[43] Aristot. metaph. XIV 6; Hippokr. περὶ ἐβδ. 541 Erm., π. διαίτης I p. 645 f. Kühn; Varro bei Gell. III 10, 2 und 16; alles bei Roscher, Hebdomadenlehren 27.
[44] Deutsch nach Herman Schmalenbach, Das Seiende als Objekt der Metaphysik I: die erste Konzeption der Metaphysik im abendländischen Denken. Dissertation Jena 1909 S. 36 ff. [Viel Material dazu zuletzt bei Weinreich, Triskaidekad. Studien RGVV XVI 1 (1916) S. 96 f.]
[45] Über die Siebenzahl Boll in PW s. v. Hebdomas Bd. VI Sp. 2552, wo gezeigt wird, daß die Heiligkeit einer Zahl sich dann herausbildet, wenn diese Zahl in der Natur wiederholt gegeben ist, so daß der Mensch immer wieder auf sie hingewiesen wird.
§ 3. ELEMENTUM
Recht folgenreich für die antike Wertung der Buchstaben war es, daß man sie mit dem Wort στοιχεῖον bezeichnet hat. Durch dieses Wort wurden die Buchstaben der Schrift für den Griechen, der vom Namen einer Sache aus unwillkürlich weitergehende Folgerungen zog als wir, — die „Kritik der Sprache“ fing erst an —, in die Sphäre philosophischer und religiöser Begriffe gehoben.[46]
Die Wortgeschichte von στοιχεῖον stellt sich nach den Untersuchungen von Diels und Lagercrantz folgendermaßen dar: Die Ableitung des Wortes στοιχεῖον von στοῖχος bei Dionys. Thrax, worauf Diels seine Übersetzung „Reihenglied“ gründet, ist wertlos und verbindet zu nichts.[47] Es ist vielmehr von στείχειν = „gehen, marschieren“ auszugehen (S. 88). Στοιχέω ist nach Lagercrantz’ Nachweisen in der Bedeutung gehen, marschieren ganz geläufig (S. 103). Davon ist mit objektivisch-transitiver Verwendung der Endung -εῖον (S. 106) στοιχεῖον in der attischen Sprache gebildet und bedeutet:
I. das begangene Stück, der Gang, die Strecke (so die früheste Verwendung bei Aristophanes Eccles. 651):
II. Grund: a) Erdfläche; b) Grundlage, so bei Xenophon memor. 2, 1, 1; c) Stütze, so in der Astrologie (S. 62) und im Neuen Testament (S. 42). Die vollkommenste Analogie bietet die Bedeutungsentwicklung des von βαίνω abgeleiteten Wortes βάσις.
Das Wort dringt sodann in die wissenschaftliche Fachsprache und tritt auf: 1. in der philosophischen Sprache als Übersetzung von ῥιζώματα τοῦ παντός (der Elemente) bei Empedokles ins Attische, für uns zuerst bei Platon Soph. 252 b, Tim. 48 b (S. 16); 2. in der grammatischen als attischer Ersatz für πυϑμήν, ein Wort, das in grammatischen Ausführungen des Protagoras (Diels Vorsokr. S. 512, 26) in der Bedeutung „Grundform“ vorkam (S. 21). In Platons Theait. p. 202 e heißt στοιχεῖα τῶν γραμμάτων „Urbestandteile der Schrift“ (S. 19). Sicherlich waren aber schon vor Platon die Buchstaben στοιχεῖα genannt worden, sonst könnte Phileb. 19 c nicht so lauten, wie es überliefert ist. Da im Lauf der Kaiserzeit der persische Elementenkult, der besonders im Mithrasdienst ausgeprägt worden ist, in die griechische Welt eindrang (Diels S. 45)[48], so hat das Wort στοιχεῖον von diesen Kreisen her für viele einen starken religiösen Akzent erhalten.[49]
Die Verwendung des Ausdrucks in der Astrologie hat nichts mit der in der Philosophie als „Element“ zu tun, sondern ist eine unmittelbare Übertragung aus der Volkssprache, wo στοιχεῖον „Stütze“ bedeutet. στοιχεῖον heißt da 1. die Tierkreisfigur, insofern sie den wandernden Planeten zur Stütze gereicht[50], 2. Gestirn, insofern es für dessen δαίμων die materielle Stütze abgibt (S. 65 ff.).
Ferner hat Lagercrantz S. 74 ff. nachgewiesen, daß στοιχειοῦν durchaus nicht „verzaubern“ heißt, wie Diels S. 55 meint, der dort die Wortgeschichte auf einer sehr schmalen Linie weiterführt. Es heißt vielmehr gründen in der Bedeutung „festmachen“, real[51] und symbolisch. Als einer, der das symbolische „eingründen“, das ein magisches Binden und Festbannen an einen Ort bedeutet, besonders gut verstand, wird Apollonius von Tyana ein στοιχειωματιϰός genannt bei Cedrenus I 346, 18. Derselbe Ausdruck οί στοιχειωματιϰοί steht schon im Καρπός (Ps.-Claudius Ptolemäus)[52], ohne daß der Zusammenhang mehr lehrte als daß es sich um Leute handelt, die sich mit Astrologie abgeben. Wir müssen daraus schließen, daß es eine Anzahl von Magiern, Astrologen usw. gegeben hat, die diese Art von „Eingründung“ betrieb.
Im Neugriechischen heißt στοιχειό Geist, Gespenst. Lagercrantz entwickelt S. 80 ff. einleuchtend, wie dies aus Glauben und Brauch beim ϑεμελιοῦν von Häusern entstanden ist.
Das alles hat nicht unmittelbar damit, daß στοιχεῖον auch Buchstabe heißen kann, etwas zu tun, wie Albrecht Dieterich, Rhein. Museum 56 (1901) S. 102 f. = Kl. Schr. S. 225 f. will. Aber man begreift ohne Schwierigkeit, wie „die Tatsache, daß Buchstabe und Gestirn durch dasselbe Wort ausgedrückt werden, mystisch veranlagte Gemüter bewegen konnte, nach realen Entsprechungen zwischen ihnen zu suchen“. Lagercrantz S. 57.
[46] Die Dielssche Bedeutungsgeschichte von στοιχεῖον („Elementum“, Leipzig 1899) wird in entscheidenden Punkten berichtigt durch Lagercrantz, Elementum, eine lexikologische Studie. Skrifter utgifna af K. Humanistiska Vetenskaps-Samfundeti Uppsala XI 1, Leipzig, Harrassowitz 1911.
[47] Gegen eine verwandte Ableitung hatte auch schon Bedenken Pa.-Sabas, „Über die Mysterien der griechischen Buchstaben“, ed. Hebbelynck, Muséon N. S. I (1900) p. 21 f.: „Man gibt den Buchstaben den Namen Elemente (στίχος!) nicht deshalb, weil sie selbst nicht mehr in Elemente zerlegbar sind (d. h. die kleinste Schrifteinheit sind), wie die Weisen der Griechen in ihrer Hohlheit gedacht haben, sondern weil in ihren Zügen sich die Form der Elemente der erschaffenen Welt findet.“
[48] Cumont, Textes et Monuments I 6; Dieterich, Mithrasliturgie 2. Aufl. S. 64; Diels Elementum 45; Cumont-Gehrich, Die Mysterien des Mithra² 1911 S. 104 f.
[49] Zuerst bei Hippobotos, einem Schriftsteller des ersten Jahrh. v. Chr., der nach Diog. Laert. VI 102 von dem Hute des Menedemos, des Stifters der Philosophenschule von Eretria, sagte, auf ihm seien die zwölf στοιχεῖα abgebildet gewesen (Diels S. 45, Lagercrantz S. 62). Diesen Sprachgebrauch deutet Lagercrantz auf Grund von Tatian, orat. ad Graec. 9 στοιχείωσις δὲ αὐτοῖς ἡ ζώωσις ἦν zu übersetzen: zur Stützung diente ihnen (den Planeten) das Bevölkern des Himmels mit Tieren (S. 60 und 73).
[50] Nach Diels ist dieser Wandel der Wortbedeutung auf dem Umweg über den grammatischen Gebrauch von στοιχεῖον als Bezeichnung von „Buchstabe“ erfolgt. Den aus Nikomachos von Gerasa belegten Satz von Diels S. 44: „So hat an ältere Schrullen der Pythagoreer anknüpfend die neupythagoreische Schule das Alphabet an den Himmel versetzt“, hätte Lagercrantz noch mit folgendem chronologischen Argument widerlegen können: In einem Auszug aus Vettius Valens, dem Astrologen aus dem 2. Jahrh. n. Chr., steht zu lesen, daß im Gegensatz zu einem verwickelten Verfahren des Vettius die ἁρχαῖοι die Tierkreisbilder mit je zwei Buchstaben bezeichneten in der Anordnung Α Ν, Β Σ usw. bis Μ Ω. Mit den ἁρχαῖοι sind in der astrologischen Literatur meist „Nechepso und Petosiris“ gemeint. Also wahrscheinlich schon diese Begründer der griechischen Astrologie im 2. Jahrh. v. Chr. und durch die Tatsache, daß στοιχεῖον „Buchstabe“ und „Tierkreiszeichen“ bedeuten konnte, dazu bewogen worden, diese miteinander in Beziehung zu bringen (s. darüber unten in dem Abschnitt über Astrologie).
[51] Schlagend spricht für Lagercrantz die Stelle in Anonymi Byz. Παραστάσεις ed. Preger (Progr. d. Kgl. Max-Gymnas. München 1898) p. 33, 12 § 72 ὁ λεγόμενος Νεώριος ὁ ϰαὶ Ἀρϰάδιος, ὃν Κόνων ἐστοιχειώσατο, wo auch Diels das letzte Wort durch „bauen“ übersetzte.
[52] 16⁰-Ausgabe von 1552 S. 214.
§ 4. KINDHEITSMYSTIK
Noch eine letzte mögliche Wurzel der Buchstabenmystik möchte ich andeuten. In viel stärkerem Maße als es heute m. W. geschieht, wurde im Altertum und bis ins 18. Jahrhundert auf das Erlernen des Alphabetes bis zur virtuosen Beherrschung Wert gelegt.[53] Während für uns die Alphabetreihe nur für Verzeichnisse und Lexika wichtig ist, war sie für den antiken Menschen auch die Folge der Zahlen[54], und das hatte, wie wir sahen, infolge der pythagoreischen Lehren in Altertum und Mittelalter keine bloß praktische Bedeutung. Wir hören, daß man das Alphabet an der Schule vor- und rückwärts einübte und in der Reihenfolge Α Ω Β Ψ Γ Χ usw.[55] Die Beschäftigung mit den Buchstaben war also etwas, das ein Wesentliches der Kindheit bezeichnet, und daß Kindheitserinnerungen auf assoziativem Weg zu Faktoren im religiösen Leben der Erwachsenen werden können, ist bekannt.
Albrecht Dieterich hat in seiner „Mithrasliturgie“ über das „liturgische Bild“ der Gotteskindschaft schöne Sammlungen vorgelegt. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Zeugung durch die Gottheit und Geburt aus ihr. In der spätantiken, besonders der christlichen Mystik haben auch Dinge, die mit dem Kindesalter zusammenhängen, einen religiösen Gefühlston. Christus selbst hatte gesagt: ἐὰν μὴ στραφῆτε ϰαὶ γένησϑε ὡς τὰ παιδία, οὐ μὴ εἰσέλϑητε εἰς τὴν βασιλείαν τῶν οὐρανῶν Mt. 18, 3 Lc. 18, 17. Dies Wort hat man nicht immer in seiner einfachen Tiefe verstanden. Christus fungiert bei Clemens von Alexandria als Paidagogos, als Kindererzieher. Seine Gestalt war schon zu fest umrissen, ebenso wie seine Stellung im dogmatischen System, als daß es bei einem rechtgläubigen Schriftsteller in der Zeichnung dieser Figur zu realistischen Einzelheiten hätte kommen können. Desto mehr sollen sich die Zöglinge hier als kleine Kinder fühlen. Am befremdlichsten zeigt sich das in dem langen Kapitel über die Milch im Paidagogos I 6 p. 112 P, das betitelt ist πρὸς τοὺς ὑπολαμβάνοντας τὴν τῶν παιδίων ϰαὶ νηπίων προσηγορίαν τὴν τῶν πρώτων μαϑημάτων αἰνίττεσϑαι διδαχήν.[56] Dazu haben wir jüngst in der 19. Ode Salomos eine Parallele bekommen, die uns zeigt, daß es sich hier nicht um Seltsamkeiten Einzelner handelt, für die es erst etwa in bekannten deutschen Kirchenliedern des 17. Jahrhunderts oder in Zinzendorfs Ausdrucksweise Entsprechungen gibt, sondern um verbreitete Stimmungen:
Ein Becher Milch ist mir dargebracht worden, und ich habe ihn getrunken in der Süße der Freundlichkeit des Herrn.
Der Sohn ist der Becher, und der, der gemolken ward, der Vater.
Und es melkte ihn der heilige Geist, weil seine Brüste voll waren usw.
Man ist sich bewußt, Frommes zu tun, wenn man der Gottheit gegenüber und zu ihren Ehren Kindliches tut.
Der große Gnostiker Valentinos behauptete, der Logos sei ihm in der Gestalt eines kleinen Kindes erschienen und habe ihm so seine Offenbarungen mitgeteilt (Hippolytos philosoph. VI 5, 43 p. 309 Cruice). Sein Schüler Markos deutete den Vers 2 des 8. Psalmes: „Durch den Mund von Kindern und Säuglingen hast du ein Bollwerk gegründet um deiner Widersacher willen, damit du Feinde und Rachgierige zum Schweigen bringest“[57] so, daß er das Geschrei der Säuglinge als Vokale auffaßte. So loben die Kinder Gott ebenso, wie es in Psalm 19, 1 heißt: „die Himmel erzählen die Ehre Gottes.“ Diesen letzteren Vers deutete er natürlich auf die unten zu behandelnde Beziehung zwischen Vokalen und Planeten (vgl. Iren. adv. haer. I 14, 8 Manucci; Epiphan. I 3, 7 haeres. 34) und hielt das Geschrei der Säuglinge für eine Bestätigung dieser Entsprechung. Die Buchstabenspielerei in den später zu besprechenden Branchosversen gegen die Pest hält Klemens von Alexandria für einen frommen Hinweis auf die Kindheit (Stromata V 8, 48 p. 675 P.): αἰνίσσεται, οἶμαι, τὴν ἐϰ τῶν τεσσάρων ϰαὶ εἵϰοσι στοιχείων ψυχῆς γαλαϰτώδη τροφήν, μεϑ' ἣν ἤδη πεπηγὸς γάλα βρῶμα, τελευταῖον δὲ αἷμα ἀμπέλου τοῦ λόγου τὸν „αἴϑοπα οἶνον“ τὴν τελειοῦσαν τῆς ἀγωγῆς εὐφροσύνην διδάσϰει.
Dasselbe meinte Remigius von Auxerre († ca. 908) in seinem tractatus de dedicandis ecclesiis von dem Aschenkreuz auf dem Boden der neu zu weihenden Kirchen, auf welche das Alphabet geschrieben wird.[58] Auch der Kaiser Didius Julianus ließ 193 n. Chr. durch junge Knaben, die mit verbundenen Augen in einen Spiegel schauen mußten, die Zukunft erforschen.[59] Ein Knabe fungiert als Pythia bei Hippol. philos. IV 4, 1 p. 93 ff. Cruice.
So mag mancher, der schon vielleicht aus den erwähnten Gründen in den Buchstaben etwas Heiliges sah, in dieser Vorstellung dadurch bestärkt worden sein, daß sie ihm ein heiliges Stück Kindlichkeit waren. Und gerade die eifrige Erlernung des Alphabets mochte in dieser Richtung mitwirken; später wird sich zeigen, wie eine Anordnung der Alphabetreihe als mystisch bedeutungsvoll verwendet worden ist, die im Anfangsunterricht der Kinder ihre Stelle hatte. Ja, man hat auf dieser Unterrichtsstufe mit Zauberei nachgeholfen, wobei die Alphabetreihe im Sinn der hohen Anschauungen über den Ursprung der Schreibkunst als Symbol alles Wissens erscheint. Um ein Kind lernbegierig und leichtfassend zu machen, rät ein neugriechisches Zauberrezept, das ABC auf eine Schüssel zu schreiben, die für die heiligen Brote gebraucht wird, sie segnen zu lassen und die Schrift mit reinem Wein aufzulösen; das soll das Kind trinken.[60]
[53] Man gab den Kindern Kuchen (Horaz sat. I 1, 25), elfenbeinerne Typen (Quintilian inst. I 1, 26) und Würfel, worauf das Alphabet stand (Hieronymus, epist. ad Laetam 107, 4). Über altirische Alphabetkuchen Gaidoz, Les gâteaux alphabétiques, Mélanges Renier, Bibliothèque des hautes études Paris 1887. Woher die russischen Buchstaben stammen, die man noch heute als — übrigens recht schmackhaftes — Gebäck zu essen bekommt, weiß ich nicht. Jedenfalls stammt der Brauch, ebenso wie die Suppennudeln in Buchstabenform, aus alter Zeit. Ähnliche Verfahren des Elementarunterrichtes beschreiben noch Rabelais, Gargantua I 14. Goldsmith, vicar of Wakefield cap. 12. Smollet, Humphrey Clinker ed. Tauchnitz p. 122; über Basedows Buchstabenbäckerei s. Grasberger, Erziehung und Unterricht im klassischen Altertum I 2, 267, Würzburg 1864, vgl. Leclerq bei Cabrol, Dictionnaire d’archéologie chrétienne et de liturgie I, Paris 1907, s. v. Abécédaire p. 60 f. Beudel, Qua ratione Graeci liberos docuerint, Dissertation Münster 1911. S. auch die kuriose Geschichte von dem begriffsstutzigen Sohn des Herodes Atticus, des bekannten Redners zur Zeit der Antonine, bei Philostratos, vit. sophist. II 10 p. 66 Kayser: das Alphabet hat er wenigstens durch 24 mit den Buchstaben bezeichnete Spielkameraden gelernt.
[54] Über das Alter des milesischen Zahlenalphabets (8. Jahrh.) s. Larfeld, Griechische Epigraphik³ (1914) S. 294 ff. Man hat aber auch mit den Buchstaben α–ω als 1–24 numeriert, ebenso wie wir es mit unsern Buchstaben tun. Beispiele sind die in Olympia zur Auslosung der Kämpfer gebrauchten Täfelchen (Lukian Hermotimos 39), Theatermarken (J. Friedländer, Hermes 9 (1875) 251 ff. Svoronos, Περὶ τῶν εἰσιτηρίων τῶν Ἀρχαίων, Journal International d’Archéologie numismatique I (1898) 45-120; III (1900) 197–235; 319–349), Numerierung von Gesimsblöcken an Bauten (Karapanos, Dodone et ses ruines 68 f. pl. 34–40; thessalische Inschriften bei Lolling, Athen. Mitt. VII (1882) 69. Gesimsblöcke des Altars zu Pergamon, Robert, Hermes 18 (1883) 466 ff. Eisler, Weltenmantel und Himmelszelt, Nachtrag), der Sektionen des Heliastengerichtshofes in Athen (Lipsius, Das attische Recht und Rechtsverfahren I [1905] S. 140 f.), von Äckern („casae literarum“, Inschrift von Halesa, IG XIV 352. Gromatici ed. Lachmann I 309; II 235, 268, 409), die Bezeichnung der Stadtquartiere von Alexandreia (Ausfeld, RM 55 [1900] 379, Der griechische Alexanderroman, Leipzig 1907 S. 139), der Gesänge der homerischen Gedichte (Woisin, De Graecorum notis numeralibus, Diss. Kiel 1886, S. 30), der Wochentage (Boll s. v. Hebdomas, PW Sp. 2573). Über unsre Benennung der sieben Töne der Oktave von C bis H unten mehr. Auch der Alchimist Zosimos hat die 28 Bücher seines Werkes mit Buchstaben bezeichnet, ebenso Mani und Aphraat die ihrigen mit den 22 Buchstaben des syrischen Alphabets. Pachomius numerierte seine Mönchsklassen mit Buchstaben, s. unten den Abschnitt über die Spekulationen über die ganze Alphabetreihe.
[55] Quintilian, inst. or, I 1, 25: Quae causa est praecipientibus, ut etiam, com satis affixisse eas pueris recto illo quo primum scribi solent contextu videntur, retroagant cursus et varia permutatione turbent, donec litteras qui instituuntur facie norint, non ordine. Hieronymus in Jerem. 25, 26, Migne PL 24, 838 = p. 311 Reiter 1913. Ferner in Brief 107 an Laeta über die Erziehung ihrer Tochter II p. 294 Hilberg: Et non solum ordinem teneat literarum et memoria nominum in canticum transeat; sed ipse inter se crebro ordo turbetur, et mediis ultima, primis media misceantur, ut eas non sono tantum, sed et visu noverit. Dieterich, Rhein. Mus. 56 (1901) S. 99. Solche Schulübungen stehen auf einem Ostrakon im Brit. Museum, einem Säulenstück aus Sparta, Papyrus aus Hermupolis, vgl. Milne, Journ. hell. stud. 28 (1908) p. 121 nr. 1; Annual of the brit. school of Athens XII 476; Wessely, Studien zur Paläogr. und Papyruskunde II (1902) p. XLV nr. 2; Ziebarth, Aus der antiken Schule², Kleine Texte Nr. 65, Bonn 1913 S. 1 ff.
[56] Über Anklänge an gewisse Bräuche beim Verwandtschaftsschließen in diesem Kapitel Adolf Jacoby, Archiv für Religionswissenschaft 13 (1910) S. 549 ff.
[57] Der sich m. E. am besten erklärt, wenn man ihn mit dem Kommentar von Hitzig darauf bezieht, daß in einem Krieg ein siegreicher Feind durch das Geschrei von Säuglingen sich zur Milde hatte stimmen lassen, vgl. etwa 1 Sam. 30, 2.
[58] Migne PL 131, 851: Quid autem per alphabetum nisi initia et rudimenta doctrinae sacrae intelligi convenit? offenbar in Anlehnung an den Hebräerbrief 5, 12: τὰ στοιχεῖα τῆς ἀρχῆς τῶν λογίων τοῦ ϑεοῦ. Diese Erklärung ist übernommen von de Rossi, Bullettino di archeologia cristiana 1881 p. 135 und von Leclerq bei Cabrol, Dictionnaire d’archéologie chrétienne et de liturgie, Paris 1907 s. v. Abécédaire Sp. 56.
[59] Aelius Spartian, vita Didii Iuliani VII 10. Über ϰατοπτρομαντία Bouché-Leclercq, Histoire de la divination, Paris 1879, I 185. Wünsch, Hess. Blätter für Volkskunde 3 (1904) 154 ff. Reitzenstein, Historia monachorum, Göttingen 1916, S. 244 ff.
[60] Abbott, Macedonian Folklore, Cambridge 1903 S. 362. Pradel, Griechische Gebete usw. Religionsgesch. Versuche u. Vorarbeiten III, Gießen 1907 S. 381; Jacoby, Archiv für Religionswissenschaft 13 (1910) 529.
II. DIE VERSCHIEDENEN GEBIETE DER BUCHSTABENMYSTIK
§ 1. SPEKULATIONEN ÜBER EINZELNE BUCHSTABEN
Wir sahen, daß die alten Pythagoreer kraft der ganzen Haltung ihres Denkens dazu neigten, in den Buchstaben Übergrammatisches zu sehen. In welcher Richtung, das zeigt eine seltsame Notiz in den Scholien zu Dionysius Thrax (p. 183, 30): Ἀπολλώνιος ὁ Μεσσήνιος ἐν τῷ περὶ τῶν ἀρχαίων γραμμάτων φησί τινας λέγειν, ὅτι Πυϑαγόρας αὐτῶν τοῦ ϰάλλους ἐπεμελήϑη, ἐϰ τῆς ϰατὰ γεωμετρίαν γραμμῆς ῥυϑμίσας αὐτὰ γωνίαις ϰαὶ περιφερείαις ϰαὶ εὐϑείαις. Man hat also in pythagoreischen Kreisen — auf Pythagoras’ Person wird niemand trotz der bestimmten Bezeugung bestehen wollen — in der Form der einzelnen Buchstaben Symbolisches gesucht und gefunden. Dafür gibt es noch manchen Beleg im Einzelnen.
Delta bedeutet noch heute in der Medizin τὸ γυναιϰεῖον αἰδοῖον. Das ist eine uralte Bezeichnung, s. Aristophanes Lysistr. 151: γυμναὶ παρίοιμεν, δέλτα παρατετιλμέναι. Der Pythagoreer sah im Delta das Dreieck. So wird das Dreieck nach pythagoreischer Lehre zur ἀρχὴ γενέσεως ϰαὶ τῆς τῶν γενητῶν εἰδοποιίας (Procl. in Euclid. 166, 14 Friedlein), vgl. die Porphyrios-Stelle bei Euseb. praep. ev. III 7, 4 p. 98: ϰῶνον μὲν ἡλίῳ γῇ δὲ ϰύλινδρον, σπορᾷ τε ϰαὶ γενέσει φάλητα ϰαὶ τὸ τρίγωνον σχῆμα διὰ τὸ μόριον τῆς ϑηλείας.[61] Eine Auseinandersetzung von 14 Seiten über das Δ steht in dem koptisch erhaltenen Buch „Über die Mysterien der griechischen Buchstaben“, das dem großen palästinensischen Klostergründer Sabas aus Talas († 532) zugeschrieben wird, S. 112–129 der Publikation von Hebbelynck, Muséon N. S. I [1900]. Δ bedeutet die Schöpfung, es ist das στοιχεῖον ὁλόϰληρον, die ὁμάς[62] des Kosmos; es weist mit seinen drei Ecken auf die Dreieinigkeit und die sechs Schöpfungstage, und ist als der vierte Buchstabe ein Symbol der vier Elemente und anderer Tetraden.[63]
Über das Ε als Abbildung der Wage steht folgendes in den Theologumena arithmetica p. 30 Ast (vgl. Lobeck, Aglaophamus S. 1341, 1345) — unter anderen Spekulationen darüber, daß 5 die Mitte von 9 ist —: ϰαὶ τῷ σχήματι δὲ οἱ τοὺς τῶν γραμμάτων χαραϰτῆρας προτυπώσαντες. ἐπεὶ τὸ Θ τοῦ ἐννέα σημαντιϰὸν ὑπάρχει, μεσότης δὲ αὐτοῦ ὡς τετραγώνου τὸ Ε, τὸ δὲ μέσον ἐν ἑϰάστῳ σχεδὸν ϰατὰ τὸ ἥμισυ ὁρᾶται, ἥμισυ τοῦ Θ γράμματος τυποῦσϑαι τὸ Ε ἐπενόησαν, ὡς διχοτόμημα τοῦ Θ, ϰαϑὰ ϰαὶ τὸ τοῦ Ο. Τούτῳ δὴ τῷ τρόπῳ τῆς διϰαιοσύνης τῷ Ε ἀριϑμῷ διϰαιότατα ἐνοφϑείσης ϰαὶ τῆς τοῦ στίχου ἀριϑμητιϰῆς εἰϰόνος ζυγῷ τινι οὐϰ ἀπιϑάνως εἰϰασϑείσης, τὸ παράγγελμα τοῖς γνωρίμοις ὲν συμβόλου σχήματι ὁ Πυϑαγόρας ἐνεποιήσατο ‘ζυγὸν μὴ παραβαίνειν’ τουτέστι διϰαιοσύνην. Anderes über das Ε aus Theodoros v. Asine bei Proklos in Tim. 225 b II 274 Diehl, über das Ζ ebenda p. 275 unten. — Das berühmte Ε in Delphi, über das Plutarch einen Dialog geschrieben hat, kommt hier nicht weiter in Betracht, da es ursprünglich wahrscheinlich kein Buchstabe gewesen ist, sondern ein „andersartiges ἀνάϑημα, vermutlich eine ϰλεὶς ϰρυπτή, die zunächst als eine Erfindung geweiht, dann symbolisch gefaßt und endlich als Ε gedeutet wurde. Denn der Balanosschlüssel sieht einem archaischen Ε sehr ähnlich“. Diels, Vorsokr. II² 520 Anm. 5; Parmenides, Berlin 1897, S. 143; Norden, Agnostos Theos, Leipzig 1913 S. 231 f. Es ist übrigens recht merkwürdig, daß in dem plutarchischen Dialog nichts von Buchstabenmystik vorkommt.
Das Θ (= 9) war zunächst einmal ein Symbol der großen ägyptischen Enneas. Ferner schien seine kreisförmige Gestalt die Welt abzubilden. Bei Philon von Byblos fr. 9 FHG III p. 572 aus Euseb. praep. ev. I 10 = Johannes Lydus de mensibus IV 161 p. 177 Wünsch steht: ἔτι μὲν οἱ Αἰγύπτιοι τῆς αὐτῆς ἐννοίας τὸν ϰόσμον γράφοντες περιφερῆ ϰύϰλον ἀεροειδῆ ϰαὶ πυρωτόν χαράσσουσι ϰαὶ μέσον τεταμένον ὄφιν ἱεραϰόμορφον [οἱονεὶ συνεϰτιϰὸν ἀγαϑὸν δαίμονα] (ϰαὶ ἐστι τὸ πᾶν σχῆμα ὡς τὸ παρ’ ἡμῖν Θ) τὸν μὲν ϰύϰλον ϰόσμον μηνύοντες, τὸν δὲ μέσον ὄφιν συνεϰτιϰὸν τούτου ἀγαϑὸν δαίμονα σημαίνοντες. — Das ist rein astronomisch gewendet im schol. in Dionys. Thrac. p. 321, 37 und 488 Hilgard: Θῆτα ὅτι τοῦ παντὸς ϑέσιν μιμεῖται· ἡ δὲ τοῦ παντὸς ϑέσις ἐστίν ὁ οὐρανός, ὃς τό τε ϰυϰλοτερὲς ἔχει ϰαὶ τὸν διὰ μέσου ἄξονα τῇ ϰατὰ μέσον χαραϰτηρισϑέντα μαϰρᾷ· und übernommen im Etymologicum Magnum p. 441.[64] Weil man bei alleinstehendem Θ leicht daran dachte, daß das Wort ϑάνατος damit anfängt, so wird dieses Unglück bedeutende nigrum theta (Persius 4, 13) ängstlich gemieden, z. B. in den Jahreszahlen der Alexandriner und den Münzbuchstaben des Gallienus.[65]
Das Ι war wohl geborgen durch das Wort Iesu, Mt. 5, 18: οὺ μῂ παρέλϑῃ ἰῶτα ἐν. Auch der Name des Heilands beginnt damit. So spielt es im Mittelalter eine ziemliche Rolle auf Münzen; und Ps.-Joachim von Floris, De seminibus scripturarum (13. Jahrhundert) schreibt darüber Littera minima in forma sed maxima in sacramento.[66]
Das Τ glich dem Kreuz (σταυρός), wie auch Heiden bemerkten, vgl. Lukian, Δίϰη φωνηέντων 61. Die Methoden, die die Christen fanden, um das Τ in noch engere Beziehung zu Jesus zu bringen, sollen unten in dem Abschnitt über den Gnostiker Markos behandelt werden.
Das Υ ist das γράμμα φιλόσοφον schlechthin (Proklos in Plat. Tim. III 225). Es wird an zahlreichen Stellen als Illustration des Gleichnisses von den beiden Wegen der Tugend und des Lasters aufgefaßt, das seit Hesiod in griechischer und jüdischer Moralistik sehr beliebt gewesen ist.[67] Pythagoras selbst soll diesen Sinn des Υ aufgezeigt haben.[68] Neuerdings hat Brinkmann auch „ein Denkmal des Neupythagoreismus“ (Rhein. Museum 66 [1911] S. 616 ff.) richtig gedeutet, auf welchem ein großes Υ den Mittelpunkt einer bildlichen Darstellung des Kebesschen Πίναξ bildet.
Α und Ω war in christlichen Kreisen durch das ΑΩ der Offenbarung des Johannes geheiligt (darüber s. unten einen besonderen Abschnitt). Aber ganz pythagoreisch schreibt Theodosius von Alexandria, περὶ γραμματιϰῆς p. 4 Groettling, Zeile 12, Α bestehe aus drei Strichen, stelle also die ἀρχὴ πλήϑους dar[69], ebenso Paulinus von Nola, carmen 29, 645 ff.:
Ebenso deutet noch Clemens Brentano, Romanzen vom Rosenkranz X 80 f. die Dreieinigkeit in das Α hinein:
Und über das Ω schrieb der Alchimist Zosimus (Berthelot, Collection des alchymistes grecs II 228): τὸ Ω στοιχεῖον <τὸ> στρογγύλον, τὸ διμερές, τὸ ἀνῆϰον τῇ ἑβδόμῃ Κρόνου ζώνῃ ϰατὰ τὴν ἔνσωμον φράσιν—ϰατὰ γὰρ τὴν ἀσώματον ἄλλο τί ἐστιν ἀνερμηνεύτητον, ὂ μόνος Νιϰόϑεος <ὁ> ϰεϰρύμμενος οἶδεν, ϰατὰ δὲ τὴν ἔνσωμον, τὸ λεγόμενον ‘ὠϰεανος ϑεῶν’, φησίν ‘πάντων γένεσις ϰαὶ σπορά’, vgl. Reitzenstein, Poimandres S. 267. Historia monachorum, Göttingen 1916 p. 150. Ähnliches über Ω steht im Etymologicum Magnum p. 294, 29. Die rätselhafte Bemerkung Isidors von Sevilla, Etymologiae I 3, fünf Buchstaben seien mystisch, nämlich Α Θ Τ Υ Ω ist jetzt klar.
Die byzantinischen Lexikographen haben diese Dinge gerne aufgenommen (vgl. Fuhr, Berl. phil. Wochenschr. 31 [1911] S. 1176[70], ebenso wie die griechisch-byzantinischen Gesprächbücher.[71] Grübeleien über einzelne Buchstaben müssen also im oströmischen Schulunterricht einen gewissen Raum eingenommen haben. Ein Beispiel: Γ παρὰ τὸ ἀμᾶν, τὸ ϑερίζειν· δρεπανώδης γὰρ ό τύπος αὐτοῦ. Die Verwendung der alphabetischen Akrostichis bei allerhand Lernsprüchen leistete dem wohl noch Vorschub, s. unten den Abschnitt über Akrostichis.
Zu solchen Spekulationen fand sich in Ostrom noch ein weiterer Anlaß. In byzantinischer Zeit hat sich bei der Feier der Brumalia, die damals vom 24. November bis zum 17. oder 18. Dezember dauerten, die Sitte herausgebildet, diese 24 oder 23 Tage mit den Buchstaben des griechischen Alphabets zu benennen. Jedes Mitglied der guten Gesellschaft gab dann an dem Tag ein Fest, der mit dem Anfangsbuchstaben seines Namens bezeichnet wurde, τὰ ὑπὲρ τῶν ὀνομάτων συμπόσια (Agathias hist. V 3 p. 140 Bonn). Bei diesen Festen durfte natürlich der Festredner nicht fehlen. Wir haben noch einen Panegyrikos des Sophisten Chorikios aus Gaza εἰς τὰ τοῦ βασιλέως Ὶουστινιανοῦ Βρουμάλια[72], in dem die Initiale Ι des Kaisers zu grotesken Sehmeicheleien Veranlassung gibt: Die gerade Form des Ι versinnbildlicht die Gerechtigkeit und Wahrheit Seiner Majestät. Ι zu schreiben kommen in gleicher Weise Greise, Kinder und Jünglinge in die Lage: Beweis, daß der Herrscher kein Lebensalter ungerecht bevorzugt u. dgl.
