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Briefe eines Malers an seine Schwester

Chapter 5: Später.
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About This Book

A sequence of intimate letters from a painter to his sister recounts his return to his native town and the impressions that arise from revisiting childhood places. He blends vivid domestic recollections and detailed descriptions of rooms, objects, and images that influenced his artistic sensibility. Personal portraits of family and acquaintances alternate with candid reflections on religious pietism, social pretensions, and small‑town manners. Throughout the correspondence he considers memory, artistic ambition, and the uneasy relation between private feeling and public expectation.

The Project Gutenberg eBook of Briefe eines Malers an seine Schwester

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Title: Briefe eines Malers an seine Schwester

Author: Rosalie Sandvoss

Release date: October 9, 2021 [eBook #66499]
Most recently updated: October 18, 2024

Language: German

Credits: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was produced from scanned images of public domain material from the Google Books project.)

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK BRIEFE EINES MALERS AN SEINE SCHWESTER ***

Briefe eines Malers
an
seine Schwester.

Von
Rosalie Sandvoß.

Hamburg.
Agentur des Rauhen Hauses.

Druckerei des Rauhen Hauses. 1865.

Burgwall, den 10. Juni 18––.

Nun bin ich in der Heimath, vorgestern langte ich hier an. Es ist doch ein eignes Gefühl, wie ein Fremder, den Niemand kennt, den Keiner erwartet, für den nicht eine Seele einen freundlichen Gruß hat, in die Vaterstadt, in die Stadt seiner holdesten Erinnerungen zurück zu kehren. Du weißt, ich bin nicht sentimental, Pauline, aber da Du »Alles wissen willst, was sich zwischen mir und Burgwall ereignet,« so sei's gestanden, daß ich eine Art Herzweh fühlte, überall auf meinem Wege zum Gasthause Personen zu begegnen, die mich höchstens mit dem Blicke der Betrachtung beehrten. Und nun im Gasthause zu wohnen, ein wirklicher Gast, ein Fremder daheim zu sein!

Das deutsche Haus, mit seinen Kastanien vor der Thüre – sie standen richtig noch da – lockte mich heimisch an: ihm gegenüber liegt ja das alte, liebe Haus, das meiner Phantasie immer als Heerd tiefsten Behagens vorgeschwebt hatte. Du erinnerst Dich gewiß, obgleich Du es als ein Kind von acht Jahren verließest, es steht mit dem Giebel nach der Straße, hat im zweiten Stock einen runden Ausbau, ist mit Schnitzwerk überladen und sieht auswendig gerade aus, wie ein Magister des sechszehnten Jahrhunderts sich der Welt präsentirt haben mag, künstlich, solid und pedantisch. Aber inwendig ist das anders. Gerade das Erkerstübchen war ein überaus behagliches, freundliches Zimmer, mit Blumen, vielem Lichte und duftigen Vorhängen. Ich erinnere mich, daß es grün decorirt war, und nußholzene Möbel hatte, die immer wie neu polirt glänzten. In der einen Ecke stand eine Harfe – Mutter spielte sie wundervoll – und mitten in einer Blumengruppe zog mich immer ein Bild an, ein Christus auf dem Meere. Das Gesicht der Hauptfigur hatte einen bezaubernden Ausdruck; es schwebt mir oft vor, und ich habe schon oft es zu malen gewünscht, aber seltsam! mit diesen Heiligenbildern will es mir nie gelingen. – Mutter schien sich stets zu freuen, wenn ich bei den seltenen Gelegenheiten, da sich mir dies Zimmer öffnete, lange betrachtend vor dem Bilde stand, sie hatte eine etwas bigotte Richtung, die herrliche Seele, und hat sich, glaube ich, über die nichtssagendsten Dinge, das Leben schwer genug gemacht. Du hast Mutter kaum gekannt, Pauline, Du warst erst sechs Jahr alt, als sie starb, ich sechszehn. Sie war ein Engel – aber etwas überspannt, ich glaube nicht, daß Vater ganz glücklich mit ihr war. Von einer alten Tante, so einer Art Nonne, erzogen, brachte sie eine Last von Vorurtheilen unserm lebensfrohen, geistvollen Vater zu, und nur seiner Liebe zu ihr ist es wohl zuzuschreiben, wenn er nie darüber klagte, daß sie in ihrer Ehe stets ihren eignen Gang ging und sich nicht zu Vaters Lebensanschauung erheben konnte. Kinder beobachten schärfer als man gewöhnlich glaubt, ich habe öfter bemerkt, wie still und ernst Mutter ihre Vorkehrungen traf, wenn Vater Gesellschaft gebeten hatte, wie erschreckt sie von ihrem Buche aufsah, wenn spät Abends ein munteres Gelächter oder jubelnde Toaste in das Schlafzimmer hinauf schallten, wo sie uns so sorglich gebettet hatte und dann lesend des Vaters harrte. – Erinnerst Du Dich nicht, wie sie uns beten lehrte? – Die liebe Heilige! Ich denke nicht ohne Rührung an sie, aber ich möchte um keinen Preis, daß Du ihr einst glichest. Ich bin kein Heide, aber mir schaudert vor dieser Pietisterei; sie vergällt die reinsten, unschuldigsten, harmlosesten Freuden, und verdammt ihre Opfer zur gänzlich unnöthigen, unfruchtbaren Selbstkasteiung.

Leider sind unsere Verhältnisse der Art, daß ich nicht, wie ich möchte, auf Deine völlige Ausbildung einwirken kann, wir sind zu selten bei einander, und sind wir es, so können wir uns selten ungestört sprechen, immer kommt irgend ein zärtliches Wesen, den geliebten Verzug zu beaufsichtigen. Vermuthlich befürchten Deine alten Jungfern, ich bezwecke Dich ehestens aus ihrem verzauberten Schlosse zu entführen, um das kleine Wunder von Liebenswürdigkeit in der Welt für Geld sehen zu lassen. Wahrhaftig, ich kann ganz unbesorgt sein, welchen verdächtigen Anstrich auch zuweilen Deine Aeußerungen haben, eine Heilige wirst Du dennoch nicht, dafür sorgen besagte Damen mit allen Kräften. So will ich denn für diesmal meine Erziehungsgedanken fahren lassen und ganz einfach mit Dir in der Stadt umherspazieren. Hast Du hohe Erwartungen, so stimme herab, besonders für den heutigen Tag, es hat geregnet und ist grundlos in den Straßen, Pfütze an Pfütze. Rümpfe aber um alles in der Welt Deine hübsche Nase nicht, diese Pfützen sind ein Vorzug der guten, alten Stadt, wie mir Herr Brauer, mein behäbiger Wirth, alles Ernstes auseinandergesetzt hat. Du glaubst es nicht? – nun so höre. Zweierlei Wohlthaten sind die Ursachen dieser kleinen Unannehmlichkeit: reger Verkehr und herrliches Röhrenwasser. Letzteres macht seine unterirdische Reise in ausgehöhlten Tannen, die im Laufe der Zeit nicht selten leidend werden, da wird denn das Pflaster aufgerissen und es kann dann leicht passiren, daß die Kieselmosaik nicht so recht sorgfältig wieder restaurirt wird. –

Visiten können wir nicht viele machen, es ändert sich in zehn Jahren unglaublich viel. Die meisten Freunde unsers Vaters sind nicht mehr vorhanden – todt, weggezogen, Andere erinnern sich des Knaben Justus Brand nur sehr nebelhaft, und ich bin nicht just von der Art, ihrem Gedächtnisse eifrig zu Hülfe zu kommen. Die freundlichste Aufnahme habe ich bei Bernwachts gefunden, einem außerordentlich töchterreichen Ehepaare. Wie solche Mädchen doch in die Höhe wachsen, als ich die vier ältesten zuletzt sahe, waren es Wildfänge zwischen vier und zehn Jahren, mit hängenden Schuhbändern, fliegenden Locken et cetera, jetzt, ich versichere Dich, man weiß nicht, wohin man die Augen wenden soll, aus jeder der zahlreichen Nebenthüren der großen Stube schwebt eine neue Huldin herein. Alle sind bildhübsch, ich bin neugierig zu erfahren, wie sie sonst beschaffen sind; die Alten haben mich, sehr großherzig, eingeladen, sie oft zu besuchen.

Auf dem Schlosse bin ich noch nicht gewesen. Brrr! Kannst Du mich nicht davon erlösen? Fromm und vornehm, eine Heilige und eine Gräfin, alles in einer Person! Womit werden mich die vortrefflichen Herrschaften regaliren? Mit erhabenen Worten, hohen Mienen, und einer Weisung in bestimmte Grenzen? Mit gelehrten Redensarten über Malerei, mit Honigworten christlicher Liebe? Eins so widerwärtig wie das Andere; o könnte ich allen Dünkel, alle klugthuende Nichtswisserei und alle Formenreligiosität, die nur die innere Armuth bemänteln soll, schleudern in das Meer, da es am tiefsten ist! – War das nicht etwas – ja es muß so sein, ich irre nicht – es erinnert an einen Bibelvers, mir wird ganz besonders dabei. Warum eigentlich? Widerwille war es nicht – ich muß sondiren, es liegt in meiner Natur – war es etwa ein stummer, schweigender Vorwurf der »heiligen Schrift?« – Wundere Dich nicht über mich, ich bin in Burgwall, Bilder der Kindheit umschweben mich, die alten Klänge werden wach, der Mann wird wieder zum Kinde, aber nur auf Augenblicke; sieh, da zieht es schon hin, das magische Blendwerk, all die frommen Legendengestalten, die ich in dem Giebelhause drüben einst kennen lernte, und die so mysteriös von ewigen Kronen und himmlischen Palmen sprachen. Der ganze Traum zerrinnt, fort sind sie. –

Für heute genug. Dein Bruder

Justus.

Am 11. Juni.

Pauline, ich habe mich wie ein Dummkopf benommen, wie ein vollendeter Dummkopf! Auf alles Mögliche war ich gefaßt, nur nicht auf eine liebenswürdige, einfache Frau, die dennoch, eben in ihrer schlichten Würde, mir gewaltig imponirte.

Es ist sehr gut, daß wir diesen Briefwechsel verabredet haben, Kameraden sind nicht habhaft, die Burgwaller ersterben in Ehrfurcht vor der »Herrschaft,« und man kann mit ihnen kein freies, vernünftiges Wort über diese Halbgötter reden, und ich liebe den Austausch. Aber halt, was werde ich für meine famosen Berichte bekommen? Wenn nichts weiter, so bedinge ich Recension, eine detaillirte; ganz entschieden, Pauline, Du mußt mir gehörig antworten.

