Diesen Witz hat Carlos (oder Nicolás) am 5. November 18.. um 4 Uhr nachmittags auf einem Ritt nach Flores gemacht.
Es folgten dann beide Unterschriften.
Aber auch dies lief nicht immer ohne Streitigkeiten ab, denn oft war der andere geneigt, den Witz zu schlecht zu finden, als daß er notiert werden sollte, was ihn aber manchmal nicht daran hinderte, später, als er bereits längst vergessen schien, darauf zurückzukommen und für sich die Autorschaft zu beanspruchen. —
In Herrn Dr. Bürstenfegers Kabine lag alles fein säuberlich nebeneinander: das Rechenbuch, das Lesebuch, die französische Grammatik, zwei Hefte und zwei gespitzte Bleistifte.
Sie setzten sich. Zuerst kam das Rechnen, dann folgte Französisch.
Draußen vor der Tür aber war Geräusch zu hören, ganz sicher stand dort jemand und horchte.
Carlos wurde unruhig. Herr Dr. Bürstenfeger aber tat, als höre er nichts. Er öffnete die Grammatik und las:
„Ma tangt a oublie song parablü“, und Carlos übersetzte: „Meine Tante hat ihren Regenschirm vergessen.“
Herr Dr. Bürstenfeger las: „Hannibal frangschi les Alp.“
Carlos starrte nach der Tür. Er hörte kichern, ganz deutlich sah er ein Auge durch das Schlüsselloch.
Er würgte und übersetzte: „Hannibal hat seinen Regenschirm vergessen.“
Herr Dr. Bürstenfeger fuhr auf, er glaubte, Carlos erlaube sich einen Scherz. Dann aber erkannte er seine Verwirrung.
Er stand auf, ging entrüstet nach der Tür und öffnete.
Es war Tia Lolita gewesen, die schnell entschlüpft war, ohne daß Herr Dr. Bürstenfeger sie gesehen hatte.
Der Unterricht wurde fortgesetzt.
Zum Schluß kam das Freiturnen, der Gesang wurde ausgelassen.
Herr Dr. Bürstenfeger öffnete die Luke, damit frische Luft herein käme, und es wurde mit der Kniebeuge begonnen, zuerst er und Carlos allein, weil zu wenig Raum in der Kabine war.
Carlos dachte: Wir bewegen uns auf und ab wie die Kolben unten in der Maschine. Er empfand es aber nicht als einen Witz, weil er zu erbittert war ...
In der Nacht schliefen Carlos und Nicolás lange nicht ein vor Aufregung; am Morgen würden sie ihr Landgut passieren, noch nie waren sie im Schiff daran vorbeigefahren. Außerdem hatten sie einige Tage vor ihrer Abfahrt einen Brief an den Verwalter geschrieben, unter welchen die Mama ihre Unterschrift gesetzt hatte. Darin stand, daß, wer Zeit hätte: der Capataz, Ramon der Stallknecht, Juanita die Tochter des Schafhirten, Juan der Sohn des Capataz, sich, sobald das Schiff in Sicht wäre, ans Ufer begeben sollte, weil Carlos und Nicolás mit dem Taschentuch winken wollten.
Die Knaben baten den Kapitän, sich möglichst nahe an der Küste zu halten, und gaben ihm den Grund an.
Der Kapitän, der ihnen scheinbar das Fischen gar nicht übelgenommen hatte, erklärte sich bereit, und wirklich fuhr er so nahe daran vorbei, als er konnte.
Von allem Gesinde aber waren nur Ramon der Stallknecht und Miguel der Koch anwesend.
Carlos und Nicolás waren ganz außer sich vor Freude, winkten und schrieen, man konnte aber nichts verstehen.
In gestrecktem Galopp kam plötzlich Juan auf Carlos’ Pony, das er ihm für die Zeit seiner Abwesenheit geliehen hatte, dahergeritten.
Um zu zeigen, daß er so schnell als das Schiff sei, ritt er in Karriere mit diesem parallel und hieb unbarmherzig auf das Pferd ein; mit seinem dicken Bauch und seinem kurzen Halse glich es einer dahinstürmenden Wildsau.
Carlos hatte sich anfangs gefreut, dann aber begann er, sich über Juan zu ärgern.
„Hau nicht so! Hau mein Pferd nicht so!“ schrie er, „sonst hau ich dich!“
Juan aber kehrte sich nicht daran, erstens weil er nichts hörte, und zweitens, weil Carlos ihn doch nicht hauen konnte.
Die Passagiere aber lachten. —
Man hatte bereits San Nicolas, Rosario und Santa Fé hinter sich.
Die warme Luft des Nordens begann sich schon bemerkbar zu machen. Heute war ein schöner, windstiller Tag.
Nach dem Mittagessen lag man auf Deck unter dem aufgespannten Toldo auf langen Strohstühlen und trank schwarzen Kaffee und rauchte Zigaretten.
Auch Herr Dr. Bürstenfeger war oben, lag aber nicht, sondern saß, auch rauchte er nicht Zigaretten, sondern eine leichte Bremer Zigarre, von denen er einen großen Vorrat aus Deutschland mitgebracht hatte, ohne sie dem Zoll vorzuenthalten.
Zwei Stunden später hielt plötzlich das Schiff mit starkem Erbeben an, die Schaufelräder bohrten sich in den Grund, ein Dutzend Gläser und sechs Flaschen zerbrachen, ein Buch fiel in Herrn Dr. Bürstenfegers Kabine vom Netz. Es war Wassertiefstand, und man war auf eine Sandbank aufgefahren. Es war aber weiter kein Unglück geschehen.
Gegen Dämmerung kam ein großes Dampfschiff den Strom herab; mit Tauen versuchte es das andere frei zu machen, aber es war umsonst.
Am Morgen jedoch, als Carlos und Nicolás erwachten, war man bereits wieder in voller Fahrt begriffen. Ein Sturm hatte in der Nacht das Schiff flott gemacht.
Vor Ablauf einer Woche langte man in Formosa an. Man ging ans Land. Auf einem Balkon saß ein schönes kleines Mädchen, fächelte sich mit einem Papierfächer und kokettierte zu Carlos und Nicolás herab. Carlos und Nicolás blieben stehen und lächelten hinauf, Herr Dr. Bürstenfeger drängte vorwärts; das schöne kleine Mädchen klappte den Papierfächer zu und lachte.
Sieben Stunden war man bereits wieder unterwegs; ein Dampfer mit Militärbesatzung fuhr stromabwärts. Es galt, Formosa zu Hilfe zu kommen, das soeben von Horden von Tobasindianern angegriffen worden war.
Carlos und Nicolás hörten die Nachricht und waren trostlos, daß ihr Schiff so früh abgefahren war, so daß sie sich nicht am Kampfe beteiligen konnten. Es fiel ihnen plötzlich ein, daß das kleine schöne Mädchen, das in Formosa auf dem Balkon gestanden hatte, in großer Lebensgefahr sein müsse. Niemals würden Carlos und Nicolás erfahren, ob sie tot sei, denn sie hatten die Straße, wo sie wohnte, vollständig vergessen, auch konnten sie sich ihres Gesichtes gar nicht mehr erinnern, so starken Eindruck es auch auf sie gemacht hatte. Und sie waren erfüllt von Traurigkeit.
Ganz in der Frühe hielt wieder der Dampfer an. Vom Lande wurde eine lange Brücke bis zum Schiff geschlagen, ein langer Zug von Indianern und Indianerinnen brachte Orangen an Bord in großen Körben, die sie auf den Köpfen trugen.
Bis spät nachmittags dauerte das Verladen. Auf dem vorderen Teil des Schiffes ragte ein goldener Berg von Orangen, ein leiser Wind ging und brachte den Duft herüber.
Carlos und Nicolás gruben sich ein Loch in den Berg, kauerten hinein und aßen Orangen.
Der Kapitän sah es, auch die Verlader sahen es, sagten aber nichts.
Die Knaben jedoch glaubten von niemandem beobachtet zu sein und fanden es romantisch und abenteuerlich.
Gegen Dunkelwerden fuhr man ab. —
Am Morgen nach dem Frühstück — die Knaben saßen im Eßzimmer — erscholl plötzlich auf Deck Gewehrschießen. Sie sprangen auf und eilten hin, Herr Dr. Bürstenfeger sehr besorgt hinter ihnen her.
