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Bübü vom Montparnasse / Ein Roman mit zwanzig Holzschnitten von Frans Masereel cover

Bübü vom Montparnasse / Ein Roman mit zwanzig Holzschnitten von Frans Masereel

Chapter 10: IX
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About This Book

The novel presents a compassionate, unsentimental portrait of Parisian nightlife and working-class life as a young provincial arrives in the city and drifts through boulevards, shopfronts and riverbanks. Through episodic street scenes and intimate encounters with women who trade affection for survival, it traces desire, exhaustion, and social marginalization, contrasting moments of festivity with stark deprivation. The narrative emphasizes atmosphere and observation over plot, using detailed sensory description to reveal how urban spectacle, loneliness, and economic hardship shape personal choices and tragic outcomes.

Pierre blickte Berthe an. Er sagte nichts. Er nahm ihre Hand und hielt sie zwischen seinen Fingern, um sie sein Mitleid spüren zu lassen, ganz einfach, um ihr ein wenig wohlzutun. Dann gingen sie. Er führte sie in seine Wohnung und hielt sie auf der Straße an der Hand, damit niemand sie berühre. Er neigte sich zu ihr und fügte, damit sie so recht fühle, wie er’s meinte, die Worte hinzu:

„Meine liebe Freundin, meine liebe Freundin!“

Manchmal kam ihnen Louis Buisson ins Kaffeehaus nach. Er setzte sich an die andre Seite von Berthe und alle drei sahen, die Ellbogen auf dem Tisch, ihren Kaffee trinkend, aus wie drei junge Leute, die zum Plaudern zusammengekommen waren. Der eine von ihnen war ein armes Kind, eines von jenen, die nicht wissen, wie sie dir etwas Gutes antun sollen, die dich aber freundlicher stimmen, da du ihren heißen Wunsch spürst. Der andre verstand viel besser dein Leid, und wenn er es mit dem Finger berührte, spürtest du einen elektrischen und zarten Finger, der dich berührte und dich sondierte, weil die Wunden sondiert werden müssen, bevor man sie heilt.

Um diese Zeit erzählte Louis Pierre:

„Ich lese die Evangelien. In einer Nacht stieg Jesus mit seinen Jüngern zum Ölgarten hinauf. Es war eine Nacht wie die Nächte in Paris, da wir wissen, daß die Lust böse ist, weil ihr die Menschen nachgehen ohne Liebe. Ihm zu Füßen lag Jerusalem, wo die Freudenmädchen und die Verführung aufeinander prallten wie arge Waffen, die töten, um Vergessen zu bringen. Er dachte daran, daß die Welt voll Geld sei, und daß die Hohenpriester und die Soldaten Haß und Kampf hineintragen. Er stieg auf den Ölberg, um zu seinen Aposteln zu sprechen: ‚Ich bin die Liebe. Lasset uns dort oben zusammenkommen und durchwachen die Nacht vor meinem Tode. Wir wollen zu Ihm beten, der mich auf euren Weg geführt hat, daß er mich noch beschütze. Und morgen, wenn ich am Holze gestorben bin, gehet hin durch alle Welt und sprechet: Die Liebe ist geboren, wir sind gekommen, euch die Liebe zu lehren.‘ Er hielt sich abseits und betete lange. Dann wollte er nochmals zu ihnen sprechen. Er wendete sich um und sah, daß alle eingeschlafen waren. Petrus und Johannes und Judas und Thomas und die andern, sie schliefen, die Arme unter dem Haupte so, als hätten sie nichts anderes vor, als zu schlafen. Da bemerkte Jesus, daß irdische Nacht ihn bedeckt hatte: ‚Jahr um Jahr habe ich meine Seele über die Erde gegossen, um sie zu erleuchten. Vergib mir, mein Vater, doch ich sehe, daß alles umsonst war. Diese hier schlafen heute, am letzten Tage, den Du mir gegeben hast. Wenn die Besten erliegen, wenn die Guten zu schwach sind für das Wort der Liebe, warum hast Du mich hierhergesendet? Der menschlichen Güte ist nicht genug. Ich habe die glühende Liebe gepredigt, und meine arme Liebe liegt im Sterben.‘ — Und ich dachte an Berthe, Pierre, beim Jesus auf dem Ölberg. Der Heiland hat an seinem letzten Tage weinen können, aber das Wort der Liebe ist nicht gestorben. Die Schläfer hatten es bewahrt, denn der Geist ist stark, wenn auch das Fleisch schwach ist. Sie haben mehrere Seelen gerettet: den heiligen Franziskus von Assisi und den heiligen Vinzenz von Paul. Und uns, mein Freund, uns hat ein Freudenmädchen gefunden. Wir wollen sie lehren, daß ihr Leben nicht gut sei, und wollen ein bißchen mehr Güte in das unsre tun, damit sie es begreift und damit sie es liebt. Ich weiß nicht, ob wir sie werden retten können, aber ich weiß, daß das Wort der Liebe keine Grenzen kennt. Wenn wir scheitern, mein Bruder, dann trösten wir uns mit dem Gedanken, daß wir ein wenig Licht in ihre Seele gegossen haben und daß wir nicht wissen, ob wir nicht am Beginn ihres Heils stehen.“

Und später, wenn er sich näher an Berthe gesetzt hatte, fragte er sie:

„Nun, meine Kleine, warum treibst du noch dein Geschäft?“

Sie hatte ein nichtssagendes Lächeln wie die Kinder, die wohl wissen, aber sich nicht zu antworten trauen. Es wanderte eine Weile über ihr Antlitz, während sie die Augen niederschlug, dann sagte sie nichts. Anderswo hätte sie gesagt: „Ach geh, mach keine Faxen!“ Sie hätte dies gesagt, weil die Leute, die Anteil am Elend nehmen, es zuerst ausnützen und dann nicht mehr daran denken, ihm zu helfen.

Doch Pierre sah sie an, als wollte er sagen: Nun, meine kleine Freundin, du weißt gut, das bin ich, mit allem, was ich habe. Und alles, was er hatte, strahlte auf seinem Antlitz wie ein Herdfeuer, das schöne Funken gibt und aufsteigende Wärme. Darum sagte sie:

„Sie glauben, daß man tun kann, was man will.“

Sie fragten sie aus: Wieviel verdiente sie einst mit den Blumen? Sie erwiderte, daß man davon wohl leben könnte, denn man verdiente fünfundzwanzig Francs wöchentlich. Man nimmt ein kleines Zimmer für fünf Francs, und abends kocht man zu Hause. Eine Frau ist nicht wie ein Mann, sie besorgt sich alles selbst.