Jetzt von der Gräfin.

Es war gegen Mittag, als ich den Schloßberg, versteht sich in Galla, hinanstieg. Das Wetter war gut und die Gegend ist wirklich schön, der Spaziergang war ein Genuß; der Weg ist auch besser geworden, überhaupt ist für Verschönerung der Schloßumgebungen besonders, aber auch für die der Stadt, viel gethan. – Eine Wallthür stand offen, und ich ging hinein. Gleich in der ersten Laube bot sich mir ein hübsches lebendes Bild dar. Eine junge Dame saß mitten unter einer Fülle herrlicher Blumen und ordnete sie zu Sträußen. Für einen Maler hat so etwas doppeltes Interesse, und weil mich die Schöne nicht sehen konnte – sie hatte mir den Rücken halb zugedreht und war äußerst eifrig bei ihrer Arbeit – blieb ich einen Augenblick stehen und sah ihr zu.

»Schnell den Bast, Johanne!« rief sie. Es erschien keine Johanne. Sie wartete einen Augenblick, sah auf, horchte, und vermuthlich überzeugt, daß keine Johanne sie gehört habe, gab sie die Hoffnung auf, gleich Bast zu bekommen, und legte den schön arrangirten Strauß behutsam auf den Tisch, um zum Ordnen des zweiten zu schreiten. Sie nahm eine Lilie, fügte Rosen hinzu, zettelte eine Epheuranke unter den Blumen hervor und – um das erste Bouquet war's geschehn, es war aus der Fassung gekommen, fiel aus einander und theilweis zu Boden. Eiligst trete ich vor, ich Narr! und raffe die Blumen auf, sie der Dame wieder zuzureichen. Sie nahm sie etwas erstaunt, erwiederte meinen Gruß freundlich, und sah dann zur Laube hinaus, »wo ihre kleine Johanne wohl geblieben sein möchte.«

»Vielleicht sehe ich sie unterwegs, mein Fräulein,« verhieß ich Kurzsichtiger, »und werde sie schicken.«

»Wollen Sie in's Schloß?« fragte die Dame. – Das war ja ganz vertraulich, ich entgegnete also ganz guter Dinge: »Ja wohl, zur Gräfin, wenn sie zu Hause ist.«

»Dann nehmen Sie nur den Wallschlüssel mit, Johanne hat ihn ausgezogen, – Kinder machen sich so gerne mit Thüren zu schaffen – und Sie haben wohl keinen Schlüssel, nicht wahr, die untere Thüre stand offen?«

Ich bejahte, dankte, und weil nicht recht mehr was zu sprechen war, empfahl ich mich und ging meiner Wege, bereute aber bald nicht länger geblieben zu sein, es fielen mir, als ich im Vorzimmer wohl eine Viertelstunde warten mußte, der Fragen noch mancherlei ein. Endlich erschien die Gräfin, und wer war es? – mein Fräulein vom Walle! O, ich Blinder! Hätte ich es der holden Frau nicht gleich ansehen können, daß sie kein gewöhnliches Menschenkind ist; würde ein Stadt- oder Hoffräulein mir ihren Wallschlüssel gegeben haben, wäre sie so unbefangen freundlich gewesen?!

Während sie nun um Entschuldigung bat, mich warten gelassen zu haben, stand ich kümmerlicher Mensch, und konnte mich nicht in die rechte Form finden, wollte selbst entschuldigen und wußte nicht wie, und fühlte mich erröthen, wie ein Schüler. Natürlich schien sie nichts davon zu merken, sie war ganz gesprächig, redete zum Glück bald von Malerei und plauderte so nett darüber, daß ich meinen stichelnden Gedanken allmählig entrissen wurde. Die Gräfin scheint von der Sache just nicht viel zu verstehn, aber sie zu lieben und das ist auch gerade recht. – Sie wird mir in nächster Woche sitzen, bis dahin wird sie »das Vergnügen gehabt haben, mich ihrem Gemahl vorgestellt zu haben.«

Da hast Du die Geschichte; ich werde noch heute diesen Brief absenden, und grüße Dich herzlich als Dein Bruder

Justus.

Den 24. Juni.

Mittsommertag, himmlisches Behagen! Ich möchte alle Ecken und Winkel meines Ichs von diesem Lichte durchströmen, von dieser Wärme erfüllen lassen. Es ist wundervoll! In meinem Leben habe ich solchen Sommer nicht kennen gelernt, bin ich so gründlich heiter und befriedigt gewesen, wie in diesem. Aber, meine Theuerste, Du hast auch keine Ahnung davon, von welcher Höhe herab ich auf die Auen und Wälder schaue, wie die Natur »zu meinen Füßen« daliegt. Es ist unbestrittene Wahrheit: je erhabener unser Standpunkt, desto schöner und harmonischer erscheinen uns die verschiedenen Einzelnheiten fernab. Steig auf den Kirchthurm, wenn Du's nicht glauben willst, wie bildhübsch und harmlos wird Dein altes Nest, Verzeihung! aussehen; die Kinder auf den Straßen spielen so nett und manierlich mit einander, das Geschrei und Gelärm, welches sie betreiben, dringt höchstens als sanftes Gemurmel in Deine Region, all die Häuserchen, die Hüttchen stehen so nett da, als wären sie aus einem Nürnberger Schächtelchen genommen, genug, es ist so, wie ich sagte. – Ich residire gegenwärtig auf Schloß Burgwall, vergiß es nicht, es auf Deinen Briefen gehörig zu bemerken. Meine Residenz ist sehr hoch, ja wirklich, denn die alten mächtigen Linden, die ihre Kronen bis zu den Fenstern der Gräfin emporstrecken, sind nur dann von meinem Reiche aus sichtbar, wenn ich mich aus dem Fenster zu ihnen hinabneige: ich wohne buchstäblich auf Schloß Burgwall, nämlich in zwei Dachstübchen, dicht neben dem Thurme.

Keinen Stein auf die Gräfin, ich bitte sehr! Die Zimmer sind ganz meine Wahl, eben der Aussicht wegen. Als mir die Erlaubniß wurde im Schlosse zu wohnen, habe ich mir gerade diese kleinen Zimmer gewählt, welche mir schon früher bei Besichtigung des Schlosses besonders gefielen. In jeder Stube ist ein großes, tiefes Fenster, ausgezeichnet für die Aufstellung einer Staffelei geeignet. Für nette Einrichtung wurde sogleich gesorgt, und so wohne ich hier so angenehm wie möglich.

Seit meinem Umzuge liegen schon zehn Tage dahinten, mir ist heut auf jeden Fall doch sehr anders zu Sinn, als da ich kam. Tags zuvor war ich dem Grafen erst vorgestellt. Er ist ein gewichtiger Mann, nicht mehr jung, gewiß, wenn nicht Funfzig, doch nahe daran; in seinem charakteristischen Gesichte nehmen die Züge des Wohlwollens und tiefen Ernstes sehr für ihn ein, und sein ganzes sicheres, bestimmtes und doch durchaus nicht anmaßendes Wesen beherrscht unwillkürlich seine Umgebung. Die Gräfin scheint ihn nahezu anzubeten, sie lebt in seinem Lichte. Wenn er spricht, so ist es gewiß, daß sie nichts anderes hört, tritt er in's Zimmer, so überfliegt ein Freudenschein ihre holden Züge. Nie habe ich solche Innigkeit, solch gegenseitiges Glück gesehn, als bei diesen beiden Menschen, und er ist wenigstens zwanzig Jahre älter als sie. So recht verständlich ist mir dies nicht; Ehrfurcht und töchterliche Gefühle könnte ich ihrerseits begreifen, aber sie liebt ihn anders und viel mehr, als ich überhaupt glaubte, daß man lieben könne.

Tags nach meinem ersten Besuche bei dem Grafen wurde ich zu Tisch geladen, und da wurde es gleich ausgemacht, daß ich, der Bequemlichkeit wegen, bei ihnen wohnen sollte. So bin ich denn täglich, außer den Sitzungen – der Graf hat den Anfang gemacht – in der Gesellschaft der liebenswürdigen Familie. Meine Unbehaglichkeit schwindet immer mehr, und ich weiß nicht, welcher der edlen Herrschaften ich den Preis höchster Liebenswürdigkeit zuerkennen soll, ihm oder ihr. Eigentlich sind sie gar nicht zu trennen, vereint sind sie das Ideal vollendeter Freundschaft und einer rührenden Liebe. Auch die kleine Johanne, des Paares einziges sechsjähriges Töchterchen, ist etwas Liebreizendes. Das Kind besucht mich zuweilen, und letzt brachte sie ein Tractätchen mit und wollte mir etwas vorlesen, fing auch richtig an und es ging über Erwartung gut, aber ich fand doch für besser das Thema der Unterhaltung zu wechseln, und erzählte ihr das Märchen von Schneewittchen. Dabei saß sie auf einem kleinen mitgebrachten Stuhle und sah mich mit den großen Augen ganz ernsthaft an, während ich unverdrossen ein in Berlin angefangenes Bild nachfeilte und mich bemühte, einem winterlichen Himmel mehr das Ansehn zufriedener Ergebung als das der trostlosen Gleichgültigkeit zu geben, die sich in Berlin über das kleine Gemälde gelagert hatte.

Als die Geschichte aus war, sagte sie: »Mama ist auch eine Stiefmutter, Max ist ihr Stiefsohn.«

»Wo ist er?« fragte ich.

»Weit weg,« erwiderte sie, »wo der König wohnt.«

»Was thut er da?«

»Das weiß ich nicht gewiß,« antwortete die Kleine höchst gewissenhaft, »aber ich glaube, der König gebraucht ihn; Mama sagt, er sei des Königs treuer Diener.« – Was für eine Art Diener, ob Page oder Adjutant, das konnte ich nicht herausbringen.

In der Stadt werde ich, will es mir scheinen, seit ich hier wohne, mit größerer Zuvorkommenheit behandelt. Ich meine im Allgemeinen, Bernwachts sind unverändert dieselben. Die Familie, obgleich ganz anders als die meiner erlauchten Beschützer, wird mir sehr lieb, und ich gehe fast täglich zu ihnen. Noch eine Bekanntschaft habe ich erneuert, Du könntest rathen, welche treue Seele ich meine. Julchen Hermann ist es. Sie wohnt im Hospitale, das heißt in einem neuerbauten Hause, neben der alten Behausung der Gebrechen und des Alters, für diejenigen Einsamen bestimmt, welche ein rundes Sümmchen für die Wohlthat sichern Daches und einiger Fuder Holz zahlen können. Früher wohnte sie in der Vorstadt, bei ihrer alten Mutter, Du mußt es noch wissen, wir besuchten sie zuweilen, und gingen nie unbeschenkt und ungeküßt von dannen.