Oben wurde auf Alligatoren geschossen, die sich auf dem nahen Ufer sonnten.
Vor einer Stunde hatten sich die ersten gezeigt, bis jetzt zählte man bereits über zwanzig; zwei Passagiere hatten ihre „Remingtons“ heraufgebracht, und andere eilten, es ihnen nachzutun.
„Karl und Nikolaus,“ rief streng Herr Dr. Bürstenfeger, „kommt zum Unterricht herab!“
Carlos begann zu weinen, Nicolás war sehr niedergedrückt. Aber es half nichts.
Es wurde die Grammatik aufgeschlagen, und Carlos las: „Après la bataille de Marathon ...“
Oben auf Deck aber krachte ein Schuß nach dem andern.
„Après la bataille de Marathon ...“ heulte Carlos. „Oh, Herr Dr. Bürstenfeger, lassen Sie uns hinauf!“
Aber Herr Dr. Bürstenfeger wehrte streng ab.
Er hätte wohl den Unterricht verschoben, wenn es sich um eine würdigere Sache gehandelt hätte, aber er wollte nicht, daß Carlos und Nicolás ihren Spaß daran hätten, daß Tiere getötet werden.
Da ging die Türe auf, und Tia Lolita stand in der Kabine.
„Herr Dr. Bürstenfeger,“ bat sie, „lassen Sie die Knaben hinauf!“
Herr Dr. Bürstenfeger war blutrot. Er verbeugte sich und sagte flehend: „Mein gnädiges Fräulein, ich bitte ... ich bitte Sie ... nein ... mein gnädiges Fräulein ...!“
Es war umsonst, Tia Lolita kehrte unverrichteter Sache zurück.
Es waren aber nicht drei Minuten vergangen, da schlug er plötzlich sein Buch zu und rief, während seine Stimme vor Beschämung bebte: „Geht hinauf, Karl und Nikolaus, geht hinauf!“ —
Am Abend war man in Asuncion.
Paraguay
„Nach dieser langen Flußfahrt ist es nötig, daß wir uns endlich einmal gründlich Bewegung machen“, sagte Herr Dr. Bürstenfeger und nahm Carlos und Nicolás bei der Hand.
Und sie spazierten auf den Straßen von Asuncion, der Stadt mit den blendend weißen Häusern, den vorgebauten Holzgitterfenstern, den bedeckten Galerien, in denen Hängematten hingen, und den breiten, ungepflasterten Straßen mit der roten, weichen Erde. Der Duft der Orangenblüte erfüllte die Stadt. Frauen, eingehüllt in lange, weiße Tücher, wandelten langsam und sehr aufrecht, bunte Krüge auf den Köpfen. In ihren Gärtchen, unter Orangenbäumen, lagen die Männer, manchmal nur mit einem Hemd bekleidet, und schliefen.
„Es ist dies ein paradiesisches Land,“ sagte der Lehrer, „ohne Hast und Qual und ohne Arg verbringen die Menschen hier ihre Tage, brauchen, um zu leben, nur die Hand auszustrecken nach den herrlichen Früchten, die diese gütige Erde ihnen spendet.“
Der Weg führte sie am Markt vorbei.
Carlos und Nicolás sahen zwei Affen je auf einem großen Kürbis kauern. Vier uralte, verschrumpfte Indianerinnen saßen um einen großen Kessel, kauten Mais und spuckten ihn hinein.
„Der Speichel bringt den Mais zum Gären, daraus wird Schnaps“, sagte Herr Dr. Bürstenfeger und schüttelte sich.
Aber die Aufmerksamkeit der Knaben war auf die beiden Affen gerichtet.
Wenn man nach Paraguay käme, sollten sie einen haben, hatte die Mama gesagt.
Eine der alten Indianerinnen erhob sich, setzte auf jede Hand einen Affen und hielt sie dem Hauslehrer hin.
Sie wimmerten und kratzten sich.
„Herr Dr. Bürstenfeger, kaufen Sie uns einen Affen!“ baten Carlos und Nicolás zugleich.
Herr Dr. Bürstenfeger machte eine erschrockene Bewegung; er erinnerte sich an das Versprechen, das ihnen die Mama gegeben hatte.
Aber kein Tier war ihm so unsympathisch wie ein Affe.
„Kaufen Sie uns einen Affen!“ wiederholten die Knaben.
Nach einigem Zaudern begann er mit der Indianerin zu unterhandeln.
Carlos und Nicolás waren sich nicht einig in der Wahl; schließlich einigten sie sich auf den, der auf der linken Hand saß, und der Lehrer gab seine Einwilligung.
Als aber die Indianerin die Kiste, in die er hineingehörte, in die Höhe hob und ihn an der Schnur zog, an der er angebunden war, fielen sich beide Tiere in die Arme und begannen laut zu heulen.
Sie wußten es von manchen Vorgängern, daß es galt, Abschied zu nehmen.
„Arme Affen!“ sagten Carlos und Nicolás.
Auch Herr Dr. Bürstenfeger war voller Mitleid.
Die Affen hielten sich umklammert, der Lehrer war ratlos.
„Kaufen Sie beide!“ baten die Knaben.
Herr Dr. Bürstenfeger rang mit sich.
„Es wäre eine Grausamkeit, die armen Tiere zu trennen!“ entschied er endlich.
Er gab der Indianerin eine Weisung, die Knaben jubelten, und einige Minuten später zogen sie heim, Carlos und Nicolás rechts und links von Herrn Dr. Bürstenfeger, jeder mit seiner Kiste und seinem Affen. —
Zwei Tage später fand die Weiterreise nach Trinidad statt; es war ein Ritt von fünf Stunden.
Zum erstenmal in seinem Leben mußte sich Herr Dr. Bürstenfeger entschließen, auf ein Pferd zu steigen. In ganz Asuncion war kein einziger Wagen aufzutreiben. Sie hätten kaum fortkommen können auf der weichen, lockeren Erde der Wege.
Da der Tag zu heiß war, entschloß man sich, nachts zu reisen.
Man brach um 11 Uhr auf, bei herrlichem Mondschein, um mit beginnender Dämmerung anzukommen.
Die Pferde waren zahm und mager, und es war gesorgt worden, daß Herr Dr. Bürstenfeger das zahmste erhielt. Die Eltern, Tia Lolita und die übrigen ritten voraus. Carlos und Nicolás ritten neben ihrem Lehrer und waren beschäftigt, sein Tier anzutreiben, wenn sie traben wollten. Gewöhnlich aber ging es im Schritt, da der Weg zum größten Teil durch Urwälder führte. —
Die Kolonie Trinidad war von Urwäldern umgeben, nachts drang von dort das Geschrei der Brüllaffen herüber.
Der größte Teil der Einwohnerschaft bestand aus deutschen Bauern und Handwerkern, die beinahe alle eine zweifelhafte Vergangenheit hatten.
Sie waren zusammengewürfelt aus allen Teilen des Reiches, und man hörte sämtliche Dialekte nebeneinander.
Es lebten aber auch dort Leute aus anderen Gesellschaftsklassen: verbummelte deutsche Studenten, durchgefallene Mediziner, die sich um die Praxis rauften, verlotterte Richter und Advokaten. Sie nannten sich „alte Semester“ und berauschten sich nachts an billigem Schnaps; es wimmelte in Trinidad von Wirtshäusern. Des Tages aßen sie Orangen, Bananen und Mandioca, das kostete wenig.
Alle Einwohner lebten in Haß und Hader miteinander.
Ging Herr Dr. Bürstenfeger mit Carlos und Nicolás im Dorfe spazieren, widerhallten seine Ohren von böswilligem Klatsche.
Der Bäcker lauerte ihm auf und begeiferte den Schuster, der Schuster ging ihnen heimlich nach, und sobald Herr Dr. Bürstenfeger frei war, redete er schmählich über den Bäcker, der Tischler folgte und erzählte Ruchloses von der Frau des Bienenzüchters.
Und ganz so war es auch mit den Ärzten, Richtern und Advokaten bestellt.
Anfangs ließ Herr Dr. Bürstenfeger wortlos den Schwall über sich ergehen. Dann aber wehrte er mit den Händen ab und floh nach dem Urwald.
Aber als er nach Hause zurückkehrte, umging er das Dorf. —
Zweimal in der Woche war es Carlos und Nicolás erlaubt, allein auszureiten. Herr Dr. Bürstenfeger erlaubte es, weil die Gegend sicher war, von den friedlichen Guarangsindianern war keine Gefahr zu erwarten.
Auf ihren mageren, struppigen Pferden schlugen die Knaben am liebsten die Richtung dahin ein, wo bald nach dem Urwald die Steppe begann.
Da konnten sie lange Galopp reiten, und es erinnerte sie an die Pampas in Argentinien. Nur erhoben sich hier von Zeit zu Zeit kleine Palmenhaine. Die Palmen aber standen nicht dicht beieinander, sondern so, daß die Sonne breit hineinfluten konnte.
Sie ritten, bis der Urwald ein schwarzer Streifen am Horizont war, stiegen von den Pferden und legten sich ins Gras, wie sie es oft auf ihrem Gute getan hatten, und lauschten in die Stille hinein; eine Heuschrecke klapperte, irgendwo sang ein Vogel. Diese Geräusche und die Hitze des Tages wiegte sie in Halbschlaf ein.
Carlos träumte, er jage hinter Straußen, dann träumte er, daß er mit den wilden Tobasindianern kämpfe. Plötzlich erwachte er. Er rieb sich die Augen, und es war seltsam, was er eben geträumt hatte, sah er deutlich aber regungslos in die Wolken gezeichnet, die über dem Horizonte lagerten, und je länger er hinstarrte, um so lebendiger wurde das Bild. Er schloß die Augen und sah es langsam vergehen, er öffnete sie, und das Bild schwebte über dem Horizonte. —
Eines Tages, als Carlos und Nicolás in den Urwald ausritten, begegneten sie einem kleinen Indianer. Er hielt eine große bunte Schlange, die er eben getötet hatte, auf einem Stocke.
Carlos fragte, ob er sie verkaufen oder gegen irgend etwas vertauschen wollte.
Da er nickte, sie aber kein Geld hatten, sprang er vom Pferd und gab ihm eine Satteldecke dafür.
Auf dem Heimritt beschlossen sie, eine Schlangensammlung zu machen.
Sie verschafften sich Flaschen, denen sie die Köpfe abschlugen, und füllten sie mit Spiritus.
Einen Teil ihrer Mußestunden aber verbrachten sie damit, Schlangen aufzustöbern, die sie töteten, in die Flaschen taten und sorgfältig in ihrem Kleiderschrank verschlossen, weil sie wußten, welchen Abscheu Herr Dr. Bürstenfeger vor diesen Reptilien hatte.
Aber das Unglück wollte es, daß einmal der Schrank aufblieb und Herr Dr. Bürstenfeger hineinsah und mit einer Miene, als blicke er in Blaubarts Kammer.
Er strafte sie aber nicht, er war nur sehr blaß und sagte: „Karl und Nikolaus, ihr habt mich unendlich betrübt!“
Carlos und Nicolás gelobten ihm unter Tränen, nie mehr eine Schlange zu fangen, flehten ihn aber an, diese behalten zu dürfen, da sie ja tot seien und dabei so wunderbar schöne Tiere.
Diese letztere Bemerkung erregte in Herrn Dr. Bürstenfeger wieder ein Gefühl des Grausens. Mit großem Nachdruck erwiderte er: „Daß ihr nie mehr welche fangen werdet, weiß ich — im übrigen habe ich euch nichts mehr zu sagen!“
Damit entfernte er sich.
Seine Unterhaltung mit den Knaben beschränkte sich von nun an auf das Allernotwendigste; er hatte durch Zenobia in Erfahrung gebracht, daß die Schlangen noch immer im Schrank seien.
In der Schule sagte er mit höchst betrübtem Tonfall: „Jetzt gehen wir zum Kopfrechnen über“, oder „Karl, schlag deine Grammatik auf!“
Und das trieb er so lange, bis Carlos und Nicolás es nicht mehr ertragen konnten und die Schlangen vergruben.
Herr Dr. Bürstenfeger zuckte mit keiner Miene, als er es erfuhr. Abends aber, als sie zu Bett gegangen waren, gab er ihnen mit ungleich mehr Herzlichkeit, als in den letzten Tagen, den Gutenachtkuß. —
Eines Vormittags während der großen Pause saßen Carlos und Nicolás rechts und links von Tia Lolita unter dem Bananenbaum vor dem Hause.
Carlos hatte ihr die Zöpfe aufgeflochten und das Haar auf die Schultern gelegt, daß auch ihr Gesicht umrahmt war. So fand er sie noch viel schöner als gewöhnlich und nannte sie Genovefa.
„Du siehst wie Sneewittchen aus,“ sagte Nicolás, „das war die schönste Königstochter.“
Tia Lolita lachte: „Ich kann doch nicht Sneewittchen gleichen; ihr Haar war doch so schwarz wie Ebenholz, und ich bin blond!“
„Aber der Gänsemagd gleichst du“, meinte er.
Herr Dr. Bürstenfeger kam vorbei. Er blieb stehen und starrte Tia Lolita an.
„Mit einer Gänsemagd vergleicht Nicolás mich, was meinen Sie dazu, Herr Dr. Bürstenfeger?“ sagte sie und stellte sich gekränkt.
„Oh, oh!“ meinte Herr Dr. Bürstenfeger, fand aber keine Worte mehr, er schien verwirrt.
Nicolás war geärgert: „Ich meine doch nicht eine gewöhnliche Gänsemagd, sondern die Gänsemagd, die in Wirklichkeit eine Königstochter war, ihr Haar war eitel Gold, und sie mußte mit Kurtchen die Gänse hüten.“
Mit dieser Erklärung war Tia Lolita zufrieden, sie gab Nicolás einen Kuß, und er schmiegte seinen Kopf an ihre Schulter.
Herr Dr. Bürstenfeger machte ganz unwillkürlich eine rasche Bewegung und ging weiter. Dann begab er sich hinauf in den Salon, setzte sich ans Klavier und phantasierte.
Tia Lolita und Carlos und Nicolás lauschten, ohne ein Wort zu sprechen.
Carlos sagte: „Wie schön spielt doch Herr Dr. Bürstenfeger!“
„Sehr schön spielt er“, antwortete sie aufrichtig. —
Einige Tage später hatten die Landbewohner Tanz weiter draußen unter einem uralten Baum.
Ein alter Indianer spielte die Gitarre und sang leise dazu.
Es war Mondnacht, und die jungen Indianerinnen tanzten. Sie hatten feine, schmale Gesichter und große, dunkle Augen. Die dicken Haarflechten fielen auf die braunen nackten Schultern. Sie trugen weiße Leinenhemden und weiße Sommerröcke, eine Korallenkette um den Hals und sämtliche Finger mit Ringen geschmückt.
Der Duft der Orangenblüte wehte herüber.
Tia Lolita schwatzte mit Herrn Dr. Bürstenfeger. In einem Anfall von Laune lachte sie ihm zu und neckte ihn harmlos.
Herr Dr. Bürstenfeger starrte sie wortlos an mit klopfendem Herzen.
„Wollen wir auch einmal tanzen!“ sagte sie.
„Ja, ja ...!“ stammelte Herr Dr. Bürstenfeger; er wußte selbst nicht recht, was er sagte.
Und sie tanzten. —
Als Carlos und Nicolás im Begriff waren, zu Bett zu gehen, ging Herr Dr. Bürstenfeger nebenan in seinem Zimmer langsam auf und ab und murmelte leise etwas vor sich hin.
Plötzlich blieb er stehen, schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte: „Ich liebe dich, Lolita ... sei mein Weib, ich liebe dich mit meiner ganzen Seele!“
Carlos und Nicolás hörten das, und maßloses Erstaunen ergriff sie.
Sie saßen sprachlos auf ihren Stühlen und konnten es lange nicht fassen.
... Seine Frau sollte sie werden, Tia Lolita! Aber armer Herr Dr. Bürstenfeger!!
Sie waren von tiefem Mitleid mit ihm erfüllt, waren aber weit entfernt, den Umfang seines Schmerzes zu ehren.
Tia Lolita würde ja den Prinzen heiraten, mit ihm auf sein Schloß ziehen und die schönste Königin der Welt werden. Niemals würde sie Herrn Dr. Bürstenfeger heiraten! ...
Am nächsten Tag während des Unterrichts war der Lehrer sehr seltsam, er hörte kaum auf die Antworten, die Carlos und Nicolás gaben.
Ein dunkles Gefühl sagte ihnen, er wisse, daß sie den Prinzen heiraten werde, und darüber sei er so traurig.
Abends bei anbrechender Dunkelheit saßen sie mit Tia Lolita in ihrem Zimmer am offenen Fenster.
„Wirst du den Prinzen heiraten?“ fragte Carlos.
„Gewiß“, antwortete sie.
„Armer Herr Dr. Bürstenfeger!“
Tia Lolita lachte.
Was sich gestern ereignet hatte, hatten sie ihr arglos erzählt. Anfangs war sie betroffen gewesen und dann aufs höchste belustigt.
Da, unten im Garten, kam Herr Dr. Bürstenfeger daher.
Er ging, den Kopf zu Boden gerichtet, und bewegte die Hände, wie im Selbstgespräch.
Er ging zur Bank und setzte sich.
Ganz deutlich hörten sie, wie er leise sagte: „Lolita!“
Carlos ahnte nicht, was in Herrn Dr. Bürstenfeger vorging; aber ein Mitleid ergriff ihn, unbestimmt, doch übergewaltig.
Er lief die Treppe herab, zum Garten hinaus, Herrn Dr. Bürstenfeger entgegen: „Armer Herr Dr. Bürstenfeger!“
Aufs höchste betroffen, sah ihn der Lehrer an.
„Armer Herr Dr. Bürstenfeger, sie wird ja den Prinzen heiraten!“
Oben am Fenster war Bewegung.
Herr Dr. Bürstenfeger sah hinauf und sah Tia Lolita dort sitzen.
Da erkannte er, daß er belauscht worden war, und erhob sich jäh, während ihm das Blut ins Gesicht strömte.
Dann aber fiel er zurück, ließ den Kopf sinken und begann zu schluchzen, aufgelöst in wahnsinnige Beschämung.
Carlos stand da, sah ihn an und begriff das große Rätsel nicht.
Plötzlich aber fiel er ihm um den Hals und brach ebenfalls in Schluchzen aus.
Aus den Urwäldern aber ertönte laut das Konzert der Brüllaffen.
Die Revolution
Ein paar Jahre waren vergangen.
Man wohnte seit einigen Wochen in der Stadt, da die Villa restauriert wurde.
In zehn Tagen aber sollten Carlos und Nicolás mit Herrn Dr. Bürstenfeger nach Europa reisen.
Carlos wurde nächstens zehn Jahre. Sie waren in ihrem Unterricht so weit, daß sie in die erste Klasse des Gymnasiums eintreten konnten, und es war dafür eine kleine Stadt irgendwo in Deutschland bestimmt worden.
Nach Europa! jauchzten Carlos und Nicolás, das war endlich einmal eine weite Reise. Übers Meer reiste man, wo die Wellen wie Berge waren. Man sah Walfische und Haifische. Man erlebte vielleicht auch Schiffbruch, man strandete auf einer einsamen Insel und nährte sich von Gräsern und Kräutern, bis die Vorräte des Wracks ans Land geschafft waren. Dann kam ein Schiff vorbei, Carlos und Nicolás würden die Hemden ausziehen und damit winken, und dann würden sie endlich nach Europa kommen und eine herrliche Robinsongeschichte erlebt haben.
In Europa aber versank man bis zum Hals in den Schnee, wenn man auf den Straßen ging. Das erschien ihnen lustig. Dann waren auch dort die großen Schlittenfahrten. Sechs Pferde waren vor die Schlitten gespannt, und in Karriere ging es über Berge und Täler und durch den Wald. Oft verfolgten sie Wölfe.
In der Schule war es schön. Man ging mit einem Tornister auf dem Rücken dahin, und um zehn Uhr war Picknick, das mußte man sich von zu Hause mitnehmen.
Die Schule fand in einem großen Saale statt, darin wimmelte es von Schülern. Der Lehrer sprach mit lauter Stimme, alle lauschten, und jeder wollte der Beste sein. Wenn man so allein zu zweit im Hause Schule hatte, war man lange nicht so ehrgeizig.
So war es in Europa! Carlos und Nicolás wußten es, obgleich Herr Dr. Bürstenfeger es nur zum Teil so dargestellt hatte. —
Heute aber saßen sie noch in Buenos Aires im Spielzimmer und stellten eine Liste auf von den Knaben und Mädchen, die sie für übermorgen einladen wollten, zu Carlos’ Geburtstag.
Carlos wollte, daß auch sein bester Freund dabei sein sollte, ein Junge in seinem Alter, der auf einem lahmen Schimmel ritt mit einem Schafspelz als Sattel, und dessen Vater Knecht bei den Schlächtereien in Barracas war.
Herr Dr. Bürstenfeger aber fand es durchaus nicht statthaft, und so verließen denn die drei das Haus, ohne daß Carlos’ Wunsch willfahrt worden wäre, um die Einladungen zu besorgen.
Zuerst gingen sie zu Aguieres, die nicht weit von ihnen wohnten.
Sie wurden zum älteren Bruder des Freundes, der zwanzig Jahre alt war und einen Schnurrbart hatte, ins Zimmer gebeten.
Er saß vor einem großen Schreibtisch, auf dem ein Haufen Papiere lagen, schien nachdenklich und besorgt und versprach zerstreut, daß sein kleinerer Bruder, der augenblicklich noch in der Schule sei, zu Carlos’ Geburtstag kommen werde. Dann schrieb er sich das auf einen Zettel auf.
Im Sagnan begegneten Herr Dr. Bürstenfeger und die Knaben der Mama, einer Dame aus den nördlichen Provinzen mit mattem Teint und großen, sanften Augen. Sie gab den Knaben einen Kuß und bestätigte die Erlaubnis.
An Carlos’ Geburtstag erwachten die Knaben ganz in der Frühe. Im Dämmerlicht sahen sie die vor den Betten aufgestellten Geschenke.
Nicolás wurde ebenfalls zu Carlos’ Geburtstag beschenkt, weil der seine kurz nach Weihnachten fiel.
Auf einer großen Kiste lag ein Zettel, darauf zu lesen stand: Von Herrn Dr. Bürstenfeger.
Nachdem sie von den übrigen Sachen fieberhaft Kenntnis genommen hatten, eilte Carlos im Hemd nach der Küche und holte ein Brecheisen, um die Kiste zu öffnen.
Darin fanden sie eine Pappschachtel, die beinahe die ganze Kiste einnahm. Als sie diese öffneten, fanden sie wieder eine Schachtel darin, und in dieser ein Paket. Es war aber kein Paket, sondern zusammengeknülltes Zeitungspapier.
Wie sie bereits verzagen wollten, stießen sie auf einen großen Zettel, auf dem zu lesen stand:
„Diese Kiste mit allem, was darin ist,
nennt man bei uns einen Julklapp.“
Unzufrieden mit dieser Erklärung, suchten sie jetzt ohne alle Hoffnung weiter, fanden aber zuletzt, in braunes Papier eingewickelt, zwei schöne Bücher als Geschenk, in die Herr Dr. Bürstenfeger eine herzliche Widmung geschrieben hatte.
Carlos und Nicolás zogen sich an und gingen ins Spielzimmer; es war noch ganz still im Hause.
Auch draußen war es still, die Tramways fuhren noch nicht, nur ein Bäckergeselle ritt auf seinem Maultier pfeifend die Straße herab.
Carlos und Nicolás hatten eine Menge Bleisoldaten erhalten, die wurden ihren Armeen einverleibt. Dann zogen sie einen Kreidestrich mitten über den großen Tisch, die Kanonen wurden mit Erbsen geladen, und die Schlacht begann.
Unten auf der Straße aber ertönte gedämpfter Trommelschlag, die Knaben sprangen zum Balkon, ein Bataillon Infanterie zog vorüber.
Inzwischen war es ganz hell geworden, die Dienstboten waren aufgestanden.
An der Straßenecke stand ein Trupp Leute, ein Stück weiter wieder einer.
Eine Schwadron Polizei mit Gewehren ritt im Trabe vorbei, von einigen Neugierigen gefolgt.
Immer noch fuhren die Tramways nicht ...
Herr Dr. Bürstenfeger war mittlerweile aufgestanden. Er beglückwünschte Carlos zu seinem Geburtstag, die Knaben dankten für das schöne Geschenk; darauf gingen sie ins Eßzimmer, um zu frühstücken.
Auf dem Gang hörten sie die Köchin laut und aufgeregt sprechen.
Herr Dr. Bürstenfeger stand auf, um zu hören, was geschehen war.
Ganz aufgelöst erzählte sie, man hätte sie nicht auf den Markt gelangen lassen, die Plaza sei mit Militär besetzt, Kanonen stünden dort, das Pflaster sei ausgehoben.
„Revolution!“ sagte Mauricio, der Diener aus Galicien.
„Waas ...!“ entgegnete Herr Dr. Bürstenfeger.
„Das ist die Revolution!“ riefen Carlos und Nicolás und stürmten nach dem Balkon.
Auf der Plaza aber krachte eine Salve, daß die Fenster klirrten; das war der Beginn. —
Es dauerte eine geraume Weile, bis Herr Dr. Bürstenfeger sich von seinem ersten großen Schreck erholt hatte, sofort aber nahm er die Knaben unter seine Obhut.
„Die Revolution, die Revolution!“ schrieen Carlos und Nicolás und waren ganz außer sich.
Herr Dr. Bürstenfeger beschwor sie, zu schweigen, und faßte sie dann streng an beide Hände.
Darauf befahl er Mauricio, alle Fenster, die auf sein sollten, zu schließen.
Um nun kümmerlich sehen zu können, was auf der eigenen Straße geschah, mußte man auf Stühle steigen.
Von Zeit zu Zeit ertönte von der nahen Plaza wieder eine Salve.
Aber auch in anderen Teilen der Stadt begann es lebendig zu werden; Bürger stiegen bewaffnet auf die flachen Dächer ihrer Häuser, aus Fenstern und Balkonen wurde geschossen.
Mit anbrechender Dunkelheit aber wurde es allmählich überall still.
Losgelöste Rotten durchzogen schreiend die Straßen.
Man verriegelte die Häuser, um sich gegen Einbrecher zu schützen.
Auch bei Carlos und Nicolás wurde das Tor sorgfältig geschlossen, und Herr Dr. Bürstenfeger ging hinunter, um sich davon zu überzeugen. —
Als die Knaben zu Bett gegangen waren, unterhielten sie sich noch lange über die Lage.
Es waren Flugschriften von der Regierung und auch von der Revolutionspartei herausgegeben worden, die vom Gange der Ereignisse berichteten.
Herr Dr. Bürstenfeger und der Papa hatten heute bei Tische darüber gesprochen, und Carlos und Nicolás versuchten, sich davon ein Bild zu machen: sie waren sich klar, der Präsident hatte viel gestohlen, und wer ein guter Argentinier war, mußte Revolution machen.
Gewiß wollten Carlos und Nicolás sich Mühe geben, gute Deutsche zu sein, aber sie wollten auch gute Argentinier bleiben.
„Weißt du was!“ sagte Carlos. „Sollte der Präsident daran sein, zu gewinnen, so ziehen wir beide auch in die Revolution, und alle unsere Freunde müssen mit. Auf unseren Ponys reiten wir einher und helfen den Präsidenten schlagen.“
Mit diesem Entschlusse schliefen sie beruhigt ein ...
Bei anbrechendem Tage wurden sie durch lautes und ununterbrochenes Schießen geweckt. Auch auf nahen Straßen schoß man.
Ein Bataillon Infanterie zog unten auf der Straße mit aufgepflanztem Bajonett nach der Plaza, ohne Trommelschlag.
Gleich würden sie dort sein. Carlos und Nicolás erschauerten.
Wenige Minuten, und eine neue, das allgemeine Krachen übertönende Salve erfolgte.
Das war der Empfang.
„Mein Gott!“ sagte Herr Dr. Bürstenfeger und entfärbte sich.
Wieder zog eine Rotte schreiender Menschen vorüber, mit Stößen von Flugblättern beladen.
Sie türmten sie zu Bergen auf und verbrannten sie.
Dabei brüllten sie: „Viva la revolucion!“
„Viva la revolucion!“ schrien Carlos und Nicolás, von Begeisterung ergriffen.
„Schweigt, um Himmels willen,“ rief Herr Dr. Bürstenfeger; „enthaltet euch jeder Meinungsäußerung!“
Gegen Mittag erschien das Geschwader, das eine Tagreise südlich von Buenos Aires stationiert hatte. Es kam den Revolutionären zu Hilfe.
Und jetzt begann von dorther ein Bombardement auf die Stadt.
Die weiblichen Dienstboten hatten sich schreiend in die Küche geflüchtet, denn schon eines der ersten Geschosse war nicht sehr weit vom Hause geplatzt.
Die Eltern, Carlos und Nicolás und Herr Dr. Bürstenfeger saßen zusammen im Eßzimmer.
„Recht töricht,“ meinte der Papa, „jetzt gilt ja Freund und Feind gleich.“
„Büberei!“ hauchte Herr Dr. Bürstenfeger, er war kreidebleich.
„Wenn wir aufs Dach stiegen, könnten wir alles sehen“, sagte Carlos zu Nicolás.
Niemand hatte es gehört. Die Mama stand bei der Tür, Herr Dr. Bürstenfeger war ganz aufgelöst, der Papa sprach über die Aussichten der Revolution.
Die Knaben stiegen die Treppe zum flachen Dach hinauf.
Die fünf Panzer des Geschwaders standen etwa einen Kilometer entfernt in Schlachtlinie.
Sie schossen abwechselnd.
„Klingt es nicht wie eine Eisenbahn, die vorübersaust?“ sagte Carlos zu Nicolás, wenn eine Bombe vorbeiflog.
... Plötzlich stand Herr Dr. Bürstenfeger neben ihnen.
„Karl und Nikol...!“ mehr brachte er nicht heraus. Aschfahl war er im Gesicht. Er packte jeden an einem Arm, und seine Hände waren wie Schraubstöcke.
Ohne ein Wort zu sagen, stieg er mit ihnen die Treppe hinab und brachte sie zu Papa und Mama.
Die ganze Zeit hielt jetzt Herr Dr. Bürstenfeger die Hände der Knaben erfaßt.
Das Bombardement dauerte fort.
„Herr Dr. Bürstenfeger,“ flehten sie, „lassen Sie unsere Hände los!“
„Nein“, sagte er.
„Wir bitten Sie, Herr Dr. Bürstenfeger!“
Er ließ sie los.
„Wir möchten ins Spielzimmer“, sagten sie und standen auf.
Herr Dr. Bürstenfeger folgte ihnen.
Sie stellten ihre Bleisoldaten auf, schossen mit Erbsen und spielten Revolution. Jeder von ihnen war die Revolutionspartei. Sie vergaßen sich ganz und rückten einander auf den Leib.
„Haltet ein!“ rief Herr Dr. Bürstenfeger und ergriff sie bei den Armen. Dann legte er seine Hände auf ihre Schultern und sagte emphatisch: „Karl und Nikolaus!“ und nun zeigte er mit einer raschen Bewegung nach draußen, „euren braven Eltern und dann mir habt ihr es zu verdanken, daß ihr nicht werdet, wie jene bübischen ... dort ...“
Bei diesen letzten Worten platzte nicht weit eine Bombe, daß die Scheiben barsten.
Carlos und Nicolás aber, sinnlos vor Aufregung, sprangen zum Fenster, rissen es auf und sahen einige Häuser weiter eine große rote Wolke Ziegelstaubes aufsteigen — dort, wo die Bombe geplatzt war ...
Was in den nächsten drei Stunden vorging, sahen Carlos und Nicolás nicht.
Herr Dr. Bürstenfeger hatte sie ins Schulzimmer eingesperrt, das hinten auf den Hof hinausging; er war ganz ratlos.
Sie sahen nicht, wie der ältere Bruder ihres Freundes, der zwanzigjährige Augiere, der, so jung er auch war, zu den Häuptern der Revolution gehörte, von vier bewaffneten jungen Bürgern auf einer Bahre am Hause vorbeigetragen wurde.
Er war von einer Kugel unterhalb der Brust getroffen worden, und man brachte ihn, weil er es wünschte, zu seiner Mutter nach Hause. Er würde wohl heute noch sterben.
Sie hörten nur das Sausen und Krachen der Bomben.
Herr Dr. Bürstenfeger aber saß, ohne daß die Knaben es wußten, draußen bei der Tür.
Er wollte nahe bei ihnen sein in diesen gefährlichen Stunden, kein Vorwurf sollte ihn treffen ...
Gegen Abend hörte das Bombardement auf, und auch auf Plätzen und Straßen wurde es ruhiger.
Herr Dr. Bürstenfeger entließ sie aus ihrer Haft.
Als sie einige Augenblicke später im Eßzimmer auf den Stühlen standen und auf die Straße herabsahen, kam ein langer Zug Karren vorbeigefahren. Leichen von Soldaten, Polizisten und Bürgern lagen darauf gehäuft.
Nicolás wandte sich ab, Carlos aber blickte wie festgebannt hin, und da sah er, wie in diesem Haufen sich Arme und Beine bewegten, es waren noch Verwundete darunter.
Von Schauder und Angst ergriffen, floh er in sein Zimmer und vergrub sein Gesicht in die Kissen.
Den Plan, der Revolution zu Hilfe zu kommen, falls der Präsident siegen sollte, hatten sie jetzt plötzlich ganz fallen gelassen ...
Als sie nachts im Bett lagen — sie konnten lange vor Aufregung nicht einschlafen —, klopfte es mit einem Mal laut an die Haustür, es war gegen zwölf Uhr.
Carlos fuhr auf.
„Öffnen, öffnen, um Gottes willen, öffnen!“ rief jemand unten.
Carlos sprang aus dem Bett und eilte in Herrn Dr. Bürstenfegers Zimmer.
„Herr Dr. Bürstenfeger, jemand klopft unten und verlangt herein!“
Der Hauslehrer saß aufrecht in seinem Bett, stierte ihn an und antwortete nicht.
Carlos lief ins Zimmer seines Vaters:
„An der Haustür klopft jemand und bittet por el amor de Dios, daß man ihn hereinläßt!“
Der Papa stand auf und ging ans Fenster.
Unten stand ein Polizist, über und über mit Kot bedeckt, ganz verstört.
Der Papa schlüpfte in seine Beinkleider und zog den Rock an.
Draußen war Herr Dr. Bürstenfeger.
„Wir müssen ihm öffnen!“ meinte der Lehrer düster.
Beide gingen, von Carlos und Nicolás gefolgt, hinunter.
Der Polizist trat schnell in die geöffnete Tür, sein linker Arm blutete.
Er hatte einen Streifschuß bekommen.
Man führte ihn in die Küche, weckte den Diener und verband seinen Arm.
Armer Gallego! dachten Carlos und Nicolás, von Mitleid erfüllt.
Es war ein spanischer Galicier, einer der vielen eingewanderten armen Teufel, die sich mit der ersten besten Anstellung zufriedengeben mußten.
„Man schießt auf uns, von den Dächern, zu dieser Zeit noch. Wie Fliegen tötet man uns, ich bin der letzte der Patrouille!“ sagte er.
Sein angstverstörtes Gesicht war auf Herrn Dr. Bürstenfeger gerichtet.
Er bat, man möchte ihm die glänzenden Knöpfe seiner Uniform abschneiden, damit er nicht auf den ersten Blick kenntlich sei.
Carlos und Nicolás holten zwei Messer aus der Schublade und machten sich sofort daran.
„Legen Sie auch Ihr Käppi ab,“ sagte Nicolás, „und setzen Sie einen alten Hut von Papa auf, so glaubt jeder, Sie seien ein Zivilist!“
Der Polizist sah Nicolás einen Augenblick an, als leuchte ihm dieser Vorschlag ein.
Dann aber meinte er kläglich: „Nein, das geht doch nicht ... ich darf nicht ... die Knöpfe höchstens.“
Man hatte ihm Wein gebracht, er trank drei Gläser.
Nach einer halben Stunde aber sagte er, er müsse fort, er dürfe nicht länger bleiben.
Er konnte sich anfangs kaum auf den Beinen halten: die Wirkung des Weines, die durchwachten Nächte und die Angst.
Der Diener begleitete ihn hinunter und öffnete ihm.
Nicolás sagte: „Armer Polizist, ich habe so große Furcht, daß man ihn tötet.“
Er aber huschte an den Häusern entlang, sah manchmal verstohlen in die Höhe, ob nicht jemand herunterziele, und verschwand dann um die Straßenecke ...
Als Carlos und Nicolás am Morgen erwachten, hörten sie unten auf der Straße die Trambahn fahren, der Kutscher stieß in sein Horn, es waren die ausgelassensten Melodien; polternd fuhren die Karren. Auf ihren kleinen dickbäuchigen Pferden ritten die Milchmänner. Man hörte das Klatschen der Milch in ihren Blecheimern.
Carlos öffnete das Fenster.
„Nicolás,“ rief er seinem Bruder zu, der eben erwachte, „die Revolution ist zu Ende, glaube ich!“ ...
„Wir haben Frieden“, sagte Herr Dr. Bürstenfeger, als die Knaben zum Frühstück erschienen. „Gott sei Dank, Frieden ... Karl und Nikolaus, jetzt dürft ihr wieder ungehindert auf den Balkon!“
In dem Augenblick zog unten eine Rotte Menschen vorbei. Sie schrien: „Fort ist sie, fort ist die Canaille!“
Damit war der Präsident gemeint, er war gestürzt; gestern war er fort nach Paris mit einigen Millionen.
„Fort ist sie, fort ist die Canaille!“ Der Jubel griff um sich, alles Volk stimmte mit ein.
Acht Tage später reisten Carlos und Nicolás nach Europa ...
Sie waren im Zimmer ihrer Mutter und sagten ihr Adieu.
Sie wollte nicht mit aufs Schiff, um nicht die Qual des Abschieds zu verlängern.
Der Papa aber würde die Knaben bis nach Montevideo begleiten.
Sie weinte, Carlos und Nicolás weinten.
„Nicht wahr, du besuchst uns bald!“ Nicolás hielt die Mama umarmt.
„In einem Jahr reise ich hinüber“, schluchzte sie.
Plötzlich begann Carlos laut zu heulen: „Ich will nicht nach Europa, ich will bei dir bleiben!“
Und Nicolás heulte: „Ich will auch nicht nach Europa, ich will bei dir bleiben!“
Draußen aber stand Herr Dr. Bürstenfeger mit seiner Reisetasche, auf der Veilchen und Rosen gestickt waren, die Uhr in der Hand.
Eine Viertelstunde später fuhren die drei an der Calle Horida vorbei.
Carlos wandte sich dreimal schnell nach der großen Holzflasche um und dachte schluchzend: Wann werde ich die wiedersehen?! ...
Auf der Landungsbrücke wartete der Papa.
Die Knaben fielen ihm um den Hals: „Nicht wahr, bis nach Montevideo begleitest du uns ...?!“
„Ja, meine lieben Jungens“, sagte er und wischte sich eine Träne ab, die ihm über die Backe lief.
Carlos und Nicolás auf dem Meere
Auf dem großen Meer
Die Lombardia hatte vor drei Stunden Montevideo verlassen. Carlos und Nicolás standen mit Herrn Dr. Bürstenfeger hinten auf Deck.
Eine halbe Tagereise hinter ihnen lag Buenos Aires; nun endlich waren sie auf dem Meer. In den Abschiedsschmerz, der die Knaben erfüllte, mischte sich die freudige Erwartung noch nie gesehener, vielleicht unerhörter Dinge.
Sie fragten einen Schiffsoffizier, der neben ihnen stand, ob Sturm im Anzuge sei.
„Gott sei Dank nein!“ antwortete lachend der Offizier, worauf sie sich auf morgen vertrösteten.
Die Knaben hatten in ihrer Kabine um die Betten gelost. Nicolás war das obere zugefallen; von da aus konnte er durch die gegenüberliegende Luke gerade aufs Meer sehen.
Sollte er, wenn er nachts erwachte, die Wolke am Horizont schauen, die unfehlbar Sturm verkündete, hatte er seinen Bruder zu wecken.
Es reisten nicht viel Passagiere in der ersten Klasse. Mit einem dicken fröhlichen Priester aus Montevideo waren sie gleich Freunde geworden.
Sie hatten ihn abends bei Tische beobachtet, wie er vor jedem Gericht seine Reverenz machte.
Nachher lag er oben auf Deck auf seinem Reisestuhl ausgestreckt und verdaute.
„Seid ihr noch nicht seekrank, Süßwasserratten!“ sprach er Carlos und Nicolás an.
„Wir sind keine Süßwasserratten,“ antwortete Carlos und zeigte nach seiner Matrosenmütze, worauf der Name eines großen französischen Panzers stand, „und vor dem Sturm fürchten wir uns auch nicht!“
„Bravo!“ rief der fröhliche Priester.
Darauf erzählten sie ihm, daß sie mit ihrem Hauslehrer, Herrn Dr. Bürstenfeger, nach einem schönen Städtchen in Deutschland reisten, das Mufflingen hieße, um in die Schule zu gehen. Dort wohnten auch ein Onkel und eine Tante von ihnen. Sie selbst zwar seien aus Buenos Aires und daher Argentinier, aber zugleich auch Deutsche, weil ihr Vater ein Deutscher sei.
Der fröhliche Priester antwortete: „Wenn ihr in Argentinien geboren seid, so seid ihr Argentinier, und vergeßt ihr das, seid ihr keine braven Kerle!“
„Wir bleiben gute Argentinier!“ antworteten ein wenig gereizt beide Knaben.
„Das ist gut!“ meinte zufriedengestellt der Priester.
Nicht weit von ihnen an der Reling stand ein Herr mit einem langen fahlen Gesicht und einer fahlen Glatze.
Auch er war ihnen bei Tisch aufgefallen. Seltsam düster hatte er vor sich hingeschaut und manchmal ganz absonderlich gelächelt.
Jetzt machte er Carlos und Nicolás heimlich Winke, die sie aber nicht gleich verstanden. Schließlich begriffen sie, daß sie zu ihm hinüber sollten, und, wie es schien, in einer sehr dringlichen Angelegenheit.
Als eine Pause in der Unterhaltung entstand, gehorchten sie möglichst unauffällig.
„Das ist ein schwarzer Pfaffe“, sprach leise und finster der Herr mit der fahlen Glatze und zeigte auf den fröhlichen Priester, der mit geschlossenen Augen wieder seine Verdauung pflegte. „Gebt euch nicht mit ihm ab, schwarze Pfaffen bringen Unglück. Ich würde wieder an Land gegangen sein, wenn nicht noch zwei Mönche mit weißen Kutten an Bord wären.“
Darauf erzählte er anschaulich und grausig von den Schrecken eines Schiffunterganges, von Menschen, die verzweifelt mit den sturmgepeitschten Wellen ringen, sprach vom Nachlassen ihrer Kräfte, dem völligen Ermatten und der Drangsal des Ertrinkens, sprach vom Hai und beschrieb seine Gestalt und seinen Charakter. „Wehe denen, die in seinen grausigen Rachen gerieten!“ Er ließ krachende Knochen hören und herzzerreißende Aufschreie und schloß seine Schilderung mit dem Bild eines oben am höchsten Mast angeklammerten Mannes im Lichte des zuckenden Blitzes.
Und dabei rieb er sich die Hände und lachte unheimlich, als bereiteten ihm diese Vorstellungen ein unsägliches Vergnügen.
Carlos und Nicolás aber überlief es eiskalt. Sie hatten keine Sehnsucht mehr nach dem Sturm.
Und als sie nachher in ihren Betten lagen, schaute Nicolás voller Angst nach dem Horizont, ob sich nicht vielleicht die unheilverkündende Wolke zeige.
Am nächsten Morgen, als sie erwachten, schaukelte das Schiff beträchtlich. Ein wenig beunruhigte sie das, denn sie hatten die Erzählung des Herrn mit der Glatze noch nicht vergessen.
Durch die Luke sahen sie, daß das Meer nun blau statt grün, die Wellen aber nicht viel höher waren als gestern, und das enttäuschte sie wieder, denn sie mußten längst auf offenem Ozeane sein.
Rasch zogen sie sich an und eilten auf Deck. Sie ließen die Blicke nach allen Richtungen schweifen, doch überall sahen sie nur Himmel und Wasser.
Carlos und Nicolás schöpften einige Male tief Atem, und Carlos sagte: „Es ist doch schön, das große Meer!“
Bald darauf fiel ihnen ein, daß sie eigentlich auch zu Herrn Dr. Bürstenfeger müßten; überdies klingelte es schon zum Frühstück.
Sie gingen in seine Kabine; er lag noch im Bett und war ungemein bleich.
„Mir ist nicht recht wohl, Karl und Nikolaus,“ sagte er, „mein Magen ist wieder einmal nicht in Ordnung; aber geht nur jetzt zum Frühstück; ich werde gleich folgen.“
Im Eßzimmer saß bereits der fröhliche Priester vor einer Tasse Schokolade. Er war erstaunt, Carlos und Nicolás so früh munter und immer noch nicht seekrank zu sehen.
Beide Knaben dachten zugleich an die gestrige Warnung des Herrn mit der Glatze. Aber wie sie jetzt wieder in des Priesters breites gutmütiges Gesicht sahen, verging ihnen sofort alle Angst. Sie begriffen nicht recht, daß er ihnen gefährlich sein könnte, nur darum, weil er ein schwarzes Gewand trug.
Der fröhliche Priester tauchte einen Zwieback in seine Schokolade und sagte: „Nun, Jungens, setzt euch neben mich!“
Aber sie hatten auf ihren Lehrer zu warten.
Sie begannen miteinander zu plaudern. Der Priester machte ihnen den Vorschlag, nicht nach Deutschland zu reisen, sondern mit ihm nach Rom. Er werde sie dort dem Papst vorstellen, und in wenigen Jahren schon würde ganz sicher Nicolás ein Erzbischof und Carlos ein Kardinal werden.
Was ein Erzbischof sei, wußten ungefähr die Knaben; aber unter einem Kardinal verstanden sie nur einen grauen Vogel mit einer roten Haube. Davon hatten sie viele auf dem Gute in der Pampa mit Klebruten gefangen. Aber das zu sein bedankte sich Carlos lebhaft.
Der Priester erklärte ihnen, ein Kardinal, wie er ihn meine, sei ein mächtiger Kirchenfürst, der übrigens auch eine rote Haube trage. Darauf behauptete er, in Deutschland liefen die Leute auf acht Beinen umher und der Großtürke sei dort Herrscher. Er schneide allen seinen Untertanen die Ohren ab und mache sich daraus einen türkischen Salat.
Carlos und Nicolás merkten nun, daß der fröhliche Priester Witze machte, und lachten. Sie dachten wieder an den Herrn mit der fahlen Glatze; sehr wahrscheinlich hatte er gestern auch nur Witze gemacht.
Inzwischen erschienen die übrigen Passagiere; auch der Herr mit der Glatze. Ganz zum Schluß kam Herr Dr. Bürstenfeger. Von den Damen war keine einzige da.
„Die werden jetzt schon seekrank sein“, meinte der Priester.
Der Herr mit der Glatze nahm weit von ihnen Platz und warf düstere Blicke auf die Knaben.
Carlos und Nicolás glaubten, er fahre mit seinen gestrigen Späßen fort, grüßten ihn und lachten.
Aber die finster vorwurfsvolle Miene, die er daraufhin machte, verwirrte sie wieder ganz.
Herr Dr. Bürstenfeger setzte sich zwischen Carlos und Nicolás und schenkte sich und ihnen Schokolade ein, trank aber selbst beinahe nichts. Weder Kuchen noch Brot berührte er; dabei aber schien er in einemfort seltsam zu schlucken.
Von Zeit zu Zeit ermahnte er sie, die Bissen nicht, wie es ihre Gewohnheit war, hinunterzuschlingen, sondern ordentlich zu kauen. Bei der schaukelnden Bewegung des Dampfers seien die Magen ohnehin nicht sehr aufnahmefähig.
Der fröhliche Priester, der Herrn Dr. Bürstenfeger gegenübersaß, sah ihn einige Male verstohlen an und zwinkerte dann den Knaben zu.
Carlos und Nicolás schauten ihren Lehrer an; er war noch bleicher als vorher; es war ihnen klar, er war seekrank. Sie hatten großes Mitleid mit ihm, aber zugleich dachten sie: Wenn das andauert, haben wir keine Schule!
Sie hatten kaum fertig gegessen, als Herr Dr. Bürstenfeger aufstand und sagte: „Gehen wir auf Deck, die Luft ist dort besser!“
„Ach diese Schiffsgerüche!“ seufzte er auf der Treppe und blieb eine Zeitlang stehen.
„Es riecht nur nach Teer“, meinte Nicolás.
Oben irgendwo stand ein Froschspiel. Carlos und Nicolás nahmen es sofort in Beschlag.
Herr Dr. Bürstenfeger marschierte mit langen Schritten auf Deck auf und ab.
Nun stieg eine Dame aus einem Städtchen in Patagonien die Treppe hinauf. Den Kopf hatte sie in einen schwarzen Schal gewickelt, ihr Gesicht war gelbgrün.
Schwankend ging sie auf ihren Reisestuhl zu, der sich in der Nähe von Carlos und Nicolás befand, blieb plötzlich stehen, blickte zu Boden, ächzte, ging dann einige Schritte nach der Seite und beugte sich über die Reling.
Herr Dr. Bürstenfeger sah sie, und Schweißtropfen perlten auf seiner bleichen Stirn. Er machte kehrt und verfügte sich schnell nach der anderen Seite des Decks.
Wenige Minuten darauf erschien er wieder, aschfahl und mit einer Haarsträhne über der Stirn.
„Karl und Nikolaus,“ sagte er, seine Stimme klang mitleiderregend, „ich gehe in meine Kabine, bleibt meinetwegen hier, aber treibt keinen Unfug und besucht mich bald!“
Damit entfernte er sich.
Gleich nachher sahen die Knaben weiter hinten den Herrn mit der Glatze in Gesellschaft eines kleinen hageren Herrn, der Pantoffeln trug und eine Reisemütze mit einem großen weißen Hornschirm.
Der Herr mit der Glatze hielt ihn am Rock fest und redete lebhaft auf ihn ein. Der Herr mit der Reisemütze wiegte den Kopf und zuckte die Achseln; schließlich gab er ihm einen Klaps auf die Schulter und machte sich lachend von ihm los. Er ging auf die seekranke Dame zu und streichelte ihr teilnehmend die Wange.
Sie stöhnte leise und schloß die Augen.
Aber auch der Herr mit der Glatze war herangetreten.
Carlos und Nicolás hörten, wie er eindringlich von einem schweren Kesselschaden auf einer früheren Reise sprach und sich dann in düstere Mutmaßungen über die Lombardia erging.
Die seekranke Dame öffnete langsam ihre großen leeren Augen, schloß sie wieder und hauchte: „Mir ist jetzt alles gleich.“
Der Herr mit der Reisemütze jedoch rief: „Um Himmels willen, wissen Sie denn immer nur von solch unheimlichen Dingen zu reden? Sie verderben einem ja die ganze Reisefreude!“
„Niemandem will ich die Reisefreude verderben, ich schweige!“ rief der Herr mit der Glatze aus, wobei er ein unheimliches Gelächter erschallen ließ.
„Der Herr macht keine Späße“, sagte Carlos leise und erschrocken zu seinem Bruder.
„Nein, er macht keine Späße“, antwortete Nicolás.
Beide sehnten sich jetzt nach dem fröhlichen Priester, weil er so lustig war, und sie gingen ihn suchen.
Er lag weiter vorn auf seinem Reisestuhl und schlief.
Die Knaben wollten ihn nicht wecken. Da das Froschspiel sie bereits langweilte, gingen sie nach Zwischendeck, um die Emigranten zu sehen.
Viele hundert Menschen waren dort beisammen: Italiener, Spanier, Basken; Leute aus allen möglichen Nationen.
Sie standen umher, saßen auf Kisten und Säcken oder lagen auf der Erde ausgestreckt mit einem Bündel als Kopfkissen. Manche waren seekrank; einige hatten sich übergeben, auf dem Platze, wo sie waren.
Im großen und ganzen aber war Lustigkeit. Man schwatzte laut, man sang, es wurde Gitarre gespielt. —
Kurz vor dem zweiten Frühstück gingen die Knaben zu ihrem Lehrer.
Er lag im Bett und hatte Rock und Kragen abgetan. Neben ihm auf dem Boden stand ein Blechkübel.
Sein Aussehen war bejammernswert.
„Karl und Nikolaus, ist euch wohl?“ fragte Herr Dr. Bürstenfeger mit matter Stimme, indem er sich langsam aufrichtete.
„Ja“, antworteten Carlos und Nicolás zögernd, denn im Netze auf Armweite von ihm sahen sie einen Stoß Hefte.
„Das ist gut,“ fuhr er fort, „denn seht, mir ist sehr schlecht, und ich bin für heute nicht in der Lage, euch Unterricht zu geben.“ Er faßte sich an die Stirn und schwieg einige Sekunden. „Damit ihr nun die Zeit nicht zwecklos verbringt, nehmt diese Hefte und seht sie durch, es sind alles Sachen, die wir noch zusammen an Bord behandeln werden.“
Nach diesen Worten langte er mit einer schmerzlichen Miene nach dem Netz, ergriff die Hefte und streckte sie ihnen hin.
Eine Weile saß er aufgerichtet und blickte stumm geradeaus. Dann beugte er sich rasch über sein Bett und übergab sich in den Kübel.
Carlos und Nicolás verließen ihn höchst mißmutig.
„Jetzt ist er seekrank, und wir haben doch nicht frei!“ sagte draußen Carlos.
„Wären wir etwas länger in seiner Kabine geblieben, würden wir auch seekrank geworden sein, und wir hätten frei“, antwortete Nicolás.
Darauf hielten sie Rat, wann sie mit ihrer Tätigkeit beginnen wollten, und beschlossen, sie für einstweilen aufzuschieben.
Bald nachher ertönte die Glocke zum zweiten Frühstück.
Sehr selten hatten sie Gelegenheit gehabt, ohne ihren Lehrer zu Tisch zu gehen. Es war ihnen eine langentbehrte Freude, Schüsseln, die ihnen nicht schmeckten, weitergehen zu lassen, und sie machten jetzt ausgiebigen Gebrauch davon. Dafür aßen sie dreimal Torte und auch Bananen und Orangen nach Herzenslust.
Herr Dr. Bürstenfeger kam den ganzen Tag nicht aus seiner Kabine.
Sie machten ihm einige pflichtschuldige Besuche. Auf seine Fragen, ob sie auch fleißig gewesen seien, gaben sie nur ausweichenden Bescheid.
Am folgenden Morgen war das Wetter gut, die Bewegungen des Dampfers weit ruhiger und regelmäßiger.
Herr Dr. Bürstenfeger befand sich in leidlichem Zustand; er erschien auf Deck und erteilte den Knaben am Vormittag schon zwei Stunden in seiner Kabine. Von Zeit zu Zeit waren über ihren Köpfen in regelmäßigen Abständen schwere Schritte hörbar.
Während Carlos mühselig und weinerlich die dritte lateinische Deklination hersagte, dachten beide Knaben: oben spaziert jemand, der keine Schule hat!
Als der Unterricht zu Ende war, liefen sie auf Deck, neugierig zu erfahren, wer es sei.
Es war der fröhliche Priester, der ein lustiges Lied trällernd seinen Vormittagsspaziergang machte.
„Meinen Appetitsspaziergang für den Lunch“, erklärte er. Darauf stellte er fest, daß er heute bereits drei Meilen gegangen sei.
Nachmittags hatten Carlos und Nicolás nochmals Unterricht. Den Rest der Zeit verbrachten sie spielend auf Deck und in Gesellschaft des Priesters.
Abends nach Tisch hörten Carlos und Nicolás den Schiffsarzt über den Herrn mit der fahlen Glatze reden. Er sei ein italienischer Handlungsreisender in Konserven, ein harmloser Herr, der seine phantastischen Grillen habe, niemand nehme ihn ernst.
So vergingen die Tage, das Wetter war gut, der fröhliche Priester aß mit Appetit, der Herr mit der Glatze fuhr fort in seiner düsteren Freude an allem Ungemach, und Herr Dr. Bürstenfeger gab seinen Unterricht, aber jetzt auf Deck, weil die Hitze in der Kabine zu drückend wurde.