Siebenter Brief
Natürlich ziehe ich München vor. Berlin ist mir nur insofern lieber als es größer ist; eine Stadt ist immer zu klein. Wenn schon, ei, so gebt mir die größte, die es gibt, oder dann gleich die Einsamkeit der Schlucht. Es ist ja mit den Menschen wie mit Lotterien, und nur deshalb sind Provinzstädte so hoffnungslos zu denken, weil nicht anzunehmen ist, daß auf eine beschränkte Zahl von Einwohnern oder von Losen ein Treffer kommt. Die Rechnung ist von furchtbarer Einfachheit.
Darum wird man in dem unmusikalischen Berlin mehr musikalische Leute antreffen wie in dem musikalischen München. Darum hast du und andere große Musiker das Pariser Publikum so sehr geliebt.
Um auf Dresden zurückzukommen, so konnte mir nach dem dortigen Abend nicht nur keine Stadt, auch kein Hotel groß genug sein. Zaghaft sprach ich im Adlon vor, doch ein engelsguter Herr tat nicht, als ob er meinen Namen hörte; ich hatte ein Dach über mir, und ich hatte ein Zimmer, dessen Vorhänge ich alsbald zusammenschloß, das kreidige Licht des Tages auszuschalten, denn mir schien, als hätte ich fürs erste einiges zu vergessen.
Doch ein heftiges Klingeln über meinem Kopfe schreckte mich ins Bewußtsein zurück, und der erste Kondolenzanruf aus München drang in mein umdunkeltes Gemach.
Schon.
Die Zeit war den Leuten nicht zu schade gewesen, um sogleich den Vorfall nach allen Gegenden des Reiches zu posaunen, und nur den wenigsten Redaktionen war diese Zeit zu ernst, um solch aufgeregte Telegramme mit ihrem sichtbaren Stempel der Unverbürgtheit aufzunehmen. Das gelesenste Blatt meiner Vaterstadt gab flugs eine augenfällige Notiz zum besten, die zu berichtigen ich mich nicht beeilte, indes der Wald meiner Bekannten und die Flora meiner Freunde, sie, die ich so oft die Skrupellosigkeit, mit welcher die Journalisten wider besseres Wissen, ja geradezu auf Widerruf hin, Nachrichten verbreiteten, sowie die Leichtgläubigkeit der Vielen hatte verpönen hören, welche alles glaubten, was in der Zeitung stand, sie glaubten jetzt so unbesehen, was in der Zeitung stand, daß sie sich nicht einmal nach meiner eigenen Aussage umtaten, sondern, mit wenigen Ausnahmen, stiegen sie da unverweilt zu jener Leichtgläubigkeit, von welcher sie sich abseits glaubten, und ihrem verachteten Niveau herab. Besten Falles gaben sie mir ihr Bedauern kund, daß ich es jetzt mit der Presse verdorben hatte, doch ich dachte besser von ihr; gab es doch in der Presse, wie überall, anständige Leute, und ihrer war ich ganz sicher. Die andern aber . . . ja war es denn nicht Bürgerpflicht, es mit den andern zu verderben?
Der Rat der weisen alten Dresdnerin war indessen doch zur guten Stunde gekommen, denn es war nicht angenehm, in der Halle des Hotels all die Zeitungen aufliegen zu sehen, in welchen mein Name unter so fantastischen Überschriften zu finden war. Je weiter vom Orte der Handlung, desto freier natürlich tummelten sich die Reporter; es kostete ja nichts, mir in Steiermark deutschfeindliche Äußerungen „entschlüpfen“ und mich in Rüdesheim die deutschen Frauen, von welchen ich kein Wort gesagt hatte, beschimpfen zu lassen. Von allen Zeitungsfirmen wirbelten mir Ausschnitte, manche vier Spalten lang, entgegen, überall mit dem Angebot: Willst mehr du noch hören?
Aber der Geschmähte ist, wie ich vermute, schneller blasiert wie der Gefeierte; zu sehr gelangweilt schon, um auf weitere Äußerungen zu abonnieren, erfuhr ich von den paar freundlichen Stimmen nur mehr durch Hörensagen.
Im Gegensatz zu München nahmen meine Berliner Bekannten die Entrüstung der Journalie mit Humor. Was Wunder, daß mir die äußerste Linke Sympathie bekundete? Aber auch die äußerste Rechte war so seltsam. Auch diese Hand schien im stillen über mich gebreitet und klopfte mir, wenn niemand hersah, leise, unmerklich auf die Schulter, wenn auch unsicher, zögernd und nicht wissend, was sie wollte . . . . . .
Mit welchen Kreisen hatte ich es denn also verschüttet? — Ich besann mich auf eine, mit dem Reich der Mitte (oder wollen wir es die Lande der sechs Verbände nennen?) aufs engste verquickte Honoratiorin. Sie war selbst am Telephon, fragte erschrocken, wie mir sei, und entschwand. Dann kehrte sie ein wenig atemlos zurück und lud mich zu Tische ein. Aber mit Intimitäten war mir in diesen Gegenden nicht mehr gedient, sondern ich wollte einen letzten, richtig gehenden Tee im Rundkreis ihrer Bekannten.
Die hätten jetzt so schrecklich viel zu tun, sagte sie hastig. Allein ich zweifelte nicht, daß sie kommen würden. Da sie mich im unausgepfiffenen Zustande kannten, würde die Neugierde sie mir noch einmal entgegenführen.
Ich täuschte mich nicht: sie erschienen alle, und einige darüber. Sogar ein Töchterchen, das hier nichts zu suchen hatte und ihrem Lazarett ausgerissen war, saß da hart vor mir und starrte mich unverwandt und vorwurfsvoll unter ihrer Haube an, während man sich sehr lebhaft und außerordentlich pointiert über das Maß, den vorbildlichen Gerechtigkeitssinn, die rührende, fast langweilige Milde der deutschen Journalisten unterhielt.
Bequem in dem besten Klubsessel hingegossen hörte ich zu. — Hier kannte man Parteien wieder! Ich sah vom einen zum anderen und saß wie im Parkett. — Bald schlug ihr eigentliches Leitmotiv, das, worauf sie alle gestimmt waren, an, und wie von einer Strömung erfaßt, fielen ihre Worte im reißenden Lauf. Um alles, was sie zu behalten gedachten, handelte es sich jetzt, und auch, was man draußen noch nicht hatte, behielten sie hier. Ein gewichtiger Industrieller klopfte mit starken Besitzerfingern auf den Tisch. Und wie munter sie wurden! Meiner vergaßen sie ganz in ihrem Sprudel.
O, wie durchfuhr mich da glühenden Stoßes ein Erinnern! Es war kurz zuvor in einem windumrauschten Schloß gewesen, einst so festlich, jetzt ein Lazarett. Von den Offizieren fiel einer durch seine merkwürdig schöne, zusammengerissene Haltung auf. Er war aus dem Schlachtfeld allzu unvermittelt in eine Atmosphäre versetzt worden, die sich mittlerweile etwas zu ähnlich geblieben war. Es ging das Gerücht von einem peinlichen Auftritt zwischen ihm und ein paar Düsseldorfer Fabrikanten.