„Nun also, meine Kleine, warum treibst du dann noch dein Geschäft?“

Darum. Wenn Maurice etwas Geld hätte, würde sie sich einen Blumenladen aufmachen. Sie hätte zwei Arbeiterinnen, denen sie täglich zwanzig oder fünfundzwanzig Sous bezahlte und die ihr dreimal soviel verdienten. Berthe kam dann auf all ihre Geschichten: Sie war einem Herrn begegnet, der sie nach Rußland mitnehmen sollte. Sie lernte einen jungen Mann kennen, der ihr Tanzunterricht gab, damit sie ins Moulin Rouge eintreten könnte, wo man für das Mittanzen in den Quadrillen bezahlt wird. Sie sollte in einem Café-Konzert singen, in einem blauseidenen Kleid, bis daher ausgeschnitten. Maurice wollte einen Phonographen kaufen und beide wollten auf den Festen der Umgebung von Paris umherziehen. Sehr gern hätte sie Verkäuferin in einem Tabakladen sein wollen: „Zigarren gefällig, mein Herr“, und man lächelte bei diesen Worten.

Sie erging sich in all den Geschichten einer armen herumstreichenden Dirne. Ihre Phantasie machte allerhand Sprünge, und es war erquicklich, ihr zu folgen und, was immer man unternahm, Glück zu haben. Die Männer sagen sich: Man zieht sie auf und läßt sie schwätzen. Kennt man die Welt, so ruht man wahrhaftig von seiner Plackerei aus, wenn man den Kindern zuhört.

Aber Louis Buisson sagte:

„Meine Kleine, wenn du nicht glücklich sein wirst, mußt du uns besuchen. Du wirst uns deine Geschichten erzählen, und ich weiß, daß uns das Vergnügen bereiten wird.“

Dann verließ er sie, da er arbeiten wollte. Da sagte Pierre: „Du sollst kommen. An den Tagen, an denen du traurig sein wirst, sollst du kommen. Du wirst sagen: O, wie mir schwer zumute ist, wie mir schwer zumute ist! Ich werde dir in die Augen sehen und dir antworten: Auch ich habe Tage, wo mein Herz zerbirst. Du wirst sehen, wie Mann und Frau glücklich sind, zusammen zu dulden. Ich bin ganz allein, und wenn ein Freund mich besucht, ist es mir, als würde ich niemals mehr ganz allein sein. Abends findest du mich, vor dem Essen, und wirst mit mir speisen. Nachher findet man mich auch. Du wirst mein kleines Herz werden, du hast mir gefehlt. Fürchte nichts. Die Frauen bilden sich immer ein, daß man sie mißbrauchen will.“

So redete er und zu tiefst dachte er: „Es ist so schön, ein Weib neben sich zu haben!“

 

Sie kam ziemlich oft. In der ersten Zeit traute sie sich nicht und pochte zaghaft an der Türe, ein leises Kratzen von Ameisenfüßen.

„Ich komme dich besuchen. Ich bin hier vorübergegangen. Da hab ich mir gesagt: Wart, ich schau zu Pierre hinauf.“

Das war anfangs vor dem Essen, wenn der Hunger den Wolf aus dem Walde treibt.

Im Restaurant entschuldigte sie sich: „Bitte, verzeih, daß ich das Salz vor Dir nehme.“ Es gibt viel Schüchternheit in unserm Herzen, und ist man ein Freudenmädchen mit tanzendem Herzen, so bleibt man trotzdem unter Männern ein Weib, sanftmütig und zaghaft.

Etwas später sagte sie:

„Ich bin zu dir gekommen, ich weiß, daß es dir nicht fad ist.“

Sie kam ziemlich oft. Sie kam an den Tagen, da sie traurig war, noch einen Rest der Liebesfreuden in den Kleidern und die Brutalitäten der Mädchenhirten. Sie kam an den Tagen, da sie krank war und ihre Leiden wie eine beständige Verzweiflung in ihrem Kopf herumgingen. Sie kam niemals, wenn sie fröhlich war, denn dann sind die Straßen da, in denen man herumtollt, die Zuhälter, bei denen die Freude ausgiebiger ist, und das Geld der Straßenmädchen, das auf allen Schenktischen fliegt. Sie kam besonders an Abenden, da sie mit ihrem Beruf abzurechnen hatte und ihr Brot kriegen wollte.

„Wie geht es dir?“

„Schau her.“

Sie zeigte ihm Zunge und Gaumen, die voll Wunden waren, die ganze Abende Küsse austeilten und ihren Speichel wie Lust in den Mund der Männer gleiten ließen . . . Sie hatte Halsschmerzen und ihre Stimme kratzte, als stieße sie gegen etwas, das sich im Halse festgesetzt hatte. Sie fühlte auch in den Knochen Schmerzen, die aus ihrem Innern zu kommen schienen wie aus einem Sammelbecken des Schmerzes. Übrigens wollte sie Quecksilberpillen nicht einnehmen, weil sie gehört hatte, daß Quecksilber das Leiden hervortreibe.

Sie kam an gewissen Abenden, ohne seit dem vorigen Tag gegessen zu haben. Das merkte man ihr nicht an, das Unglück sieht wie jedermann aus. Sie sträubte sich zunächst in einer Art von Stolz; im Restaurant aß sie nicht mehr als sonst: „Ich darf ihm doch nicht mehr Auslagen machen“, aber nach der Mahlzeit, wenn sie satt war, konnte sie sich nicht zurückhalten: „Weißt du, was ich zu Mittag gegessen habe, hätte mir kein Magendrücken verursachen können.“

Pierre sagte:

„Meine liebe Freundin, du tust mir weh. Du weißt gut, daß ich auf der Welt bin, dir zu helfen. Komm nur, komm. Wahrhaftig, es ist schön, armen Frauen Gutes zu erweisen. Man nennt das: der leidenden Menschheit wohltun. Wenn du nichts zu essen hast, denk an mich. Du sagst nichts, du kommst, und ich werde dich verstehen.“

Sie antwortete sanft:

„Das macht nichts. Ich bin heute um drei Uhr aufgestanden, da hab ich den Hunger garnicht gespürt.“

 

Es war an einem Abend im Dezember. Ein schlimmer Dezember schritt durch die Straßen mit Eis und Wind, herrisch, über unser Menschenfühlen hinweg, drang bis ans Mark und haftete darin, stärker als aller Druck und aller Kummer.