Die alte Mutter kam mir stets mit ihren großen leuchtenden Augen, wie eine Seherin vor, ihre Worte klangen alle so weise, wie Orakelsprüche. Sie liegt nun auch auf dem Katharinenhofe, nicht hundert Schritt von dem Stübchen ihrer Tochter. Julchen zeigte mir das Grab durch das Fenster, und später habe ich es auch aufgesucht, es ist das wohlunterhaltenste auf dem ganzen Kirchhofe.

Von unserer Eltern Ruhestätte muß ich Dir etwas mittheilen, was mir hochpoetisch erscheint. Vater hat kein Monument, unser Vormund hatte es nicht für gut befunden, das Grab des Ehrenmannes zu bezeichnen, nur ein Baum, bald nach Vaters Tode von mir gepflanzt, wurzelt daran. An Mutters Grabe steht ein schönes, hohes Kreuz, Vater hat es setzen lassen. Auch dieses Grab hat ein Zeichen der Liebe von mir, einen Epheu, der die Jahre hindurch so mächtig gewachsen ist, daß nicht nur das Grab ganz, und das Kreuz größtentheils davon umschlungen wurde, sondern er hat auch die zu ihm niederhängenden Zweige der Traueresche umsponnen, sich an ihnen aufgerankt, und so stehen beide Gräber auch äußerlich, in der innigsten Verbindung. Das hat Natur gethan, und mir war es doch als hätten Mutters feine Finger, still und sinnig, die Zweige in einander geflochten. –

Später.

Endlich habe ich einen Brief von Dir. Meinst Du wirklich: ich sähe die Bibel mit den Augen der Weltkinder an, anders als ich sollte? die innere Bewegung damals, sei eine Warnung meines Engels gewesen?

Liebes Kind, Kind des Lebens und nicht der Welt, Du scheinst wirklich auf einem andern Wege zu sein, als ich, aber wie natürlich! – Vergegenwärtige Dir eine Pilgerfahrt, nach irgend einem Heiligthume, meinetwegen nach dem heiligen Grabe. Es ist kein Kreuzzug, sondern eine Wallfahrt, Männer, Frauen, Jungfrauen, Greise, begeisterte Kinder – Alles vereint sich, zu demselben Ziele zu gelangen. Wird Jeder die Reise in derselben Weise machen, trägt die Mutter nicht das Kind, stützt der Mann nicht sein Weib, bedarf der Alte nicht des Stabes? Meinst Du nicht, daß die Kinder, im Gefühl ihrer Schwäche oft auf die Knie sinken, Gott um neue Kraft anflehend, daß vielleicht ein Stärkerer sich dann über sie erbarme?

Siehst Du: Ein Ziel; der Eine erreicht es gehobenen, der Andere gebeugten Hauptes, Dieser stützend, Jener getragen, Einer schaut mit vollem Blick in das Morgenroth Canaans, während Viele auf ihre wunden Füße niederblicken, und auf den Weg, den sie wandeln müssen, damit sie die Steine des Anstoßes darauf vermeiden. – Wir haben Alle Ein Ziel: Befriedigung. Du findest es, ich ahnte es, im Glauben, ich suche es im Leben, in der Kunst, überall. Jetzt bin ich hier, und ich weiß was hier meine Seele ganz erfüllen könnte – kommt die Zukunft, die weite, unbestimmte, Du wirst wohl Ewigkeit sagen, etwas, was über das Grab hinaus währt, nun, so ist es immer Zeit auch dafür Entschlüsse zu fassen und zu handeln. Wer kann das früher, ehe er bestimmt weiß, wofür und wie? – Aber ich habe hier einsehen gelernt, daß bei der Heiligkeit nicht absolut Gefahr für das Lebensglück ist; kannst Du in dieser Façon Befriedigung erlangen, nun wohlan, Du hast meine brüderlichen Glückwünsche dazu. –

Laß uns diese Sache nicht als abgemacht betrachten, ich versichere Dich, daß Dein Widerspruch mich wohl reizt, zum Nachdenken, wiederum zum Widerspruch, aber keineswegs zum Zorne. Hier meine Hand, liebe Schwester! Dein Brief hat Dich in meinen Augen um mindestens zehn Jahre erfahrener gemacht, um nicht älter zu sagen. Wie alt bist Du eigentlich? Achtzehn rechne ich eben. Wo lerntest Du so ernst sein? – Grüße Deine alten, ehrbaren Damen von mir.

Dein Bruder Justus.

Am 27. Juli.

Gestern erhielt ich Deinen Brief. Warum ich nicht schon wieder geschrieben? Es beschäftigte mich Vieles, allerlei Begebenheiten kreuzten sich bunt durcheinander, ich war mitten darin, und doch waren sie kaum der Art, daß Dir meine Notizen darüber irgend wie wichtig erschienen wären. – Mit großer Liebe habe ich des Grafen Bild vollendet, es ist gelungen und die Herrschaften finden es auch. Die Gräfin werde ich noch nicht malen, es sind Gäste hier, aus Schlesien, welche mich mit ihren Aufträgen beehrt haben, und ich bin jetzt dabei ein Kind zu malen, ein unbeschreiblich reizendes kleines Gesicht, mit großen, fragenden Augen, die mich unaufhörlich an Cäcilie Bernwacht, des Bürgermeisters dritte Tochter erinnern. Nicht, daß das junge Mädchen so schön, wie die kleine Felicitas, oder überhaupt sehr nach meinem Geschmacke wäre, aber es liegt etwas Verwandtes in den Augen beider Mädchen, so recht echter Kindersinn, Seele, viel Seele.

Wenn ich so schöne Augen male, ist es mir oft, als sei in ihnen das Geschick der Besitzerinnen ausgesprochen. Bei denen der Felicitas denke ich zum Beispiel: was das Kind nicht Alles glaubt! Es glaubt an einen Himmel auf der Erde und an einen ewigen Himmel; es wird wahrscheinlich ewig ein Kind bleiben, und sehr viel vertrauen, und immer das Beste von allen Menschen denken, es wird auch sehr lieb haben, die ihm Liebes erweisen, und andere Menschen auch noch, und wird für alle seine Liebe nur etwas Treue erwarten und sie selten finden, vielleicht gerade dort nicht, wo es am sichersten darauf gerechnet hatte. Dann werden diese frommen Augen viel weinen, sehr viel, bis allmählig ihr milder Glanz erlischt, und sie sich schließen.

»Mache einmal deine Augen zu, Felicitas,« sagte ich letzt zu ihr. Sie that es; ich sah sie lange an und vergaß in meinen Träumereien ihr zu sagen, sie könne sie wieder öffnen, bis sie endlich ganz geduldig fragte: »darf ich dich nun wieder ansehen?« –

Es giebt große Geheimnisse. Pauline, wir begegnen ihnen täglich, die größten liegen in den Worten Herz und Schicksal. –

Cäcilie Bernwacht ist gerade unter ihren Schwestern die mir fremdeste. Ich will Dir die kleine Gesellschaft skizziren. Therese, die Aelteste, ist ein hübsches, besonders verständiges Mädchen; sie ist Braut, und näht den ganzen Tag an ihrer Aussteuer, was sie indeß nicht verhindert, theilnehmend zu sein, ich mag sie sehr gern und unterhalte mich am anhaltendsten mit ihr. – Ihre zweite Schwester, Ida, ist eine Schönheit, ja, sie ist wirklich schön und ich muß sie malen, es ist ein Genuß diese Formen, diese Frische, diese Grazie studiren und copiren zu dürfen. Das Mädchen ist auch nicht ohne Geist und wird auch wohl ein Herz haben, aber sie gefällt mir von ihren Schwestern am wenigsten, ihr Witz ist scharf, sie kann beißend sein, ich mag das nicht an Damen.

Nun kommt Cäcilie, offenbar der Mutter Liebling, ein Mädchen von siebzehn Jahren, sehr zarter Gestalt, etwas blaß, mit herrlichem Haar und wundervollen Augen. Cäcilie ist vielleicht, um schön zu sein, etwas zu klein, und um im Allgemeinen so recht gefallen zu können, zu still, man kann sie kaum kennen lernen. – Nun kommen ein Paar prächtige Wildfänge von dreizehn und elf Jahren, Burga und Berga genannt, Wallburga nämlich und Luitberga, komische Namen! Wo Burga ist, ist Berga, sie sitzen in einer Klasse, binden einen Kranz, spielen zusammen Klavier und Versteck, und umarmen gleichzeitig ihre Mutter, die sich auf ihre stürmischen Ueberfälle gewöhnlich schon durch Bergung ihrer Mützenbänder mit Resignation vorbereitet. Kürzlich hörte Berga, daß ihr Vater mein Pathe ist, und augenblicklich trug sie hocherfreut darauf an, mich Pathe nennen zu dürfen, Herr Brand gefalle ihr nicht, Herr Justus wäre freilich recht hübsch, aber ungewöhnlich, Justus schlicht weg, passe sich nicht, Pathing sei das Beste. Die Mutter schüttelte gewaltig mißbilligend den Kopf und entschuldigte, ich erlaubte natürlich dagegen der elfjährigen Berga mich Pathe nennen zu dürfen. »Burga muß aber auch so sagen, sonst kann ichs doch nicht,« behauptete sie und Burga bequemte sich. Es wurde gelacht, der Alte zog die Mädchen etwas auf und damit war es abgemacht.

Am 4. August.

Heute will ich diesen Brief an Dich abschicken. Dein letzter Brief war mehr als ernst, es sprach sich Unruhe, Besorgniß darin aus. Du schreibst: ich verkenne das Streben meiner Seele, nicht flüchtige Befriedigung, die man täglich in irgend einer Sache, einer Creatur finden könne, sei der Endpunkt derselben, sondern Frieden in Gott. – Ist das nicht ein Spielen mit Worten, oder pedantische Festhaltung eines einmal so und nicht anders geformten Glaubenssatzes? Wir suchen was uns zu unserm Glücke fehlt, Jeder nach seiner Natur. Du bist ätherischer Natur als ich, und suchst geistigere, oder rein geistige, oder auch phantastische Genüsse, ich verstehe Dein Friedensverlangen nicht. Warum ist dieser Friede von Dir erst zu suchen, wodurch hast Du reines Kind ihn erschüttert, oder gar verbannt? Und warum ist mein Trachten nach Befriedigung verwerflich, da ich sie nicht im Unedlen, Rohen, Gemeinen suche? Widerstrebt mein Verlangen dem reinen Naturgeiste? – Ich habe vor meiner Vergangenheit in keiner Weise zu erröthen, und brauche dem Frieden nicht nachzujagen, weil ich ihn habe. Beunruhige Dich meinetwegen nicht im Geringsten, meine theure Schwester, ich bin vollkommen glücklich!