In der Tat wollte etwas in seinem Gesicht nicht zu seiner Haltung stimmen: in seiner Glätte einem verwaschenen Steine gleich, war es so blank und doch so abgewandt, so hell und doch von einer Trostlosigkeit getragen, die weder die Züge noch der Ausdruck dieses Gesichtes, sondern nur die Atmosphäre dieses Menschen verriet. Und dabei war etwas so intensiv Abwehrendes in ihm, daß es keine andere Art gab, ihm entgegen zu kommen, als ihm aus dem Wege zu gehen.
Ich war vor meiner Abfahrt trotz des Sturmes in den Park und bis zu einem Gartenhäuschen hingegangen, das schon die leeren Äcker überhing, dessen bernsteinfarbene Scheiben und bemalte Mauern aber einen sommerlichen Trug durch alle rauhen Monate hindurch behaupteten. Diese tapfere Pagode betrat ich ahnungslos. Denn vor mir war jener Offizier, auf einem Liegestuhle hingeworfen, und das Gesicht in die Lehne gedrückt, als ob er schliefe; vor dem Windstoß, der hinter mir die Türe zuschlug, sprang er auf, und da war es, mein Gott! daß ich ein von wilden Tränen überströmtes Männergesicht überraschte, und vor Entsetzen über diesen Anblick und vom Affekte hingerissen, wie eine Megäre diesen Krieg verfluchte. Aber dies verratene Gesicht und der Blick dieser jammervollen Augen entzog sich und erkaltete noch mehr. „Draußen ist es schön,“ sagte er schroff.
Das nächste, was ich von ihm sah, war sein Name unter den Gefallenen.
Ihn sah ich jetzt vor mir: von Bildern gejagt, die zu Furien sich verdichteten, und wie Orest vor ihnen hingestürzt; an ihn dachte ich jetzt.
Denn in das Gespräch dieser daheim gebliebenen Draufgänger mischte ich mich nicht; es lohnte sich nicht; und sie hatten ja recht! Aber so wie die Kriegsberichte der einen recht haben, nur muß man zur Orientierung auch die der anderen lesen. So äußerten sie über die französischen Zeitungen unwiderlegliche Dinge, und wenn sie sich über die niederträchtigen Beschimpfungen dieser Presse unterhielten, so war es nicht möglich, ihnen zu widersprechen oder ihre starken Ausdrücke als zu stark zurückzuweisen.
Aber es ist wirklich grotesk, mit welcher Naivität Leute, welche selbst die Insulte handhaben, überall ihre eigenen Insulten überhören; sie merken stets nur die der anderen. Und darum werden es stets die Hetzer sein, die sich über die Hetze der gegnerischen Seite entrüsten. Die anderen brauchen das nicht. Sie haben kein Organ für solche Dinge. Das dreiste Schimpfwort Barbaren wird sie eben so wenig treffen, als sie selbst sich erdreisten werden, Ausdrücke wie „Fäulnis“ und „Aasgeruch“[1] zu gebrauchen, wenn sie von der edlen und unsterblichen Nation der Franzosen reden. Denn sie sind keine Barbaren und wissen es infolgedessen besser.[2]
Diesen anderen aber dünken infolgedessen solche Ausdrücke durchaus nicht für Beleidigungen; und sie werden eine Kultur, die ihnen deshalb eine so absterbende dünkt, weil sie keinen Schimmer von ihr haben, in allen Tönen und Varianten morsch und putrefakt nennen.
Kapitänleutnant Mücke aber, der mit ihnen kämpfte, diesen Franzosen, welche die Zeitschrift schildert, Kapitänleutnant Mücke äußert sich folgendermaßen: „Der Kommandant des französischen Torpedobootes hatte bei der ersten Salve beide Beine verloren. Als er sah, daß ein Teil der Mannschaft über Bord sprang, schrie er: Bindet mich fest! Ich will nicht überleben, daß Franzosen ihr Schilf verlassen. Tatsächlich ist er als tapferer Kapitän an dem Mast gebunden untergegangen.“
Nun aber die Zeitungen: Als wir die Franzosen später fragten, warum sie vor unseren Rettungsbooten weggeschwommen seien, sagten sie: ‚On nous dit que les Allemands aimaient à tuer leurs prisonniers.‘ Man darf ohne den allerletzten Beweis keinen, auch den größten Schurken, eines Verbrechens anklagen, aber noch immer ist dies eine gesetzlose Welt den Volksverleumdern gegenüber, die wie eine Schwäre ganz Europa so lange überziehen werden, bis es endlich einen Paragraphen gegen sie gibt. Dann erst würden sich auch alle diejenigen besinnen, die sich heute zu ihren Gesellen erniedrigen. Neulich bemerkte jemand so richtig: ‚Immer hören wir, es trügen überall nur ganz wenige eine Verantwortung an diesem Kriege, und die Vielen seien überall ganz unschuldig daran, während es sich doch gerade umgekehrt verhält, und überall die Vielen auf tausenderlei Weise, und wäre es nur durch ihre Gedankenlosigkeit, teil an der ungeheuren Blutschuld haben, und nur die Wenigsten mit reinen Händen vor ihr stehen.‘
Dem Führer der Emden versagte die Stimme und der Schmerz übermannte ihn, als man die Besatzung eines Schiffes, das er torpediert hatte, verloren geben mußte. Aber vor mir saß eine dicke, unnütze und ordinäre Baronin und sprach ihre Genugtuung über die Bomben aus, welche London getroffen hatten.
O! du hättest hören sollen, wie sie redeten! Und hier saß keiner, der den Frieden um des Friedens halber ersehnte, vielmehr saß hier keiner, der nicht irgendeinen Vorteil aus all dem Jammer zog, der heute den Erdteil erfüllt. Ein Haß wie eine dunkle Säule richtete sich in mir auf gegen diese Gesellschaft, in deren Mitte ich zum letzten Male saß. Denn dies ist das einzig Gute an diesem Krieg, daß man aufräumt mit seinem Umgang und nicht länger aus diesem oder jenem lächerlichen Grund sich mit Leuten weiterschleppt, mit denen man nichts gemein hat.
Aber etwas Witziges muß ich dir noch erzählen: Als der „Matin“ nachträglich von dem Dresdener Skandal erfuhr, beschwerte er sich auch.
[1] Siehe eine Süddeutsche Zeitung.
[2] Die Anderen sind es.