Der Vater des Klosterwesens, der Kopte Pachomius, numerierte die von ihm gebildeten Mönchsklassen mit griechischen Buchstaben; im einzelnen gibt er darüber folgende Vorschriften, Palladios, hist. Lausiaca 38 bei Migne, PG 34 p. 1100 = cap. 32 p. 90 Butler: ἐϰέλευσεν εἰϰοσιτέσσαρα τάγματα εἶναι τῶν ἀδελφῶν, ϰατὰ τὸν ἀριϑμὸν τῶν εἰϰοσιτεσσάρων γραμμάτων. Καὶ προσέταξεν ἑϰάστῳ τάγματι τὸ ὄνομα τεϑῆναι στοιχεῖον Ἑλληνιϰόν, ἀπὸ τοῦ ἄλφα ϰαὶ βῆτα ϰαὶ τῶν ϰαϑεξῆς ἕως τοῦ ω μεγάλου· ἴνα ἐν τῷ ἐρωτᾶν ϰαὶ φιλοπραγμονεῖν τὸν ἀρχιμανδρίτην περί τινος εἰς τοσοῦτον πλῆϑος, ἐρωτᾷ τὸν δεύτερον ἑαυτοῦ, πῶς ἔχει τοῦ ἄλφα τὸ τάγμα, ἢ πῶς ἔχει τὸ βῆτα· πάλιν ἀσπάσαι τὸ ῥῶ· ἰδίῳ τινὶ σημείῳ ὀνόματος γραμμάτων ἀϰολουϑοῦντος. Καὶ τοῖς μὲν ἁπλουστέροις ϰαὶ ἀϰεραιοτέροις ἐπιϑήσεις τὸ ἰῶτα· τοῖς δὲ δυσχερεστέροις ϰαὶ σϰολιωτέροις προστάξεις τὸ ξ. Καὶ οὕτως ϰατ’ ἀναλογίαν τῆς ϰαταστάσεως τῶν προαιρέσεων ϰαὶ τῶν τρόπων ϰαὶ τῶν βίων ἑϰάστῳ τάγματι τὸ στοιχεῖν τοῦ γράμματος ἐφαρμόσεις, μόνων τῶν πνευματιϰῶν εἰδότων τὰ σημαινόμενα. Dasselbe steht bei Sozomenos III 14 Migne PG 67, 1072. Der letzte Teil dieser Stelle, der in 2. Person geschrieben ist, stammt anscheinend aus einem Brief des Pachomius, s. unten in dem Abschnitt über Abc-Denkmäler.
Die bisher erwähnten pythagoreisch gehaltenen Erklärungen betonen vor allem die Bedeutsamkeit, die der Form der einzelnen Buchstaben innewohnt. Demgegenüber weist man auf christlich-jüdischer Seite darauf hin, daß die Namen der Buchstaben nicht gleichgültig sind. Diese Namen waren ja uralt, älter, also richtiger, als alle griechische Weisheit.[73] Mit Befriedigung führt der große Kirchenhistoriker Eusebios von Caesarea in seiner Praeparatio evangelica X 5[74] den Nachweis, daß die Griechen ihre Bezeichnungen von den Hebräern übernommen haben. Denn jedes hebräische Schulkind könne über die Bedeutung der Buchstabennamen Auskunft geben, während unter den Griechen selbst Platon nicht dazu imstande wäre, gesetzt den Fall, daß er Ἄλφα, Βῆτα usw. für griechische Wörter hielte. Bei den Kirchenvätern und später finden sich dann mehrmals etymologisch-erbauliche Deutungen der Buchstabennamen im Anschluß an die unten gesondert zu besprechenden alphabetisch akrostichischen Stücke in den Psalmen und Klageliedern Jeremias. Schon Origenes von Alexandria in einem Kommentar zu Psalm 126 und in einem „Fe literae tractatus“ hatte Derartiges besprochen (Hieronymus, epistola XXXIV ad Marcellam de aliquot locis Psalmi CXXVI p. 260 Hilberg). Der älteste erhaltene Kommentar dieser Art ist die expositio in Psalmum CXVIII des Ambrosius vom Jahr 387[75] (vol. V ed. Petschenig 1913, Migne PL XV col. 1198–1526). Es folgt Hieronymus mit Brief 30 (p. 246 Hilberg), de nominibus hebraicis 71 (Migne PL 23, 827; Lagarde, Onomastica sacra, ²Göttingen 1887 S. 79) und dem Kommentar zu den Threnoi des Jeremia (Migne PL 25, 787–791). Den hier gesammelten Stoff übernahmen dann im 9. Jahrhundert der Abt Paschasius Radbertus von Corbie in seiner expositio in lamentationes Ieremiae (Migne PL 120, 1059–1256), Hrabanus Maurus, expositio super Ieremiam XVIII 1 (Migne PL 111, 1183 ff.), Remigius von Auxerre, enarrationes in psalmos (Migne PL 131 col. 145 und 732 ff.), Joseppus, memorialis liber 26 (Migne PG 106 p. 32 f). Eine kleine altenglische Abhandlung ähnlicher Art veröffentlichte Bonnard, Revue des études juives 4 (1882) p. 255 ff., ein hebräischer Alphabet-Midrasch, die „Othijoth des Rabbi Akiba“ ist übersetzt „Aus Israels Lehrhallen“ von A. Wünsche 1909, IV S. 199–269.
Als Beispiel diene das Α. Bei Suidas s. v. Ἀβραάμ steht, Abraham habe die Buchstaben erfunden. Καὶ τούτου μαρτύριον ἡ τοῦ Ἄλφα φονὴ τοῦ πρώτον στοιχείου ϰαὶ ἄρχοντος, ἀπὸ τοῦ Ἄλεφ Ἑβραιϰοῦ λαβόντος τὴν ἐπίϰλησιν τοῦ μαϰαρίου ϰαὶ πρώτον ϰαὶ ἀϑανάτου ὀνόματος. Dieser herrliche Name ist „die Erkenntnis“. Denn Aleph wird nicht immer gedeutet als Ochsenschädel, sondern oft als alliph = μαϑέ, vgl. Euseb. praep. ev. V 5 p. 474 b und XI 6 p. 519 c, Theodosios von Alexandria, περὶ γραμματιϰῆς p. 1 Goettling. An der letzteren Stelle heißt es weiter: Gott öffnete dem Menschen den Mund zur Sprache mit dem Laut, der das weiteste Öffnen erheischt. Auch das ΑΩ der Johannesapokalypse wird mitwirken. Ferner war sicher jeder, der aus irgendeinem Grund in den Buchstaben etwas Transzendentes sah, versucht, beim Α anzufangen. So der apokryphe Jesusknabe der Markosier, der, als er in der Schule die Buchstaben lernen soll, seinen Lehrer darüber zur Rede stellt, ob er wisse, was das Α sei.[76] Ebenso macht sich Johannes Chrysost homil. IX in epist. ad Hebr. Migne PG 63 col. 77 seine Gedanken zunächst über das Α: ὥσπερ γὰρ ἐπὶ τῶν στοιχείων τὸ πᾶν ἄλφα συνέχει, ϰαὶ ὁ ϑεμέλιος τὴν πᾶσαν οἰϰοδομήν, οὕτω ϰαὶ τοῦ βίου τὴν ϰαϑαρότητα ἡ περὶ τὴν πίστιν πληροφορία. Ταύτης δὲ ἄνευ οὐϰ ἔστιν εἶναι Χριστιανόν· ὥσπερ οὐδὲ ϑεμελίων ἄνευ οἰϰοδομήν, οὐδὲ στοιχείων χωρὶς ἔμπειρον γραμμάτων εἶναι.
Von der antiken Schule her kommen Gedichte wie Ausonius, De litteris monosyllabis Graecis et Latinis S. 166 Peiper. Scotus, versus de alphabeto bei PLM ed. Baehrens V p. 375 mit dem Kommentar Expositio prescripti alphabeti ed. Omont, Bibl. des hautes études, Paris 1881, p. 429. Cabrol Dictionnaire p. 61. Besonders wichtig scheint eine Schrift des 13. Jahrhunderts, De semine — oder seminibus — scripturarum, zu sein, die mit Unrecht dem berühmten Apokalyptiker Abt Joachim von Floris in Calabrien († 1202) zugeschrieben wird. Friedensburg, Symbolik der Mittelaltermünzen S. 90 ff. druckt ein bezeichnendes Stück daraus ab.
In einem Dit de l’ABC (440 Verse) von Hue de Cambrai (um 1250) „werden die Buchstaben des Alphabets mit geläufigen Wörtern in Verbindung gebracht, die mit ihnen anheben (z. B. crois, con bei C, dieu bei D, Eve bei E, lettres, langue bei L, Marie bei M usw.) oder es wird ihnen nach ihrer Form ein gewollter Sinn (wie bei PQ) untergelegt, nicht ohne daß bei Gelegenheit satirische Hiebe auf die verderbte Zeit fallen“ (Groeber, Grundriß der romanischen Philologie II 837).
An der oben erwähnten Stelle Hieronymus de nominibus Hebraicis 71 stehen nur kurze, rein etymologisch-grammatische Angaben über die Bedeutung der Buchstabennamen im Hebräischen. Irgendwelche mystische oder erbauliche Ausdeutung wird nicht daran geknüpft. Laut Angabe des ersten Satzes Migne PL 23 col. 771 ist dieses Onomastikon die Bearbeitung einer Schrift des Philon von Alexandria. Für Philon ist also irgendwelche Buchstabenmystik dadurch nicht bezeugt. Sie ist es auch sonst nicht. Trotzdem hat D. H. Müller in den Sitzungsberichten d. k. Akademie Wien, philos.-histor. Kl. 167. Bd. 2. Abh., Wien 1911 auf Grund dieses Tatbestandes und gestützt auf Vergleichung der Deutungen des Ambrosius und Hieronymus einerseits und spätjüdischer Midraschim andrerseits gemeint, die „verlorene Schrift Philos über die Etymologie und Symbolik der Buchstaben“[77] teilweise rekonstruieren zu können. Es liegt auf der Hand, wie willkürlich es ist, auf diesem Wege Spekulationen des 4. Jahrhunderts in das 1. zurückzudatieren.
Anhangsweise möchte ich für Leser, die hier derartiges wohl suchen werden, einiges zusammenstellen über Buchstabensymbolik nicht magischer und religiöser Art, Buchstabenspielereien u. dgl.
Wie im Altertum nicht anders zu erwarten, fehlt das obszöne Element nicht. Es handelt sich aber in den Fällen, die uns hier angehen, nicht um das primitive Jenseits von aller Scham, was eng mit der Religiosität des Naturvolkes zusammenhängt, sondern um einfache Cochonerien. Für den primitiven Menschen ist das Obszöne, das heilige Geheimnis der Zeugung, Tabu, es wird als solches gesucht und gescheut, verehrt und als verblüffendes Schutzmittel gegen die Dämonen in Dienst genommen. Aber auch schon da muß man, wie Albrecht Dieterich oft sagte, nicht so tun wollen, als hätte das den Leuten nebenbei keinen Spaß gemacht. Bei den Buchstabenzoten fällt alles Sakrale durchaus weg, es sind παίγνια, Belege für das nichts verschonende Argot der Griechen und Römer oder unpassende Schulwitze.
Das Älteste in dieser Art wird Aristoph. Eccl. 920 sein: δοϰεῖς δέ μοι ϰαὶ λάβδα ϰατὰ τοὺς Λεσβίους.[78] Dann steht als Priapeum 54 ein Rätsel: