Als Louis Buisson seine Geschichte beendet hatte, legte er den Kopf zwischen die Hände, und es entstand eine Stille, während der beide bemerkten, daß sie keinen Kaffee in der Tasse hatten. Man hörte fünf Stockwerke tief die Wagen rollen. Louis Buisson nahm das Gespräch wieder auf:
„Du sprachst mir von deiner Freundin Berthe, aber du hast mir nicht gesagt, in welchem Krankenhause sie . . .“
Pierre antwortete:
„Im Brocaspital.“
Louis Buisson zuckte zusammen.
„Aber, mein lieber Freund, du kennst nicht das Brocaspital. Ich habe das alles gesehen und ich sage dir, daß man im Brocaspital Mädchen sieht, die sehr krank sind. Sie haben Syphilis.“
Da fühlte Pierre Hardy die Geschichte Louis Buissons wie ein Feuer in seinem Herzen. Wahrhaftig, er fühlte die Dinge, tausend Dinge auf einmal auf ihn einstürmen, ihre Stimme sich heben und senken wie eine Flut von Unglück. Dann hatte er die Empfindung stillen Glücks, daß er sich aus Liebe eines Abends auf den armseligen Tanz eingelassen hatte, der jetzt das Aussehen der Syphilis und des Brocaspitals hatte. Er hatte diese Empfindung stillen Glücks, sah die Fassade seines kleinen Provinzhauses wieder und nun die Syphilis auf seiner Schwelle. Er begriff, daß ihm das Leben bisher allzu leicht erschienen war.
Louis Buisson hielt seinen Vortrag:
„Ich pflegte ehemals in das Brocaspital zu gehen, wo einer meiner früheren Gymnasialkameraden als Arzt assistierte. Ich habe gesehen, wie die Mädchen alle auf ihre Krankheiten mit dem Spiegel untersucht wurden. Ich habe die kleinen Frauen des Viertels gesehen, die Schanker hatten und lachten, weil man ihnen sagte: ‚Die Syphilis ist nichts. Man nimmt drei Jahre Pillen ein.‘ Ich habe Frauen gesehen, die anderthalb Jahre Syphilis hatten und die weinten. Sie legten ihren Kopf unter die Arme, weinten und sagten: ‚Ich werde nie gesund werden.‘ Die Ärzte trösteten sie, indem sie in Lachen ausbrachen. Ich sah die Alten. Wie Tiere spreizen sie die Beine. Sie sind ein armes Wild, das man verwundet hat und das mit sich alles geschehen läßt, ohne Klage, da es gewöhnt ist, verwundet zu sein.“
So sprach Louis Buisson, ohne an Pierre zu denken. Dann fiel es ihm ein wie ein Blitz: aber Berthe, Pierre und Berthe! . . . Er blickte auf seinen Freund, der, die beiden Hände auf den Knien, nicht daran dachte, auch Vorträge zu halten. Er sah das arme verseuchte Mädchen in Tränen gebadet, in Tränen der Verseuchten, und das war so traurig, daß er keinen Vorwurf gegen sie erheben konnte. Den Charakter der Männer von zwanzig Jahren bilden ebenso die Worte ihrer Freunde wie die Regungen ihres Herzens. Pierre überdachte all die Gedanken über Liebe, die Louis ausgesprochen hatte, und da noch sein natürlicher Edelmut hinzukam, empfand er Mitleid mit Berthes Krankheit und zugleich Furcht vor der seinen. Er fürchtete sich sehr. Er kannte die Krankheit nicht genug, als daß er gewagt hätte, ihr ins Gesicht zu schauen, er wußte, daß man von ihr spricht wie von der Schande und vom Unglück.
Da erhob sich Louis Buisson, näherte sich Pierre, ergriff seine beiden Hände und drückte sie. Gewöhnlich war er mit seiner Zärtlichkeit zurückhaltend. Aber ich habe, Herrgott, Unheil angerichtet mit meinen Reden. Er revoltierte gegen sich selbst, gegen seine Worte, gegen die Wahrheit, gegen das Brocaspital. Es kann nicht sein, denn es tut weh und mein Herz ist gut. Er erhob sich, trat auf Pierre zu und sagte:
„Aber nein, Pierre. Aber nein, aber nein . . .“
Er schrie und er hatte Lust, es über die Dächer zu schreien:
„Aber nein, aber nein, aber nein . . .“
Nach Hause zurückgekehrt, schrieb Pierre an Berthe:
„Meine liebe kleine Freundin!
Es schmerzt mich, dir diesen Brief zu schreiben, weil es dich schmerzen wird, ihn zu lesen. Du bist krank, meine kleine Berthe, ich möchte bei dir sein, um dich zu trösten und dir zu beweisen, daß ich um deiner Leiden willen leide. Dennoch gibt es Dinge, die ich dir sagen muß.
Bis heute abend kannte ich das Brocaspital nicht. Ich weiß jetzt, von welcher Krankheit man dich dort kuriert. Du wirst sehr traurig sein, aber glaube nicht, daß ich dich verlasse. Ich verlasse die Meinen nie und du gehörst zu den Meinen, denn es sind schon drei Monate her, daß wir uns kennen. Ich schicke dir eine Postanweisung auf drei Francs.
Das wollte ich dir sagen: unsre Beziehungen müssen sich ändern, denn ich will nicht deine Krankheit bekommen. Ich zögere niemals ein Opfer darzubringen, aber hier würde mir das Opfer ein Übel zuziehen, ohne dir zu nützen. Wir werden uns weiter sehen, nicht wahr? Wir werden zusammen spazierengehen, wenn du wollen wirst, und wir werden zwei Freunde sein, Freund Pierre und Freundin Berthe.
Du verstehst wohl, daß ich deiner Krankheit nicht nachlaufen kann. Ich glaube, ihr entwischt zu sein, denn ich sehe keinerlei Anzeichen, aber ich bin noch nicht außer Gefahr. Einer meiner Freunde, der Mediziner ist, hat es mir gesagt. Man muß vierzehn Tage abwarten.
Berthe, wenn ich krank wäre, würde ich dir verzeihen. Ich bin aus einer Familie, in der man nie solche Krankheiten gehabt hat. Ich möchte sie nicht auf andre übertragen. Übrigens wollen wir uns schreiben wie früher. Ich hoffe, niemals zu bedauern, dich kennengelernt zu haben.
Ich schließe, meine liebe kleine Freundin, in Gedanken an dich. Ich erwarte deine Antwort mit großer Ungeduld, um zu erfahren, ob du nicht zu traurig darüber warst, was ich dir schreibe. Ich liebe dich immer, und liebe dich noch mehr, weil du krank bist!
Dein dich küssender Freund
Pierre.“
Zwei Tage später erhielt er den folgenden Brief:
„Pierre!
Ich habe deinen Brief bekomen, er hat mich krank gemacht dise Keckheit hab ich erwartet daß du das auf mich schübst und du glaubst fielleicht daß das so gehen wird aber du ihrst dich ich hab niemals nicht aufgehört zu glauben daß du es bist, von dem ich dise schrökliche Krankheit habe. Und du hast recht ich hab niemals was gsagt weil du mich unterstüzt hast aber jezt gibst du zu daß ich gnug hab aber ich leide und bin schröklich traurig und dir ist es noch recht, was du angestellt hast und noch andern Mädeln denen du bisl Gelt gibst und für die Mühe, die sie sich mit dir geben ansteckst. Fielleicht haben sich dise Mädeln umgebracht denn ich wenn ich nicht an meine Familli gedacht hät und ich hab gedacht, daß mein Vater genug gelihten hat durch den Tot meiner Mutter, um jezt von meinem Tot zu erfaren. Dann hab ich nicht glaubt daß ich eines Tags meinen Henker begegne am 15. Juli auf dem Boulevard Sebastopol. Was hab ich seit disem Tag geweint aber es ist zu spät ich muß es tragen das alles sage ich dir weil ich sicher bin daß du mich angsteckt hast du wirst mich unglückli gemacht fürs ganze Leben. Dann komen noch schwere Täge für mich und noch für andre die leiden die tun mir leid daß dise Leute deinwegn leiden denn meiner Treu die Leute, die wissen daß du dran schult bist sind noch böser auf dich als ich aber ich hör auf niemant und leide, ohne mich zu beklahgen. Du solst wissen, daß ich kein gmeines Mädel bin denn wenn ich wolte könnte ich auch andre Männer anstecken aber ich laß mich lieber kurihren bis ich gsund bin werde ich mich umsehn ferzeihen aber werde ich dir niemals. Du ferdiehnst es nicht ein Mensch der mir so vüll angetan hat was ich nicht ferdiehnt hab, und ich hofte nicht eines Tags gemordet zu werden. wie du weißt habe ich augenblüklich jezt große Halsschmerzen. Ich weiß ja daß du dich drüber lustik machst aber ich erleichter mich und dann wirst du besser wissen als ich wie es einem get, in diesem Zustand und mit der Watte die ich kürzlich von der Erd aufghoben hab würdest du dir nicht die Füse waschen woln und dann die Salbe, die auf dem Waschtisch unter der Schüssel steht reibst du dich ein für die Krankheit ist es gut sonst weniger . . . aber die Krankheit erfohrdert es oder du bekomst noch mehr Geschichten und dann würde das Weib das mit dir geht es sofort krigen. Ferdrieslich ist daß es sich verschlimmert, wenn man sich aufrehgt und man steckt die andern an, dann versezt man sie und nimt wider eine andre dann bist du neidisch daß die andern es nicht haben wie du. Aber ich bitte dich Pierre kurihr dich wie ich damit du nicht imer mehr anstekst denn einmal könnte es dir schlecht ergöhn und dir nicht gut bekomen das rat ich dir. Dein Freund der Arzt ist ein reiner Schwindel denn du hast mich satt und sonst nix.
Ich hoffe daß du auf mich nicht zu bös bist aber merke dir daß ich nicht so schlim bin ich wünsche mir nur eins daß ich dir niemals nicht begegne denn du bist nicht ein Freund wie du sagst du bist für mich weniger als nix oder das Trotoar wo ich alle Täge geh aber du behalt mich in Erinerrung wie ich dich aber als einen Menschen der nicht wert ist ein Mädel wie ich gehabt zu haben denn ich bin entschihden das beste Mädchen das man in Paris finden kan und das ist doch wahr. Ich beantworte deinen Brief freundlichst und sag dir meine Meinung troz dem Abscheu die ich vor dir hab.
Fräulein Berthe,
das Mädchen und die Unglükliche, die nur Abscheu hat vor dem der sie angstekt hat.“
Vierzehn Tage später erkannte der Arzt, daß Pierre die Syphilis hatte.
VI
Berthe blieb anderthalb Monate im Krankenhaus.
Maurice wartete auf sie, wie man auf das tägliche Brot wartet, und besuchte sie jeden Donnerstag und Sonntag. Sie sagte: „Die Ärzte wollen mich noch einen Monat behalten.“
„Das ist eine lange Geschichte“, sagte Maurice.
„Was willst du, ich muß mich kurieren.“
Er antwortete: „Oh, ich weiß, du willst alles nach deinem Kopf machen.“
Im Hotelzimmer saß er, trank das Wasser aus der Flasche und wartete auf sie. Manchmal aß er nur Käse. Für drei Francs verkaufte er seinen Regenschirm und wartete mit einem gewissen Vertrauen zwei Tage. Dann tauchte ein Kamerad mit fünf Francs auf, der ihm das Zimmer bezahlte. Er aß etwas bei der Mutter, aber Geld verweigerte sie ihm. Er sagte: „Du könntest mich krepieren sehen!“ Sie erwiderte: „Arbeite!“
Berthe konnte ihm ein paar Zehnsousstücke geben: im Krankenhaus braucht man nichts. Es fanden sich zwei oder drei Frauen, die ihm ein Frühstück anboten und ihm den Tabak bezahlten, aber keine von ihnen konnte das Leben mit ihm teilen, denn er hatte gewählt, wie Männer wählen — für immer. Er saß und wartete, die Fäuste an den Kinnbacken, trockenes Brot kauend.
Er wartete ganze Nachmittage in den Straßen, wo er zwecklos herumging. Manchmal wurde ihm die Zeit trüb und blieb unbeweglich ihm zu Häupten schweben wie ein Schleier der Öde, wie etwas Gleichgültiges und Totes. Die Tage, an denen er mit den Kameraden zusammen gearbeitet hatte, und die Abenteuer schienen ihm vergangene Tage zu sein, Tage alter Zeiten, da man noch unter Menschen gelebt. Er hegte zwei oder drei Erinnerungen: Berthe schleppte sich gähnend durch das Zimmer und rekelte sich. „Mir ist es fad!“ sagte sie. Er antwortete: „Wenn es dir fad ist, hau ich dir eine übers Maul.“ Er begriff nicht, wie man einen ganzen Abend lang mutlos bleiben kann, während das Leben fiebert und die Welt voll Taten ist.
Jetzt begriff er dies besser. Ein wenig Leid klärt uns auf und weist uns die Schmerzen, die wir zu sehen nicht verstanden haben als ewige und bessere Brüder. Er fühlte noch, daß das Glück unzuverlässig ist und unser Herz ein schwankendes schwarzes Wrack. Er verlor seine Zuversicht und schrieb an Berthe: „Ich sehne mich nach dir. Es ist das erstemal, daß wir getrennt sind, und mir ist, als wären wir für immer getrennt.“ Ihm zogen nicht Gedichte durchs Herz, weil er keine kannte, aber eins nach dem andern fielen ihm all die Liebeslieder wieder ein, die er gehört hatte. Die schönsten und die lautersten waren die besten. Er fühlte mehr als jemals, was Schönheit ist. Vor allem das Lied Lakmés fällt uns ein und legt sich auf die Wunde, die uns schmerzt. Es kam von seinen Lippen wie ein Schrei, wie ein Hauch und wie ein guter Duft:
„Ja, ich finde dein Lächeln wieder
Und will in deinem Aug’ den Himmel schau’n.“
Aber es kam ein Tag, an dem Maurice des Wartens noch müder wurde. Seit vierzehn Tagen war Berthe im Spital, das Elend schien ihm schon lang. Die ersten Tage haben Freunde und Hilfsquellen, aber bald, wenn die Schuhe durchgetreten sind und die Kleider zerfransen, wird das Elend des trockenen Brotes zum Elend in Lumpen, gegen das die Freunde nicht mehr aufkommen. Einst glaubte man an die Möglichkeit der Abenteuer. Stehlen ist schön, solang man es zu seinem Vergnügen macht, wer aber aus Bedürfnis stiehlt, wird zu erregt für seine Abenteuer, um sie sicher zu bestehen. Dann macht trockenes Brot kraftlos. Er spürte einen Nachgeschmack von alledem im Magen, einen lächerlichen Druck vom Käse, die Schwere von schlechter Nahrung und Hunger. Der Aufruhr durchstürmte seinen Körper, der Käsegeruch verursachte ihm Übelkeiten, der starke Mann blickte mit durchdringenden Augen um sich.
Da suchte er seine Freunde wieder auf. Er suchte sie nicht auf wie einst, da seine Seele an lustigen Nachmittagen unter ihnen sorgenfrei war. Sie gingen damals in den Hinterraum der Weinstuben, ließen sich nieder, die Ellbogen auf den Tisch, die Faust unters Kinn, plauderten und tranken Rotwein. Er litt unter einer empfindlichen Melancholie, die ihn an der täglichen Arbeit hinderte, und so bedurfte er eines Kampfes, um entzündet zu werden, eines großen Abenteuers, das ihn aufrüttelte und überwältigte, damit er eines Tages all die Energie Bübüs wiederfinden und auf einmal wieder seine tägliche Arbeit verrichten konnte. Er bedurfte eines großen Diebstahls, der ihm die Taschen hinlänglich mit Gold füllte, daß er warten konnte wie ein Rentner der Liebe, wie ein Dichter der Melancholie, der an nichts andres denkt, als wie seine Schöne eines herrlichen Morgens zurückkehrt, und an neue Hochzeitsfreuden.
Es war eine einfache und traurige Geschichte. Sie ereignete sich in einem Tabakladen um drei Uhr morgens, mitten in verlassenen Straßen, wo die Stille die Menschen ermutigt und so gut zu sein scheint wie ein letzter Rat. Sie gingen dahin, die Kehle trocken und Blut in den Fäusten. Los endlich, alle drei, meine Brüder, dämpft das Herz und paßt auf beim Stehlen, wenn man zittert, wenn man sucht und wenn man findet.
Alles ging gut bis zur Kasse: die Tür und die Schubfächer widerstanden nicht. Sie hatten kein Glück, weder er noch die andern! Maurice hatte es sich immer gedacht. Die Kasse enthielt sechzehn Francs, nur sechzehn Francs! So nahmen sie alles mit: die Briefmarken, die Stempelbogen, die Zigarren, die Zigaretten und den Tabak. Sie stopften damit die Taschen voll, dann das Hemd, dann packten sie in die Taschentücher. Als sie sich entfernten, war die Straße noch leer, und sie trennten sich alle drei, den Himmel zu Häupten und die Gedanken schwer.
Nach zwei Tagen hatten sie nicht viele Briefmarken verkauft und konnten den Tabak nicht an den Mann bringen. Das Losschlagen gestohlener Sachen ist unsicher wie der Diebstahl selbst, und die Tage sind schrecklich, sobald die Nerven beim Anblick des Schatzes zu tanzen beginnen. Maurice ging umher, die Taschen voll Briefmarken und Zigarettenpakete an der Brust. Er hatte vielleicht Freunde. Am Morgen des dritten Tages, als er auf dem Quai de l’Horloge dahinschritt, traten an einer Ecke zwei Männer hervor. Er hatte sie schon am Tage vorher getroffen und ihre breiten Schultern und ihr Maul bemerkt. Ein Blick rückwärts, die beiden Männer folgten ihm. Er hörte ihre Schuhe wie einen Überfall, fühlte sie dröhnen wie Fäuste und gewichtig wie die Polizei, die alles weiß. Er versuchte rascher und unbefangener auszuschreiten. Dann erstarrt einem das Blut im Leibe, es war vorauszusehen, zwei furchtbare Fäuste packen einen, zwei Schultern stoßen mit namenloser Brutalität vorwärts und auf zwei Stimmen ist keine Antwort möglich: „Marsch! Keinen Laut!“
Er hatte die Taschen voll Briefmarken und Zigarettenpakete an der Brust.
Berthe erfuhr dies durch ihre Schwester Blanche an einem Donnerstagabend im Sprechzimmer des Brocaspitals. Blanche wußte es von Charlot, der es vom langen Jules hatte, und man wußte ferner trotz den Gefängnismauern, daß Maurice mit Syphilis angesteckt war. Blanche redete als Bringerin einer großen Neuigkeit sehr wichtigtuerisch, mit Mienen und Gesten und einer Art von Großartigkeit, wie eine Zeitung eine Nachricht in die Welt setzt. Da trat in der schwarzen Spitalsluft, zwischen den vier Wänden des Sprechzimmers, tiefe Stille ein, während die Kranken rings um Berthe lebhaft waren und Berthe sich einsam fühlte. Dunkel sank auf die Häupter und verschleierte die Augen. Das Spital wurde noch mehr Spital, das Leben schien noch mehr das Leben zu sein, um das man ringt und das verwundet. Berthe begriff, daß ihr das Leben bis hierher allzu leicht erschienen war.
Aber Blanche sagte:
„Ach, was! Er hat dich lang genug geprügelt!“
In den folgenden Tagen richtete sich Berthe ihr Leben neu ein. Die Gewohnheiten Maurices waren ihr in Fleisch und Blut übergegangen und formten ihren Leib und ihre Gedanken. Sie war zunächst Berthe, aber sie war auch die Frau, die ein Mann vier Jahre befruchtet hatte, wie der Nil die Erde Ägyptens überflutet. Sie hatte große Angst gehabt. Mit ihren siebzehn Jahren hatte er sie bei der Hand genommen und sie in die Welt geführt. Dann hatte er gesagt: „Hier mußt du hingehen!“ Und er hatte sie bewacht auf ihrem Wege. Die Tage im Spital waren noch die Tage Maurices, denn jeden Donnerstag und Sonntag besuchte er sie im Sprechzimmer. Und dann wußte sie, daß sie ihn jeden Augenblick wiedersehen konnte. Nun drehte sich alles um sie: Paris, das Spital, die Gegenwart, die Zukunft, und die wirrsten Gefühle:
Ein Wesen schwand dir hin,
Und alles ist verödet.
In den folgenden Tagen versuchte Berthe, ihr Leben neu einzurichten. Sie richtete es mit ihrer Schwester Blanche ein, mit einer kleinen Freundin namens Adele, dann mit irgendwem, gleichgiltig wem, denn eine Frau soll nicht allein sein. Sie suchte Männer in ihren Erinnerungen. Sie dachte an Pierre, an ihn, den sie in ihrem Unglück angeklagt und der ihr beschwörend geschrieben hatte, daß er nicht der Schuldige sei. Er hatte geschworen, wie sie es gern hörte — beim Haupte seiner Mutter —, denn dann ist es die Wahrheit. Sie gedachte auch andrer Männer und ließ sie in Gedanken vorüberziehen, um sich zu betäuben und Hoffnungen zu schöpfen. Aber nichts vermochte die Erinnerung an Maurice auszulöschen, und hätte ein Gott sich an der Tür niedergelassen, hätte er sie zu seiner Gefährtin gemacht und sie zu höchster Herrlichkeit geleitet, hätte er sie sogar beschenkt und sie geliebt, nie — nie hätte sie den einen vergessen können, der sie zur seinen gemacht hatte und der mehr war als ein Gott, weil er ein Mann und sie eine Jungfrau gewesen war. Sein Leib war dem ihren viel tiefer eingeprägt als alle Gefühle und alle Wünsche. Sie wußte nicht, wie man die Leute im Gefängnis richtet, doch alles Leid, das sie erlebt hatte, flößte ihr ein großes Mißtrauen gegen die Zukunft ein und lehrte ihr, daß ein Unglück das andre nach sich zieht. Sie war krank geworden, weil sie kein Glück hatte, und aus demselben Grunde, glaubte sie, würde ihr Maurice jahrelang fernbleiben.
Da fühlte sie sich verloren, ihre Gedanken schweiften all die kommenden Tage entlang, um ein kleines Glück zu entdecken, das sie mit gierigen Händen ergriffen hätte, sie blieben vor allen möglichen Winkeln stehen, aber nichts genügte ihrem Herzen, denn sie kam aus einem schönen Lande, und das war sein Land.
VII
Und eines Abends verließ Berthe das Spital. Eines Sommerabends, eines Herbstabends? . . . Die schönen Tage waren nicht mehr. Es war ein Abend, an dem Berthe keinen Sou in der Tasche hatte . . . Sie suchte Pierre auf, wie man hundert Sous holen geht. Er studierte in seinem Zimmer mit der Willenskraft des Lothringers, der seinen Weg machen will, doch ohne Begeisterung, denn das Studium der einsamen jungen Leute ist freudlos. Er hatte ihren Brief beantwortet und ihre Kränkungen vergessen, sie hatte ihm geantwortet, daß sie ihm glaube.
Sie kam, ohne daß er sie erwartet hätte. Etwas lag zwischen ihnen und jeder fühlte rings um sich, was es war. Aber man soll sich überwinden und das Ehrgefühl ausschalten, wenn man arm ist. Noch etwas lag zwischen ihnen, was Mann und Frau scheidet: sie dachte daran, daß sie keinen Sou besaß, er dachte daran, daß ihn der Besuch fünf Francs kosten werde.
Zunächst muß man leben, dann kann man Gefühle haben. Erst am nächsten Morgen verließ Berthe Pierre, um sich bei Maurices Mutter, die sie flüchtig kannte, Nachrichten zu holen.
Sie kam in dem kleinen Laden in Plaisance gegen zehn Uhr an.
Die andre sagte:
„Ah! Da sind Sie! Sie!“
Sie ließ sie in den Hinterraum treten, und ohne sich zu setzen, legte sie schon los.
„Ihretwegen hat mein Sohn das getan! Ich weiß alles, daß Sie ihn mit Ihrer Krankheit angesteckt haben, mit dieser Fäulnis, und ich weiß auch, wo Sie herkommen. Mädchen wie Sie sind ein Unglück!“
Sie fuhr lange fort und redete dicke und unterstrichene Phrasen. In dem Hinterraum des Ladens schienen die polierten Möbel die Worte widerzuspiegeln und ihnen Kraft zu verleihen, so daß sie wie ein Beispiel von Tugend sich der Verkommenheit entgegenzurecken schienen.
Sie sprach, sehr sauber und wohlgekämmt, mit der Entrüstung der ehrsamen Frau und am Ende der Abrechnung drückte sie, da ihr Sohn Berthe nicht vergesse, die Hoffnung aus, auch Berthe würde ihren Sohn nicht vergessen und ihm von Zeit zu Zeit ein Fünffrancsstück schicken.
Berthe betrachtete gesenkten Hauptes ihre Hände, errötete, hörte der alten Frau zu, wobei ihr die Gedanken ganz wirr durcheinandergingen, wußte nicht mehr, was werden sollte, beugte ihre sanftmütige Seele und fühlte sich schuldig. An manchen Tagen war sie so gütig, daß sie kein Empfinden für das Unrecht hatte, das man ihr antat.
Sie ging zu ihrer Schwester Blanche.
Um nichts in der Welt hätte man geglaubt, daß Blanche die Schwester Berthes sei. Sie war ein Mädchen von siebzehn Jahren, rosig und blond, doch wenn ihre Haut jung und straff war, so ließen ihre Kleider und ihre Haltung keinen Gedanken an Jugend zu, und auf der Straße galt sie in den Augen der Zuhälter als der Inbegriff dessen, was man einen „Schweinigel“ nennt. Ihre über der Stirn kurz geschnittenen Haare waren an den Schläfen gelockt und in Ringel gedreht, nach der Sitte der Freudenmädchen in den Vorstädten, nach der ewigen Regel, daß Menschen desselben Berufes sich gleich tragen und von gleichem Stolz erfüllt sind. Sie ging ohne Hut, die Hände in den Schürzentaschen, den Leib vorgewölbt und die Füße nachschleifend, wie man Pantoffeln schleift. Seit ihrer Kinderzeit, in der sie ihrer Herrin hundert Sous gestohlen hatte, war ein Tag gekommen, an dem sie in einem Hotel ihre Jungfernschaft in den Händen eines Zuhälters gelassen hatte, und andre Tage, an denen alle Gaben ihres Leibes und ihres Geistes sie der Laufbahn entgegenstießen, die sie später freiwillig wählte. Sie lebte zufrieden in ihrer Welt, nahm unwillkürlich deren Benehmen und Sprache an, ganz jung noch wurde sie öffentliches Mädchen, wie Musset Dichter wurde, ganz jung noch. Syphilitisch von Beruf, ohne einen Blick des Bedauerns zurückzuwerfen, hatte sie den Kopf voll Läuse, ohne daß ihr der Wunsch nach Sauberkeit kam, und ihre Röcke verbreiteten einen Geruch von Laster und Schmutz um sich, der die Männer anzog. Sie lebte vergnügt und skrupellos, und da das Geld ein Ziel auf dieser Erde ist, hatte sie keine Vorstellung vom Guten oder von Ehrsamkeit und fühlte sich glücklich wie ein Mensch am Ziele in dem Augenblick, wo sie die Taschen voll Geld hatte.
Unter den Zuhältern der Rue de la Gaîté wählte sie einen Mann nach ihrem Herzen — einem unabhängigen und gleich dem Leben sich wandelnden Herzen —, lockte ihn an sich und warf ihn, wenn sie seiner satt war, fort, um einen andern zu wählen, wie ihre Begierde es bestimmte. Sie war ihre eigne Herrin, und sie beschützte sich selbst mit einem großen Messer, das sie stets in der Tasche trug und danach sie tastete, um sich seiner zu versichern wie ein Reisender, den seine Waffen furchtlos machen, da er weiß, daß es ihm an Mut nicht fehlen wird.
Berthe erzählte ihr die Szene, die sich soeben abgespielt hatte.
Blanche sagte:
„Wie! Du hast nicht gewußt, was ihr antworten? Ich hätte ihr alles gesagt. Ich hätte ihr gesagt: Alte Heuchlerin, Sie sind ja froh, daß ich ihn aushalte! Sie machen Geschichten, weil Sie wissen, wie dumm ich bin. Er hat keinen Fetzen am Hintern, den er selber verdient hätte. Er soll nur kommen, Sie werden sehen, wie ich den Zuhälter jagen werde!“
Berthe erwiderte:
„Gewiß, aber ich kann mich nicht wehren.“
Bei ihrer Schwester lebte Berthe, nachdem sie das Spital verlassen hatte. Bei ihrer Schwester, denn das Familiengefühl ist stärker als jedes andre, und Schwester bleibt man, was auch geschieht. . . So blieb Berthe bei Blanche, die stark war und sie ein wenig stärkte. Blanche ging wie ein Vorbild, ohne sich um die Welt zu kümmern, ihren Weg, und Berthe, die abgeirrt war, brauchte nur ihren Schritten zu folgen. Sie empfand in der ersten Zeit infolge der alten Gewohnheiten einen Rest von Trauer und dachte in ihrer schlichten Seele: „Ich sehne mich nach Maurice.“ Sie dachte es sehr heftig und betrachtete die Dinge rings um sich mit einer großen Unruhe, wie man einen Kameraden betrachtet, der sein Äußeres verändert hat. Sie lebte bei Blanche, die ihr Gewissen beschwichtigte und sagte: „Recht hast du.“ Es war ihr gleichgültig, ob sie recht hatte oder unrecht, aber wir suchen überall die Bestätigung unsrer selbst, die einen Teil unsres Glücks ausmacht.
Abends zwischen neun und zehn Uhr gingen sie auf den Boulevard Sebastopol hinunter. Von der Place du Châtelet dehnte er sich vor ihnen mit seinen Trottoirs, seinen zwei Lichterzeilen und war ihnen wie ein Werkzeug, dessen Handhabung sie kannten und das sie unermüdlich gebrauchten, während ihr Körper dabei zerbrochen wurde. Alle Straßenecken sprachen zu ihnen gleich Erinnerungen, bei jedem Schritt wanderte ihr Zweck mit, sie dienten ihm ohne Lächeln und ohne Aufregung wie ein Geschäftsmann, der sein Geschäft ausübt. Blanche machte sich den Beruf leichter, indem sie die Männer direkt ansprach. Berthe warf ihnen, ein wenig tänzelnd, Blicke zu. Da wimmelten junge Leute, die wie Fragezeichen aussahen, Männer von vierzig Jahren, deren Erscheinung ernst ist und deren Gespräche klar und klingend sind wie ein Fünffrancsstück, Betrunkene, die nicht mehr rechnen können, die von Liebe schwätzen und einschlafen und die man im Stich läßt . . . Zuhälter mit schwarzer Schnauze stießen sie im Vorübergehen an mit Worten, mit Blicken und Schlägen ihrer Rabenflügel. Die Mädchen betrachteten sie flüchtig, wie man Menschen ansieht, die nicht zu uns gehören, und zuckten die Schultern, als säßen sie darauf und sollten abgeschüttelt werden. Blanche ging ohne Hut, mit festen großen Schritten wie Wäscherinnen mit dem Korb, Berthe mit kleinen Schritten, mit dem Aussehen der Blumenarbeiterinnen. Die öffentlichen Mädchen kamen vorüber: solche, die jung und blendend sind wie ein Vergnügen von siebzehn Jahren und die es nicht verstehen, sich der ersten Glücksfälle und reichen Launen zu bemächtigen, — solche, die nicht auf dem Boulevard Sebastopol bleiben und mit ihren gestärkten Unterröcken rauschend weitergehen, um rings um sich die Begierde auszustreuen, — solche, die schon mehrere Jahre des Pflasters hinter sich haben, die es kennen und bis auf den Grund ausnützen, — und dann gab es Alte mit dem schweren Gang von Kühen, die an den Straßenecken Halt machen und mutig alle Passanten stellen, da es sich um das tägliche Brot handelt. Die Lichter dienen dazu, die Gesichter der Straße zu studieren, die Kaffeehausterrassen waren Lockplätze, wo sie die Blicke ausstreuten, um dann zurückzukehren und nachzusehen, ob zu ernten sei, was man gesät hat.
Etwas später verließ Blanche ihre Schwester und ging in der Richtung der Markthallen und der Rue Montmartre. Sie arbeitete am liebsten allein, denn ernste Arbeit braucht Einsamkeit, in der man seine Fähigkeiten sammelt wie ein Mensch, der vorwärtskommen will. Es genügte, sie anzusehen, und sie hängte sich an; und dem Verlangen gleich, das in unserm Herzen schlummert, kam sie, war da, mit ihren Gebärden und ihren Beschwichtigungen. Sie verkaufte billig, um häufiger zu verkaufen. Im Stadtviertel der Zeitungen und der Bars, und zumal wenn es dunkelte, waren die Männer leichter zu haben. Sie stärkte sich mehrmals, indem sie einen Kaffee mit einem Gläschen zu fünfzehn Centimes trank, und kehrte um vier Uhr morgens nach Montrouge zurück, die Börse gefüllt und das Herz zufrieden.
Berthe machte auf dem Boulevard Sebastopol und den großen Boulevards die Gefühlvolle. Angefangen von ihrem schwarzen gescheitelten Haar und ihrem weißen Antlitz bis zu ihren Beinen, die an die Röcke schlugen, empfand man ihren Gang als ein hübsches Geschehen in einem besondern Dasein, empfand ihr Herz als das einer süßen und lieben kleinen Frau. Viele Vögel ließen sich fangen. Die jungen Leute dachten: Das ist ein zuverlässiges Vergnügen, denn außerdem macht sie den Eindruck, als könnte man mit ihr verständig reden. Man sagte zu ihr: „Fräulein, ich geh Ihnen nach und Sie lassen mich tüchtig rennen.“ Sie antwortete manchmal: „Ach, mein Herr, das erkläre ich Ihnen. Ich bin klein, und wenn ich schnell gehe, merkt man’s viel weniger.“ Ein andermal gingen sie neben ihr her und sagten nichts, weil sie so war und ihre Herzen gerührt wurden. Sie lächelte dann und war anziehend, wie die Sanftmut anziehend ist. Sie machte die Gefühlvolle bei den jungen Leuten und den Männern, denn es gibt viel Liebe auf Erden, und die Liebe flutet heran und trägt uns wie Kinder von hinnen, den Frauen entgegen, wo Kindlichkeit und Güte sind.
Sie hatte Syphilis. Um diese Zeit litt sie viel Schmerzen im Munde, und ich glaube, alle ihre Küsse hatten Syphilis. Viele Vögel ließen sich fangen. Im Spital hatte sie sich gesagt: „Ich weiß nicht, wie ich es machen soll, denn andere will ich nicht anstecken.“ Sie war entlassen worden. In den ersten Tagen dachte sie: „Ich werde ihm sagen: Wasch dich gut.“ Dann mußte sie essen: das Mitleid ist nichts für den täglichen Gebrauch. Wenn sie lange gegangen war, begannen die Steine hart zu werden und hingen sich ihr an die Füße wie Quadern und wie steinerne Herzen. Sie dachte: „Das hat mich tüchtig gepackt.“
Das ist nichts, Herr Gott. Da ist ein Weib auf dem Straßenpflaster, das dahingeht und ihren Lebensunterhalt verdient, weil es schwer anders kann. Ein Mann bleibt stehen und spricht mit ihr, da Du uns das Weib gegeben hast, auf daß wir uns daran erfreuen. Und dieses Weib ist Berthe, und den Rest weißt Du schon. Das ist nichts. Da ist ein Tiger, der Hunger hat. Der Hunger eines Tigers gleicht dem Hunger eines Lammes. Du hast uns Nahrung gegeben. Ich glaube, dieser Tiger ist gut, denn er liebt sein Weibchen und seine Jungen und er liebt das Leben. Aber warum muß der Hunger eines Tigers Blut haben, während der Hunger eines Lammes so sanft ist?
Da waren ganz junge junge Leute, die unwissend, mit vollem Herzen und all ihrem Gelde mit den Frauen gingen. Da waren Männer von fünfundzwanzig Jahren, die ihrer bedurften, sie suchten und lachten, sobald sie sie gefunden hatten. Da waren verheiratete Männer, die dachten: „Ein kleines Abenteuer, ein Lächeln, eine Laune für das Mädchen da, weil sie etwas andres ist, als was mir beschieden war.“ Da waren Männer von vierzig Jahren, die Gesundheitsgründe vorschützten. Da waren Passanten, gleichgültig was für Menschen, deren Schicksal sich entschied.
Ein Mann von fünfzig Jahren kam aus der Bretagne, um in Geschäften eine Woche in Paris zu verbringen. Er begegnete Berthe am Abend seiner Ankunft. Jeden Abend bezahlte er ihr die Mahlzeit, führte sie ins Café-Konzert und gar ein wenig in die Nachtrestaurants. So lernte er das Leben von Paris kennen, das er als junger Mensch nicht hatte kennen lernen können, weil er damals kein Geld hatte. Dann kehrte er in seine Bretagne zu Frau und Töchtern zurück, das Herz leuchtend und die Lippen feucht.
Ein andermal sprach sie ein Mann von fünfunddreißig Jahren an, und er hatte eine Weile gebraucht, bevor er sie ansprach. Sie verbrachten die Nacht in einem Hotel der Rue Saint Sauveur und er schenkte ihr fünfzehn Francs. Er sagte zu ihr: „Vor dem Schlafengehen mach deine Haare zurecht.“ Er legte sich neben ihr nieder und küßte sie auf die Augen: „So bist du einer Frau ähnlich, die ich sehr geliebt und die ich verloren habe.“ Er tat sonst nichts, stützte sich auf dem Kissen auf, sie schlief ein, und die ganze Nacht strich er mit der Hand über ihr Haar. Es gibt schöne Herzen, die heil bleiben.
Gewöhnlich kehrte Berthe um zwei Uhr früh nach Hause zurück, denn die Straßen bieten dann nur mehr zufällig vierzig Sous und die Gefühle sind matt.
Oft griff Blanche bei den Hallen gerade „ihren Mann“ auf, der nicht immer wußte, wo er schlafen sollte oder die Nacht durchwachen wollte. Alle drei, er, Blanche und Berthe, schliefen nebeneinander, doch Blanche behielt den Platz in der Mitte, um ihn an Übergriffen zu hindern und weil sie sehr eifersüchtig war. Es waren schwüle Nächte mit den Seufzern Blanches, den Belästigungen des andern und dem unruhigen Schlafe Berthes. Am Morgen reckten sie sich dann, der unsaubere Mann und die beiden Frauen, in ihrem Dunste, wälzten sich herum und sprangen gegen Mittag aus dem Bett. Sobald Blanche hinunterging, um etwas zum Essen zu holen, benützte der mit Berthe allein gebliebene Mann den Augenblick und begann den Angriff, denn Berthe war hübsch und man hat nie Gelegenheiten genug. Sie wehrte sich, ließ sich gehen, ängstigte sich und spaßte.
Berthe war eben Freudenmädchen. Das ist kein Beruf, den man am Morgen verläßt und außerhalb dessen man das ist, was man sein soll, wie ein Beamter außerhalb seiner Kanzlei. Kennst du den Hauch des Lasters, den man einmal eingeatmet? Die Faustschläge der Zuhälter formen die Mädchen und hinterlassen im weißen Fleische ihre Spur neben dem Verlangen, das Gott hineingelegt hat. Sie leben miteinander, eine große Herde, Blanche, Berthe und die andern, jede gleichsam ein Beispiel und eine Lehre für die Nachbarin. Die Welt der Prostituierten verheißt zu Beginn ein Leben in Freiheit, sinkt dann hinab und stinkt nach tausend Geschlechtern durch den ganzen Tag. Und die Krankheit dringt unter die Röcke mit fressenden Küssen. Das Trottoir, die Hotelzimmer und die Geldstücke sind ein einziger Handel, bei dem man seine Seele verkauft, während man sein Fleisch verkauft.
Man sucht das Glück. Das Glück der Freudenmädchen gleicht dem Rachen der Straßen, der stark ist und das Leben zwischen den Kinnladen zermalmt. Sie bedürfen eines Glücks, bei dem die Männer herrisch sind und sie mit ihren Fäusten packen wie die Wut, unter der man sich duckt. Man sucht die Liebe. Die Liebe der Passanten kommt und geht, ohne etwas von ihrer Flüchtigkeit zu hinterlassen, aber es gibt für das Frauenherz eine andere Liebe, die sie gefangen nimmt und sie niederbeugt und zu Fall bringt. So war es einst mit Maurice.
Berthe suchte denn das Glück in der Liebe. Sie lernte zunächst Blondin, den Radfahrer, kennen. Blondin, der Radfahrer, war groß, breit, rot, hatte feste Hände und gediegene Füße, und schritt auf der Straße mit einer Gewichtigkeit hin, daß schon seine Augen schwer auf unserer Brust zu ruhen schienen. Er betrieb, wer weiß was für einen Fahrradhandel und besaß zwei- oder dreimal ein Automobil, das ihm das Aussehen eines geschickten Mechanikers und eines geschäftigen Kaufmanns lieh, der über den üblichen Handel hinaus ist. Er führte Berthe aufs Land hinaus, und auch das unterschied ihn von den gewöhnlichen Männern. Manchmal hatte er die Taschen voll Geld, ein andermal mußte ihm, wie Berthe sagte, „ausgeholfen“ werden. Seine rohe und handfeste Liebe gewährte entweder Üppigkeit oder forderte die vierzig Sous von dem Weib, das er liebte. Und man liebte ihn, weil er einen umfing, daß die Knochen knackten, und man gab ihm alles, weil er nicht für einen Dummkopf gehalten werden wollte.
Sie lernte eines Nachts, als sie nach Hause ging, den Azteken vom Grand-Montrouge kennen. Er stand an einer Straßenecke, blaß und hager, mit feinem vorgeschobenen Mund und seinem angespannten Willen. Als er sie ansprach, fühlte sie, daß es da keine Widerrede gab und daß ein Mann alles vermag, wenn er der Welt in die Augen sieht.
Sie lernte eines Abends in einer Bar den „Kegel“ kennen, der hinkte und ein verpfuschter Zuhälter zu sein schien. Holterdipolter, die Lahmen sind komisch, es war eine Liebe zum Lachen.
Sie lernte noch andre kennen: die Burschen vom Montrouge, vom Montparnasse und aus dem Latin, die Liebe am Nachmittag, bei der man herumbummelt, die Liebe bei Nacht, bei der man heimgeht; sie lernte auf dem Boulevard Sebastopol sogar die Liebe flink wie der Wind, zwischen zwei Kundschaften, kennen. Sie kugelte rundum durch die Bars und trank, was man wollte, und lachte, wie man eine Kugel anlacht, die das rollende Glück ist. Sie ward eine Hündin, die die Hunde beschnüffelten, einer den andern drängend, das Ding aufgerichtet und das Maul toll wie brünstige Hunde. Sie lernte sie alle kennen und wandelte durch die Straßen als schwaches Fleisch, das unterliegt, ohne Widerstand, ohne einen Nerv, der sich strafft, ohne irgendwas, dessen Herrin sie wäre. Sie warf ihr Portemonnaie in die Luft, aus dem die Geldstücke rollten, auseinanderstiebend im Wirbel eines zügellosen Lasters.
Sie lernte Kiki kennen. Kiki war sechzehn Jahre alt, mit spitzer Stimme, und flitzte herum wie die Kinder um unsre Beine. Er verkaufte gelegentlich Gemüse und kannte seine Straße, wie man sie kennt, wenn man Handel treibt, am Gewicht betrügt und mit den Bestohlenen herumstreitet. Die Männer nahmen ihn nicht ernst: deshalb wehrte sich Kiki mit Zähnen und Krallen, heulte in den Straßen, stürzte sich auf alles und mußte sich mehr als ein andrer Mühe geben, zur Geltung zu kommen. Einmal begegnete er einem Kindermädchen mit einem Kinde. Das Kind hatte eine Peitsche:
„Gib mir die Peitsche, ich knall mit ihr.“
Kiki unterhielt sich damit gute fünf Minuten, dann wollte das Mädchen weitergehen und die Peitsche wiederhaben.
„Nichts da“, sagte Kiki.
Als sie sie ihm wegnehmen wollte, wich Kiki zurück und knallte vor dem Gesicht des Mädchens, indem er sagte: „Nicht näherkommen!“
Der Junge weinte. Kiki entfernte sich, mit der Peitsche knallend, und drehte sich von Zeit zu Zeit um, um sie auszulachen. Als er sie nicht mehr sah, wurde ihm die Peitsche lästig und er schmiß sie hinter einen Zaun.
Er war ein Gassenbub für Gassenbübinnen, einer der Bengel, deren Geschichten unterhaltend sind. Berthe gab sich ihm aus Spaß hin, und das ist schlimm, denn eine Frau, die sich achtet, soll einen Mann wählen, der zu etwas taugt.
Berthe traf mitunter den langen Jules, der in der ersten Zeit mit ihr stehen blieb und mit ihr plauderte wie mit der Frau eines Freundes. Er nannte sie „Madame“. Aber als er von ihrer Lebensweise erfuhr, sprach er nicht mehr mit ihr und ließ sie vorübergehen, den Kopf hoch, wie ein Soldat in Waffen hinabsieht auf diejenigen, die Zucht und Gesetz verletzen.
VIII
Es gab andre Tage für Berthe, und das waren jene Tage, an denen sie Pierre Hardy besuchte. Er sagte zu ihr:
„Du hast mir schweres Leid angetan. Ich bin dir eines Tages begegnet; wir waren einer wie der andre zwanzig Jahre, und ich habe gelitten, weil ich Mann war. Zwanzig Jahre bedeuten Liebe, aber Liebe bedeutet Geld. Ich gönnte mir ein wenig Liebe von meinen Ersparnissen. Sofort hatte ich diese Krankheit. Mein armes Kind, das ist weder meine noch deine Schuld. Wir leben in einer Welt, in der die Armen dulden sollen. Ich war weder reich noch schön genug, um mir eine Frau unter denen zu wählen, die ich kenne. Du weißt, daß ich dich zufällig gefunden habe. Ich glaube, daß du viel Unglück gehabt hast, da du dich jedem, der vorüberkommt, anbietest. Ich tröste mich ein wenig mit dem Gedanken, daß ich dir eines Tages das tägliche Brot war. Ich bin kein Weiser, ich habe dich anfangs verachtet. Aber ein Freund von mir hat mir die Worte gesagt, die ich dir wiederhole: Ich habe erfahren, daß die Welt bös ist und daß wir zu beklagen sind! Du hast mir schweres Leid angetan. Heute soll uns das Leid, das du mir angetan hast, verbinden. Du bist für mich das einzige mögliche Weib, denn meine Berührung bringt die Pest.“
Berthe erwiderte:
„Was willst du! Das ist unser Beruf.“
Sie aßen zusammen in einem Restaurant zu fünfundzwanzig Sous. Speisezimmer im ersten Stock. Die weiß gedeckten Tische haben sechs Plätze und sehen mit ihren Gläsern, ihren Karaffen, ihren Ölfläschchen wie fein hergerichtete Tische aus, an denen man die ausgezeichneten Gerichte der Reichen verzehrt: Rehschnitten, gebratene Kartoffeln, Lämmerhaché, Spiegeleier, Schokoladenauflauf. Man sieht da Herren im Zylinder stolz und höflich ankommen, wortlos essen, zurückhaltend und tief davon durchdrungen, Magistratsbeamte zu sein. Dann ißt man da all die Saucen, die die Eitelkeit erfand, um den Armen unrecht zu tun. Man bestellt seine Speisen in Befehlston und spricht mit leiser Stimme, denn wohlerzogene Menschen machen keinen Lärm. Auf Berthe übte der Luxus einen großen Eindruck aus und sie sagte: „Hier ist es nicht übel“, sie, die die billigen Selcherläden der Vorstadt gewöhnt gewesen war.
Aber nach der Mahlzeit gingen sie in ein benachbartes Kaffeehaus auf eine Tasse Kaffee. Die Stunde war noch besser: Sie wählten eine Ecke und, die Ellbogen auf dem Tisch, fern von den Leuten, die Lärm machen, und von denen, die ihre Manieren unterstreichen, plauderten sie viel. Berthe, die Herumtreiberin, die von Laster zu Laster lief, setzte sich in eine Ecke, die Ellbogen auf dem Tisch, und aus der Tiefe ihres Gewissens stieg ein trauriges und stilles Flämmchen auf. Pierre blickte sie an und, eine Frau neben sich fühlend, glaubte er ein wenig Liebe zu erblicken, ein steiles Flämmchen, das brannte und zart war. Ihre Worte wurden gleich sehr aufrichtig. Sie hatte ein Bedürfnis danach, denn in unsrer Seele gibt es einen unverrückbaren guten Winkel, der in Zeiten, da wir nicht Übles tun, voll schlichter Gefühle ist; da dringen oftmals Stimmen hinein und beginnen zu rufen wie verlassene Kinder. Berthe hatte ein Bedürfnis danach, wie sie einer Mutter bedürfen, dann eines Gatten, sie, die unbeschützten Frauen mit den haltlosen Herzen, die ihren Halt auf der Straße suchen. Sie hatte ein Bedürfnis danach, zu sprechen: „So bin ich, sieh mich an und sage mir, wie du mich findest.“ Niemals war Liebe zwischen ihnen, sondern etwas, das sie überdauert: Vertrauen und Güte.
Sie sprach zu ihm von Maurice und sagte ihm alles. Sie hatte einen Geliebten, der Maurice hieß, der schlecht war und sie aus vollen Händen ohrfeigte.
„Ich weiß nicht, ob ich ihn liebe: er hat mich so geschlagen, daß ich mich das nie gefragt habe.“ Er war verrückt. Eines Tages habe er sie geschlagen, bis er merkte, daß er sie erschlagen würde. Rechtzeitig ergriff er ein Kissen, schleuderte es ihr über den Kopf und hieb mit der Faust so lang darauf, bis er erschöpft war. Sie war im Gesicht ganz blau geworden. Doch jetzt sei er im Gefängnis.
Und Pierre sah ihn. Er sah diese Dinge von zwanzig Jahren und senkte den Kopf wie Adam, als er erkannte, daß Böses auf Erden sei. Herr Gott, es gibt viel Böses auf der Welt. Da sind Frauen, die unter Deinen Augen sind und Deine Kinder. Du hast sie geschaffen, Du hast sie uns an die Seite gegeben für unsern Hunger wie einen schönen Kuchen. Sie dünken uns so fein, daß wir sie nicht anzurühren wagen, Gott, Gott! Da sind trotzdem Frauen unter Deinen Augen, die ein Kreuz von Eisen tragen. Gott, Berthe: ein Mann zerdrückt ihre Schultern. Er hält sie mit seinen Klauen fest und gräbt sich in ihre Haut, daß sie ihm nicht entschlüpfen kann. Er zwingt sie vorwärts. Mit seinem ganzen Gewicht drückt er sie zu Boden, damit sie kraftlos sei wie ein verendendes Tier, damit sie Dich weder zu sehen noch zu hören vermag.