Lebe wohl!

Dein Bruder Justus.

Den 16. August.

Es will mir scheinen, als erkalte unser Briefwechsel, Du machst größere Pausen, als ich wünsche. Um meinerseits nichts dabei zu verschulden, schreibe ich dennoch, es ist mir wohlthuend – auch eine kleine Befriedigung – wenn ich an Dich schreibe und mich so von Grund aus ausspreche. –

Weißt Du, wer Dir hier in Burgwall sehr gefallen würde, welche junge Dame mich oft, nicht an Deine Person, denn Du bist glänzender, aber an Deine Briefe erinnert? – Cäcilie. – Vor ein Paar Tagen hatte ich mehrere Stunden anhaltend an dem Bilde der Gräfin gemalt – der Engelskopf der Felicitas steht auf der Staffelei im Dachstübchen – der Graf hatte uns dabei vorgelesen, tiefsinnige, anziehende Sachen, die nachher von uns besprochen wurden. Pauline, letzt schrieb ich Dir ich sei glücklich, heute fühle ich mich, und schon seit einigen Tagen stürmisch aufgeregt, und nicht glücklich, nein! – Wie kommt es nur, daß sie mich als Einen der Ihrigen betrachtet hatten, als einen Glaubensgenossen? Weil ich bei ihren Tischgebeten keine Störung veranlasse, sondern auch meine Hände falte? Es kann ja sein, daß die ewige Macht ein solcher Vater unser ist, als welchen sie sie anbeten! Ich bins zufrieden, aber ich weiß nicht obs wahr ist. Wahrscheinlich ist es wahr, ich glaube es fast, aber ich weiß es nicht, dabei muß ich verharren. Es mag für Tausende leicht sein, sich bei solchen Gelegenheiten, wie an jenem Tage, in ein Schweigen der Bewunderung zu versenken, oder in oftgehörten Phrasen Beifall zu zollen, ich kann es aber nicht. Ich sagte was ich meinte, und es ward lautlos still im Zimmer. Das erste Wort, was ich wieder hörte, war die Johannen gegebene Erlaubniß, das Zimmer zu verlassen. Es zog mir eisig durchs Herz, sie fürchteten für das Kind den Gifthauch der Gottlosigkeit. Gottlos! ein schreckliches Wort. Bin ich es? Antworte mir darauf. – Dieser verehrungswürdige Mann, diese herrliche Frau schaudern vielleicht vor mir zusammen, sie beten vielleicht für mich, für den armen Sünder, denn in ihren Augen giebt es keine größere Sünde, als gottlos zu sein. Aber ich protestire, ich bin es nicht! An jenem Tage wurde der wunde Punkt nicht auf das Leiseste mehr berührt, doch fühlte ich mich unbehaglich und ging bald. Im Zimmer hatte ich nicht Ruhe, ich ging hinaus, durchstreifte den Wald, das Feld, kam, ohne es beabsichtigt zu haben, in die Nähe des Kirchhofs und stand an den Gräbern der Eltern. Mutters weißes Marmorkreuz sah mich matt an, es war mir, als spräche es traurig: gottlos, armer Sohn! – »Nein!« rief ich, beugte mich und küßte das Grab. Julchen fiel mir ein. Sie ist eine Dienerin des Gottes, den ich nicht kenne. Aufgeregt, wie ich war, sehnte ich mich ihre Meinung zu hören, ich wollte sie schon geschickt herauslocken, ohne mir eine Blöße zu geben; es braucht nicht alle Welt zu wissen, daß ich gottlos bin! –

Ich ging dem Hause zu. Ihr Stübchen liegt zu ebner Erde, ich kann es vorübergehend übersehen. Ich warf einen Blick hinein und sah mit Unmuth, daß sie nicht allein war, Cäcilie war bei ihr. Als ich jedoch das junge Mädchen erkannte, kam etwas wie Segen über mich, es wurde stille, ganz stille in mir, jetzt wieder – unerklärliche Wonne! –

Ich blieb stehen und sah hinein, hören konnte ich nichts, wollte auch nicht, und gesehen konnte ich auch nicht werden. Es war Dämmerung und Julchen lag auf dem Sopha von vielen Kissen unterstützt, vor ihr, mit den Knien auf dem Estrich, Dielen sind für das Hospital Luxus, kniete das bleiche Kind, und drückte abwechselnd bald die eine, bald die andere Hand auf die Stirn der Kranken. Es war ein rührendes Bild. – Nein Pauline, ich bin gewiß nicht gottlos, sieh, als ich wieder zwischen den Gräbern hinschritt, bat ich Mutter, Gott um den schönsten Segen für das stille Kind anzuflehn, und dieser Wunsch kam aus tiefstem Herzen, ich muß also glauben, trotz der vielen Wenns und Abers des Verstandes.

Es ist mir ein süßer Gedanke, Cäcilien unter den Schutz meiner Mutter gestellt zu haben. –

Gute Nacht, Schwester; ich habe eben am Fenster gestanden und auf die ruhende Welt hinabgeschaut, der Mond hält oben Wacht, es ist sehr schön draußen. Mein Herz ist in wunderbarer Aufregung, nie habe ich mich so ernstlich gefragt, ob ich Gott glaube, ob ich gottlos bin. Wie kam es, daß diese Frage mein Inneres so in Aufruhr gebracht hat? Das Verstummen zweier Menschen hats vermocht, zweier Menschen, die ich hochschätze. Wenn es einen persönlichen Gott giebt, Pauline, dann muß er eine unausdenkbare Größe sein. Denk Dir eine Macht, welche die Welt, die Natur in dieser wunderbaren Ordnung erhält, denke diesen raffinirten Naturgesetzen nach, denke Dir dazu eine Liebe, welche dies Alles erschaffen hat und erhält für Geschöpfe, die ihn verneinen, verhöhnen; ist ein Gott, so ist mir nicht bange, Gott wird und muß am größesten im Verzeihen sein. Es ist ein wonnereicher Gedanke: Gott. Entweder beginnt nun für mich ein besonders reiches Leben, oder ein sehr ödes, kaltes. Meine Seele ist nun einmal von einem Verlangen erfaßt, diesmal kann es nur Gott befriedigen.

Justus.

Den 3. September.

Die kleine Johanne ist an den Masern erkrankt, die Gäste haben das Schloß verlassen, und ich treibe mich umher, denn das Bild der Gräfin ruht natürlich, sie verläßt die Kleine nicht, um sich in Kostüm zu werfen und mir zu sitzen. Der Graf ist vielbeschäftigt, unsere Unterhaltung bei Tisch ist einsilbiger und dreht sich meist um die kleine Kranke. – Ich erwarte Deinen Brief mit Spannung, aber nicht mehr mit der fieberhaften Unruhe wie Anfangs: ich weiß was ist, und fühle mich wohl dabei. –

Berga hat mir einen Gruß für Dich aufgetragen. Ida schalt sie dafür, sie sollte nicht zudringlich sein. »Sie meint es ja ganz gut in ihrer Weise, Ida,« sagte Cäcilie sanft, »es ist wirklich nichts Unrechtes dabei.«

Ida warf den Kopf sehr auf und erwiderte, Cäcilie scheine heute sehr gnädig zu sein, gestern habe sie Berga über ein ganz unschuldig hingeworfenes Wort eine lange Strafpredigt gehalten. Ich war gespannt, zu erfahren, was das für ein Wort gewesen sein mochte und fragte mein Pathchen. »Herr Jesus,« antwortete sie und senkte den Kopf ganz beschämt. – »Sie thuts nicht wieder,« versicherte Burga, »es thut ihr selbst leid.« –

Cäcilie sprach kein Wort weiter darüber, ich dachte aber, was würde Cäcilie sagen, wenn sie in meiner Seele lesen könnte. Später waren wir im Garten und ich wurde fortwährend von der Versuchung gepeinigt, Cäcilien zu fragen, was sie von mir denke, nur wartete ich auf eine günstige Gelegenheit dazu. Endlich waren wir einmal mitten in einem Laubengange allein und ich fragte mit dürren Worten: »liebes Pathchen, bin ich ein guter Mensch?«

»Ich bin Ihre Pathin nicht,« erwiederte das junge Mädchen sehr ernst, »ich war weder Zeugin Ihrer Taufe noch – fügte sie leise hinzu – Ihrer Wiedergeburt.«

Ist das nicht streng von solchem kleinen Mädchen von siebzehn Jahren, das so sanfte Züge hat? – es kränkte mich auch etwas, aber es verdroß mich nicht.

»So wiederhole ich denn Fräulein Bernwacht meine Frage,« sagte ich ganz treuherzig, und war begierig ihre Antwort zu vernehmen.

»Ich halte Sie für warmherzig,« sagte sie. »Genügt das?« fragte ich. Sie schüttelte mit dem Kopfe und Ida rauschte heran; ich hätte gern mehr gehört. –

Den 10. September.

Dank für Deinen Brief, liebe Schwester. Es ist doch schön um sichere Liebe, wie die der Geschwister; Gott sei Dank, daß ich Dich habe. Ja, Gott sei Dank, Du weißt, ich kenne ihn nun. Du hast nie daran gezweifelt, mein Leben habe es bewiesen, daß ich ihm nicht fern sei, ich hätte ihn nur durch die dichten Schleier der Selbstüberschätzung, des geistigen Hochmuths gesehn. Kind, welche Worte! – Indessen, es ist etwas Wahres daran, und die Schüchternheit, mit der Du diese harten Behauptungen aufstellst, und die Freudigkeit, mit welcher Du mich auch ein Gotteskind nennst, zeigen Deine eigne Demuth und Liebe hinreichend, um mich vor Bitterkeit zu bewahren.

Da steht weiter: »Aber Du bist kein Christ, Gott führe Dich zu den Füßen des Heilands, der uns Allen zur Erlösung gegeben ist, und er wird es thun, ich fühle es mit köstlicher Bestimmtheit. Wenn Du auf meine tiefsten Herzenswünsche etwas giebst, so lies das neue Testament und suche die Unterhaltung gläubiger Menschen. Thu es nur zur Probe, wenn Du Deiner Sache augenblicklich ganz gewiß bist nichts weiter zu Deinem Heile zu bedürfen, als Deine jetzige Erkenntniß.«

Dein Rath soll befolgt werden. Aber verlange nicht, daß ich aus Respect vor Euren vermeintlich unantastbaren Wahrheiten verstummen soll. Ist Eure Religion die beste, so muß sie Widerspruch vertragen können, und ihre Priester und Priesterinnen dürfen über ein freies Wort nicht gleich den Stab brechen, oder über den Andersdenkenden den Bann verhängen. –

Mit wahrer Herzenserleichterung habe ich wahrgenommen, daß der Graf und seine Gemahlin mir nicht ihre Achtung entzogen haben. Wir verkehren ähnlich wie früher, nun Johanne wieder genesen ist und die Kleine besucht mich auch wieder. Durch diesen Zwischenact ist dennoch unser Verhältniß anders geworden, ich fühle etwas wie Mitleid aus der Art und Weise heraus, wie sich die hohe Frau gegen mich benimmt, und des Grafen Umgehung alles dessen, was sich auf Religion bezieht, ist es nicht Schonung? – oder will er die Perlen nicht in den Bereich des Unreinen werfen? Ich glaube Besseres und verehre Beide um Vieles inniger noch, als zuvor. Oft wünsche ich, sie möchten sprechen, und ich würde ihnen dann sagen, wie es nun mit mir steht. – Freilich würde es ihnen nicht genügen, aber sie doch vielleicht erfreuen.

Lebe wohl, liebes Kind, und schreibe bald wieder Deinem Bruder

Justus.

Den 20. September.

Gestern Abend bin ich bei Julchen Hermann gewesen und habe eine lange Unterredung mit ihr gehabt. Sie ist das, was Du eine echte Christin nennen würdest, liebreich, dienstfertig, freudig, genügsam, Alles »um des Herrn willen,« wie es auf ihrer heitern Stirn und in den großen grauen Augen klar steht. Ein religiöses Gespräch mit ihr anzuknüpfen, bedarf weiter keines Vorbedachtes, man kann nur nach einem Warum ihres Thuns fragen und man hat, was man will. Die Seligkeit, ihre und anderer Menschen, ist ihr Hauptgedanke, und sie ist der eignen so sicher, daß sie sich unter den Gräbern ringsum, und in der Gesellschaft eines Dutzend alter, einfältiger Weiber sogar schon wie im Vorhofe des Himmels fühlt. Ihre Sicherheit reizte mich mehr, als Du Dir vielleicht denken kannst, und ich ließ mich von meiner Heftigkeit zu Entgegnungen hinreißen, deren ich mich bei kaltem Blute schäme. »Toben Sie nur,« sagte sie ganz siegesgewiß und mit dem gütigsten Lächeln, »dieser Eifer ist mir ganz angenehm, er ist das Geschrei des angegriffenen alten Menschen, der alte Adam fürchtet überwunden zu werden.«

»Ich bitte Sie, bestes Julchen,« rief ich anmuthig, »verschonen Sie mich mit diesen abgeschmackten, Ihrer ganz unwürdigen Redensarten, – alter Adam!«

»Fleischeswille, wenn Sie das lieber hören,« erwiederte sie ganz gelassen.

»Was will denn mein Fleisch?« fragte ich lachend.

»Herrschen, das Sinnliche, die Erde mit ihren Freuden zum Abgott machen.«

»Ich denke nicht daran,« betheuerte ich.

»Sie thaten es aber, und thun es noch,« beharrte sie. –

Ich bat sie, mich dieser Anschuldigung zu überführen, allein sie meinte, es sei wohl besser, ich thäte das selbst, sie verstehe vom Disputiren wenig. Sie wisse das aber ganz gewiß, daß sie ohne Christus nicht bestehen könne, daß sie nur an seiner Hand auf Erden wandeln und im Himmel selig sein könne. Auf meine Aeußerung solche Ansichten seien Schwärmerei, schüttelte sie den Kopf und fragte mich, ob ich denn allen Ernstes glaube, den Himmel verdient zu haben? – »Verdient,« sagte ich ihr, »zwar gerade nicht, aber für wen er denn sein solle, wenn nicht für Menschen, die ein richtiges Leben geführt hätten, ich sei kein Grausamer, kein Lüstling u. s. w.«

»Sie meinen, Sie haben die Gebote gehalten?« fragte sie.

»Gewiß,« behauptete ich. –

Es erfolgte eine lange Pause, dann sagte sie: »In diesem Falle haben Sie den Himmel verdient; ich kann das von mir nicht sagen, ich habe keines der Gebote gehalten.«

Ihr Ton war bei diesem demüthigen Bekenntniß ganz ruhig, ich fühlte, sie sprach ihres Herzens Meinung aus. Desto größer war mein Staunen. Julchen Hermann gilt allgemein als eins der vortrefflichsten Wesen, unsere Mutter war ihre Freundin, ihr ganzes langes Leben wird musterhaft genannt und sie sagt, sie habe alle Gebote übertreten. Ich dachte an das fünfte, das sechste, das siebente. »Das ist Selbstverblendung,« rief ich, »die ganze Stadt würde Ihnen widersprechen!«

»Das ist Selbsterkenntniß,« entgegnete sie, »was weiß die Stadt von meiner Herzensgeschichte, und das Herz ist der Heerd, der stille, heimliche Heerd der geschehenen und ungeschehenen nur gewollten Thaten, die vor Gott alle gleich sind. Das Wort »Du sollst nicht begehren« steht in gleicher Reihe mit dem »Du sollst nicht fluchen, stehlen« u. s. w. Was die Stadt nicht weiß, soll Ihrer Mutter Sohn erfahren, und so hören Sie denn etwas aus dem Leben einer alten, unbescholtenen Jungfrau, und sehen Sie hinein wie in einen Spiegel, lieber Justus.« –

Die Erzählung, welche ich Dir gewiß mittheilen darf, da Du meiner Mutter Tochter bist, hat einen nachhaltigen Eindruck auf mich gemacht. Es wird mir nicht schwer werden, sie Dir ziemlich getreu mit Julchens eigenen Worten zu überliefern, das Ganze ist mir lebendig gegenwärtig.

Aus Julchen Hermanns Leben.

»So weit ich zurückdenken kann, ist es unverdiente Liebe, welche mich gepflegt, gehütet und geführt hat. Meine Mutter haben Sie gekannt, sie war einzig in ihrer Art, ich könnte stundenlang von ihren Eigenschaften reden, und hätte sie doch nicht vollständig geschildert. In ihren frühern Jahren war sie sehr lebendig und hat sich ihre geistige Frische auch bis ins höchste Alter erhalten, Sie müssen sich noch erinnern können, wie eindringlich all ihre Worte und wie ausdrucksvoll ihr Mienenspiel und all ihre Bewegungen waren. Mutters Worte hatten stets die größte Gewalt über mich. – Mein lieber Vater war Geschäftsmann und hatte für meines Bruders und meine Erziehung nur wenig Zeit übrig, Mutter nahm uns also ganz unter ihre Leitung, und so war ich denn schon früh so glücklich das Gute in seiner Schönheit kennen, es lieben zu lernen, von Kind an war ich unsers himmlischen Schöpfers und seines Sohnes Eigenthum, das er vor tausend Gefahren von seinen Engeln bewachen ließ. Aber trotz dieser Leitung, trotz dieses Schutzes, trotz meiner Liebe zu dem Heiligen, habe ich oft tiefes Leid über meine Sündhaftigkeit tragen müssen, sie steckt zu tief, glauben Sie, wir werden ihrer erst ledig, wenn die Hülle zerbricht.«

»Als mein Vater starb, der nur ein geringes Vermögen hinterließ, war mein Bruder auf dem Gymnasium, und ich ein Mädchen von sechszehn Jahren. Mein Bruder Leopold war sehr befähigt und Mutter und ich wünschten beide sehr, er möchte Theologie studiren, kein Opfer, welches wir uns zur Förderung dieses Zweckes auferlegten, schien uns zu schwer, wir entbehrten mit Freudigkeit und freuten uns über jede neue Bestellung an Näh- und Stickarbeiten, deren Ertrag für den Bruder zurückgelegt wurde. Leopold kam wirklich zur Universität und erleichterte Mutter den kostspieligen Unterhalt durch Stundengeben, so daß vorauszusehen war, es werde Alles gut gehen. Daß wir's an Bitten bei der rechten Behörde nicht fehlen ließen, können Sie sich denken – aber Leopold irrte ab. Er trieb es sehr, sehr schlimm, mit der Theologie war es aus, er kam zu Haus und es sollte nun überlegt werden, was nun aus ihm werden könne. Ehe er ankam, war ich in der vortrefflichsten Stimmung, es war nicht schwer, neben der Mutter das Rechte zu finden: ich hatte nicht zu richten, sondern nur zu beten und zu bitten, auch konnte ich meinem lieben Herrn beweisen, bis zu welchem Grade von Sanftmuth ich es gebracht hatte, ich wollte mit schwesterlicher Liebe den zu halten suchen, der unbrüderlich den Lohn meines anhaltenden Fleißes verpraßt hatte, nur Lächeln anstatt Thränen zeigen.«

»Alles gelang, bis Leopold auch in seiner Heimath das schreckliche Leben wieder begann, und die traurigsten Excesse unter unsern Augen verübte, obgleich Mutter alles Mögliche, was seine Verblendung zerstören konnte, anwendete, obgleich ich, nach meiner Meinung, mit der überzeugendsten Klarheit auseinandersetzte, daß der von ihm eingeschlagene Weg einzig in den Abgrund bodenloser Verderbtheit und Unheiles führen müsse. Er wollte also nicht! Nun war es aus mit meiner großen, schönen Liebe, mit meiner Sanftmuth, da glaubte ich entschieden die Grenze zwischen ihm und mir gezogen, ich wendete mich kalt von ihm ab und betrachtete ihn mit dem Blicke der Verachtung. Mein Herz litt unsäglich dabei, aber ich hüllte mich in ein stolzes Schweigen, den Bruder vermeidend, die Mutter auffordernd, ihn zu lassen, wie ich es gethan, in mir den Ersatz zu suchen. Ja, ich wagte das Unglaubliche, ich war so stolz in meiner Tugend, die mich so hoch über den Bruder stellte – aber Mutter hatte keine Antwort dafür, sie sah mich nur an, stumm und verwundert, schmerzlich befremdet.« –

»Am Abende dieses Tages brachten Jünglinge den Leichnam meines Bruders, aber Gott sei gepriesen! er hatte sich nicht selbst entleibt, wie es mir bei dem ersten Anblicke qualvoll durch die Seele fuhr, er war verunglückt.« –

Julchen schwieg einige Augenblicke, aber bald gefaßt, fuhr sie fort:

»Ist es gewiß, daß mein abstoßendes Wesen nicht Ursach war, daß mein Bruder gerade an diesem Tage das Haus verließ, draußen umherirrte? – Hatte ich nicht jedenfalls Mutters Liebe von dem Unglücklichen zu reißen gesucht, hatte ich nicht Uebels von ihm geredet, während ich »ihn entschuldigen sollte und Alles zum Besten kehren!« –

»Meiner Mutter Haupt richtete sich früher empor als das meinige, sie hatte ein gutes Gewissen. Aber sie tröstete mich mit liebevollen Worten, erinnerte mich an Gottes Weisheit und Güte, die Alles voraussieht, immer wacht, gern verzeiht, und hob mein, in der Seelenqual gesunkenes Vertrauen zu dem, der das zerbrochene Rohr nicht knickt und den glimmenden Docht nicht auslöscht. Durch Gottes und ihre Hülfe wurde ich wieder ruhiger, ich drückte die Hände meiner Freundinnen wieder wärmer, als in der Zeit des Elends. Viel Worte des Lobes und der Bewunderung wurden in jener Zeit über mich gesprochen, die öffentliche Meinung überschreitet leicht das Maaß, im Tadel wie im Lobe, man hinterbrachte sie mir, mich zu erfreuen, aber ich verbarg mich schamroth vor den kurzsichtigen Beobachtern. Die freundliche Aufnahme und Vertheidigung, die Leopold Anfangs bei mir gefunden hatte, dokumentirten aufs Neue mein vortreffliches Herz, meine spätere Kälte war untrüglicher Beweis meiner reinen Tugendhaftigkeit, die mit dem Unreinen durchaus keine Gemeinschaft haben könne, und dann, mein unverkennbar tiefer Schmerz nach Leopolds Tode – wie rührend erschien er der Welt, mit welcher Zartheit begegnete man mir seinetwegen!«

»Jahre verstrichen, ich war zwei und zwanzig Jahre alt geworden, und Gott hatte mir ein Glück geschenkt, das in seinem Umfange vorher nicht zu ahnen ist: ich meine die Liebe eines Freundes, in dessen Gemeinschaft uns die Welt verschwindet, wir uns nur selig vor dem Herrn aller Liebe fühlen. Mein Freund war unendlich mehr als ich, aber ich verstand ihn. Ich staunte über den Reichthum des innerlichen Lebens, den er mir erst zugänglich gemacht hatte; er war der Engel der mir lächelnd unser seliges Endziel und alle Hindernisse auf dem Wege dahin im Lichte der überwindenden Kraft der Gnade zeigte. Ich bin jetzt ein altes Mädchen, aber wenn ich von ihm spreche, so verkörpere ich nur ein freudiges Hallen der ihn feiernden Seele; ich liebe ihn noch, und freue mich ihm entgegen, aber staunen Sie, Niemand weiß es: ich wurde ihm ungetreu.«

»Gott nahm ihn mir früh, ich sah ihn begraben; aber an seinem Grabe sprach ich das Gelübde aus, einsam meinen Weg zu wandeln; Keiner sollte so Theil an mir haben, wie er, Niemand so meine Theilnahme, mein Vertrauen, meine Freundschaft besitzen; er sollte mein Leitstern bleiben, bis wir wieder bei Gott vereint sein würden.«

»In diesem Gelübde fand ich neue Kraft, ich hatte die Süßigkeit der innigsten Gemeinschaft zweier Herzen kennen gelernt und wollte, das vielleicht lange Leben hindurch, darauf verzichten; wollte mich mit der sekundairen, laueren Freundschaft derer begnügen, die mein Herz nur oberflächlich kannten, und in andern Verbindungen größere Befriedigung fanden.«

»Meine Sehnsucht und Trauer war groß, ich habe Jahre lang viel gelitten, mehr als ein Christenherz um einen Heimgegangenen leiden sollte. Endlich erhob ich mich, mit Gottes Hülfe, zu größerer Klarheit, ich empfand wieder Freude bei seinem Andenken, ich freute mich in seinem Sinne handeln zu können, richtete meine Blicke und mein Herz wieder fester zu den Höhen, von wannen die Hülfe kommt. – Da starb Mutter und ich war ganz verwaist. Es ist sehr schwer allein zu stehn, wenn man ein warmes Herz hat. Es fehlt freilich nie an Gelegenheiten zum Gutesthun, aber unsere Liebesthaten werden da unendlich wohlthätiger wirken, wo die Liebe sie empfängt; man will auch nicht verschwenden, weil man weiß, wie glücklich Liebe machen kann. Fühlen Sie, wie es kam, daß die welche als ein Muster felsenfester Treue galt, allmählig die Wünsche hegte, mit ihrem tiefsten Seyn, sich an ein anderes lebendes Wesen zu schließen, fühlen Sie aber auch die Kämpfe, Selbstanklagen und welches Verzagen diese arme Seele erschütterten? Der geistige Bund, die geistige Ehe, wenn Sie wollen, war entweihet, auf welche Tugend durfte ich noch bauen, wenn nicht auf diese Treue, auf mein freiwilliges Gelübde der feurigsten dankerfülltesten Liebe? – Auf keine Tugend, keine Kraft war zu rechnen, in mir war kein Halt.«

»Was giebt mir nun den Muth mich dem Himmel und meinem Freunde dennoch entgegen zu freuen?« fuhr die Erzählerin fort, »ich will es Ihnen sagen. Kennen Sie noch Worte wie diese: »Kommet her zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanftmüthig und von Herzen demüthig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen, und saget den verzagten Herzen, seid getrost, fürchtet euch nicht; ich bin der Herr dein Arzt; selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet – wendet euch zu mir, so werdet ihr selig – die Liebe decket der Sünden Menge – verlasset euch auf den Herrn ewiglich – durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein!«

»Jetzt bin ich stark im Glauben, ich bin auch selig in Liebe und Hoffnung.«

Das treffliche Mädchen schwieg und sah mich mit den leuchtenden Augen ihrer Mutter an. Ich küßte ihre Hand.

»Haben Sie wirklich alle Gebote gehalten?« fragte sie.

»Nein,« entgegnete ich. Sie drückte mir die Hand, und ich verließ sie voller bewegten Herzens. –

Wenn ich einmal verheirathet sein werde, dann will ich Julchen Hermann für mein Haus zu gewinnen suchen, da soll sie noch viel Liebe finden. Meine Frau soll die Geschichte erfahren, und wenn sie sie jetzt nicht etwa schon liebt – man kann's ja nicht wissen – dann wird sie's nachher sicher. Julchen wird dieser Frau eine sehr kräftige Stütze werden, ich nenne sie freilich immer alt, deshalb ist sie aber noch nicht gebrechlich, und hat sie auch einmal Migräne, so legt meine Frau die Hände auf sie und Alles ist gut. –

Gott segne alle guten Menschen, Dich auch recht sehr, liebe Pauline! Schreibe bald wieder.

Justus.

Den 13. October.

Kleines Mädchen, ich fühle mich sehr behaglich auf Gottes schöner Welt, und er hat mir einen netten Platz und entsprechende Arbeit darauf angewiesen. Der liebe, großmüthige Herr Gott hat mich ohne Zweifel wirklich recht lieb, sonst könnte er mir nicht so viele gute Menschen in den Weg schicken und mein Herz so fröhlich machen.

Sonntags kam ich aus der Kirche, – ich schäme mich dieses Ganges keineswegs, ich fühle mich darin ganz behaglich, ganz zu Hause, ich habe gesungen wie die Andern: Befiehl du deine Wege u. s. w. – also ich kam aus der Kirche, und stehe mit der kleinen Johanne, die ihrer Bonne weg- und mir entgegen gelaufen ist, und plaudere ganz freundschaftlich, als »Grafs« kamen. Der liebe Engel grüßte, bevor ich meinen Hut herunter hatte, wie Maienlicht und steuerte auf uns los.

»Wissen Sie, lieber Herr Brand, was wir in dieser Woche für ein Fest feiern?« frägt sie. Ich wußte von nichts. »Königs Geburtstag, am 15.,« fuhr sie fort, »und ich führe zur Verherrlichung des Tages etwas im Schilde gegen Sie.« – Ich stellte mich ihr mit allen meinen Kräften zur Disposition.

»Eigentlich muthet Ihnen meine Frau ein starkes Stück zu,« bemerkte der Graf, »aber sie hat ein merkwürdiges Vertrauen zu Ihnen.«

Ich fühlte mich erröthen und sah die edle Dame dankbar an; sie lächelte und sagte: »O ja, sein Sie dessen ganz gewiß, was ich aber wünsche, ist gerade nichts Gewaltiges, es handelt sich nur um ein Paar Transparente zum Festtage, nicht wahr, Sie machen sie gerne? wir wollen recht schön am Abende illuminiren.«

Sie war dabei so erwartungsfroh wie ein Kind und ich versprach natürlich mein Möglichstes dabei zu thun. Da stehn sie nun, 3 Rahmen, mit dem königlichen Namenszuge, Adler, Laubwerk u. s. w., ich habe sie vorhin probirt, es ist eine wahre Pracht! – Hast Du wohl beachtet: sie hat merkwürdiges Vertrauen zu mir!

Uebermorgen Abend also glänzende Illumination, und in der Stadt Ball. Zu drei Tänzen habe ich bereits engagirt, Theresen zur Polonaise und Ida zum ersten Walzer und Cottillon. Cäcilie will nicht hingehen, sie wird Burga's und Berga's Kameradschaften mit Kuchen und blanc manger tractiren – Jeder nach seinem Geschmack! – Nach dem großen Tage mehr.

Am 16. October.

Was steckt doch alles in einem und demselben Menschen; ich z. B. bin überraschend vielseitig, es kommt nur darauf an, mich dahin zu stellen, wo etwas fehlt, und man erlebt Staunenswerthes! – Die Tage waren köstlich und ich werde Dir alles getreulich berichten, es ist ein Vergnügen noch einmal Alles durchzunehmen.

Die Transparente waren also zur rechten Zeit fertig und ich glaubte bei den übrigen Vorbereitungen den Zuschauer abgeben zu können, aber weit gefehlt!

Schon am frühen Morgen des 14. begann ein allseitiges Rumoren, die ganze Dienerschaft lief durcheinander, schleppte hierhin und dorthin, schrie und frohlockte, als sei es heute Pflicht und Schuldigkeit Menschen, welche von der Natur mit zarten Gehörnerven versehen sind, zur Verzweiflung zu bringen. Wie die Gräfin dies aushält, dachte ich, wo sie wohl steckt, während dieses Lärmens. – Der Tag war einzig schön, ich öffnete das Fenster, setzte mich daran und begann zu malen. Es ging aber nicht, trotz des besten Willens, so beschloß ich Toilette zu machen und mir den Wirwarr draußen in der Nähe zu besehn, vielleicht daß ich ihm dann mehr Geschmack abgewönne. Aber zum ersten Male sah ich mich hier vernachlässigt, der Toilettentisch entbehrte des Nothwendigsten, wer denkt an den Maler im Dachstübchen, wenn Königs Geburtstag ist! Ich machte mich jedoch bemerklich und klingelte, einmal, und noch einmal, und als das nicht half, lief ich an die Wendeltreppe, und schrie um durchzudringen mit einigem Kraftaufwande erst nach dem Bedienten und dann ganz energisch »Waschwasser!« Leichte Schritte wurden in einem benachbarten Zimmer hörbar, sie entfernten sich, und nichts erfolgte. Nun galt es Geduld zu üben und mit Ergebung abzuwarten, was geschehen würde.

Es dauerte nicht lange und das Zöfchen erschien, nach meinen Befehlen fragend, Frau Gräfin schicke sie. »Frisches Wasser, liebes Kind,« gab ich ganz bescheiden zur Antwort. Also ihre Erlaucht hatte ich vorhin mit meinem Befehle beehrt!

Nach einer Viertelstunde stand ich im Eßsaale, wo aber ein großes Malheur passirt war. Ein ungeschickter Bedienter hatte einen Wandleuchter an Ort und Stelle bringen wollen, sich statt einer Treppe einer Leiter bedient, war damit auf dem geglätteten Fußboden ausgeglitten, niedergefallen, und dabei, um die Sache nicht allein abzumachen, hatte er einen in der Nähe stehenden großen Gypsengel bei einem Flügel ergriffen und ihn glücklich mit zu Falle gebracht. Mit Mienen stummer Verzweiflung umgab das fast vollständig gegenwärtige Dienstpersonal die jämmerliche Gestalt des schwerverletzten Schutzengels, der Sünder selbst stand da, mit leichenblassem Gesichte. Auch die Gräfin besichtigte den Schaden und befahl dann die Figur aus dem Saale zu schaffen, als ich bat die Sache etwas genauer untersuchen zu dürfen. Nun stellte es sich heraus, daß die Zierde des Saales noch zu retten war, zwar mußte der rechte Flügel dreimal gekittet und eine starke Schramme auf der Stirn ausgefüllt werden, aber das war auch das Schwierigste, die andern Defecte waren höchst unbedeutend. Die Gräfin schüttelte anfangs den Kopf zu meinem Entschlusse die Operation zu übernehmen, und meinte ein geflicktes Kunstwerk sei keine Zierde mehr, als ich jedoch erklärte es nicht übel nehmen zu wollen, wenn man den Geheilten verwerfen würde, und betheuerte ich würde nur sehr ungern von der Arbeit abstehen, gab sie lächelnd ihre Einwilligung. – Der Engel genaß vollkommen, jede Narbe verschwand unter einer angemessenen Dosis Marmormehl und am 15. Morgens war ihm von seinem salto mortale nichts mehr anzusehen. Ob nun zum Lohn für diese Kur oder nicht, das kann ich nicht entscheiden, genug, ich wurde eingeladen mit der Herrschaft gegen Abend durch den Park zu fahren, es war ein Genuß, in dieser Gesellschaft und unter den alten prächtigen Bäumen hin, die indessen schon bedeutend gelichtet sind und die reichste Schattirung zwischen Grün, Gold und Purpur bilden. Mehrere dieser Alleen sollten auch illuminirt werden, nur bedauerte die Gräfin, daß man nicht bei Zeiten daran gedacht habe, die Wege vom hochdaraufliegenden Laube säubern zu lassen, es sähe schlecht aus, und lasse sich auch nicht schön darin gehen und sie spaziere doch so gerne bei solchen Gelegenheiten in diesen Gängen, wo sie so viele freundliche Gesichter zu sehen bekomme. Der Graf bedauerte es ebenfalls, konnte aber nur versprechen die dem Schlosse zunächst liegenden Wege sauber herstellen zu lassen, seine Leute hätten schon reichliche Beschäftigung.

Ganz bescheiden wagte ich es mich ein wenig in die Sache zu mischen und fragte, ob die armen Leute in der Stadt wohl nicht gern das Laub wegholen würden, wenn sie nur die Erlaubniß dazu bekämen. »Gern,« erwiederte der Graf, »aber bei solchen Gelegenheiten kennen die Leute nicht Maß noch Ziel. Würde ich die Erlaubniß zu morgen früh ertheilen, so könnte man sicher darauf rechnen, daß noch Mittags, wenn die Gäste kommen, der Schloßberg mit den Laubharkern besetzt ist, und da weiß ich doch nicht was vorzuziehen ist, besonders wenn ich bedenke, daß das Wild durch die Kinder auf mehrere Tage in den Hintergrund des Parkes gescheucht werden wird, wer kann solche verschiedenartigen, zahlreichen Arbeiten hüten?«

Mir fuhr ein komischer Gedanke durch den Kopf. »Ich will's thun, Erlaucht,« sagte ich, »es wird mir ein Vergnügen sein.«

»Ebenso wie mit der Natur?« fragte die Gräfin.

»Ja,« antwortete ich, »gestatten Sie nur daß mir ein bespannter Wagen und eine Menge Säcke zur Verfügung gestellt werden, das Andere werde ich mit Vergnügen besorgen.« – Der Graf fand das zwar unmöglich anzunehmen, aber seine liebe Frau bewies ihm die Möglichkeit ganz einfach.

»Laß dem Herrn nur den Willen,« sagte sie schließlich, »Du hörst wohl, er thut so etwas gern, es ist gewiß wahr, da er es zweimal betheuert, und warum auch nicht? ich kann mir das Geschäft auch ganz nett denken.« – Erlaucht war überwunden.

Gleich nach der Abendtafel eilte ich in die Stadt, mein Plan war schon fix und fertig. Der Bürgermeister sollte eine Anzahl Personen nennen, mit denen etwas aufzustellen war, diese sollten für die Frühstunden des nächsten Tages zum Laubharken geworben werden, und für die Arbeit bekamen sie das Laub bis vor die Thüre gefahren. Bernwacht war im Familienzimmer, dort wurde die Geschichte also verhandelt. »Giebts denn schon was?« fragte Frau Bernwacht ganz erstaunt, wir haben ja noch gar keinen Frost gehabt.

»Aber Kastanien Mama, bedenke Kastanien, die schon ganz kahl sind,« belehrte Berga, »und wie viel ist noch vom vorigen Jahre! Burga und ich wir gehen in der langen Allee manchmal zum Spaß durch das allertiefste Laub, und dann raschelt es sehr, Du solltest mal hören.« Für ihre Vertheidigung der Wichtigkeit meiner Angelegenheit beanspruchte sie für sich und Burga die Erlaubniß mit zu harken, sie könnten das Laub herrlich für ihre Kaninchen zum Einstreuen gebrauchen. Ida meinte: so eine Gräfin ist doch allmächtig, sie darf nur einen Wunsch äußern und man eilt ihn auszuführen und sollte man auch die merkwürdigsten Metamorphosen durchmachen.

»Sanfte, liebenswürdige Damen,« entgegnete ich, »haben über jedes Männerherz zu gebieten.«

»Das ist ja schrecklich,« spottete sie, »da hat ja keine Braut und Frau das Herz ihres Mannes für sich allein; fürchtest Du Dich nicht, Therese?«

»Nicht im Geringsten,« erwiederte diese lachend, »ich werde mich bemühen Theodor als die sanfteste und liebenswürdigste Frau zu erscheinen, dann bin ich, nach eines Kenners Aussage, seiner größten Liebe gewiß.«

»Sehr edel von Dir, dennoch theilen zu wollen,« sagte Ida pathetisch und hob den Kopf gewaltig, »ich meinerseits verlange entweder Alles oder Nichts.«

An solchen Scherzen betheiligt sich Cäcilie nie. Sie sitzt dann ganz ruhig und strickt oder näht, oder zeichnet Muster, aber sie sieht oft aus, als verstände sie von dem, was um sie her vorgeht, nichts, als seien ihre Gedanken weit, weit weg. Ich möchte wohl wissen, wie es in einem Kopfe und Herzen wie dem dieses kleinen Mädchens aussieht.

Am andern Morgen ertheilte ich meine Befehle als Laubkommissarius, wie Burga mich betitelte, und gegen zehn Uhr waren die Wege in schönster Ordnung, geharkt und gefegt, und als die Gäste durch den Thiergarten fuhren, war kein einziger Barfüßer mehr zu sehn. – Um drei Uhr war großes Diner, es dauerte mehrere Stunden, und ich habe mich unter dem fremden hohen Adel weder gelangweilt noch gekränkt gefühlt, freilich war das auch nicht zu befürchten, da die Gäste, außer einigen Herren aus der Stadt, aus Freunden unserer gräflichen Familie bestanden, die ihnen natürlich geistesverwandt sein müssen. Einige Unruhe fühlte ich gegen Ende der langen Sitzung dennoch, ich dachte an das, was noch kommen sollte, besonders an den Ball auf dem Rathhause; endlich erhob man sich, ich war frei, und wollte eben aus der Thür schlüpfen, als ich den Blicken der Gräfin begegnete. Sie winkte. »Sie gehen zu Ball,« sprach sie huldreich, »und sprechen vorher bei Bernwachts ein, wollen Sie den Kindern nicht etwas Confect mitnehmen? Sie werden sich sehr dadurch insinuiren.« – Ich ließ mir das nicht zweimal sagen, füllte einen Teller mit feinen Süßigkeiten an, nahm ihn ungenirt nach außen, schlug dort die ganze Bescherung in einen Bogen weißen Papiers und steckte das ansehnliche Paquet in die Rocktasche. Nun gings in Sätzen den Schloßberg hinunter – an der Toilette war nichts mehr zu ändern – dem bürgermeisterlichen Hause zu. Man war natürlich noch nicht fort, denn der Papa mußte erst kommen, und der war bei meinem Abgange noch in ein Gespräch mit dem Landrathe vertieft, auch wollte man erst die Illumination sehen, denn bei dem schönen Wetter drohte dem Putze keine Gefahr, man hatte es früher auch schon gethan, und war ganz entschlossen. Ida in rosa Flor sah entzückend aus, sie hatte weiße Rosen im Haar und Perlen um Hals und Arme geschlungen. Als sie mir entgegen kam, blieb ich wie geblendet stehen, und hielt die Hand über die Augen. Sie lachte anmuthig und sagte: »Nicht wahr, ich bin wundervoll?« – »Wundervoll!« echote ich. »Süperb?« – »Süperb!« Lachend gab sie Theresen die Hand und länderte durch das Zimmer. Sie kam mir reizender vor als je. Therese war weiß gekleidet; sie wäre vielleicht ebenso gern zu Hause geblieben, ihr Bräutigam war nicht da. – Cäcilie kam mit einem Schlüsselbunde zum Vorschein und trug mächtige Körbe mit Aepfeln und Wallnüssen, das erinnerte mich an meine gespickte Tasche, und Burga und Berga empfingen überglücklich die Sendung der Gräfin. Darauf kam die Nachricht: die Erleuchtung sei im Gange, der Papa brachte sie selber, ich half den Damen sich einzuhüllen und nun gingen wir Alle dem Thiergarten zu.

»Papa und Mama müssen unsere Lootsen sein,« meinte Berga.

»Ja,« wiederholte die Andere, »es ist gewiß« – »Schweig!« gebot Ida, »wir wissen allemal im Voraus, was die Zweite von Euch zu sagen hat, macht nicht so viel unnütze Worte.« –

Die Kleinen hüpften zu Cäcilien, hakten unter und somit war ich auf die beiden Balldamen angewiesen, die denn auch geruhten mich zum Führer anzunehmen. –

Oft habe ich Illuminationen gesehn, die diese einfache bei weitem überstrahlten, aber keine erschien mir so lieblich, kindlich möchte ich sagen, wie diese, und keine habe ich in so angenehmer Gesellschaft betrachtet. In den schönen Alleen wogte es nur so von Menschen, und alle waren mehr oder weniger von dem schönen Schauspiele entzückt. So schön war es noch nie gewesen, das hörten wir wenigstens zehnmal.

»Das sagen sie alle Jahre,« bemerkte Ida.

»Nein,« widersprach eine der naseweisen Kleinen; »Cäcilie sagt es selbst, so lieb ist es nie gewesen.« – Ich sah mich nach dem Dreiblatt um. »Es ist heut Abend wunderschön,« lächelte das kleine blasse, süße Gesicht. – »Ich denke lieb?« fragte ich. – »Ja, recht lieb.« –

Nun wurden die Transparente sichtbar, und ich erntete indirect überreichlichen Lohn für meine kleine, gern übernommene Mühe. Es war an der Stelle, von welcher man sie am besten sehen konnte, ein förmliches Gedränge. Ida wurde sehr unwillig, ihr Anzug verdürbe auf diese Weise ganz, sie müsse nur allein gehen und auszuweichen suchen; ich verbeugte mich und ließ sie gehen. Bald darauf sah sich auch Cäcilie treulos verlassen, die kleinen Schwestern waren zur Mutter gestürmt, um ihr etwas Nothwendiges über die Eindrücke zu sagen, welche dies Alles auf sie hervorgebracht hatte, sie stand ganz allein da und vertiefte ihre Augen in die Tausende von Sternen, die sich mit einem Male auf den schönen Wald niedergelassen hatten. »Wir müssen die junge Dame nur unter unsern Schutz nehmen,« flüsterte ich Theresen zu, und bot Cäcilien meinen Arm an, aber – sie dankte! Sie dankte recht sehr, ich möchte es aber – aber nicht übel nehmen. –

Ich nahm's ihr dennoch übel. –

Nach einer guten halben Stunde eröffnete Ida an der Seite eines jungen Militairs den Ball, und man tanzte, tanzte und tanzte, das ist die Geschichte des Balles. Aber außerhalb des Balles trug sich an diesem Abende noch Etwas zu. Von Bedeutung? magst du fragen – je nun, ich meine fast. Sieh, als ich die beiden Schwestern durch den Saal schweben sah, – sie sind Beide sehr graciös – fiel mir plötzlich Cäcilie, die kleine Unergründliche, ein. Ich dachte: wie sie wohl tanzen würde, gewiß hinreißender wie die Salome vor Zeiten, denn sie hat eine feenhafte kleine Gestalt, und schwebt überhaupt mehr als sie geht. Und, dachte ich weiter, was sie nun wohl treibt, und ob ihr Zuhausebleiben vom Ball wohl wirklich Geschmackssache war oder ein pietistisches Opfer, ob sie zu Hause wohl den Kopf ein wenig hängen läßt, und dachte so lange an dergleichen, bis ich mit einer Art Freude, die mir ganz neu war, mich daran erinnerte, daß mich ja nichts verhindere sie aufzusuchen, daß ich ja überhaupt so frei sei wie der Vogel in der Luft. Der Mantel wurde umgeworfen und bald war ich da. Am Fenster blieb ich lauschend stehn, lauter Gesang hoher Diskantstimmen schallte mir entgegen: »Heil Dir im Siegeskranz, Herrscher des Vaterlands!« – eine schöne sanfte, aber sichere Altstimme führte das Steuer. Die zusammengezogenen Gardinen waren nicht allzu dicht, ich konnte vortrefflich hindurchschauen, da saß sie am Claviere und dirigirte; Burga und Berga mit wenigstens einem Dutzend künftiger Schönheiten standen ringsum und sangen nach Möglichkeit, Julchen Hermann, mit dem Ausdrucke innigster Freude, daneben.

»Fühl in des Thrones Glanz,« sie sangen mit ganzer Seele, die Mädchen, ich mußte einstimmen, was gings mich an, wenn die Nachbarn etwa ihre Bemerkungen darüber machten, es war ja Patriotismus – »Die hohe Wonne ganz, Liebling des Volks zu sein, Heil Liebling Dir!«

Meine Einmischung hatte all die Oehrchen da drinnen gespitzt, Berga errieth, und sang sich gerade bei der letzten Zeile aus der Hausthür heraus.

»König heißt es!« rief sie corrigirend, und sang, an meinem Arme hängend, und meine Variationen noch einmal berichtigend: »Heil König Dir!« als ich eben mit höflichem Gruße in der Versammlung der Sängerinnen erschien. Cäcilie nickte mir freundlich zu, ließ sich aber nicht stören, der Gesang nahm ununterbrochen seinen Fortgang.

»Was wollen Sie denn eigentlich?« fragte mich Julchen, als wir Beide auf dem Sopha saßen. »Mich ruhen, erholen.« – »Glaubten Sie hier Ruhe finden zu können?« – »Ruhe und Frieden,« antwortete ich und sah ihr voll in die Augen. Sie lächelte und nickte mit dem Kopfe. »Ja,« sagte sie dann, »es ist ein großer Unterschied darin, den Lustbarkeiten Erwachsener sich hinzugeben oder den Spielen der Kinder zuzusehen; ich bin auch sehr gern unter Kindern.« –

Dieses alte Mädchen hat ein sehr feines Verständniß, aber wenn ich einmal ein Geheimniß habe, soll sie es theilen.

Nach dem Vortrage diverser Lieder tanzten die Kinder; Cäcilie spielte mit einer Geduld, welche die meinige ermüdete, endlich erbot sich ein liebenswürdiges Kind sie abzulösen, und sie setzte sich in unsere Nähe. Nun könnte ich sie vielleicht tanzen sehn, dachte ich, oder gar selbst mit ihr tanzen, sie wird aber ein rundes Nein bei der Hand haben, das will ich doch nicht so schnell riskiren. Da kam Burga und bat sie, und sie tanzte, nun versuchte ich mein Glück auch, und sie gab mir die kleine Hand ganz willig. Sie tanzte noch lieblicher, als ich es mir vorgestellt hatte, leise, leise, sinnig, lache nicht! – sinnig, wiederhole ich – sie thut nichts als in dieser holden Weise. Da war keine Hast, kein innerer Sturm, der sie trieb, keine Eitelkeit, die sich geltend machen wollte, sie hörte Musik und bewegte sich harmonisch, das war es; ich, auf dessen Arm sie sich lehnte, der ihr Führer hätte dabei sein sollen, konnte nicht anders als sie. Nie hatte ich so getanzt! –

Nun tanzte sie nicht mehr, sie schlug es verschiedenen Kindern ab, ich wagte es nicht, sie noch einmal zu bitten. Julchen lobte sie deshalb, sie scheint sie für schwach zu halten. –

Nach einiger Zeit wurde Pause gemacht und Erfrischungen gereicht, Cäcilie war die Vielbeschäftigte; ich hatte was ich wollte, und ging nach dem Rathhaussaale zurück, fühlte mich aber nicht sehr zum Tanz mehr aufgelegt und sah zu, bis der Cottillon kam, den Ida mir zugesagt hatte. Er dauerte sehr lange, und es schlug bereits vier Uhr als der Pförtner mich zum Schlosse herein ließ. –

Heut war hier nun eine hübsche Nachfeier, die Armen wurden in den Laubengängen gespeist, und die Gräfin sah selbst mit ihren fröhlichen Augen überall hin, ob auch Jeder sein Recht bekomme. Es ist rührend zu denken, was Alles und wie so ein Frauenherz lieben kann. Spricht diese Frau von Mann und Kind, oder ruht nur ihr Auge auf ihnen, so ist es Einem, als füllten diese Geliebten ihre Seele ganz aus. Wer sie gestern zum ersten Male gesehen hätte, oder überhaupt während die Anstalten zum Feste gemacht wurden, der würde den Monarchen beneiden, dessen Namenstag mit so inniger Freude begrüßt wurde, wie von dieser Frau. Ihr Töchterchen lehrt sie beten für »den theuren König«, den Kindern in der Schule spricht sie, wie man sagt, begeistert von seiner väterlichen Treue, ihren Gatten und Sohn nennt sie mit Stolz Diener ihres königlichen Herrn. Heute flammte wieder der heilige Liebesstrahl in ihren Augen, und für die Armen, die ihr nichts Liebes erwiesen, die in ihrem innern und äußern Mangel so himmelweit verschieden von ihr sind. Erbarmen habe ich auch für diese Menschen – wozu sage ich übrigens was du weißt und sich von selbst versteht, – aber solches Gefühl ist mir fremd. Ich mußte sie oft betrachten. Ob sie es fühlte, weiß ich nicht, und wenn's der Fall war, dann muß ich ihr doppelt dankbar sein; einmal als ich in ihrer Nähe stand, sagte sie: »Wie glücklich bin ich heut, mehr als glücklich! Immer muß ich an die schönen lieben Segensworte denken: »Alles was ihr gethan habt Einem dieser Geringsten« – ihr Auge wurde feucht, und sie brach ab, aber ganz leise hörte ich neben ihr die Worte flüstern: »das habt ihr mir gethan.« Es war Johanne, ihr kleines Abbild, welches den Vers so andächtig ausbetete. Die Mutter küßte sie und sah mich mit einem strahlenden Blicke an. Ihr Glaube macht sie selig.