Ein Pariser Dezember, in dem die öffentlichen Mädchen ihre Schultern einziehen, ihre Gesichter einschrumpfen fühlen und im Wind wehen mit den Flammen der Laternen.

Pierre arbeitete in seinem Zimmer. Der Ofen brummte wie ein alter treuer Kater, der zu sagen scheint:

„Bleib daheim, Herr, so wie ich.“

Pierre dachte:

„Das ist eine schändliche Krankheit und greift um sich, wie das Böse um sich greift.“

Er dachte noch:

„Neujahr kommt heran. Die Neujahrstage haben sich sehr verändert. Ich will vom Bureauchef acht Tage erbitten und nach Hause fahren. Mama wird sagen: ‚Da ist mein Pariser!‘ Die alten Frauen werden sagen: ‚Jetzt trauen wir uns nicht mehr, dich zu duzen.‘ Meine beiden Schwestern und die kleine Nichte werden da sein, in der guten Wärme auf dem Lande, die in unser Herz eindringt und unsre Gedanken ausbrütet wie kleine Kücken. Das erste Jahr, in dem ich die Syphilis habe. Ich werde alle küssen und aus ihren Gläsern trinken. Sie werden zu Juliette sagen: Geh, Leckermaul, trink ein wenig aus dem Glas des Onkels. Ich will sie knapp am Haar küssen, wo die Lippen weniger haften. Aber dann werde ich wegen des Glases keine Ausrede gebrauchen können. Mama wird sagen: ‚Dazu hat er nach Paris gehen müssen, um sich diese Fäulnis heimzubringen.‘ Papa wird sagen: ‚Das ist eine feine Gesellschaft für seine Schwestern.‘ Und alle jene, die in Paris keinen Posten gefunden haben, werden sehr zufrieden sein.“

Er dachte auch:

„Ich muß trachten, zur Prüfung zum Brücken- und Straßenbaumeister zugelassen zu werden. Man würde sofort meinen, daß ich nicht mehr gern arbeite. Und ich arbeite, während ich Quecksilber schlucke, und weiß nicht, ob ich, wenn die Zeit der tertiären Erscheinungen kommt, werde leben dürfen.“

Mitten hinein klopfte jemand an die Tür. Pierre erhob sich und vergaß schon seinen Kummer, da es Berthe war und da wir zu jeder Zeit einer Frau bedürfen.

Es war Berthe.

Wie sie eintrat, trat der Winter ein mit ihren Röcken, denen die Kälte entstieg.

Sie sagte:

„Das bin ich. Bei dir ist’s schön.“

Dann:

„O, hör einmal, das weißt du nicht: meine Schwester Blanche ist im Saint-Lazare! Da war eine Radfahrbahn. Blanche tut alles nach ihrem Schädel, fuhrwerkte dort herum und zeigte ihre Waden und alles. Ich habe ihr gesagt: ‚Tu das nicht, du wirst sehen, eines Tages werden sie dich erwischen.‘ So geschah es: wie ich gesagt habe. Bei der Untersuchung auf der Polizei wurde sie als nicht gesund erkannt und zur Heilung nach Saint-Lazare geschickt.“

Berthe setzte hinzu:

„Und jetzt muß ich das Zimmer bezahlen.“

 

Sie setzte sich und sagte nichts mehr.

Sie rückte ganz nah an den Ofen, so nahe, daß man geglaubt hätte, sie sei unempfindlich oder verrückt, und, die beiden Hände auf den Knien gekreuzt, den Kopf gesenkt, saß sie da.

Unter ihrem Haar sah die arme kleine Frau mehlweiß aus, wie eine lockere Puppe, die zerfällt und umsinkt.

Sie flüsterte noch:

„Und dann, nein, nein. Das dauert schon zu lange.“

Ihr Anblick tat sehr weh.

Nicht alle ihre Gründe waren verständlich, denn Gründe gibt es unzählige, und sie schweben mit hunderttausend Eisenfäusten über unserm Haupt, deren Wucht zusammen mit den Tagen, mit den Leiden, mit den Schlägen, die man empfangen, mit dem Bösen, das man begangen, mit den verbummelten Nächten niederlastet. Es kommt ein Abend, an dem alles zu Ende ist, an dem so viele Mäuler uns zerbissen haben, daß uns keine Kraft mehr bleibt, uns aufrecht zu erhalten, und uns die Fleischfetzen vom Leibe hangen, als wenn all die Mäuler sie zerkaut hätten. Es kommt ein Abend, an dem der Mann schluchzt, an dem das Weib sich am Ende fühlt.

Sie hatte sich schließlich zu dem Jungen geflüchtet in der Empfindung, umzukommen und das womöglich an dem besten Ort zu tun.

Und hier, auf dem Stuhle kauernd, war sie ein zusammengebrochenes Wild, das sein letztes Leben in den Flanken spürt, das es für immer aushaucht und mit dem Blick noch sein Lager streift, bevor es darin seine Überreste zurückläßt.

Sie sagte:

„Laß mich hier schlafen. Ich kann nicht fortgehn. Ich bitte dich darum, denn ich weiß, daß ich dir große Unannehmlichkeiten bereiten werde.“

Das sagte ein Straßenmädchen, dem die Nächte berufsmäßig kostbar sind, daß sie eine jede auf zehn Francs einschätzt, und für das die verlorenen Nächte brotlose Tage sind. Sie bat um Gnade, sie, die den Preis gewährter Gnade kannte, die auch wußte, daß ein Menschenleib bezahlt wird, und daß man Geld empfängt von denen, die man tröstet.

Er legte sich neben sie. Er nahm sie in seine Arme, in denen sie lag, kalt vom Kopf bis zu den Füßen wie ein eisiger Sturm, wie ein Feld, dessen Ernte vom Hagel zerbrochen ist. Er legte sie an sein Herz und hielt sie lange warm in glühender Hingabe, ein leises mitleidvolles Klagen entfuhr ihm einer Flamme gleich.

Er sagte nichts, er dachte nicht an das Weib, er war selbst von diesem Schmerz ganz eingehüllt und hätte am liebsten gerufen:

„Arme kleine Heilige! Arme kleine Heilige!“


IX

Dezember dann und Neujahr, alles ging vorüber; aber seitdem Blanche fort war, strich die Zeit mühselig dahin, als fehlte es auch ihr an Schwung.

Eines Tages, um vier Uhr nachmittag, kam Berthe auf dem Boulevard Sebastopol an der Kirche Saint-Leu vorbei. Das ist eine Kirche aus grauen Quadern wie alles rings um die Hallen, wo die Häuser an den Fischmarkt und das große Mundwerk der Händlerinnen erinnern. In den letzten Tagen spürte Berthe ein gewisses Schauern zwischen Zwerchfell und Herzen, ein Spiel der Organe, von dem sie nicht erriet, was es zu bedeuten habe. Manchmal kamen ihr komische Gedanken, die einen Anfang, aber kein Ende hatten und dennoch einen süßen und lieblichen Nachgeschmack hinterließen. Als sie an der Kirche Saint-Leu vorbeikam, durchlief sie das Erschauern und umfing sie. Sie lächelte, indem sie sich ihm hingab, und sagte sich: „Gehn wir hinein!“

Sie durchschritt zweimal die Kirche und war verwundert. Dann setzte sie sich auf einen Stuhl und wußte einen Augenblick nicht, was sagen:

„Mein Gott, ich bin nur eine liederliche Dirne. Heute abend mußte ich in die Kirche Saint-Leu treten, ohne zu wissen, warum. Da bin ich in Deiner Kirche, mein Gott, ich denke an Dich. Du siehst uns nicht einmal an, denn wir tun alles das, was Du verboten hast. Maurice sagte: Es gibt keinen, aber ich sage Dir: Es gibt einen guten Gott. Mir ist, als wenn ich den Boulevard Sebastopol lange verlassen hätte. Weil ich am Tag meiner ersten Kommunion krank war, nahm ich meine erste Kommunion zwei Wochen später. Wir waren zwei Kleine in Weiß, aus derselben Schule: die Schwester nahm einen Fiaker und führte uns zur Kommunion nach Notre-Dame. Wir waren sehr glücklich, im Fiaker zu fahren. Und dann hat mich meine Mutter am liebsten gehabt. Sie sagte zu mir: Komm her, Berthe, ich mach dir Locken und frisier dich schön. Ich bin in die Katechismusstunden gegangen und liebe noch die Marienmonate sehr. Meine Mutter war sehr gütig, sie war nicht wie die andern Frauen und war Italienerin. Am Tag, wo sie gestorben ist, war ich im Spital. Meine beiden Schwestern besuchten mich: Marthe war ganz blaß, aber Blanche kratzte sich am Kopf und schien sich nicht viel daraus zu machen. Auf der Stelle bereitete es mir nicht soviel Kummer, wie ich geglaubt hätte. Mein Gott, ich denke an meine Mutter. Ich wäre so glücklich, wenn ich sie wiedersehen würde, aber ich frage mich, ob es nicht Dummheiten sind, was ich Dir sage. Ich will zu Dir beten, mein Gott, denn das Gebet tut mir wohl. Wenn meine Bekannten wüßten, daß ich bete, sie würden es lächerlich finden, und ich will trotzdem zu Dir beten. Ich bin nur eine liederliche Dirne, aber ich bin noch nicht schlecht. Du wirst mich ansehen und sagen: Ach, die kleine Berthe Méténier betet da.“

Sie ließ sich auf die Kniee nieder und sprach das „Vaterunser“ und „Gegrüßt seist Du, Maria“, aber sie konnte sich nicht an das „Ich bekenne“ erinnern. Kurz darauf setzte sie sich und blieb in ihrem Winkel sitzen, ganz allein und ganz bescheiden wie ein kleines Kind, das ein gutes Beispiel geben will.

Sie trat hinaus und ging geraden Wegs zu Pierre Hardy. Sie erzählte ihm:

„Weißt du, was ich heute gemacht habe? Ich kam an der Kirche Saint-Leu vorüber. Da bin ich hineingegangen und hab für meine Mutter zum lieben Gott gebetet!“

In ihm war ein Rest seiner katholischen Erziehung:

„Dafür wird dir vieles vergeben werden, meine kleine Berthe.“

Dann wurde er sich bewußt, daß diese Worte nichtssagend waren.

Nach dem Essen, während sie im Kaffeehaus saßen, packte es Berthe:

„Ach was, es ist blöd, daß ich mich gräme.“

Sie ergriff das Kognakfläschchen und schüttete es in die Tasse mit entschlossener Gebärde und plötzlichem Kopfnicken. Wahrhaftig, komische Einfälle trieben sie an, wirbelten durcheinander, man sah sie in ihren Augen blitzen. Sie brach in Gelächter aus: Ja, manchmal packt es mich. Sie trank den Alkohol aus wie nichts, und das genügte ihr nicht.

Sie rief: „Vorwärts! Musik!“ und stürzte noch eins hinunter. Ein Irrsinn überkam sie, den Ellbogen immer wieder zu heben, ein förmlicher Irrsinn in Ellbogen und Kopf, in dem Trinken Lust bereitete und die Lust vervielfachte. Sie trank mit einer Geste, wie wenn ein Gärtner sein Blumenbeet begießt, es erhielt sie im Zuge, es trieb sie weiter und mischte eine unbekannte Kraft in ihr Blut. Sie schüttete alles hinab, was da war, und man hätte gedacht, sie schütte etwas zu.

An der Straßenecke stand ein kleiner Knirps. Berthe balancierte, geradezu tanzend, wie ein Seiltänzer. Sie schwang ihm das Bein über den Kopf und rief: „He, hopp!“ Der Junge lachte auf, Berthe bückte sich, um ihn zu küssen, und sagte: „Wie lieb er ist!“

Einen Augenblick war die ganze Welt lieb. Sie erfüllte alles mit Leben, teilte allem ihre Lustigkeit mit und hätte am liebsten alles in ihren Wirbel hineingerissen:

„Mein Mädel, mit der Garde

Marschieren wir herum,

Tra ra tra ra bum bum!“

sang sie und stürzte sich in die offene Tür eines Kaffeehauses:

„Ich pfeif drauf, ich pfeif drauf. Das dauert mir schon zu lang. Die ganze Komödie ödet mich an. Man spuckt in die Luft und es fällt einem auf die Nase. Ich pfeif jetzt auf alles, und das ist das Beste. Sie sagen mir: Was haben Sie für eine glückliche Natur, Sie lachen in einem fort. Ich pfeif auf sie. Jetzt will ich mich amüsieren. Gewiß, ich hab einen Nervenanfall gehabt heute abend, und ich möchte wissen, wozu mir das gut ist. Geld bringt’s nicht in die Tasche, wenn man sich grämt. Ach, schau bloß mal den Schädel des Alten an! Wenn er trinkt, läßt er das Bier herunterrinnen. Dann soll er keine Regenwürmer haben im Bart! Die sind gut, die Alten. Man sagt zu ihnen: ‚Zahl mir vierzig Sous drauf und ich küß dich.‘ Was muß Maurice da unten nicht alles schlucken? Seit einer Woche wartet er, daß ich von mir hören lasse. Ich hab es satt. Komisch, wie man aus der Ferne alle Fehler sieht. Da sagt mir unlängst sein Kamrad: ‚Was du treibst, ist nicht recht.‘ Was hat er sich reinzumischen?“

Aber Pierre, der steif dasaß, öffnete den Mund, und sie schwieg schon. In der Luft lag etwas andres:

„Nein, der dein Mann ist, ist nur ein Mensch; ein Leib, der leidet, und eine Seele darin, die büßt, sollen unserm Herzen teurer sein, als alle Begierde und aller Haß und sollen wie ein ausgestoßener Schrei sein, der so lange fortgellt, bis wir ihm unsre Liebe entgegenbringen. Ich weiß, daß ein Mann dir weh getan hat, aber ich weiß auch, daß dieser Mann allein ist. Ist dein Schmerz groß, so sei er auch schön, neige dein Haupt wie ein guter Engel über Gottes Gerechtigkeit, dann erhebe dein Haupt und lächle deinem Bruder Satan zu. Er brachte dir das Licht, als du siebzehn Jahre warst, er setzte sich des Morgens neben dich und sprach, deine Hände nehmend: ‚Schwester meiner Seele, begreifst du meine Liebe?‘ Berthe und Maurice, als die Tage euch zusammenbanden, hat ein Wunder sich erfüllt des Heiligen Geistes, der euch an jenem Tage vermählte und für immer die Stunde eures Glücks eingrub in dein Gedächtnis. Heute ist der Mann hinausgehetzt. Ich sage dir: Du sollst den Mann vergessen, da er den Fluch seines Geschlechts auf dein Haupt geladen hat, aber ich kniee zu deinen Füßen und flehe zu dir: Still ihm das Blut seiner Wunden. Sprich zu ihm: ‚Ich gedenke deiner, der du in der Tiefe der Hölle bist, und ich sende meinen Odem zu dir, deine Flammen zu kühlen.‘ Und da der Tag der Auferstehung kommen wird, da die Buße nicht ewig ist, so wirst du dein Haupt erheben und sprechen: ‚Ich war eine barmherzige Schwester und verband Wunden. Ich bin ein Weib, das du verwundet hast und das leben will; ich will genesen und kenne dich nicht mehr.‘“

Pierre sprach nicht so, Berthe vernahm dieses nicht, aber die Worte schwebten in der Luft rund um ihre Gesichter und strichen über sie wie ein Hauch, der erhabener ist als Menschenworte.

Sie verlangte Tinte und Feder, und im Schreiben war noch die Tollheit der Dirne und Betrügerin. Sie nannte ihn „mein liebes Männchen“ und fuhr fort: „Ich weine, während ich diese Worte schreibe“, und sie lachte darüber. Sie war schmeichlerisch nach der Sitte von Paris, wo man den Straßenpassanten zulächelt und alles sich mit französischer Ironie abspielt.

Sie begann nochmals zu trinken, kräftigen Schnaps, den sie kurz umstülpte und mit einem Kosenamen belegte: kleines Schnäpschen. Die Gläschen reihten sich im Gänsemarsch aneinander wie Kinder, die spielen; sie nahm sie und goß sie tief in sich hinein in der Wut, alles zu ersticken, was noch drinnen übrig geblieben sein konnte. Als sie bezecht war, durchlief der Rausch sie ganz, folgte den Nerven entlang und erregte ihr ein Gelächter, das sie schüttelte und aufkreischen ließ wie eine zusammengepreßte Springfeder. Die Welt war drollig, die Streichholzständer auf den Tischen, die Gaslampen, die Gäste und die Bänke blickten sie mit einem Ausdruck an, den sie noch nicht kannte, sie zu Grimassen herausforderte und stoßweise zum Lachen zwang.

Sie gingen endlich. Die Nacht war feuchtschwarz, die Sterne durchlöcherten den Himmel und sanken wie Hagel herab, der Lärm rollte wie Gottes Donner. Berthe sagte in ihrer arglosen und jähen Trunkenheit:

„Ich weiß nicht, was mit mir los ist, nie bin ich so traurig gewesen wie heute.“

Er führte sie nach Hause, und als sie eintraten, löste sich die Spannung. Die Wirtin erwartete sie:

„Fräulein, Ihr Bruder hat Sie hier gesucht. Er hat einen Brief da gelassen.“

Sie las den Brief und begriff alle ihre Ahnungen.

Ihr Vater war gestorben.

Jean Méténier war, neunundvierzig Jahre alt, im Spital gestorben. Er hatte sich eines Abends zu Bett gelegt, schwer wie ein Stein, und wand sich vier Tage unter seiner Bleivergiftung. Dann verkrampfte er die Fäuste, streckte sich auf den Rücken und fühlte die Schwere seiner sieben Kinder in seinem Schädel: Marthe mit zwei Rangen, Berthe mit Bübü, Blanche und Saint-Lazare mit dem ganzen Bettel, Gustave, der mit der langen Marie, der Müßiggängerin, zusammenlebte, die drei kleinen Jungen, die soviel Brot aßen und mit ihren offenen Spatzenschnäbeln hier zurückblieben, — und er starb mit zusammengebissenen Zähnen und vorgestrecktem Kinn.

