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Carlos und Nicolás

Chapter 13: Nach Paraguay
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About This Book

Two young brothers grow up on the Argentine pampas and share boyhood exploits—hunting with boleadoras, riding ponies, and imagining distant lands and riches. A series of episodic adventures follows as they meet local characters, confront dangerous wildlife during a hunt, travel across rivers and mountains to Mendoza and Paraguay, witness a regional uprising, and sail via Rio de Janeiro toward Europe. The narrative mixes vivid landscape description, playful coming-of-age scenes, and travel episodes, alternating intimate domestic moments with broader cultural encounters that probe the boys' courage, curiosity, and developing sense of the wider world.

Sie kamen an der herrlichen Villa der Familie Ilinares vorbei.

Aus dem Gartenportale fuhr eine elegante Equipage heraus, in der das achtjährige Töchterchen Julietta mit ihrer Gouvernante saß.

Man grüßte. Carlos sagte zu Herrn Dr. Bürstenfeger: „Das hübsche Mädchen ist meine Braut.“

Herr Dr. Bürstenfeger zwang sich zu einem Lächeln: „Du kannst noch keine Braut haben, Karl.“

„Warum nicht?“

„Weil du noch zu jung bist“, dabei drückte er kaum merklich seine Hand.

„Bah!“ antwortete Carlos, „Alfredo Lopez, mein Freund, ist ein Jahr jünger als ich, und hat acht Bräute.“

Herr Dr. Bürstenfeger antwortete nichts, runzelte aber stark die Stirn.

In die schöne, breite Straße, auf der sie gingen, mündete eine andere, die stark vernachlässigt war.

Es war kein Trottoir und kein Pflaster da, außerdem versank man ein wenig in den Kot.

Irgendwo lag ein totes Pferd mit aufgedunsenem Bauch.

Aasgeruch wehte herüber.

„Brr!“ sagte Herr Dr. Bürstenfeger, ließ Carlos’ Hand los und hielt sich die Nase zu.

„Das ist noch gar nichts!“ rief Carlos und bückte sich nach einem Ziegelstein. „Passen Sie auf, jetzt werfe ich, das Pferd platzt und dann stinkt es ganz fürchterlich!“

„Halt ein!“ schrie Herr Dr. Bürstenfeger, ließ seine Nase los, packte Carlos’ Hand wieder und floh mit ihnen aus dem Bereich des Kadavers.

Es waltete aber ein Unstern über dem heutigen Tage. Zu Hause angekommen, sagte Carlos zu seinem Bruder: „Wir haben noch Zeit; jetzt führen wir unser Turnier auf!“

In einer halben Stunde hatten sie aus Brettern zwei Schilde gezimmert; aus Zeitungspapier machten sie primitive Helme, in die sie Hahnenfedern spießten.

Zwei lange Stecken, an deren Spitzen ein Wedel war, womit man an den Decken der Zimmer nach Spinngeweben suchte, verwandelten sie in Lanzen.

Die Wedel aber wurden zum Kopfschmuck ihrer Ponys verwandt, denen sie auch noch die Stalldecken umgelegt hatten.

Ihrem vierjährigen Schwesterchen, die sie „die Dicke“ nannten, weil sie kugelrund war, drückten sie eine Kindertrompete in die Hand. Sie war der Herold und mußte zum Kampfe blasen.

Carlos und Nicolás stiegen auf ihre Pferde; sie waren anzuschauen wie zwei prächtige Ritter. Die Backen des Schwesterchens blähten sich, Carlos und Nicolás stürmten aufeinander los, über die Beete.

Wie sie ganz nahe beieinander waren, scheuten die Pferde und machten einen Sprung auf die Seite, so daß sie unverrichteter Sache ein Stück weitertraben mußten.

Wieder stellten sie sich auf, wieder wollten sie aufeinander eindringen.

Schon kündigte die Schwester den Kampf an, als mit fliegenden Schößen eine Gestalt daherkam: „Wehe euch, Karl und Nikolaus, haltet ein!“

„Halt ein!“ schrie Herr Dr. Bürstenfeger und war mit einigen Sprüngen am Zügel von Carlos’ Pferd.

„Die Dicke“ floh erschrocken mit der Kindertrompete.

Carlos ließ die Lanze sinken.

„Herunter!“ schrie Herr Dr. Bürstenfeger und machte mit beiden Zeigefingern eine gebieterische Bewegung nach der Erde.

Die Knaben stiegen ab, und ohne Schild und Lanze — Carlos hatte auch noch seine Hahnenfeder verloren — folgten sie dem Lehrer in der Richtung des Hauses.

Friedlich grasten die Ponys nebeneinander, während die Wedel auf ihren Köpfen leise zitterten.

Wetternd tauchte von der einen Seite der Gärtner auf und höhnend von der anderen José, der Knecht ...

Von nun an war Herr Dr. Bürstenfeger ungemein scharf in seinen Maßregeln.

Wenn die Knaben ausritten, ging er neben ihnen zu Fuß auf dem Trottoir.

Die Reise nach Mendoza

Das war eine schwere Zeit gewesen, viele Wochen hatte die Mama sehr krank im Bette gelegen. Seit gestern erst durfte sie wieder ein wenig im Garten spazierengehen, und heute hatte der Arzt bestimmt, daß sie in die Kordilleren hinauf sollte, dort würde sie sich vollständig erholen.

Carlos und Nicolás mußten mit Herrn Dr. Bürstenfeger vorausreisen. Er hatte im Auftrage der Eltern einiges mit Don Pablo Romero zu besprechen, der sich in dieser Zeit in Mendoza aufhielt, ihnen aber sein Landgut oben am Fuße der Berge beinahe ganz zur Verfügung gestellt hatte. Die wichtigen Teile in dieser Angelegenheit wurden Herrn Dr. Bürstenfeger so oft und so nachdrücklich auseinandergesetzt, daß er anfing, sich etwas beleidigt zu fühlen. Man hatte ihn nämlich im Verdacht, ein wenig unpraktisch zu sein.

Viel Mühe hatte er nun, Carlos und Nicolás zu beruhigen, die die Abreise mit brennender Ungeduld erwarteten; wo sie auch waren, in der Schule, auf den Spaziergängen, bei Tische, weilten ihre Gedanken in den fernen Bergen, die sie zum erstenmal in ihrem Leben besuchen sollten, bei Maultieren, Pumas und Kondors.

Herr Dr. Bürstenfeger aber, der sich ein Bild von Land und Leuten machen wollte, kaufte sich eine Karte und spanische und deutsche Bücher; die spanischen las er mit Hilfe eines dickbauchigen Lexikons, das er aus Europa mitgebracht hatte. Die Karte breitete er auf dem Tisch aus und spießte Stecknadeln auf Flüsse und Berge, Städte und Dörfer, die ihn interessierten.

Carlos brannte vor Neugier, zu wissen, was das zu bedeuten habe, wagte aber nicht zu fragen, weil die Erläuterungen des Hauslehrers immer fürchterlich lang waren ...

Zehn Tage später saßen die drei im Herrenschlafwagen der Pazifikbahn. Bald hatten sie Buenos Aires mit seinen Lichtern, Schornsteinen, Vororten und Anlagen hinter sich, und es umfing sie die weite Pampa.

Carlos und Nicolás hatten schon lange keine Eisenbahnfahrt mehr gemacht, nach dem Landgut reisten sie immer zu Schiff. In einem Schlafwagen aber waren sie noch nie gefahren.

Alles um sie her war neu und entzückte sie. Sie kletterten auf die Betten und tasteten nach der Decke hinauf, die sie nicht erreichen konnten, sie berochen die Wand, den Lederriemen an der Fensterscheibe, sogar die Reisetasche eines fremden Herrn, bis Herr Dr. Bürstenfeger, der mit dem Gepäck beschäftigt war, es sah und einschritt.

