt.
Nicht so der stellvertretende Herr.
Allzu zeitig hing er schon am Telephon und gab mir seine Besorgnisse kund. Infolge eines neuen Erlasses, daß jeder Vortrag, welcher sich mit dem Kriege befaßte, acht Tage vor dem Termin eingereicht werden müsse, hielt jetzt das Generalkommando mit der Genehmigung zurück.
„O! Das Generalkommando wird gar nichts gegen meinen Vortrag einzuwenden haben,“ sagte ich, den Ellenbogen bequem aufgestützt, in das Rohr hinein.
„Aber nein! Aber keinesfalls! Diese Versicherung habe ich auch auf das ausdrücklichste gegeben, und ich habe kräftig vorgebaut,“ klang es lebhaft, fast aufgeregt zurück.
Nun, dachte ich, da ist jemand, der ja auf das Zustandekommen meiner Rede zu brennen scheint. Da kann ich mir den Luxus der stets so kleidsamen Gelassenheit erlauben.
„Hallo!“
„Ja?“ sagte ich.
„Ah — ich dachte, wir seien unterbrochen.“ Und er fragte, um welche Zeit er die Ehre haben würde, von mir empfangen zu werden.
„Um fünf Uhr.“
Er bat mich mittlerweile, den Saal des Künstlerhauses anzusehen und dort meine Bestimmungen zu treffen. Ein Auto brächte mich in wenigen Minuten hin.
Ich nahm die Elektrische. — Wie eine Sächsin mitten unter Sachsen fuhr ich dahin, bis mir der Schaffner sagte, hier sei die Albertstraße. Das Künstlerhaus stand hart vor mir. Ob mich ein Herr oder ein Fräulein zum Saal geleitete, weiß ich nicht mehr, meine Wünsche aber, welche der stellvertretende Herr ebenso viele Befehle genannt hatte, sollten sich durchwegs als weise Vorkehrungen ergeben, insbesondere die Aufstellung des Pultes in nächster Nähe der Türe. Sanft, aber bestimmt verordnete ich Seitenlicht, Stehlampe und Halbdunkel. Immer dabei in die Luft sehend, wie die Schauspielerin mir gelehrt hatte; jeder Zoll die routinierte Rednerin. Guten Tag.
Und dann ging ich spazieren. Immerzu. Es regnete. Jedoch ich lief wie eine Uhr. Die Museen und Kirchen waren geschlossen; die Brühlsche Terrasse, umfinstert und naß, lockte nur mich. Feldeinsam, und der Elbe zugewandt, stellte ich mich dort auf und sagte den ganzen Vortrag probeweise noch einmal her, die Stelle über die Journalisten mit besonderer Betonung.
„So können wir gar nicht verstehen,“ rief ich mit aufgespanntem Schirme und mit meiner Kette spielend den triefenden Bäumen und den umnebelten Ufern zu, „so können wir gar nicht verstehen, daß die Völker, die doch schon allesamt ihre Revolutionen hatten oder zu haben versuchten, warum sie sich allesamt ihre hetzerische Presse noch gefallen lassen, warum sie sich die noch nicht verbaten. Wann werden die Vertreter der würdigen Blätter dagegen protestieren, daß solche Mörder der Gesellschaft sich ihre Amtsbrüder nennen? Man hat schon Regierungen davon gejagt, aber der Herausgeber eines Hetzblattes thront wie ein Gesalbter des Herrn auf seiner Redaktion. Argwöhnisch wird das Tun und Treiben eines Monarchen verfolgt, wer aber hat es gewagt, gegen den ‚Matin‘ einzuschreiten, der schlimmer als eine russische Knute Wahrheit, Vernunft und Mäßigung unterdrückt. Aber in jedem Lande,“ fuhr ich mit erhobener Stimme fort, „gibt es Erscheinungen, die dem ‚Matin‘ nacheifern, ohne ihn zu erreichen; es ist unleugbar, daß die öffentliche Meinung sich der Lüge leichter als der Wahrheit ergibt, und deshalb wäre heute nichts notwendiger auf der Welt, als daß eine Sezession innerhalb der Presse entstünde.“
Der langweilige Tonfall des Regens gab mein einziges Echo ab; das war jetzt. Heute abend würde man nicht umhin können, mir hier zuzurufen. Der großen Mehrheit würde ich mit diesen Worten aus der Seele sprechen. Ärgern konnten sich da nur die paar, die sich getroffen fühlten. Aber was wollten sie machen?
Ich hatte ja recht. Was ich sagte, war ja wahr. Ein bedenkliches Omen war nur dieser Mangel jeglichen Lampenfiebers. Besann ich mich recht? Es galt, die Probe zum ersten Male zu bestehen. Aber selbst, als es schon dunkelte, und auf dem Heimweg noch waren meine Gedanken unbeteiligt.
Indessen harrte schon mein Ritter, der betriebsame und stellvertretende Herr in der Halle des Hotels. Er war klein und schwarz. Das Generalkommando hielt noch immer mit seiner Genehmigung zurück und machte ihm Sorgen. Sie würde schon kommen, beruhigte ich ihn. Es war ein langer Besuch. Die Dresdener kamen nicht mit der ersten Note bei ihm weg, und da ich nicht wußte, ob er ein Sachse sei, nahm ich sie höflich in Schutz. Warum aber gab er sich die Mühe, den Mann der weiten Welt vor mir zu spielen? und daß er Vettern in Paris besaß, wie gleichgültig war das! Zugleich erschrak ich doch, daß so hart vor Torschluß ein so deutliches Gefühl der Langeweile Raum in mir finden konnte. Da flocht er in bedeutsamem Tone ein, daß die gesamte Dresdener und sogar ein Teil der Leipziger Presse meinem Vortrag beiwohnen würde. Jetzt war ich ganz Ohr. Den Abend sollte ich dann als Ehrengast dieser Herren in ihrem Kreise beschließen. Wollte ich das?
Aber ganz gewiß wollte ich das.
Als er mich verließ, war es höchste Zeit, mich umzuziehen. Die Hoteljungfer half mir dabei. Und wie gefällig, wie sorgfältig sie war! Sie erzählte von ihrer Existenz; es interessierte mich. Aber plötzlich sagte sie: „O es ist spät!“ Da faßte mich ein großes Entsetzen. Ich eilte hinunter; es war kein Auto zur Stelle, und es kam auch keines. Erst nach langem Warten fuhr ein alter Fiaker mühselig vor, und indes der Zeiger über die achte Stunde immer weiter hinaus rückte, zog er mich gemach durch die Dunkelheit.
Doch grelles Licht ergoß sich über die Treppe des Künstlerhauses, und blendende Flächen, von Finsternis umhaucht, zogen sich kreisförmig über den Platz. Nirgends ein Kommen und Gehen mehr. Ich stieg allein und verspätet die Stufen hinauf. Durch eine zufällig sich öffnende Tür sah ich den Saal in der vorgeschriebenen Beleuchtung.
Alle waren versammelt, vertrieben sich plaudernd die Zeit, und es fehlte nur ich. Befrackt — und unruhig, und doch beglückt, eilte mein Ritter durch die Gänge auf mich zu: das Generalkommando hatte soeben den Vortrag bewilligt. Es war also richtig niemandem eingefallen, ihn mir vorher abzufordern. Aber wie ein anderer Benvenuto Cellini hatte ich stets gewußt, — ohne zu wissen, — daß es so kommen würde. Im Künstlerzimmer wartete auch schon ein älterer Herr, um mir in aller Form das Honorar zu überreichen. Ich unterschrieb — schob es in meinen Muff, und mein Ritter —, ritterlich zum letzten Male, bot mir den Arm. Es war ein Weg, den ich aber lieber allein ging, hatte ich doch keinen einzigen Freund, keinen einzigen Bekannten im Publikum geduldet. Ich dankte also.
Es sei Zeit, sagte er zurücktretend.
Da stieg ich schnell die paar Stufen hinauf und öffnete die Türe des Saales. —
Doch unwillkürlich machte ich eine Geste und betrat ihn wie einen Salon. Denn angesichts dieser versammelten Menschen überkam mich, zwischen Türe und Pult, mir selber unerwartet — statt Befangenheit, das größte Sicherheitsgefühl meines Lebens. Es verließ mich auch dann nicht, als ich vor meiner Stimme erschrak. Die Gesichter waren deutlich erkennbar: ein Mädchen und ein junger Mann, Geschwister, wie mir schien, ein Herr in Uniform, einer, dessen weiße Haare hervorstachen, zwei andere in mittleren Jahren, mir schon von der zweiten Seite an abhold. In den vorderen Reihen ältere Damen. Ich hielt mich an die jungen Gesichter. Sie zeigten Interesse, wohlwollende Neutralität.
Daß zu Anfang des Krieges Selbstzufriedenheit und ein gewisses Selbstlob herrschten, sagte ich, war wohl unerläßlich. Aber inzwischen hat sich die Luft Europas durch dieses Verfahren bedeutend verschlechtert. Man redet voneinander, als gedächte man nie wieder miteinander auszukommen, und dies ist nicht die Lehre, die wir aus der furchtbaren Prüfung dieses Krieges ziehen sollen, noch liegt hier Pietät für die Gefallenen. Umsonst sind heute die Erschlagenen, die nichts mehr wissen von unserem Hader und gemeinsam das Schattenreich bevölkern, wenn sie den Haß nur besiegelten.
„Sie verstehen gar nichts!“ schrie einer.
Ich achtete dessen nicht. Niemand, sagte ich, mit meiner Kette spielend, gerät in Friedenszeiten auf den Gedanken, die Verbrecherstatistiken anzurufen, um den Geist einer Nation zu beschreiben. Heute sollen mit einem Male solche Verwechslungen richtig, erlaubt, erwünscht sein! Wir müssen das Bleibende im Charakter einer Nation vor so niedrigen Berührungen verteidigen . . .
„Wie anders ist die Haltung der Offiziere! Nichts ist ihnen peinlicher als der Gedanke, man könnte annehmen, sie hätten keine ehrenhaften Feinde! Und der Takt so manchen Pfahlbürgers hat schon durch eifriges Forschen nach den Ungesetzlichkeiten und Greueln der Gegner peinlichen Schiffbruch erlitten.“
Es waren die zwei Sätze, die Ariel mir geschenkt hatte.
Doch nichts vermochte mehr die frostige Atmosphäre zu heben. Ich suchte die lichteren Gesichter und konnte sie nicht mehr finden. Lag es an mir, oder hatten sie sich von mir abgewandt? Ich war allein; auf meinem Podium wie auf einer Klippe; unter mir eine kalte unruhige Flut. Es mißfällt ihnen alles, dachte ich resigniert; aber nur Mut! Jetzt kam schon die vorletzte Seite und dann wars überstanden.
So können wir gar nicht verstehen, sprach ich frei und brauchte keinen Blick in das Heft zu werfen, daß die Völker sich allesamt ihre hetzerische Presse noch gefallen lassen. Wann werden die Vertreter der würdigen Blätter dagegen protestieren, daß solche Mörder der Gesellschaft sich ihre Amtsbrüder nennen? Regierungen hat man davon gejagt, aber der Herausgeber eines Hetzblattes thront wie ein Gesalbter des Herrn auf seiner Redaktion. Argwöhnisch wird das Tun eines Monarchen verfolgt, wer aber hat es gewagt, gegen den „Matin“ einzuschreiten, der, schlimmer als eine russische Knute, Wahrheit, Vernunft und Mäßigung unterdrückt. Aber in jedem Lande gibt es Erscheinungen, welche dem „Matin“ nacheifern . . .
„Infamie!“ schrie ein Getroffener auf
Der Mann mit den weißen Haaren war vom Stuhle gesprungen. „Eine unerhörte Gemeinheit!“ rief er laut durch den Saal, und ihn quer durchschreitend, ging er empört zur Türe. Ein dritter hatte sich von seinem Platz erhoben und schleuderte jetzt in den hohen Wellengang eine Rede aus dem Stegreif gegen mich. Ich sah einen bärtigen Kopf, von Haß entstellt, und sah ihn so deutlich, daß mich eine Ruhe, eine Genugtuung, eine Kühle überkam, wie aus der Tiefe eines Ziehbrunnens emporgeweht, und ich diesen Wutausbruch als eine Ehrung entgegennahm. Denn ich hatte ja recht, und was ich sagte, war ja wahr. Hätte man nur zehntausend hetzerische Zeitungsschreiber aus allen Ländern zusammengetrieben, dachte ich geradeaus starrend, hätte man nur zehntausend von diesen Erzfeinden zusammengetrieben, die ihre finstere Gewalt über die urteilslose Masse mißbrauchen, in allen unseren Ländern den gesunden Kreislauf im Blute unserer Völker unterbanden, und wo immer diese überzugreifen und nach Ergänzung strebten, hintanhielten und endlich zurückwarfen, weiß der Teufel auf wie lange, hätte man sie nur rechtzeitig zusammengetrieben, die heute weiterkläffen von allen Ufern des Roten Meeres, das gespeist wird von dem Blute Millionen Unschuldiger, so hätte man heute nicht in allen Ländern, welche dieses Rote Meer umgrenzen, man hätte heute nicht das Schauspiel junger Krüppel, junger Blinder, überfüllter Narrenhäuser, zu Greisen geschlagener Jünglinge, und gute friedliche Völker, die sich liebten, ja die sich liebten, sie, die sich liebten, hätten nie daran gedacht, sich Leid zuzufügen ohne Euch, die Ihr Euch hergabt zu Urhebern aller Greuel, indem Ihr sie erzähltet, wo Ihr sie nicht erdichtetet, so daß sie gleich alle als „Repressalien“ entstanden! Ja, hätte man zehntausend hetzerische Journalisten aus unseren Ländern zusammengetrieben und gehenkt, o wieviel wertvolle, hoffnungsvolle Menschen wären in all diesen Ländern heute am Leben! Statt dessen seid Ihr es, die Ihr noch lebt, die Ihr den Glauben an die Menschheit und an die menschliche Güte vergiftet habt, die Ihr einer bösen Schwäre gleich Europa von einem Ende zum anderen überzieht, Ihr, die Hetzer, die Mitschuldigen an diesem Kriege, deren Knochen, wie die der Schächer, hätten zerbrochen werden sollen, bevor wir zuließen, was jetzt geschieht! —
Aufgewühlt von solchen Gedanken, starrte ich geradeaus, während der Mann seine Gegenrede hielt. Aus groben Platitüden zusammengesetzt und im wüstesten Zeitungsstil gehalten, war sie doch von großer Geläufigkeit und schloß sehr wirksam mit der Aufforderung, ich sollte doch hinabsteigen in die Gräber, um mich von den Verstümmelungen und ausgestochenen Augen, an die ich nicht glaubte, zu überzeugen; für eine so billige Emphase heimste er dann den ganzen, schönen, ursprünglich für mich gedachten Applaus für sich selber ein.
Aber der jungen Schauspielerin eingedenk, trat ich zwei Schritte vor und bestand auf meinem Recht, zu Ende zu reden. Doch siehe: mein Ritter wars, welcher da mit offenem Visier auf das Podium stürzte und mit gesenkter Lanze an meine Seite stob, um jede Verantwortung für meinen Vortrag weit von sich zu weisen. Hätte er geahnt . . . und er berief sich jetzt auf das Generalkommando, welches auch nicht geahnt hatte. O wie anders waren jetzt seine Sorgen als am Vormittag! Wie ferne war Cosmopolis, und wie vergessen die Vettern in Paris! Das Dresdener Publikum hingegen erhob er jetzt zum Richter über mich, auf daß es entscheide, ob ich zu Ende reden dürfe oder nicht.
Nun waren Ja-Rufe die erste Antwort auf diese Frage; sie wurden aber sofort von wütenden „Nein“ niedergeschrien, und was jetzt entstand, darüber konnte kein Zweifel sein, war ein regelrechter Tumult. Und sah ich recht? — ballte da wirklich ein ehrenwerter Herr die Fäuste gegen mich?
Mein Staunen war grenzenlos. Trotz aller Warnungen meiner Freunde und ihrer so bestimmten Prophezeiungen über die unausbleiblichen Folgen meines Tuns, stürzte ich von allen Höhen angesichts des Sturmes, den ich heraufbeschwor. Offen gestanden hatte ich mir — nie ernsthaft natürlich, aber in Momenten der Müdigkeit und zur Kurzweil — hatte ich mir ausgemalt, wie ein rabiater Reporter mir auflauern würde, und ich wie Brutus vor der Türe zusammenbrechen, hierdurch aber die gute Sache unendlich fördern und den großen internationalen Generalstreik gegen jegliche Hetze sogleich und überall beschleunigen würde. Ja, sogar der Möglichkeit einer kleinen Gedenktafel hatte ich schon in Gedanken vorgegriffen, nur die eines Tumultes hatte ich nie erwogen, und ich fiel von allen Himmeln, als er einsetzte. Denn ich hatte ja recht. Und was ich sagte, war ja wahr. Indessen war die Situation auch für den Unbelehrbarsten nicht zu verkennen: eine wüste Skandalszene, als deren Mittelpunkt ich hier oben stand inmitten einer gegen mich gerichteten Majorität, oder falls es eine Minorität war, machte sie jedenfalls den größeren Spektakel, so daß sie einer Majorität gleichkam. Kurz entschlossen griff ich da zu meinem Heft, nahm meinen Muff, und ohne einen Gruß (hätte ihn doch gerade der mit den geballten Fäusten für sich nehmen können!) verließ ich das Podium und war fort.
Doch kaum hatte ich das Künstlerzimmer betreten, als es von der anderen Seite gestürmt und die gegenüberliegenden Türen aufgestoßen wurden. Vom Saal her tönte noch ein so wilder Lärm, daß ich angesichts dieser fremden und aufgeregten Leute, die alle auf mich eindrangen, unwillkürlich zurücktrat.
Es war jedoch die Schar derer, welche meine Äußerungen billigten und sich nun in Sympathiekundgebungen überboten und sich entrüsteten und wollten, daß ich meine Meinung über Dresden nicht nach den Erfahrungen dieses Abends bilde; und eine alte Frau sprach von dem Schaden, den sie durch die Aufregung davontrug, ermahnte mich aber dabei auf eine so merkwürdig eindringliche, so wissende, so atemlose Art, niemals meine Worte zu bereuen, daß ich zum ersten Male in innere Bewegung geriet; aber gleich darauf wurde ich wieder munter, und Kampflust lebte wieder auf, denn war da im Hintergrunde nicht mein Ritter, der sich mir zu nähern suchte? Während er mich so umringt und nach allen Seiten danken sah, kam er sachte auf mich zu. Richtig, und er sprach mich an. „Ich habe Sie gewarnt,“ sagte er verbindlich.
„Nein — ich habe Sie gewarnt!“ gab ich mit meiner schrillsten Kopfstimme zur Kenntnis. „Sie werden sich erinnern . . .“
„Ich habe Sie gewarnt! Dreimal!“ unterbrach ich ihn so weit vernehmlich, und so entschlossen, das letzte Wort, das er mir abgeschnitten hatte, diesmal zu behalten, daß er es vorzog zu entschwinden.
Aber die Entrüstung über ihn, wie meine Partei sie äußerte, brachte ich nicht auf. So weltkundig war ich seit einer Viertelstunde geworden. — Hier war einer, der es für Wahnwitz hielt, es mit den Alberichen der Presse, was immer er im stillen über sie dachte, offen zu verderben. Indem er Deckung suchte, tat er nur, was fast alle anderen taten. Bei dem Schmaus, zu dem er sich jetzt begab und bei dem ich hätte präsidieren sollen (himmlisch!), würde es ohnehin schwer auf ihn niederhageln. Sollte ich ihm grollen, daß er schnell seinen Schirm aufriß? Sah er denn wie ein Desperado aus? — Langsam von Begriffen, zog ich doch schnell meine Konsequenzen, und viel eher wunderte ich mich jetzt über die kleine Schar, die zu mir hielt.
Für den Rückzug ins Hotel war mir sogar eine Leibgarde von vier Damen geblieben. Das Wetter hatte sich aufgeklärt und wir gingen zu Fuß. Sie boten mir ihren Schutz, ihre Häuser, ihre Gastfreundschaft, — aber ich hatte nur den Wunsch, möglichst schnell von Dresden fortzukommen. „Wollen Sie mir beim Packen helfen?“ fragte ich sie und nahm mein unbekanntes Quartett zu mir hinauf.
Hurtiger war ich noch nie reisefertig geworden, aber so dankbar ich ihnen war, so gut besonders die eine von ihnen mir gefiel, der Wunsch allein zu sein, wurde mit einem Male übermächtig. Und als sie mich verließen und ich die Türe hinter ihnen schloß, gedachte ich die wenigen Stunden bis zum trüben Morgen zu verschlafen.
Doch kaum hatte ich das Licht gelöscht und die Augen geschlossen, da warf sich ein Frost über mich her und schüttelte mich, daß meine Zähne immer wieder zusammenschlugen. Aber zugleich schlug auch eine wirklich beseligende Trauer wie ein Mantel über mich hin; und jetzt erst war ich mir bewußt, was dieser Abend mir selber bedeute: — Ein Stein, der mich fast erdrückte, war von meinem Gewissen fortgewälzt, und ich hatte mir eine Lichtung inmitten des Gestrüpps und einen Weg erfochten. Dies und noch etwas anderes.
Nie ist der Mensch so wahrhaft er selbst, wie in Momenten, in denen er, seiner selbst kaum mehr bewußt, nicht mehr weiß, daß er Augen hat und ein Gesicht, und nichts mehr von seinen Händen weiß und gleichsam ohne Füße wandelt. Und nie ist er doch so restlos er selbst, — wer erklärt das? — als wenn eine Idee ihn allem Persönlichen so weit entreißt, daß er — nur mehr ein Kleiderfetzen, nur ein Schemen mehr — dennoch höchstem Gefühl des Seins teilhaft wird, während er doch in solchen Augenblicken sein Leben, schier ohne es zu merken, verlöre.
Die Laternen brannten noch, als ich zur Station fuhr, und als die Dresdener sich ihres Morgenkaffees erlabten und ihre Morgenzeitung entfalteten, stieg ich schon am Anhalter Bahnhof aus. — Doch von Berlin erzähle ich dir ein anderes Mal.