Achter Brief
Ich begreife nicht, warum die wahren Deutschen noch nicht dagegen protestierten, daß die Alldeutschen sich Alldeutsche nennen. Sie sind doch so undeutsch! Nichts ist doch bislang undeutscher gewesen, wie Ungedanklichkeit und Hochmut. Und welches Deutschtum, ich bitte dich, haben diese allbetriebsamen Leute hinter sich? Auf welche Tradition dürfen sich diese plötzlichen Emporkömmlinge berufen, die nichts sind, wie eine ausgefallene Generation, Ahnen und Urenkel in einem, Insulaner ohne die Entschuldigung, daß sie auf einer Insel wohnen, Anabaptisten, die ihre Wiedergeburt feiern? Etwa nicht? Übertönt hier etwa nicht wie einst das wilde Geschrei einer kleinen, aber verderblichen Sekte? Ist dies etwa nicht ein und dieselbe Welt? Fällt je etwas aus ihr heraus? Und schleppen wir uns nicht, noch immer, mit dem Agens verflossener Irrtümer, über welche sich dann immer die Nachwelt so erhaben fühlt, daß sie ihr einen unerklärlichen Wahnsinn dünken? O, ich weiß sehr wohl, was man über kurz oder lang von den Radau-Alldeutschen sagen wird, aber es hindert gar nicht, daß sie heute die Unbesonnenen verwirren dürfen und daß ihnen ein zu höchster Vervollkommnung berufenes Volk es verdankt, daß es verkannt und ungeliebt ist wie nur eins. Und keines ist doch von so weitem Flug, wenn auch keines so beschwert. Es ist das geistigste und geistverlassenste, das potenziell höchste, das effektiv gefährdetste, der Heimgarten aller Gegensätze, in welchem die blaue Blume tiefer aufleuchtet, zugleich wilder überwuchert steht, als irgendwo. Mit größerem Ernst als dieses überduldsame Volk hat keines die Parole von der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit, die seine stürmischeren Brüder prägten, zu Taten aufgegriffen; keines war so getragen von dem Gefühl, daß der eigene Niederschlag, die eigenen Verkommenen, das eigene Gesindel, der eigene Pöbel . . . zugleich die eigene Schmach einer Nation umfaßt; und schritt es da nicht schon gerade darauf aus, die Armut aus seinem Bereiche zu verbannen und die Entwürdigung der Niedrigen nicht mehr zu dulden? Auf eine Sanierung nach dieser Seite hin so bedacht, daß es andere Dinge übersah, wo Anderer Augen geübteren Blickes gar aufmerksam nach den Wetterzeichen schauten und sich vorsahen, damit, wenn der gefürchtete Sturm sich entfesseln sollte inmitten der Luft, die sie entzünden halfen, nicht sie die Inkriminierten, nicht auf sie das Odium fallen, nicht sie: Feuer! sondern: „Wir sind es nicht gewesen!“ rufen dürften.
Ich tadle sie darum nicht! Es ist nur recht zu wissen, was die Geste wert ist, und man ist der Schlechtere nicht, weil man der Gerissenere ist.
Doch um so bedeutsamer bleibt, daß kraft seiner stetig sich veredelnden Arbeiterbevölkerung und eines Bauernstandes, der vielfach eine Adelsklasse für sich bildet, das politisch unreifste Volk dennoch in gewisser Hinsicht das demokratischste geworden war, denn wenn es auch keinen König hingerichtet hat, so wäre es dafür gegen ein „East-End“ schon lange in Aufruhr. Es würde rebellieren, bevor es sich, wie das herrische London, eine ganze Stadt organisierter Slums, organisierten Verbrechertums, organisierter Elender — british subjects auch sie — an die marmornen Flanken schmieden ließe; oder bevor es, wie das schimmernde, ewig holdselige Paris so finster umgürtet stünde, daß nachts die Apachen — Franzosen auch sie — Wölfen gleich das Innere der Stadt wie ein feindliches Lager beschlichen. Denn sein Wohlstand kam den Enterbten weiter entgegen, in keinem Lande war die Armut so bedingt, nirgends hatte sich der einzelne Handwerker so individualisiert, seine Bildung so zu heben vermocht und so menschenwürdig gewohnt.
Und von einem solchen Volk hat eine kleine, allen vernünftigen Deutschen höchst fatale Korporation ein seelenloses Plakat hinausgegeben, das nun als typisch gilt, während es die Verneinung alles dessen begreift, was deutsches Gemüt und deutscher Himmel ist. So haben diese plumpen Parforce-Germanisierer sich vermessen, in Germaniens lauterem Angesicht freche, fremde, widerliche Züge einzuzeichnen, die es bis zur Unkenntlichkeit entstellen. An euren Früchten werde ich euch erkennen: „Zehn eiserne Gebote“ heißt eine alldeutsche Broschüre, die ganz nach Art und Stil der Wiedertäufer, im Ton der Bibelparaphrase gehalten, ein Exempel für künftige Psychiater herstellt: „Jene reden von Mitleid und Schonung, ihr aber sollt eure Feinde vernichten! Krieger, werdet hart!“ lehrt sie, um dann in folgender Saturnalie auszuklingen:
„Wir lieben den Krieg . . .
Wir danken dem Krieg . . . usw.
Ach, wer vor Ausbruch dieses Krieges starb wie du, der ist ja noch mit der Illusion gegangen, daß gewisse Ausbrüche außerhalb der Umzäunung eines Narrenhauses nicht mehr möglich seien. Statt dessen fangen jetzt schon Zahnärzte und Gouvernanten zu delirieren an, und dein Tapezierer wurde über Nacht von dem Irrsinn angesteckt.
Wer sie doch komisch nehmen dürfte, diese Panslawisten, Pangermanisten, Imperialisten, Nationalisten usw.! Alles Anabaptisten redivivi, die samt und sonders auf ein Ziel losrennen, das längst hinter uns liegt. Trostlos lächerliches Schauspiel! O der Toren, welche da wähnen, christliche Nationen seien umzubringen als wie Phrygier oder Babylonier! Und die es wagen, sich weiterhin Christen zu nennen, während sie doch von dem Niederringen zwischen christlichen Nationen reden. Denn wie verloren ist an ihnen, und wie unvorhanden, wie ausgeschlossen sind sie von der Tat, welche die Zeitrechnung unseres Planeten in zwei Hälften spaltete! Nicht einmal das eine, das einzige In-die-Augen-Springende, was unsere Zeit vor der Antike voraus hat, nehmen sie wahr: daß der Pulsschlag der Nationen ein anderer geworden ist; daß, wo solche früher untergingen, sie sich heute wieder aufrichten, genesen, sich erneuern können;[3] daß es in dem alten verjährten Sinn eine Dekadenz der Völker gar nicht mehr gibt, und daß alles Unvernunft ist, was sie von Germanen contra Romanen, Romanen contra Germanen hin und herüber rufen, daß die Gefahr ganz anders heißt: Germanen ohne Romanen, Romanen ohne Germanen, weil ihnen außerhalb ihrer Gemeinschaft gleicherweise keine aufsteigende Linie mehr bevorsteht, sondern sie gleicherweise von der eigenen Erfüllung sich entfernen müssen.
Du weißt, wie ungehört ich diese künftige Binsenwahrheit seit elf Jahren in die Welt hinausrufe: Deutschland vernichten hieße sich selbst vernichten, denn mit ihm „fiele die Welt“. Es ist tausendfach wahr. Aber nur an den gesunden Wesenselementen des „dekadenten“ Frankreich wird das „gesunde“ Deutschland mit der gefährlichen und entstellenden Beule des Radau-Alldeutschtums mitten in dem göttlichen Antlitz genesen.
[3] Burckhardts Worte aus seiner „Kultur der Renaissance“, die ich schon so lange zitiere, sind nie so beherzigenswert gewesen: „Das scheinbar kränkste Volk kann der Gesundheit nahe sein, und ein scheinbar gesundes Volk kann einen mächtig entwickelten Todeskeim in sich bergen, den erst die Gefahr an den Tag bringt.“
Neunter Brief
Es ist nicht wie zu Anfang, da mir die Gefallenen so oft den besseren Teil vorweg zu nehmen schienen. Die jetzt noch fallen, beklage ich. Wer den Krieg bis hierher mit erlebte, fängt langsam an, den Kopf aufzurichten, ob der Himmel sich noch auf keiner Seite lichtet. Schon ringt er um eine Richtschnur inmitten des Wirrsals, abseits von jenen, die noch hin- und herrennen mit dem Geschrei, wer ihn entfesselte. Auch ein heraufziehendes Gewitter ist bis zuletzt etwas Ungewisses. Der Wind kann die Wolken auseinandertreiben; das Gewitter kann vorüberziehen. Doch bricht es los, so darf mit Fug behauptet werden, daß es kommen mußte, und ebenso wird es nicht einen, sondern viele Gründe dafür geben, daß es sich entlud. Und ebenso, denke ich mir, werden für die Nachwelt die Urheber dieses Krieges vor dessen vielverzweigten Ursachen zurücktreten, und diese wiederum werden weiter zurück reichen als Cromwell und der Dreißigjährige Krieg, Peter der Große und die Borgias. Und seinen unzähligen Ursachen entsprechen unzählige Gesichtspunkte. Von diesem Gesichtspunkte aus gesehen war er eminent vermeidlich, von jenem unvermeidlich; betrachtet ihn von dieser Wolke aus, und er war ach! so vermeidlich! noch höher, und er mußte sich noch einmal (zum letzten Mal!) unweigerlich ergeben.
Denn alle Biologie in Ehren: aber diejenigen (und sie sind noch zahlreich), welche da wirklich vermeinen, solche Kriege, die nur deshalb einen solchen Haß auslösen, weil sie Bruderkriege geworden sind, solche Kriege seien an sich etwas zu Bejahendes, fernerhin Notwendiges, und die Zustände, das Chaos, das sie schaffen, die seien in der Ordnung, eine Institution gleichsam, die ihre Richtigkeit habe und in der Natur der Dinge liege wie ein Erdbeben oder ein Orkan, die Völker selbst hiermit nur dem blinden Element oder der reißenden Tierwelt vergleichbar, die willenlos ist — diese Leute sollten, falls sie weiterhin in der Welt entscheiden dürfen, doch wenigstens so viel Logik aufbringen, daß sie das Straßburger Münster wie den Kölner Dom, St. Pauls Cathedral wie die Peterskirche als vollkommen lächerliche Objekte proklamieren und dem Schicksal der Kathedrale von Reims überweisen, das Wort Christentum aber als das einzig wahre Fremdwort ausmerzen, oder wenigstens sollten sie eine Doktrin, von welcher nicht die allerleiseste Notiz genommen wird, nicht mit so fluchwürdiger Stirn der Form nach noch aufrecht halten, daß sie gar noch in den Gerichtsstuben mit ihren Sinnbildern hantieren und auf das schwören lassen, worauf sie doch im vollsten Sinne des Wortes pfeifen.
Doch, was sage ich? Sind nicht unter eben diesen Zeichen die wüstesten Greuel in der Welt entbrannt? Und hat nicht eine Wahrheit zu um so widerlicheren Auswüchsen geführt, je erhabener sie war? Was Wunder, daß in einer Christenheit, in welcher die Inquisition möglich war, dieser Krieg sich noch ereignete! Denn ist dies nicht ein und dieselbe Welt? Fällt je etwas aus ihr heraus? Ja, wir bedachten es nicht!
Jetzt aber kann man der Verwundeten und der Gefangenen nicht denken, ohne daß sich das Mitgefühl auch jenen Vereinzelten zuwendet, deren es heute in allen Ländern gibt, die von dem Strom der Gedankenlosigkeit, der alles umwarf, nicht fortgerissen wurden, sondern von ihrer brennenden Erkenntnis, wie in Einzelhaft verwiesen, allein und abgetrennt, ihn überragen.
Man schreibt gewiß nicht ohne innere Pein Sätze nieder, wie ich sie heute in der „Fackel“ finde: „Der kriegerische Zustand scheint den geistigen auf das Niveau der Kinderstube herabzudrücken“. Aber nicht länger bin ich der Meinung des Verfassers (was nicht geschieht, um ihm entgegenzukommen, der ein paar Seiten weiter die Äußerung zu Drucke bringt: „Eine Frau soll nicht einmal meiner Meinung sein, geschweige denn ihrer“), nicht länger teile ich seine Meinung, wenn er auf die Frage, die er aufwirft: „Was kann durch den Weltkrieg entschieden werden?“ sich selbst zur Antwort gibt: „Nicht mehr, als daß das Christentum zu schwach war, es zu verhindern.“ Ja, ich maße mir die Meinung an, daß er da wirklich mit einer unzureichenden Leuchte an das Problem herantritt. Das Christentum war nicht zu schwach, sondern zu stark, und die Menschheit evoluiert derart langsam und in so verzweifelt weiten Kurven um dies Gestirn, daß ihr sich trotzdem vollziehender Aufschwung, vollends zur Stunde einer Sonnenfinsternis wie der heutigen, dem freien Auge sich völlig entziehen muß. Aber der Gewalt des Christentums tut die menschliche Hinfälligkeit keinen Abbruch; ja unerbittlicher könnte es nicht wider uns triumphieren, dafür, daß wir statt seiner eine irländische, eine polnische, eine elsaß-lothringische Frage als unerschütterliche Pfeiler setzten und deren Last — wäre auch im Vergleich zu ihr jedes Joch süß und jede Bürde leicht — folgerichtig auf uns nahmen, als seien sie, die doch im Lauf der Jahrzehnte zerrinnen und verwehen werden wie nie Gewesenes, der Dinge Letztes und Endgültiges!
Überlegter ist es, durch das Alberne so wenig wie durch das Abgeschmackte irre zu werden, ja selbst durch das Ekle und das Scheußliche nicht, das giftigen Schwämmen gleich den Katholizismus überwuchs, sich an ihm festfraß und tief unter sich begrub, sondern an dessen goldenem Befund festzuhalten, in weiten Kunstbögen der Berührung mit all seinen unberufenen Vertretern bedachtsam auszuweichen, um in der Vermutung nicht gestört zu werden, daß, wo einmal dieser viel mißbrauchte Kult zu seinem adäquaten Ausdruck gelangt, eine Höhe des Daseins sich ergibt, die alles andere weit unter sich läßt, solche Erkorene aber entsprechend seltener noch wie in der Kunst vorkommen, weil sie weiter Abgelegenes umspannen und wieder zum Ausgleich bringen müssen, daß, wo diese Wage aber stillhält, die Würde des Gedankens nicht nur unbeschadet bleibt, sondern unsagbare Schwingungen erfährt. Nicht länger von dem Wörtlichen, dem Absurden, noch dem Betbrüderischen genarrt, vielmehr auf das in Platons Sinne Ballförmige erpicht, vielmehr dem Versteckten, Verschleierten auflauernd, dringt ein solches Denken triumphierend zum Profanen vor und vindiziert es hinzu. Nun erst dem Verhaltenen, Entzogenen, dem Eingeraupten, in Perspektiven Fortgetragenen und Flüchtigen auf der Spur, tut sich ihm dort das ewig Mutierende, Ebbe und Flut, der Ozean, das Planetare auf, wo andere, von der Enge abgestoßen, verzagen und verzichten. —
Daß heute, wo die Welt wie nie zuvor zu einem Jammertal versank, daß sich ihr da zum ersten Male die Umrisse der Gestalt des Hirten vollgültig umschrieben, ist diese Tatsache keiner Deutung wert? Nicht Feind vom Feinde, nicht ihre Konfessionen scheidend, ist Impartialität, die hoch und einsam über die gebeugten Völker ragt, bei ihm allein. Ist dies kein Innehalten wert? Die wahre Fahne, die alle umwallt, entrollte nur er. Und wer, Jud oder Heide, spottet heute dieses Hirten ohne Herde und dennoch Hirten, wie nie zuvor; nie zuvor so gebieterischen und so weithin deutlichen Reliefs, von der Wahrheit selbst gleichsam emporgehalten und hinausgestellt, aus der Ohnmacht erst geschaffen, wie es scheint . . .
Oder soll ich es in Währungen ausdrücken, da sie es doch sind, welche diese Zeit in ihre Bahnen warfen? Nun, wie zwei Münzen, für was sie gelten und nur auf ihren Klang hin und ohne Kommentar werfe ich sie hin: Wilson und Benedikt. Denn wer hörte nicht von selbst die schwere, gewaltige vor der hohlen und hinfälligen heraus? Wen erschreckte da nicht der Unterschied? Sogar Amerikaner. So viel Phantasie haben sogar sie.
Überhaupt — um von den Männern zu reden — meine ich, daß gegenwärtig kein Grund vorliegt zu ihrer Überhebung. Ich bin nie eine Frauenrechtlerin gewesen und dieser Bewegung gegenüber stets passiv geblieben; aber ich muß schon sagen: daß nach vielen Dezennien eines ausschließlichen Männerregiments ein derartig vollendeter Wirrwarr zutage gefördert wurde, gibt doch zu denken. Man möchte da wirklich meinen, daß, wenn die Damen (ich nenne keine beliebigen, sondern solche, die sich schon erprobten, die es wirklich gegeben hat, die mithin irgendwie weiter vorhanden sind), wenn Damen vom Schlage der Markgräfin von Bayreuth, Maria Theresia, Katharina II. und die von Siena, Julie de Lespinasse und auch die alte Queen, daß, wenn solche Frauen mehr im Vordergrunde gestanden hätten, statt ausgeschaltet zu sein, mit zu bestimmen, statt zu schweigen gehabt hätten, daß dann . . . — es läßt sich nichts beweisen.
Fest steht nur, daß die Dinge, wie sie ohne ihr Zutun und in dem selbstherrlichen Männerstaat erwuchsen, unmöglich noch ärger oder noch verfahrener sein könnten, und daß bei einem solchen Ergebnis ihrer Regiekunst, wie wir es heute erleben müssen, die abgeworfene Bescheidenheit wieder in ihre Rechte treten könnte. Man dürfte, meine ich, sich sogar darauf besinnen, daß die Frauen, wo immer sie zur Herrscherrolle gelangten, schon von der alten Dido her sich fast immer glänzend bewährten und große Regentinnen waren, sei es, weil das Regieren gar nicht so schwer ist, oder, da es erwiesenermaßen so außerordentlich schwer ist, weil sie vielleicht zu regieren berufen sind, weil dies vielleicht sogar ihre Spezialität sein kann. Es gefällt mir an den Engländern, daß sie, einem Impuls der Selbsteinkehr folgend, mitten in die politische Débâcle hinein, als die ersten zur Berufung des ersten weiblichen Diplomaten sich entschlossen haben.
Bei uns dagegen heißt es jetzt, die Unpolitischen müßten politisiert werden, aber dieser Ruf, so berechtigt er ist, ergeht so spät, daß auch schon die Stunde für eine Selbsteinkehr der Politik selbst geschlagen hat. Denn was diese noch nicht wahrhaben wollte, war längst in das Bewußtsein der Völker eingedrungen. Ein Beweis dafür sind gerade jene jüngsten Völker, die in letzter Stunde auf den Schauplatz der europäischen Geschichte traten. Rakowsky, der große Vorkämpfer für einen Balkanbund, erblickte die Gewähr für eine nationale Befreiung und Vereinigung bei den Balkanvölkern und nicht bei den Balkanstaaten — und zehn Jahre später, 1874, schrieb Karawelow: „Die Hauptursache der bisherigen Sklaverei ist die, daß die christlichen Nationen auf der Balkanhalbinsel, sowie alle andern Völker und Nationen betrogen sind, weil sie Hilfe, Unterstützung und Heil von den europäischen Kabinetten erwarteten, und am meisten von Rußland“ und Botjow: „Wenn die Regierung eines jeden Volkes der Ausdruck seines eigenen Willens und seiner Bestrebungen gewesen wäre, so hätten selbstverständlich Serbien, Griechenland und Rumänien, sowie Montenegro längst ihre Staatsgrenzen überschritten und den Bulgaren geholfen — aber, wie es scheint, haben die Regierungen dieser Staaten sich bisher mit nichts anderem befaßt, als mit der Nachahmung der klugen Devise eines Metternich: Divide er impera!“ Und sich gleicherweise gegen den Panhellenismus Griechenlands wie gegen die großserbischen Ideen wendend klagt er diese Staaten an, daß sie der Idee eines brüderlichen freien südslawischen Bundes entgegen seien.
Die Neulinge, die das schrieben, nannte man Revolutionäre. Und warum wollten sie das Unmögliche? Gewiß nicht, weil es unmöglich war, sondern weil die Großmächte ihr Prestige von so rationellen Bewegungen mit Recht bedroht sahen, sie also niederhielten und, ihren vorchristlichen Kurs beibehaltend, das Dogma von einem Balkanwetterwinkel aufstellten und die Völker mit weiser Miene dahin steuerten, wo sie heute angelangt sind.
Sie waren ja, diese Völker, wo sie nur konnten, vor Ausbruch dieses Krieges zueinander unterwegs: Die Deutschen nach der Provence, die Französinnen mit Kisten und Schachteln nach München und Bayreuth, Autos, überfüllte Sleepings, Wanderer, wohin man sah, und statt der Salons, ich sagte es schon, hatten die Bahnhöfe ihre „Habitués“. Wer ein Haus besaß, war von dem einen Wunsch beseelt, es wieder los zu werden, und nur unter den Politikern und Kapitalisten gab es noch einen Ausschuß, der es für dringend geboten hielt, daß Europa zu einem Spital zusammenbreche; sonst war schon das größte Zueinander im Schwung: ein ewiges Kommen und Gehen; kein Verweilen; nirgends; bei niemand.
Und mit Recht.
Herr Borchardt mit seiner, von allen Registern geschwellten, und doch so weit ab von der Wahrheit hinorgelnden Rede, besinne sich doch: er traf das Rechte nicht. O Gedanken! seid ihr denn von der Welt entflohen, seit die schimmernden Zeppeline Bomben statt Passagiere durch die Lüfte fahren. Ach! laßt mich reden! laßt mir meine Narrenfreiheit! Ich sage ja nichts anderes, als was unsere Kindeskinder sagen werden. Mögen wir alle, die heute leben, zu Staub darüber werden, ehe es sich erfüllt, wahr bleibt es doch, daß die Völker, bevor sie jäh und gewaltsam auf sich selbst zurückgewiesen wurden, den Plan schon beschritten hatten, von wo aus ihre Wege verschlungen ausliefen und das Tal der Menschheit geweitet stand. Wie der Fluß, der als Quelle der Höhe entstürzt und dann sich über Blöcke und Fälle quält und durch finstere Schächte ängstet, bis er ans Licht und breiten Laufes strahlend dem Meer entgegenströmt, wie er da wohl zu außerordentlicher Höhe sich türmen würde, wenn er vor seiner Mündung gewaltsam in sein enges Bett zurückgedrängt, die alten Ufer wieder aufwärtstreiben müßte, ebenso werden die Völker, die jäh und gewaltsam auf die schon verlassene Enge zurückfluten, gewiß leidenschaftlich große Taten verrichten; aber neue Gestade sehen sie nicht, und um ihre Bestimmung sind sie betrogen.
Aber wer denkt noch daran? Wie bezeichnend ist es, daß fast alle, die geistig zu dem Kriege Stellung zu nehmen versuchten, unweigerlich versagten,[4] und daß nur das Wort von der „Ohnmacht der Gedanken“ ins Schwarze traf. Die Gleichförmigkeit, mit welcher die Kriegführenden das Ritornell von dem aufgezwungenen Krieg absingen, ist nicht mehr anzuhören. Sogar Italien stolperte nachträglich mit demselben Notenblatt herzu. Es ist das einzig Gemeinsame zwischen ihnen geworden. Entschlössen sie sich doch, gleicherweise Stellung zu nehmen wider die eigenen Besessenen, die hinter der Zeit einherlaufen, Gewesenes aus der Taufe heben möchten und durch ihre Verblendung die verruchte Falle stellen halfen, welche gleicherweise die Völker in diesen rückständigen Krieg hineinlockte!
Seltsam! Inmitten des Jammers um die hingemordeten, die vermißten, die ungeborgenen, die ewig um ihre Jugend betrogenen Söhne, in einer von Rachegefühlen unterminierten Welt stehen überall nur die Schuldigen unbedroht. Es ginge nicht an, sie zu einem Reigen zusammenzutreiben, einem Reigen, den Kitchener wohl am schicklichsten eröffnen würde. Denn mit seiner, unseres Zeitalters so vollkommen unwürdigen Initiative der Konzentrationslager hat er einen schmachvollen Zustand geschaffen, namenlose Leiden unschuldiger Menschen inszeniert, und er ist es, welcher durch die Preisgabe und Verfolgung der Wehrlosen den niedrigen Instinkten des Pöbels am meisten entgegenkam. Jedes Volk hält ja in Friedenszeiten die Spalten seiner Zeitungen für die Aufzählung der eigenen Greueltaten und Verbrechen offen. Mein Gedächtnis ist nicht so kurz. Auch der Geschichte bleibe ich eingedenk, und deshalb auch der Tatsache, daß Kitchener einen Pöbel aufreizte, für den gerade in seinem Lande die Prinzessin von Lamballe und der kleine Ludwig XVII. so unvergeßlich sind.
Warum tauscht man nur Verwundete, keine Verantwortlichen aus? . . . Welch törichter Vorschlag! Warum so töricht? Weil er unausführbar ist. Sehe ich denn das nicht ein? Aber mit allen Anzeichen des Blödsinns beharre ich auf meiner Frage: Warum ist es nicht möglich? Was ist dann möglich? Nur das Unmögliche ist also möglich: daß dieser glückliche Erdteil sich auftat zu einem Sumpf von Blut und Wunden, der das Gemüt immer tiefer hinabzieht. Nein, ich verstehe diese Welt nicht mehr!
[4] Wie kann ein Philosoph sein Buch „Genius des Krieges“ nennen? Unwillkürlich empfindet man auch einen Titel wie „Gedanken im Kriege“ als ungedanklich. Thomas Manns Parallele zwischen Friedrich dem Großen und dem heutigen Deutschland ist besten Falles ein scharfsinniger Einfall, aber es ist kein Gedanke. Gedanken sind aus diesem Kriege überhaupt nicht zu holen. Es fragt sich da nur, wessen Gedanklichkeit einem so elementaren und blinden Wirbelsturm widerstand. Eine andere Probe auf ein solches Exempel gibt es nicht.
Zehnter Brief
Man muß es schon einmal sagen: denn darüber wird eines Tages kein Zweifel sein, daß in dieser Zeit nur einer das Recht auf seiner Seite hatte, und das ist der parteilose und unparteiische Papst; die Neutralen, die sich heute gerne besser dünken, keinesfalls; aber auch die Streitenden nicht; mögen sie sich noch so vortrefflich halten: der über dem Streit Stehende überragt sie doch weit, und vorbildlich ist nur er.
Dieser Vorbildlichkeit wegen halte ich auch stets die Erinnerung an einige Episoden fest, die ich alle mit Namen versehen und beschwören könnte.
Zum ersten: in London. Seit 1904 fuhr ich ziemlich regelmäßig hinüber. Die Phasen der Feindseligkeit während dieser Zeit waren mir sehr persönlich fühlbar geworden, ebenso deutlich der zuletzt einsetzende Umschwung. So populär endlich wie im Frühsommer 1914 — die Geschichte wird es bezeugen — waren die Deutschen seit einem Menschenalter nicht gewesen; ja, sie standen im Begriff, London im Sturme zu erobern. Ein Deutscher, mochte er auch zu Hause als ein ziemlicher Pinsel gelten, hier genoß er a priori, lediglich weil er Deutscher war, Anspruch auf Gedankentiefe und Geist. So weit war man schon.
Die wertvollste Orientierung über die öffentliche Lage erstattete jederzeit Lady C . . . . Ich kannte sie nicht, aber es genügte, ihr von weitem zuzusehen. Stets in das allerletzte Fahrwasser getaucht, zeigte niemand besser die Temperatur der elften Stunde an, ob dies nun die letzte Geschmacksrichtung in der Musik, der Literatur oder der Mode oder aber, vor allem anderen, die letzte politische Strömung betraf. Niemand trieb so leidenschaftlich mit ihr empor und war alsbald so ganz von ihr erfaßt.
Am Vorabend meiner Abreise saß ich im Salon meiner Freundin und erwartete mit ihr Lady C . . . . Sie hatte ihren Besuch angekündigt und erschien noch vor Mitternacht, von Juwelen überfunkelt, das gelbe Haar von Diamanten übersprüht, Wurf und Farbe ihres Kleides voranleuchtend und noch nicht dagewesen. Ihre schnellen Blicke, während sie sprach, bedeuteten mir ohne Vorbehalt, daß sie aus Neugierde gekommen war, und zwar wegen mir. Es gab kein Thema, das sie da nicht heranzog, nichts, worüber sie nicht meine Meinung, mein Urteil als ausschlaggebenden Faktor — denn ich war ja deutsch — zu wissen begehrte. Und was rief sie da nicht, bevor sie, schneller als sie gekommen, wieder entschwirrte und ihr Auto durch die stillgewordene Grosvenorstreet der fünften oder sechsten „party“ des Abends entgegensurrte: „Give me the Germans!“ rief sie hingerissen. „They are the first people in the world.“
Und da ich mir noch immer in der Ferne, und wenn ich mich eine Weile räumlich von den Germans geschieden hatte, diese Meinung über sie zurückerwarb, stimmte ich ihr rückhaltlos bei.
Diese ihre letzten Worte waren es auch, welchen ich folgenden Tages gerne nachhing, während vor mir Ahnungslosen die englische Küste immer weiter zurücktrat. Schafwölkchen weideten am Himmel, und ich sah zufrieden zu ihnen auf. Denn Gott sei Dank! man war endlich vernünftig geworden und die Gefahr war überstanden. Ich teilte meine frohen Wahrnehmungen einem Engländer mit, den ich an Deck des Schiffes traf und der mit den Politikern seines Landes aufs engste verquickt und verschwägert war. Krieg, sagte ich, gibt es keinen mehr. Aber er schüttelte den Kopf: „Sie lassen sich täuschen. Ich sehe nirgends Anzeichen dafür, daß man ihn vermeiden wird.“
Noch waren sich aber die wenigsten Leute bewußt, daß es ein Serajewo auf der Karte gab.
Fünf Wochen später: München. Bei einem namhaften russischen Maler lebte dessen originelle, wenn auch unzuverlässige und unkultivierbare Schwester. Eines Tages verkrachte sie sich mit ihm, und da es ihr an allen Mitteln, um allein weiter zu existieren, gebrach, erklärten sich ihre bisherigen Bekannten als ihre Kundschaft, und indem sie sozusagen eine Privatschneiderin wurde, fuhr sie fort, gesellschaftlich mit ihnen zu verkehren. Alles ging zum besten, bis es Sommer wurde und ihre ausstaffierten Freundinnen die Stadt verließen. Nunmehr saß die auf Vorzugsbehandlung gestellte Amateurnäherin allein und kümmerlich in ihrem Zimmer. Diesen längst vorausgesehenen Moment nahm ich wahr, um endlich auch meinerseits etwas zu bestellen.
Als ich zur Anprobe kam, war sie nicht zu Hause, erschien aber gleich darauf hochgemut und federngeschmückt direttissimo von einem Mittagsschmaus bei einem alten russischen Grafen. Sie legte, seitdem sie schneiderte, ganz besonderen Wert darauf, auch weiterhin von ihrer Gesandtschaft eingeladen zu werden, und der alte Graf tat ihr immer den Gefallen. Der Stab war diesmal sogar vollzählig erschienen, sie hatte als einzige Dame den obersten Platz behauptet; so gut hatte sie es nicht alle Tage; zerstreut, doch um so mitteilsamer steckte sie die Falten meines Mantels zurecht, und wie ich jetzt bemerkte, hatte sie „le vin bavard“. „Ah! il faut une guerre!“ rief sie plötzlich aus . . . „Oh pas maintenant: en 1915“ (und berief sich auf ihren Gewährsattaché) „il le faut . . . Les Allemands sont devenus trop arrogants.“
„Vous vous trouvez bien chez eux.“
Kurz zuvor saß ich im Lesesaal eines Pariser Hotels. Ich sehe die Zeitung durch; doch von Übelkeit und Verzweiflung überwältigt, werfe ich sie wieder hin und stürze in mein Zimmer hinauf. Es blickt auf den Fluß. Allein die weite und geliebte Stadt wird mir zur fürchterlichen Enge. Wohin soll dieser Ton, dieses Geschrei, sollen diese höhnischen Ausfälle und Drohungen, soll dieser unheilbare, unbelehrbare, planmäßige Deutschenhaß, wohin soll er führen?
Warum, da er nun gekommen ist, dieser Krieg, den überall noch zu viele wollten, warum wollen sie ihn plötzlich alle nicht gewollt haben und wälzen die Verantwortung für diese ungeheuere Tragödie der Mitschuldigen einander auf?
Weil sie recht hatte, die mutige Frau von Suttner, die vielverlachte Friedensberta, mit ihrer Behauptung, daß die erste Zwangsfolge des Krieges die Lüge sei!
Mein Gott, wie sehnlich wünschte ich, daß wir, uns selber treu, den anderen Völkern mit der Initiative vorangingen, den inneren todbringenden Feind zu stellen. Vielleicht warten sie in England nur darauf, um zuzugeben, daß bei ihnen jener Militarismus, dem sie bei uns den Garaus machen wollen, in Lord Kitchener, auf den sie doch so stolz sind, in seinem subalternsten Glanze erstrahlt; und daß jener Imperialismus, den sie, wo er als Pangermanismus auftritt, so namenlos verabscheuen, in Churchill, von dem sie sich doch regieren ließen, seinen typisch großmäuligen Vertreter fand. Gut also. Lassen wir fürs erste die Imperialisten aus dem Spiel. Machen wir versuchsweise nur gegen unsere Alldeutschen Front.
„Die Franzosen neigen zur Suffisance. Sie haben stets etwas von Kindern. Wir nie. Aber das Ominöse und Charakteristische bei gewissen Alldeutschen ist, daß sich die Arroganz bei ihnen an Stelle der Besonnenheit behauptet und da Türen zuschlägt, wo sonst Gedanken wären.“ Von mir im Jahre 1904 geschrieben, sogar gedruckt, aber natürlich ignoriert: „Denn in keinem Lande ist es so unmöglich, sich Gehör zu verschaffen, wenn man nicht in Amt und Würden schon ergraute, wie bei uns. Nur Dichtern, Schauspielern und Tänzern ist bei uns Jugend bewilligt.“ Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich mich schon wieder selbst zitiere. Hatte ich aber nicht recht, wenn mir damals schon vor jenen Leuten bangte, über die wir innerhalb des Reiches leichtsinnig die Achsel zuckten, während man draußen nur allzu gespannt den paar Schreiern, wie wir sie verächtlich nannten, aufhorchte, die so lange an der Höllenpforte rütteln halfen und, wo sie einzurosten drohte, sie wieder ölten, bis sie sich von selbst in ihren Angeln drehte. Ja, aus meinem Deutschtum heraus hasse ich sie, diese Schädlinge, wie jene Raupen, die in ihrer mörderischen Geschäftigkeit die Farbe des Laubes annehmen, das sie zerfressen, und sich nicht unterscheiden lassen von der königlichen Eiche, deren Tod sie bereiten. Denn ihnen danken wir es heute, daß eine verblendete Welt mit einer Herzenskälte ohnegleichen den beispiellosen Kampf mit ansieht, den ein verkanntes Volk bestehen muß, nur dem Griechenvolk hierin vergleichbar, ja es noch überbietend.
Jene humorlose Gilde aber, welche, den Räuberhut in die Stirne gedrückt und den Brigantenmantel über die Schulter geschlagen, so fürchterlich verspätet in der Geschichte aufzog, schiebt sich heute Bismarck als Gewährsmann unter: ihn, dem sie schon fatal gewesen sind, als sie noch in ihren Anfängen steckten, weil er wohl ahnen mochte, wie sie sich auswachsen würden. Oder wird mir ein Kenner Bismarcks entgegnen, daß die Art, mit welchem der und jener seine eine ewig selbe Geste des Handschuhhinwerfens meistert, nach Sinn, Art und Geschmack des schmiegsamsten aller Staatsmänner sei? Würde sich der Gründer des Deutschen Reiches heute von den Alldeutschen nicht vielmehr boykottiert, ja, verdächtigt sehen, er, welcher nach dem Sieg von 1870 Lothringen Frankreich zu lassen riet und mit so feierlichen Worten die Verantwortung für diesen Krieg jenen aufbürdete, die damals diesen seinen Rat mißachteten?
Elfter Brief
Es stellt sich doch jedesmal als eine Illusion heraus, wenn man das Patent auf einen Gedanken oder einen Einfall zu haben glaubte. Was uns durch den Sinn fährt, hängt schon so sehr in der Luft, daß immer schon ein paar Leute zuvor darauf verfielen.
Der Frühling umhing noch nicht dies welkgewordene Laub, als ich über die Grenze fuhr, froh zu einem unbelagerten Himmel aufzusehen. Denn in den kriegführenden Ländern ist wirklich wie ein Netz über uns ausgespannt, das uns die Sonne und die Luft vergittert.
Doch keiner verlasse seine Heimat, der sich von seinem einseitigen Standpunkt als wie von einem Schilderhäuschen nach drei Seiten hin beschützen ließ. Die fremde Presse darf seiner Bangigkeit nichts hinzufügen: er darf nichts entdecken. Nur der Undüpierte wage den Anstieg. Wen es schon gleich zu Anfang umblies, der hüte sich, daß er ein anderes Mal nicht vornüber stürze und sich die Hirnschale einschlage.
Da meine Trauer überall dieselbe ist, durfte ich es riskieren, daß ich die Schweiz nach allen Richtungen befuhr. Ostern, der erste Frühlingstag war gekommen. Sein sanft geschwellter Hauch erhob sich über Genf, und der entschleierte Berg leuchtete wissend und bleich am Ende des Tales. Ich hielt eine Blume, eine frühe, duftende, vom besonnten Hügel Champels, und stand über die Brücke gebeugt, vor mir die Spiegelung des Sees. Aber wir, die noch in Sonne, Wind und Regen über der Erde wandelten, waren ja nur Leidtragende mehr, jede Wiederkehr des Frühlings würde sich uns auftun wie mit Grabesschwärze; wir blieben die gepreßten und umflorten Zeugen seines Überschwangs und seiner Glorie, die für uns durchsetzt blieb von Klängen des Grams um die gemordete Hoffnung. Ostern nur ein Allerseelen mehr für uns, die wir um das veränderte und zerklüftete Antlitz dieses Erdteils wissen, der zum weiten Todesacker verwandelt, so übervölkert ist von den Schatten der Geopferten, o, und von dem Spuk namenloser Qualen so untröstlich umweht! Der Frühling. Fürwahr! Auf Jahrzehnte hin griff ich da seiner Wiederkehr allzu verwegen zuvor, und vor dem Ansturm von Melancholie rettete sich das Bewußtsein nicht.
Gewiß ist ja das Leben um so Vieles trennender als wie der Tod, daß er geradezu den Prüfstein der wahren Zusammengehörigkeiten bildet, welche das krause Leben mit solcher Vorliebe verdrängt. Käme ein Marsbewohner, vor seiner Fremdheit bangte uns nicht. Warum dies Grauen vor dem so nah verwandten Geisterreich? Von ihm befleckt, wie die Wellen von der besonnten Luft, verrinnen doch unsere Tage. Und doch, wo immer wir dem Lockruf, den es entsendet, zu innig lauschen, entsetzen wir uns; wovor?
Als ich wieder emporsah, waren die Ufer und der Himmel entschwunden, und Laternenschein herrschte im Dunkel der angebrochenen Nacht. Vor den flimmernden Schaufenstern gingen Menschen aufrechten Ganges hin und her; eine Buchhandlung lag hart am erleuchteten Quai. Ich eilte auf sie zu, mischte mich unter die Kunden, griff nach den Büchern und blätterte darin. Aber mit welcher Öde, mein Gott! faßte ihre Wirklichkeit an: „Der Krieg, La guerre, La guerra, The war!“ wußte man nicht im voraus, was sie widereinander brachten?
Ein einziges trug noch die Jahrzahl 1914 und stammte aus der unwiederbringlich verlorenen, der großen paradiesischen Zeit. Es hieß: „L’Enigme Allemande“ von Georges Bourdon, und ich stieß da gleich auf folgenden Satz: