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Briefe eines Malers an seine Schwester

Chapter 26: Hinweise zur Transkription
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About This Book

A sequence of intimate letters from a painter to his sister recounts his return to his native town and the impressions that arise from revisiting childhood places. He blends vivid domestic recollections and detailed descriptions of rooms, objects, and images that influenced his artistic sensibility. Personal portraits of family and acquaintances alternate with candid reflections on religious pietism, social pretensions, and small‑town manners. Throughout the correspondence he considers memory, artistic ambition, and the uneasy relation between private feeling and public expectation.

Ludwig stand noch da, ohne sich zu regen. Ein Rest der alten Gesinnungen war noch vorhanden, eine Scheu warnte ihn, nicht ein so großes Uebel zu thun und wider den Herrn seinen Gott zu sündigen. –

»Alle Mann heran!« scherzte frohlockend der Wirth, und rieb sich die Hände, »das giebt einen köstlichen Spaß!«

»Aber,« wendete Ludwig ein, »Kraaß wird natürlich Alles erzählen.«

»Bewahre!« entgegnete der Andere, »wir rühren hier im Thurme nicht das Mindeste an. Wenn er morgen aufwacht, wird's sein, daß man ihn, entsetzt über den leeren Speicher, herausdonnert. Jeder Mensch wird dem verschlafenen, alten Säufer die Unschuld gleich an der Nase ansehen, und er wird sich hüten, die auf Verdacht anzuklagen, die als Freunde sehr vortheilhaft, als Feinde aber sehr gefährlich sein würden.« –

Ludwig betheiligte sich an dem Diebstahle. Es wurde gleich abgemacht, daß bei der Theilung keine Gewinnstufen stattfinden sollten, nur der Knecht mußte sich mit einem Antheile von 50 Rthl. zufrieden erklären.

Gegen 2 Uhr Nachts fuhr die erste Ladung in die ungepflasterte Auffahrt des Wirthshauses. Ludwig begleitete sie, um die Waaren nach Weisung des Wirthes unterzubringen. Während dieser Zeit belud man den schon harrenden Einspänner und berechnete, wann Alles abgemacht sein könnte, als der Wächter laut scheltend und fluchend vor dem Thurme erschien, und mit vielen Schwüren betheuerte, er werde diesen Diebstahl verhindern. Den Dieben trat der Angstschweiß auf die Stirn, zum Glück tobte freilich das Meer, aber der Mann hatte eine gellende Stimme.

»Schweigt, Unsinniger,« sprach der Wirth drohend auf ihn ein, »es ist zu spät, legt Euch und schlaft, Ihr wißt von Nichts!«

»Oho!« schrie der Andere, »ich weiß von Nichts? – wir wollen doch einmal sehen!« und damit ging er trotzig in den Thurm. Wie der Wind war der Wirth hinter ihm her. Aber da klang es schon durch die Nacht hin – Glockenschlag – der Alte hatte die Nothglocke angeschlagen, einmal aber nur, dann mußte er sich beruhigt haben, vielleicht war er in seiner Trunkenheit umgefallen. Es wurde ganz still im Thurme. –

Am andern Morgen verbreitete sich mit reißender Schnelligkeit das Gerücht: der Strandwächter Kraaß sei erdrosselt, und ein großer Theil der Ladung des gestrandeten Schiffes Hieroglyph gestohlen.

Einer von denen, die durchaus dieses Gerücht nicht glauben konnten, war der Wirth in Pranbeck, und als sich die Thatsache dennoch herausstellte, war er eifrig damit beschäftigt zu beweisen, daß Seeleute dies Verbrechen verübt haben müßten. Trotz seines Unglaubens und seiner Gründe wendete sich aber der Verdacht sehr bald gegen ihn selbst, und acht Tage nach jener schrecklichen Nacht ward er, die beiden jüngern Grenzbeamten, sein Knecht und Ludwig Schmidt, der bei ihm arbeitende Tischlergesell, auf einem Wagen nach der nächsten Kreisstadt eskortirt. Die Gefangenen waren gefesselt und zwei Gensdarmen begleiteten sie.

In dieser Zeit war es, als die alte Mutter im Waldhause so vergeblich und unruhig auf einen Brief von ihrem Sohne wartete. In dieser Zeit beugte sich auch ein Mensch, der lange Zeit mit seinem Gotte unzufrieden gewesen war, und ihn gemeistert hatte, mit durchgreifender Zerknirschung tief, tief in den Staub. Gleich in dem ersten Verhöre hatte er seine Schuld gestanden; vom Morde wußte er nichts. Das mußte aber erst erwiesen werden; zwei der andern Gefangenen gingen gerade so weit wie Ludwig, des Diebstahls bekannten sie sich schuldig, des Mordes nicht, und der Wirth und sein Knecht wollten anfangs sogar von gar keiner Schuld wissen, die gefundenen Sachen waren rechtmäßig erworbene Lagervorräthe, alle erschwerenden Umstände des Verdachtes beklagenswerther Zufall. –

In seiner einsamen Zelle erschienen Ludwig am Tage und in den langen schlaflosen Nächten liebliche und doch so schmerzenbringende Bilder. Seine Jugendzeit, das stille, heimische, so oft verachtete Haus, besonders aber die Mutter mit ihrer reichen Liebe, ihren Thränen und ihren tausend Opfern. Auch seine stolzen Gedanken von früher und alle seine hohen Versprechungen kamen zurück und sahen ihn höhnend an. Dann hätte er laut aufschreien mögen, zu qualvoll war's, zu schrecklich!

»O Mutter, Mutter!« rief er laut. – Der Schlüssel klirrte im Schlosse, die Thür ging auf, Ludwig raffte sich auf vom Boden, er hatte auf den Knien gelegen, aber er stieß einen furchtbaren Schrei aus, verhüllte sein Antlitz und beugte es ganz hinab, daß es nichts mehr sehen konnte, auch all sein Elend nicht zeigte. Seine Mutter stand ja vor ihm, wirklich vor ihm, bleich und liebevoll, weinend ihm entgegen lächelnd. Sie streckte auch die Arme aus, aber wie hätte er es wagen dürfen, dahinein zu sinken, er, der Verbrecher im Kerker, in die Arme dieser Mutter!

Aber hatte der Anblick die Mutter denn getödtet? Er hörte ja nichts von ihr, kein Wort, keine Bewegung. Er mußte es wagen, seine Augen zu ihr zu erheben. Da lag sie auf ihren Knien, und ihre Hände und Blicke und ihr ganzes Herz waren nach oben gerichtet, und ihre Lippen bewegten sich ganz leise. Da das der Sohn sahe, wand er sich kniend zu ihr hin und reichte ihr die heilige Schrift, wie sie da aufgeschlagen gelegen hatte, und deutete mit dem Blicke auf eine Stelle, die er täglich wohl hundert Mal gelesen und immer wiederholt hatte. Und die Mutter warf nur einen Blick hinein, und dann sprach sie laut und klangvoll, daß das Herz des Sohnes erbebte: »Herr Gott, Dich lobe ich; dieser mein Sohn war todt und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wieder gefunden worden!«

Ludwigs Abwesenheit vom Schauplatze des Verbrechens zur Zeit des Absterbens des Alten, stellte sich im Laufe der Untersuchung sicher heraus; er ward von der Anklage auf muthmaßlichen Mord freigesprochen. Anders war's mit dem Diebstahle, den er selbst eingestanden, dafür wurde er zu zwei Jahren Zuchthaus verurtheilt, die er, begleitet von seiner Mutter, die sich nie wieder von ihm trennen wollte, abbüßte. Die alte Frau, vom Untersuchungsrichter empfohlen, fand in der Familie eines Strafanstaltsbeamten ein Unterkommen als Kinderwärterin und durfte täglich ihren Sohn sehen, auch mit ihm Morgens und Abends in dem großen Betsaale des Zuchthauses ihr Gebet mit dem seinigen vereinigen.

Als die Strafzeit zu Ende war, kehrten Mutter und Sohn in die Heimath zurück. Ludwig konnte nach den Gesetzen der Innung nicht Meister seines Gewerkes werden, aber er fand dennoch allerlei Beschäftigung und viel weniger hartes Urtheil, als man gewöhnlich über Gefallene hört. Sein stilles Wesen, sein Fleiß, seine Kindesliebe, und vor Allem seine Demuth und Anspruchslosigkeit söhnten die Menschen mit ihm aus, und seine Mutter fühlte sich so glücklich in seiner Gesellschaft wie nimmer zuvor. –

»Lebt sie noch?« fragte Cäcilie.

»Nein,« antwortete Julchen, »aber Du kennst den Sohn ganz gut, es ist der Missionsbote für unsern Kreis.« –

»Schmidt?« fragten die Mädchen verwundert.

»Ich habe ihn ja immer bei seinem Namen genannt,« erwiederte Julchen lächelnd.

»Es giebt viele dieses Namens, aber nun weiß ich, wovon er es versteht, so wunderschöne ausgelegte Kästchen zu verfertigen,« meinte Ida.

»Und warum er, der geschickte Mann, diese Beschäftigung erwählt hat,« setzte Cäcilie hinzu. »Ja, wie viele Menschen würden wir mit ganz andern Augen ansehen, wenn wir ihre Geschichte so genau kennten.«

»Und ihr Herz,« sprach ich leise.

»Das gehört ja zusammen,« erwiederte sie nachdenklich, »ich glaube wenigstens.« –

Ein unerhört langer Brief. Ich habe mehrere Abende daran geschrieben, that es aber recht gern. Schade daß Du die Augen nicht dazu siehst, die mir dabei oft vorschwebten. In diesen Augen spiegeln sich treu alle Gefühle: Besorgniß, Trauer, Hoffnung, Beifall, Andacht, nur eins sah ich noch nicht darin, werde es auch wohl nie sehen. Zuweilen senken sich auch diese Augen beharrlich, dann möchte ich erst recht wissen, was sie zu verbergen sich bemühen. – Lebe wohl.

Dein Justus.

Am 6. März.

Dank für Deinen lieben Brief, besonders für die Stelle, welche meine Frage so schön beantwortet. Gemeinsames Streben also, Ein Zier, Ein Glaube, Eine Liebe, Eine Hoffnung verwischen alle sonstige Verschiedenheit und bedecken der Flecken Menge. Ein Streben – ja das ist vorhanden, zur höchsten Klarheit, aber Glaube, Liebe, Hoffnung, darin erscheint sie mir vollendet, und ich bin nur ein schüchterner Anfänger darin; es ist nicht unmännlich, die Wahrheit zu gestehen, sie mag heißen, wie sie will. –

Ich werde jetzt stark in Versuchung geführt, etwas zu wagen: unser elterliches Haus soll verkauft werden, aber es ist nur eine Versuchung Unruhe und Schmerzen hervorzurufen, ich will mich davon losreißen. – Dienstag über acht Tage werde ich abreisen, dann fährt der Graf nach Berlin und ich mit ihm. Vielleicht ist dies also der letzte Brief aus Burgwall, er soll Dir innige, treue Grüße bringen. –

Den 15. März.

Der Brief liegt noch, die letzte Zeit war voller Unruhe, nun will ich aber unsere Burgwaller Correspondenz schließen. Auf morgen früh ist die Abreise festgesetzt, der Koffer ist gepackt und die leidigen Visiten sind überstanden, nur Bernwachts und Julchen habe ich noch aufgespart, die sind für sich. – Cäcilie ist seit einiger Zeit leidend, möglich, daß ich sie nur noch auf Augenblicke sehe. Ich liebe das junge Mädchen, Pauline, es ist keine Phantasie, keine Passion, es ist ein unwiderstehlicher Zug des Herzens, der mich an sie fesselt, ich fühle das jetzt mit einer Klarheit, die mir den Abschied sehr schwer, aber ganz unumgänglich nothwendig macht. – Das Kind ist so zart, wenn sie stürbe! Ich zittere bei dem Gedanken. Wüßte sie, daß ich leide, dann würde sie traurig werden, trauriger muß ich sagen, denn in ihrem leidenden Zustande sieht sie matt und angegriffen aus, auch seelenmatt, sie lächelt viel seltener als sonst, aber ihr würde auch unheimlich dabei, denn sie kennt ja keine Liebe, die Schmerzen bereitet. Sie sei Gott empfohlen, Seine Engel werden sie beschirmen. –

Ich werde nun in die Stadt gehen, auch auf den Friedhof, und will für Dich ein Epheublatt mitbringen vom Grabe der Mutter. –

Sobald ich kann, werde ich Dich aufsuchen. Die Zukunft sieht mich allzuschaal und nüchtern an, kaum mag ich an sie denken. Lebe wohl!

Justus.

Berlin, den 20. März.

Du wirst es gleich diesen Schriftzügen ansehen, daß etwas Großes mit mir geschehen ist, nicht wahr, Schwesterherz? Falte Deine Hände und bete für Deinen Bruder, mein Herz ist nicht im Stande, allein dem Herrn die heiligen Opfer darzubringen, die ihm gebühren, Du mußt helfen dabei! Sei auch nicht unwillig, wenn ich ungewöhnlich spreche, es ist ja nur Dir gegenüber, wo das Herz und der Mund klingen dürfen, wie sie wollen, die Welt hört nichts davon und ich kann ja nicht anders.

Ich schrieb Dir traurig zuletzt, – da auf den vorigen Seiten steht es noch – und beklemmten Herzens ging ich zu Bernwachts hinab.

»Cäcilie ist krank,« flüsterte mir Burga zu, als ich mich dem Hause näherte, »Du mußt ja leise gehen, und die Thür nicht so hastig aufmachen, sie ist so schreckhaft.«

»Sie hat das Fieber,« setzte Berga hinzu, »Mama meint, sie fiebere.« – »Nein,« widersprach die Andere, »sie hat ein Herzleiden. Vorhin war ich oben bei ihr, und wir sprachen ganz ruhig, ich sagte, das Wetter wäre so schön zu Deiner Reise, da sah ich, daß sie die Hand auf die Brust legte. Thut's da weh? fragte ich, da sagte sie: nein, aber es klopft viel heftiger, als es soll und, darf. Nach einer ganzen Weile sagte sie erst: so, nun ist es gut.«

Mit Schrecken gedachte ich ihrer stets sehr zarten Farbe und in letzter Zeit war sie wirklich auffallend blaß gewesen. Die Mutter begegnete mir auf dem Flur, ich fragte gleich nach Cäcilien und erhielt tröstliche Nachricht. Es sei durchaus nichts von Bedeutung, sie sei auch unten im Wohnzimmer. So war es auch. Ich fühlte mich nicht behaglich, der Abschied lag mir wie eine Bürde auf dem Herzen, daher brach ich früh auf. Alle sprachen liebe Worte, auch Cäcilie reichte mir ihre liebe Hand und sah mich lange sanft und freundlich an. »Sie wollen ja nicht wieder kommen,« sagte sie, »nun will ich mir schon Ihre Züge recht einprägen. Sie sind stets gütig gegen mich gewesen.«

Ich küßte ihr schweigend die Hand und ging dann zu Julchen und nahm Abschied von den Gräbern.

Als ich zurückkehrte, sah ich in Cäciliens Zimmer helles Licht, ich wußte ganz bestimmt, daß diese Stube im obern Stock die ihrige war. Gern hätte ich noch einen Schimmer ihrer Gestalt gesehn; ich harrte, da kam sie an das Fenster und sah zum Himmel hinan, droben aber funkelten die Sterne in wundervoller Pracht! Ich faßte gar keinen Entschluß, ich überlegte nichts, aber ich ging zu ihr, ich konnte nicht anders.

Niemand begegnete mir, im Dunkeln fand ich mich hin, bald stand ich vor der Thür und klopfte an: ich durfte eintreten. Sie stand noch am Fenster, nun wendete sie sich mir zu, ihre Hand legte sie leise aufs Herz, dann setzte sie sich wie erschöpft, fast wankend auf den Sopha und beugte einen Moment ihre Stirn in die Kissen nieder. »Sie sind sehr krank,« sagte ich heftig ergriffen. »Nein,« erwiederte sie, »nur sehr schwach, und ich verdiene diese Strafe vollkommen.«

»Welche?« fragte ich. »Daß Sie mich so sehen.« Ich verstand sie nicht. »Ich bin sehr heftig,« fuhr sie fort, »die erste große Versuchung, die der Herr mir schickt, zeigt mir meine gänzliche Hülflosigkeit, aber im Bekennen wächst die Kraft, so, nun wird es besser!«

Sie richtete bei diesen Worten ihren Blick mit Begeisterung auf ein Bild ihr gegenüber, ich folgte und war versucht an Wunder zu glauben; das Christusbild aus meiner Mutter Kabinet war Cäciliens Eigenthum!

»Ich kenne den Grund Ihrer Selbstanklagen nicht,« sprach ich mit tiefer Erregung, »ich kann nicht ahnen, was Sie so tief bewegt, aber Sie sollen wissen, mit welchem Schmerze ich von hier scheide; ich wollte schweigen, aber ich kann es nicht.«

Und nun erzählte ich ihr all die schönen Träume, die mich in Burgwall umschwebt, von dem Erkerstübchen, von all den wonnigen Phantasien, die mit ihm zusammenhingen, daß ich ihnen entsagen müßte, weil ich mich der vollen Huld eines geliebten Wesens, welches für mich der Inbegriff aller menschlichen Liebenswürdigkeit sei, unwürdig fühlte, daß ihr ganzes Benehmen mir auch zeige, wie wenig sie meine Liebe verstanden habe und erwiedere. Jetzt sei sie leidend, eine dunkle Unruhe hätte mich getrieben, sie noch einmal aufzusuchen, sie möge verzeihen, um der Liebe willen, die ihr geweiht sei. Und ich verstummte vor seligem Entzücken, entzündet an ihrem, an Cäciliens, die mich, mich liebt. Du glaubst es nicht, Du fragst, ob dies möglich ist; es ist durch Gottes reiche Huld volle köstliche Wahrheit!

Viel hätte ich zu erzählen von ihrer Demuth, die von Glück sprach, von ihrer himmlischen Offenheit, die mir gestand, wie sie bei meiner herannahenden Abreise Blicke in ihr Herz gethan und gefunden habe, daß es zagte, eine Oede zu werden, wenn sie fern von mir sein würde, wie sie befürchtet, Gott müsse zürnen, daß sie sein Geschöpf so sehr, zu sehr liebe. Und sie hat recht: bin ich dessen würdig? – Aber nun strahlte ihr kleines blasses, süßes Gesicht im Glanze der Verklärung: Gott war ihren Gefühlen gnädig, er segnete sie!

Wir gingen Hand in Hand hinab. Nichts von dem allgemeinen Staunen, Du kannst Dir's denken. Die Alten waren anfangs vor Ueberraschung stumm, Cäcilie hing aber an ihrem Halse und Burga und Berga umarmten mich, Therese und Ida kamen auch, da bekamen sie die Sprache wieder und Thränen dazu, und ich erhielt ihr Engelskind mit dem vollsten wärmsten Segen.

Nur wenige Stunden war ich noch in ihrem Kreise, hatte auch Geistesgegenwart genug an den Kauf unsers Vaterhauses zu denken, mein Schwiegervater, – wie klingt das, Pauline? ich sage Dir wie ein Segen! – also mein Schwiegervater wird diese Angelegenheit besorgen.

Zum letzten Male erstieg ich den Schloßberg. Ich blieb oft stehen und sah gen Himmel. Gott, welcher Reichthum droben und hier, ich staune, ich bete an, ich bitte um Verzeihung! Mein Glück wird endelos sein, Gott hat es mir gegeben; es ist auch ein solches, welches noch wachsen wird, denn Er wird es pflegen und behüten, ich fühle es.

Am nächsten Morgen verkündigte ich dieses Glück der gräflichen Familie und empfing ihre freudigen Glückwünsche, dann nahm ich Abschied von der verehrten Frau, und bald lag Burgwall hinter mir, aber trotz Abschied und Ferne, damals und jetzt, erhebe ich meine Hände und mein Herz hinan zum Himmel, Ihm Dank und Preis darzubringen, der so Großes an mir gethan hat; der meiner Seele half, als sie rang nach dem neuen Leben, der alle Dunkelheit und alles Bangen vernichtete, und in seinem Liebesrath mir den Engel beigesellte, dessen lichte Klarheit mir in Zukunft jeden Schatten von meinem Pfade verscheuchen wird!

Aber Du mußt sehen, Pauline, Du sollst und mußt Deine Schwester bald kennen lernen. Zu Pfingsten erwarten wir Dich bestimmt in Burgwall.

Schreibe bald, grüße auch Deine edlen, alten Freundinnen, und sei so glücklich wie

Dein Bruder Justus.


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Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt.

Darstellung abweichender Schriftarten: gesperrt, Antiqua.

Auf den Seiten 72 und 118 wurde das Währungssymbol für "Reichsthaler" ersetzt durch die Abkürzung "Rthl."

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,

(Seite 21)
im Original "»Mache einmal deine Augen zu, Felicitas,"
geändert in "»Mache einmal deine Augen zu, Felicitas,«"

(Seite 22)
im Original "um schön zu sei, etwas zu klein"
geändert in "um schön zu sein, etwas zu klein"

(Seite 22)
im Original "dreizehn und elf Jahren Burga und Berga genannt"
geändert in "dreizehn und elf Jahren, Burga und Berga genannt"

(Seite 40)
im Original "Gott nahm ihn mir früh"
geändert in "»Gott nahm ihn mir früh"

(Seite 41)
im Original "fuhr die Erzählerin fort,« ich will es Ihnen sagen"
geändert in "fuhr die Erzählerin fort, »ich will es Ihnen sagen"

(Seite 44)
im Original "»Sie war dabei so erwartungsfroh wie ein Kind"
geändert in "Sie war dabei so erwartungsfroh wie ein Kind"

(Seite 47)
im Original "und betheuerthe ich würde nur sehr ungern"
geändert in "und betheuerte ich würde nur sehr ungern"

(Seite 48)
im Original "die dem Schloße zunächst liegenden Wege"
geändert in "die dem Schlosse zunächst liegenden Wege"

(Seite 49)
im Original "»Ja,« antwortete ich,« gestatten Sie nur"
geändert in "»Ja,« antwortete ich, »gestatten Sie nur"

(Seite 60)
im Original "»es war immer mein liebstes."
geändert in "»es war immer mein liebstes.«"

(Seite 78)
im Original "»Das thue ich auch, und lasse es nun"
geändert in "Das thue ich auch, und lasse es nun"

(Seite 89)
im Original "hier im Schloße bin ich bald fertig"
geändert in "hier im Schlosse bin ich bald fertig"

(Seite 96)
im Original "»Wenn, Gott will – aber dem Demüthigen"
geändert in "»Wenn Gott will – aber dem Demüthigen"

(Seite 98)
im Original "Du kannst darin sicherer selig werden."
geändert in "Du kannst darin sicherer selig werden.«"

(Seite 124)
im Original "alle sonstige Verschiedenheit und bedecken"
geändert in "alle sonstige Verschie-schiedenheit und bedecken"

(Seite 126)
im Original "»Cäcilie ist krank, flüsterte mir Burga zu"
geändert in "»Cäcilie ist krank,« flüsterte mir Burga zu"

(Seite 127)
im Original "sagte sie »nun will ich mir schon"
geändert in "sagte sie, »nun will ich mir schon"