 

In diesen Tagen war Berthe so unglücklich. Man hofft auf ein Wiedersehen, um sagen zu können: „Ich habe geirrt, aber habe dich dennoch geliebt. Ich kehre zurück und nun wird die Familie wieder vollzählig sein.“ Er war tot, und Berthe erinnerte sich besonders eines Ereignisses, das ihr Gustave erzählt hatte. Eines Tages überraschte der Vater Blanche in der Rue Gaîté, wie sie am Arm eines Zuhälters ging. Er kam nach Hause, setzte sich an den Tisch und sagte: „Ich habe drei Töchter gehabt; mußten aus ihnen drei Huren werden?“ Und große Männertränen fielen ihm in den Bart. Er war tot, und das war etwas Unabänderliches und Unerwartetes. Sie hatte viel von ihren Kindergefühlen eingebüßt, aber als sie das ernste und gerechte Totenantlitz erblickte, empfand sie einen Geißelhieb wie von einem ewigen Vorwurf. Sie hatte Furcht, wie man sich nachts bei Albdrücken fürchtet, bei Gewissensbissen, wenn die Finsternis nach dem Verbrechen dicht und schwer ist gleich einer Strafe. Berthe empfand Scham über ihre Vergangenheit, sie sah sie blitzartig beleuchtet und dachte: „Ich bin die letzte der Letzten.“

Und dann wollte sie ein Trauerkleid haben. Nachts verließ sie unter einem Vorwand die andern und ging los, um sich das Trauerkleid zu verdienen. Sie strich wie gewöhnlich über den Boulevard Sebastopol. Drei Stunden schritt sie dahin, die Füße auf den Steinen, in der schrecklichen Todesnacht, und schließlich war es ihr, als schleifte sie den Leichnam durch die Straße. Sie ging mit zwei Männern. Der erste gab ihr zehn Francs, und als sie sich aufs Bett gelegt hatte, genoß Berthe, das empfindungslose und unbeteiligte Freudenmädchen, den Mann und spürte Liebeslust. Der zweite gab ihr hundert Sous und feilschte. Niemals könnte sie den Mann vergessen. Er hatte einen roten Bart, sie hätte ihn am liebsten gebissen und ihm gesagt: „Begreif doch die Gemeinheit, dich auf mir herumzuwälzen am Tag, wo ich meinen Vater verloren habe!“

Diese Nacht rettete sie. Wenn die Schande so groß ist, daß man sie nicht mehr ertragen kann, läßt man sich nieder, errötet noch, blickt aber auf und flieht vor der Schande weit weg und kann nicht anders. Sie hatte den Geschmack von all dem Erleben der so langen Tage, da der Vater starb, im Munde, den Geschmack von Stein und Asche, vom Boulevard Sebastopol und vom Spital, wo man verendet. Und ihr ganzer Beruf war davon erfüllt, all ihre Tage der Krankheit und der Schmach, und die Hotelzimmer, wo man sich aufs Bett legt, bewußtlos und gedankenlos wie ein Tier. Sie sah die unnennbaren Gegenstände wieder, die Waschbecken und die herumliegenden Sachen und das ausgehöhlte Kreuz in den feilen Nächten. Sie erinnerte sich an alles: an das Auf- und Abgehen auf den Boulevards, den Alkohol in den Cafés, die Küsse ohne Geschmack, mengte alles durcheinander, verschmolz es in eine einzige Masse, und all die Nächte wurden in ihrem Gedächtnis die Nacht, in der ihr Vater begraben werden sollte.

Die Familie hatte sich versammelt. Die Großmutter blickte sie mit scharfen Augen an wie eine böse Hexe. Sie sagte: „Saumädel!“ Berthe erwiderte: „Und ich weiß nicht, was du gemacht hast, wie du jung warst.“ Der Bruder sagte: „Du schweig vor allem.“ Man hatte über die drei kleinen Kinder verfügt: Marthe nahm das zweite, Gustave die beiden andern zu sich. Man hatte so vor ihr verfügt, ohne sie zu befragen, ohne sie mitreden zu lassen, als gehörte sie nicht zur Familie. Als sie anbot, mitunter auszuhelfen, antwortete Gustave mit einer Gebärde: „Hilf dir zuerst selber!“

Sie litt unter all dem in der unsagbaren Angst der Verstoßenen und in einem Entsetzen, das sie leise beben ließ. Sie fühlte, daß sie nicht ehrsam war, und begriff unter den Ihrigen, die sich um einen Toten scharten, wie schön es war, ehrsam zu sein. Zu gleicher Zeit wanderten ihre Gedanken zu den Zuhältern und zum Laster. Die ununterbrochene Verknüpfung von Gemeinheit und Kummer brachte sie in schwärzeste Betrübnis, bis an einen verlorenen großen Abgrund, dessen bitteres Wasser ihre Brust überflutete. In ihrem ungelenken Geiste formte das Leben ein Bild, sie sah vor ihren Augen zwei gebrechliche Schultern und auf sie Schläge niedersausen. Sie klagte über sich selbst mit Worten wie zu Kindern: Arme kleine Berthe!

 

Da sah sie große Gefühle sich in den Tag erheben gleich der aufgehenden Sonne. Sie ward erleuchtet, Magdalena, und als sie sich aufrichtete, um ihr feuchtes Antlitz abzuwischen, schien ihr das Herz vom ersten Licht erhellt zu sein. Sie sah jenseits der Dinge eine tiefe Liebe, eine große Güte, die schwebte und mit den ganz leise bewegten Flügeln um ihre Stirn schlug. Sie sah dies, ohne sich Rechenschaft darüber abzulegen, doch ihre Seele war erfrischt, wie wenn man Früchte genossen hat. Halleluja! sangen die Engel. Auf Erden war ein Duften wie im Marienmonat. Wenn sie an Pierre dachte, so dachte sie an ihre Eltern, an die Kunstblumen und die gute Gewißheit eines Daseins an gleichmäßigen und friedlichen Tagen. Wie begehrte sie danach, niederzusitzen und die Zeit verfließen zu sehen, ohne Gebärde und gesammelt in Gedanken, die mit der Zeit dahinströmten! Gleichwohl, wenn es mir jemand vor einer Woche prophezeit hätte, ich hätte ihm nicht geglaubt, denn das Unglück verfolgt mich zu lange. Ich hätte ihm gesagt: „Aufschneider! Hält man mal dort, wo ich bin, so weiß man, daß es für immer ist. Schließlich, man kann nicht mehr anders.“ Sie dachte schon daran, am Sonntag aufs Land zu gehen, und sie würde sich Blumen mitbringen. Wenn man das Spital fast geheilt verläßt, so fühlt man sich rein gewaschen. Sie fühlte sich rein gewaschen!

Sie dachte: Gewiß, ich werde weniger Geld verdienen, und das wird schwer sein, denn Geld bereitet Glück. Ich werde nicht mehr Tage zu zehn Francs haben wie auf dem Sebastopol; aber wenn ich daran denke, macht mir der Sebasto Herzleid. Offenbar, weil ich nicht so stark bin wie meine Schwester Blanche. Übrigens hab ich nichts davon gehabt. Ich weiß nicht, was im Menschen steckt, wenn er das Handwerk betreibt. Es ist richtig, daß unrecht Gut nicht gedeiht. Mir ist, als würde ich ruhig sein, wenn ich wieder Blumen mache. Ich werde den ganzen Tag zu tun haben, und so werde ich keine Lust haben, viel Geld auszugeben. Schließlich, wenn man ordentlich ist, so ist man immer belohnt. Ich werde noch jemand finden, der sich für mein Los interessieren wird und mir wird helfen wollen. Wahrhaftig, ich glaube, daß ich anständig sein werde. Ich stehe nicht darum, zu heiraten, denn alle Männer haben ihre Mucken.

Sie ging die Maueranschläge in der Rue Réaumur nachsehen und fand sofort Arbeit. Alles vollzog sich wie in den Büchern, wo man die Sonne die Genesenden erwärmen sieht. Der Frühling schien den Winter abzulösen, und der Himmel spendete blaue Lüfte, die in der Sonne zitterten, über die Dächer sich breiteten und Gedanken an junge Liebende erweckten. In den Straßen gingen die Passanten auf der Sonnenseite. Sie war frisch und lebhaft und gut, von einer so großen Güte, daß man geglaubt hätte, all das schöne Wetter komme aus ihrem Herzen. Sie arbeitete in einer finstern Werkstatt, wo alte Winterreste in den Winkeln moderten, und die bissige Besitzerin und all die Närrinnen mit ihren verliebten Albernheiten schienen ihr anfangs schlimme Dinge zu sein, die sie schon einst im Backfischalter erlebt hatte. Sie hatte sie sich eben abgewöhnt, aber in einer Woche war sie wieder darin.

 

Abends, wenn sie von der Arbeit kam, ging sie zu Pierre. Sie erzählte ihm die großen Neuigkeiten:

„Weißt du, ich hab es satt gehabt . . . Hör, was ich tun will: ich nehme mir ein kleines Zimmer für fünf Francs in der Woche, nicht mehr. Ich werde in diesem Viertel wohnen. Du wirst sehn, mein alter Pierre. Eines Tages endet das mit einer Heirat. Jeden Abend machen wir, wenn du willst, einen Spaziergang durch die Rue de Rivoli und gehn dann jeder nach Hause. Manchmal begleite ich dich in dein Zimmer, aber nicht alle Tage, denn man darf sich nicht zu sehr müde machen. Doch vorläufig mußt du mich aufnehmen, bis ich den ersten Wochenlohn bekommen habe. Du wirst mich ins Restaurant führen. Übrigens mach ich dir keine großen Ausgaben. Wir werden uns gut unterhalten. Wir wollen den Einzug einweihen. Ich kaufe ein Huhn und laß es irgendwo braten, und Gemüse, das wird ein feines kleines Abendessen sein. Ich will mir einen Seiher verschaffen, damit ich Kaffee kochen kann. Du wirst sehn, mein Alter, ich werde ein fabelhaftes Essen bereiten.“

Und Pierre dachte:

„Ich habe kein Weib gehabt. Ich bin mit gesenktem Kopf herumgegangen und wiederholte mir: ich habe kein Weib. Das Unglück unterbricht sich nicht, so daß man glaubt, es sei schlimm, zu leben. Das ist vorüber. Ich fühle jetzt, daß alles, was mir gefehlt hat, nun kommt und daß die Welt in Ordnung ist. Aber das Gleichgewicht findet man nicht auf einmal. Ich frage mich: Was habe ich denn getan, was ist denn mein Verdienst, daß mir solch ein Glück beschieden wird?“


X

So schliefen denn Pierre und Berthe Rücken an Rücken, um drei Uhr morgens, in jenen Nächten, die der Liebe gehörten.

Er fühlte sie neben sich wie den stillen Atem eines friedlichen Lebens, wie die Sicherheit eines Glücks, das uns nicht einmal mehr erregt.

Sie war eingeschlummert, da sie müde war, und diese Müdigkeit erinnerte an die Müdigkeit eines kleinen Kindes.

Die Frau erscheint uns schöner des Nachts und ist uns tiefer gewärtig als am Tage. Ach, so schlafen zu können, wenn das Glück uns einschläfert und unsern Schlummer einhüllt wie ein feines Linnen, das fromme Hände gewebt haben!

Die Frau ist Jungfrau und sieht unserm Schutzengel gleich.

 

Als alle drei oben auf dem Treppengang angekommen waren, drückte Bübü sein Ohr an die Türe; er hörte nichts und es war ihm, als vernähme er nur seine Blutadern.

Der lange Jules stieß im Finstern in Adele:

„Geh voran!“

Sie klopfte dreimal, dann flötete sie:

„Ist Berthe da?“

Man hörte etwas, bald wurde die Türe geöffnet und das Licht angezündet.

Adele trat ein und sagte:

„Du machst schöne Geschichten!“

Hinter ihr Bübü, stumm, die Mütze abnehmend, dann der lange Jules, aufgerichtet, die Mütze auf dem Kopf, und er schloß die Tür.

Man hatte sie nicht erwartet.

Bübü, klein und breit, machte zwei stramme Schritte wie ein Möbelpacker.

„Mein Herr, ich bedaure die Umstände. Sie werden verstehen, was das bedeutet, wenn man vier Jahre mit einer Frau gelebt hat. Ich erfülle meine Pflicht.“

Sie richteten sich beide im Bett auf in ihren Hemden und mit ihren Schultern neben der zitternden Kerze, und sahen mit brennenden Blicken drein.

Sie spürte einen Schlag, alle Ohrfeigen, die sie empfing, als einen einzigen Schlag.

Bübü sagte:

„Stehen Sie auf, Madame!“

Sie erhob sich im Bett, die Stirn schmal, die Sinne benommen, so schwach, daß sie nicht wußte, wie man redet.

Er wiederholte:

„Stehen Sie auf!“

Da sie nicht aufstand, begriff Bübü, daß man Energie haben muß, wenn man das Recht hat.

Er näherte sich:

„Verzeihen Sie, mein Herr!“

Und er versetzte ihr eine gehörige Ohrfeige, um ihr ihre Pflicht in Erinnerung zu bringen.

Pierre wollte sagen:

„Aber, mein Herr, wenn Sie Rechte haben . . .“

Der lange Jules schnitt ihm das Wort ab:

„Ja, wir haben Rechte.“

Und zu Berthe, die sich erhoben hatte, sagte der lange Jules:

„Sie haben das Glück, Madame, einen Mann zu besitzen, der Sie liebt.“

Dann sagte er:

„Wissen Sie, wir sind in aller Freundschaft hergekommen. Wir haben Ihnen keine Schererein verursachen wollen. Ich habe den Hausdiener gefragt: Wo ist Hardys Zimmer? Wir sind Freunde, die ihn wecken kommen.“

Und Bübü bemerkte:

„Ich bitte Sie um Entschuldigung, mein Herr, daß ich zu dieser Nachtstunde bei Ihnen vorspreche. Übrigens werde ich wiederkommen, um mich besser zu entschuldigen und damit Sie mich unter angenehmeren Umständen kennen lernen.“

Da fühlte sich Adele übel, und ihr schöner Streich erschütterte sie so, daß sie zu weinen begann.

Berthe hatte zu ihr gesagt:

„Ich habe einen guten jungen Mann kennen gelernt, der so und so heißt . . .“ Und sie hatte alles dem andern erzählt!

Bübü nahm sie bei der Hand:

„Bist du müde, mein Kleines?“

Pierre hatte einen Orangenlikör dastehen, und als Bübü davon in ein Glas eingießen wollte, besann er sich:

„Ich muß das Glas ausspülen. Man muß bei Madame vorsichtig sein. Madame ist krank, Madame hat einen wunden Mund . . .“

Berthe zog sich an; ihre Kleider glitten über sie wie nächtige Stille, in der ein Gespenst auftaucht und verschwindet.

Sie zog die an der Ferse durchlöcherten Strümpfe an, die Strumpfbänder, und es war ihr, als bekleidete sie ihren Körper zugleich mit etwas unendlich Traurigem. Sie nahm dann den Unterrock und sagte:

„Habe ich gewußt, daß du wieder frei bist?“

Bübü antwortete:

„Es ist gut, Madame. Wenn man sich für seinen Mann interessiert, wie Sie es getan haben, ist es erstaunlich, daß man das nicht weiß. Ach, Sie haben nicht gewußt, daß ich wieder frei bin! Es gibt so etwas, das Straferlaß heißt, und das haben Sie nicht erwartet.“

Sie war recht kärglich gekleidet für die Winterkälte, und nachdem sie ihr weißes Trikot angelegt hatte, blieben nur mehr Rock und Leibchen.

Sie kämmte sich. Sie ließ ihr schwarzes Haar auf die Schulter fallen und kämmte es langsam, denn sie hatte Zeit genug, zu sehen, was kommen sollte.

Bübü sagte:

„Aha, noch die Haare. Beeilen Sie sich, meine Schöne, wir sind bei Monsieur Pierre und wollen seine Geduld nicht mißbrauchen.“

Der erste Gedanke, den sie hatte, war an den Tod. Er nahm sie so wie einen Gegenstand seines Lebens, den man holt, wo man ihn verpfändet hat. Sie fühlte, daß sie ein Ding war, die ungestalte, kranke arme Berthe, die brauchte, auf immer einzuschlafen, um es zu vergessen . . . Und wenn ich ihm nicht folgen wollte, er würde mich töten . . . Sie wollte vor dem Tode lieber ein bißchen überlegen und ihn nur dem eigenen Wunsche verdanken. Sie zog setzt ihr Leibchen und ihren Rock an.

Der lange Jules sagte:

„Sie sehen, mein Herr, daß wir uns wie Freunde benommen haben. Wir wissen, wer Sie sind und daß Madame Ihnen nur gesagt hat, was sie wollte. Sie erlauben, daß ich mir eine Zigarette drehe, bevor ich heruntergeh, und daß ich Ihnen die Hand drücke.“

Bübü sagte:

„Ich bedaure, mein Herr, die Störung, die ich Ihnen verursacht habe. Sie haben Madame sehr gütig aufgenommen. Erlauben Sie mir, daß ich Sie bald besuche, um Sie auf ein Gläschen zu bitten. Ich drücke Ihnen die Hand, aber glauben Sie mir, es war nur eine peinliche Pflicht, die ich erfüllt habe.“

Sie gingen. Auf dem Gang fragte Bübü:

„Haben Sie sich Ihre Liebesnacht bezahlen lassen, Madame?“

Berthe kam zurück:

„Sie wollen, daß du mir Geld gibst.“

„Hier sind hundert Sous.“

Sie schritt hinaus in eine Welt, wo das persönliche Wohltun machtlos ist, denn dort herrschen die Liebe und das Geld, und diejenigen, die Liebes tun, sind unerbittlich und die Freudenmädchen von Anbeginn als die duldenden Tiere gezeichnet, die man auf die öffentliche Weide treibt.

Dann schlug das Tor unten zu. Pierre begriff:

„Ach, ich weiß, daß du weinen wirst. Mein Gott, mein Gott! Ich habe kein Glück. Ich habe nicht Mut genug, das Glück zu verdienen. Weine und stirb! Wie sie dich allein gelassen haben, hättest du im Hemd und mit bloßen Füßen hinunterlaufen sollen und schreien: Zu Hilfe! Du hättest auf die Straße laufen sollen und die Vorübergehenden aufhalten und ihnen sagen: Kommt alle schnell herbei! Sie morden dort eine Frau!“

Ende.