Nach zehn Uhr ermahnte er sie, sich zum Schlafen niederzulegen.

Das war eine neue Freude für die Knaben.

Der Hauslehrer war schon eingeschlafen, als sie sich das Versprechen abnahmen, einander zu wecken, wenn einer von ihnen auch einschlafen sollte, was doch zu schade wäre. Und so sahen sie, auf ihren Arm gestützt, zum Fenster hinaus, und als ihnen das zu langweilig wurde, starrten sie zur Decke empor, wo über ihnen leise die Lampe zitterte. Ganz hinten im Wagen schnarchte jemand von Zeit zu Zeit. Jedesmal ließ dann ein anderer in seiner Nähe ein Wimmern oder ein Seufzen hören. Herr Dr. Bürstenfeger aber lag auf dem Rücken, die Hände über der Brust gefaltet, und gab keinen Laut von sich.

Endlich schliefen auch Carlos und Nicolás ein. Als sie erwachten, ging gerade die Sonne auf, und zu beiden Seiten des Geleises lag ein Feld von Gerippen, Knochen von Pferden und Rindern, die der letzte große Frost getötet hatte. In der Ferne galoppierte ein Reiter. Dann verschwanden Reiter und Gerippe, der Zug fuhr an einer Lagune vorbei, groß wie ein See, bevölkert mit Reihern und Störchen, Kibitzen und Enten. Weit entfernt stand ein Ombú, am Horizont eine große Baumgruppe, irgendein Landsitz. Und beide bewegten sich in ihrer Richtung.

Herden von Straußen weideten nahe am Geleise, weiter hinten verbreitete sich als großer, hellgrauer Fleck eine Schafherde.

Dann erschienen Rinder und Pferde. Sie trabten manchmal bis dicht ans Geleise heran und flohen wieder zurück, die Rinder mit erhobenen Schweifen, die Pferde mit steilen Mähnen.

Der Zug hielt an einer kleinen Pampastation. Eine Dame stieg in den vorderen Wagen, eine Provinzlerin in bunten Farben, sie hatte sich für die Reise aufgeputzt. Eine fette alte Indianerin in einem geblümten Kattunkleid bot Fleischpasteten feil, verkaufte aber nichts, weil die Passagiere noch schliefen.

Neben der Station stand ein Tilbury mit zwei abgetriebenen Gäulen. Sie schlugen mit den kotigen Schwänzen nach den ersten Fliegen, die ihnen der heiße Sommertag brachte. In einiger Entfernung sauste die Post heran, in eine Staubwolke gehüllt. Zwölf Pferde waren davorgespannt.

Der Zug fuhr weiter.

Man stand auf und trank den Kaffee im Restaurationswagen. Als Carlos und Nicolás zurückkehrten, hatte sich der Schlafwagen zu ihrem nicht geringen Erstaunen vollständig verändert, an der Stelle der Betten standen Stühle.

Bis zum Abend ringsum das gleiche Bild: Rinder, Pferde, Schafe, Strauße und die weite Pampa.

Aber Carlos und Nicolás langweilten sich nicht. Sie verstanden, sich die Zeit auf ihre Weise zu vertreiben. Sie zählten z. B. die gescheckten Rinder, die gescheckten Pferde und schwarzen Schafe, die sie sahen, und wer mehr gezählt hatte, hatte gewonnen.

Oder sie führten seltsame Gespräche miteinander. Carlos fragte tiefsinnig: „Was möchtest du lieber sein, wenn man dich wählen ließe, der Mann, der dort in der Ferne reitet, oder dieser Herr im Staubmantel auf dem Perron?“ Und Nicolás antwortete, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte: „Lieber dieser Herr, denn er ist kein Gaucho und braucht niemandem zu dienen.“

Carlos entgegnete: „Aber der Gaucho kann reiten, so viel er will, vom Morgen bis zum Abend.“

Darauf wußte Nicolás nichts zu erwidern.

Dann gaben sie diesem Frage- und Antwortspiel eine scherzhafte Wendung. Carlos fragte: „Was möchtest du lieber sein, der Stuhl, auf dem du sitzest, oder der Stuhl, auf dem ich sitze?“

Da griff gewöhnlich Herr Dr. Bürstenfeger in diese Unterhaltung ein, weil er sie zu albern fand, und schlug etwas Nützlicheres vor. Er holte einen Band Fabeln oder ein Märchenbuch aus seiner Reisetasche und las den Knaben vor.

Damit waren sie auch einverstanden, und mit pochenden Herzen und roten Gesichtern hörten sie zu, und ihre Blicke hingen an seinen Lippen.

Bei besonders aufregenden Stellen, wie z. B. da, wo die böse Hexe sagt: Heda, Gretel, sei flink und trag Wasser, Hänsel mag fett oder mager sein, morgen will ich ihn schlachten und kochen, fuhr Carlos von seinem Stuhl auf und zuckte mit der Nase.

Herr Dr. Bürstenfeger klappte das Buch über seinen Zeigefinger zusammen und sagte mißbilligend: „Verhalte dich still, Karl, und mache keine Grimassen!“ Und um zu zeigen, wie häßlich das aussähe, fuhr er selbst von seinem Stuhl auf und zuckte ein paarmal mit der Nase, hielt sich aber dabei den Kneifer fest, damit er nicht herunterfalle. Dann las er in seiner Geschichte weiter ...

Gegen Abend wurde verkündet, daß man in einer Stunde die ersten Ausläufer der Kordilleren sehen würde.

Sofort knieten Carlos und Nicolás ans Fenster und ihr Blick war unverwandt nach dem Horizont gerichtet; sie rührten sich nicht von der Stelle, bis die Berge auftauchten, aber da waren sie enttäuscht, denn sie hatten sie sich viel, viel höher vorgestellt ...

Am nächsten Morgen um sechs Uhr kamen sie in Mendoza an.

Die Stadt Mendoza

Herr Dr. Bürstenfeger trat, Carlos und Nicolás an der Hand, aus seinem Zimmer im Hotel, hinaus auf den ersten Hof. Ein Orangenbaum stand dort, an dem drei große Knochen hingen.

„Was sind das für Knochen?“ wandte sich Herr Dr. Bürstenfeger an einen Kellner.

„Menschenknochen, eine Erinnerung an das große Erdbeben vor dreißig Jahren.“

„Barbarisch!“ dachte der Hauslehrer, blieb eine Weile in Gedanken versunken vor dem Baum stehen, und dann erinnerte er sich plötzlich, daß er den Eltern einen Brief zu schreiben habe.

Er überließ Carlos und Nicolás eine kleine Viertelstunde sich selbst und ging zurück in sein Zimmer.

Er schrieb, daß sie heute gesund angekommen seien, Karl und Nikolaus seien ganz artig, er werde ein wenig Toilette machen und sich mit ihnen zu Don Pablo Romero begeben und dann auch der Familie Igarzabal Grüße bringen, wie er es am Tage der Abreise versprochen habe.

Carlos und Nicolás gingen unterdessen nach dem zweiten Hof und sahen dort einen kleinen barfüßigen Indianer, der Ball spielte. Carlos fragte, ob sie mitspielen dürften, er sagte ja, und sie waren drei Parteien.

Das erste Mal gewann der Indianer, das zweite Mal Nicolás, das dritte Mal wieder der Indianer.

Darauf kauerten die drei sich an die Wand hin.

Carlos fragte den Indianer, wie er heiße.

„Julio!“ antwortete er. „Ich bin von Julio Roca bei seinem letzten Ausfall im Azul erbeutet worden.“

„Also bist du ein wilder Indianer?“ fragte Carlos nicht ohne Respekt.

„Ich bin Indio Pampa!“ sagte Julio mit Würde, „mein Vater wurde getötet, meine Mutter ist in Stellung in Entre-Rios.“

„Siehst du oft deine Mutter?“ fragte Carlos.

„Ich habe sie seit dem Tage, an dem ich gefangen wurde, nicht mehr gesehen.“

„Warst du sehr traurig, als dein Vater getötet wurde?“ fragte Nicolás.

Julio grinste.

Herr Dr. Bürstenfeger trat auf. Er nahm Carlos und Nicolás bei der Hand, und sie gingen zu Don Pablo Romero.

Der Hauslehrer wußte, daß alle Häuser in Mendoza, die bekleideten und die unbekleideten, aus Lehm waren, seit dem letzten fürchterlichen Erdbeben.

Aber man begann bereits das Unglück zu vergessen, und von Zeit zu Zeit wagte sich wieder ein Ziegelsteinbau empor.

Es war heute ein trüber Tag, in der Luft lag ein seltsamer Geruch, den Herr Dr. Bürstenfeger sich nicht zu deuten wußte.

Es war der Geruch von Kräutern auf den nahen kahlen Bergen, womit die Ziegenhirten ihr Feuer anzündeten.

Den Knaben schien es, als ob die Menschen auf den ziemlich leeren Straßen unheimlich langsam gingen und als ob auch die Wagen und Karren unheimlich langsam fuhren.

Vor dem Hause Don Pablo Romeros wartete ein Kabriolett.

Herr Dr. Bürstenfeger klopfte mit dem bronzenen Klopfer an die Tür.

Eine alte, schmutzige Mulattin, gefolgt von einer Meute von Hunden, öffnete.

Mitten im Hof stand ein verkrüppelter Orangenbaum, überall lungerten Dienstboten herum. Im Hintergrund lehnte ein Bursche an einer Mauer und spielte auf einer Mundharmonika.

Ein großer zottiger Hund lag auf der Erde und wälzte sich nach den Sonnenstrahlen, die die Wolken durchbrachen, erschauerte aber, als zugleich ein feiner Sprühregen ihn bespritzte.

Die Mulattin führte die Gäste ohne weiteres in den Salon. Auf den Möbeln waren die Bezüge, auf dem unebenen Fließboden lagen Zigarettenstummel. Es roch nach Weihrauch.

Die Mulattin forderte sie auf, zu Don Pablo Romero einzutreten.

Der lag in seinem Zimmer, das von Zigarettenqualm erfüllt war, im Bett. Seine Füße schauten unter einer wollenen Decke hervor. Sie ruhten auf einem schwarzen, vollständig unbehaarten, mit Warzen bedeckten Hunde.

Der Hauslehrer erfuhr später, daß man solche Hunde dort als Bettwärmer gebrauchte.

Auf dem Nachttisch schwammen in einer braunen Brühe unzählige Zigarettenstummel.

Während sich Herr Dr. Bürstenfeger mit dem Hausherrn unterhielt, machten die Knaben ihre Beobachtungen; sie sahen, daß Don Pablo Romero kein Nachthemd trug, sondern ein Taghemd, sie sahen, daß aus der einen Warze des Hundes ein langes Haar wuchs. Sie beobachteten Herrn Dr. Bürstenfeger, wie er die Hände bewegte, während er sprach, denn weil er sich nur schwer auf spanisch verständlich machen konnte, mußte er stark durch Gestikulationen nachhelfen, und sie sahen, wie er bei seinen Erläuterungen Kreise zog, Dreiecke beschrieb, wie er die Hände auseinanderbreitete und sie beseligt wieder zusammenlegte, weil er das Wort gefunden hatte.

Don Pablo Romero sagte endlich, sein Kabriolett warte draußen, er habe beabsichtigt, heute hinauf nach seinem Gute zu fahren, aber es werde wohl nichts daraus werden.

Er lud den Hauslehrer und die Knaben ein, mit ihm eine Fahrt in die Umgebungen der Stadt zu machen, etwa in einer Stunde, wenn es ihnen recht sei.

Sie waren damit einverstanden, verabschiedeten sich und gingen ein paar Straßen weiter zur Familie Igarzabal. Herr Dr. Bürstenfeger klopfte. Nach einer langen Pause, in der sich nichts rührte, stellte sich Carlos auf eine Fußspitze, streckte den Arm aus und wollte noch einmal klopfen, aber Herr Dr. Bürstenfeger zog streng seinen Arm zurück. Schließlich mußte er sich selbst dazu entschließen. Jetzt hörte man eine Stimme, von der man nicht wußte, ob sie aus dem Munde einer Frau oder eines Mannes kam. „Pancha, man hat geklopft!“

Und dann nach einer Weile aus dem Hintergrund links eine andere Stimme, und diesmal war es bestimmt die einer Frau: „Es hat geklopft, Pancha!“

Darauf näherten sich träge Schritte, und eine Magd mit einem Kropf öffnete.

Herr Dr. Bürstenfeger machte ein schmerzliches Gesicht. Sie führte sie geradewegs in den Salon.

Dort waren elf Frauen versammelt und unter ihnen ein kleiner fetter Herr mit einem blassen weichen Gesicht und einer hängenden Unterlippe.

Es war die Familie Igarzabal. Wie Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás wußten, lauter Geschwister. Zwei hatten eine Häkelarbeit in der Hand. Zu ihrem großen Erstaunen sahen die Knaben, daß auch der Herr häkelte.

Don José Igarzabal erhob sich und sprach; und es war jene Stimme, von der man nicht wußte, ob sie einer Frau oder einem Mann angehörte.

Sie blieben nicht lange dort.

Um die Stunde auszufüllen, nach deren Ablauf sie bei Don Pablo Romero sein sollten, gingen sie ein wenig auf den Straßen spazieren.

Die Sonne hatte sich hinter den Wolken verkrochen, es regnete nicht mehr.

Alle drei waren ziemlich wortkarg, es erfüllte sie eine unbestimmte Traurigkeit. Besonders der Hauslehrer war sehr niedergeschlagen ...

Die Magd Don Pablo Romeros bat sie, sofort ins Schlafzimmer zu gehen.

Sie klopfte, es blieb still; da hatte Carlos, bevor Herr Dr. Bürstenfeger ihn daran hindern konnte, geöffnet.

Eingehüllt in Zigarettenqualm, schlief der Hausherr, der Hund knurrte. Der Lehrer nahm Carlos und Nicolás bei der Hand, und sie verließen das Haus.

Sie kehrten ins Hotel zurück, Herr Dr. Bürstenfeger zuerst ungemein gekränkt über Don Pablo Romeros Empfang, dann aber gequält von einem Gefühl wachsender Traurigkeit.

Wieder schien die Sonne durch die Wolken, wieder rieselte ein feiner Regen herab.

Über ihnen spielte jemand immer wieder eine Tonleiter ...

Plötzlich trat der Hauslehrer auf eine tote Ratte, machte einen Sprung und wischte sich dann den Schweiß von der Stirne ab.

Sie gingen weiter. Da sah Herr Dr. Bürstenfeger ein Plakat, das er in Breslau bei seiner Abreise noch gesehen hatte. Seine Züge erhellten sich, aber bald umfing ihn wieder Traurigkeit.

Im Hotel bat er die Knaben, in den Hof zu gehen und Ball zu spielen, er wollte sich ein wenig ausruhen.

Kaum war er in seinem Zimmer, als Carlos auf einen Berg zeigte und Nicolás den Vorschlag machte, hinaufzusteigen, in einer Viertelstunde würden sie wieder zurück sein.

Sie gingen und gingen, länger als eine Stunde, weit zur Stadt hinaus, an Weinbergen vorbei, die von niedrigen Lehmmauern umschlossen waren, aber der Berg entfernte sich immer mehr von ihnen.

Da fragte Carlos einen Mann, der einen Kropf hatte, wie weit es wohl bis dahin sei.

Der Mann antwortete, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte: „Etwa drei bis vier Stunden.“

Carlos und Nicolás konnten das nicht begreifen, aber sie mußten sich entschließen, zurückzukehren, denn es war spät und Herr Dr. Bürstenfeger würde wohl sehr unruhig sein. Der Mann begleitete sie ins Hotel zurück. Nicolás schaute manchmal verstohlen nach seinem Kropf.

Aber Herr Dr. Bürstenfeger hatte sonderbarerweise ihre lange Abwesenheit gar nicht beachtet. Er saß in seinem Bett und las in einem spanischen Buch mit Hilfe des dickbauchigen Lexikons, das er aus Europa mitgebracht hatte, über das letzte fürchterliche Erdbeben in Mendoza.

„Warum haben die Menschen so viel Kröpfe hier?“ fragte Nicolás.

„Ja, das ist nicht schön!“ antwortete Herr Dr. Bürstenfeger. „Aber das macht das kalkige Wasser.“

Nach Tische ging Herr Dr. Bürstenfeger mit den Knaben spazieren.

Ein Bettler bat um Geld. Er hatte beim letzten großen Erdbeben ein Bein eingebüßt; er war geschwätzig, und um sich interessant zu machen, erzählte er, daß er dabei seine Eltern und seine sämtlichen Geschwister verloren habe.

Sie kamen durch den Teil der Stadt, von dem nur noch Ruinen erhalten waren, ein eingestürzter Kirchturm, eingestürzte Tore, geborstene, mit Gras bewachsene Mauern.

Herr Dr. Bürstenfeger murmelte: „In einer einzigen Nacht sind beinahe zwanzigtausend Menschen in dieser Stadt umgekommen.“

Der folgende Tag war stockfinster. Staub fegte durch die Straßen, aber es regnete nicht.

Der Hauslehrer ging mit den Knaben in der Stadt spazieren, er ging später in seinem Zimmer auf und ab über eine Stunde lang, von einer Aufregung ergriffen, die immer mächtiger wurde ...

Es war nach Mitternacht, als er sich zu Bett legte. Kaum war er im Bett, als er wieder aufstand und sich anzog; er drückte den Kopf an eine Fensterscheibe, würgte die Tränen hinab, die ihm gewaltsam in die Augen drangen, und ballte die Fäuste.

So war Herr Dr. Bürstenfeger noch nie gewesen.

Er setzte sich aufs Kanapee und pfiff mit einer fürchterlichen Miene ein lustiges Liedchen.

Dann zog er sich rasch aus und warf sich aufstöhnend ins Bett. Lange wälzte er sich herum, plötzlich begann er zu beten: „Unser Vater, der du bist im Himmel ...“

„Unser Vater, der du bist im Himmel ...“ wiederholte er.

Vier, fünfmal rekapitulierte er, aber er hatte in seiner maßlosen Aufregung die Fortsetzung vergessen.

Er saß in seinem Bett aufgerichtet und stierte ins Dunkle. Dann fiel er in wahnsinniger Erschöpfung zurück.

Er schlief zwei Stunden traumlos und dann träumte er, daß er von Bremen reise, und es war Sturm auf der See.

Er erwachte und hielt sich am Bettpfosten fest.

Draußen aber schwankten die Kirchtürme, daß die Glocken erklangen, die Menschenknochen im Orangenbaum bewegten sich; dann war es ruhig.

Die Leute im Hotel stürzten auf den Hof hinaus, die Einheimischen, die die Gefahr besser kannten, auf die Straßen.

Herr Dr. Bürstenfeger stürzte in Carlos’ und Nicolás’ Zimmer und dann mit ihnen ebenfalls auf den Hof hinaus.

Don Pablo Romero floh aus seinem Hause, in eine wollene Decke gehüllt, gefolgt von seinem schwarzen Hunde.

Don José Igarzabal floh im Hemd mit seinen elf Schwestern.

Aus allen Häusern stürzte man heraus; es war jetzt mit einem Mal eine furchtbare Bewegung in Mendoza.

Der Hotelhof war angefüllt mit Menschen.

In einem Zimmer aber saß eine schöne, blonde Frau und hielt einen kleinen Knaben und ein kleines Mädchen umfangen. Sie schämte sich, im Hemd zu fliehen.

Herr Dr. Bürstenfeger stand neben einer kaum bekleideten Engländerin.

Sie starrte nach der Hofmauer vor sich, in der ein breiter Riß gähnte ...

Eine halbe Stunde verging, es blieb ruhig.

Da erinnerte sich plötzlich Herr Dr. Bürstenfeger, daß er im Hemd war, und schämte sich.

Er ging in sein Zimmer, bekleidete sich schnell, holte zwei Decken und warf sie um Carlos und Nicolás.

Dann eilte er mit ihnen hinaus auf den Platz vor dem Hotel.

Eine Menschenmenge war dort versammelt.

Im Hintergrund kniete ein Priester und betete laut.

Die Knaben blickten erstaunt auf einen Zwerg mit einem Wasserkopf, der, ein Bündel in der Hand, laut heulte.

Über zwei Stunden stand dort Herr Dr. Bürstenfeger mit Carlos und Nicolás. Es blieb ruhig, die Sonne ging auf, die Luft war klar und schön.

Auf den Bergen zündeten die Hirten ihre Feuer an. Der Duft der Kräuter erfüllte die Stadt.

Carlos sagte zu Nicolás: Das ist der Geruch des Erdbebens.

Herr Dr. Bürstenfeger aber kehrte mit ihnen ins Hotel zurück. Auf seinen Lippen ruhte ein Lächeln großer Befreiung; er legte sich zu Bett und schlief zwölf Stunden hintereinander. Manchmal träumte er von seiner Heimat.

In den Kordilleren

Die Ansiedelung Don Pablo Romeros war eine kleine Oase, die aus einigen Wiesen, einem Obstgarten und einer Pappelallee bestand. Hinten erhoben sich die grauen, kahlen, nur mit dichtem Gestrüpp und Kakteen bewachsenen Berge, und vorn senkte sich ebenfalls kahl und grau die Ebene in die Pampa hinab.

Bloß zwei Zimmer seines Häuschens bewohnte Don Pablo, die übrigen hatte er Carlos’ und Nicolás’ Eltern überlassen, und weil trotzdem Raummangel war, waren noch drei Zelte aufgespannt worden. Das eine, etwas abseits gelegen, bewohnten die weiblichen Dienstboten, das zweite war als eine Art kleiner Salon hergerichtet, und im dritten schliefen Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás.

Seine Sorge um die Knaben blieb immer gleich mustergültig. Morgens, wenn sie erwachten, stand er an ihrem Bett, beinahe den ganzen Tag ließ er sie nicht aus den Augen. Abends, wenn sie schlafen gingen, kam er noch und gab ihnen den Gutenachtkuß.

Zum nicht geringen Verdruß der beiden hielt er aber immer fest am Prinzip der weiten Spaziergänge. Nur an Tagen, an denen er besonders zufrieden mit ihnen war, durften sie, während er zu Fuß ging, rechts und links von ihm auf ihren Maultieren reiten. Wünschten sie zu galoppieren, mußten sie fragen, und Herr Dr. Bürstenfeger antwortete: „Ja, aber nur bis zu jenem Strauch oder jener Kuh!“ oder er verweigerte auch die Erlaubnis.

In der Regel aber blieb es bei den gewöhnlichen Spaziergängen, und sie durchstreiften zusammen die Gegend nach allen Richtungen. Zu Hause banden sie sich, auf Wunsch von Herrn Dr. Bürstenfeger, Lappen um die Füße, um keine Blasen zu bekommen. Auch versahen sie sich mit einer kleinen Apotheke, mit Mitteln gegen den Sonnenstich, den Schlangenbiß, mit Pflastern und Pflästerchen gegen kleine Verletzungen, mit Pfeffermünzpastillen und Orangen und Zitronenessenzen gegen den Durst. Um die Schultern hingen sie sich zwei Feldflaschen mit Wasser und eine blecherne Büchse, auf der ein grasender Hirsch abgebildet war — gefüllt mit Brot, harten Eiern, Butter und „Landjäger“.

Und so zogen sie aus, zur Freude des gesamten Dienstpersonals; denn Fußgänger und dazu noch so ausgerüstete, waren hier seltene Leute.

Zu Anfang hielt Herr Dr. Bürstenfeger seine Leidenschaft ein wenig im Zügel, weil er fürchtete, sich zu verirren, und aus Angst vor den wilden Tieren, besonders auf den Spaziergängen in der Richtung nach den Bergen. Bald aber waren sie mit der Umgegend so vertraut, daß sie die ersten Gipfel ersteigen konnten, von denen aus man eine herrliche Aussicht auf die dahinter liegenden, höheren hatte. Herr Dr. Bürstenfeger zog seine Karte aus der Tasche, um nachzusehen, wie die wohl heißen möchten, aber es stand kein Name da, und als er später daheim fragte, wußte es auch niemand. Darüber mußte er heimlich den Kopf schütteln; er fand aber zugleich auch diese Kulturlosigkeit interessant.

Was seine Angst vor den wilden Tieren betraf, so brauchte er geraume Zeit, bis er sie überwunden hatte.

Zu den wilden Tieren zählte er aber auch die Schlangen, obgleich er wußte, daß sie zoologisch eigentlich nicht dazu gehörten. Ein abgebrochener Ast auf der Erde, der Schatten seines eigenen Stockes ... überall sah er welche.

Einmal sahen sie wirklich ein Puma in einiger Entfernung. Herr Dr. Bürstenfeger blieb stehen, erblaßte, sammelte sich aber und flüsterte: „der Silberlöwe greift nicht den Menschen an, sondern flieht ihn.“ Ein andermal, als sie durch eine Schlucht gingen, kreiste in ziemlicher Höhe über ihnen ein Kondor, und obwohl der Hauslehrer wußte, daß er ihnen nicht gefährlich sein konnte, zog er doch krampfhaft die Knaben an sich und neigte einen Augenblick sehr erschrocken den Kopf ...

Die Spaziergänge nahmen einen nicht kleinen Teil des Tages ein, oft gab Herr Dr. Bürstenfeger dabei seine Lektionen. Den eigentlichen Unterricht erteilte er hinter dem Hause im Garten unter einem Nußbaum, wo ein Tisch und zwei Bänke standen.

Jeden Morgen mußte sie José, der Knecht, auf Befehl Herrn Dr. Bürstenfegers mit heißem Wasser scheuern, weil sie inzwischen wieder von den Vögeln beschmutzt worden waren; dann folgten ein paar Schulstunden, die auch nicht ohne Zwischenfälle abliefen. Es trieb sich z. B. José mit einer der Mägde weiter hinten herum, oder es wurde Obst von den Bäumen geschlagen, eine Kuh verirrte sich in den Garten, oder gar die Säue.

Diese zu hüten war ein kleiner, dreijähriger Indianer angestellt, der zusammen mit Julio beim letzten Ausfall im Azul erbeutet worden war. Er hieß Manuelito und hielt eine lange Gerte in der Hand, Beinkleider, die einem halbwüchsigen Knaben gehört hatten, umschlotterten seine Beine. Auf dem Kopfe trug er einen riesigen Filzhut, dessen Krempen auf seinen Schultern ruhten. So ausgerüstet, hatte er die Schweine auf die Weide zu treiben, die ihn aber gar nicht respektierten.

Einmal drangen sie durch eine schadhafte Stelle der Hecke in den Garten. Manuelito hatte sich ihnen mit ausgebreiteten Armen entgegengestellt und geschrien: „Kehrt um, kehrt um, ihr Schweinchen!“ Sie aber waren einfach über ihn hinweggetrampelt.

Als Carlos und Nicolás das sahen, schnellten sie von ihrer Bank auf und eilten Manuelito, der heulend auf dem Rücken lag, zu Hilfe.

Herr Dr. Bürstenfeger stand im Hintergrund und kämpfte einen harten Kampf zwischen Pflicht und Wohlwollen, aber die Pflicht siegte, und Carlos und Nicolás hatten hundertmal einen Satz abzuschreiben, der sich auf den Schulunterricht und Manuelito und seine Schweine bezog. Dieser Zwischenfall aber änderte durchaus nichts am Programm des Schultages. Zum Schluß nahm der Hauslehrer das Lineal in die Hand, reichte den Knaben ein Liederbuch, und sie stimmten alle drei an, er mit ungemein kräftigem Baß, Carlos und Nicolás mit sehr falscher Stimme:

Kuckuck, Kuckuck ruft aus dem Wald,

Lasset uns singen, tanzen und springen.

„Tanzen und springen!“ brüllte Herr Dr. Bürstenfeger und schlug mit dem Lineal auf den Tisch, daß ein Huhn, das sich in der Nähe aufhielt, gackernd davonstelzte, denn Carlos hatte drei Noten daneben gesungen. Im Hintergrund aber, den Knaben zugekehrt, stand Zenobia, die Mulattin, wiegte den Kopf, fletschte die Zähne und ahmte Herrn Dr. Bürstenfeger mit einem Besenstiel nach ...

Am gleichen Nachmittag noch machten sie einen Spaziergang in die Berge. In einer Schlucht sahen sie ein Pferd liegen, das abgestürzt war und die Vorderbeine gebrochen hatte. Als die drei herankamen, bewegte es mit einem unsäglich schmerzhaften Ausdruck der Augen den Kopf ein wenig in die Höhe und stöhnte.

Der Hauslehrer erlaubte, daß sofort der Spaziergang unterbrochen wurde, und die Knaben gingen zu Don Pablo und baten ihn, das Tier töten zu lassen. Aber Don Pablo antwortete: „Das Pferd ist in unser Gebiet eingedrungen, es gehört dem Nachbar, töte ich es, so muß ich es bezahlen.“

Die Knaben ritten zu Don Andrés (so hieß der Nachbar) und stellten an ihn die gleiche Bitte. Don Andrés lächelte und erwiderte, er werde heute jemanden hinschicken.

Abends aber lag das Pferd zu Carlos’ und Nicolás’ Entsetzen noch immer in der Schlucht und stöhnte.

Es fiel ihnen ein, daß es zu seinen Schmerzen auch noch Hunger und Durst leiden müsse, sie kehrten daher zum Gut zurück, Nicolás nahm ein Bündel Gras und Carlos einen Eimer mit, den er in einer Quelle, die halbwegs von der Schlucht entfernt war, füllte.

Das Pferd hob schnaubend den Kopf, sobald es das Wasser roch, wollte sich auf seinen beiden Vorderbeinen aufrichten und fiel mit einem Schmerzenslaut zurück. Carlos und Nicolás hoben seinen Kopf ein wenig in die Höhe, und so konnte es, ohne sich sonst zu bewegen, saufen.

Am folgenden Abend hatte man das Pferd noch nicht getötet, Don Andrés hatte es scheint’s ganz vergessen.

Der Gedanke an das Tier ließ Carlos und Nicolás in der Nacht nicht ruhen.

„Ich höre es ächzen!“ rief Carlos und richtete sich im Bett auf.

„Es ist nicht möglich, es ist zu weit“, antwortete Nicolás; aber ihm tat das Tier nicht weniger leid.

Pause.

„Weißt du was, wir wollen es töten, jetzt sofort, dann leidet es nicht mehr“, meinte Carlos.

Nicolás antwortete nicht gleich, dann aber sagte er ebenfalls entschlossen: „Ja!“ ...

Sie standen auf, nahmen eine Axt aus der Küche, sattelten ihre Maultiere und ritten davon.

Es war eine wunderbare, sternklare Nacht, die Sträucher mit ihren harten, öligen Blättern, die harten Kräuter, gespeist vom trockenen, vulkanischen Boden, dufteten.

In der Schlucht lag das Pferd und stöhnte.

Nicolás sagte zu seinem Bruder: „Carlos, du bist der Ältere, du wirst das Pferd töten!“

Aber kaum hatte er das ausgesprochen, als ihn Beschämung und Mitleid mit Carlos ergriff.

„Losen wir!“ sagte er mit gepreßter Stimme, rupfte zwei Gräser aus, die aus einem Riß in einem Steine wuchsen, und hielt sie ihm hin.

Carlos, das Beil in der Linken, zog zitternd einen Halm und hatte den kürzeren gezogen.

Da ging sein Bruder zehn Schritte weg, kehrte sich ab und hielt sich die Ohren zu.

Carlos ging entschlossen zum Pferd, streichelte es und hob dann das Beil in die Höhe, ließ es aber kraftlos sinken und weinte.

Nicolás hatte sich wieder umgewandt, stand da und sah ihn dumpf an.

Am folgenden Morgen ließen sie durch José, für eine kleine Geldsumme, die sie aus ihren Sparbüchsen nahmen, das Tier umbringen ...

Drei Tage später kam der General Acevedo zu Besuch aufs Gut. Er war ein Mann von etwa fünfzig Jahren mit bereits ergrautem Haar, groß und breit und mit einem starken Ansatz von Embonpoint. Er kam auf einem großen, schwarzen Maultier geritten, trug einen Poncho um die Schultern und ein weißes flatterndes Tuch um den Hals.

Das war ein Fest für die Knaben; er war immer sehr gut zu ihnen gewesen; stets brachte er ihnen Geschenke mit.

Diesmal holte er aus seiner Reisetasche zwei große Schachteln mit Bleisoldaten heraus und dazu noch für jeden eine Kinderpistole mit roten Zündhütchen.

Die Knaben schossen und stellten ihre Soldaten auf. Obgleich der General morgen schon wieder reisen mußte, fand er doch noch Zeit, ihnen einen großen Drachen zu machen.

Am nächsten Morgen vor dem Unterricht traten Carlos und Nicolás in sein Zimmer; das Fenster ging nach dem Garten.

Der General schlief noch, er trug ein elegantes, seidenes Nachthemd mit einer Brusttasche, in der ein Batisttaschentuch steckte. Die linke Hand lag auf der Bettdecke, sie war weiß, aber kräftig und gut gepflegt, die Nägel rosig und schön gestutzt.

Auf dem primitiven Waschtisch sah man ein Schlachtgewühl von Flakons. Es roch im Zimmer nach allen möglichen Essenzen. Auf dem Nachttisch stand eine offene Pomadenbüchse, in die drei Fliegen ihre Rüssel getaucht hielten. Daneben lag ein Revolver mit elfenbeinernem Griff und kleinen silbernen Initialen.

Auf der Erde lag offen seine Reisetasche aus indischem Strohgeflecht, in der ein Durcheinander herrschte.

Carlos und Nicolás schlichen auf den Fußzehen aus dem Zimmer, um den General nicht zu wecken; aber gleich nach der ersten Pause machten sie ihm wieder ihren Besuch. Er war eben erwacht, streckte seine Arme mit geschlossenen Fäusten in die Höhe und gähnte.

Die Knaben krochen zu ihm ins Bett und rupften ihm am Schnurrbart.

„Macht das eurem Schulmeister, verfluchte Bengels!“ rief der General. „Wollen wir wetten, ihr habt ihm noch nie einen Streich gespielt?!“

Herr Dr. Bürstenfeger saß unter dem Nußbaum und las Klopstock, er war ganz darin versunken.

„Habt ihr ihm denn noch keinen einzigen Streich gespielt?“ forschte der General.

Carlos und Nicolás schwiegen und sahen ihn mit großen Augen an.

„Ihr seid Kerls, ihr wollt Argentinier sein und wagt euch nicht an diesen gringo[2] heran! In eurem Alter war ich doch ein anderer Kerl, da habe ich meinen Lehrern ...“

Der General schwieg und schmunzelte.

„Was haben Sie ihnen getan?“ fragten Carlos und Nicolás.

„Ich habe ihnen Honig auf die Bank geschmiert, Schwänze an die Röcke gehängt, einem habe ich ein Loch in seinen blechernen Nachttopf gebohrt, und da er die Gewohnheit hatte, nachts den Topf ins Bett zu nehmen, hat es ein großes Unglück gegeben.“

Carlos und Nicolás mußten lachen.

Der General höhnte: „Ihr wollt Argentinier sein? Schämt euch!“

Er strich Carlos über den Schopf und sagte: „Was dich betrifft, so traue ich dir sowieso nicht viel zu, du bist viel zu blond!“

Carlos war gekränkt. Er schwieg eine Weile, dann sagte er, jedoch ziemlich zaghaft: „So schlagen Sie doch was vor!“

„Bravo!“ rief der General. Dann sann er nach.

„Um einen kleinen Anfang zu machen, nehmt eine Hand voll Zündhütchen, geht zu eurem Dr. Burstenfecherr und streut sie ihm in seiner Nähe auf den Boden. So wie ich ihn kenne, wird er Luftsprünge machen, wenn er darauf tritt.“

Die Knaben machten einen harten Kampf durch, aber die höhnische Miene des Generals trieb sie zum Entschluß.

Sie griffen in ihre Taschen, wo sie noch einen Haufen Zündhütchen hatten, traten aus dem Zimmer und schlichen auf den Hauslehrer zu.

Wie sie ganz nahe bei ihm standen, blickte Herr Dr. Bürstenfeger von seinem Buch auf und fragte: „Na, was wollt ihr, Karl und Nikolaus?“

Hinten aber saß der General aufgerichtet in seinem Bett, schwang den einen Arm in die Höhe und spornte die Knaben zum Kampf an.

Carlos antwortete: „Wir wollten sehen, was Sie da lesen, Herr Dr. Bürstenfeger.“

„Was ich da lese?“ antwortete er nicht ohne leises Erstaunen, „ist der Messias von Klopstock, aber es wird noch manches Jahr vergehen, bis ihr auch darin lesen könnt, Karl und Nikolaus.“

Sie fragten nicht mehr, sie schlichen weiter, mit blutroten Köpfen; sie schämten sich vor dem General und schämten sich, daß sie nie gute Argentinier werden könnten.

Der General aber war ins Bett zurückgesunken und hielt sich den Bauch vor Lachen ...

Am Nachmittag reiste er wieder fort ...

Weiter oben, den Bergen näher, wuchs neben einer großen schattigen Weide bei einer Quelle ein Pfirsichbaum, der jedes Jahr um diese Zeit die schönsten Früchte trug.

Niemand wußte, wie er dahingekommen war, kein Mensch hatte ihn gepflanzt, vielleicht hatte irgendein Vorübergehender bei der Quelle einen Kern fallen lassen. Auch Carlos und Nicolás kannten ihn, und eines Tages baten sie ihren Lehrer, einen Ausflug mit ihnen dorthin zu machen, denn Pfirsiche waren ihre Lieblingsfrucht.

Da Herr Dr. Bürstenfeger heute sehr mit ihnen zufrieden gewesen war, so durften sie auf ihre Maultiere steigen, Herr Dr. Bürstenfeger stellte sich in die Mitte, und man brach auf.

Am Ziel angelangt, blieben die Knaben, auf seinen Befehl hin, auf ihren Tieren sitzen, Herr Dr. Bürstenfeger schritt zum Baume, von dem sich eine bunte Schar von Singvögeln kreischend erhob, und rüttelte am Stamm.

Eine ganze Anzahl Pfirsiche fiel herab, er hob einige auf, prüfte sie, bewegte unentschlossen den Kopf und sagte endlich: „Karl und Nikolaus, wartet eine Woche noch, dann sind sie ganz reif.“

Und nach diesem Bescheid kehrte er mit ihnen, ohne daß sie einen einzigen Pfirsich gegessen hatten, zum Gut zurück.

Als die Woche vorbei war, ließ er sie noch zwei Tage warten, dann sagte er: „Ich werde euch nicht begleiten, reitet allein!“

Er nahm Carlos’ Hand in seine Rechte und die des Bruders in die Linke und fügte mit nachdrücklichem Ernst hinzu: „Karl und Nikolaus, ihr wißt, daß ich es gut mit euch meine, ihr seid bisher gehorsame Knaben gewesen, ich kann es ruhig sagen: bis auf gewisse Ausnahmen. Ich habe beschlossen, von nun an euch nicht mehr auf Schritt und Tritt zu folgen, ihr seid selbständig genug.“

Pause! — Darauf feierlich: „Karl und Nikolaus, ich nehme euch das Versprechen nicht ab, ihr seid frei, zu handeln, wie ihr wollt. Aber Karl und Nikolaus“ — und jetzt lag ein Ausdruck von wehmütiger Sorge auf seinem Gesicht: „Ich bitte euch, als euer väterlicher Freund, eßt nicht mehr als vier Pfirsiche jeder!“

Carlos und Nicolás, glücklich, überhaupt Pfirsiche essen zu dürfen, gelobten ihm das, Herr Dr. Bürstenfeger aber zog die Hände zurück zum Zeichen, daß sie sich nicht durch ein Versprechen binden sollten.

So waren sie aus seiner Hut entlassen und ritten davon.

Bei der Quelle banden sie ihre Maultiere an die Weide und stiegen auf den Pfirsichbaum hinauf. Singvögel stoben kreischend auseinander.

Nun pflückte jeder von ihnen vier der schönsten Pfirsiche, und sie wollten schon wieder herabsteigen, als Carlos den Vorschlag machte, sie oben zu essen, weil es ihm schien, daß sie dann besser schmeckten; und so saßen sie sich denn gegenüber, jeder auf einem dicken Ast, lautlos und beobachteten sich gegenseitig aufmerksam, und wenn einer einen Biß tat, wartete der andere eine Weile und biß ein etwas kleineres Stück ab; denn jeder wollte, um einen längeren Genuß zu haben, der letzte sein. Bei diesem stummen Ringen verhielten sie sich so mäuschenstill, daß sämtliche verscheuchten Vögel sich wieder zurückwagten, und es war ganz still bis weithin. Unten nur hörte man die Quelle murmeln, und oben war ein Kauen und Picken.

Als nun Carlos seine vier Pfirsiche verzehrt hatte, hatte Nicolás noch einen, den wollte er auf dem Heimweg essen. Sie kletterten wieder herab und stiegen auf ihre Maultiere, Nicolás in etwas gedrückter Stimmung, Carlos tief melancholisch.

Stumm ritten sie nebeneinander her. Nicolás hielt seinen Pfirsich in der Hand, strich mit den Fingerspitzen darüber hin, manchmal roch er daran, einmal wollte er hineinbeißen, besann sich aber und steckte ihn wieder in die Tasche.

Carlos schaute zu, seine Augen füllten sich mit Tränen, er wollte sich zur Resignation zwingen, aber der innere Kampf dauerte fort.

Plötzlich hielt er sein Maultier an, stieß einen schweren Seufzer aus und sagte zu seinem Bruder: „Ich reite zu Bernabé, dem Ziegenhirten, sage Herrn Dr. Bürstenfeger, ich werde in einer Stunde nachkommen.“ Dann wandte er sein Maultier, ritt zum Pfirsichbaum zurück und setzte sich auf den Ast, auf dem er vorhin gesessen war. Beschämt und zaghaft biß er in den ersten Pfirsich, dann aber wurde er kühner, und bald dachte er an nichts weniger, als an Herrn Dr. Bürstenfeger und seine inständige Bitte.

Als er endlich genug hatte, stieg er hinunter, setzte sich faul an den Baumstamm und war in kurzer Zeit, ohne daß er wußte wie, eingeschlafen.

Als er erwachte, verschwand gerade die Sonne hinter den Bergen, langsam krochen die Schatten die Ebene hinab.

Sein erster Gedanke war, daß er Herrn Dr. Bürstenfeger jämmerlich hintergangen hatte, und eine tiefe Traurigkeit erfüllte ihn. Er saß da, den Kopf an den Baum gelehnt, und weinte vor Reue.

Aber es war schon spät, und er mußte an die Rückkehr denken.

Im Schritt, die losen Zügel in der Hand, ritt er heimwärts; er war aber noch keine Viertelstunde geritten, als er sich mit Schrecken erinnerte, daß unter dem Baume die Kerne der vielen gegessenen Pfirsiche lagen, die würden ihn verraten, er kehrte daher um und vergrub sie nahe bei der Quelle. Schon wollte er wieder aufs Pferd steigen, als ihn plötzlich der Gedanke überfiel, aus den Kernen könnten Pfirsichbäume wachsen, und obgleich er wußte, daß es noch in weiter Ferne lag, ließ der Gedanke ihm doch keine Ruhe, er scharrte die Kerne wieder aus und steckte sie in seine Rocktasche.

Als er im Gut ankam, war die Ebene schon ganz vom Abend beschattet. Aber fern am Horizont stieg blutrot der Mond auf.

Vor ihm stand Herr Dr. Bürstenfeger.

„Du warst beim Ziegenhüter Bernabé“, sagte er, „du hättest nicht so spät heimkommen sollen, Karl.“

Ganz harmlos, etwas vorwurfsvoll sagte er das, und doch war etwas wie leises Mißtrauen in seiner Stimme.

„Ich war beim Ziegenhirten Bernabé“, antwortete Carlos. Seine Stimme zitterte, er blickte Herrn Dr. Bürstenfeger nicht in die Augen. Trotz der ziemlichen Dunkelheit sah Herr Dr. Bürstenfeger, daß Carlos über und über rot war.

Da wußte er, daß er ihn belogen hatte, und stumm wandte er sich ab, von Beschämung überwältigt.

Carlos aber ging ins Zelt, legte sich zu Bett und schluchzte in die Kissen hinein.

Nach Paraguay

Im Garten blühten die Veilchen, es duftete der Mimosenbaum; aber der Winter hatte schon lange begonnen.

In der Frühe standen Carlos und Nicolás im Garten vor dem Springbrunnen. Der bronzene Reiher streckte den Kopf in die Höhe, und kalte Tropfen rieselten ihm über Hals und Brust in das Bassin herab, wo sich eine dünne Eisschicht gebildet hatte. Die Knaben drückten den Finger darauf, daß sie brach, und sie dachten: Hundertmal so dick und tausendmal so weit, und es ist ein Fest in Europa, die roten Lampions leuchten, auf großen Tribünen spielt die Musik, und man schwebt wie auf weiten Flügeln über die Fläche.

So hatte es Tia Lolita erzählt und ähnlich auch Herr Dr. Bürstenfeger.

Tia Lolita war die jüngste Schwester ihrer Mutter; die Knaben nannten sie aber gewöhnlich nur Lolita.

Sie war sechzehn Jahre alt, hatte langes, goldblondes Haar und trug ein blaues Kleid mit Matrosenkragen. Jedermann sagte, sie sei ein ungewöhnlich schönes Mädchen. Carlos und Nicolás meinten: vielleicht das schönste auf der ganzen Welt.

Damals, als sie noch im Kloster erzogen wurde, sahen die Knaben sie nur manchmal des Sonntags. Dann aber spielte sie mit ihnen, erzählte ihnen schöne Geschichten und ritt mit ihnen aus. Jetzt, da sie von Europa zurück war, wo sie sich mit der Großmama zwei Jahre aufgehalten hatte, kam sie beinahe jeden Tag zu ihnen auf Besuch.

In Herrn Dr. Bürstenfeger aber schien seitdem etwas Seltsames vorzugehen.

Oft mitten im Unterricht, wenn Carlos und Nicolás über einem Rechenexempel saßen oder aus dem Gedächtnis ein Lesestück niederschrieben, erhob er sich plötzlich, stampfte auf, ballte die Fäuste, setzte sich ans Klavier und phantasierte mit flammenden Backen, und seine Hände rasten über die Tasten, wie losgelassene Pferde auf der Pampa; mit einem Schlage aber hielt er inne, seufzte tief auf, und es war ein sehr wehmütiges Spiel, das nun folgte.

Manchmal, wenn Carlos und Nicolás hinten im Garten waren, sahen sie ihn auf der Terrasse auf und ab gehen, den Blick zu Boden gerichtet, wie in tiefe, melancholische Gedanken versunken. Es war die Zeit, wo er sonst immer die Hefte korrigierte; die Knaben wußten nicht, was es zu bedeuten hatte.

Eines Morgens, während der ersten Pause — Carlos und Nicolás schnitten Figuren aus einem Pappdeckel — klopfte es, und Tia Lolita stand im Zimmer.

Herr Dr. Bürstenfeger machte einen Schritt zurück, über und über errötend, verbeugte sich und wischte sich die Finger, die voll Kreide waren, an den Rockschößen ab.

Die Knaben sprangen auf, packten die Tante an beiden Armen und drehten sie im Kreise herum.

„Carlos und Nicolás“, sagte sie, die Hand an der Stirne, denn es war ihr schwindlig, „wir reisen in einigen Tagen alle miteinander nach der Kolonie Trinidad. Mama hält es nicht mehr aus!“

Die Knaben stürzten ins Zimmer ihrer Mutter: es war wahr, in einer Woche reiste man. —

Es goß in Strömen an dem Tage der Abfahrt.

Carlos und Nicolás knieten auf dem Sofa im Salon des Dampfers und schauten zum Fenster hinaus. Die Wolken hingen zerfetzt und niedrig. Aus dem Schornstein stieg schwarz der Rauch auf. Die Knaben folgten ihm mit den Blicken, und als er ganz hoch war, glaubten sie, er sei jetzt auch eine Wolke.

Man hatte vor drei Stunden Campana verlassen; große beladene Barken strichen vorüber, langsam, mit eingezogenen Segeln, die dunkel vom Regen waren. Carlos und Nicolás schauten auf die trübe Fläche des Stromes, auf der fortwährend Blasen entstanden und platzten. Leise pochte die Maschine.

Darauf setzten sie sich zu Tia Lolita, die melancholisch in einem großen roten Album blätterte, und verlangten, daß sie ihnen eine Geschichte erzählte.

„Das Märchen von Amlet!“ bat Carlos.

Herr Dr. Bürstenfeger, der in der Nähe saß und eine Idylle von Voß las, sah auf.

„Meinst du Hamlet? ... Aber das ist doch kein Märchen, sondern ein Trauerspiel!“

Carlos begriff das nicht recht, es war doch keine wahre Geschichte, sondern ausgedacht.

„Erzähle uns lieber das Märchen vom Swinegel und sine Fru, es ist viel schöner!“ rief Nicolás.

Herr Dr. Bürstenfeger sah manchmal auf, die Parallele schmerzte ihn.

Und Tia Lolita erzählte, um Carlos zu befriedigen, „das Märchen von Amlet“ und dann das Märchen vom Swinegel und sine Fru, um Nicolás zu befriedigen.

Herr Dr. Bürstenfeger hatte zugehört und war entzückt, er sagte sich: Hamlet ist doch eigentlich nichts für Kinder, aber wie hat sie gewußt, es ihnen nahezubringen, mit welch feinem Eindringen in die kindliche Seele!

Hundertmal schon hatte Tia Lolita ihnen das Märchen von Amlet erzählt, und hundertmal schon das Märchen vom Swinegel und sine Fru; aber es war immer wieder eine neue Geschichte für sie.

Carlos sagte: „Armer, armer Amlet, aber auch armer Polonius!“

Über das Schicksal der Ophelia jedoch waren sie sehr erfreut, Tia Lolita hatte nämlich, um ihre Gemüter nicht zu sehr zu belasten, es von Grund aus umgestaltet und einen fröhlichen Ausgang erdacht.

Nicolás sagte: „Beim Märchen vom Swinegel und sine Fru kann man auch traurig und lustig sein, die Swinegels sind komisch, aber der Hase tut mir leid.“

Tia Lolita bestätigte das, und Herr Dr. Bürstenfeger lächelte nachsichtig und milde.

Es wurde zu Tische geläutet, nachher ging Herr Dr. Bürstenfeger in seine Kabine, um ein Mittagsschläfchen zu halten.

Carlos und Nicolás spielten mit Tia Lolita Fangen, und dann versteckten sie sich, und sie mußte sie suchen.

Carlos war schlau; er wußte, daß sie schwerlich auf Deck gehen würde, weil es in Strömen regnete, ging hinauf und duckte sich in eine Taurolle.

Nach seinem Mittagsschläfchen begab sich Herr Dr. Bürstenfeger in den Salon; er fand die Knaben nicht, suchte sie und sah sie schließlich oben auf Deck mit aufgespannten Regenschirmen bei Backbord sitzen, jeder eine lange Angelrute in der Hand. Die gehörten dem Schiffskommissär. Sie hatten sie vor seiner Kabine stehen sehen, und auf ihre Frage, ob er erlaube, daß sie damit Fische für das Abendessen fingen, war er überaus erfreut darüber gewesen; und nun saßen Carlos und Nicolás bereits dreiviertel Stunden lang da und fingen nichts.

Der Lehrer legte ihnen die Hand auf die Schulter und belehrte sie, es sei bei der schnellen Fahrt nicht gut möglich, Fische zu fangen, und der Schiffskommissär, der weiter hinten unter Dach stand, lachte und meinte, die Fische müßten lange Beine haben, und warnte sie vor dem Kapitän, der beleidigt sei, denn sein Schiff sei kein lahmer Klepper.

Bei Tisch sahen Carlos und Nicolás nach der Spitze, wo der Kapitän saß, und waren nachher furchtbar froh, weil er nichts gesagt hatte.

Heute hatte man frei gehabt, aber morgen war Schule ...

„Wir werden gesattelt“, sagte Carlos zu Nicolás, als Herr Dr. Bürstenfeger sie zum Unterricht abholte. Sie meinten, so müsse es auch ihren Ponys zumute sein, wenn die Knaben mit ihren Zäumen kamen.

Übrigens war es ungewiß, wer diesen Witz erdacht hatte, Carlos oder Nicolás. Der Witz war alt, jeder nahm ihn für sich in Anspruch, und sie hatten sich manchmal ernstlich darüber gestritten.

Auf Carlos’ Vorschlag führten sie seit einiger Zeit ein Notizbuch in der Tasche, und machte einer von ihnen einen Witz, so wurde er sofort in beide Hefte eingetragen und darunter geschrieben: